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Erfrischend wie ein Cocktail und romantisch wie ein Dinner am Strand: Die Liebeskomödie »Sommerblumenträume« von Ana Capella als eBook bei dotbooks. Die Liebe fällt wohin sie will … Die Fotografin Leah braucht dringend eine Auszeit: Neue kreative Energie muss her … und was bietet sich dafür besser an als ein Urlaub an den sonnigen Stränden Spaniens? Kurzerhand quartiert Leah sich dort bei ihrer Schwester Anna ein. Sie ist bereit, sich ins Abenteuer zu stürzen! Doch ein romantischer Flirt droht schnell, im Chaos zu enden – könnte es sein, dass Leahs Verehrer ausgerechnet der Mann ist, den ihre Schwester schon lange heimlich liebt? Und dann gibt es da auch noch den Fotografen Joel, der Leah eigentlich nur helfen will, wieder Inspirationen für ihren Job zu finden. Eine rein berufliche Verbindung, versteht sich. Aber warum, verdammt noch mal, lässt auch er ihr Herz bei jeder Begegnung schneller schlagen? Zwei Schwestern, zwei Männer und ein Sommer voller Möglichkeiten: Genießen Sie diese zauberhafte Liebeskomödie! Jetzt als eBook kaufen und genießen: Die romantische Komödie »Sommerblumenträume« von Ana Capella. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.
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Seitenzahl: 435
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Über dieses Buch:
Bis hierhin … und dann weiter! Leah braucht eine berufliche Auszeit. Die erfolgreiche Fotografin fühlt sich ausgebrannt und ohne kreative Energie. Also packt sie ihre Sachen und fährt zu ihrer Schwester Anna, die glücklich in der Nähe von Barcelona wohnt. Zuerst scheint alles wunderbar zu sein: Leah genießt die Sonne und das leichte Leben in Spanien. Doch schon bald lodern alte Rivalitäten der Schwestern wieder auf. Als sich dann auch noch Annas heimliche Liebe für die attraktive Leah interessiert, hängt der Haussegen endgültig schief …
Über die Autorin:
Ana Capella ist das Pseudonym einer 1963 geborenen Autorin. Sie wanderte nach ihrem Studienabschluss in Wirtschaftswissenschaften, Psychologie und Französisch nach Spanien aus. Im Rahmen der Recherchen für ihre historischen Romane beschäftigt sie sich intensiv mit der Kultur und Geschichte ihrer Wahlheimat. Unter ihrem zweiten Pseudonym Lea Korte veröffentlichte die Autorin bereits zahlreiche historische Romane. Sie lebt mit ihrem französischen Ehemann und vier Kindern in Spanien.
Bei dotbooks erscheint außerdem Liebe deinen Nächsten wie seinen Vorgänger, Chaos an der Costa Brava und Tequila, Tapas und ein Traummann.
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Neuausgabe November 2015
Dieses Buch erschien bereits 2003 unter dem Titel Ein Tisch mit drei Beinen bei Ullstein Heyne List GmbH & Co. KG, München
Copyright © der Originalausgabe 2003 by Ullstein Heyne List GmbH & Co. KG, München
Copyright © der Neuausgabe 2015 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Maria Seidel, www.atelier-seidel.de, unter Verwendung eines Motivs von Thinkstockphoto/lukeruk
E-Book-Herstellung: Open Publishing GmbH
ISBN 978-3-95824-385-9
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Ana Capella
Schwesterherz & Männerschmerz
Roman
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Müde wischte sich Leah eine Strähne ihres langen dunkelblonden Haars aus dem Gesicht und suchte mit brennenden Augen die kalkweißen Häuserwände nach einem Straßenschild ab. Als die Autos hinter ihr ein Hupkonzert anstimmten, gab sie notgedrungen Gas und lenkte ihren Jaguar weiter durch die engen, holprigen Gassen der Altstadt von Sitges. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als endlich zum Haus ihrer Schwester zu gelangen. Aussteigen. Sich strecken. Etwas trinken. Sich duschen. Und schlafen. Schlafen vor allen Dingen.
