"Soweit er Jude war..." - Peter Finkelgruen - E-Book

"Soweit er Jude war..." E-Book

Peter Finkelgruen

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Beschreibung

Köln, 10. November 1944. Die Gestapo henkt in Köln-Ehrenfeld vor zahlreichen Zuschauern dreizehn Widerständler. Sechs der Ermordeten - die Edelweißpiraten Johann Müller, Bartholomäus Schink, Franz Rheinberger, Gustav Bermel, Adolf Schütz und Günther Schwarz - sind zu diesem Zeitpunkt zwischen 16 und 18 Jahre alt. Köln 1978. Durch einen TV-Beitrag wird der Journalist Peter Finkelgruen 1978 auf den "Fall Bartholomäus Schink" aufmerksam: Die Stadt Köln weigert sich seit Jahren an die Hinterbliebenen des Ehrenfelder Edelweißpiraten Wiedergutmachung zu leisten. Der Ermordete sei "nur ein Krimineller" gewesen. Der Beweis: Die Verhörakten und Aussagen der Gestapo. Finkelgruens 1981 verfasstes Buch "Soweit er Jude war..." beschreibt seine Auseinandersetzung mit diesem Skandal, den jahrelangen Kampf mit den Behörden und wie es ihm mit der Hilfe engagierter Kölner Bürger gelang, ein in Köln bis heute lebendiges Gedenken an den Widerstand der Edelweißpiraten gegen die Nazis zu begründen. Dieses Buch wurde 2019 auf haGalil.com veröffentlicht und enthält neben Beiträgen von Gerhart Baum und Matthias von Hellfeld noch eine ausführliche Studie des Herausgebers Roland Kaufhold zum bisherigen Stand der Publikationen zum Thema Edelweißpiraten. "Wir Deutsche haben nach der Erfahrung mit zwei Unrechtsstaaten das Glück in Freiheit in einem nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nunmehr freien Europa zu leben. Unsere Aufgabe ist es, die Demokratie zu verteidigen, sie zu leben. Unsere Aufgabe ist es, mit denen unterstützend verbunden zu sein, die dieses Glück nicht haben." (Gerhart Baum)

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Seitenzahl: 409

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhaltsverzeichnis

I. 2019

Vorwort von Matthias von Hellfeld (2019)

Vorwort von Gerhart Baum (2019)

II. 1981

Vorwort von Gerhart Baum (1981)

Vorwort von Peter Finkelgruen (1981)

Der Vermerk des Dr. Richard Dette

Der Fall und die Fragen

Zeitzeugen melden sich

Das Gespräch mit Dr. Dette und die Dokumente der Gestapo

»Seiner Würde auch posthum noch einmal beraubt«

»Zu jung für bewussten politischen Widerstand«

Solidarität aus der gemeinsamen Erfahrung des Widerstands

Eine Bürgerinitiative zur Rehabilitierung der Ehrenfelder Widerständler

»So entsteht eine neue Dolchstoßlegende«

»Ich wor doch och ene Kraat!«

»Widerstand der kleinen Leute«

Der Edelweißpirat Wolfgang Schwarz als Nebenkläger im Lischka-Prozess

»Und er hat dafür mit dem Leben bezahlt«

Eine persönliche Erinnerung an das Jahr 1946 in Prag

Sie waren Widerstand genug! Ein Nachwort von Peter Finkelgruen (2019)

Die »Kölner Kontroverse«? Ein Nachwort von Roland Kaufhold

III. Bücher über Edelweißpiraten (1980–2019) Eine Chronologie von Roland Kaufhold

Detlev Peukert (1980): Die Edelweißpiraten. Protestbewegung jugendlicher Arbeiter im »Dritten Reich«

Matthias von Hellfeld (1981): Edelweißpiraten in Köln: Jugendrebellion gegen das 3. Reich

Alexander Goeb (1981): Er war sechzehn, als man ihn hängte: Das kurze Leben des Widerstandskämpfers Bartholomäus Schink

Fritz Theilen (1984): Edelweißpiraten – Mit einem Vorwort von Matthias von Hellfeld

Ab 1985: Die zweite Phase der Kriminalisierung: Buscher, Rusinek und Volmer

Jean Jülich (2003): Kohldampf, Knast un Kamelle – Ein Edelweißpirat erzählt aus seinem Leben

Gertrud »Mucki« Koch (2006): Meine Jugend als Widerstandskämpferin

Jugendromane: Dirk Reinhardt (2012), Elisabeth Zöller (2013) und Felicita Horstschäfer & Frank Maria Reifenberg (2019)

Winfried Seibert (2014): Die Kölner Kontroverse

Martin Rüther (2015): »Senkrecht stehen bleiben« Wolfgang Ritzer und die Edelweißpiraten

Alexander Goeb (2016): Die verlorene Ehre des Bartholomäus Schink

Michael »Mike« Jovy (2018): Ein Leben gegen den Strom

Ein Epilog: Der Widerstand der Familie Finkelgruen

Teil I.

2019

»Sie wurden ohne Gegenleistung vor ihren Mördern geschützt. . .«

Ein Vorwort von Matthias von Hellfeld (2019)

Edelweißpiraten-Wandgemälde in Köln-Ehrenfeld, Foto: Roland Kaufhold.

Ich erinnere mich sehr gut. Es waren viele Abende, an denen wir uns in der Bürgerinitiative »Edelweißpiraten als Antifaschisten« trafen, und es war ein bunter Haufen: dogmatische Kommunisten, überzeugte Liberale – unter ihnen ein Justizsenator1 aus Hamburg – Gewerkschafter, Sozialdemokraten und Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Köln. Uns einte das Unverständnis über die starre Haltung des damaligen Regierungspräsidenten Franz-Josef Antwerpes, der jedwede Anerkennung der Edelweißpiraten als Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime mit dem Hinweis abtat, dass ihr Handeln eher krimineller als politischer Natur gewesen sei. . . Es war der berühmte Kampf gegen Windmühlen, denn bei allen Aktionen der Bürgerinitiative gab es Widerstände und Widersprüche, heftige Debatten in der Bevölkerung oder kritische und unterstützende Zeitungsartikel. Vermutlich lag es an den Zielen der Bürgerinitiative, denn die wollte nichts weniger als eine Straßenumbenennung, ein Mahnmal und die Anerkennung der jugendlichen Edelweißpiraten als Widerstandskämpfer. Die weitreichendste Forderung war die Schaffung eines NS-Dokumentationszentrums in dem Haus, in dem einst die Gestapo wütete und Anfang der 1980er Jahre die Renten an jene bewilligt wurden, die während des Zweiten Weltkriegs in den Kellern diese berüchtigten EL-DE-Hauses gefoltert worden waren.

Initiator dieser Bürgerinitiative war maßgeblich Peter Finkelgruen, der in immer wieder neuen Versuchen die Anliegen vorbrachte, weitertrieb und dabei neue publizistische und politische Kanäle öffnete. Das lag zum einen daran, dass unter den jugendlichen Opfern der Mordtat des 10. November 1944, als Kripo und Gestapo öffentlich und ohne Gerichtsurteil 13 Menschen hinrichteten, Juden waren. Sie sollten rehabilitiert werden. Zum anderen aber legten die Aktivitäten der Bürgerinitiative auch den Finger in die offene Wunde der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft: Die fehlende Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit.

