Sommernächte auf Sylt - Stephanie Jana - E-Book

Sommernächte auf Sylt E-Book

Stephanie Jana

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Beschreibung

Sommernächte auf Sylt. Das Meer rauscht, die Sterne funkeln. Und zwei Freundinnen finden die große Liebe …

Mit ihrer kleinen Agentur plant Suse die schönsten Veranstaltungen auf ihrer Heimatinsel Sylt. Auch ihr neuestes Event soll etwas ganz Besonderes werden: ein gemütliches Strandfestival mit hübschen Buden und Livemusik bei Sonnenuntergang. Zum Glück hat sie ihre beste Freundin Lia an ihrer Seite, die den Sommer auf Sylt verbringt und sie tatkräftig unterstützt. Doch nicht nur das Strandfestival bringt einige Aufregung, auch die Liebe sorgt für turbulente Tage: Suse geht der schweigsame Sänger Ben nicht mehr aus dem Kopf, und Lia begegnet Suses Bruder Bastian wieder, in den sie schon als Mädchen verliebt war. Und während die Sterne über der Nordsee funkeln und die Sommernächte leuchten, verändert sich das Leben der Freundinnen für immer …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 514

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Buch

Mit ihrer kleinen Agentur plant Suse die schönsten Veranstaltungen auf ihrer Heimatinsel Sylt. Auch ihr neuestes Event soll etwas ganz Besonderes werden: ein gemütliches Strandfestival mit hübschen Buden und Livemusik bei Sonnenuntergang. Zum Glück hat sie ihre beste Freundin Lia an ihrer Seite, die den Sommer auf Sylt verbringt und sie tatkräftig unterstützt. Doch nicht nur das Strandfestival bringt einige Aufregung, auch die Liebe sorgt für turbulente Tage: Suse geht der schweigsame Sänger Ben nicht mehr aus dem Kopf, und Lia begegnet Suses Bruder Bastian wieder, in den sie schon als Mädchen verliebt war. Und während die Sterne über der Nordsee funkeln und die Sommernächte leuchten, verändert sich das Leben der Freundinnen für immer …

Weitere Informationen zu

Stephanie Jana und Ursula Kollritsch

sowie zu lieferbaren Titeln der Autorinnen

finden Sie am Ende des Buches.

Stephanie Jana & Ursula Kollritsch

Sommernächte auf Sylt

Roman

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Originalausgabe März 2026

Copyright © 2026 by Stephanie Jana und Ursula Kollritsch

Copyright © dieser Ausgabe 2026

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich

Pflichtinformationen nach GPSR.)

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotive: © peppi18/iStock/Getty Images Plus; © Job Garcia/iStock/Getty Images Plus; © the_burtons/Getty Images; © Perfect Lazybones/Shutterstock; © Susanna Juers/Shutterstock; © FinePic®, München

Redaktion: Michelle Stöger

KS · Herstellung: ik

Satz: KCFG – Medienagentur, Neuss

ISBN 978-3-641-33227-3V001

www.goldmann-verlag.de

Für Lou, Nette und Kati – und alle, die sich mutig für die Liebe entscheiden.

Freundschaft – das ist wie Heimat.

(Kurt Tucholsky)

Prolog

Es ist noch ziemlich kühl an diesem frühen Morgen im April. Als Suse Petersen verschlafen aus der Agentur auf die Strandstraße tritt, weht ihr ein eisiger Wind um die Nase. Doch mit dem ersten tiefen Atemzug nimmt sie auch die salzig-raue Brise des Meeres wahr. Ein vertrauter Geruch, der nach Heimat schmeckt. Lächelnd atmet sie ein. Das ist Sylt, Sylt pur. Wie sehr liebt sie ihre Nordsee, ihre Insel und Westerland mit dem traumhaften Strand! Nur ein paar Hundert Meter weiter, hinter der Promenade, rauschen die Wellen.

Suse ist hier geboren, niemals hat sie woanders gelebt und kann sich gar nicht vorstellen, wie es ist, nicht immer von Wasser umgeben zu sein. Die See – mal rau, mal sanft – ist für sie wie ein Schutzwall vor den Stürmen des Lebens und hat ihr noch nie Angst gemacht. Wenn man wie sie auf einer Insel aufwächst, lernt man schon als Kind, mit den Gezeiten zu leben, die Richtungen des Windes zu deuten, das kommende Wetter zu erkennen und die Zeit nach dem Stand der Sonne zu bestimmen. Auch wenn der Himmel jetzt noch bedeckt ist und voller Wolken, soll es am Nachmittag aufklaren und ein sonniger Frühlingstag werden. Dieses Wechselhafte ist typisch für das hiesige Klima, und Suse ist überzeugt davon, dass das die Inselbewohner auch für das gesamte Leben abhärtet.

Sie schließt die Augen und gönnt sich einen winzigen Moment der Ruhe, ehe sie in ihren vollgepackten Arbeitstag starten muss. Am besten geht sie zuerst zu Bertas Kaffee Kutter. Gleich steht der wichtige Termin mit der Bürgermeisterin und den Leuten vom Stadtmarketing an, um die weitere Planung für das Summer of Love-Festival, das im August hier stattfindet und ihre Idee war, zu besprechen. Außerdem wird sie die Organisation übernehmen, das Festival ist gewissermaßen ihr »Baby«. So einen dicken Fisch hat sie noch nie an Land gezogen.

Suse seufzt und öffnet wieder ihre Augen. Ja, das ist gut. Ein langsamer Start in diesen Tag wird ihr helfen. Sie hat jetzt schon den frisch gebrühten Kaffeeduft in der Nase, und ihr Magen knurrt sofort bei dem Gedanken an etwas Warmes aus dem Ofen. Im Kutter, Bertas Büdchen mitten an der Westerländer Promenade, bekommt Suse nicht nur ausgezeichneten starken Kaffee, sie erfährt auch den neuesten Klatsch und Tratsch aus der Inselhauptstadt.

Berta Jansen und Suses Eltern kennen sich schon ewig. Vor allem seitdem ihre brasilianische Mutter Sophia ihren Vater Kurt vor gut zwanzig Jahren verlassen hat, steht Berta ihm als treue Freundin zur Seite.

Vielleicht hat sie sogar schon ein neues Blech ihres berühmten Kirschkuchens fertig, denkt Suse hungrig. Dann wäre er sogar noch ofenwarm, und sie die Erste an diesem Tag, die ihn kosten dürfte. Bei dem Gedanken an den saftigen Kuchen vom Blech läuft ihr das Wasser im Mund zusammen. Also los!

Sie schließt den Reißverschluss ihrer neuen grasgrünen Bomberjacke bis obenhin, schmeißt ihr Handy in die Umhängetasche aus gelbem Cord – sie steht total auf klare Mode sowie knallige Farben – und läuft zügig zur Strandpromenade. Die Möwen kreisen und begrüßen sie über ihr am Himmel, ebenso bereits auf der Suche nach Futter, und das aufgewühlte Meer vor ihr wünscht Suse auch einen guten Morgen, davon ist sie überzeugt.

Fast am Kaffee Kutter angekommen, sieht sie Berta schon von Weitem mit dicker Wollmütze, Rollkragenpullover und darüber einem gebundenen Matrosentuch geschäftig ihre Bude vorbereiten. Das Dach des Kutters, im Grunde eine Mischung aus Café, Imbiss und Kiosk, ist ein umgedrehtes blaues Schiff mit Fahnen, das Suses Vater vor Jahren für Berta gebaut hat. Ein beinahe lebensgroßer Matrose aus Holz mit Elbsegler auf dem Kopf, Pfeife im Mund und Ankertattoo am Oberarm steht einladend davor, hält die Karte in der Hand, mit allem, was es hier gibt: Kirschkuchen, Backwaren, wechselnde warme Snacks, frische Fischbrötchen, Kaffee, Tee, kalte Getränke, Bier und Sekt, die wichtigsten Zeitungen, ein paar Magazine, Souvenirs, Karten, Briefmarken und Süßigkeiten für die Kinder. Suse muss schmunzeln. Hartnäckig bietet Berta nach wie vor ein vielfältiges Postkartensortiment an, auch wenn die Zahl der schreibenden Urlauber von Jahr zu Jahr weniger zu werden scheint, wie sie immer wieder wehmütig betont. Der Kutter ist nämlich auch Post- und Paketannahmestelle, was Suse praktisch findet. Und überhaupt: Er ist einfach der beste Treff, nicht nur für Touristen, sondern vor allem für Einheimische zum Schnacken und für kurze Pausen. Und auch Suse und ihr Team von Sylt-Events mit Herz, allen voran ihre Festangestellten, Annemarie und Matteo, verbringen hier viel Zeit. Ein bisschen ist es bei Berta wie in einem zweiten Zuhause. Mit ihrer ruppig-herzlichen Gastfreundlichkeit nimmt sie die Menschen, wie sie sind, und genau deshalb fühlen sich alle bei ihr so ausgesprochen wohl.

»Moin«, begrüßt Berta sie jetzt, während sie tatsächlich ein Kirschkuchenblech mit dicken Streuseln auf die Ablage stellt, das sie eben direkt aus dem Ofen geholt haben muss.

