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GÜNSTIGER EINFÜHRUNGSPREIS. NUR FÜR KURZE ZEIT! Eine Geschichte über zweite Chancen, verborgene Wahrheiten und die heilende Kraft der Liebe – vor der romantischen Kulisse des ländlichen Englands Ein überraschender Gewinn, ein malerisches Cottage in Großbritannien und drei Fremde auf der Suche nach einem Ort, den sie Zuhause nennen können Nach dem Tod ihrer Mutter fühlt sich Amanda so allein wie nie zuvor in ihrem Leben. Doch dann gewinnt sie bei einer Tombola das britische Cottage Moongate Manor – samt einem verwunschenen Garten und mysteriösen Mitbewohnern. Da ist Simon, der schon den ganzen Sommer mit seinem Motorrad durch England fährt, um sich von seinem gebrochenen Herzen abzulenken. Und Diana, die geheimnisvolle Inhaberin von Moongate Manor, die seit Jahrzehnten nicht mehr von den Dorfbewohnern gesehen wurde, was die Gerüchte über ihre geheimnisvolle Vergangenheit immer weiter anheizt. Gemeinsam kämpfen sie um die Zukunft des Anwesens und dessen einst wunderschönen Garten. Können sie Moongate Manor retten oder werden alte Wunden und Geheimnisse alles zerstören?
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Veröffentlichungsjahr: 2026
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© Piper Verlag GmbH, München 2026
© Kate Forster, 2023
This Translation of »Fly me to Moongate Manor« is published by Piper Verlag by Arrangement with Head of Zeus Ltd.
Titel der Originalausgabe: »Fly me to Moongate Manor«, First Published in the United Kingdom in 2023 by Head of Zeus, part of Bloomsbury Publishing Plc
Übersetzung: Martina Schwarz
Covergestaltung: © Alexa Kim »A&K Buchcover«
Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von depositphotos.com und shutterstock.com genutzt
Innenillustration: Adobe Stock
Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)
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Cover & Impressum
Widmung
1 – Amanda
2 – Simon
3 – Diana
4 – Amanda
5 – Simon
6 – Amanda
7 – Amanda
8 – Simon
9 – Amanda
10 – Simon
11 – Amanda
12 – Simon
13 – Amanda
14 – Diana
15 – Amanda
16 – Simon
17 – Amanda
18 – Simon
19 – Amanda
20 – Amanda
21 – Simon
22 – Amanda
23 – Amanda
24 – Diana
25 – Amanda
26 – Amanda
27 – Amanda
28 – Amanda
29 – Amanda
30 – Amanda
31 – Simon
32 – Simon
33 – Amanda
34 – Amanda
35 – Simon
36 – Amanda
37 – Amanda
38 – Janet
39 – Amanda
40 – Amanda
41 – Diana
42 – Amanda
Epilog
Danksagungen
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Für meine wunderbare Fiona.
Mitgärtnerin, weise Frau und die beste Freundin, die man sich nur wünschen kann.
Amanda Cox schloss die Tür der Wohnung, die sie sich mit ihrer Mutter geteilt hatte, wobei sie das Chaos ignorierte, das sich langsam Richtung Eingangstür ausbreitete.»Morgen«, versprach sie der Wohnung und ging die Treppe hinunter, hinaus auf die Straßen von New York, zu dem Kaffeestand, wo ein Flat White und ein Bagel auf sie warteten.
»Danke, Arnold«, sagte sie zu dem Mann, der den Stand führte. Arnold hatte ihr Bagels vor die Tür gelegt, als ihre Mutter Wendy krank gewesen war.»Alles gut bei dir, Manda?«, fragte er, während er Kaffee für die wartenden Kunden machte.»Alles super«, antwortete sie, ließ das passend abgezählte Geld auf dem Tresen liegen und nahm ihre übliche Bestellung.»Du lügst wie gedruckt, Lady«, rief er ihr hinterher, und sie schenkte ihm ein kleines Lächeln, bevor sie zur U-Bahn ging.
Arnold arbeitete am Kaffeestand, solange Amanda sich erinnern konnte. Er war eine Konstante in ihrem Leben, immer an derselben Ecke, wo er Bagels und Kaffee machte und mit den Leuten aus Astoria, Queens, plauderte.Das Viertel hatte sich über die Jahre verändert, doch Arnold nicht – genauso wenig wie die anderen Fixpunkte in Wendys und Amandas Leben. Sie hatten immer noch dieselbe Wohnung mit gleichbleibender Miete, gingen in dieselbe Bodega, sahen dieselben Gesichter, bis irgendwann einige der alten Läden verschwanden und durch Starbucks und Whole Foods ersetzt wurden. Ein Hundesalon löste die Buchhandlung ab, und zu Amandas Entsetzen wurde aus dem Kunstbedarfsladen, in dem sie während des Studiums gearbeitet hatte, ein Yogastudio.
26 Jahre lang hatte Amanda in Astoria gelebt und beobachtet, wie sich die Welt drehte und veränderte, während ihre kleine Ecke des Planeten weitgehend gleich geblieben war – mit ihrer Mutter, Arnold, dem Kaffee und den Bagels.Bis die Ecke eines Tages leer gefegt wurde und Wendy auf der Straße stürzte, sich vor Schmerzen krümmte. Am nächsten Tag war auf den Scans ein Hirntumor zu sehen gewesen.Unheilbar, aber man konnte ihn behandeln, um ihr Leben zu verlängern, hatten die Ärzte gesagt.
Wendy hatte die Behandlung abgelehnt, und Amanda war so wütend über die Selbstsucht ihrer Mutter gewesen, dass sie drei Tage lang nicht mit ihr gesprochen hatte – bis ihre beste Freundin Lainie ihr klargemacht hatte, dass sie ihre Mutter genauso gut schon jetzt als tot ansehen konnte, wenn sie sie derart behandelte, während sie im Sterben lag.Nur Lainie konnte etwas so ausdrücken, dass es wie ein emotionaler Schlag ins Gesicht war, der Amanda in ihrem Schmerz aufrüttelte.
Und es war Schmerz. Jeder Moment von Wendys Sterben war schmerzhaft gewesen, aber es war auch wunderschön, seine Liebe völlig bedingungslos zeigen zu können. Amanda war bewusst, dass es ein Privileg war, jemanden beim Sterben begleiten zu dürfen. Als Lainie sie fragte, ob es, nachdem alles vorbei war, etwas am Tod gäbe, auf das sie nicht vorbereitet gewesen sei, hatte Amanda nachgedacht. Lainie stellte immer Fragen, über die man nachdenken musste.
