Sommer war, wenn der Asphalt schmolz - Rainer Deppe - E-Book

Sommer war, wenn der Asphalt schmolz E-Book

Rainer Deppe

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Beschreibung

"Wir waren so, weil die Zeiten so waren." "Die Zeiten waren so, weil ihr so wart." Eine Familie nach der Flucht ins Ruhrgebiet. Kälte und Hunger, Penicillin und Trümmer, Stacheldrahtzaun, Währungsreform und Umzug in die Provinz. Jetzt geht es aufwärts, mit dem Vater und dem Städtchen. Beide haben zwei Gesichter. Wer nicht? Für Marko ist nichts, für Huck ist alles todsicher. Andi hört Kofferradio und die Mutter kennt Billy Jenkins. Julius Goldschmidt kehrt zurück und der Direktor auch. Ein Panorama der fünfziger Jahre. Eine berührende Erzählung und ein zeitgeschichtliches Dokument.

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Seitenzahl: 515

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhaltsverzeichnis

Erster Teil: Kein Abschied

Fluchten

Verschwunden

Hunger

Herodes

Klümpen

Penicillin

Schwesternpark

Verreist

Zweiter Teil: Das Schweigen

Die Ankunft

Huck

Jahreszeiten

Andere Welten

Die Rückkehr

Borkum

Miss Bank

Der Konfirmand

Onkel

Dritter Teil: Ein anderes Ich

Abgrenzungen

Füße und Beine

Die Verweigerung

Das Städtchen

Siebenhundert Jahre

Fahrradfahren

Andi

Verschleppt

Vorüber

Dank

Erster Teil Kein Abschied

Es war ein heißer Sommertag im Juni. Kein Windhauch regte sich. Der Himmel war so hell, dass ihm die Augen schmerzten, als er aus dem Auto stieg und nach oben schaute. Er ließ den Wagen auf dem geteerten Vorplatz stehen, ging auf die andere Straßenseite hinüber und passierte das schmiedeeiserne Eingangstor zum Friedhof. Rechter Hand stand geduckt die weiße Kapelle mit dem grauen Schieferdach und dem knolligen Türmchen mit Wetterhahn. Die Jahrhunderte alte »Totenkirche«. Vor Jahren hatte man darin die Särge seiner Eltern, die nur kurze Zeit nacheinander gestorben waren, unter dem schlichten Holzkreuz vor dem Altartisch aufgebahrt, um Abschied von ihnen nehmen zu können. Er war nicht mehr in die Kapelle gegangen. Erst war der Vater, dann die Mutter gestorben. Alle hatten gedacht, dass es umgekehrt geschehen würde. Er hatte den nahen Tod der Mutter kommen sehen, den des Vaters nicht. Als der Vater starb, war er nicht da.

Nach Mitternacht hatte der Hausarzt des Vaters ihn angerufen, um ihm mitzuteilen, dass sein Vater vor einer Stunde an seinem zweiten Herzinfarkt gestorben sei. Er habe sich noch aus dem Schlafzimmer ins Wohnzimmer zum Telefon geschleppt und ihn angerufen. Zwanzig Minuten später sei er angekommen und da habe das Telefon samt Kabel und herunter gefallenem Hörer neben dem toten Vater auf dem Teppich gelegen. Als Marko frühmorgens in der Wohnung der Eltern eintraf, lag der Vater lang ausgestreckt und glatt rasiert in seinem dunklen Anzug mit weißem Hemd und gemusterter Krawatte auf einer Trage aufgebahrt im Wohnzimmer. Der Bestattungsdienst war schon da gewesen und hatte ihn angekleidet.

Der Vater war der erste Tote, den Marko in seinem Leben sah. Sein Gesicht trug die vertrauten Züge. Es war noch nicht vom Tod entstellt, sowie er es auf Fotos gesehen hatte. Es war sehr schmal, aber nicht ausgemergelt. Ohne seine schwarze Hörbrille und mit den sanft zugedrückten Augen sah der Vater so friedlich aus, als schliefe er. Als wolle er sagen »Alles gut, es ist vollbracht.« Stunden zuvor, als er zum Telefon gestürzt war, hatte der Vater unbedingt noch leben wollen. Jetzt schien es so, als sei er froh, das Leben hinter sich zu haben. Neben der Bahre stand der wie üblich mit allerlei Papieren bedeckte Schreibtisch, für den der Vater im Sitzen immer viel zu groß gewesen war und an dem er zuletzt immer weniger gesessen hatte. Dahinter das Bücherregal mit den wenigen Büchern, die er besaß, obwohl er Deutsch am Gymnasium unterrichtet hatte. Auf der anderen Seite stand der Ende der sechziger Jahre angeschaffte Fernsehapparat, wohin der Vater, seit die Mutter nicht mehr da war, abends immer mehr häufiger Zuflucht gesucht hatte. Marko küsste den Vater auf die Stirn und setzte sich auf einen Stuhl an seine Seite. Vor zwei Wochen hatte er den Vater für ein paar Stündchen in Frankfurt getroffen. Auf dem Rückweg von einem Aufenthalt in einer süddeutschen Rehaklinik hatte dieser einen Zwischenstopp eingelegt, um ihn zu sehen. Da Marko in einer Wohngemeinschaft lebte, übernachtete der Vater bei einem seiner Brüder, Markos Patenonkel. Am Abend gingen sie zu dritt in ein chinesisches Restaurant in der Bahnhofsgegend. Draußen war es nach dem Essen schon dunkel. Auf dem Weg zum Auto des Onkels bemerkte er, wie der hochgewachsene Vater weit nach vorn gebeugt und sehr langsam ging. Schrittchen für Schrittchen tastete er sich wie ein Greis voran, so als suchte er, fast erblindet, etwas verloren Gegangenes auf dem von ein paar Straßenlampen fahl erleuchteten Bürgersteig. Alle paar Meter blieb er stehen, um nach Luft zu schnappen. Marko erschrak, aber ließ keine weiteren Gedanken zu.

Jetzt, neben dem toten Vater sitzend, kam es ihm unwirklich vor, dass er ihm nur drei Tage zuvor, an einem Sonntag, hier, in diesem Raum, gegenüber gesessen hatte. Bei diesem letzten Besuch, von dem er nicht ahnte, dass es der letzte sein würde, stand der Vater öfter auf, um ein paar unruhige Schritte in der Wohnung auf und ab zu gehen. Es war ihm anzusehen, wie erleichtert er war, sich wieder im Sessel niederlassen zu können. Seit seinem kurz vor Weihnachten erlittenen Herzinfarkt rauchte er nicht mehr. Er hatte erst mit fünfzig Jahren mit dem Rauchen angefangen und nie viel geraucht. Höchstens zehn Zigaretten am Tag. Erst solche aus der flachen blauen Schachtel mit dem gelben Aufdruck Mercedes. Später ein halbes Päckchen Lord. Zu Hause immer nur ein paar davon und die nur auf dem Balkon. Marko konnte sich weder an Zigarettenstummel und zerdrückte Kippen in überquellenden Aschenbechern erinnern noch an vergilbte Gardinen und Vorhänge. Das wollte die Mutter nicht haben. Sie hatte nie geraucht. Mit einer Zigarette in der Hand oder hinter dem Ohr konnte er sich die Mutter nicht vorstellen. Unmöglich. Freilich war der Vater für Marko auch kein echter Raucher gewesen. Die Zigarette hatte ihm geschmeckt, obwohl er eigentlich immer nur gepafft hatte. Nie hatte er das Nikotin genüsslich über die Lunge eingezogen. Mit einem Glimmstängel lässig im Mundwinkel, so wie James Dean oder Humphrey Bogart, hatte Marko den Vater nie gesehen. Nach dem Infarkt hatte er seit Wochen gar keinen Zug mehr gemacht. Nur das Feuerzeug lag so wie immer auf seinem Schreibtisch. Dagegen qualmte Marko mindestens eine Packung Reval am Tag. Zum Rauchen ging er an diesem letzten Sonntag ab und zu auf den Balkon, auch wenn die Mutter nicht mehr da war und er wegen der Kälte fror. Zum Anzünden benutzte er noch immer Streichhölzer, die er solange brennen ließ, bis er sich fast die Fingerkuppe verbrannte. Eine Angewohnheit, von der er nicht lassen konnte.