»Moin, Berta«, grüßt Suse zurück und lehnt sich mit den Ellenbogen auf die Theke der Bude. »Na, wie geht’s? Ganz schön frisch heute Früh, was? Wird Zeit, dass der Frühling kommt.«

Berta nickt bestätigend. »Das kannste laut sagen, der Sturm vergrault mir noch die letzten Gäste hier. Bei dem Wetter tauchen alle lieber in der Sylter Welle ab oder gehen in die Läden shoppen, zum Glück soll es später aufklaren.«

Suse grinst. Berta ist so etwas wie der Wetterfrosch der Insel. Sie spürt jede Luftveränderung und scheint zugleich alle Wetter-Apps parallel auf ihrem Handy auszuwerten. Weiß der Geier, wann sie das noch schafft!

»Ja, denke ich auch. Und? Hast du einen Kaffee für mich?«, fragt Suse lächelnd.

Berta grinst zurück und wischt sich mit dem Ärmel eine rote Locke aus der Stirn. »Logisch, und was für einen, zum Tote aufwecken. Mit Hafermilch wie immer? Und ’nen frischen Kirschkuchen zum Frühstück? Nix für die Hüften, aber was für die Seele! Hatteste lange nicht, oder, das allererste Stück? Und du weißt doch, wie es heißt …« Bevor sie mit bedeutendem Tonfall weitersprechen kann, unterbricht Suse sie amüsiert: »Jaja, ich weiß, du versteckst jedes Mal genau einen einzigen Kirschkern irgendwo im Teig, und wer den in seinem Stück findet …«, jetzt stimmt Berta mit ein wie in einem Duett, »… trifft auf die große Liebe!«

Suse muss lachen und sich gleichzeitig beherrschen, nicht die Augen zu verdrehen, als sie den Satz zu Ende führt, schließlich will sie Berta nicht verletzen. Denn diese ist chronisch abergläubisch und von ihrer Alltagsmagie ernsthaft überzeugt. Wird aber auch nicht müde, das jedem zu jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit zu erzählen oder irgendwelche Voraussagen kundzutun.

»So isses, Kindchen«, murmelt Berta zufrieden, zwinkert und streut Puderzucker über den Kuchen, der sofort in die weichen warmen Streusel einzieht.

»Okay, also wir machen es so: Hafermilchkaffee und Kirschkuchen für mich. Und bitte fünf Croissants in der Tüte für die anderen. Die nehme ich später in die Agentur mit. Ich setz mich schon mal«, sagt Suse, hört noch Bertas »Jo«, dreht sich um und hockt sich an einen der Bistrotische aus Aluminium, die mit jeweils vier Stühlen und karierten Kissen für die Gäste Sitzgelegenheiten vor dem Kutter bieten. Suse lauscht, wie Berta hinter ihr mit Geschirr hantiert und die Kaffeemaschine zischt. Um sie herum erwacht die Westerländer Promenade langsam zum Leben. Die Läden öffnen, und die Besitzer fahren ihre Ständer scheppernd auf die Straße, die ersten Joggerinnen laufen am Ufer entlang, und einige Familien in wind- und wetterfester Kleidung sind auch schon unterwegs zu einem Spaziergang oder Ausflugsziel.

Wenig später bringt Berta auf einem blau-weiß gestreiften Teller zwei herrlich duftende Stück Kirschkuchen und in einer großen dickbauchigen Tasse den Milchkaffee mit Kakaopulver auf dem Schaum. Die Tüte mit den Croissants hat sie ebenfalls auf ihrem Tablett dabei.

»Hier, lass es dir schmecken, min Deern, steckt viel Liebe drin«, behauptet Berta zwinkernd und stellt die Sachen auf Suses Tisch. Dann stemmt sie ihre Arme in die Hüften. »Und, hat Lia zugesagt? Kommt sie?«

»Hmmm … Danke, sieht toll aus! Tja, also, ich hoffe es wirklich sehr! Lia will sich ihre Kündigung erst noch bestätigen lassen und hat mich um Bedenkzeit bis zum Wochenende gebeten. Ich könnte ihre Hilfe so gut gebrauchen für das Festival! Ich würde ihr die Couch bei mir im Büro anbieten, da könnte sie schlafen, wäre kein Ding. Und ihr würde es nach dem ganzen Stress mehr als guttun, aus Hamburg rauszukommen. Außerdem haben wir uns viel zu lang nicht mehr gesehen. Sie fehlt mir sehr. Drück bitte die Daumen!«

»Mach ich, würde mich auch freuen, die Lütte mal wiederzusehen«, antwortet Berta. Suse nickt und schmunzelt über das Wort. Dann verrührt sie genussvoll mit dem Löffel Schaum, Kakao und Kaffee, bevor sie einen großen Schluck nimmt. Sofort breitet sich die Wärme in ihrem Bauch aus und verteilt sich sanft im ganzen Körper.

»Und sonst, wie geht’s dir?«, will die Kutterchefin wissen und sieht sie mit ihren hellblauen, durchdringenden Augen und den sympathischen Krähenfüßen drum herum an.

Typisch, man kann ihr selten etwas vormachen, und Small Talk langweilt Berta bei ihren Lieben. Sie ist aber auch für Suse mit den Jahren eine wirklich mütterliche Freundin geworden, nachdem ihre eigene Mutter damals in ihre Heimat Brasilien zurückgegangen war. Auf der Stelle wird sie ein wenig traurig, meistens versucht sie, das Gefühl zu verdrängen, aber manchmal funktioniert es nicht.

»Ach, ich weiß nicht. Das Festival und seine Vorbereitung fordern meine gesamte Kraft, Zeit und Aufmerksamkeit, es ist sooo viel zu tun! Ich weiß gar nicht, wie ich das alles schaffen oder den Sommer überstehen soll. Aber ich freu mich natürlich wahnsinnig über diese Aufgabe, klar! Und dann, weißt du …«, Suse stockt kurz. Sie hat einen richtigen Kloß im Hals, sucht nach den passenden Worten, gibt sich aber einen Ruck. »Seit einiger Zeit fühle ich mich ziemlich einsam, irgendwie unzufrieden und eine … ich weiß nicht … eine bisher nie gekannte Sehnsucht kommt immer wieder in mir hoch. So als wüsste ich gar nicht mehr, ob das alles gewesen sein soll, also das alles hier, ob das für ein ganzes Leben reicht …« Sie schluckt und senkt schnell ihren Blick, damit Berta nicht sieht, dass Tränen in ihre Augen steigen.

Diese legt sanft ihre raue Hand auf Suses Kopf, tätschelt ihr den schwarzen Bob; die dunklen Haare und zierliche Figur hat sie von Sophia geerbt, den blassen Teint und die grünen Augen von Kurt, ihrem auf Sylt geborenen Vater.

»Schon gut, ich verstehe. Es wird, Kindchen, hab Geduld mit dem Leben. Pass bloß auf dich auf, ne, dass du mir nicht umkippst irgendwann vor lauter Arbeit. Die eigene Gesundheit darf man für nix und niemand aufs Spiel setzen. Und nu iss endlich den Kuchen, solang er warm ist. Da schmeckt er am besten!« Sie blickt Suse aufmunternd an, die beiden Frauen wechseln einen liebevollen Blick. Dann verschwindet Berta wieder hinter der Theke, wo inzwischen schon zwei weitere Kunden warten und ungeduldig nach ihr rufen.

Suse seufzt. Ja, sie muss ruhig bleiben, Vertrauen haben und Schritt für Schritt weitergehen … Aber manchmal hätte sie einfach gerne jemanden an ihrer Seite, der nur zu ihr gehört, der sich wirklich für sie interessiert, sie fest im Arm hält, bei dem sie weinen und mit dem sie lachen, sich zeigen kann, wie sie ist, ohne sich verstellen zu müssen. Immerhin ist sie jetzt Ende dreißig und viel zu lange allein.

Doch nun schiebt Suse die trüben Gedanken davon wie der Wind die grauen Wolken über ihr – weg damit! Sie hat heute noch viel vor und braucht ein starkes, überzeugendes Auftreten. Dann beißt sie herzhaft in ihr erstes Stück Kuchen.

Ein Anruf des Stadtbüros fünfzehn Minuten später unterbricht ihr Frühstück bei Berta. Die anstehende Sitzung zur Festivalplanung muss vorverlegt werden, weil die Bürgermeisterin einen wichtigen Termin am Mittag wahrnehmen muss. Suse bestätigt die neue Uhrzeit, trinkt schnell ihren Kaffee aus, schnappt sich ihre Tüte und lässt das übrige Viertel des Kirschkuchens liegen, sie muss sofort los. Teller und Tasse stellt sie auf die Theke, legt zwanzig Euro dazu und verabschiedet sich eilig: »Rest ist für dich! Die Arbeit ruft, ich hau ab. Dein Kuchen war himmlisch – wie immer! Wir sehen uns, mach’s gut!«

»Jo denn, tschüss, Suse«, sagt Berta heiter und winkt ihr zu.

Beim allerletzten Blick auf ihren Teller wird Suse jedoch stutzig, weil sie meint, etwas Dunkles, Rundes im hellen Rührteig des Reststücks erkennen zu können. Tiefrot, oder eher braun, und einige Millimeter kleiner, als die darauf großzügig verteilten Kirschen unter den Streuseln. Ist das etwa …? Sie kneift die Augen leicht zusammen, um besser sehen zu können, aber als Berta einem der Stammgäste lachend zuruft: »Mensch, du Dödel, heute biste aber spät, fast neun schon! Wirste etwa tüttelig, oder wie?«, wird Suse in die Realität zurückkatapultiert.

Kern hin oder her, sie kann sich jetzt nicht darum kümmern, wenn ein ganzes Festival von ihr abhängt und ihre To-do-Liste gefühlt so lang ist wie der Amazonas!

Außerdem glaubt sie an diesen Hokuspokus ja sowieso nicht.