Alles daran war ungewöhnlich, hatte Amanda schließlich gesagt, nachdem sie Zucker in ihren Kaffee gerührt hatte und sie im Park saßen und die geschniegelten Hunde dabei beobachteten, wie sie mit bunten Bällen und Kauknochen aus Gummi spielten.»Das Lachen«, hatte sie schließlich geantwortet.
Lainie hatte sie verwirrt angesehen. »Was ist am Tod lustig?«»Ich weiß nicht. Ich kann es nicht wirklich erklären. Es ist weniger, dass es lustig wäre, sondern eher, dass man das Leben ungeschnitten sieht. Wie rohes Filmmaterial. Der Körper macht seltsame Geräusche, wenn er stirbt, und wir haben uns darüber kaputtgelacht, oder man sagt Dinge, die man eigentlich nicht sagen sollte, die in diesem Moment aber perfekt sind. Man ist ehrlich, wie Mom und ich, als wir über unsere gemeinsame Abneigung gegenüber Folkmusik und Gerard-Butler-Filme gesprochen haben. Ich kann es nicht erklären, aber es gab Lachen. Und Liebe. So viel Liebe.«
Jetzt, während sie in der Bahn auf dem Weg zur Arbeit saß, hätte Amanda ihren Kaffee und ihren Bagel jedem geschenkt, der sie in diesem Moment wieder zum Lachen gebracht hätte – oder der ihren Chef angerufen und ihm gesagt hätte, dass sie heute nicht kommen würde. Aber sie wusste, dass sie sich keinen weiteren freien Tag leisten konnte. Sie hatte ihre Krankheitstage schon längst überschritten, und vor Kurzem war jemand Zusätzliches bei der Talentagentur eingestellt worden, um die Models und Fotografen für die Shootings zu buchen.
Wenn sie gekonnt hätte, hätte sie morgen gekündigt, aber das war keine Option. In einer perfekten Welt hätte sie den Tag damit verbracht, zu zeichnen und an den Illustrationen für das Kinderbuch zu arbeiten, das ihre Mutter geschrieben, aber nie veröffentlicht hatte. Das war das Einzige, was sie bereute, hatte sie Amanda auf dem Sterbebett erklärt.»Ich hätte mehr Dinge tun sollen, die mich glücklich machen, wie das Schreiben. Ich habe meiner Stimme nicht vertraut, bis ich älter wurde. Ich hätte schon früher merken sollen, dass ich weiß, was ich tue, oder es zumindest versuchen.«
Amanda hatte versucht, ihr zu sagen, dass es in Ordnung war; sie hatte Amanda allein großgezogen, war mit zwanzig aus England nach New York gekommen, um eine bedeutende Schriftstellerin zu werden. Doch dann war sie mit Amanda schwanger geworden und hatte ihren Traum aufgegeben. Stattdessen hatte sie fünfundzwanzig Jahre lang als Gerichtsstenografin gearbeitet, hatte für Stabilität in ihrem Leben und Essen auf ihrem Tisch gesorgt – auf Kosten ihrer eigenen Träume, damit Amanda die ihren verwirklichen konnte.
Aber war der Traum, Künstlerin zu sein, überhaupt realistisch?, fragte Amanda sich nun, als sie aus der U-Bahn stieg und die drei Blocks zur Arbeit lief. Sie hasste ihren Job, aber es war nicht so, als könnte sie sich vor Angeboten für ihre Zeichnungen nicht mehr retten. Sie hatte sich mit so vielen Agenten getroffen, in der Hoffnung, einen von ihnen davon zu überzeugen, sie zu vertreten. Alles, was sie brauchte, war ein bedeutender Auftrag, der ihr zum Durchbruch verhalf. Aber die Antwort war immer dieselbe:
Dein Stil ist zu altmodisch.
Wir haben schon eine Illustratorin im Beatrix-Potter-Stil.
Niemand interessiert sich mehr für Blumen.
Sie fand nicht, dass ihre Arbeit wie die von Beatrix Potter wirkte; sie war inspiriert von ihrem Stil, aber sie war nicht dasselbe. Es waren einfach Figuren, die in New York lebten, New Yorker Dinge taten, aber als Tiere. Da waren die Frettchen, die die örtliche Bodega betrieben. Der Warzenschwein-Verkehrspolizist. Die eleganten Frösche, die in der Gramercy Tavern speisten, mit Perlen, Handschuhen und Stöckelschuhen. Und die winzigen Welpen, alle in Schuluniform, die durch die schmiedeeisernen Tore ihrer schicken Schule stolperten.
Amanda verdrängte ihre nicht vorhandene Kunstkarriere aus ihren Gedanken, während sie den Kaffeebecher in den Mülleimer vor dem Gebäude warf, in dem sie arbeitete. Sie nahm den Fahrstuhl in den vierzehnten Stock und nickte der Empfangsdame zu, die ihr die meiste Zeit Angst einjagte. Sie war ein ehemaliges Model, das irgendwie nie oft genug gebucht worden war und sich nun eine Rolle im Büro erarbeitete, die mehr Aufgaben beinhaltete, als nur raubtierhaft schön und gelangweilt auszusehen. Sie war eine Hyäne, die Amanda zu meiden versuchte, wann immer es ging.
»Amanda, Greg will dich sehen«, zischte die Hyäne, und Amanda hätte schwören können, dass sie über ihr Outfit spöttisch grinste – ein Jeanskleid mit Latz und eine rot karierte Bluse. Im Nachhinein erkannte Amanda, dass sie wie Raggedy Ann aussah, mit ihren roten Locken und den schwarzen Stiefeln. Aber das Kleid war ihre einzige saubere Kleidung gewesen, und die rote Bluse hatte ihrer Mutter gehört. Der Kragen roch immer noch nach Diorissimo, und es gab ein winziges Loch an der Stelle, wo ihre Mutter immer eine ihrer vielen überschwänglichen Broschen über ihrem wundervollen, warmen Herzen getragen hatte.
Amanda wollte nur an ihren Schreibtisch, ihre Arbeit machen und die Stunden zählen, bis sie nach Hause gehen und im Bett weinen konnte. Doch wenn Greg – ihr anspruchsvoller Chef – sie sehen wollte, hatte sie keine Wahl.