Anders als sonst kam ein Gespräch zwischen ihnen nur schleppend in Gang. Zwar waren der Vater und er es nicht gewohnt, langatmig miteinander über persönliche Dinge zu reden. Selten aber hatten sie sich so schwer dabei getan wie an diesem Sonntag. Der Vater fragte ihn, wie ihm seine neue Arbeit gefalle und ob es seiner Freundin Elisa gut ginge. Er antwortete, dass alles in Ordnung sei, Elisa ließe ihn herzlich grüßen. Er fragte den Vater, ob er noch in die städtische Bibliothek gehe, wo er nach dem Ende seiner beruflichen Tätigkeit als Lehrer ehrenamtlich aushalf. Nur manchmal noch, antwortete dieser. Natürlich sprachen sie auch über die Mutter, doch auch das nur zögernd und spärlich. Sie war seit einem Vierteljahr in einem Pflegeheim in einer etwa zwanzig Kilometer entfernten Stadt untergebracht. Schweren Herzens hatte der Vater auf Anraten seines Arztes ihrer dortigen Unterbringung zugestimmt. Nach seinem schweren zweiten Infarkt war er nicht mehr in der Lage, seiner Frau zu Hause ausreichend beizustehen. Marko und seine beiden Geschwister waren mit der Unterbringung der Mutter einverstanden gewesen. Ja, sie hatten ihn dazu gedrängt. Die Mutter galt ihnen schon als verloren, der Vater noch nicht. Für die Mutter gab es, so schmerzlich es sie berührte, keine Rettung mehr. Das Schicksal des Vaters war noch nicht entschieden. Der Vater ähnelte sich noch, die Mutter sich nicht mehr. Er sollte und durfte noch nicht sterben. Darum sollte er jede Aufregung vermeiden. Der tägliche, ohnmächtige Anblick seiner depressiven und verwirrten Frau hatte ihn schwer mitgenommen. Lange würde er diesen Anblick nicht mehr ertragen. Er musste vor dem Anblick der Schwerkranken geschützt werden. An diesem Sonntag war es mehr als zwei Monate her, dass die Mutter nicht mehr zu Hause war. Anfangs hatte der Vater sie noch besuchen können. Doch nach seiner Rückkehr aus der Rehaklinik riet sein Arzt ihm davon ab, weiter mit dem eigenen Auto zu seiner Frau zu fahren. Er hatte sie seit sechs Wochen nicht mehr gesehen. Als Marko ihn fragte, ob er sich nicht ein Taxi nehmen oder einen befreundeten früheren Kollegen bitten könne, ihn ab und zu zur Mutter ins Pflegeheim zu fahren, schwieg er eine Weile. Schließlich erwiderte er kaum hörbar, sein Arzt habe ihm dringend geraten, jede Aufregung zu vermeiden und auf Besuche seiner Frau vorerst ganz zu verzichten.

Neben dem toten Vater sitzend, spürte er, dass dieser geglaubt hatte, seine geliebte Frau, mit der er vierzig Jahre lang zusammen gelebt hatte, verraten zu haben. Schuld und Einsamkeit waren der Preis, den er dafür bezahlte. Marko befiel ein beklemmendes Unbehagen, das sich nicht vertreiben ließ. Auch er und seine Geschwister hatten die Mutter verraten, die sie als Kinder umsorgt und behütet hatte. Seine häufigen Besuche im Pflegeheim änderten nichts daran, dass er die Mutter im Stich gelassen hatte. Die Mutter war immer für sie da gewesen, wohingegen der Vater manchmal für längere Zeit verschwunden war. Die Mutter blieb in ihrem Unglück allein, als sie jeden von ihnen gebraucht hätte. Dieser doppelte Verrat an der Frau und der Mutter stand wie eine unsichtbare Wand zwischen dem Vater und ihm und hatte dazu beigetragen, dass ihre Unterhaltung an diesem Sonntag immer wieder ins Stocken geriet und der Vater, entgegen seiner sonst lebhaften Art, ziemlich schweigsam blieb; dass seine Stimme ungewohnt gebrechlich klang, so als wolle er, der in seinem Leben zahllose Reden gehalten hatte, sich eigentlich nicht mehr äußern.

Das Schicksal der Mutter war allerdings nicht alles, was sie unausgesprochen bedrückte. An der Seite des toten Vaters sitzend, wurde Marko klar, was sie beide noch schweigend übergangen hatten. Sie hatten vermieden, über den nahen Tod des Vaters zu reden. Als wenn es nicht gäbe, worüber man nicht spricht. Der Vater ahnte seinen bevorstehenden Tod, aber er sprach nicht darüber. Vielleicht war es ihm kein Bedürfnis gewesen, mit seinem Sohn darüber zu sprechen. Vielleicht hatte er gehofft, dass dieser ihn darauf ansprechen würde. Vielleicht war der Vater mit seinem Tod schließlich demütig einverstanden gewesen, obwohl der Sohn vermutete, dass er gern noch ein paar Jahre gelebt hätte. Auch der Sohn ahnte den nahen Tod des Vaters, ohne darüber sprechen zu wollen. Beklommen dachte er, dass er den Vater bei seinem letzten Besuch in seiner schweigenden Einsamkeit allein gelassen hatte.

Die Hand des Vaters war kalt, als er sie anfasste. Als er durch das Wohnzimmerfenster hinaus auf die winterlich kahlen Bäume gegenüber schaute, schimmerten durch ihr Geäst Streifen eines leicht bewölkten Märzhimmels. Marko hatte den Vater geliebt und der hatte ihn geliebt. Nicht immer gleich viel, aber doch immer. Er wusste, was der Vater ihm bedeutet hatte, wofür er ihm dankbar war. Er hätte es ihm gern noch einmal gesagt, aber es war schwer, mit einem Toten zu reden. Es hätte noch über andere Dinge zu reden gegeben, die zwischen ihnen unausgesprochen geblieben waren. Bis zuletzt hatte ein stillschweigendes Übereinkommen zwischen ihnen bestanden, bestimmte Themen, die ihre freundlich-liebevolle Beziehung hätten gefährden können, auszuklammern oder nur flüchtig zu berühren. Einerseits blieb die Vergangenheit des Vaters unter dem nationalsozialistischen Regime im Dunkeln. Als die im ganzen Land herrschende geschichtliche Amnesie öffentlich durchbrochen wurde und die Elterngeneration am Pranger stand, hatte Marko den Vater nicht zur Rede gestellt. Der Vater wiederum hatte seinen Sohn in dessen radikaler Gegenwart unbehelligt gelassen, obwohl alles, was dieser politisch dachte und tat, ihm nicht gefallen konnte. Nie verlor der Vater ein Wort darüber, dass Marko sich seit Mitte der sechziger Jahre meilenweit von allem entfernte, was der Vater für politisch gut und richtig hielt. Auch jetzt, neben dem toten Vater sitzend, riskierte Marko keinen Bruch dieser Vereinbarung. Nur einen Moment lang wurde er nachdenklich, um dann unwillkürlich den Gedankengang abzubrechen, bevor er noch wirklich begonnen hatte. Sollte er ausgerechnet jetzt nachholen, was er jahrelang versäumt hatte und den Vater das fragen, was er ihn nie genauer gefragt hatte? Jetzt, wo der Vater tot war und ihm nicht mehr antworten konnte? Wo er sich nicht mehr wehren konnte?

Von der Mutter war nicht mehr viel übrig geblieben. Sie war zu einem armseligen Bündel aus Haut und Knochen geschrumpft. Doch nicht nur ihr Körper war ihr abtrünnig geworden, sondern auch ihr Geist. Schwermütig und verwirrt fand er die Mutter vor, wenn er sie im Pflegeheim besuchte. Bei einem dieser Besuche hatte er sie in einem Zustand vorgefunden, der ihn zutiefst erschütterte: In eine Ecke des Betts war sie gekrochen, verängstigt wimmernd wie ein verwundetes, hilfloses Tier kauerte sie an der kalkweißen Wand, die dünn gewordenen, bleichen, fahl gelblichen Haarsträhnen wirr im Gesicht, der durchsichtige Körper nur zur Hälfte von der mühsam hoch gezogenen Bettdecke bedeckt. Ihre Haut durchsichtig wie ein hauchdünnes Pergamentpapier. Das war seine Mutter? Das sollte seine hübsche und lebhafte Mutter sein, die ihn und seine Geschwister in der Nachkriegszeit längere Zeit ganz allein beschützt hatte? Die Mutter, die sich einstmals beim sonntäglichen Nachmittagscafé gut gelaunt an ihre Jungmädchenzeit in Berlin erinnerte und das Liedchen von der kleinen Konditorei trällerte »da saßen wir zwei bei Kuchen und Tee.« »Mutter« sagte er zögerlich aufmunternd, »ich bin es, dein Markole«. Der Schrecken in ihren weit aufgerissenen, glanzlos ins Leere starrenden Augen erschütterte ihn und verlor sich erst, nachdem er eine Zeit lang neben ihr auf der Bettkante gesessen und leise auf sie eingeredet hatte. Er strich ihr die wirren Haarsträhnen vorsichtig aus dem Gesicht und streichelte ihre welke, fleckige Hand, die ihm als Kind, als sie noch weiß und zart war, so oft mit einer leichten Bewegung über das Haar gestrichen hatte. Davon wusste sie nichts mehr. Als er das nächste Mal kam, ließ er die Mutter vom Vater herzlich grüßen, den es nicht mehr gab. Als der Vater nicht mehr auftauchte, begann die Mutter, ihren Sohn für ihren Mann zu halten, als ahnte sie dunkel dessen Tod, ohne ihn wahrhaben zu wollen. Es rührte ihn, dass sie ihn Vati nannte. Er nannte sie weiter Mutti. Da war es Frühjahr geworden, aber die Luft war noch kühl. Schrittchen für Schrittchen tippelten sie mühsam den Flur entlang, die paar Kilo der Mutter bei ihm eingehakt. Dick vermummt standen sie dann flüchtige Augenblicke in der kalten Märzsonne auf einem Balkon des Pflegeheims. Die Mutter, gebeugt und zerbrechlich, nannte ihren Sohn »Vati«. Sie fragte ihn, ob er noch einmal wieder kommen werde. Ja, sagte er, Mütterchen, noch viele Male. Doch als er das nächste Mal wiederkam, war sie in der Nacht gestorben. Er sah sie nicht mehr. Wehmütig und traurig war er, aber auch erleichtert, dass ihr einsames Leiden ein Ende hatte, wofür er sich manchmal schämte.