I. Teil – Festivalfieber

Nächster Halt: Inselsehnsucht

Lia hat das Gefühl, als ob sich Juniwind, Salz, Sonne und Himmel vermischen zu etwas, das man greifen kann. Jetzt zur Mittagszeit ist die Stimmung warm und bezaubernd, wie helles Gold. Nach dieser anstrengenden Fahrt samt Verspätung in dem übervollen Zugabteil, fühlt sie sich wie befreit. Blinzelnd schaut sie sich um. Sie kann es selbst noch nicht fassen, dass sie es getan hat: Ihren Job in Hamburg gekündigt, um endlich wieder durchzuatmen, zu sich zu kommen und Suse beim Summer of Love-Festival unter die Arme zu greifen.

Vor ihr liegt die Friedrichstraße, Sylts beliebte Fußgängerzone. Menschen schlendern ihr fröhlich lachend entgegen. Ein Junge trägt ein neongelbes Riesenkrokodil unter dem Arm, am Meer das Normalste von der Welt. Ein Pärchen kauft sich Eis, verliebt tippen sie die Kugeln aneinander, Erdbeere trifft Schoko. Das passt, denkt Lia. Sie schlängelt sich durch die Reihen an Touristen. Als eine Gruppe Teenager an ihr vorbeigeschlurft ist, hat sie endlich beste Sicht. Da unten, rechts, kurz vor dem steinernen Durchgang, der zur Promenade führt, ist Suses Eventagentur. Obwohl sie ewig nicht auf der Insel war, könnte sie sich blind orientieren, wie eine Traumwandlerin. Sie spürt, wie ihr Herz einen Takt schneller schlägt, automatisch beschleunigt Lia ihren Schritt, den großen Koffer mit den fast platzenden Nähten zieht sie scheppernd hinter sich her. Sie hat keine Ahnung, welche von ihren schicken Hamburger Klamotten, die sie täglich in dem riesen Medienkonzern getragen hat, sie überhaupt für den Sommer auf Sylt und den Job hier brauchen wird. Natürlich hat sie auch Jeans, Shirts und legere Sachen eingepackt, für ihren persönlichen Neustart auf der Insel. Etwas, über das sie nicht weiter nachdenken möchte. Denn wie ihr Leben nach diesen Wochen aussehen wird, weiß Lia absolut nicht. Was sie, und da muss sie sich über sich selbst wundern, erstaunlicherweise gar nicht so schlimm findet. Gerade sie, die in den vergangenen Jahren jeden Tag mindestens zehn Stunden ihr Organisationstalent in den Dienst ihres Arbeitgebers gestellt hat. Schließlich gibt es Übergangsklamotten, wenn das Wetter weder warm oder kalt ist, Übergangsmänner nach langen Beziehungen, die meistens nicht bleiben, also warum sollte es nicht auch Übergangszeiten für berufliche Veränderungen geben und für das Leben überhaupt?

Heute zählt nur das Hier und Jetzt, wie es in all diesen Ratgebern und Workshops so schön heißt, die sie immer wieder besucht hat, bisher ohne durchschlagenden Erfolg. Irgendetwas muss der ganze Aufwand doch gebracht haben, sagt sie sich und merkt, wie sich mit jedem Schritt die Vorfreude auf Suse warm in ihr ausbreitet. Denn am allermeisten freut sie sich auf das Wiedersehen mit ihrer Herzensfreundin seit Kindertagen, auf Berta, Kurt, den Kutter und natürlich auf Sylt selbst, den Wind und das Meeresrauschen, das sie schon als junges Mädchen glücklich gemacht und lebendig hat fühlen lassen. Was für eine Wahnsinnskombi, da können die ganzen Achtsamkeitsgurus in der Hansestadt nicht mithalten.

Aufgeregt läuft sie weiter, ihr offener Trenchcoat wird immer wieder nach hinten geweht, was ihr einen fast schreitenden Gang verleiht. Kurz vor Suses Büro, das von außen mit dem großen Schaufenster und den schmiedeeisernen Streben immer noch aussieht wie ein Ladenlokal, hält Lia an. Sie zieht den pinken Riesenstrohhut aus der Seitentasche des Koffers, beult ihn aus und setzt ihn sich geübt auf. Darunter nestelt sie ihre langen haselnussbraunen Haare hervor, die ihr in lockeren Wellen über die Schultern fallen, jetzt noch die Pilotensonnenbrille, und fertig ist der edel-schicke »Syltlook à la Sansibar«.

Als sie die Tür aufdrückt, ertönt eine Schiffssirene, gefolgt von Möwenrufen. Das dumpfe »Huuup-Huuup« und fröhliche Gekreische erfüllt sofort den kleinen Raum. Lia weiß nicht, ob es diese Klänge sind oder die Aussicht, ihre Freundin in wenigen Sekunden wiederzusehen, jedenfalls beginnt ihr Herz fröhlich zu hüpfen, was ihr für einen Augenblick die Luft nimmt. Suse steht von ihrem Schreibtisch auf und kommt auf sie zu. »Moin, was kann ich für Sie tun?« Neugierig mustert sie die vermeintliche Touristin. Offensichtlich funktioniert die Maskerade! Yes! Lia kann ihre Freude kaum verbergen, schon als Kind hat sie es geliebt, Suse mit Kleinigkeiten reinzulegen – und das nicht nur am ersten April. Also kneift sie die Lippen zusammen, um nicht sofort loszuprusten. Sie schaut interessiert, zählt innerlich eins, zwei, drei … Doch dann hält sie es nicht länger aus, reißt sich Hut und Brille vom Kopf und fällt mit einem schreienden »Tadaaa!« ihrer ebenso laut »Nein! Duuu!« brüllenden Freundin um den Hals. Aus den Augenwinkeln sieht sie, wie draußen vor der halb offenen Tür Passanten neugierig stehen bleiben – derartige Ausbrüche sind die Friesen nicht gewöhnt und schon gar nicht in der Lautstärke. Es fühlt sich so was von richtig an, hier zu sein! Und sie erkennt, dass ihre Freundin genauso gerührt ist, als sie zärtlich über Lias Wange streichelt. Ganz sicher war das einfach perfektes Timing, Schicksal und eine klassische Win-win-Situation: Suse hatte Lia im April im passenden Moment angerufen, der Hilferuf war direkt bei ihr gelandet, und das zur rechten Zeit. Die Freundin hatte damals ernste Sorge, ob sie sich mit dem Westerländer Summer of Love-Festival, das an der Promenade, in der Innenstadt und am Strand zwei Wochen lang stattfinden wird, nicht völlig übernehmen würde. Für ein Event dieser Art benötigte Suse nämlich nicht nur ihre beiden festen Mitarbeiter plus Aushilfen, sondern ein größeres Team.

Na ja, und Lia in Hamburg zweifelte parallel daran, ob ihr ursprünglicher Berufswunsch »irgendwas mit Medien« noch der richtige Weg war. Jeden Abend fragte sie sich, ob sie am nächsten Morgen wieder einen ihrer unbequemen Pumps in diesen Medienmoloch setzen könnte, der ihre ganze Energie auffraß wie ein unbarmherziges Tier. Ob sie überhaupt der richtige Mensch für einen Vertriebsjob unter derartigem Leistungsdruck war, bei dem man keinen kreativen Spielraum hatte, nie an die frische Luft kam und Zahlen Endgegner und Erfolgswährung zugleich waren. Im Grunde hatte Lia die Nase gestrichen voll von der Branche und ihrem oberflächlichen Getue. Nach ihrem Gespräch war dann irgendwie alles ganz schnell gegangen, als ob Suse nur ein Streichholz an ihre Zündschnur gehalten hätte, die dann sofort Feuer fing. Lia hatte sich geschüttelt, Mut gefasst, sich aus Hamburg verabschiedet – und hier stand sie nun …

»Mein Gott, Lia, ich bin so froh, dass du da bist! Wie lange haben wir uns jetzt nicht gesehen, ist über zwei Jahre her, oder? Aber sag mal, warum bist du überhaupt schon hier? Du wolltest doch erst übermorgen anreisen. Ach, was red ich da, los, setz dich, komm in Ruhe an!« Nach einer gefühlten Ewigkeit entlässt sie Suse wieder aus ihrer Umarmung.

»Puh, Überraschung geglückt, was? Die Fahrt war der Horror, ich musste die Hälfte der Zeit stehen mit dem ganzen Zeug. Könnte jetzt echt einen starken Friesentee oder ein Wasser gebrauchen, aber noch viel dringender muss ich mal«, antwortet Lia und zwinkert der aufgeregten Suse zu, die mit roten Wangen und immer noch ungläubigem Blick vor ihr steht. Die Freundin übernimmt den Riesenkoffer und schiebt ihn zur Seite neben den Tisch. »Kennst du dich noch aus? Die Toilette ist auf dem Gang zum Hof, letzte Tür hinten links. Ich hol Wasser und Sekt gleich mit dazu, mal sehen, was ich noch Feines im Kühlschrank hab. Wir müssen unser Wiedersehen feiern! Fühl dich bitte wie zu Hause und nimm Platz.« Suse zeigt auf zwei erdbeerrote Designerstühle, die vor einem langen, weiß gestrichenen Schreibtisch für Kunden bereitstehen.

»Danke, Suse!« Sie eilt dankbar davon, während die Freundin in der kleinen Teeküche verschwindet.

Als Lia erfrischt ins Büro zurückkehrt, stehen zwei Gläser Sekt, Zitronenwasser sowie eine Schale mit Gemüsechips bereit. »Kannst du zaubern?«, fragt sie schmunzelnd.