Seit dem frühen Nachmittag des gestrigen Tages saß Leah nun schon hinterm Steuer. Inzwischen war ihr klar, dass es eine Schnapsidee gewesen war, die beinahe 1500 Kilometer von Wiesbaden bis Nordspanien durchzufahren. Und dann noch nach so einer Nacht! Bis sechs Uhr früh hatte sie bei Julius Kahn, einem ihrer Hauptauftraggeber, Silvester gefeiert. Nicht, dass das Fest so unterhaltsam gewesen wäre, aber sehen und gesehen werden war nun einmal ein Muss in ihrem Gewerbe, und das schon gleich zweimal, wenn man sich – wie sie – für ein Jahr aus dem Geschäft zurückziehen wollte, um sich einen lang gehegten Traum zu erfüllen: ein Jahr ohne Verpflichtungen, ohne Termindruck, ohne Stress. Ein Buch über Katalonien wollte sie in dieser Zeit machen, endlich einmal Fotografien, die nicht nur zum schnellen Konsum gedacht waren. Sie hatte sich vorgenommen, in aller Ruhe zu arbeiten, mit Muße – und Genuss. Es würde eine völlig neue Erfahrung werden, nach all dem Rummel, den sie gewöhnlich um sich hatte. Einen Verleger für ihr Buch hatte sie auch schon gefunden, und es war nicht einmal schwierig gewesen: Schließlich war sie Leah Liebig, die LL, ein Markenzeichen. Es gab nicht viele Fotografen in Deutschland, die so bekannt waren wie sie. Und schon gar nicht viele Fotografinnen.
Trotzdem: ein letztes »Hier bin ich, seht ihr mich auch alle?!« hatte sie an Silvester noch inszenieren müssen. Und dann, nach wenigen Stunden Schlaf, war sie aufgebrochen. Wenn sie einmal loslegte, musste sie weitermachen, bis sie am Ziel war, so war sie eben. Die harte Schule ihrer Mutter hatte sie geprägt. In allem. Sonst wäre sie nie die LL geworden. Und sonst hätte sie dieses Jahr auch nicht so bitter nötig gehabt.
Carrer Àngel Vidal, las Leah und wurde für den Augenblick wieder wacher. Ein Straßenschild! Unfassbar. So gab es hier also doch welche! Sie verlangsamte das Tempo, nahm den Stadtplan vom Beifahrersitz, den Anna ihr schon vor Monaten geschickt hatte, und suchte darauf den Namen der Straße, doch sogleich fing es hinter ihr wieder zu hupen an. »Ja, ja, ja!«, schimpfte Leah und fuhr widerwillig weiter. Als sie nach etlichen Abzweigungen und einer Vollbremsung für einen knochendürren, filzigen Kater endlich eine Garageneinfahrt fand, in der sie halten konnte, hatte sie längst wieder die Orientierung verloren. Ärgerlich klatschte sie die Karte auf den Sitz neben sich und starrte auf das Garagentor.
Leah war bei Regen und Glatteis in Deutschland losgefahren. Hier in Sitges aber thronte die Sonne über der Stadt und das an diesem Wintertag auch für die hiesigen Verhältnisse mit beachtlicher Kraft. Da ihr Parkplatz in der prallen Sonne lag, wurde es Leah schnell zu heiß. Ihre schwarze Armanijeans brannte ihr auf den Beinen, und ihr ebenfalls schwarzer Rollkragenpullover aus feinster Kaschmirwolle kam ihr mit einem Mal wie eine Zwangsjacke vor. Leah schob die Ärmel hoch, schlug den Rollkragen um, bis er kaum noch höher als ein Schildkrötkragen war, ließ die Fenster hochfahren und schaltete die Klimaanlage ein. Noch ehe sie ihren Wagen zurück auf die Straße gesetzt hatte, spürte sie die angenehm kühle Luft und entspannte sich. »Ich werde einfach einen Passanten nach dem Weg fragen«, nahm sie sich vor und trat, von neuem Mut erfüllt, aufs Gaspedal.