Vierzig Jahre später kann man festhalten: Es ist viel erreicht! Wer nach Köln-Ehrenfeld kommt, kann das Mahnmal an der Bartholomäus-Schink-Straße kaum übersehen. Jedes Jahr am 10. November erinnert ein Schweigemarsch durch Ehrenfeld an das Unrecht, das 1944 vor einer schaulustigen Menge ins Werk gesetzt wurde. Die Kölner Edelweißpiraten Jean Jülich und Bartholomäus Schink wurden 1984 von der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel als »Gerechte unter den Völkern« geehrt. Und schließlich ist das Dokumentationszentrum im El-De-Haus mittlerweile eine international anerkannte Kölner Institution geworden, die jedes Jahr fast 100.000 Menschen anlockt.

Ich habe all das als junger Geschichtsstudent der Kölner Universität miterlebt und dabei das Thema meines Lebens gefunden. Die Zeit des Faschismus hat mich lange Jahre nicht losgelassen. Die erschreckende Transformation eines Teils der Gesellschaft in eine Horde mordlustiger Banditen, denen Menschen wie Barthel Schink oder Günther Schwarz zum Opferfielen, ist immer noch ein kaum verstehbarer Fakt der deutschen Geschichte. Schwer verstehbar war für mich auch der Umstand, dass die drei von Yad Vashem Geehrten – Jean Jülich, Bartholomäus Schink und der ehemalige deutsche Botschafter in Rumänien Michael Jovy – in Israel anerkannt wurden, in Deutschland hingegen nicht. Eine wissenschaftliche Kommission war in Jerusalem nach intensivem Aktenstudium zu der Erkenntnis gelangt, dass es sich bei den Genannten um Widerstandskämpfer gehandelt hat – in der Bundesrepublik provozierte diese Entscheidung ein Gutachten, das zu gegenteiligem Ergebnis kam.

Besonders umstritten war die Frage, ob die Ehrenfelder Gruppe zwei jüdischen Frauen im Sommer und Herbst 1944 in den Kellerräumen der Schönsteinstraße in Köln-Ehrenfeld Unterschlupf und Versorgung gewährt hatte oder nicht. Ich hatte mich viele Jahre aus den Debatten um die Edelweißpiraten herausgehalten, als mich der damaligen Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters bat, auch jene Akten noch einmal zu studieren, die mir bei meinen Arbeiten Ende der 70er nicht zur Verfügung standen. Dabei entdeckte ich eine späte Rehabilitierung der Gruppe um den als »Bombenhans« bekannt gewordenen Hans Steinbrück.

Wenn wir den Akten der Gestapo trauen, dann hat sich Ende November 1944 – also etwa zwei Wochen nach der Hinrichtung der Edelweißpiraten – in den Räumlichkeiten der Kölner Kriminalpolizei Folgendes abgespielt: Der ermittelnde Kommissar und Leiter der Sabotagekommission, Ferdinand Kütter, der die Ehrenfelder Gruppe hatte verhaften und schließlich umbringen lassen, ließ sich Ruth Krämer und deren Mutter, Friedel Krämer, geborene Rothschild, vorführen und befragte sie. Ob sie Geld hätten bezahlen müssen, damit sie von der Gruppe untergebracht und geschützt worden sind, wollte er wissen.

Die Antwort notierte das Protokoll akribisch: Nein, sagte Friedel Krämer, darüber sei zwar gesprochen worden, aber angenommen habe das angebotene Geld niemand. Die beiden jüdischen Frauen hatten sich einige Tage in den Kellerruinen der Ehrenfelder Schönsteinstraße 7 aufgehalten, wo die Gruppe ein verzweigtes Versteck mit Bettenlager, Nahrungsmitteln und Waffen angelegt hatte. Aber die beiden Frauen wurden nicht nur versteckt, was im Herbst 1944 eine ebenso heldenhafte wie gefährliche Tat war. Nein, sie wurden ohne Gegenleistung vor ihren Mördern geschützt – wenigstens ein paar Tage. Anfang der 80er Jahre auf dem Höhepunkt der Debatten um die Ehrenfelder Gruppe hatten wir diese Dokumente nicht zu sehen bekommen – vielleicht wäre dann einiges anders gelaufen. Denn welch ein »Beweis« einer widerständigen Handlung hätte noch beigebracht werden müssen?

Aber es gibt immer noch Menschen, die felsenfest davon überzeugt sind, dass sie es beim Ehrenfelder Fall mit einer kriminellen Bande zu tun haben, deren Antrieb persönliche Bereicherung, schlichte Mordlust oder ausufernder Alkoholismus gewesen waren.

Dabei wäre es so einfach: Die Ehrenfelder Gruppe war sehr heterogen und bestand aus Angehörigen sehr unterschiedlicher Altersgruppen. Sie wollten in der Endzeit des Zweiten Weltkriegs überleben und haben sich der Mittel bedient, derer man sich als ausgestoßene, von den Behörden gesuchte Person ohne Lebensmittelmarken bedienen musste: Schwarzmarkt und kriminelles Milieu. Das erklärt einige ihrer Aktionen, aber sie waren Mittel zum Zweck und nicht Sinn der Sache.

Köln, 30. August 2019

»Unsere Aufgabe ist es, die Demokratie zu verteidigen«

Ein Vorwort von Gerhart Baum (2019)

Edelweißpiraten-Wandgemälde in Köln-Ehrenfeld, Foto: Roland Kaufhold.

Fast 40 Jahre sind vergangen. 1981 habe ich als Freund von Peter Finkelgruen und damaliger Bundesinnenminister schon einmal ein Vorwort geschrieben. Ich könnte es heute erneut so schreiben, allerdings auch aktualisieren. Seitdem hat sich einiges getan. So erlebe ich Jahr für Jahr, dass sich viele Menschen unter freiem Himmel hier in Köln zu einem Fest in Angedenken der Edelweißpiraten versammeln. Ich freue mich, dass dieses Andenken hier so lebendig ist. Ich treffe die Tochter von Jean Jülich, die in meiner Nähe eine Restauration betreibt und sich an unsere gemeinsame Reise mit ihrem Vater und anderen nach Yad Vashem erinnert. Und ich habe mich gefreut, als ich kürzlich bei einem Besuch des Museums des Widerstands in Berlin auch auf die Geschichte der Edelweißpiraten gestoßen bin, die dort eingehend dargestellt wird.

Welche Widerstände, Verdächtigungen, welches Misstrauen musste Peter Finkelgruen jahrelang erdulden und überwinden, um schließlich die Rehabilitierung dieser Menschen zu erreichen. Ein oft schmerzhafter Prozess für ihn. Und heute: Die Erinnerung an die Edelweißpiraten lebt!

Mit Peter Finkelgruen verbindet mich seit Jahrzehnten eine liberale Grundeinstellung. Und es kommt etwas hinzu: das Bestreben, immer wieder aufzuklären, wie es zu dem verbrecherischen Naziregime kommen konnte, wie es sich schuldig gemacht hat und wer im einzelnen dafür verantwortlich war. Die Jüngeren können sich heute kaum vorstellen, wie stark in Teilen der deutschen Gesellschaft nach dem Krieg das Bestreben war, die Vergangenheit auf sich beruhen zu lassen, auch in der damaligen FDP in Nordrhein-Westfalen. Es wurde ein Schlußstrich gefordert, eine Verjährung für Mord. Tausende der Täter wurden mit einem gesetzgeberischen Trick amnestiert. Vielfach waren die alten Nazis wieder in verantwortlichen Positionen. Dagegen haben wir uns heftig gewehrt und dafür gekämpft, dass nicht vergessen wurde. Und es stärkt unsere Demokratie bis heute, dass dieser Prozess sich fortsetzt. Die Deutschen haben sich ihrer Verantwortung gestellt.