Als er, das Totenhaus des Friedhofs passierend, geradeaus weiterging, fiel sein Blick auf die in einem Halbkreis angeordneten, hoch in den Himmel aufragenden Stelen, die an die in zwei Weltkriegen umgekommenen Soldaten aus dem Städtchen erinnerten. Keine Namen, sondern nur die Kriegsjahre waren, kaum sichtbar, in den dunklen Schiefer eingraviert. Vorne stand ein mächtiges schwarzes Holzkreuz, auf dessen Längsbalken von oben nach unten eine Bibelstelle geschrieben stand, die er nicht entziffern konnte. Ein nachdenkliches Mahnmal. In seiner Kindheit hatte noch ein Kriegerverein auf einem Kriegerplatz in der Nähe des Friedhofs pathetisch an die im Ersten Weltkrieg für Kaiser und Vaterland Gefallenen erinnert. So als wären die im Krieg elend umgekommenen Soldaten einfach umgefallen. Er bog nach links ab auf den von Lindenbäumen gesäumten Mittelpfad, um zum Grab seiner Eltern zu gelangen. Die Grabstätte der Familie Ringelding gab es nicht mehr. Diese war ihm stets wegen der auf ihrem Grabstein eingravierten anachronistischen Inschriften aufgefallen. Geschrieben stand dort, dass hier die Frau des Hermann Ringelding neben ihrem Gatten ruhe. Weder ihr Vorname noch ihr Geburtsname waren erwähnt. Den Anspruch auf eine eigene namentliche Existenz auf dem Familiengrabstein, dachte er, hatte Frau Ringelding wohl nicht geltend gemacht. Dabei hatte doch ihr, Irmgard Ringelding, das kleine Lebensmittelgeschäft gehört, wo Markos Familie viele Dinge des alltäglichen Bedarfs eingekauft hatte. Herman Ringelding, dessen Name in goldenen Lettern auf dem glatten schwarzen Grabstein verzeichnet war, hatte in das Geschäft nur eingeheiratet. Diese weibliche Namenslücke auf dem Grabstein erinnerte ihn stets an eine ähnliche Unterschlagung, die ihn bei seinen ersten Aufenthalten in Ungarn in den achtziger Jahren überrascht hatte. Auf Klingelschildern und in Zeitungsanzeigen tauchten viele verheiratete Ungarinnen nur als weibliche Anhängsel ihrer Männer auf: als Vajda Jánosné oder Fehér Lászlóné : Frau des János Vajda oder des László Fehér.

Als er vor der Grabstätte seiner Eltern stand, las er auf dem aufgerauten, felsartigen Grabstein, dass hier Elsa und Martin Geront begraben sind. Nur das gemeinsame Todesjahr der Eltern war angegeben. Ihre Geburtsjahre fehlten. Kein Besucher erfuhr, wie alt seine Eltern geworden waren. Sehr alt war es nicht gewesen. Er wusste nicht, ob seine Mutter sich diese Auslassung gewünscht hatte, war sich aber sicher, dass es ihr recht gewesen wäre. Niemand hatte zu ihren Lebzeiten erfahren dürfen, dass sie drei Jahre älter war als ihr Mann. Dieses sorgsam gehütete Geheimnis hatte die Mutter mit ins Grab genommen und so jedem neugierigen Besucher ein Schnippchen geschlagen. Die auf Grabsteinen eingravierten Geburts- und Todesdaten weckten gewöhnlich Markos Neugier, wenn er auf Reisen fremde Friedhöfe besuchte, weil sich darin ein Stück Zeitgeschichte widerspiegelte und gewisse soziale Tatbestände kundtaten. Auch wenn ihm die Toten dadurch nicht näher kamen, konnte er an ihren Grabinschriften immerhin ablesen, ob sie in guten oder in schlechten Zeiten gelebt hatten, was sich verändert hatte und was gleich geblieben war. Nach wie vor starben die meisten Männer einige Jahre vor ihren Frauen, wenngleich sich der zeitliche Abstand mittlerweile ein wenig verkürzt hatte. Auch bei Anna und ihm würde das so sein. Gräber von Kindern, die, kaum dass sie ihr Leben begonnen hatten, es schon wieder verloren, gab es nur sehr selten. Mehr waren jene geworden, die erst im hohen Alter erloschen.

Wie immer versuchte er, sich vor dem Grab seiner Eltern an sie zu erinnern. Wegen seiner behüteten Kindheit dachte er, dass sie ein Recht darauf hätten. Das war für ihn nicht der einzige, aber der wichtigste Grund, mindestens einmal im Jahr in das Städtchen seiner Kindheit zurückzukehren, um sich hier, wo sie begraben lagen, an seine Eltern zu erinnern. Er hielt nichts von der gängigen Ansicht, wenn man nur wolle, könne man sich an jedem beliebigen Ort an seine verstorbenen Eltern erinnern. Er bestritt diese Ansicht auch dann noch, als er längst wusste, dass es um sein Erinnerungsvermögen vor ihrem Grab schlecht bestellt war. Wenn er sich vorzustellen versuchte, wie Vater und Mutter einmal ausgesehen hatten, musste er sich sofort von ihrem Grab abwenden, da unwillkürlich ein eher grauenvoller Gedanke von ihm Besitz zu ergreifen drohte: dass sie unmittelbar vor ihm unter dieser Erde lagen, unkenntliche Skelette, verweste Körper, ihr Fleisch von Würmern aufgefressen. Das waren nicht mehr seine Eltern. Möglich war es dagegen an diesem Ort, ihn wehmütig stimmende Bilder von der Beerdigung seiner Eltern auftauchen zu lassen. Bilder vom Abschied, den er und seine beiden Geschwister hier von ihnen genommen hatten. Er erinnerte sich gern an die gelb und rot leuchtenden Blumenhügel und die grünen Kranzgewinde mit ihren beschrifteten weißen Schleifen, die die Gräber ihrer Eltern schmückten. Nur von dieser Farbenpracht existierten Fotos, die er ab und zu mal wieder herauskramte, weil deren tröstliche Buntheit im scharfen Kontrast zur grau-schwarz gekleideten Trauergemeinde und dem nüchternen protestantischen Ethos der Beerdigung stand. Der Pastor sagte, dass ihr Vater und ihre Mutter sicher zu früh gestorben, doch immerhin zusammen alt geworden seien. Er ließ Jesus die berühmten Worte sagen: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer lebt und an mich glaubt, der wird leben, selbst wenn er stirbt. Überzeugend klang es aus seinem Munde nicht, aber die leuchtenden Blumenhügel auf den Särgen der Eltern schienen daran zu glauben. Marko hatte diese Illusion längst aufgegeben. Sie hatte keine Zukunft mehr. Es gab nur ein Leben. Das Leben war hier, sonst gab es keins. Er dachte daran, dass der Vater gern noch ein paar Jahre gelebt hätte – auch ohne die Mutter. Sein Bruder Rudi wäre gern noch einmal mit dem Vater verreist, am liebsten nach Marienburg, wo seine Geschwister und er geboren worden waren. Ihre Schwester Marianne wäre mit den Eltern gern noch einmal in das von ihnen geliebte Meran gefahren. Marko hätte mit dem Vater gern irgendwo noch einmal ein paar Tage verbracht, so wie damals in den Sommerferien, als sie zu zweit zusammen gewohnt hatten. Er wünschte sich, der Vater käme noch einmal für eine Weile zurück. Die Mutter war seit langem so bedrückt und verloren gewesen, dass sich bei ihm kein Wunsch an ihre Rückkehr einstellte. Würde ihm der Vater fehlen? Und was würde ihm fehlen, wenn er ihm fehlte? Viel Platz hatte er ihm in seinem Leben nicht mehr eingeräumt.

Die Worte verschiedener Redner kamen ihm wieder in den Sinn, die an die Verdienste und die liebenswürdigen Eigenschaften des Vaters erinnerten. Einer seiner Lehrerkollegen sagte, dass der Vater unter Schülern und Lehrern gleichermaßen beliebt gewesen sei und eine Vertreterin der Kulturgemeinde versicherte, dass der Vater als unermüdlicher Förderer des kulturellen städtischen Lebens unvergessen bleiben werde. Eine Phrase, dachte Marko, aber sie gefiel ihm. Von seiner Mutter ließ sich Ähnliches nicht sagen. Sie war, wie der Pfarrer hervorhob, seine liebende Frau und die sorgende Mutter ihrer drei Kinder gewesen. Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub. Die drei Geschwister hatten als erste ein Schäufelchen braune Erde auf die in die Grube versenkten dunklen Särge ihrer Eltern geworfen. Dann folgten Christa, Lisa, Rainer und alle anderen Trauergäste. Der Kummer hatte Marko die Kehle zugeschnürt. Er hatte nur mit dem Kopf genickt, als der Pfarrer und die Anderen ihm stumm oder ein paar unverständliche Worte murmelnd die Hand drückten.

Zur Beerdigung des Vaters waren, wie erwartet, so viele Leute erschienen, dass sie zum anschließenden Kaffeetrinken einen geräumigen und hellen Gasthof in der Oberstadt reserviert hatten. Als die Mutter beerdigt wurde, standen nur wenige Leute an ihrem Grab und reichte ein kleiner Raum in einer Gaststätte in der Unterstadt aus, um die Trauergäste zu bewirten. Die Mutter hatte keine näheren Verwandten mehr und war keine Person des öffentlichen Lebens gewesen, wie man so sagt. Als die Geschwister am nächsten Tag die Hinterlassenschaften der Eltern untereinander aufteilten, ging das in wenigen Stunden vonstatten. Es gab nicht viel zu verteilen und sie wussten, wie sehr ihre Eltern sich gegrämt hätten, wenn es darüber zum Streit gekommen wäre. Es handelte sich um ein paar Möbelstücke, ein paar Teppiche, ein paar Bücher, ein paar Schmuckstücke der Mutter und eine kleinere Geldsumme. Briefe und Fotoalben nahm Rudi an sich, »ihr Ältester«, der sich der Familientradition verpflichtet fühlte. Die Wohnung der Eltern behielten sie vorerst bei. Sie wollten sich nicht zu schnell und zu weit von ihnen entfernen.