Greg saß an dem kleinen runden Tisch in seinem Büro, anstatt an seinem Schreibtisch. Vor ihm lagen einige umgedrehte Dokumente. Bei ihrem Anblick und Gregs sehr ernster Miene, als er ihr bedeutete, sich zu setzen, begann sich Amandas Magen zusammenzuziehen. Greg ging die Dinge immer offensiv an und redete nicht um den heißen Brei herum.
»Wie geht es dir, Amanda?«, begrüßte er sie, und sie fragte sich, ob das eine Fangfrage war.»Gut«, log sie.
»Hör zu, ich komme gleich zur Sache. Es ist eine schwierige Zeit für unsere Branche, und ich weiß, dass du selbst auch eine schwierige Zeit hinter dir hast.«Sie nickte, weil sie ihn wissen lassen wollte, dass sie verstand – auch wenn sie es nicht tat.
»Deshalb brauchen wir Leute, die sich voll und ganz auf das Booking konzentrieren und dafür brennen.«Amanda hörte den Zug auf sich zukommen. Sie war festgebunden; sie konnte sich nicht bewegen.
»Okay«, erwiderte sie ermutigend. Los, überfahr mich einfach, wollte sie sagen. Bring es hinter dich!
»Also entlasse ich dich. Deine Prioritäten scheinen woanders zu liegen, und obwohl wir geduldig und entgegenkommend waren, warst du kaum bei der Arbeit.«
»Das stimmt nicht«, widersprach sie.
»Du warst letzte Woche nur an zwei Tagen hier – an den anderen Tagen haben wir nichts von dir gehört. Mir sind die Hände gebunden. Ich habe ein Unternehmen zu führen.«
Amanda versuchte, sich an die letzte Woche zu erinnern. Sie dachte eigentlich, jeden Tag da gewesen zu sein, aber Greg hatte gerade behauptet, es seien nur zwei gewesen.Im Geist ging sie die vergangene Woche durch. Zugegeben, die Tage verschwammen ineinander, und sie konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob es stimmte oder nicht. Alles, was sie wusste, war, dass sich seit dem Tod ihrer Mutter jeder Morgen wie eine Bestrafung anfühlte.
Greg sprach weiter, und sie versuchte, sich wieder auf ihre eigene Entlassung zu konzentrieren.Er schob die Dokumente über den Tisch zu ihr. »Ich denke, eine Abfindung in Höhe von zwei Monatsgehältern ist sehr großzügig, und natürlich werden wir dir ein Arbeitszeugnis ausstellen, wenn du dich auf einen neuen Job bewirbst, sobald es dir besser geht.«
Was sollte sie sagen? Es war großzügig. Sie machte ihre Arbeit nicht richtig; das hatte sie nicht mehr getan, seit ihre Mutter krank geworden war. Das Ausmaß dessen, was sie der Firma an Drama und Pein zumuten konnte, war begrenzt.
»Es tut mir leid«, sagte sie, und ihre Stimme brach vor Schmerz und Verlegenheit.
»Entschuldige dich nicht. Du machst gerade eine schwere Zeit durch, Kindchen. Sei gut zu dir und tu, was du tun musst, um dich an deine Mom zu erinnern, ohne das Gefühl zu haben, dass du sie verrätst, wenn du weiterlebst.«
Das war das Tiefgründigste und Richtigste, was in den acht Wochen seit Wendys Tod irgendjemand zu ihr gesagt hatte.Jede Entscheidung, die sie traf und die sie einen Schritt voranbrachte, fühlte sich wie Verrat am Andenken ihrer Mutter an.
Amanda nahm den Stift, der auf dem Tisch lag, kritzelte ihre Unterschrift auf die Dokumente und schob sie zurück zu Greg.»Danke für deine Freundlichkeit, und es tut mir leid, dass ich dich und die Firma im Stich gelassen habe.«
Greg schüttelte den Kopf. »Du hast niemanden im Stich gelassen. Jetzt geh und finde etwas Frieden, okay?«
Als Amanda das Gebäude verließ, sah die Empfangsdame nicht einmal auf. Sie machte sich nicht die Mühe, etwas von ihrem Schreibtisch zu holen, sie hatte hier nichts Persönliches, nicht einmal Freunde. Der Job hatte immer nur ein Zwischenstopp sein sollen, bis sie etwas fand, das ihr besser gefiel. Zwei Jahre später war es ein längerer Aufenthalt geworden, als ihr lieb war, aber nach all den Veränderungen zu gehen, war keine Option gewesen – bis Greg die Entscheidung für sie getroffen hatte.
Sie musste nach Hause, ihre verstreuten Gedanken sammeln und das Chaos in Angriff nehmen. Vielleicht war heute der Tag, an dem sie etwas Ordnung in ihre Welt bringen konnte.
Die Bahnfahrt zurück war ruhig, und als sie an Arnold und seinem Kaffeestand vorbeikam, lachte er und fragte sie, ob sie etwas vergessen habe.
Sie winkte nur halbherzig und tat, als würde sie ebenfalls lachen, während sie die Treppe zu ihrer Wohnung hinaufstieg.
Und dort, an der Tür, hing ein Zettel, schlampig mit Klebeband an allen vier Ecken befestigt.
Haus wird verkauft.Räumungsbescheid.Dreißig Tage.
Simon rückte seinen Helm zurecht und warf einen Blick in den Seitenspiegel seines Motorrads, während er darauf wartete, dass ein Auto vorbeifuhr. Dann startete er mit einem lauten Dröhnen. Auf den Straßen Richtung Norden war zu Beginn des Sommers nicht allzu viel los, aber er wusste, dass das bald anders werden würde, wenn die Urlauber sich auf den Weg nach Newcastle upon Tyne machten. Dort wollte er sich für den Sommer niederlassen. Es war der perfekte Ort, denn er kannte dort niemanden und konnte sich ein paar Gelegenheitsjobs suchen, bis er verarbeitet hatte, was passiert war.
Arbeit zu finden war leichter gewesen als erwartet, seit er London vor drei Monaten verlassen hatte. In Cambridge hatte er als Tellerwäscher in einem beliebten Café gearbeitet und einige der Kähne auf der Cam für den Sommer gestrichen. Aber Cambridge war auch der Ort, an dem seine Ex-Freundin Anika studiert hatte, und er wollte nicht riskieren, einem ihrer alten Freunde zu begegnen, falls sie noch dort wohnten. Also war er schnell wieder aufgebrochen. In Cornwall hatte er Boote gestrichen und sich bei einem alten Mann eingemietet, der zu viele Katzen und ein Alkoholproblem hatte. Das endete, als die Tochter des Mannes kam, ihn in ein Pflegeheim steckte und die Katzen ins örtliche Tierheim brachte. Simon hatte das Bedürfnis, eine Weile an einem Ort zu bleiben und seine Gedanken zu sammeln, doch er fühlte sich, als säßen Scham und Demütigung immer in einem emotionalen Beiwagen neben ihm.