»Und wie!« Strahlend blickt Suse sie an und winkt sie zu sich. »Na los, jetzt stoßen wir auf uns an!« Sie schüttelt grinsend den Kopf. »Ich hab dich wirklich null erkannt. Warst du nicht bei unserem letzten Zoom rotbraun? Und dann dieser Hut! Auch noch in Pink. Du hast vorhin original ausgesehen wie eine neureiche Tussi der Kampener Schickeria. Oder die Bardot in den Siebzigern.« Suse lacht, als Lia den Hut vom Tisch nimmt, auf den Koffer legt und sich mit wenigen Handgriffen die langen Haare mit einem Band zu einem wilden Dutt hochsteckt. So fühlt sie sich wieder mehr wie sie selbst.

»Tja, unterschätze niemals die Wandlungsfähigkeit einer waschechten Pinnebergerin«, witzelt Lia mit einem bedeutenden Augenaufschlag. Dann lässt sie sich stöhnend in den Stuhl fallen und streckt die Beine lang aus.

»Du Verrückte, hast mir echt gefehlt«, meint Suse zärtlich und grinst bis über beide Ohren, sodass ihre grünen Augen aufleuchten. Dieses Lächeln, das sich innerhalb von Sekunden über ihrem Gesicht ausbreitet, wenn sie glücklich ist, hat Lia vom ersten Tag an geliebt. Doch bevor sie jetzt zu melancholisch wird und am Ende noch an Oma Trude denken muss, die es nicht mehr gibt, ebenso wenig wie deren urgemütliches Reethäuschen mit dem knisternden Kohleofen – das mussten sie nämlich nach ihrem Tod verkaufen –, klatscht sie in die Hände und ruft: »Also, ich bin bereit! Wo brennt’s? Ich bin ja nicht zum Schnacken hier, sondern zum Arbeiten. Wie weit seid ihr mit der Orga? Wo fangen wir an? Bring mich mal auf den neuesten Stand. Wann erwartest du die Band, wie heißen die gleich, Summerbeat? Kennen wir den Sänger, diesen Ben, nicht von früher?«

»Ja stimmt, vom Sehen. Ben Rothe, er ist auf Sylt geboren, allerdings schon Jahre weg. Lebt inzwischen anscheinend in Berlin. Der war früher eher schüchtern, aber immer bei den Coolen am Strand, weißt du noch? Seine Jungs und er sind gerade ziemlich angesagt. Ich bin so happy, dass sie als Hauptact zugesagt haben! Das ist der Oberknaller!«, ruft Suse euphorisch.

»Find ich auch«, bestätigt Lia und nickt. Richtig stolz ist sie auf die Freundin, was sie sich hier aufgebaut hat. Vor Jahren hat Suse das zauberhafte Ladenlokal, mit den bodentiefen Fenstern zur Einkaufsstraße hin, zum Büro umgebaut und mit viel Engagement und Stil ausgestattet. Ihre Agentur Sylt-Events mit Herz ist mittlerweile mit den hübschen, geschmackvollen Details, Bildern vom Meer, Strand, ihren Sylter Lieblingsorten und Muscheln, frischen Blumen sowie passenden maritimen Accessoires für Suse und ihr Team ein richtiger Wohlfühlort und fast eine Art Zuhause geworden.

»Obwohl mir auch total mulmig ist bei der Riesennummer!« Suse schluckt. »Aber eins nach dem anderen. Dazu später mehr«, wehrt sie ab und hebt ihr Sektglas. »Erst trinken wir! Auf unser Wiedersehen, deine Zusage und einen richtig schönen, erfolgreichen Festivalsommer!«

Lia stößt mit an, das Klirren der Gläser klingt leicht und hell. Suse macht eine einladende Geste in den Raum. »Also, du kennst es ja, mein Reich. Viel hat sich nicht verändert seit deinem letzten Besuch. Wenn wir abends die Vorhänge zuziehen und das Schlafsofa ausklappen, hast du hoffentlich genug Platz. Im Garderobenschrank kannst du deine Sachen verstauen und ins Kabuff nebenan, wo der Kopierer steht, haben wir noch eine Kleiderstange reingestellt. Du weißt ja, das kleine Bad hinten raus hat auch eine Dusche, breite dich da ruhig aus. Küche und Innenhof kannst du natürlich mitbenutzen. Von da hörst du sogar die Brandung und die echten Möwen kreischen«, erklärt Suse und zeigt augenzwinkernd rüber zur Klingel.

»Wunderbar! Das ist alles fein für mich, ich brauch nicht viel. Fühl mich jetzt schon inselwohl. Weißt ja, bin eh Frühaufsteherin, bis jemand im Büro ist, habe ich längst aufgeräumt. Und zu wissen, dass du oben drüber in deiner Einzimmerbude schläfst, ist für mich total schön. Ich kann mir gerade nichts Besseres vorstellen«, erwidert Lia mit ehrlicher Vorfreude. Sie meint das auch so, in ihrem letzten Job hat sie sich oft gefragt, wo sie eigentlich als Mensch bleibt bei all dem Stress. An manchen Tagen kam sie sich eher vor wie eine lebendige Schaufensterpuppe oder Avatar-Frau, die man in schicke Klamotten gesteckt und auf Funktionieren programmiert hat, um eine Arbeit zu erledigen, die nichts, rein gar nichts, mit ihr zu tun hat.

Suse sieht erleichtert aus. »Das beruhigt mich. Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen, dass mein Apartment oben zu klein ist für uns zwei für einen Sommer. Aber ich versteh auch, dass du nicht bei Kurt unterschlüpfen wolltest. Die alten Kinderzimmer von Bastian und mir wirken wie aus einem anderen Jahrhundert.« Sie verdreht die Augen. »Bestimmt ist es auch für den Workflow um das Festival ideal, dass wir vor Ort zusammen und abrufbereit sind.«

»Genau. Ich meine es übrigens ernst: Meinetwegen können wir jederzeit anfangen. Sag mir, was ich tun kann.« Lia ist wieder voller Tatendrang. Doch Suse schaut entrüstet und schimpft: »Nichts da! Montag ist dein erster Arbeitstag, wie abgemacht. Bis dahin brennt hier nichts an. Du akklimatisierst dich schön langsam. Ich fühle mich verantwortlich für die Ressourcen meines Teams, und du gehörst nun zu uns. Guck dich nur an, wie dünn du geworden bist!« Ihr Blick wandert besorgt von Lias Kopf bis zu den Füßen. »Na ja, für dein leibliches Wohl wird Berta sorgen, die päppelt dich wieder auf. Die Gute kann es eh kaum erwarten, dich wiederzusehen.«

»Mach dir keine Sorgen, mir geht es prächtig.« So viel Fürsorge ist Lia fast unangenehm, sie ist es gar nicht mehr gewöhnt, dass sich jemand dafür interessiert, wie es ihr geht.

»Na dann, du musst mir jedenfalls alles erzählen, was es Neues gibt. Los, wir setzen uns raus, im Innenhof ist es viel netter«, sagt Suse, als könne sie ihre Gedanken lesen. »Dort können wir in Ruhe schnacken, bis wir Seemannsknoten in der Zunge haben.«

Lia lacht, solche bildhaften Vergleiche schafft sonst keine.

»Und später schnappen wir uns die Räder und fahren zu Kurt. Der wird Augen machen, dass du heute schon da bist. Weißt du, er macht mir etwas Sorgen im Moment. Er wirkt irgendwie verändert in letzter Zeit, aufgedreht und fahrig.«

»Kurt? Das passt gar nicht zu ihm.« Lia schaut erstaunt.

»Ja, stell dir vor, er hat sich kürzlich ein neues Handy bestellt, war beim Friseur und trägt jetzt Turnschuhe!«

»Sprechen wir tatsächlich von deinem Papa, dem kauzigen Seebären?«, fragt Lia mehr als amüsiert.

»Musst du dir selbst anschauen. Irgendetwas stimmt nicht mit ihm. Vielleicht kriegst du ja was aus ihm raus. Mir sagt er nix. Er mag dich doch so sehr und freut sich riesig, dass du jetzt bei uns bleibst.«

»Na, nur den Sommer über«, verbessert Lia.

»Wer weiß, vielleicht packt dich ja die große Inselliebe und du willst gar nicht mehr zurück aufs Festland – fast wie ich.« In Suses Blick bemerkt Lia plötzlich eine Traurigkeit, die ihr ebenso fremd ist wie die beschriebene Verwandlung von Kurt.