Er stellte den bunten Strauß, den er in dem Blumenlädchen nebenan erworben hatte, in eine dunkelgrüne Plastikvase und steckte sie auf die von einer niedrigen grünen Hecke umgebene Grabstätte der Eltern. Dann ging er den Pfad ein paar Schritte zurück, um an der Wasserstelle zwei Gießkannen mit Wasser zu füllen. Als er die Erde begoss und für die Blumen ein wenig Wasser in die Plastikvase schüttete, verirrten sich ein paar flüchtige Sonnenstrahlen auf dem Grab. Noch einmal verweilte er dort eine Minute, bevor er die Kannen an ihren Platz zurück brachte. Länger hielt er es hier nicht aus. Trotz seiner guten Absichten war es sinnlos, sich an diesem Ort noch länger aufzuhalten. Die Eltern kamen ihm hier nicht näher. Er hatte ihnen hier nichts mehr zu sagen und sie hatten ihm nichts zu sagen. Vielleicht, dachte er, wäre es anders gewesen, hätte hier eine Bank gestanden, auf die er sich hätte niederlassen, die Augen schließen und nachdenken können. Aber hier gab es keine Bank. Er war froh, dass seine Eltern nicht mit ansehen mussten, wie er sich, kaum dass er gekommen war, wieder von ihnen entfernte. Er grübelte, ob sie es ihm übel genommen hätten. Ob sein Vater ihn schweigend angesehen und seine Mutter leise geweint hätte?

Auf den Grabsteinen der benachbarten Gräber suchte er nach Namen von Menschen, die er, zumindest flüchtig, gekannt hatte. Es waren meist Menschen aus der Generation seiner Eltern, mit deren Kindern er befreundet oder bekannt gewesen war. Diese Gräber wurden jedes Jahr weniger, aber einige davon gab es noch. Dem Grab seiner Eltern schräg gegenüber lag der Rückert Karl. Ein fußballverrückter Mann war er gewesen, einer, der sich für den Verein zerrissen hatte, als wäre dieser seine leibhaftige Familie. Einer, der ihn, Marko, als Jugendspieler von der Außenlinie her unentwegt angefeuert hatte. Der Markos Talent schätzte, ohne je ein Sterbenswörtchen darüber zu verlieren. Gern und ein wenig kopfschüttelnd erinnerte er sich an diesen schweigsamen Mann mit den aufmerksamen grauen Augen und dem dichten dunklen Haar, der wegen einer Kriegsverletzung am rechten Bein leicht humpelte. Während der sonntäglichen Heimspiele der A-Jugend war er bei Wind und Wetter, das beschädigte Bein nachziehend, gewöhnlich laut schimpfend und wild gestikulierend, neunzig Minuten lang wie ein aufgescheuchter Hase am Spielfeldrand auf und abgelaufen. Wenn es regnete, trug er einen grauen, beinahe bis zum Boden reichenden, viel zu großen Gummimantel, in dem er wie ein im Meer untergehendes Schiff versank. Einen Hut hatte der Rückert Karl nie auf gehabt, egal, ob es stürmte oder schneite. Er, der sich sonst nie und nirgendwo aufregte, kam beim Fußball aus der Aufregung gar nicht mehr heraus, sodass man meinen konnte, ihn würde jeden Augenblick der Schlag treffen. Er arbeitete als Schriftsetzer in einer einheimischen Papierfabrik. In der Mittagspause ging er jeden Tag zum Essen zu Fuß nach Hause. Eine Zigarette im Mund. Er rauchte wie ein Schlot. Kurz vor der Rente starb er an Lungenkrebs. Jetzt, mehr als drei Jahrzehnte später, war auch der Name seiner Frau Tina in den Grabstein eingraviert. Seine rothaarige, kugelrunde und temperamentvolle Frau Tina hatte vier Kinder geboren, darunter zwei Jungen, die zu Markos Spielgefährten gehört hatten. Eines Tages, er war schon aus der Stadt weggezogen und nur zu Besuch zurückgekommen, hatte er Tina Rückert besucht und hatte sie ihn in ein sorgsam gehütetes Geheimnis des Städtchens eingeweiht. In den dreißiger Jahren sei ein heimischer Rechtsanwalt, der einen Gegner des Nazi-Regimes verteidigt hatte, mit Musikbegleitung und einem um den Hals gehängten Schild durch die Straßen der Kleinstadt geführt worden. Auf dem Schild habe gestanden: »Ich habe die SA beleidigt. Ich bin ein gemeingefährlicher Volksschädling.« Die Straßen seien voll von Leuten gewesen, die sich das Schauspiel nicht hätten entgehen lassen wollen. Karl und sie seien nicht hingegangen.

Beim Weitergehen stieß er auf Grabstätten, die er lange Jahre nicht beachtet, ja von deren Existenz er nicht einmal gewusst hatte, die ihn aber seit einiger Zeit berührten und nachdenklich stimmten. Auf den abseits aufgestellten, abgeblätterten weißen Holzkreuzen las er Namen wie Pola Solonska, Iwan Sijanganlow, Anatoli Bondarenko. Namen von vielen anderen ins Städtchen zur Zwangsarbeit verschleppten Männern und Frauen, darunter in der Fremde geborene kleine Kinder. Gestorben 1944/45. Auf dem jüdischen Gräberfeld nebenan stand der Name Julius Goldschmidt. Geboren 1871, gestorben 1962. Ein Überlebender der Shoah. Einige Meter entfernt passierte er einen Grabstein, auf dem der Name Jolas eingraviert war. War das jemand vom „Zigeunerberg“, der die Deportation überlebt hatte? Er musste Andi danach fragen. Der wusste es vielleicht. Keinen dieser Toten hatte er gekannt. Wenn er an ihren Gräbern stand, erzählten sie ihm jetzt von Schicksalen und Geschehnissen im dem Städtchen, von denen er in seiner Kindheit nichts geahnt, geschweige denn gewusst hatte. Und von denen die damaligen Bewohner des Städtchens nichts mehr hatten wissen wollen.

Der Friedhof hatte sich nach Norden hin ausgedehnt, ohne seinen ursprünglichen Charakter zu verlieren. Auch an diesem sommerlichen Alltag war er so, wie er immer gewesen war. Ein von Lindenbäumen beschatteter stiller Ort ohne architektonische Besonderheiten. Nichts Spektakuläres. Ein Ort, dem scheinbar nichts Dramatisches und für immer Zerstrittenes eigen war. So als hätten die hier liegenden Toten Frieden untereinander geschlossen. Außer ein paar Vogelstimmen war nichts zu hören; außer ein paar Angehörigen, die sich an den Gräbern ihrer Toten zu schaffen machten, war niemand zu sehen. Früher hatte er sich vorstellen können, hier selbst einmal zu liegen, aber das war lange her.

Rechter Hand gelangte er durch ein schmales Holztor in den jenseits des fürstlichen Schlosses gelegenen weitläufigen Teil des Parks. Er liebte diesen wegen ihrer dichten und wilden, mit allerlei Sträuchern und Bäumen bewachsenen Flur. Als Kinder waren sie hier nie zum Spielen hingekommen. Es war zu weit von ihren Wohnhäusern entfernt. Der Schlossteich schimmerte durch Äste und Zweige, der Weiher, wie er in seiner Kindheit hieß. Als er dort anlangte, setzte er sich auf eine der schattigen Bänke. Hinter ihm blühten prächtige Rhododendronbüsche, vor ihm lag still das dunkelgrüne Wasser, durch das wie früher zwei weiße, stolze Schwäne glitten. Erhobenen Hauptes zogen sie ihre Bahn. Dicke Karpfen schnappten noch immer nach Luft, noch immer schwammen Goldfische lautlos vorüber und paddelten ein paar Enten, ihre Jungen im Schlepptau, geräuschlos durchs Wasser dahin- wie damals. Es war, als hätte sich nichts verändert. Er musste an Huck denken. An seinen Spielgefährten Huck, der keine Angst kannte. Der furchtlos und ungestüm war, manchmal halsbrecherisch verwegen. Als Zwölfjährige hatten Huck und er zwei von britischen Soldaten hinterlassene rostige Blechtanks mit Stricken zusammengebunden und waren damit bäuchlings, einer nach dem anderen, auf dem Weiher entlang gepaddelt. Zuerst Huck, dann er. War der zugefrorene Weiher im Winter mit einer dünnen Schneeschicht bedeckt, spielten sie dort Eishockey. Krückstöcke oder Gabeläste waren Schläger und ein Holzstück der Puck. Mit seiner kleinen Schwester war er auf dem Weiher Schlittschuh gelaufen. Der Vater hatte ihnen die Schlittschuhe an die Skischuhe geschraubt, die Mutter hatte sie mit Mütze und Fausthandschuhen versorgt. Schaute Marko über den mit Apfel- und Haselnussbäumen bepflanzten steilen Abhang nach oben, wurde er stets melancholisch. Rechter Hand von der etwa fünf Meter hohen Felsmauer und des mit Schieferziegeln bestückten runden Schlossturms stand das prächtige Haus, in dem er als Kind mit seinen Eltern und Geschwistern gelebt hatte. Sehen konnte er es von hier aus nicht. Doch noch immer, das konnte er erkennen, ragte im weiten Hof der mächtige Ahornbaum als sehnsuchtsvolles Vermächtnis seiner unbeschwerten Kindheit in den Himmel. Er schien noch höher geworden zu sein. Er würde auch ihn überleben.