Das ist heute in besonderem Maße geboten. Die Herausforderung durch Rechtsextremisten war in der Demokratie des Grundgesetzes noch nie so stark wie heute. Wir wissen Bescheid: Alle Fakten, die wir kennen, sagen uns, dass der Rechtsextremismus zu einer wirklichen Gefahr geworden ist. Auch wenn die Mehrheit der Deutschen ihm nicht folgt, reicht der Widerstand nicht aus, weil viele die Entwicklung nicht ernst nehmen. Der Rechtsextremismus verankert sich in den Parlamenten, er wuchert in Gruppen und Subkulturen in die Gesellschaft hinein. Er gewinnt an Einfluss und verändert das politische Klima. In ihm steckt ein gewalttätiges Potential, das bisher nur in Ansätzen sichtbar ist. Die Warnungen der Sicherheitsbehörden sind unüberhörbar. Die Rechtsextremisten nutzen das Internet, um sich zusammenzurotten und um Hass zu verbreiten.

Wähler und Sympathisanten der AfD mögen auch andere Motive haben. Extrem konservative Meinungen wurden in der Geschichte der Bundesrepublik immer zum Ausdruck gebracht. Wir haben heftige Debatten geführt, zeitweise auch über Sarrazins rassistische Thesen. Es war nichts tabuisiert. Ich plädiere nicht für eine pauschale Ausgrenzung von Protestwählern. Eine große Zahl der rechtsextremistischen Wähler identifiziert sich jedoch mit den Inhalten, die ihre politischen Spitzen vertreten. Eine rote Linie ist erreicht, wenn sie militanten Gegnern unserer Demokratie eine Basis bieten. Dann sind sie mitverantwortlich. Das muss man ihnen sagen. Es wird nicht so einfach sein, diese Menschen,von den Werten unseres Grundgesetzes zu überzeugen. Nicht nur die Fremdenfeindlichkeit – sie ist Brandbeschleuniger – macht den Rechtsextremismus so stark wie nie zuvor. Es ist die als bedrohlich empfundene Globalisierung mit ihrer Wirkung auf alle Lebensbereiche.

Beschwichtigend wird argumentiert, radikale Entwicklungen gäbe es in vielen Ländern. Das beruhigt mich nicht. Es ist unser Land, dass über die ganze Welt Unglück gebracht hat durch ein verbrecherisches, rassistisches Regime. Wir sind das Land der Shoah. Es gehört zum Gründungsmythos der Bundesrepublik, dass sie sich in nachdrücklicher Weise davon distanziert. Sie tut es durch das Grundgesetz. Die militanten Anhänger der AfD verunglimpfen unsere Demokratie als »System«, das sie abschaffen wollen und Europa gleich dazu. Und in ihrer Islamfeindlickeit und zunehmend auch in der Kritik an Israels Politik verbirgt sich Antisemitismus.

Teile der AfD werden vom Verfassungschutz beobachtet. Die NPD, der die AfD immer mehr ähnelt, ist verfassungsfeindlich. Ein Verbot scheiterte in Karlsruhe nur daran, dass ihr Einfluss nur noch gering ist. Das ist heute bei der AfD anders. Heribert Prantl hält die Aussichten für ein Verbot für gegeben. Er sieht in der AfD »einen braunen völkischen Kampfverband«. Die AfD erhält flächendeckend Zuspruch. Früher war die NPD in einigen Landtagen vertreten und nur zeitweise – und jetzt die AfD in allen. Wähler und Sympathisanten der AfD müssen sich bewusst werden, dass diese Partei in die Parteiverbotszone hineinwächst, ob man ein Verbot für sinnvoll hält oder nicht.

Rechtsextreme Strömungen und Parteien wurden in der Geschichte der Bundesrepublik immer unterschätzt. Der Feind stand »links«. In den siebziger Jahren waren neonazistische Kampftruppen eine Gefahr. Während der RAF-Bedrohung habe ich vergebens versucht, die selbe Aufmerksamkeit für rechtsextreme Gewalt zu erreichen. In den achtziger und neunziger Jahren gab es Serien von Gewalt bis hin zu zahlreichen Morden – und schließlich das Erschrecken über die NSU-Morde.

Die Lage hat sich verschlimmert. Anders als in den vergangen Jahrzehnten hat der Rechtsextremismus heute ein Instrument, mit dem er motivieren und indoktrinieren kann. Es ist das Internet – missbraucht als Hassmaschine. Vor allem hat er heute einen neuen fruchtbaren Boden in den Umbrüchen der von Digitalisierung und Globalisierung ausgelösten Zeitenwende.

Es ist also eine gefährliche Illusion, die AfD vor allem als ein Ergebnis der Flüchtlingsbewegung von 2015 zu sehen oder generell als Ausfluss einer immer schon immer vorhandenen Fremdenfeindlichkeit. Diese spielt als Brandbeschleuniger sicher eine wichtige Rolle. Pegida ist aber schon vor 2015 entstanden. Jahrzehntelange Untersuchungen zeigen, wie stark eine »gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit« (Wilhelm Heitmeyer) seit langem in die Mittelschichten eingesickert ist. Und sie geht über Fremdenfeindlichkeit hinaus. Manches erinnert an die Endphase von Weimar.

Der Rechtsextremismus ist in eine neue Phase der Motivierung eingetreten. Er kann seine Anziehungskraft auf der Basis von Unsicherheit, Angst und Fortschrittsfeindlichkeit verstärken. Die Lage verführt dazu, sich kosmopolitischen Herausforderungen zu verweigern und das Heil rückwärtsgewandt am Stammesfeuer des völkischen Nationalstaats zu suchen – und nicht etwa in einem starken Europa.

Finkelgruens Buch, so habe ich 1981 geschrieben, sei »eine Leistung der Gegenwart, ein Stück politischer Kultur für uns selbst«. Eine solche politische Kultur ist auch heute Gebot der Stunde. Bartholomäus Schink und seine Kameraden haben Widerstand geleistet – unter Lebensgefahr gegen eine Diktatur. Weltweit riskieren Menschenrechtsverteidiger in Diktaturen auch heute Freiheit und Leben. Alles läuft nach den bekannten Mustern der Unterdrückung. Wir Deutsche haben nach der Erfahrung mit zwei Unrechtsstaaten das Glück in Freiheit in einem nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nunmehr freien Europa zu leben. Unsere Aufgabe ist es, die Demokratie zu verteidigen, sie zu leben. Unsere Aufgabe ist es, mit denen unterstützend verbunden zu sein, die dieses Glück nicht haben.

Peter Finkelgruen ist ein Beispiel dafür, dass er nach dem schweren Schicksal, das er und seine Familie unter den Nazis erlitten haben, nicht resigniert hat. Er hat wichtige Beiträge zur Festigung einer demokratischen Kultur geleistet. Er hat maßgeblich daran mitgewirkt, den Widerstandskämpfern der Edelweißpiraten ihre Würde zurückzugeben – und das hat exemplarische Bedeutung. Er hat auch alles getan, um gegen heftige Widerstände das Naziunrecht an seiner Familie aufzuklären. Es hat mich sehr beeindruckt, mit welcher Energie er diese schmerzhaften Prozesse vorangetrieben hat. Auch das hatte exemplarische Bedeutung.

Er war in der liberalen Partei daran beteiligt, die alten rückwärtsgewandten Seilschaften abzulösen und eine Politik der inneren Reformen in Gang zu setzen. Der Kalte Krieg wurde durch eine neue Deutschland- und Ostpolitik abgelöst, mit einer Politik, die nicht auf Revanche, sondern auf Anerkennung der Verhältnisse, also der Nachkriegsgrenzen beruhte. Besonders wichtig war seine Rolle als Vertreter der Naumann-Stiftung in Israel. Ich habe ihn mehrfach dort besucht. Es ging ihm bei seiner Arbeit nicht nur um das Verhältnis der Deutschen zu Israel. Er hat sich intensiv um die Verbesserung der Beziehungen zwischen Israelis und Palästinensern eingesetzt. Wie weit war sie damals gediehen, vergleicht man das mit der heutigen Situation! Wichtige Netzwerke hat er damals geknüpft – mit Politikern beider Seiten und mit Intellektuellen. Ich erinnere mich an einen Besuch bei Amos Oz in dessen Kibbuz.