»Ach, du. Du gehörst zu Sylt wie die Seehunde zum Ellenbogen und der Leuchtturm nach Hörnum, so würdest du es ausdrücken, stimmt’s? Dich hat es noch nie weggezogen mit deiner Reisephobie.«

»Ja, ja, ich weiß, Suse und Sylt sind quasi wie siamesische Zwillinge hoffnungslos verbunden«, ergänzt die Freundin, aber Lia entgeht der leichte Sarkasmus in ihrer Stimme nicht. Sie hat zudem den Eindruck, dass Suses Gesicht sich noch etwas mehr verdunkelt. Bevor sie fragen kann, was los ist, springt diese plötzlich auf, nimmt die leeren Gläser und die Snackschale in die Hand und läuft in Richtung Flur: »Komm, Süße, lass uns endlich rausgehen. Ich hol schnell noch Nachschub!«

»Prima«, kann Lia gerade noch antworten, da ist die Freundin schon an ihr vorbeigerauscht. Wahrscheinlich hat sie sich getäuscht. Suse ist wirklich Sylterin durch und durch. Sie war noch nie länger als eine Woche von der Insel weg, selbst ihre bisherigen Urlaube waren maximal Städtereisen gewesen, die man problemlos mit Zug oder Auto unternehmen konnte. Denn einerseits hat sie schreckliche Flugangst, andererseits hat Lia aber den Verdacht, dass sie als versteckte Rebellion gegen Sophia, wie ein trotziges Kind, demonstrativ hierbleibt. Suses Mutter, zu der sie heute keinen Kontakt mehr hat, plagte nämlich stets das Fernweh. Schon als junge Frau hatte diese mit Begeisterung die ganze Welt bereist und alle möglichen Jobs dafür angenommen. Später überfiel sie dann allerdings mit Familie auf Sylt ein derart starkes Heimweh nach Brasilien, dass sie es nicht mehr aushielt und Kurt, Suse und deren Bruder Bastian verließ, sobald die Kinder erwachsen geworden waren. Zweifellos hat das ihre Freundin traumatisiert, und Lia weiß, dass ihre Mutter Suse insgeheim lange furchtbar gefehlt hat. Manchmal scheint es Lia, als hätte sich Suse irgendwann in den Kopf gesetzt, Sylt, den Vater, also ihre Heimat nie im Stich zu lassen.

Lia schiebt die Gedanken fort und folgt Suse in den Flur. An dessen Ende sieht sie schon die geöffneten Flügeltüren zum Hof. Die Sonne wirft ein helles Licht mit lustigen Sprenkeln auf die Schiffbaudielen. Es scheint beinahe, als würden sie tanzen. Sie geht weiter und findet sich schnell wieder zurecht. Suses langjährige Mitarbeiter Matteo und Annemarie im mittleren Büro sind derart beschäftigt mit Telefonieren und Tippen, sodass sie Lia gar nicht registrieren, als sie beim Vorbeigehen reinlugt und ihnen zuwinkt. Sie wird ihnen später Hallo sagen. Das winzige hintere Büro ist leer, die Aushilfen sind scheinbar ausgeflogen. Im Materialraum herrscht absolutes Chaos – die Festivalplanung läuft auf Hochtouren, das sieht man mehr als deutlich. Suse werkelt lautstark in der Küche, an der Lia jetzt vorbeikommt. Dann betritt sie den zauberhaften Innenhof, wo sie linker Hand eine gemütliche Sitzecke mit bunten Polstern und riesigem Sonnenschirm entdeckt, ein Blumenhochbeet rechts, süße Girlanden und Lichterketten umranden das Mauerwerk und den Bastzaun gegenüber, der ihres vom Nachbargrundstück abgrenzt. Ist das schön hier! Auf einmal ist Lia wie auf Knopfdruck glücklich. Bei Suse fühlt sie sich wieder jung und unbeschwert, leicht und abenteuerlustig. Sie wusste gar nicht mehr, dass sie das noch kann, sich einfach verdammt wohlfühlen in einem Moment, an einem Platz, mit einem Menschen.

Und es gibt keinen Ort auf der Welt, an dem sie in diesem Augenblick lieber wäre – als hier auf Sylt.

Hier kommt Kurt

»Darf ich euch mal kurz stören?«, unterbricht Annemarie in leicht genervtem Unterton am frühen Abend das angeregte Gespräch zwischen Suse und Lia. Die Mitfünfzigerin ist bei Sylt-Events mit Herz für Buchhaltung, Eventorganisation und Büromanagement zuständig. Wohingegen Suses guter Freund und zweiter Angestellter Matteo – keine dreißig und Italiener durch und durch – in seiner charmanten Art und mit seinem äußerst attraktiven Aussehen ihr Joker für Außenevents, Stagemanagement und schwierige Kunden ist. Ihn kann man wirklich überall einsetzen, er ist sehr beliebt, kommt in der Regel blendend an und kann meist sogar die miesepetrigsten Stinkstiefel bezirzen oder hartnäckigsten Probleme lösen. Annemarie und er ergänzen sich ideal. Suse ist unglaublich froh, dass sie beide hat und sich hundertprozentig auf sie verlassen kann.

»Klar, was gibt’s?«, fragt Suse, während Lia ihr bereits geistesgegenwärtig einen freien Stuhl zurechtrückt. Annemarie steht in praktischer Outdoorjacke, Rucksack und mit riesigem Fahrradhelm auf dem Kopf am Eingang zum Hof und winkt ab. »Nee, muss los, ist schon spät, hab noch einen Friseurtermin.« Als wäre ihr das peinlich, senkt sie den Blick, räuspert sich und kickt mit dem Fuß einen kleinen Stein von der Treppe zum Innenhof. Suse merkt, wie Lia ihr einen kurzen, irritierten Blick zuwirft, denn ansonsten geht Annemarie nie, wirklich nie zum Friseur. Ihre sehr feinen dunkelblonden Haare trägt sie lang, zum Mittelscheitel gekämmt, und schneidet sich nur einmal im Jahr selbst ein wenig die Spitzen. Suse zuckt in Richtung Lia mit den Schultern, diese verkneift sich ein Grinsen. Da räuspert sich die Mitarbeiterin erneut und sieht wieder hoch. »Ja, also, nee, deshalb … keine Zeit! Äh, Folgendes, Suse, dein Vater hat schon dreimal angerufen, dein Handy wäre aus, und du sollst nicht vergessen, dass er heute Abend für dich kocht. Halb sieben, es gibt Dorade und Nachtisch. Soll ich dir ausrichten«, fährt Annemarie sachlich und in deutlicher Ungeduld fort. »Wir haben schon fast sechs, also, müsstet ihr bald los, ne. Hab ihm nicht verraten, dass Lia da ist. So … ich bin dann jetzt auch weg – wie gesagt, Friseurtermin …« Setzt sie noch beschämt nach und versucht sich an einem Lächeln, das aber als Grimasse missglückt.

Suse greift sich an die Stirn. »Mensch, das Essen bei Papa! Hätte ich fast vergessen! Stimmt, da sollten wir wirklich bald aufbrechen. Ist Matteo eigentlich noch hier?«, fragt Suse schnell, bevor Annemarie sich umdrehen kann.

»Der ist jetzt weg, Termin mit dem Veranstaltungstechniker, wegen der Ton- und Lichtausstattung der Konzertbühnen. Von dort aus wollte er gleich nach Hause, ist ja schon spät«, klärt die Mitarbeiterin die Chefin auf.

»Ach, richtig«, erinnert sich Suse. »Okay, dann also los, lass dich mal richtig verschönern! Kommen ja ein paar wichtige Leute zum Festival auf die Insel, nicht …? Mach’s gu-hut!« Sie winkt ihr verschwörerisch zu.

Annemarie wird auf der Stelle puterrot, nickt, stammelt etwas Unverständliches und dampft ab.

»Tschüss, bis morgen!«, ruft Lia nur noch ihrem Rücken zu. Als sie außer Hörweite ist, dreht diese sich zu Suse und fragt neugierig: »Sag mal, was war das denn? Seit wann geht sie zum Friseur?«

Suse informiert Lia selbstverständlich immer regelmäßig über alles, was in der Agentur abgeht und somit auch über ihr Team und seine Marotten. So war sie in Hamburg auch bestens informiert und optimal vorbereitet für ihren Job diesen Sommer.

»Summerbeat!«, bringt es Suse trocken auf den Punkt.

Lia zieht die Augenbrauen verständnislos hoch. »Hä?«

»Ben Rothe hängt in ihrem Büro. Als Ganzkörperposter! Annemarie ist leidenschaftlicher Fan, ohne Witz. Dreht völlig am Rad, seitdem sie weiß, dass die Jungs bei uns spielen. Sie kennt alle Songs auswendig und steht total auf ihre Musik. Ich glaube, sie hat sogar einen Fanjutebeutel!«

»Ist nicht wahr! Und deshalb lässt sie sich die Haare machen? Dass Annemarie doch so viel …«, Lia sucht nach dem passenden Wort, »… Temperament hat! Stille Wasser sind tief, oder?«

Suse lacht. »Ja, wirklich, sie blüht seitdem richtig auf und meint nun, sie könne doch einen frischen Schnitt vertragen. Und wenn sie nun im Festivalsommer vielleicht häufiger auf die Band träfe, oder Journalisten, wäre ein neuer Look das A und O.«

»Warum hast du mir das nicht gesagt, Chefin, da wäre ich in Hamburg auch noch mal zu unserem liebsten Starfriseur in St. Georg gegangen! Ich wusste nicht, dass das zum Jobprofil gehört!« Lia löst ihr Gummiband und fährt sich gespielt affektiert durch die wippenden Wellen. »Da kann ich jetzt leider nicht mithalten.«

»Von wegen«, foppt Suse sie, »glaub nicht, du könntest dich deshalb vor der Nummer drücken! Jetzt bist du engagiert, tja, Pech.« Dann prusten beide los, bis sie aufspringt und hinzufügt: »Apropos drücken, Papa wartet, wir müssen uns beeilen.«

Suse muss aufpassen, dass sie und die Freundin sich nicht mit den Rädern gegenseitig in die Speichen fahren, denn zum einen beobachtet sie dauernd deren seligen Gesichtsausdruck, und zum anderen lässt Lia immer wieder zwischendurch die Hände vom Lenker los, um sie titanicmäßig auszubreiten und zu rufen: »Ich bin die Königin der Weeelt!«

Natürlich haben sie den Lieblingsweg über die Promenade von Westerland nach Wenningstedt zu ihrem Elternhaus genommen. Eine Strecke, die sie selbst nachts im Dunkeln schafft. Unzählige Male ist sie ihn in ihrem Leben schon gegangen oder geradelt, und doch erscheint es jedes Mal ein bisschen anders. Das Meer trifft links von ihnen rauschend auf den Strand, der Himmel, extra für Lia heute »blau-blau-blau«, wie diese nicht aufhört zu betonen. Und da ist dieses Licht, das die Landschaft, mal weiß, mal goldgelb oder wie jetzt in einen Orange-Mix einzuhüllen vermag. Solche Eindrücke hat sie schon länger nicht mehr an sich herangelassen; zwischen all der Festival-Orga haben Sommer, Sonne und Sylt bei ihr derzeit wenig Andockmöglichkeiten. Aber Lias Begeisterung, hier zu sein, öffnet auch Suses Herz für ihre Umgebung.