Sie fuhr straßauf, straßab, doch die Passanten, die eben noch zuhauf auf den engen, zur Straße hin seltsam abschüssigen Gehwegen spaziert waren, schienen auf einmal wie weggehext. Als Leah schließlich auf eine der breiteren und in beide Richtungen befahrenen Straßen am Rand der Altstadt gelangte, schwor sie sich, hier so lange hin und her zu fahren, bis sie jemanden erwischte, der ihr den Weg weisen konnte. Auf dieser gut asphaltierten Straße litt ihr Jaguar wenigstens nicht weiter Schaden. Schon bei ihrer ersten Runde entdeckte sie gut dreißig Meter vor ihr eine ältere Frau, die mit zwei prall gefüllten Einkaufstaschen aus einem Obst-und-Gemüse-Geschäft trat. Sobald Leah auf einer Höhe mit ihr war, ließ sie das Fenster der Beifahrerseite herunterfahren und parkte – sehr zum Unmut ihres Hintermannes – in zweiter Reihe.
»Hola, Señora«, rief sie. Als Leah merkte, dass die Frau sie nicht hörte, löste sie ihren Gurt und beugte sich winkend und rufend über den Sitz. Endlich wurde die Frau auf sie aufmerksam. Mit kleinen, gemächlichen Schritten näherte sie sich dem Wagen.
»Si, noia, digues?«, fragte sie auf Katalanisch und stützte sich mit ihren feisten Händen im Fensterrahmen ab, um besser in den Wagen schauen zu können. Noch ehe Leah etwas erwidert hatte, blitzte in ihren tiefschwarzen Augen Erkennen auf. »Ets la Leah, oi que si?«, strahlte sie erfreut.
Erstaunt hob Leah die Augenbrauen. »Si, soy Leah …« Sie stöberte in ihrem Kopf nach weiteren Vokabeln, um herauszufinden, woher die Frau wusste, wer sie war, aber da redete diese schon weiter: »No trobes la casa de la teva germana?«
Außer casa, das – zumindest auf Spanisch – Haus bedeutete, verstand Leah keine Silbe. In der Hoffnung, dass diese anscheinend allwissende Frau ahnte, dass sie das Haus ihrer Schwester suchte, nickte sie.
Die Frau lachte, wobei ihr Busen mütterlich wogte, und überfiel Leah im nächsten Augenblick mit einem so gewaltigen Schwall Katalanisch, dass diese erst gar nicht den Versuch machte, etwas zu verstehen. Widerspruchslos sah sie zu, wie die Frau die Wagentür öffnete, ihre Handtasche vom Beifahrersitz nahm und sie zwischen die auf den Rücksitzen gestapelten Lederkoffer stopfte, um sich mit einem breiten Ächzen auf den Sitz fallen zu lassen. Mit erstaunlich zierlichen Füßen schob sie die leeren Espressobecher und angefangenen Plätzchenrollen beiseite, bis sie genug Platz hatte. Dann packte sie die Einkaufstaschen auf den Schoß, ließ die Tür zufallen und wedelte Leah aufmunternd zu: »Tot dreta, noia, tot dreta« – Erst einmal geradeaus!