Antisemitismus ist immer noch lebendig in unserem Land – häufig versteckt in einer Kritik an der israelischen Politik – aber auch in Zusammenhang mit Angriffen auf die Freiheit der Religion des Islam. Für alle, die sich über die Wurzeln menschenverachtender Intoleranz orientieren wollen und über die Wege, sie zu bekämpfen, ist Finkelgruens Leben und sein Buch ein wichtiger Wegweiser.

Köln, 23. September 2019

1 Prof. Ulrich Klug (FDP), ein enger Freund Peter Finkelgruens

Teil II.

1981

»Wie wird heute mit jenen umgegangen, die ihren Widerstand gegen die Nazis konsequent zu Ende brachten?«

Ein Vorwort von Bundesinnenminister Gerhart Baum (1981)

Edelweißpiraten-Wandgemälde in Köln-Ehrenfeld, Foto: Roland Kaufhold.

Das Grundgesetz ist 32 Jahre alt! 32 Jahre besteht die Bundesrepublik Deutschland als ein demokratischer Staat, den wir uns nicht allein aufgebaut haben; die Demokratie ist von außen gekommen. Wie steht es heute mit unserem Demokratieverständnis, wie fest ist die Demokratie verankert, wie widerstandsfähig ist sie?

Wir hören allenthalben, unsere freiheitliche Demokratie habe sich bewährt und werde von der überwiegenden Mehrheit der Bürger angenommen. Das darf aber nicht zu Selbstgerechtigkeit und satter Selbstzufriedenheit führen. Wir müssen diese Demokratie fortwährend mit Leben erfüllen und sie weitertragen. Wir müssen jedem Wiederaufflackern von Intoleranz und Gewalt entgegentreten, sowie aufkeimenden Ressentiments gegen Andersdenkende und Anderslebende, gegen Minderheiten wie Ausländer, Juden und vielen anderen. Wir müssen den politischen Extremismus überwinden. Unser politisches Handeln muss sich auf die tradierten Werte unserer politischen Kultur stützen: den Glauben an die Vernunft, die Wertschätzung des Individuums, die Verantwortlichkeit des einzelnen gegenüber der Gemeinschaft im Rahmen einer rechtlichen Ordnung, die Pluralität der Werte und Weltanschauungen.

Peter Finkelgruen hat als Zeitgenosse zwei Jahrzehnte in der Bundesrepublik Deutschland gelebt. Er hat in dieser Zeit die Vergangenheit erlebt, sie intensiv, beinahe körperlich gespürt. Er hat sensibel wahrgenommen. Es ist ein grausames Verfahren, das Finkelgruen für sich und für seine Gesprächspartner – sowohl für die noch lebenden als auch für die, die er in den Akten vorfand – gewählt hat.

Er setzt sie einem harten und leidenschaftlichen Verhör aus. Sich selbst befragt er in der gleichen Weise. Er will über sich selbst etwas erfahren, weil er glaubt, nur so auch etwas über seinen »Fall« erfahren zu können. Und man ist versucht zu fragen, ob er am Ende vielleicht mehr über sich als über die handelnden Personen des »Falles« in Erfahrung gebracht hat.

Wo sind Finkelgruens Freunde? Er ist, wie er selbst einmal schrieb, als Jude fremd im eigenen Land. Ob er will oder nicht: er trifft hinter den Schreibtischen der Bürokratie von heute Menschen an, die ihm als Bürokraten von damals erscheinen. In seiner Rigidität mag Finkelgruen das eine oder andere überzeichnet haben. Seine Sprache verzichtet weitgehend auf polemische Zuspitzung, aber zwischen den Zeilen wird die innere Spannung deutlich, die Finkelgruen aushalten musste, um nicht laut heraus zu schreien. Zu schreien, wie wenn man eine Entdeckung macht, die eine entsetzliche Tat unwiderruflich ans Tageslicht holt, so dass man sie nie wieder verschweigen kann.

Dieses Buch handelt von der Gegenwart. Es geht nur scheinbar um die Edelweißpiraten aus Köln-Ehrenfeld. Sie waren der ursprüngliche Gegenstand des Mitgefühls, der Empörung und der Trauer. Was sich aber dann dem Journalisten Finkelgruen eröffnete, war eine Kette von Einlassungen, Wertungen und Handlungen, die sich zum eigentlichen Gegenstand des »Falles« entwickelten.

Mit meinem Vorwort erspare ich dem Leser nicht das Nachvollziehen des Skandals, wie er sich dem Journalisten Finkelgruen darstellt. Das Buch liest sich nicht leicht: denn auch amtliche Papiere lesen sich nicht leicht. Mich bewegt die Betroffenheit, die sich bei Finkelgruen so stark entwickelt hat. Sein Urteil ist hart: für ihn handelte der Kölner Regierungspräsident falsch; politisch, juristisch und moralisch falsch in der Beurteilung des »Falles«; alle, die sich auf sein Urteil berufen, machten sich mitschuldig.

Meine Angst gilt der Frage, ob man auch mit dem Juden Finkelgruen die Diskussion aufnimmt, nicht nur mit dem Journalisten Finkelgruen. Wird manseinen Zorn aus der persönlichen Betroffenheit für berechtigt oder für überzogen und unmäßig halten?

Für mich ist es unverständlich, dass man im Jahr 1981 noch immer an der These von der kriminellen Eigenschaft der Edelweißpiraten in Köln festhält. Aber ich glaube auch, dass Bekenntnisse hier nichts nützen. Nur die Auseinandersetzung führt weiter, die kontroverse Debatte und der rationale Dialog. Dies ist dann keine Bewältigung der Vergangenheit, sondern eine Leistung in der Gegenwart, ein Stück politischer Kultur in den 80er Jahren für uns selbst.

Peter Finkelgruen: Vorwort zum Buch (1981)

Bartholomäus-Schink-Straße in Köln-Ehrenfeld, Foto: Roland Kaufhold.

Das vorliegende Buch ist keine historische Studie. Ich gehe also auch mit dem Instrumentarium der Geschichtsforschung nicht so um, wie es auf den Universitäten gelehrt wird. Die Fülle und Aussagekraft der genannten Dokumente und die Aussagen von Zeitzeugen boten mir dennoch die nötige Sicherheit, von zwei feststehenden Tatsachen auszugehen:

Erstens: Am 10. November 1944 sind auf Befehl des Reichsführers SS 13 deutsche Bürger am Bahndamm an der Ecke Hütten- und Schönsteinstraße im Kölner Stadtteil Ehrenfeld öffentlich ermordet worden. Sie wurden aus politischen Gründen ermordet, weil die Gestapo in ihnen aktive Widerständler gegen den Nationalsozialismus erkannt hatte. Ihre öffentliche Ermordung wurde zur Abschreckung gegen den sich weiter regenden Widerstand eingesetzt.

Zweitens: Die in Köln für Wiedergutmachung zuständige Behörde, der Regierungspräsident, vertreten durch seinen Wiedergutmachungsdezernenten, lehnt es ab, die Ermordeten als Opfer des Nationalsozialismus anzuerkennen. Sie beruft sich dabei auf zwei Urteile von Kölner Gerichten, die auf Falschaussagen von beigezogenen Zeugen beruhen. Bei diesen Zeugen handelt es sich um ehemalige Gestapobeamte, die die Widerständler zur Zeit ihres Widerstandes in Köln-Ehrenfeld verfolgt hatten und dienstlich mit ihnen in der Haft zu tun hatten.