»Achtung, hier rechts!«, ruft sie ihr zu, als diese sich winkend beim Einbiegen von der Nordsee verabschiedet. »Keine Sorge«, versichert Suse schnaufend, »das Meer läuft dir nicht weg, nicht mal bei Ebbe. Versprochen.« Lachend tritt sie in die Pedale. Zeit fürs Abendessen, denn inzwischen hat sie richtig Hunger. Sie haben frische Fischbrötchen dabei, falls die Dorade für drei nicht reichen sollte, und Lia hat eine Flasche Korn aus Hamburg mitgebracht – beides liebt Suses Vater, und damit kann man ihn immer glücklich machen.

Vor ihrem Elternhaus bleiben sie stehen, Suse öffnet das Gartentürchen aus Holz, sodass erst Lia und dann sie selbst das Rad hindurchschieben können.

Die Freundin hält kurz inne und betrachtet mit strahlenden Augen Anwesen und Garten. »Viel zu lange war ich nicht mehr hier, du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich mich freue! Ist das schön!«

Und ob Suse das kann, immerhin geht es ihr heute ganz ähnlich. Sie lehnen die Räder von innen an Kurts Jägerzaun.

»Es hat sich echt nichts verändert, sieht genauso aus wie früher«, stellt Lia belustigt fest, während sie weiter alles genau inspiziert. Suse weiß, dass das Heim der Petersens ihr noch mehr bedeutet, als sie zugibt, denn sie ist früher wie ein Familienmitglied bei ihnen ein und aus gegangen. Bis sie fünfzehn wurde, war Lia immer, wirklich jede Ferien, bei ihrer Oma Trude zu Besuch gewesen, die auch in Wenningstedt, direkt um die Ecke, wohnte. Mittlerweile ist sie verstorben, und ihr Haus hat neue Eigentümer, sodass die Enkelin da leider keinen Anlaufpunkt mehr hat. So hatten sie sich damals nämlich kennengelernt, mit fünf oder sechs Jahren beim Spielen auf der Straße. Glückliche, unbeschwerte Tage waren das gewesen, und die Mädchen sind in dieser Zeit unzertrennlich geworden. Suse heulte immer Rotz und Wasser, wenn Lia wieder zurück nach Hamburg musste, und hatte tagelang Sehnsucht nach der Freundin. Und diese hatte jedes Mal ihre Eltern angefleht, ob sie nicht doch länger auf Sylt bleiben könnte, wer brauchte denn schon Schule? Tja, und dann hatte sich Lia auch noch irgendwann, sie musste vielleicht zwölf gewesen sein, unsterblich in Suses vier Jahre älteren Bruder Bastian verliebt. Der hatte sie natürlich kaum beachtet und die kleine Schwester und ihre Freundin die meiste Zeit mehr verarscht als ernst genommen, klar. Aber dennoch hatte Lia ihn von da ab lange und intensiv angeschwärmt, sie fand ihn einfach toll – Schluss, aus, da war nichts zu machen.

Suse muss lächeln bei dem Gedanken daran. Als jüngere Schwester fehlte ihr natürlich komplett das Verständnis, wie man ausgerechnet auf ihren nervigen, arroganten Bruder stehen konnte!

»Huhu, Erde an Suse?!«, ruft Lia und reißt sie aus ihren Erinnerungen. »Wo hab ich dich denn gerade hergeholt?«

»Aus alten Zeiten. Nicht wichtig«, meint Suse und hakt sich unter. »Also los, ich hab mega Hunger!« Wie auf Kommando knurrt prompt ihr Magen.

»Ja, lass uns klingeln.« Lia kämmt sich schnell noch mit den Fingern etwas die Haare, die vom Fahrtwind zerzaust sind. Dann gehen sie Arm in Arm über den gepflegten Kiesweg zur Haustür. Petersen steht auf dem gleichen handgeschriebenen, vergilbten Klingelschild wie vor dreißig Jahren. Suse spürt, dass Lia richtig aufgeregt ist, und hält sie noch etwas fester. Von drinnen hören sie, wie sich Kurts Schritte schlurfend nähern.

»Sag bloß, dein Vater trägt immer noch diese ollen, furchtbaren Filzpantoffeln wie früher?«, fragt Lia lächelnd.

»Exakt! Wahrscheinlich sogar dieselben.« Suse zuckt mit den Schultern. »Es gibt einfach Dinge auf Sylt, die ändern sich in hundert Jahren nicht! Wirst sehen«, erwidert sie.

Bevor Lia nachhaken kann, öffnet sich schon die schwere Haustür ruckelnd über den Steinboden. Eigentlich ist es ihre Freundin, die überrascht sein müsste, immerhin hat sie Kurt lange nicht gesehen, während Suse erst vor einer guten Woche hier war. Doch jetzt kriegen sie beide den Mund vor Staunen nicht zu: Vor ihnen steht eindeutig ihr Vater, doch außer den erwarteten Puschen ist er kaum wiederzuerkennen. Die Tochter bemerkt erstaunt seinen frisch gestutzten Bart samt Augenbrauen. Das für sein Alter noch ziemlich blondes Haar, mit weißen Strähnen durchzogen, sieht irgendwie anders aus – kürzer und modisch zurückgekämmt, da hat der Friseur wohl ganze Arbeit geleistet. Außerdem trägt er eine neue helle Hose mit frisch gebügeltem – allein das grenzt an ein Wunder – Kurzarmhemd in Hellblau, darüber seine Kochschürze. Die hat Berta ihm vor Jahren zu einem runden Geburtstag geschenkt, darauf steht der vom Waschen verblasste Spruch in Rot: »Alles in Butter an Bertas Kutter«. Wenigstens die erkennt Suse wieder.

Was ist in letzter Zeit bloß in ihn gefahren, das irritiert sie schon ziemlich, denn sonst hat er nie so viel Wert auf sein Äußeres gelegt.

Als Kurt Lia erkennt, weiten sich seine Augen verblüfft. »Neeee, hol mich der Klabautermann, Kinners Kinners, wen haste mir denn da mitgebracht?«, wendet er sich an Suse, sein Blick, der jetzt ins Strahlen übergeht, bleibt aber auf der Freundin hängen.

»Hallo, Kurt, Überraschung!«, ruft diese fröhlich und wirft sich ihm, seine Metamorphose unkommentiert lassend, sogleich in die weit geöffneten Arme.

»Mensch Lia-Mädchen, das ist aber schön, endlich biste mal wieder bei uns hier oben!«, begrüßt Kurt sie sichtlich gerührt. »Hättet ihr doch was gesagt, dann hätte ich einen Fisch mehr geholt!« Er drückt Lia fest an sich; sie umarmen sich lange und innig, dann ist Suse dran.

»Lia hat mich selbst überrascht, stand auf einmal in der Tür, stell dir vor, wie ’ne feine Dame aus Kampen«, erzählt sie heiter und beobachtet, wie ihr Vater nun die Freundin an den Schultern ein wenig zurückschiebt und eingehend begutachtet.

»Gibt’s in Hamburch nix zu essen? Oder zu viel Ärger in der Arbeit? Du hast ja fast nix mehr auf den Rippen!«, gibt er unumwunden zu bedenken.

»Mir ging’s länger nicht so gut, weißt du. Kein Appetit, zu viel Ärger. Haifischbecken sind wohl nichts für mich, hab gekündigt.«

Kurt, der die Geschichte schon kennt, nickt mitfühlend. »Jo, is dann wohl besser so, hm?«, sagt er und zieht Suse und Lia an den Händen, eine rechts, eine links, hinein ins Haus. »Nu flugs rein mit euch, wir wollen doch nicht draußen versauern!« Als er sieht, wie die beiden mit ihren Präsenten wedeln, beginnt er zu strahlen. »Habt ihr etwa Korn dabei? Herrlich, danke! Aber was wollt ihr denn mit den Fischbrötchen, traut ihr meinen Kochkünsten nicht?«

Suse beeilt sich, schnell zu antworten: »Für morgen, Papa, Frühstück«, da schnappt er sich auch schon beides und fordert sie auf, ihm zu folgen.

Nach dem leckeren Essen, das bei Kurts Mengenangaben – zwei Doraden pro Person – auch für vier Leute gereicht hätte, sitzen sie noch bei Wasser und Schnaps zusammen und plaudern über Gott und die Inselwelt. Inzwischen beginnt es draußen zu dämmern. Suse überlegt die ganze Zeit, was es mit seiner Veränderung auf sich hat und wie sie das Thema am geschicktesten ansprechen kann, da beginnt ihr Vater ohne große Überleitung: »Sagt mal …« Zögerlich fummelt er sein Smartphone aus der Hosentasche heraus. Er tippt seinen Code ein, dann öffnet er irgendetwas. »Habt ihr zwei eigentlich Erfahrungen mit Dating-Apps?« Er spricht das sehr deutsch eingefärbt aus – »Dahtingapps«.