Fluchten

Sie waren alle drei in derselben Stadt und in demselben Krankenhaus zur Welt gekommen. Sie hatten dieselbe Mutter und denselben Vater. Der Altersunterschied zwischen ihnen war nicht sonderlich groß, genügte aber, um in ihrer Kindheit von Bedeutung zu sein. Alle Drei wurden unter der Nazi-Herrschaft geboren. Rudi kurz vor dem Krieg, Marko und ihre jüngere Schwester Marianne mitten im Krieg. Das ist unbestritten. Ansonsten sind frühe Erinnerungen meist ein ziemliches Kuddelmuddel: verschwommene Wahrheiten, nebelhafte Trugbilder, wohlfeile Einbildungen, hemmungslose Betrüger. Haben sie sich aber einmal im Kopf festgesetzt, werden sie zu wahren Geschichten. Welche Erinnerung zählt im Leben und welche nicht? Oft gibt es gar keine, dann kann man ihr nichts vorwerfen.

Nie gelang es Marko, sich von seiner Geburtsstadt, die er als Vierjähriger ungefragt verließ, ein eigenes Bild zu machen. Alles, was er von der Stadt und ihrer sagenhaften Burg kannte und wusste, war von Fotos abgeschaut und aus zweiter Hand zu ihm gelangt. Hauptsächlich durch Erzählungen des Vaters und von ihm angefertigte Kartenspiele, in denen Ordensritter eine prominente Rolle spielten, die der Burg vorgestanden hatten. So als wollte der Vater auf diese Weise die Sehnsucht nach der »Heimat« in den jungen Herzen seiner Kinder verankern. Wieder anderes entstammte Erzählungen der Eltern, die selbst längst Erinnerungen waren. Trotzdem glaubte Marko, auch über eigene Erinnerungsspuren an sein damaliges Befinden und an turbulente Geschehnisse zu verfügen, die sich unter der Sammelüberschrift Flucht unterbringen lassen. So als hätte er beschlossen, nicht alles vom Erlebten zu vergessen, sondern ausgewählte Details in seinem Gedächtnis aufzuheben. Es handelte sich dabei um keine Teile von einem Ganzen, sondern um voneinander isolierte Mosaiksteine, flackernde Irrlichter: brechend volle Bummelzüge, rumpelnde Pferdefuhrwerke, Russen mit roten Käppis, Amerikaner mit Keksschachteln und ein endlos juckender Gipsverband.

Im letzten Augenblick waren sie, Hals über Kopf und ohne den Vater, vor den anrückenden »Russen« geflohen, mit denen nicht zu spaßen war. Der Vater hatte sie bis zum Bahnhof gebracht. Auf dem Bahnsteig war es, so die Mutter, schlimmer zugegangen als in einem Bienenstock. Rücksichtslos hätten sich die viel zu vielen Leute um viel zu wenige Plätze geschlagen. Alle konnten nicht mitkommen. Sie kamen mit. Im Zug seien sie wie in einer übel riechenden Ölsardinenbüchse eingequetscht gewesen. Nach der Abfahrt kam für die Mutter der große Schreck. Der Kinderwagen mit der gerade mal einjährigen Marianne war verschwunden. Sie habe diesen nur einen Augenblick aus den Augen verloren und sei dann fast verrückt geworden. Der Schreck ging vorbei. Beim nächsten Aufenthalt brachte ein Schaffner den Kinderwagen mit ihrem Töchterchen in das Abteil, wo die Mutter mit ihren beiden Söhnchen hockte. Tag und Nacht verbrachten sie in restlos überfüllten Zügen bis nach Thüringen, wo eine Schwester des Vaters als Hauswirtschafterin in einem Internat für Waisenkinder arbeitete.

Der Vater war schnurstracks vom Bahnhof in die Stadt zurückgeeilt, um im »Endkampf« um die Marienburg Schützengräben gegen die vorrückende sowjetische Armee auszuheben. Es galt, den einstigen Sehnsuchtsort der deutschen Romantik und späteren Inbegriff deutschen Wesens und deutschen Reinheitswahns zu verteidigen. Die Wehrmacht hatte die Burg zur Festung ausgebaut, in der sich noch etwa 2.500 Soldaten aufhielten. Die NS-Wochenschau vom 17. März 1945 zeigte Bilder von heldenmütigen deutschen Soldaten, russischen Panzerwracks und zerstörten Mauern und Gewölben. Es half nichts. Nach längerer Belagerung und schwerem Artilleriebeschuss wurden die Burg und die Stadt von sowjetischen Truppen eingenommen. Übrig blieb eine staubige Ruinenlandschaft und, welches Glück, unversehrt der Vater. Nach einer Fahrt über die Ostsee und einem Zwischenaufenthalt in Lübeck kam er zu Ostern in Thüringen an. Ein Foto zeigt ihn, wie er bei Kinderspielen auf dem Internatsgelände in ziviler Kleidung wie eine Bohnenranke an einer Kletterstange hängt. Kein Foto gibt es davon, wie er seine Pistole in der Erde vergräbt. Die Mutter hat es erzählt. Wenn Marko als Zwölfjähriger in Wildwestschmökern von Männern las, die Revolver im Halfter trugen und schneller aus der Hüfte schossen als ihr Gegenüber, fiel ihm manchmal dieses Pistolenbegräbnis ein. Sein Vater hatte auch einmal eine Pistole besessen, ohne ein Revolverheld gewesen zu sein. Was war er dann gewesen? Wozu hatte er eine Pistole gebraucht? Eine Pistole passte nicht zu ihm. Lächerlich hätte er damit gewirkt.

Wieder kam der Russe, wie die Mutter sagte. Der Russe ließ die Familie nicht in Ruhe. Zum zweiten Mal waren sie auf der Flucht vor dem Russen. Diesmal mit dem Pferdefuhrwerk von Thüringen nach Bielefeld, wo ein Bruder des Vaters lebte. Unterwegs gesellte sich der Amerikaner zum Russen. Ein geschichtsträchtiger Fluchtabschnitt, der am 1. Juli 1945 beginnt, an dem Tag, als Thüringen Teil der sowjetischen Besatzungszone wird und die Amerikaner im Gegenzug in Berlin mit regieren. Die eine Großmacht zieht an diesem Tag ihre Truppen aus Thüringen ab, während die andere mit ihren Truppen in Thüringen einrückt. Mit beiden Großmächten macht Marko flüchtige Bekanntschaften. Mit der einen wegen ihrer roten Mützen, mit der anderen wegen ihrer süßen Kekse.

Auf einer langen, kerzengeraden, von Laubbäumen gesäumten Straße rollt eine schier endlose Kolonne von Panzern, Jeeps und Lastwagen an ihrem Pferdefuhrwerk vorbei, das am Straßenrand angehalten hat. Ein Sommertag. Die Jeeps sind offen, die Planen der Lastwagen zurückgeschlagen. Die Soldaten haben rote Käppis auf dem Kopf. Sie fahren schweigend vorbei. Sie winken nicht. »Die Russen kommen«, sagt sein Vater. Der Ort, in den sie einfahren, heißt Langensalza. Marko vergisst diesen Ortsnamen nie. Er fühlt sich an wie eine Salzstraße ins Endlose. Nur wenig später kommt er, nachdem sie das Pferdefuhrwerk gewechselt haben, mit den Amerikanern in Berührung. Bei der Abfahrt klettert er in die Speichen eines der stahlbereiften Hinterräder des neuen Fuhrwerks, um zu seiner schon aufgestiegenen Mutter und seinen beiden Geschwistern zu gelangen. Der Vater geht zu Fuß und steht weiter vorn. Der Bauer fährt los - mit Marko in den Speichen. Er stürzt zu Boden und kann weder gehen noch auftreten. Sein linkes Bein ist kaputt. Über den Augen bluten tiefe Schürfwunden. Trotzdem weiter, nur weiter. Der Vater hält einen amerikanischen Militärlastwagen an, der sie nach Eschwege ins Krankenhaus bringt, in die amerikanische Zone. Die Mutter und seine beiden Geschwister kommen mit dem Fuhrwerk nach. »Die amerikanischen Soldaten sind sehr freundlich zu dir gewesen« betonte der Vater stets, wenn er davon erzählte. »Sie haben dich auf eine dicke Wolldecke gelegt. Wenn du geweint und geschluchzt hast, haben sie dich angelacht und dir einen Keks geschenkt. Mit mir haben sie kein Wort gesprochen.« »Du konntest ja auch kein Englisch, Papa«, meinte Marko dann, »Nein, das konnte ich nicht. Sie haben mich angestarrt oder gar nicht beachtet.« Später dachte Marko, sie haben dich für einen Nazi gehalten und hatten Recht. Gut, dass der Vater seine Pistole in Thüringen vergraben hatte. Die Russen hatten ihm keine Kekse geschenkt und in keinem ihrer Lastwagen als Verletzten mitgenommen. Sie hatten ihm nichts getan, aber seine Familie hatte zwei Mal vor ihnen fliehen müssen. So lernte Marko, die beiden Großmächte nach Gut und Böse zu unterscheiden.