Ich versuche zweierlei: dem Leser sowohl Einblick in diesen Skandal zu vermitteln als auch meine Motivation für die intensive Beschäftigung mit dem Fall darzulegen, denn die Auseinandersetzung mit dem Fall der Köln-Ehrenfelder Widerständler ist für mich zu einem Stück persönlicher Auseinandersetzung um Identität in diesem Land geworden.

Die Frage, warum ich mich seit dem Herbst 1978 mit der Geschichte der von der Gestapo 1944 verfolgten Widerständler beschäftige, beantwortet sich für mich aus meiner Biographie – durch die Verquickung des eigenen Lebens mit der Geschichte von Opfern und Tätern. Nach dem Eichmann-Prozess in Jerusalem 1961 wurde im Jahre 1965 eine Untersuchung über die Reaktionen auf diesen Prozess veröffentlicht.2 In dieser Untersuchung wurden sehr verschiedene Reaktionen auf das Judentumsbewusstsein innerhalb der israelischen Bevölkerung erkennbar. Insbesondere die jungen Sabras scheinen durch das, was sie erfahren haben, in dem Gefühl bestärkt worden zu sein, dass Judentum und Israel keine Synonyme sind.

Die jungen Israelis empfinden sich als sehr »verschieden« von den Juden, die sich »wie eine Viehherde abschlachten« ließen. Sie bezeigen für die Opfer des Holocaust Gefühle, in denen sich Mitleid, Nichtbegreifen und Distanz mischen. Einige sind sogar der Ansicht, dass, abgesehen vom Kampf einiger Partisanengruppen und dem Aufstand im Warschauer Ghetto, diese Zeit kein Ruhmesblatt in der Geschichte des Judentums darstellt.3 Dies ist nicht nur ein Problem der jungen Israelis. Für sie ist es nur ein absolut unverständlicher Vorgang, dass ein Volk sich ohne militanten Widerstand hat in die Gaskammern führen lassen. lch entsinne mich eines heftigen Gesprächs mit einem überzeugten und engagierten Pazifisten. Obwohl mir der Pazifismus vordergründig sehr sympathisch ist, wollte ich im Gespräch mit ihm feststellen, wo der Pazifismus an seine Grenzen stößt.

Es wollte mir nicht in den Sinn, dass die pazifistische Überzeugung im Zweifelsfalle dazu führen könnte, dass man sich ohne jede Gegenwehr nach Auschwitz transportieren lassen könnte, um dort in Gaskammern getrieben zu werden. Mein Gesprächspartner war etwas ratlos gegenüber meinem Einwand. Schließlich entzog er sich dem Gespräch, indem er sagte, nur ich könnte – allerdings mit Recht – dieses Argument einführen.

Ich hatte das Gefühl, dass er das Argument als unfair empfand. Da er das aber nicht sagen konnte, entzog er sich, indem er es als ein individualistisches Argument hinstellte. Erst später wurde mir bewusst, dass dieser wohlmeinende, von seinen Ideen der Friedfertigkeit überzeugte Pazifist mich aus Hilflosigkeit auf mein Judentum verwies, dessen Erfahrungen er unmöglich übernehmen konnte.

Die Passivität der meisten von den Nazis Verfolgten und Ermordeten ist auch für nicht-israelische Juden ein Problem. Die alltägliche Geschichte von meinem Großvater väterlicherseits, der es ablehnte, rechtzeitig aus Deutschland auszuwandern – unter Berufung auf das Eiserne Kreuz I. Klasse, das ihm im Ersten Weltkriegverliehen worden war – ist nicht geeignet, mit Stolz weitererzählt zu werden. Meine christliche Großmutter, die mir diese Geschichte berichtete, kam schließlich ins Konzentrationslager, weil sie ihn versteckt hatte, als ihm sein EK I auch nicht mehr weiterhalf. Sie hatte ihn zwar nicht überreden können – oder wollen –, aus dem Machtbereich der Nazis und der Millionen von Zuträgern der Gestapo auszuwandern, aber immerhin hatte sie ihn versteckt.

Mein Großvater und meine Großmutter haben sich nicht erhoben gegen die bürgerlichen Barbaren um sie herum. Sie haben keine Kontakte zu Partisanen gehabt, keine Waffen versteckt. An der Liquidierung Heydrichs in Prag – wo sie verhaftet wurden – hatten sie keinen Anteil. Aber wenigstens haben sie nicht absolut tatenlos die ihnen von den Nazis abverlangte Rolle des zu vergasenden Opfers entsprechend den bürokratischen Vorschriften gespielt. Meine Großmutter hat diesen Mann in ihrer Wohnung versteckt, er hat sich nicht zum Abtransport

Esti Finkelgrün, eine Verwandte und Martin Finkelgrün in Karlsbad, Foto: Privat.

nach Theresienstadt gemeldet. Sie haben gemeinsam wenigstens eine Art von passivem Widerstand praktiziert.

Wenigstens etwas!

Meine Eltern – eine sogenannte Mischehe – haben den Abtransport auch nicht passiv abgewartet. Sie haben versucht, sich den Nazis durch Auswanderung zu entziehen, was ihnen scheinbar auch gelang. Über Litauen, Lettland, die Sowjetunion und Japan ging ihre Flucht bis nach Shanghai, wo für die jüdischen Flüchtlinge aus Europa ein Ghetto eingerichtet wurde. Dort wurde ich geboren. Meine Eltern und Großeltern waren keine Partisanen. Sie waren keine aktiven Widerständler. Sie haben keine Bomben geworfen. Sie haben keinen SS-Mann, keinen NS-Ortsgruppenführer liquidiert. Obwohl diese ihnen den totalen Krieg – bis in die Gaskammern von Auschwitz hinein – erklärt hatten.

Mein Großvater wurde bereits in Theresienstadt von ihnen erschlagen. Mein Vater starb im Ghetto in Shanghai, meine Mutter kurz nach der Befreiung an den Folgen. Meine Großmutter überlebte drei Jahre Konzentrationslagerhaft. Sie war in Theresienstadt, Ravensbrück, Majdanek und Auschwitz. Erst dort, erst in Auschwitz, bekam sie Kontakt mit Widerständlern.

Nach ihren Erzählungen waren es größtenteils Kommunisten. Zum Beispiel Frau Dr. Zdenka Nevědová-Nejedlá, die Tochter des späteren tschechoslowakischen Erziehungsministers. Mit ihr und anderen hatte meine Großmutter – der Prototyp der bürgerlichen Antikommunistin – auch nach dem Krieg persönlichen Kontakt. In Auschwitz haben sie sich gegenseitig geholfen, sich gegenseitig und anderen das Leben gerettet.

Ich erzähle das hier kurz, nicht um die Erfahrungen meiner Eltern und meiner Großeltern zu schildern, sondern um zu zeigen, wie wichtig es für einen jungen Menschen ist, zu wissen, dass die eigenen Eltern oder sogar Großeltern sich nicht total passiv und ohne jegliche Gegenwehr den Nazis zwecks »Endlösung« ausgeliefert haben. Nach dem Krieg konnte ich gegenüber den Nazis einen Teil meiner Würde aus diesem bisschen Widerstand schöpfen – viel war es nicht, aber immerhin. Welch furchtbare Vorstellung, wenn alle, alle sich ohne jede Art von Widerstand den Nazis selbst ausgeliefert hätten! Die überlebenden Kinder hätten auf den Gedanken kommen können, dass es sich selbst rechtfertige, wenn der Staat und seine Bürokraten mit und ohne Uniform die »Endlösung« nach allen Regeln des Verwaltungsstaates einleiten und die zu Endlösenden sich entsprechend diesen Regeln fügen.