Leah ließ sich tiefer und tiefer in die Altstadt hineinlotsen, bis sie schließlich ein energisches »Ja estem aqui« vernahm. Als die Frau auf eine Parklücke zwischen einem älteren Renault-Kastenwagen und einem grünen Müllcontainer zeigte, vermutete Leah, tatsächlich am Ziel ihrer Reise angekommen zu sein, und parkte höchst erleichtert ein. Kaum standen sie, wuchtete sich die Frau mitsamt ihren Einkaufstaschen unter Gelächter, Ächzen und einem weiteren Wortschwall aus dem Wagen hinaus. Bis Leah ihre Handtasche zwischen den Koffern herausgefingert hatte, war ihre hilfreiche Lotsin schon verschwunden. Auch sonst war keine Menschenseele auf der Straße. Leah spürte, wie sie plötzlich ein Gefühl abgrundtiefer Verlassenheit überkam, und schalt sich deswegen albern. Schließlich brachte ihre Arbeit es mit sich, dass sie sich ständig an neuen Orten aufhielt. Aber das Gefühl verflog nicht. Und sie war ja auch nicht zum Arbeiten hier. Sie war hier, um ihre Schwester wiederzusehen. Auf einmal fühlte sie sich ganz seltsam bei dem Gedanken.
Doch Leah wäre nicht Leah gewesen, wenn sie sich lange mit der Betrachtung ihrer Gefühle aufgehalten hätte. Weiter, weiter, drängte es in ihr, und schon wandte sie sich um und suchte an den Mauer an Mauer gebauten, kalkweißen Häusern nach einer Hausnummer – ohne jedoch eine einzige entdecken zu können. Da das Haus ihrer Schwester die Nummer eins trug, konnte es sich nur an dem einen oder dem anderen Ende der Straße befinden. Entschlossen machte sich Leah auf den Weg, um es am oberen Ende der Straße zu versuchen. Schon nach wenigen Metern erreichte sie eine Nebenstraße, in der zwei Kinder Fußball spielten. Winkend trat sie auf den Jungen zu. »¡Oye, niño!«
Geschickt stoppte der Junge, den Leah auf elf Jahre schätzte, den Ball und kickte ihn mit der Fußspitze in seinen rechten Arm. »¿Si, Señora? ¿En qué puedo ayudarle?«
Auch seine wohl etwas jüngere, auf jeden Fall aber um einiges kleinere Spielgefährtin sprang sogleich herbei. Als sie neben dem Jungen zum Stehen kam, legte der automatisch seinen freien Arm um ihre Schulter. Leah verspürte den Impuls, zu ihrem Wagen zurückzulaufen und ihre Kamera zu holen. So, wie die beiden dastanden, hätten sie ein sehr schönes Foto abgegeben. Wie eine uneinnehmbare Festung wirkten sie, eine Einheit, ein Ganzes, und überdies hatten sie auch noch sehr anziehende Gesichter. Leah gefielen an dem hoch aufgeschossenen Jungen die fast adlige Feinheit der Züge, die Festigkeit des Blicks und das dicke, sehr dunkle Haar; an dem Mädchen die freche Zigeunerbräune, die immens blauen Augen, die sie überaus dreist anblickten, und die Lichteffekte, welche die tief stehende Sonne auf ihr schulterlanges kastanienbraunes Haar zauberte. Ja, dachte Leah, die beiden gäben ein herrliches Foto für ihr Buch ab. Dann aber fühlte sie wieder ihre bleierne Müdigkeit und dachte, dass sie die beiden sicher irgendwann einmal wiedersehen würde und dann noch immer fotografieren könnte. Sie fragte sie, ob sie wüssten, an welchem Ende der Straße die Hausnummer eins sei.
»¡No tengo ninguna idea!« Der Junge zuckte ratlos mit den Schultern. Das Mädchen grinste und fragte, wer denn in dem Haus wohne.
»Anna Liebig.« Leah sah sie hoffnungsvoll an. Statt ihr zu antworten, stieß das Mädchen den Jungen an, worauf der grinste. Er hob den Arm und wies zum höher gelegenen Ende der Straße: »¡La última casa a la izquierda!«
Leah lächelte dankbar und war auf einmal sehr neugierig auf die Tochter ihrer Schwester. Sie hoffte, dass sie ein wenig von dem Pep und der Ausstrahlung dieses Mädchens besaß. Leah mochte keine langweiligen Kinder. Sie mussten einen flinken Verstand und eine ausgeprägte Persönlichkeit haben, damit sie etwas mit ihnen anfangen konnte. Am wenigsten mochte sie phlegmatische Kinder – vielleicht weil ihre Mutter Anna als Kind immer phlegmatisch geschimpft hatte.