Das Motorrad war seine erste Anschaffung gewesen, nachdem die Investmentfirma erfolgreich durchgestartet war. Charlie hatte die Kontakte gehabt, und dank der Software, die Simon entwickelt hatte, um Aktien zu analysieren und deren Eignung für langfristige oder kurzfristige Investitionen zu bestimmen, hatten sie es geschafft, mit sicherer Hand die besten Aktien auszuwählen. Bald hatten er und Charlie mehr Geld, als sie ausgeben konnten. Er hatte das Motorrad in bar bezahlt, und Anika hatte Fotos von ihm neben der Maschine gemacht, auf denen er erfolgreich und angeberisch aussah. Jetzt schauderte ihm bei dem Gedanken daran. Diese Bilder würden ihn verfolgen, solange sie irgendwo in der Cloud existierten. Er sah darauf aus wie ein Vollidiot – der junge, reiche Mann mit seinen Spielzeugen. Er wünschte, er könnte auf die Fotos zugreifen, aber Anika hatte alle Passwörter geändert, bevor er von der Bombe geahnt hatte, die sein Leben in die Luft jagen sollte.
Simon hatte erkannt, dass es etwas Schlimmeres als den Tod gab… und das war Demütigung.
Er versuchte, sich auf das Fahren zu konzentrieren, aber in seinem Kopf spielte sich immer wieder der Tag der Hochzeit ab. Noch immer, nach all den Monaten.
Anscheinend hatte die Affäre schon ein Jahr lang gedauert. Ein Jahr?, hatte er vom Nebenraum der Kirche aus geschrien.Von draußen war das Rascheln der unruhigen Gäste zu hören gewesen.
Ein Jahr – er konnte es immer noch nicht begreifen.
Ein Jahr, in dem Anika Blumen, Canapés und die Band für die Hochzeit ausgesucht hatte. Ein Jahr voller Toasts, Einladungen und Sitzpläne.Ein Jahr voller Verrat.
Konzentrier dich, Simon, ermahnte er sich selbst.
Die Fahrt nach Newcastle dauerte etwa vier Stunden. Er hatte die Route auf der Karte ausgearbeitet und geplant, unterwegs irgendwo zu Mittag zu essen, aber als es so weit war, hatte er keinen Hunger. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal Hunger gehabt hatte. Sorgen sind eine fantastische Diät, hatte er seiner Mutter gesagt, aber sie hatte ihm geraten, trotzdem zu essen – zumindest ein bisschen. Jetzt aß er, weil er musste, nicht weil er wollte. Gerade genug, um durch den Tag zu kommen, aber nicht genug, als dass er auch nur ein Gramm Fett an sich gehabt hätte.
Simon gab Gas und raste auf seinem schnellen Motorrad in Richtung seines Ziels. Je eher er nach Newcastle kam, desto eher konnte er sich in der Gegend umsehen, ein kleines Dorf finden, in dem er sich niederlassen konnte, und versuchen, alles für eine Weile zu vergessen.
Manchmal musste er lachen, wenn er daran dachte, dass er vor nur drei Monaten in Kensington gelebt hatte, in einer wunderschönen Eigentumswohnung, zusammen mit Anika, die das neue Wettergirl fürs Wochenende bei ITV war.
Während er einen Aldi-Lkw überholte, lachte er leise in sich hinein.Einst war er Simon Herald, der König der Investments, und jetzt war er Simon Herald, der Gelegenheitsarbeiter, pleite und von seiner Freundin für seinen Geschäftspartner verlassen.
Oh, wie tief die Mächtigen fallen.
Er fragte sich, ob die Leute in den Autos, die er überholte, wussten, dass seine Verlobte ihn vor dem Altar sitzen gelassen hatte. Wussten sie, dass er wie ein Idiot dagestanden hatte, im Anzug und mit polierten Schuhen, und nervös den Mittelgang entlang geblickt hatte, in Erwartung, Anika in einer Wolke aus Weiß am Arm ihres Vaters John auftauchen zu sehen?
Wussten sie, dass stattdessen ihr Vater den Gang entlang geeilt war, sein normalerweise rosiges Gesicht röter als ein Cricketball, und Simon bedeutet hatte, mit ihm zu kommen?Ein Unfall?, hatte er gefragt.Nein. Nicht das, Gott sei Dank.
Stattdessen war es eine öffentliche Demütigung gewesen, wie er sie sich nie hätte vorstellen können.
Er vermisste Anika nicht einmal mehr. Wie könnte er auch, nach so viel Täuschung? Alles, was er wollte, war, zu verschwinden und nie wieder jemandem wichtig zu sein – und nie wieder jemanden wichtig zu finden.
Das Dorf Foxfield war perfekt für seinen Aufenthalt, entschied Simon. Er war in Newcastle angekommen und hatte die Frau in der Bibliothek gefragt, ob sie ein Dorf kenne, in dem es vor dem Sommer ein paar Gelegenheitsjobs zu erledigen gebe.
Die Frau hatte ihm drei Dörfer genannt, und er hatte sich für Foxfield entschieden, weil ihm der Name gefiel.
Simon schaute jedes Mal in Bibliotheken vorbei, wenn er unterwegs war. Die Bibliothekare waren immer hilfsbereit und wussten über weit mehr als nur über die Dewey-Dezimalklassifikation Bescheid. Es ergab Sinn – bei all den Menschen, die dort ein und aus gingen. Eine Bibliothek war für viele ein Zufluchtsort und hatte in vielen Gemeinden die Kirche ersetzt. Jeder konnte eine Bibliothek betreten und fand dort Zugang zum Internet, zu Büchern, zu Gesellschaft und einen Ort zum Lernen, Reden und Erkunden anderer Welten.
Foxfield lag nur zehn Meilen von Newcastle entfernt, nahe am Meer, aber nicht direkt an der Küste. Es hatte die perfekte Entfernung zu allem, entschied Simon, während er mit seinem Motorrad in Richtung des Dorfes fuhr.