Meine Großeltern und Eltern haben auf die ihnen wahrscheinlich gemäße bürgerliche Art und Weise reagiert. Meine Großmutter, ihre Tochter und mein Großvater waren Geschäftsleute. Mein Vater war Jurist – Menschen, für die das gesellschaftliche und politische Leben zuverlässig nur geordnet war, wenn der Staat das gewährleistete. Wenn die, die ihn vertreten, dafür sorgen, dass alles seine Richtigkeit hat. Für sie war es schon ein Akt der Ablehnung, des Widerstandes, den Gesetzen und Verordnungen nicht blindlings zu folgen.

Vor diesem Hintergrund verstand ich allmählich, weshalb mich die Geschichte des Bartholomäus Schink nicht losließ. Und weil ich mich mit ihr immer mehr und immer hartnäckiger beschäftigte, erfuhr ich die Geschichte von ihm und seinen Kameraden, die auf ihre Art gegen die Nazis Widerstand leisteten. Ich erfuhr die Geschichte von Juden, die in Köln Widerstand geleistet haben, von Juden und Nichtjuden, die sich gemeinsam widersetzten. Es ging letztlich um die Frage, wie heute mit jenen umgegangen wird, die ihren Widerstand gegen die Nazis konsequent zu Ende brachten.

In seinem Buch über Kollaboration und Widerstand in den von den Nazis besetzten europäischen Ländern schreibt Werner Rings4, dass ein gewaltiges Widerstandspotential gegen die Besatzungsmacht scheinbar von Beginn der Okkupation an zu existieren schien. Zum organisierten, bewaffneten Widerstand kam es nach Rings erst nach einem Anlauf von mehreren Jahren. Er zitiert den Oberbefehlshaber West, der im Mai 1943 zum ersten mal berichtete, dass »bewaffnete Banden« sich im französischen Département Corrèze gebildet hätten. Im Zusammenhang mit dem Widerstand in Frankreich, der Résistance, wird von der »Dritten Front« gesprochen.

Tatsächlich wurden große Teile der deutschen Kriegs- und Besatzungsmaschinerie nicht nur an den militärischen Fronten im Westen und Osten eingesetzt. Die »Dritte Front« entstand da, wo, wie in Jugoslawien und Frankreich, sich Widerständler mit Waffen gegen die Nazis erhoben. Im Verlauf der Beschäftigung mit den Ehrenfelder Widerständlern entdeckte ich, dass es im Spätsommer 1944 zu quasi militärischen Konfrontationen zwischen verfolgten Antinazis und der NSDAP, Gestapo und Wehrmacht gekommen ist. Die Spitzel und Henker, die nötig waren, um junge Widerständler etwa in Köln zu bekämpfen, fehlten zum Beispiel in den Ardennen, wo die Nazis ihre letzte militärische Offensive versuchten. Hier, wo nicht nur Deutsche, sondern auch Ausländer gemeinsam gegen die Nazis kämpfen, gab es eine »Vierte Front«, die sich vom Vorgehen der am 20. Juli 1944 Beteiligten unterschied.

Der Skandal, den ich in diesem Buch vorstelle, hat beinahe symbolhaften Charakter. An ihm kann gezeigt werden, welche Paradoxe in diesem Land akzeptiert werden. Paradoxe, die ihre Ursache haben in der Schwäche und Heuchelei, die die ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik gekennzeichnet haben. Belastete Nazis mussten in Politik und Verwaltung Entscheidungen treffen, die früher oder später zum Konflikt führen mussten, wenn man Ansprüche und Ideale eines demokratischen und republikanischen Staates erfüllen will. Der vorliegende Fall beschreibt einen solchen Konflikt.

Ich will aber nicht nur auf den Skandal aufmerksam machen. Im Laufe der geschilderten Auseinandersetzung um die Lösung dieses Konflikts hat es Menschen und Ereignisse gegeben, die hoffen lassen. Am 11. Oktober 1980 haben die Bühnen der Stadt Köln in der Schlosserei das Stück Edelweißpiraten sind treu herausgebracht. Das Ensemble der städtischen Bühnen hat das Publikum mit den historischen Fakten des Widerstandes und mit seiner Behandlung heute konfrontiert. Wilhelm Unger5 schrieb dazu im Kölner Stadtanzeiger:

»Gern möchte man jedem einzelnen Mitwirkenden für seine außergewöhnliche Leistung danken. Jedes Ensemble-Mitglied hat die Sache der Edelweißpiraten zu seiner eigenen Sache gemacht. Nie zuvor hat man diese Schauspieler engagierter gesehen als an diesem Abend. Jeder einzelne hat mehr getan, als eine Rolle zu übernehmen. Jeder Einzelne spielt den hoffentlich Vielen, die sich künftig über das Schicksal der Kölner Edelweißpiraten informieren wollen, wie der ›Unfähigkeit zu trauern‹ zu begegnen ist.«

Das Stück hatte großen Erfolg. Dass die große Mehrzahl der Besucher Jugendliche waren, könnte hoffnungsfroh stimmen.

In der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung6 wurde der Fall ausführlich geschildert und für den Unterricht in den Schulen besonders empfohlen.

In den letzten zwei Jahren haben zahlreiche Lehrer in Kölner Schulen

und auch andernorts sich mit dem Thema Widerstand befasst und sich bemüht, es ihren Schülern zu vermitteln.

Der junge Historiker Matthias von Hellfeld hat eine wissenschaftliche Arbeit über das Thema7 verfasst, was beamtete Forscher jahrzehntelang versäumt haben.

In einem vom Bundespräsidenten Karl Carstens zum Thema »Wie war das damals?« ausgeschriebene Aufsatzwettbewerb8 haben Kölner Schüler von den Ehrenfelder Widerständlern geschrieben.

Ob das reicht?

Jedenfalls bin ich für diese Erfahrungen dankbar. Dankbar bin ich auch allen gegenüber, die mir geholfen haben, die Geschichte der Widerständler aus Köln-Ehrenfeld zu erfahren – den Überlebenden, den Schwestern und Frauen der Ermordeten.

Auf Befehl des Reichsführers SS wurden die nachstehend aufgeführten dreizehn Reichsdeutschen als Haupttäter am 10.11.1944 auf dem freien Platz neben dem Bahndamm Ecke Venloer-, Hütten- und Schönsteinstraße in Köln-Ehrenfeld durch Erhängen exekutiert, (siehe Bl. 697 ff d.A.):

Hans Steinbrück, geb. am 12.4.1921 zu Roslar, Beruf: Seemann.

Peter Hüppeler, geb. 9.1.1913 zu Köln, Former.

Roland Lorent, geb. am 12.3.1920 zu Köln, Maschinenschreiner.

Josef Moll, geb. am 17.7.1903 zu Köln, Kraftfahrer.

Johann Müller, geb. am 29.1.1928 zu Köln, Installateurlehrling.

Barthel Schink, geb. am 25.11.1927 zu Köln, Dachdeckerlehrling.

Franz Rheinberger, geb. am 22.2.1927 zu Köln, Arbeiter.

Wilhelm Kratz, geb. am 6.1.1902 zu Köln, Kraftfahrer.

Gustav Bermel, geb. am 11.8.1927 zu Köln, kaufm. Lehrling.

Johann Krausen, geb. am 10.8.1887 zu Köln, Spediteur.

Adolf Schütz, geb. am 3.1.1926 zu Köln, Arbeiter.

Heinrich Kratina, geb. am 15.1.1906 zu Essen, Schneider.

Günther Schwarz, geb. am 26.8.1928 zu Köln, Dreherlehrling.