Erwartungsvoll machte sich Leah auf den Weg zum oberen Ende der Straße und musterte dabei die überwiegend zweistöckigen Häuser. Sie schätzte, dass sie in der Mitte des letzten Jahrhunderts erbaut worden waren. Sie waren in recht unterschiedlichem Zustand, von sorgsam renoviert bis abrissbereit, und gaben zum Teil lohnende Fotomotive ab. Allein der Kontrast zwischen den frisch lackierten, tiefblauen Klappläden dieses Hauses und den kaum mehr wasserblauen, schon ganz porösen Läden des Nachbarhauses! Manche der Gitter vor den Fenstern im Erdgeschoss waren kleine Kunstwerke und erschienen dank tausender von Rostpünktchen beinahe lebendig. Und die Blumen: Vor den Fenstern des einen Hauses prunkten üppig blühende Alpenveilchen, vor dem nächsten kümmerten trotzig ein paar Geranien im Joghurt-Familienbecher vor sich hin, dort rankte eine tieflila blühende Bougainvillea stolz und erhaben bis hinauf auf den Stehbalkon, und hier hockten dicke Primelchen in alten, von Moos und Kalkflecken überwucherten Tonkästen. Und dann eine echte Überraschung: Ein schmales eisernes Tor durchbrach die endlose Folge von Hauswand, Fenster, Tür und gewährte einen Einblick in einen blassblau gestrichenen Patio. In seiner Mitte stand ein gewaltiger, der Jahreszeit entsprechend blattloser Feigenbaum, an dessen Ästen zahllose Töpfe mit weiß und bläulich lila blühenden Blumen schaukelten. Am nächsten Haus erspähte Leah endlich eine Hausnummer – die Vier. Das Haus wirkte penibelst gepflegt, noch weißer als die anderen Häuser und war mit ultramodernen Anbauten so eigenwillig restauriert, dass Leah sich vornahm, es sich in den nächsten Tagen genauer anzuschauen.
Schräg gegenüber fand Leah schließlich das Haus ihrer Schwester. Eine schlicht aus Ton gearbeitete Eins hing neben der blau lackierten Eingangstür; links und rechts von der Tür befand sich je ein kleines, zweiflügeliges Fenster, vor dem blickdichte Gardinchen hingen. Plötzlich spürte Leah eine dumpfe Schwere in den Gliedern, und sie hielt inne. Die ganze Wiedersehensfreude, die sie auf der langen Fahrt aller Müdigkeit zum Trotz vorangetrieben hatte, wich einem riesigen Kloß Angst, der ihr nun in den Magen sank. Mensch, Anna …
Fast zehn Jahre lag die letzte Begegnung von Leah und ihrer Schwester zurück; beim Begräbnis von Tante Julia, der Lieblingsschwester ihres Vaters, hatten sie sich zum letzten Mal gesehen. Seitdem hatten sie oft und lange miteinander telefoniert und immer wieder davon gesprochen, dass man sich doch recht bald einmal wiedersehen müsse. Meist aber hatte Leah so viele Fototermine gehabt, dass sie nichts hatte dazwischen schieben können – und dann waren die beiden Schwestern es ja auch schon seit ihrer Kindheit gewohnt, voneinander getrennt zu sein. Als Anna 13 und Leah 16 gewesen waren, hatten ihre Eltern sich scheiden lassen. Anna, die sich von klein auf dem Vater näher gefühlt hatte, war mit ihm nach Spanien gezogen, wo die Familie schon seit Jahren ein Ferienhaus mit Pool, eigenem Tennisplatz und einem Atelier für ihre Mutter besessen hatte. Gearbeitet hatte ihr Vater damals nicht mehr – über 20 Jahre älter als seine Frau, hatte er sich bereits einige Jahre zuvor von seinem Vorstandsposten bei der Bank zurückgezogen. Wahrscheinlich war es genau das gewesen, was die Ehe letztlich hatte zerbrechen lassen: Seine Frau hatte es einfach nicht ertragen, ihn ständig um sich zu haben. Nähe war für sie schon immer ein Problem gewesen.