Sie verschluckt sich heftig, spuckt den Rest Wasser wieder in ihr Glas, den sie gerade im Mund hatte. Auch Lia hebt überrascht den Kopf.

»Papa! Wie bitte? Was meinst du?«, fragt Suse verblüfft. Ungerührt fummelt ihr Vater weiter am Handy herum und scheint etwas zu suchen. Über Lias Gesicht zieht sich ein ahnungsvolles Grinsen, aber Suse ist überzeugt, dass sie sich verhört hat. »Na, verdammt, wo ist denn …? Ah ja, hier hab ich’s. Also, kennt ihr euch da aus? Ich bin für Tinder, Parship und Badoo. Die sind seriös und haben eine hohe Erfolgsgarantie. Elite Partner ist mir zu teuer. Außerdem, findet ihr etwa, ich gehöre zur Elite? Ob die das auch genau so meinen…«

»PAPA!«, fällt ihm Suse ins Wort, immer noch ungläubig.

»Verrate uns bitte erst mal, wieso du das überhaupt wissen willst?« Sie legt ihre Hand auf seine, sodass er sein Handy sinken lässt und irritiert hochschaut.

»Was denn? Ist das nicht logisch? Traut ihr mir das nicht zu?«, will er leicht gekränkt wissen.

Suse und Lia schauen ihn beide abwartend an. Als keine von ihnen antwortet, beginnt er nun doch, sich genauer zu erklären. »Gut, gut, verstehe, ich muss von ganz vorne anfangen. Ihr wisst ja, Ende August werde ich siebzig. Meine Güte, ich mag die Zahl gar nicht aussprechen. Seit zwanzig Jahren lebe ich nun alleine. Mein Schreinerbetrieb ist schon längst zu, früher war ich hier in der Gegend der Mann für alles, nicht wahr, mir war nie langweilig, ich wurde gebraucht, und Freunde hatte ich immer genug. Wisst ihr, aber jetzt … Wer weiß, wie lange ich noch … noch … da bin … Etwas angehen kann. Jetzt fühle ich mich gesund und auch bereit! Also, das kann doch nicht alles gewesen sein, frag ich mich dauernd, versteht ihr? Sophia ist weg, schon so lange, und dann … nichts mehr? Nie mehr? Mir rennt die Zeit davon. Schluss. Aus.« Er stockt, sichtlich bewegt. Schnell füllt er Korn nach und kippt sein Glas auf ex hinunter.

Suse wird es schwer ums Herz, als sie ihren Papa so betrachtet. Sie hätte nicht gedacht, dass er vielleicht einsam sein könnte, bisher hatte er das nie geäußert.

Aber tut sie das selbst? Nein, im Grunde ist sie genauso. Auch sie würde das nur ungern vor anderen zugeben.

Lia reagiert als Erste, behutsam lehnt sie sich ein Stück zu ihm vor. »Kurt, willst du uns damit sagen, du suchst eine neue …?« Ihr fällt das richtige Wort nicht ein, sie überlegt kurz, aber er erklärt sofort ganz laut und deutlich: »Liebe! Die Liebe such ich, ist doch klar! Ich möchte auch noch mal auf meine alten Tage lieben dürfen. Kapiert?« Energisch fährt er sich durch die Haare und sucht mit einem verschämten Lächeln in Suses Miene nach ihrer Reaktion. Sie braucht einen Moment, um das zu verdauen, plötzlich ergibt alles Sinn, was ihr zuletzt an ihrem Vater aufgefallen ist. »Aber Papa«, beginnt sie vorsichtig und legt erneut ihre Hand auf seinen Arm, »auch wenn ich deinen Wunsch nachvollziehen kann … Glaubst du wirklich, eine Dating-App ist das Richtige für dich?«

»Jo. Wo sonst kann ich denn so viele Frauen auf einmal kennenlernen und auch noch vorher festlegen, was ich mir wünsche?«, stellt er pragmatisch fest. »Die alleinstehenden Damen in meinem Alter laufen schließlich nicht auf dem Präsentierteller herum!«

»Wo Kurt recht hat, Suse …«, wirft Lia nickend ein, bringt den Satz aber nicht zu Ende und schaut zu ihr, als müsse sie als Tochter die Sache nun final entscheiden.

»Ich hab ja schließlich keine Zeit mehr zu verlieren, nicht wahr? Da setz ich lieber alles auf mehrere Karten.« Wie ein trotziges Kleinkind verzieht er den Mund und steckt sein Handy wieder ein. »Na, wenn ihr mir nicht helfen wollt … Ich schaff das auch alleine.«

Suse ist echt perplex, vor allem, wie überzeugt er wirkt.

»Aber Papa! Jetzt mal langsam. Was suchst du denn überhaupt für eine Frau?«, will Suse nun wissen, weil sie sich überhaupt nicht vorstellen kann, was ihr Vater erwartet. Er hat bisher noch nie darüber mit ihnen gesprochen.

»Au ja, das interessiert mich aber auch, Kurt!« Lia grinst, und in ihrem vom unerwarteten Verlauf des Abends geröteten Gesicht steht unverhohlene Neugier.

»Ha! Was glaubt ihr denn? Damit kann ich dienen! Denkt bloß nicht, ich wäre nicht vorbereitet.« Kurt kramt emsig in seiner Hosentasche und holt einen zerknitterten Zettel hervor, auf dem er in seiner krakeligen Schrift etwas notiert hat. Er schnappt sich von der Ablage seine Lesebrille, setzt sie auf die Nase. Dann liest er flüssig und ziemlich entschlossen vor:

»Alter: 55 bis 68, Größe: 1,65 bis 1,70 Meter, Augenfarbe: blau oder braun, Haarfarbe: braun, schwarz oder rot – kein blond!, Hobbys: Watt- oder Dünenwandern, Musik (gerne Rock), schwimmen, Kino, gut essen (Fisch!), Poker, muss anpacken können (Garten!), Beruf: egal oder Rentnerin, Eigenschaften: kinderlieb, tierlieb, nicht zickig, lustig, menschenfreundlich, äääh, ja und … sexuell aktiv …«

»Papa!«, entrüstet sich Suse erneut, sie kann es immer noch nicht fassen.

Lia prustet los. »Herrlich! Ich weiß nicht, was du hast, Liebes! Endlich mal ein Mann, der weiß, was er will.«

Dieser lässt das Blatt sinken, zieht die Brille wieder ab, sieht sie beide an und fragt unschuldig: »Ist was? Ihr seid doch erwachsen! Glaubst du, Susespatz, dein Vater hat nicht auch mit bald siebzig noch seine Bedürfnisse?«

»Ja, ja, ist klar … Bitte keine Details!« Schnell winkt sie ab. Jetzt ist es Suse, die eine Runde Korn nachschenkt und tief durchatmet, bevor sie antwortet. »Ich finde bloß, du kannst dir da bei diesen Apps keine Frau bestellen wie bei einem Lieferdienst dein ausgewähltes Essen! Wie eine selbst zusammengestellte Pizza!«

»Wieso nicht? Das ist doch der Sinn der Sache. Traust du mir das nicht zu? Ich bin noch ansehnlich für mein Alter! Mit der Festlandkonkurrenz kann ich auch locker mithalten. Dein Papa ist immer braun gebrannt, verdammt gut in Schuss, und ich fühle mich topfit.« Er verzieht die Lippen zu einem dünnen Strich, ein sicheres Zeichen, dass er beleidigt ist. »Ich hab mich informiert, glaub ma nich. Lese jetzt auch Männermagazine. Mit Mode und Pflege und Gesundheitskram.«

Suses Augen werden noch größer. Bevor sie jedoch weitere Kritik äußern kann, rettet Lia die Situation, indem sie gut gelaunt in die Hände klatscht. »Find ich auch, das sieht man, spitze siehst du aus, Kurt, wirklich!«, bestätigt sie ihm sogleich. »Ich finde das eine richtig gute Idee. Warum nicht? Echt mutig, dass du das so angehen willst. Ich freu mich für dich und wünsch dir viel Glück! Suse, los … Komm schon, du auch, nicht wahr?« Lia schubst sie neben sich an. »Also, wir stehen dir auf jeden Fall mit Rat und Tat zur Seite – falls du weibliche Tipps brauchst.«

»Tsss«, macht Suse lakonisch in Richtung ihrer Freundin, »du bist ja wieder voll dabei, wundert mich nicht.«

Kurt steht auf und gibt Lia einen Schmatzer auf die Backe. »Siehste, Töchterchen, so wünsch ich mir das. Danke, min Deern. Die Lia versteht mich!«

Doch bevor es zu weiteren Diskussionen kommen kann, klingelt es an der Haustür.

»Wer ist das denn um diese Zeit?«, fragt Kurt ein wenig erschrocken und sieht auf seine Armbanduhr. »Schon fast zehn!«

»Bleib sitzen, ich geh schnell«, sagt Suse und springt auf, froh, mal kurz wegzukommen von diesem Thema.

Sie läuft zur Haustür, reißt sie weit auf und glaubt es nicht. Draußen steht ihr großer Bruder, bedröppelt, blass und abgekämpft sieht er aus. Neben ihm ein Riesenseesack, mit dem er schon reist, seit er Sylt das erste Mal für längere Zeit während des Studiums verlassen hat. Seine hellen Haare, die er eindeutig von ihrem Vater geerbt hat, wie sie ihre von der Mutter, sind ungewaschen und verstrubbelt, solche Augenringe hat sie noch nie an ihm gesehen, und sein knittriges Karohemd hat er komplett falsch zugeknöpft.