Die Straßen wurden enger, und kurz vor dem Dorf wuchsen auf beiden Seiten davon Hecken. Er überquerte mit seinem Motorrad den Fluss, der zum Meer führte, und kam an Häusern mit schönen Gärten hinter Steinmauern vorbei. Es gab Hecken und eine Mischung aus Tudor- und Steinhäusern, die von den Straßen zurückgesetzt waren. Je weiter er ins Dorf hineinkam, desto näher rückten die Häuser an die Gehwege heran, als versuchten sie die Vorbeigehenden zu belauschen. Vor den Fenstern standen Kästen mit kleinen Blumen darin, die offenbar erst kürzlich gepflanzt worden waren.
Er kam an einem Pub vorbei, der den überzeugenden Namen »The Sinking Ship Inn« trug, was sehr gut zu seiner Stimmung passte. Doch er fuhr weiter. Er hätte große Lust auf ein Bier gehabt, doch er hatte Angst, dass er, wenn er erst anfing, tagsüber zu trinken, einen Abhang hinabrutschte, den er später wieder hinaufklettern musste – und er hatte nicht die Energie, mit einem weiteren Problem fertigzuwerden.
Das Dorf war kleiner, als er erwartet hatte, aber es gab alles, was er brauchte, einschließlich eines gut bestückten Ladens für das Nötigste. Für größere Einkäufe konnte er den Bus in die nächstgrößere Stadt nehmen. Es gab ein Postamt und eine Teestube, die Anika, der verschnörkelten Inneneinrichtungen nach zu urteilen, die er hinter den Spitzenvorhängen an den Fenstern erkennen konnte, geliebt hätte.
Er fuhr langsamer, als eine Frau mit einem großen Korb voller Scones herauskam und sie auf einen Tisch stellte. Er musste zugeben, dass die Scones die perfekte Größe hatten. Eine Erinnerung blitzte in ihm auf, wie er als Kind mit seiner Großmutter Scones gebacken hatte. Sie hatte den Teig fest, aber sanft bearbeitet, wie eine Hebamme, die ein Neugeborenes in den Händen hält. Selbstbewusst und wissend.
Seine Aufgabe war es gewesen, die Scones vorsichtig auf das Blech zu legen und etwas Mehl darüber zu streuen, bevor sie in den heißen Ofen kamen.Das Leben war damals so einfach gewesen.
Er fuhr durch das Dorf und dann einen Hügel hinunter, als er bemerkte, dass er in Richtung Meer unterwegs war. Auf einer Seite der Straße erstreckte sich eine grüne Wiese, auf der anderen Seite lag das Meer, und als er um eine Kurve bog, hätte er beinahe die Kontrolle über sein Motorrad verloren.
Denn dort stand das schönste Haus, das er je gesehen hatte. Ein georgianisches Herrenhaus mit einem wilden, überwucherten Garten und einem runden Tor, das von irgendeiner Pflanze umrankt war. Es gab einen Zaun, der jedoch nur bis zur Taille reichte – wahrscheinlich, um den Meerblick vom Haus aus nicht zu versperren.
Simon hielt am Straßenrand, stieg von seinem Motorrad und hob das Visier seines Helms, um einen besseren Blick auf die Schönheit vor sich zu haben. Er bemerkte, wie Autos, die an dem Haus vorbeifuhren, leicht abbremsten, und er konnte es ihnen nicht verdenken. Es war wie ein Puppenhaus, etwas aus einem Märchen, ein Traumbild in einer ansonsten eher tristen Landschaft, das sich dem grauen Meer entgegenstellte.
»Sie scheinen ganz angetan von ihm zu sein«, sagte eine Stimme, und er drehte sich um. Dort stand eine ältere Frau mit einem Gehstock und einem Hund an der Leine. Sie konnte nicht älter als achtzig sein, schätzte er, aber sie wirkte gebrechlich. Sie war, wie seine Mutter sagen würde, »gut zurechtgemacht« – mit einem Tweedblazer und passendem Rock. An ihrem Revers trug sie eine silberne Brosche in Form einer kleinen Distel, und Simon fiel sofort das Hermès-Tuch auf. Dieses Logo kannte er nur zu gut, nachdem er Anika dabei zugesehen hatte, wie sie so viel von seinem Geld dort ausgegeben hatte.
»Es ist ein wunderschönes Haus. Wohnen Sie dort?«, fragte er höflich und nahm seinen Helm ab.»Früher, ja. Aber jetzt ist es zu groß für mich. Ich bin ins Torhaus gezogen. Das ist genauso schön, aber besser für die alten Knie geeignet«, erklärte sie.
Simon lächelte sie an. »Also steht es leer?«, fragte er.»Nicht mehr lange. Bald zieht jemand ein. Nicht wahr, Trotzki?«, sagte sie zu dem Terrier, dessen Überbiss ihm eine unverkennbare Ähnlichkeit mit Winston Churchill verlieh.
»Solche Glückspilze«, meinte Simon. »Aber der Garten ist eine Menge Arbeit.«»Ja, das ist er. Kennen Sie jemanden, der helfen könnte?«, wollte sie wissen. »Ich frage nur, weil es in Foxfield nicht viele junge Leute gibt, die solche Arbeiten machen wollen. Vielleicht haben Sie ja Freunde, die Lust auf etwas Gartenarbeit hätten?«
Simon hatte geahnt, dass Foxfield eine gute Idee war, als die Bibliothekarin es ihm in Newcastle vorgeschlagen hatte. Das war der Beweis, dass er recht gehabt hatte.
»Ich kenne tatsächlich jemanden – also, ich kenne hier niemanden, aber ich suche Arbeit«, erklärte er.»Wie lange bleiben Sie in Foxfield?«, fragte die Frau, während der Terrier an ihrer Seite ungeduldig schnaufte.
Simon zuckte mit den Schultern. »Mindestens ein oder zwei Monate.«Die Frau verzog das Gesicht und neigte den Kopf zur Seite. »Ich bräuchte jemanden für länger – es ist eine enorme Menge Arbeit.«
Simon betrachtete das Haus und den Garten vor ihnen und überlegte, ob er länger an einem Ort bleiben könnte, als er es sonst tat.
»Es gibt ein kleines Häuschen auf dem hinteren Teil des Grundstücks«, sagte die Frau. »Das Gärtnerhäuschen. Es wurde seit Jahren nicht benutzt, aber es ist trocken, und wir können ein paar Dinge aus dem Haus holen, um es gemütlich einzurichten. Es besitzt alle Annehmlichkeiten und es gibt Strom, falls Sie darin wohnen möchten, solange Sie hier sind.«
Simon schwieg und dachte über seine Möglichkeiten nach.