Der Knöchel und das Schienbein seines linken Beins waren gebrochen. Sonst war ihm nichts passiert. Er sei eben ihr Sonntagskind, sagten die Eltern, dem zwar etwas zustoßen könne, dem es aber bald danach wieder gut ginge. Marko glaubte ihnen das Sonntagskind, wenn sie die Schürfwunden über seinen Augen erwähnten. Schaudernd stellte er sich vor, damals sein Augenlicht verloren zu haben, blind zu sein, im ewigen Dunkel zu leben. Er fürchtete sich vor der Dunkelheit. Er hasste die Dunkelheit. Seine Augen waren, Gott sei Dank, heil geblieben. Ansonsten verschwanden der Fuhrwerksunfall und seine Folgen spurlos aus seinem Hirn. Sein Gedächtnis war barmherzig. Keine Schreie, keine Schmerzen, kein Krankenhaus und keine Ärzte bleiben darin haften. Nur das steinharte, tyrannische Gipsbein vergisst er nicht. Der erste Nachkriegssommer in Bielefeld war heiß. Das Bein juckte ohne Ende, wie verrückt. Immer wieder wollte er den verdammten Gips loswerden. Inständig bettelte er bei der Mutter darum, den Gips abzumachen. Sie sagte, das ginge nicht, er müsse noch ein Weilchen tapfer sein. Trost war das keiner. Er kratzte sich an den Rändern oben und unten, doch das half nichts. Er steckte die Fingerspitzen unter die Gipsränder, doch auch das half nichts. Er bohrte mit einer Gabel kleine Löcher in den Gips, alles vergeblich. Statt der Gabel gab die Mutter ihm einen Buntstift, mit dem er auf dem Gips herumkritzelte. Schwächer wurde der Juckreiz dadurch nicht. Wenn Rudi ihn am Arm festhielt, konnte er auf einem Bein herumhumpeln. Mit Mariannchen auf dem Boden herumkriechen konnte er nicht. Ein paar Vorteile hatte sein Gipsbein allerdings auch. Die Mutter spendierte ihm öfter einen Löffel Suppe mehr »damit du wieder auf die Beine kommst, Markole.« Der Vater trug ihn wieder öfter auf dem Arm, obwohl er schon »ein großer Junge« war.

Der Sommer war heiß, der Winter eiskalt. An die bittere, eisige Kälte von damals erinnerte er sich zu Winterzeiten immer. Jeder Tag schien kälter zu sein als der Tag davor. Zeitlebens fürchtet er seitdem die Kälte. Er zieht sich oft viel zu dick an, aber nie zu dünn. Im Herbst sind sie mit dem Zug aus Bielefeld, wo ein Bruder des Vaters wohnte, in Witten, der Geburtsstadt des Vaters, angekommen und in sein vom Krieg beschädigtes Elternhaus eingezogen, wo er mit seinen sechs Geschwistern aufgewachsen ist. Hier, im städtischen Pfarrhaus, hatte ihr Großvater mit seiner Familie gelebt und in der nahe gelegenen evangelischen Stadtkirche gepredigt. Nach dem Tod seiner Frau hatte er deren Schwester geheiratet. Der Vater nennt die zweite Frau seines Vaters Mutter und begegnet ihr zuvorkommend. Die Mutter nennt sie Schwiegermutter und kann sie nicht leiden. Die Kinder nennen sie »Großmutter« und finden sie komisch. Vor ihrer Ankunft im Pfarrhaus ist die Großmutter an den Stadtrand umgezogen. Ein paar Möbel und einiges Küchengeschirr hat sie zurückgelassen. »Oller Krempel«, meint die Mutter.

Der Herbstwind wütet wie ein Berserker im kahler gewordenen Geäst des Gartens, reißt Zweige von Obst- und Laubbäumen herunter, als wäre er ein Vorbote der kommenden Eiseskälte. Er ist es. Täglich mühsamer werden die Anstrengungen des Vaters, gegen die immer eisiger werdende Kälte Brennmaterial in der Umgebung ausfindig zu machen. Immer schwieriger wird es, auf Baustellen und Trümmergrundstücken Holz zu ergattern, bei irgendwelchen Händlern Koks oder ein paar Kohlen aufzutreiben. Was er nach Hause bringt, reicht anfangs für wenige Stunden barmherziger Wärme, der die Eiszeit schon eingeschrieben ist. Als die Ausbeute immer kümmerlicher wird, verwandelt sich der Vater in einen Holzfäller und das Pfarrhaus in ein Geisterhaus. Der Vater beginnt, sein pastorales Kindheitserbe mit Axt und Säge zu demolieren. Erst sägt er Äste von den kahl gewordenen Bäumen im Garten ab. Dann bricht er Sprossen aus dem Treppengeländer, das zum unbewohnbaren ersten Stock hinaufführt. Schließlich reißt er mit einem Haken morsche Holzdielen im Flur heraus. Der Wohnraum im Parterre ist der einzige Raum, in dem noch alle Fensterscheiben vorhanden sind. Doch nur eine davon ist unbeschädigt. An den anderen kittet der Vater notdürftig Risse, verstopft er Löcher mit Holzwolle und Zeitungspapier, um den eisigen Wind abzuhalten, der um das Haus heult, als wollte er es schamlos umwerfen. Im ersten Stock sind alle Fensterscheiben durch Granatsplitter und Druckwellen zerschmettert und die Öffnungen mit Brettern vernagelt. Der Ofen steht im Wohnraum. Er brennt nie den ganzen Tag und die ganze Nacht. Knappes Holz wird auch zum Kochen auf dem Küchenherd gebraucht. Brennt das Feuer, rückt die Familie um den Ofen herum dicht zusammen. Gegen die Kälte halten sie zusammen wie eine Mischpoke, so die Mutter. Rudi und er halten ihre Hände hautnah über die heiße Ofenplatte, als wollten sie die Hitze in ihren Poren speichern. Sie müssen aufpassen, sich nicht weh zu tun, wenn sie das Ofenrohr ein Sekündchen mit den Fingerspitzen antippen. Die Mutter hält Mariannchens Hände über die Ofenplatte, die Kleinste soll sich auf keinen Fall verbrennen. Ihre Füßchen reibt die Mutter zwischen den Händen warm, was bei Marko der Vater macht. Rudi macht das selber.

Die Mutter trägt tagsüber dicke lange Hosen. Die Kinder ziehen alles, was sie haben, übereinander an, auch ihre Mäntel. Geht der Ofen aus, sagt die Mutter, »springt ein bisschen herum, damit euch wärmer wird.« Sie laufen und hüpfen stundenlang im Zimmer herum, um die Kälte ein wenig aus ihren Körpern zu vertreiben. Vor dem Schlafengehen legt der Vater Ziegelsteine auf die Ofenplatte, um das eisige Bettzeug aufzuwärmen. Auch zur Nacht bleiben Rudi und er voll angekleidet, wenn sie sich unter einer Wolldecke auf der muffigen Matratze dicht aneinander schmiegen. Ihre Pudelmützen haben sie tief ins Gesicht gezogen. Wachen sie morgens auf, ist ihre Bettdecke vom Atemhauch steif und klamm. Im anderen Bett liegt ihr Schwesterchen, eingeklemmt zwischen Mutter und Vater. Auf der »Besucherritze«, wie das heißt. Die meiste Zeit sind sie eingesperrt. Keiner will raus. Aber der Vater muss raus. Er setzt Ohrenklappen unter dem Hut auf.

Bald bibbern und schlottern alle nur noch um die Wette. Sie zittern wie Espenlaub, sagt die Mutter, entkräftet ist sie und ganz schmal geworden. Alle Nase lang husten und schniefen die Kinder. Als das Schwesterchen hohes Fieber bekommt und mit den Zähnchen klappert, wird die Mutter vollends unruhig. Nur der Vater tut zuweilen noch so, als mache ihm die Eiseskälte nicht viel aus, als wäre sie ein unverhofftes Vergnügen. Er reibt sich die Hände, als hätte er im Glücksspiel gewonnen und stampft mit den Füßen auf, als wolle er tanzen wie ein Bär. Die Mutter aber sagt, »hör´ auf damit, bevor wir erfrieren, müssen wir hier raus«. Dem Vater gelingt es, eine Wohnung in der Nähe seiner Mutter zu finden. Eine winzige Küche, eine winzige Schlafkammer, ein winziges Klo und ein kleines Wohn- und Schlafzimmer. Aber eine Unterkunft mit unbeschädigten Fenstern und Türen. Warm ist es dort auch nicht, aber weniger kalt. Was für ein Glück. Im nächsten Winter kommt die ganz große Kälte. Da sind sie nur noch zu viert.

Verschwunden

Verschwommen kann Marko sich an die Umstände erinnern, als der Vater verschwand. Sie kamen ihm schon damals so merkwürdig vor, dass er nicht darauf schwören könnte, dass seine Erinnerung stimmt. Eines Abends klingelt es an ihrer Wohnungstür. Draußen ist es schon dunkel. Im Hausflur brennt kein Licht. Die Mutter öffnet die Tür. Zwei Männer stehen dort in langen, fast bis zu den Füßen reichenden Trenchcoats. Ihre schwarzen Hüte haben sie tief ins Gesicht gezogen, ihre Hände tief in den Manteltaschen vergraben. Sie fragen nach dem Vater. Der kommt aus der Küche dazu. Die Männer wechseln leise ein paar Worte mit ihm. Sie fordern den Vater auf, sich unverzüglich anzuziehen. Die Mutter sieht erschrocken aus und will den Vater zurückhalten, aber der flüstert ihr etwas ins Ohr und macht sich los. Als er im Mantel und mit einer Aktentasche in der Hand zurückkommt, nehmen die Männer ihn mit.