Leah war damals bei ihrer Mutter in Wiesbaden geblieben. Weniger als ihre Mutter hatten sie ihre Freunde dort gehalten; außerdem hatte ihr die fremde Sprache Angst gemacht. Hinzu kam, dass sie zu ihrem Vater bei weitem kein so inniges Verhältnis wie Anna gehabt hatte. Ihr Vater hatte ihr ihre zurückhaltende Art manchmal vorgeworfen; sie würde ihn mit dieser Kühle verletzen, hatte er gesagt, und sie dann gleich darauf damit entschuldigt, dass sie diese wohl von ihrer Mutter geerbt habe. Leah hatte ihre vermeintliche Kühle nicht gestört, wohl aber, dass sie sie von ihrer Mutter haben sollte. Sie hatte sie selbst sein wollen. Zumindest in diesem einen Punkt war sie wie alle Mädchen in diesem Alter gewesen.
Damals hatten Leah und Anna sich nur noch während der Schulferien gesehen. Als Leah später Fotografie studiert hatte, hatte sie die Ferien eher mit Freunden verbracht und ihren Vater und Anna nur noch zu Weihnachten besucht. Vor elf Jahren schließlich war ihr Vater gestorben. Da ihre Mutter ihr Erbe hatte ausgezahlt bekommen wollen, hatte Anna, damals 22, das Haus in Spanien räumen und zum Verkauf anbieten müssen. Anna war dann eine Weile herumgezogen, bis sie sich in Gibraltar in einen Amerikaner verliebt hatte, von ihm schwanger geworden und kurz darauf auch schon wieder von ihm verlassen worden war. In ihrer Not war Anna damals zurück nach Sitges gegangen. Ihre Mutter, der kleine Kinder ein Gräuel waren, hatte sie nicht bei sich haben wollen. Leah hatte von den Auseinandersetzungen erst später erfahren. Sie war damals in China gewesen. Erst auf Tante Julias Begräbnis hatten sie und Anna sich wiedergesehen. Leah konnte sich noch gut daran erinnern, wie Anna mit diesem kleinen Bündel Mensch bei dem Begräbnis aufgetaucht war. Wie hatte ihre Mutter noch gesagt? »Demonstrativ« hätte sie sich ihr »Balg« vor den Bauch gebunden. Leah hatte die Ausdrucksweise ihrer Mutter als sehr unfair empfunden. Schließlich trugen viele Mütter ihre Babys in diesen praktischen Tragetüchern vor dem Bauch. Trotzdem hatte sie nicht die Kraft aufgebracht, Anna zu verteidigen. Sie hatte damals selbst zu viele Probleme gehabt, bei deren Lösung ihr schließlich auch keiner geholfen hatte.