»Die Bezahlung beträgt zweitausend im Monat für drei Monate, mit Ihrer eigenen privaten Unterkunft.«
Der Gedanke, für eine Weile an einem Ort zu bleiben und etwas Geld zu verdienen, überwog alle Zweifel, die er hatte, und er warf den Kopf zurück und stöhnte. »Sie machen es einem unmöglich, Nein zu sagen«, meinte er und reichte ihr die Hand, um die Vereinbarung zu besiegeln. »Simon Herald, Ihr neuer Gärtner für den Sommer, zu Ihren Diensten.«
»Diana Graybrook-Moore, Ihre neue Chefin, bis es den neuen Besitzer von Moongate Manor an unsere Küsten verschlägt.«
»Moongate Manor? Ist das der Name des Hauses?«»In der Tat. Das Haus blickt auf den Vollmond. Es ist ein beeindruckender Anblick.«
»Wann kommt denn der neue Besitzer?«, fragte er, neugierig, wer so weit abseits von allem leben wollte.
Diana blickte zu dem Haus hinauf, und er sah, wie ein kleines Lächeln ihre Mundwinkel umspielte.»Bald«, sagte sie. »Ich muss nur noch den Gewinner auswählen.«
»Den Gewinner?« Jetzt war seine Neugier wirklich geweckt.
»Kommen Sie morgen zu mir, und wir quartieren Sie hier ein. Wie gesagt, ich bin im Torhaus. Biegen Sie nach der Einfahrt links ab, dann sehen Sie es. Ich lasse das Tor für Sie offen.« Und dann ging sie davon, ließ Simon vor Moongate Manor stehen, mit offenem Mund und dem ungewohnten Gefühl, dass sich die Dinge zum ersten Mal seit langer Zeit tatsächlich zum Guten wenden könnten.
Diana hatte den Mann mit diesem vertrauten Ausdruck des Staunens vor Moongate stehen sehen, den jeder zeigte, der das Haus und seine beneidenswerte Lage sah. Natürlich ahnten die Vorbeigehenden nichts von der Zeit und Energie, die es kostete, ein so altes Anwesen wie Moongate Manor zu führen.
Diana war inzwischen alt und bereit, ein einfacheres Leben zu führen; nicht dass ihr Leben vor ihrer Entscheidung, vom Herrenhaus ins Torhaus zu ziehen, übermäßig geschäftig gewesen wäre. Unverheiratete Frauen wurden nicht oft eingeladen, es sei denn, es ging um Wohltätigkeitsveranstaltungen, an denen sie nie besonders interessiert gewesen war. Warum die linke Hand wissen lassen, was die rechte tut, pflegte sie zu fragen, wenn sie jemand zu einer Spendengala für ein Krankenhaus oder eine Forschungsorganisation einlud. Sie musste nicht in einem schicken Outfit gesehen werden, wie sie einen Scheck überreichte. Warum konnte sie nicht einfach das Geld schicken und die Sache damit als erledigt betrachten?
Die Wahrheit war, dass Dianas finanzielle Mittel knapp geworden waren, und ihr nicht mehr genug blieb, um ein festes Gärtnerteam zu engagieren, das den Beeten und Rasenflächen von Moongate neues Leben verleihen konnte. Aber es reichte noch, um einen Gärtner für den Sommer zu bezahlen und ihm eine Unterkunft zu stellen.
Das Haus brauchte jetzt neues Leben, neue Ideen und jemanden, der die Energie zurückbrachte, die Diana fehlte.
Doch das Leben hat eine seltsame Art, einem Entscheidungen abzunehmen, und kürzlich hatte ihr Hausarzt in Newcastle, den sie einmal im Jahr besuchte, ihr gesagt, ihre Arthritis sei über das hinaus, was er noch behandeln könne. Sie müsse einen Spezialisten aufsuchen.
Die Medikamente, die ihr der Spezialist verschrieben hatte, machten sie müde, und sie hatte mit weiteren Nebenwirkungen zu kämpfen. Das Herrenhaus mit all seinen Treppen und rutschigen Wegen wurde zu einer echten Herausforderung, also hatte sie ihre letzten Ersparnisse genutzt, um drei Männer zu engagieren, die die Zimmer des Torhauses strichen. Nachdem sie eine neue Heizung hatte installieren lassen und die kleine Küche sowie das Badezimmer modernisiert worden waren, war sie endlich bereit gewesen für den Umzug.
In dem eingeschossigen Torhaus kam sie viel besser zurecht als in Moongate, und sie konnte jederzeit in den Garten, was sie auch täglich tat.
Die Entscheidung, was sie aus Moongate mitnehmen sollte, war schwieriger gewesen als erwartet. Ihr Bett, ihre Chaiselongue und ein schöner Sessel, in dem ihre Mutter immer gesessen hatte, wenn sie zusammen ferngesehen hatten, sollten mit. Aber die anderen Möbel waren zu groß und unhandlich für das hübsche Torhaus. Sie hatte einige Möbelpacker engagiert, die die Stücke mit Sackkarren und schierer Muskelkraft die Auffahrt hinuntergetragen hatten, und schließlich hatte sie genug Möbel im Torhaus, um es »Zuhause« nennen zu können.
Sie hatte das hübsche Meissener Teeservice mit dem schwarzen Rosenmuster mitgenommen, ebenso das Porträt ihrer Mutter von Leonard John Fuller, das jetzt über dem Kamin hing. Auch einige Bücher ihrer Mutter hatte sie ausgewählt, dazu ein paar Silber- und Glaswaren von sentimentalem Wert, aber nicht viel mehr.
Diana hatte keine Zeit für Sentimentalität, wenn es um materielle Dinge ging. Hätte sie das gehabt, wäre sie im Haus geblieben, irgendwann die Treppe hinuntergestürzt, hätte sich die Hüfte gebrochen und wäre tagelang dort liegen geblieben, bis Mrs. West aus dem Dorf gekommen wäre, um zu putzen und ein paar Lebensmittel vorbeizubringen.
Es war ihr Vater, Edward Graybrook-Moore, gewesen, der sich um materielle Dinge und den guten Ruf geschert hatte. Diana vermied es, wenn möglich, über ihren Vater nachzudenken, aber auf ihre Mutter blickte sie mit einem gewissen Verständnis zurück – dafür, wie wenig Einfluss sie auf ihr eigenes Leben gehabt hatte, verheiratet mit einem Mann wie Edward.