Am nächsten Morgen, als Marko mit seinen Geschwistern am Küchentisch sitzt, ist der Vater nicht da. Doch das ist nichts Besonderes. Meist muss er früh morgens, bevor die Kinder aufgestanden sind, zur Arbeit als Maurergehilfe auf einer Baustelle im Wittener Diakonissenkrankenhaus aufbrechen. Am Abend ist der Vater auch nicht da. »Wo bleibt der Papa«, fragt Marko die Mutter. »Er hat heute etwas länger zu tun«, antwortet sie. »Es kann spät werden, ihr müsst schon schlafen gehen.« Auch am nächsten Abend kommt der Vater nicht. Beim Abendbrotessen weint die Mutter und wischt sich mit dem Taschentuch die Tränen ab. »Warum weinst du, Mutti«, fragt Marko, aber die Mutter schluchzt nur, ohne etwas zu sagen. Wieder sitzt der Vater nicht an ihrem Bett, um ihnen etwas vorzulesen. Marko ist gespannt darauf, wie die Geschichte vom tapferen Schneiderlein weitergehen wird, das alle sieben Fliegen auf einen Streich erschlagen hat. Sie waren an der Stelle angelangt, wo das Schneiderlein mit viel List den Riesen auf dem Berggipfel ein ums andere Mal hereinlegt. Marko wollte unbedingt wissen, wie die Geschichte weiter ging. Nachdem die Mutter für den Gutenachtkuss zu ihnen ans Bett gekommen war, fragte er seinen Bruder »Warum hat Mutti vorhin geweint?« Rudi druckst herum, dass er das auch nicht so genau wisse. In den nächsten Tagen versucht Marko, noch öfter herauszubekommen, wo der Vater geblieben ist und wann er zurückkommen wird. Die Mutter sagt immer nur, er brauche sich keine Sorgen zu machen, der Vater käme bald wieder. Bald, das klang nach Hoffnung. Bald ziehen wir aus dieser eiskalten Wohnung weg, hatte es geheißen und es war danach passiert. Bald kommst du in die Schule, hatte die Mutter gesagt, und es war danach passiert. Marko spürte, dass Rudi mehr wusste, aber der rückte auch nicht mit der Sprache heraus. Als der Vater auch an den folgenden Abenden nicht auftaucht, erzählt Marko sich vor dem Einschlafen die Geschichte vom tapferen Schneiderlein selbst, so, wie es der Vater getan hatte. Bis zu der Stelle, wo sie stehen geblieben waren. Er grübelte darüber nach, ob der Vater vielleicht eine Zeit lang Tag und Nacht auf der Baustelle am Krankenhaus arbeiten müsse und dort auch schlafe. Dann könnte er ihn einmal tagsüber für ein paar Minuten besuchen, wenn Rudi mitkäme und die Mutter Geld für die Straßenbahn übrig hätte. Manchmal hat er Angst, dass dem Vater die Familie womöglich eine zu große Last geworden sei. Drei ständig hungrige Kinder und eine abgemagerte Frau. Doch eigentlich kann er das nicht glauben. Der Vater liebt sie alle und würde sie nie verlassen. Am Wahrscheinlichsten erschien ihm, dass der Vater entführt worden ist und selbst die Mutter nicht wusste, wo er sich aufhielt. Womöglich lebte er gar nicht mehr und die Mutter war darüber so traurig, dass sie öfter weinen musste. Wenn Marko sich das vorstellte, weinte er auch.

Anfangs vermisste er den Vater sehr. Vor dem Einschlafen hat er ihnen Geschichten vorgelesen, bis ihnen die Augen zugefallen sind. Holz und Kohlen hat er besorgt, damit sie nicht frieren. Oft hat er Marko fest an sich gedrückt, wenn ihm kalt war. Oft hat er ihn rittlings auf seinen Schoß gesetzt, hoppe, hoppe Reiter mit ihm gespielt und dann plötzlich seine Beine gespreizt, sodass Marko beinahe auf den Boden geplumpst wäre. Nur beinahe. Denn immer hat er ihn im letzten Augenblick aufgefangen und dann haben sie sich ausgeschüttet vor Lachen. Wie oft hat er ihm über den Kopf gestreichelt, wenn er sich am Tischbein gestoßen hat oder auf den harten Boden gefallen ist und sich wehgetan hat.

Eines Nachts sieht er im Traum den Vater durch die Haustür kommen. Noch im Flur erzählt Marko ihm atemlos, wie er neuerdings jeden Tag mit seinem Tornister zur Schule geht und wie Rudi und er der Mutter helfen, die seinetwegen sehr traurig ist. Er lässt dem Vater von ihr ausrichten, dass sie alle jeden Tag sehnsüchtig auf ihn warten und sich nichts mehr wünschen, als dass er schnell für immer zu ihnen zurückkehrt. Der Vater beugt sich nach vorn, schaut ihn einen Moment lang traurig an, zwinkert ihm dann freundlich zu, dreht sich um und verschwindet wortlos wie ein Gespenst. Marko wacht auf und weint. Denkt er tagsüber an den verschwundenen Vater, wird er sofort schrecklich traurig. Noch trauriger wird er, wenn die Mutter weint. Sie weint selten vor den Augen der Kinder, aber nachts im Bett hört man sie in ihrer Schlafkammer schluchzen. Tagsüber sind ihre Augen rot und müde. Ab und zu lächelt sie noch. Jeden Tag versucht sie, ein paar Mal zu lächeln.

Hauptsache, die Mutter ist noch da. Hauptsache die Mutter geht nicht weg. Sie hat für ihre Kinder immer mehr Zeit gehabt als der Vater. Sie ist immer bei ihnen geblieben. Sie ist nie plötzlich verschwunden. Jetzt ist ihre schmale Mutter für alle und alles da. Morgens weckt sie Rudi und ihn auf und schmiert ihnen vor der Schule ein Marmeladenbrot. Wenn sie zurückkehren, empfängt die Mutter sie mit einer zärtlichen Umarmung. Mittags kocht sie für die Kinder und abends bereitet sie das karge Abendbrot zu. Danach kommt sie zum Gute-Nacht-Kuss an ihre Betten. Geschichten erzählt sie keine. Das liegt ihr nicht. Am meisten hat sie mit der schmutzigen Wäsche zu tun. Wenn es schon kaum etwas zum Anziehen gibt, sollen ihre Kinder wenigstens sauber gekleidet sein. Beinahe täglich schrubbt sie auf einem Waschbrett Dreckwäsche. Ist es draußen warm und trocken, hängt sie Kleider, Röckchen, kurze Hosen, Unterhöschen und Strümpfe auf die vor der Haustür zwischen zwei Holzpfählen aufgespannte Wäscheleine. An der Wäscheleine kann man sehen, dass sie mehrere Kinder hat und eins davon ein Mädchen ist. Und das es keinen Mann gibt. Die Mutter besorgt die Lebensmittelkarten und vergibt bisher vom Vater erledigte Aufträge an Rudi. Mit der Zeit denkt Marko immer seltener an den Vater, ohne ihn ganz zu vergessen. Allmählich versickert der heiße Wunsch nach seiner baldigen Rückkehr wie ein Rinnsal, weil er sich nie erfüllt. Auch ohne den Vater, fühlt Marko, sind sie eine ganze Familie. Auch ohne ihn fühlt er sich geborgen und behütet. Rudi wird zum Stellvertreter des Vaters. Er hilft der Mutter, die Familie zu versorgen und passt auf seine jüngeren Geschwister auf. »Mein kleiner Mann, ganz groß« sagt die Mutter manchmal zu ihm. Oder »mein großer tapferer Junge«, worauf Rudi besonders stolz ist. Marko wird zu Rudis kleinem Gehilfen. Er hört auf jedes Wort des großen Bruders, der ihn beschützt und den er bewundert. Mariannchen ist ihr gemeinsamer Liebling.

Unverdrossen stehen Rudi und Marko jeden zweiten Tag in einer Menschenschlange vor dem Bäckerladen Schwan. Es ist eine Brotschlange. Fast nur erwachsene Leute drängen sich dort neben- und hintereinander, die meisten davon sind Frauen. Alle wollen mit ihren Brotmarken einen Laib Brot ergattern. Die Mutter hat ihnen eingetrichtert, auf die Brotmarken gut aufzupassen, diese auf keinen Fall zu verlieren, weil es für sie keinen Ersatz gibt. Ob sie mit Marken ein Brot bekommen, ist trotzdem nicht sicher. Manchmal weiß man, wann es wieder Brot geben soll, manchmal gehen sie auf gut Glück los. In der Schlange weit vorn zu stehen, ist von Vorteil, aber keine Erfolgsgarantie. Da andere Leute dasselbe machen, bringt ihnen der frühzeitige Aufbruch zum Bäckerladen oft keinen vorderen Platz in der Schlange ein. Zuweilen dauert es ewig, bevor der Verkauf anfängt und manchmal muss ein günstiger Platz in der Schlange gegen Angreifer verteidigt werden. Einmal muss Rudi es mit einer frechen älteren Frau aufnehmen, die sich vordrängen und sie beiseite schubsen will. Rudi drückt sich mit Marko ganz nah an den Rücken ihrer Vorderleute, sodass es für die Frau keine Lücke mehr gibt, in die sie hinein gepasst hätte. Sie nennt Rudi einen ungezogenen kleinen Lümmel, der keinen Respekt vor erwachsenen Personen habe. Rudi kümmert das nicht. Er würdigt sie keines Blickes. Marko ist mächtig stolz auf seinen Bruder. Gut, dass es ihn gibt. Er hätte die unverschämte Frau gern selbst geschubst und gestoßen, aber dafür ist er zu schüchtern. Manchmal bekommen sie nur noch ein halbes Brot, manchmal gar keins mehr. Rudi versichert ihm dann, dass sie am nächsten Tag ganz sicher wieder ein ganzes Brot bekommen, ein Brot, das so warm ist wie Markos Bauch nachts unter der Bettdecke und so goldbraun wie der Teddybär vom Nachbarsjungen Heinz. Ein Brot, bei dessen Duft es süß in der Nase kitzelt und das einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Trotz dieser schönen Aussichten für den kommenden Tag sind sie bedrückt, wenn sie mit leeren Händen nach Hause zurückkehren. So als hätten sie der Mutter und ihrer kleinen Schwester damit ein großes Leid angetan. Dann gehen sie hungrig schlafen, auch wenn die Mutter den Kindern ihre Scheibe vom noch übrigen alten Brot abgibt und ihnen mit fester Stimme versichert, dass sie keinen Hunger hat. Ab und zu gibt es auch diese Scheibe nicht. Nichts. Keinen Krümel.