Edelweißpiraten-Wandgemälde in Köln-Ehrenfeld, Foto: Roland Kaufhold.

Dieser Auszug ist zu finden auf Blatt 8 des Ermittlungsberichts des Gestapo-Kommissars Kütter, auf den sich die Behörde des Kölner Regierungspräsidenten bei ihrer Beurteilung des Widerstandes in Köln-Ehrenfeld im Jahre 1944 beruft.

Der Vermerk des Dr. Richard Dette

Stolperstein für Bartholomäus Schink, Foto: Roland Kaufhold.

Im August 1978 erhielt ich ein siebenseitiges Schriftstück mit dem Titel: »Entschädigungsfall Bartholomäus Schink – Auswertung der bisher zur Verfügung stehenden Unterlagen«.

Der Verfasser war der Leiter des Dezernats 56 (Wiedergutmachung) beim Regierungspräsidenten Köln, Regierungsdirektor Dr. Richard Dette.9

Köln, den 18. August 1978.

Entschädigungsfall Bartholomäus Schink – Auswertung der bisher zur Verfügung stehenden Unterlagen:

Bartholomäus Schink ist am 10.11.1944 als damals 16-Jähriger mit weiteren 12 deutschen Staatsangehörigen öffentlich in Köln-Ehrenfeld hingerichtet worden.

Es bestehen unterschiedliche Meinungen darüber, ob die Exekution politisch motiviert war oder ausschließlich als Sanktion für kriminelle Taten durchgeführt wurde.

In der Fernsehsendung »Monitor«, sowie von Dr. Boberach, leitender Archivdirektor im Bundesarchiv in Koblenz, wird die Meinung vertreten, der Beweis für eine politische Verfolgungsmaßnahme sei geführt worden. Die Fraktion der SPD im Bezirk 4 in Köln hat diese Auffassung übernommen; sie beabsichtigt, die Straße Grüner Weg in Köln-Ehrenfeld in Bartholomäus-Schink-Straße umzubenennen. Zum Beweis für eine politische Verfolgung wird auf folgendes hingewiesen:

Die Gestapo habe die Untersuchungen geführt und die Exekution vollzogen.

Schink habe den Edelweißpiraten angehört und hierbei habe es sich um eine politische Widerstandsbewegung gehandelt.

Zu 1. Die Tatsache, dass die Gestapo die Untersuchungen geleitet hat, ist nicht neu. Von ihr ist von Anfang an ausgegangen worden. Sie wurde auch in den in den Jahren 1956 und 1957 vor dem Kölner Land- und Oberlandesgericht durchgeführten Klageverfahren berücksichtigt. Beide Gerichte haben sich in rechtskräftig gewordenen Urteilen auf den Standpunkt gestellt, dass dieser Tatsache kein Gewicht zukomme. Diese Feststellung beruht auf umfangreichen Zeugenvernehmungen.

Herr Dr. Boberach, den ich hierauf hingewiesen habe, meint hierzu in seiner Stellungnahme vom 23. Juni 1978 – Bl. 71 der Sonderakte –, dass er sich nicht vorstellen könne, auf welcher Grundlage diese Feststellungen der Gerichte beruhten, es sei denn, auf verständlichen Schutzbehauptungen von Angehörigen der Gestapo.

Aus den Prozessakten ergibt sich, dass es in der Tat zutrifft, dass die Kölner Gerichte als Zeugen auch Personen gehört haben, die 1944 mit der Verfolgung von Schink betraut waren. Ich halte es aber nicht für überzeugend, allein deshalb diese Aussagen als reine Schutzbehauptungen abzutun. Zunächst ist zu bedenken, dass in den letzten Kriegsjahren die Angehörigen der Kriminalpolizei teilweise automatisch in die Gestapo übergeleitet wurden; weiterhin dürfte auch feststehen, dass zu dieser Zeit die Gestapo nicht nur politische Delikte verfolgt hat. Immerhin ist in der Behandlung des Verfahrens durch die Gestapo ein Indiz für eine politische Motivation zu sehen.

Demgegenüber stehen aber andere gewichtige Fakten.

Im Verfahren vor den Gerichten haben die erkennungsdienstlichen Merkblätter für einen Teil der 13 Hingerichteten noch zur Verfügung gestanden – vgl. Blatt 52 der Prozessakte. Zwei hiervon, nämlich Kratz und Moll, waren mehrfach mit Zuchthaus vorbestraft, und zwar aus rein kriminellem Anlass.

Über Kratz war festgestellt worden, dass er einen russischen Arbeiter angestiftet hatte, einen ihm unbequem gewordenen Nachbarn zu erschießen; was dieser auch tat.

Über Moll war bekannt, dass er unter Mitführung von Schusswaffen während der Dunkelheit Diebstähle ausführte.

Über Lorent hat der Zeuge Hirschfeldt, der damals bei der Gestapo als Kriminalsekretär arbeitete, ausgesagt (vgl. Bl. 106 der Prozessakte)

Der Ortsgruppenleiter Söntgen sei mit dem Fahrrad auf der Venloer Straße in westlicher Richtung gefahren und habe dabei Balzer und Lorent passiert. Balzer habe daraufhin zu Lorent gesagt: »Der Kerl da auf dem Fahrrad hat schon verschiedene von uns hochgehen lassen.« Das habe dem Lorent genügt, hinter Söntgen mit einem Fahrrad herzufahren und ihn auf der Kreuzung Ehrenfelder Gürtel und Venloer Straße von hinten zu erschießen.

Nach der Darstellung von Hirschfeldt habe Söntgen verschiedene Leute wegen Einbruchdiebstahls festnehmen lassen.

Diese Tatsachen lassen die Bekundungen der vernommenen Polizeibeamten, es habe sich bei den 13 Hingerichteten um rein kriminelle Täter gehandelt, nicht als abwegig erscheinen. Bedacht werden muss auch, dass 6 Berufsrichter vor nunmehr 20 Jahren aufgrund des persönlichen Eindrucks der gehörten Zeugen sich ein besseres Urteil bilden konnten als es heute bei dem Lesen der Erklärungen möglich ist. Dem Unterzeichner ist bekannt, dass sich unter diesen Richtern Verfolgte des Nationalsozialismus befunden haben. Sie dürften deshalb gegenüber Erklärungen früherer Verfolgter kritisch eingestellt gewesen sein. Wenn diese Richter dennoch zu Feststellungen kommen wie:

»Diese Bande als Widerstandsbewegung zu bezeichnen, muss zur Ehre der wirklichen Gegner des Nationalsozialismus entschieden abgelehnt werden« (vgl. Bl. 54 der PA)

und

»Die Ehrenfelder Bande ist aber von der Geheimen Staatspolizei nicht als politisch Widerstandsbewegung angesehen und bekämpft worden, sondern als eine Verbrecherbande« (vgl. Bl. 120 d. PA)

dann dürfte bei ihnen nicht der geringste Zweifel daran bestanden haben, dass trotz Beteiligung der Gestapo nur rein kriminelle Delikte begangen worden waren. Die Richter haben auch eine Mitbeteiligung von politischen Motiven abgelehnt. Die erlassenen Beweisbeschlüsse und die Fragen während der Vernehmung zeigen, dass auch in dieser Richtung Ermittlungen geführt wurden.

Für die Richtigkeit der Aussagen der damaligen Gestapobeamten spricht auch die Tatsache, dass diese keineswegs ihre Beteiligung an politischen Maßnahmen bestritten haben. Sie haben vielmehr erklärt, dass nach der Verfolgung der 13 Untersuchungen gegen andere Vereinigungen aus politischen Gründen erfolgten und dass sie auch daran teilgenommen hätten.