Lillian Graybrook-Moore war in Foxfield sehr beliebt gewesen. Sie hatte zu Ostern und Weihnachten große Blumenarrangements für die Kirche gespendet und das ganze Dorf zu Festen nach Moongate eingeladen. Die Leute im Dorf – für die Moongate schon immer eine unerschöpfliche Quelle an Klatsch und Tratsch gewesen war – sagten oft, dass Diana, besäße sie nur die Geduld und Anmut ihrer Mutter, keine alte Jungfer wäre und Moongate Manor einen Erben hätte. Alle in Foxfield waren sich einig, dass es eine Schande sei, dass das Anwesen nicht in Besitz der Familie bleiben würde, nachdem es Hunderte von Jahren den Graybrook-Moores gehört hatte.
Auch wenn Diana vielleicht nicht die Geduld und Anmut ihrer Mutter gegenüber Menschen besaß, so brachte sie doch genau diese Tugenden ihrem Garten entgegen. Deshalb hatte sie beim Anblick des Mannes, der den Garten mit solcher Bewunderung betrachtete, das Gefühl überkommen, dass ein Gärtner in ihm steckte. Nicht jeder hatte einen Gärtner in sich, erklärte sie, wenn man sie fragte, aber Diana erkannte einen, wenn sie ihn sah.
Manche Menschen konnten an einem Garten vorbeigehen, ohne ihn überhaupt zu bemerken, selbst wenn er der schönste Ort der Welt war. Andere bewunderten die Ordnung oder kommentierten die viele Arbeit, die es bedeutete, die Beete unkrautfrei zu halten. Das waren keine Gärtner. Ein Topf mit Stiefmütterchen machte einen noch lange nicht zu einem Gärtner, dachte sie immer. Nein, ein Gärtner war jemand, der sehen konnte, wo die Farbe hingehörte, wie ein Künstler.
War dieser junge Mann ein Künstler? Vielleicht. Doch was für Diana den Ausschlag gegeben hatte, war, dass er den Anschein machte, als wünschte er sich, irgendwo dazuzugehören. Er wirkte verloren, fehl am Platz, wie ein Außenseiter auf einer Party, der die anderen Gäste beim Tanzen, Lachen und Plaudern beobachtete, während er insgeheim hoffte, jemand würde ihn auffordern mitzumachen. Vielleicht konnte Moongate ein Ort für ihn sein, an dem er sich für eine Weile niederlassen und seine Gedanken ordnen konnte – Gedanken, die – da war sie sich sicher – chaotisch in seinem Kopf umherwirbelten. Und sie wiederum konnte einen Teil des Gartens in Ordnung bringen lassen. Sie würden beide profitieren, und das gefiel Diana.
Das Gärtnerhäuschen hatte sie gleichzeitig mit ihrem eigenen Haus herrichten lassen, also gab es dort für ihn nicht viel zu tun, damit er den Sommer über einziehen konnte.
Alles, was Diana jetzt noch erledigen musste, war, den Brief abzuschicken. Er war von ihren Anwälten aufgesetzt worden, und es fehlte nur noch ihre Unterschrift auf dem teuren Papier.
Es war an der Zeit, dachte sie, als sie nach ihrer Begegnung mit Simon zurück ins Torhaus ging. Er war das erste Anzeichen dafür, dass die Dinge ins Rollen kamen – und ein Bonus war, dass ihr Hund Trotzki nicht versucht hatte, ihm in die Waden zu beißen. Trotzki ertrug keine Falschheit, und Diana verließ sich immer auf seinen Instinkt, wenn es darum ging, andere Menschen einzuschätzen. Er sah aus wie ein typischer Highland-Terrier, wie er auf Kalendern oder Dosen mit schottischen Butterkeksen abgebildet war, aber er hatte das Temperament von Leon Trotzki, der sich leicht Feinde machte und nur wenigen vertraute. Für Diana war er der perfekte Hund.
Sie erinnerte sich an den Garten, als er noch wunderschön gewesen war. Als Laternen darin hingen und Musik die Nacht erfüllte. Als der Duft von Jasmin Liebe versprach und alles möglich erschien. Vielleicht konnte der Garten mit ein bisschen Arbeit zu seinem früheren Glanz zurückfinden? Wenn man sich um den Boden kümmerte und den bestehenden Pflanzen etwas Aufmerksamkeit schenkte, sollte es nicht allzu viel Geld erfordern, um ihn zumindest wieder einigermaßen in Form zu bringen.
Diana setzte sich an den kleinen Schreibtisch im Wohnzimmer des Torhauses und nahm den Brief aus der braunen Mappe, die ihr Anwalt ihr geschickt hatte. Sie überflog den Text, dann nahm sie ihren Füllfederhalter und setzte ihre Unterschrift darunter.
Sobald der Empfänger diesen Brief erhielt, würde Moongate Manor nicht mehr ihr gehören.
***
Diana – 1960er-Jahre
Die Band im Garten spielte sich ein. Diana Graybrook-Moore konnte hören, wie sie den aktuellen Hit »Sailor« von Petula Clark anstimmten, während sie sich langsam in ihrem neuen Kleid drehte und leise die Melodie mitsummte. Das Kleid war perfekt für ihre Party: aus blass pfirsichfarbenem Georgette mit einem asymmetrischen Träger, der über eine Schulter verlief und sich zu einer lässig eleganten Schleife binden ließ – oder auch als Schal um den Hals getragen werden konnte. Es war vollständig gefüttert, und der zarte Seidenstoff schmiegte sich an ihren schlanken Körper. Über dem Bardot-Ausschnitt schimmerte ihre leicht sonnengebräunte Haut im Licht des Sommers.
»Du siehst wunderschön aus, Liebes«, sagte ihre Mutter Lillian, deren graues Hartnell-Kleid trotz des Spitzenoberteils im Vergleich dazu schlicht wirkte.»Danke, Mutter, und danke, dass ich nach London fahren durfte, um das Kleid auszusuchen«, sagte Diana und gab ihrer Mutter einen seltenen Kuss auf die Wange.
Lillian schien bei der Berührung der Lippen ihrer Tochter auf ihrer pudrigen Haut zusammenzuzucken, aber Diana nahm es nicht persönlich. Ihre Mutter und ihr Vater verstanden Dianas Bedürfnis, ihre Zuneigung zu zeigen, nicht. Es sei eine Selbstverständlichkeit, dass man einander wohlgesonnen sei, hatte ihr Vater einmal zu ihr gesagt, als sie versucht hatte, ihn zu umarmen.