Kohle ist überall knapp. Auch in der früheren Bergbaustadt Witten. Was im Ruhrpott an Kohle gefördert wird, ist hauptsächlich für die Industrie, den Export und die Verstromung vorgesehen. Kohle für die Öfen in Küche und Wohnstube ist schwer zu bekommen. Rudi und er legen weite Strecken zurück, um das schwarze Gold zu beschaffen. Der vom Nachbarn ausgeliehene Bollerwagen ist ein Handkarren mit vier eisenbereiften Holzrädern und einer hölzernen Deichsel. Auf der leicht abschüssigen Straße zur Ruhrbrücke sitzen sie hintereinander in ihrem Karren, den Rudi mit der Deichsel lenkt. Nach einer dreiviertel Stunde gelangen sie in den dreckigen Hinterhof einer im Stadtzentrum gelegenen Kohlenhandlung. Koks, Eierkohlen und Briketts lagern dort in riesigen Haufen. Von dieser echten Kohle bekommen sie nichts. Stattdessen schüppt ein mürrischer Mann mit schwarzem Gesicht, schmutziger Hose und schäbigen hohen Schuhen mit einer breiten Kohlenschaufel eine flüssige schwarze Masse in ihren Bollerwagen. Schlammkohle, die schlechter brennt und übel qualmt. Ihr Bollerwagen ist durch diese Ladung dermaßen schwer, dass sie nur langsam vorankommen. Erst ziehen sie den Wagen zu zweit an der Deichsel, dann zieht Rudi vorn allein und Marko schiebt von hinten, so gut er kann. Aus den undichten Ritzen der Seitenwände tropft es pechschwarz auf die Straße. Der Rückweg will und will kein Ende nehmen. Endlos. Zentnerschwer wiegt die schlammige Last. Außer Atem bleibt Marko immer öfter stehen und weigert sich schließlich, weiter zu gehen. Rudi schimpft »Wir müssen weiter, wir müssen weiter! Oder willst Du, dass wir alle zu Hause wieder frieren?« Marko bleibt nichts anderes übrig, als kraftlos und missmutig weiter zu schieben. Beim zweiten Schlammkohlenausflug geht es ähnlich zu. Beim dritten nicht. Auf der Abfahrt zur Ruhrbrücke kippt der Bollerwagen um. Sie fliegen beide auf die Straße. Rudi stöhnt vor Schmerz. Sein rechter Arm baumelt lose herab als gehöre er nicht mehr zu ihm. Ohne Schlammkohle kehren sie nach Hause zurück. Rudis Arm ist gebrochen. Wochenlang läuft er mit dem Arm in Gips und einer Schlinge um den Hals herum wie ein verletzter Soldat.

Kohle lässt sich auch neben den Bahngleisen beschaffen, die unweit von ihrer Wohnung an der Ruhr entlang führen. Hoch mit Kohle beladene Güterzüge mit offenen Waggons keuchen und stampfen im Schneckentempo vorbei und verlieren auf der Strecke durch die Ruhrwiesen meist ein wenig von ihrer wertvollen Fracht. Koks und Eierkohlen purzeln und rollen von der Böschung herab. Mit einem Blecheimer rennen sie neben den ratternden Zügen her, um herunter gefallene Stücke einzusammeln. Viele sind es nie, doch wenige sind auch schon etwas. In demselben Blecheimer schleppt die Mutter, wenn das Klo mal wieder verstopft ist, die stinkenden Ausscheidungen der Familie durch die Wiesen, um sie in die Ruhr zu kippen. Im Herbst laufen Rudi und Marko in den nahen Wald, um unter mächtigen Rotbuchen Bucheckern zu sammeln. Wegen ihrer Giftigkeit dürfen sie keine davon essen, mahnt die Mutter. Sie gibt die große Tüte mit den Bucheckern der Nachbarin und bekommt dafür von ihr eine kleine Tüte mit braunem Zucker. Bucheckern enthalten viel Fett. Gekocht sind sie gut zu gebrauchen, sagt die Nachbarin. Backt sie Brot, mengt sie geschrotete Bucheckern unter den Teig.

Dann und wann kommt die Großmutter vorbei und bringt etwas zum Essen mit. Einmal sogar eine ganze Tafel Schokolade. Obwohl die Kinder die ganze Tafel am liebsten auf einmal verschlungen hätten, hüten sie diesen Schatz wie ihren Augapfel, um ihn nicht zu schnell zu verlieren. Vor dem Einschlafen stecken sie höchstens zwei Stückchen davon in den Mund. Vielleicht auch mal drei. Trotz der Schokolade nennt die Mutter die Großmutter einen Geizkragen. »Es geht ihr viel besser als uns«, sagt sie, »aber sie gibt uns kaum etwas ab.« Die Großmutter ist mindestens zehn Zentimeter größer und dreißig Pfund schwerer als die Mutter und nicht so hübsch. Sie hat eine sehr große, leicht gekrümmte Nase, die die Mutter einen Zinken nennt. Die Großmutter kann mit ihren »Enkeln« nicht so recht etwas anfangen. Sie nimmt keinen von ihnen in den Arm, erzählt ihnen nie eine Geschichte und spielt keine einziges Mal mit ihnen. »Es fällt ihr auch nicht ein«, sagt die Mutter, »mal auf Euch beide aufzupassen, wenn Rudi und ich zusammen weg müssen.« Ist die Großmutter außer Reichweite, nennt die Mutter ihre Schwiegermutter einen Drachen, obwohl sie kein Feuer spuckt. Die Mutter macht sich darüber lustig, wie die aus Bremen stammende Großmutter das S am Anfang mancher Worte ausspricht. »Die vornehme Frau Pastor ziert sich wie ein normaler Mensch zu reden« lästert sie, wenn die Großmutter mit der Zunge an den Vorderzähnen über einen spitzen Stein stolpert. Als der Vater aus dem Lager zurückkommt und seine Frau vom Drachen redet, will er das nie mehr von ihr hören. »Sie ist schließlich meine Mutter.«, sagt er. »Sie ist deine Stiefmutter« erwidert seine Frau. Als sie längst woanders wohnen, kommt die Großmutter alle zwei Jahre für ein oder zwei Tage zu Besuch. Nie bringt sie ein Geschenk für die Kinder mit, umso größer ist ihr Appetit beim Essen. Bei der Nahrungsaufnahme lässt sie sich durch nichts stören. Sie hält sich strikt an ein Anstandsgebot, dass die Eltern ihren Kindern mühsam beizubringen versucht haben: Mit vollem Mund spricht man nicht! Ansonsten sorgt die Großmutter dafür, dass der Geräuschpegel bei Tisch merklich ansteigt und die Mutter die Augen vor Entsetzen verdreht. Unüberhörbar schlürft sie genüsslich ihre heiße Suppe und räuspert sich vernehmlich, wenn ihr etwas in die Luftröhre gerät. Den Höhepunkt ihrer ungenierten Tischmanieren markieren aus dem hinteren Körperteil mühelos entfliehende Geräusche. Ohne eine Miene zu verziehen, lässt die Großmutter bei Tisch mehrmals einen fahren. Manchmal ist es ein kurzes, heftiges Geknatter wie bei einem beschädigten Auspuff. Dabei tut sie so, als sei nichts gewesen. Vielleicht, dachte Marko später, hatte die Großmutter ihre unverblümte Furzerei nicht wahrgenommen, weil sie zu dieser Zeit schon ziemlich schwerhörig war. Womöglich waren aus demselben Grund auch dem Vater ihre schändlichen Salven entgangen. Jedenfalls tat er ebenfalls so, als sei nichts gewesen. Hätte der Vater die ungenierte Böllerei wahrgenommen, hätte er vor seinen Kindern vermutlich von einem großmütterlichen Feuerwerk gesprochen. Während die Kinder nur schwer ein Kichern unterdrücken können, findet die Mutter das Benehmen ihrer Schwiegermutter empörend: »In Grund und Boden sollte sie sich schämen«, sagt die Mutter »das sind ganz miese Manieren. So ein Benehmen ist überall eine unsterbliche Blamage. Passt auf, dass euch das nie und nirgendwo passiert.« Ein halbes Leben lang wird Marko diese dringliche Ermahnung der Mutter akribisch befolgen. Dann genehmigt er sich Ausnahmen.