»Bastian!«

»Hi.« Er lächelt sie nur müde an.

»Was machst du hier? Solltest du nicht zu Hause in Bremen sein und an deiner Werft arbeiten?«

Bastian schluckt, senkt den Kopf. Dann gibt er sich einen Ruck, sieht ihr wieder direkt in die Augen und erklärt: »Ich bin abgehauen. Hab Charlotte verlassen.«

Er schultert sein Gepäck, schiebt sich an ihr vorbei ins Innere, und Suse bleibt mit offenem Mund an der Haustür stehen.

Alles nur geträumt?

Lia ist in Rantum, am schmalen Inselnadelöhr, und weiß garnicht, was sie überhaupt hierherverschlagen hat – waren sie nicht eben noch in Kurts gemütlicher Stube gewesen bei köstlichem Fisch und Ofenkartoffeln? Doch der Abend erscheint ihr Lichtjahre entfernt. Sie ist auf dem schmalen Deichweg unterwegs, den mochte sie immer schon gerne, wegen der Schafe, die rechts und links auf den Grashängen Spalier stehen. Als kleines Mädchen wollte sie die Tiere immer streicheln. Manche ließen das auch störrisch zu, andere mähten empört. Lia wusste nie, ob dieses dumpfe Tönen Zustimmung oder Ablehnung bedeutete. Ebenso wenig, wie sie jetzt weiß, warum sie hier ist und ob sie vor etwas weg- oder auf etwas zuläuft. Der Himmel über Sylt ist neblig grau. Seine dicke Wolkenmasse vermischt sich mit dem glänzenden Watt neben ihr. Klar ist nur, dass sie rennen muss, immer schneller und schneller, wie ein innerer Antrieb. Sie spürt, wie die Salzluft, gegen die sie ankämpft, in ihrer Lunge brennt. Doch dann lenkt sie ihre Aufmerksamkeit zurück auf ihre Beine. Laufen, laufen, ruft die Stimme in ihrem Kopf, und: Weg, weg! Sie wundert sich, wie gut sie vorankommt und dabei gar nicht müde wird. Lia blickt auf ihre Füße, die nur sporadisch den Boden berühren. Fliege ich etwa? Eigentlich bin ich überhaupt nicht Typ sportlich, denkt sie, und biegt im Ort ab Richtung Meer, durch die hügelige Dünenlandschaft, über die Holzwege und -stiegen, noch einmal hoch und dann den schmalen Sandweg hinunter zum Strand. Obwohl es heute eher nordseefrisch ist, lässt sie sich auf die Knie in den Sand fallen. Erst jetzt merkt Lia, dass sie keine Schuhe anhat und nur ein dünnes Sommerkleid trägt. Ihr Atem geht schnell, sie kann nicht mehr. Nicht weiter. Vor ihr rauscht die Gischt und schwappt ganz nah an sie heran. Sie erkennt braune matte Steinchen vor sich an der Wasserkante. Dort geht sie hin, beugt sich vor und fängt an zu graben. Es könnte Bernstein sein, bei diesem stürmischen Wetter wäre das nicht ungewöhnlich. Und jetzt sind da auch noch diese wundervollen kleinen hellrosa Muscheln, die sie so liebt. Lia versucht, noch mehr davon zu finden und mit Fingerspitzen aus dem nassen Sand zu ziehen. Auf einmal, wie aus dem Nichts, ist sie nicht mehr allein, sie weiß es, sie spürt es, sie spürt IHN. Dafür muss sie sich gar nicht umdrehen, um zu wissen, dass er es ist: Bastian. Sie weiß auch gar nicht, ob sie das möchte, sich umdrehen, ihn anschauen. Er hat sie enttäuscht, und sie hat es zugelassen. Es war doch klar, wie es enden würde …

Aber sie ist nicht mehr das kleine Mädchen. Nein! Sie ist eine erwachsene Frau. »Lia?« Seine Stimme ist zuerst ganz leise.

Sie stellt sich taub und wendet sich ihm nicht zu. Steckt die Steine und Muscheln in die Seitentaschen ihres Kleides. »Lia!?« Wieder hört sie ihren Namen, dieses Mal etwas lauter.

»Lia!«

Sie dreht sich um, will gehen. Das kann sie, wann und wohin sie möchte. Sie muss nicht zurück ins Büro, nicht nach Hamburg und nicht auf Sylt bleiben. Entschlossen macht sie den ersten Schritt – aber er auch, und zwar auf sie zu. Jetzt steht er direkt vor ihr und sieht sie ernst an. Damit hat Lia überhaupt nicht gerechnet, dass er so nah ist. Seine Stimme ist leise. Er ist es. Er ist es wirklich … Sie kann den Blick nicht von ihm abwenden.

»Lia«, spricht er jetzt etwas lauter. Sie spürt seinen Atem warm an ihrem Gesicht. Sanft fasst er sie unter ihr Kinn. »Liebste«, flüstert er, »es tut mir leid. Verzeih mir!« Und er gibt ihr eine dünne Schnur in die Hand. Sie ist rot.

»Eine japanische Legende erzählt: Wenn zwei Seelen dazu bestimmt sind, sich zu finden, zusammen zu sein, dann sind sie durch einen unsichtbaren roten Faden verbunden. Egal zu welcher Zeit, an welchem Ort oder in welcher Situation dieser Faden sich dehnen oder verheddern mag, er wird niemals reißen. Wusstest du das?«, fragt er zärtlich.

»Nein. Aber das ist wunderschön«, antwortet sie und hält das Rot fest. Seiden fühlt sich der Faden an.

»Und das ist unserer«, er lächelt. Vom Meer kommt ein Windstoß, der den Faden flattern lässt. Mit Fingerspitzen hält Lia das dünne Band fest und schaut ihm hinterher, in den Himmel, an dessen Ende sich in diesem Moment wie durch ein Wunder ein Drachen aufbläst.

»Bastian«, sagt sie ergriffen, »das ist zauberhaft.« Wie hat er das gemacht?, will sie fragen, aber zuerst muss sie ihn küssen! Nach all den Jahren. Endlich. Sie schließt die Augen. Weiß, dass er direkt vor ihr steht. Gleich wird sie seine Lippen auf ihren spüren, wird wissen, wie es sich anfühlt. Sind sie warm oder kalt, weich oder rau, so lange hat sie darauf gewartet – und jetzt … Doch dann schüttelt sie jemand fest an den Schultern. Nein, fleht sie innerlich, bitte nicht! Sie reißt die Augen weit auf, hilflos muss sie mitansehen, wie der Drachen, der eben noch in der Luft getanzt hat, in sich zusammenfällt …

Lia blickt in zwei staunende braune Augen, umrahmt von lockigen, halblangen Haaren. Bastians Augen sind nicht braun, sie sind grün und blau. In rasender Geschwindigkeit fährt sie erschrocken hoch und stößt mit dem anderen Kopf vor sich unsanft zusammen. »Aua!«

»Scusa! Scusa!«, hört sie die männliche Stimme entschuldigend rufen, gefolgt von ein paar italienischen Tiraden, die sie nicht versteht. Und weiß plötzlich wieder, wo sie ist – und wer vor ihr steht. Barfuß, in Shorts und Shirt springt sie von der Schlafcouch auf den Holzboden der Agentur, heute Morgen wohl der nackte Boden der Tatsachen.

»Nein, mir tut es leid, oje, Matteo! Du Armer!«, entschuldigt sie sich sofort peinlich berührt, denn Suses Mitarbeiter und bester Buddy hält sich ebenfalls die Stirn.

»Cara mia, aus welchem Universum habe ich dich eben bloß hergeholt? Mach langsam, und ich hole uns besser ein paar Kühlpads, sì? Und einen Kaffee!«, flötet er charmant wie eh und je und verschafft ihr etwas Zeit, um zu sich zu kommen. Oder ein Loch zu suchen, in dem sie sich am besten verkriechen kann.

»Ja, gerne, Matteo, du meine Güte, ich schäm mich so! Bitte entschuldige, es wird nicht wieder passieren. Versprochen! Ich räume schnell alles weg. In wenigen Minuten ist alles tipptopp!« Lia nimmt schnell ihr Smartphone und erschrickt – es ist bereits Viertel nach neun.

»Va bene, kein Stress, Lia«, erwidert dieser italienisch-lässig, schon auf dem Weg zur Küche, »entspann dich, und: Kaffee ist unterwegs!«

»Du bist einfach der Beste!«, antwortet sie mehr als erleichtert. Wie unangenehm. Gott sei Dank hat Annemarie sie nicht schlafend erwischt. Nichts arbeiten und dann in der Agentur verpennen.

Sie muss lachen, als sie beide kurz darauf, nachdem sie sich lange und ausgiebig umarmt und auf den neuesten Stand gebracht haben, auf den roten Kundenstühlen Platz nehmen. Sie im knittrigen Schlaflook und mit zerzausten Haaren, er frisch und bildschön wie der junge Morgen oder einem Hochglanzmagazin römischer Designer entstiegen.

»Unser Wiedersehen hab ich mir irgendwie anders vorgestellt!«, kommentiert sie die absurde Situation.

»Aber, Bella, kein Problem«, beruhigt er sie erneut. »Der erste Kundentermin ist um elf, freitags passiert sonst nicht mehr viel. Und bis dahin haben wir längst aufgeräumt.« Er blickt sich um zu ihrem Lager.