Edward Graybrook-Moore war so förmlich und geradlinig, wie es ein Mann seiner Herkunft und Klasse sein sollte – kein Mann großer Emotionen. Nur einmal hatte er das Bedürfnis verspürt, zu weinen: als Lillian Diana zur Welt gebracht hatte. Lillian war damals dreiundvierzig Jahre alt gewesen, Edward fast fünfzig. Vor Diana hatte Lillian zehn Jahre lang immer wieder Fehlgeburten erlitten, und die Vorstellung, dass Moongate Manor nicht in der Familie bleiben würde, hatte ihn mehr geschmerzt, als er seiner Frau je gesagt hatte.
Als Lillian merkte, dass sie wieder schwanger war, hatte Edward sie gezwungen, vom ersten bis zum letzten Tag im Bett zu liegen – mit den Beinen in einer Vorrichtung, die er selbst gebaut hatte und die wie eine Miniatur-Hängematte aussah. Lillian hatte sich nicht gegen ihren Mann aufgelehnt, denn sie hätte den Anblick des Bluts nicht noch einmal ertragen und hatte so sehr gehofft, dass es diesmal gut gehen und sie das Baby behalten würde.
Als die kritische Phase der vorherigen Fehlgeburten überschritten war, erlaubte Edward ihr, ein paar Stunden außerhalb des Betts zu verbringen, in denen sie sitzen und leichte Dehnübungen machen durfte – aber nichts weiter.
Am Tag, an dem Diana geboren wurde, war Vollmond, und so nannten sie sie natürlich nach der römischen Göttin der Jagd. Jetzt jagten Edward und Lillian nach einem Ehemann für Diana. Sie war achtzehn, und ihre Eltern wollten nicht, dass sie mit den gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte wie sie, die erst spät geheiratet und sich dann so schwer getan hatten, eine Familie zu gründen.
Als Lillian Edward geheiratet hatte, war sie fünfunddreißig Jahre alt gewesen und hatte gedacht, ihre Zeit sei vorbei. Sie war keine schöne Frau und dazu schüchtern, was bedeutete, dass sie nicht gerade zu den begehrtesten Debütantinnen gehört hatte. Sie hatte keinen Verehrer und bereits mit fünfundzwanzig Jahren als alte Jungfer gegolten. Zehn Jahre später war sie praktisch als unvermittelbar abgestempelt worden – bis Edward Graybrook-Moore, der einige Zeit in Indien gelebt hatte, nach England zurückgekehrt war, um eine Frau zu suchen, die weder albern noch oberflächlich und noch im gebärfähigen Alter war.
Edward konnte Dummköpfe nicht ausstehen, und manche sagten sogar, seine Arroganz kündige ihn schon zwanzig Schritte vor seinem Eintreten in einen Raum an. Doch Lillian, die mit einem herrischen Vater und einer willensschwachen Mutter lebte, nahm einfach an, dass dies die normale Dynamik einer Ehe sei.
Bevor Lillian und Edward geheiratet hatten, war Moongate Manor unbewohnt gewesen, doch sie nahm sich seiner mit dem Elan einer Frau an, die endlich ihre eigenen Entscheidungen treffen konnte. Als Diana schließlich in ihr Leben trat, war das Haus gut geführt und Lillian so zufrieden, wie sie nur sein konnte – zufriedener noch, sagte sie sich oft. Sie verzieh Edward all seine Launen und schroffen Worte, denn sie hatte ein kleines Mädchen und ein Haus mit Blick auf das Meer.
Jetzt würde gleich die Feier zu Dianas achtzehntem Geburtstag in den Gärten von Moongate beginnen.
Lampions hingen in den Bäumen, eine Tanzfläche war aufgebaut, und das kleine Orchester war angewiesen worden, nichts Schnelleres als einen Foxtrott für die Gäste zu spielen. Kellner servierten frische Austern von Holy Island. Es gab einen Tisch mit kaltem Braten und Salaten sowie ein Dessertbuffet mit sämtlichen von Dianas Lieblingssüßspeisen, darunter Himbeergelee mit Eiscreme, Vanilletörtchen und Kokosnusskuchen.
Es sollte perfekt werden – abgesehen von der Wahl der Band und dem Verbot moderner Tänze.
Diana hatte versucht, ihren Vater umzustimmen, aber er hatte gesagt, er habe Prinzessin Margaret eingeladen, und dass sie möglicherweise mit ihrem neuen Ehemann komme. Diana hatte gedacht, dass wohl niemand lieber ein wenig Swing getanzt hätte als Prinzessin Margaret, aber sie wusste es besser, als mit ihrem Vater zu streiten. Er behielt immer das letzte Wort.
Punkt sieben Uhr kam Diana die Treppe hinunter, um sich von ihrem Vater die Moongate-Perlen überreichen zu lassen. Die Perlenkette war seit Erbauung des Hauses in Familienbesitz und für Eliza, die erste Herrin von Moongate, entworfen worden: Sie bestand aus 140 tahitianischen Perlen und einem in Gold eingefassten Saphir aus Kaschmir.
Es war eine außergewöhnliche Halskette, wahrscheinlich zu außergewöhnlich, um sie mit einem Kleid von Harrods zu tragen, dachte Diana, während ihr Vater sie ihr um den Hals legte. Aber es war Tradition, und Diana war mit genug Erwartungsdruck aufgewachsen, um selbst zu einem gesellschaftlichen »Diamanten« geformt worden zu sein.
Die Band hatte zu spielen begonnen, und die Stimmen der Gäste drangen aus dem Garten bis ins Haus.
»Alles Gute zum Geburtstag, Diana. Wir hoffen, du hast einen wundervollen Abend«, sagte ihr Vater förmlich, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Ihre Mutter nickte. »Das wünsche ich dir ebenfalls.« Und in einer unerwarteten Wendung der Ereignisse beugte sie sich vor und küsste erst ihren Mann auf die Wange und dann Diana.
»Lasst uns ein Glas Champagner trinken. Es wird Dianas erstes sein«, sagte ihre Mutter, als sie durch die Türen des eleganten Wohnzimmers auf die Treppe zum Garten hinaustraten.
Diana lächelte, während sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnten.
Wie wenig ihre Mutter sie doch kannte, dachte sie, als sie die Stufen in den Garten hinabstieg – fest entschlossen, sich zu betrinken und ihre Unschuld zu verlieren.