Nachdenklich blickte Leah auf Annas Haus und fragte sich, wie es ihr wohl jetzt mit ihrer Schwester ergehen würde. Ein ganzes Jahr wollte sie hier wohnen und arbeiten. Schon vor geraumer Zeit hatte Anna ihr das vorgeschlagen. »Da beschwerst du dich ständig, wie leid du die Kurzlebigkeit deiner Fotos bist, und arbeitest doch immer weiter nur für Zeitschriften! Warum nimmst du dir nicht mal die Zeit, einen richtigen Fotoband zu machen? Den nehmen die Leute immer wieder in die Hand. Komm doch einfach her, mach das Buch hier! Ich richte dir das Gästezimmer her. Du wirst dich wohl fühlen bei uns!« Ein »uns«, ein Haus, in dem jemand auf einen wartete, hatte Leah nicht mehr gehabt, seit ihr Vater damals mit Anna nach Spanien gezogen war. Auf einmal verspürte Leah wieder Freude und eine riesige Sehnsucht, ihre Schwester endlich wiederzusehen! Es würde schon gut gehen mit ihnen. Und das musste es auch. Denn für sie beide stand viel auf dem Spiel.
Da Leah nirgends eine Klingel entdecken konnte, klopfte sie an die Haustür. Als auch nach ihrem zweiten Klopfen niemand öffnete, fiel ihr auf, dass das kleine Butzenfenster der Haustür nur angelehnt war. Leah öffnete es einen Spalt, konnte aber wegen des engen Blickwinkels nicht viel vom Innern des Hauses erspähen. Sie sah nur, dass links und rechts je ein Zimmer abging und dass sich der Eingangsbereich weiter hinten zu einem großen Wohnraum hin öffnete. Gegenüber der Eingangstür führte eine offen stehende Tür hinaus in den Patio. Leah meinte dort draußen jemanden auf einem Stuhl sitzen zu sehen. Da auch jetzt niemand auf ihr Klopfen reagierte, stieg sie das kleine Eingangstreppchen wieder hinab, lief um die Hausecke, sah ein Gartentor, das zu eben diesem Patio führen musste und hörte Stimmen. Schade, dachte sie, dann ist Anna ja gar nicht allein! Ihr wurde bewusst, dass es ihr viel bedeutet hätte, Anna zunächst einmal allein gegenüberzustehen. Das hätte es leichter gemacht …
Bevor die Angst sie erneut packen konnte, drückte Leah das schwere, schmiedeeiserne Gartentor auf, das von innen mit einer Bambusmatte verkleidet war und blickte im nächsten Moment in drei überraschte Gesichter. Einzig Anna reagierte sogleich. Mit einem »Mensch, Leah, und ich hab dich erst heute Abend erwartet!« sprang sie von ihrem Gartenstuhl auf, rannte auf ihre Schwester zu und fiel ihr um den Hals. Überwältigt von Annas Freudenausbruch stiegen Leah Tränen in die Augen.
»Ach, Anna, Anna, Anna!« Leah drückte ihre Schwester so fest an sich, wie sie schon seit Jahren niemanden mehr gedrückt hatte. Anschließend hielt sie ihre »kleine« Schwester, die tatsächlich ein paar Zentimeter kleiner als sie war, ein Stück von sich weg und betrachtete sie. Ungläubig schüttelte sie den Kopf. »Wie du dich verändert hast, mein Gott, du bist ja nicht wieder zu erkennen!«
Während Anna bei Tante Julias Begräbnis noch genauso pummelig und farblos wie als Backfisch gewesen war, stand heute eine um vieles schlankere und höchst attraktive Frau vor ihr. Statt der mausgrauen und seltsam sackartigen Kleider, mit denen sie früher versucht hatte, ihr zeitweise wirklich heftiges Übergewicht zu kaschieren, trug sie eine locker die Hüfte umspielende, olivfarbene Leinenhose und ein knapp bauchlanges, ärmelloses Blüschen in warmen Gelb-, Orange- und Olivtönen. Die Farben passten ausgezeichnet zu ihrem sonnengebräunten Teint und den schulterlangen kastanienbraunen Haaren und hoben zudem ihre warmen, braungrünen Augen hervor. Auf einmal konnte Leah gar nicht mehr verstehen, wie Anna mit diesen leuchtenden Augen und dem wunderschönen Haar je fad und grau hatte wirken können. Und welche Lebensfreude sie ausstrahlte, welche Kraft und Lebendigkeit!
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