Bemerkenswert ist auch, dass als Zeuge eine damals inhaftierte Angehörige einer Widerstandsgruppe aus Klettenberg gehört wurde – vgl. Bl. 104 PA. Diese hat erklärt, dass die Klettenberger Gruppe nicht auf diesen Stadtteil beschränkt gewesen sei. Sie hat aber weiter versichert, dass nach ihrem Wissen aus Ehrenfeld keiner hierzu gehört habe. Bemerkenswert ist auch, dass eine Wehrmachtsstreife die ersten Handlungen durchgeführt hat, die dann ihre Feststellungen der Gestapo weitergab.

Andererseits ist aus einem erhalten gebliebenen Bericht des Generalstaatsanwalts in Köln vom 30. Januar 1945 zu entnehmen – vg. Bl. 60 der Sonderakte –, dass in erster Linie in der Stadt Köln Bandenbildungen mit z.T. rein kriminellem, z.T. aber auch politischem Einschlag ermittelt wurden. Leider erfolgten keine näheren Ausführungen, sondern es wird auf einen anderen Bericht Bezug genommen, der bisher nicht zur Verfügung steht. Das Bundesarchiv in Koblenz hat während des Urlaubs des Unterzeichners mitgeteilt, dass dieser Bericht unter dem mitgeteilten Aktenzeichen nicht zu finden sei, dass aber nicht ausgeschlossen werden könne, dass in 30 Aktenbänden Hinweise hierüber enthalten sein könnten. Zu einer entsprechenden Durchsicht sehe sich das Bundesarchiv aber nicht in der Lage. Es wird vielmehr anheimgestellt, durch eine Angehörige der hiesigen Behörde eine Auswertung vornehmen zu lassen.

In dem genannten Bericht des Generalstaatsanwalts wird dann noch von einer Großbande in Köln-Ehrenfeld gesprochen, die aus 128 Köpfen bestanden habe und die sich zu ungefähr gleichen Teilen aus Deutschen und Ausländern zusammengesetzt hätte. Der Bericht enthält keinen Hinweis darauf, ob es sich bei dieser Vereinigung um einen politischen oder einen kriminellen Zusammenschluss gehandelt hat. Es wird nur ausgeführt, dass diese Gruppe nicht nur die Zivilbevölkerung terrorisierte, sondern es auch darauf abgesehen habe, politische Leiter der NSDAP zu beseitigen.

Interessante Erkenntnisse enthalten die dem Unterzeichner gerade zugegangenen umfangreichen Originalakten, die bei der Kölner Staatsanwaltschaft über den hier zu beurteilenden Vorgang noch ermittelt werden konnten.

Auf Blatt 485 ff ist in dieser Schrift die verantwortliche Vernehmung von Schink durch die Staatspolizei enthalten. Danach hat Schink 5–6 mal Verbindung zu einer Gruppe von Edelweißpiraten unterhalten, dabei Lieder gesungen und auch seine eigene Gitarre mitgebracht. Er erklärt dann aber weiter, dass das Treiben ihm nach einiger Zeit nicht mehr gefallen habe und er sich aus diesem Kreis zurückgezogen hätte.

Diese Erklärung kann man wohl nicht mit dem Hinweis abtun, es handele sich hier um eine Schutzbehauptung. Denn auf den folgenden Seiten werden von Schink Taten zugestanden, die nach der damaligen Beurteilung unverhältnismäßig gravierender waren als eine Zugehörigkeit zur Edelweißgruppe. Aus anderen Akten ist mir bekannt, dass gerade in Köln Angehörige der Edelweißpiraten von der Justiz sehr sanft behandelt wurden.

Aus den Einlassungen von Schink und den zahlreichen umfangreichen anderen Zeugenvernehmungen ergibt sich sodann, dass die Bandenmitglieder geradezu am laufenden Band einen Einbruch nach dem anderen durchgeführt haben, dass ihnen hierbei erhebliche Mengen u.a. an Nahrungsmitteln in die Hände fielen und dass sie diese zum kleineren Teil selbst verbrauchten, im übrigen aber verkauften und den Erlös unter sich teilten. An keiner Stelle erfolgt der Hinweis, dass sie die Beute Widerstandsgruppen hätten zukommen lassen. Die Vernehmungsniederschriften ergeben weiterhin, dass hierbei von der Waffe rücksichtslos Gebrauch gemacht worden ist, ja dass sogar, man möchte sagen wahllos, in unbekannte Passantengruppen geschossen wurde. So ist, um eine zur Bande zählende Frau zu befreien, die in ihrer Wohnung wegen der Beteiligung oder Hehlerei an einem Diebstahl unter Polizeibewachung stand, nicht nur auf den Posten stehenden Polizisten, sondern auch auf eine unbekannte Zahl von vor dem Haus stehenden Personen gezielt gefeuert worden.

Richtig ist aber auch, dass bei einigen der Mitglieder ein Hass gegen alle Uniformträger und gegen die Nazis bestanden hat. So sagt Schink auf Seite 490 Rück aus, Lorent habe gesagt:

»Jetzt geht es los, zuerst machen wir Nazijagd und legen alle SA um, die uns in den Weg kommt und anschließend fahren wir die Zilly in der Schönsteinstraße befreien.«

Ähnliche Aussagen finden sich an verschiedenen anderen Stellen. Aus dieser Haltung kann aber unter Berücksichtigung der begangenen schweren bis schwersten Straftaten nach meiner Auffassung nicht die Qualifikation einer Widerstandsgruppe aus politischer Überzeugung zuerkannt werden.

Bezeichnend ist dann auch, wie damals die Gestapo selbst geurteilt hat. Entsprechende Stellungnahmen sind auf Bl. 923 ff wiedergegeben. Dort heißt es, die Gründer der Gruppe hätten im Juli/August 1944 zunächst beabsichtigt gehabt, die Sache rein politisch aufzuziehen. Durch kriminelle Element habe die politische Tendenz jedoch an Bedeutung verloren. Erst als kommunistische Funktionäre, Ostarbeiter, Deserteure und Edelweißpiraten Mitglieder geworden seien, wäre der kommunistische Gedanke wieder in den Vordergrund getreten.

Die Absicht, flüchtige Ostarbeiter mit Waffen zu versehe und mit ihrer Hilfe Revolten und Unruhen zu verursachen, um zu gegebener Zeit die Macht an sich zu reißen, sei aber auch wieder verwässert und durch den Willen verdrängt worden, zu stehlen, zu rauben und diejenigen umzulegen, die ihnen entweder in den Weg traten oder von denen sie befürchteten, der Bestrafung zugeführt zu werden. Sie hätten ein »Wildwest«-bzw. ein Gangsterleben im übelsten Sinne des Wortes führen wollen. Sie hätten terrorisieren wollen und es sei ihnen darum gegangen, aus dem Erlös des Diebesgutes ein zügelloses und bequemes Leben zu fristen.

Die Gestapo selbst also, die sonst immer politische Absichten vermutete und auch als festgestellt ansah, ist hier von einer vorherrschenden kriminellen Motivation ausgegangen.

Die Argumentation von »Monitor« und Dr. Boberach, die wegen der Behandlung durch die Gestapo den Beweis für politische Tat als geführt ansahen, kann deswegen nicht überzeugen.

Zu 2. Bei diesem Ermittlungsergebnis kann dahingestellt bleiben, ob es sich bei den Edelweißpiraten um echte Widerstandsgruppen gehandelt hat. Die bis Ende 1944 erfolgende sehr schonende Behandlung durch die Kölner Justizbehörden spricht bis zu diesem Zeitpunkt nicht gerade für eine gefährliche Gruppe. Ob Schink den Edelweißpiraten zugezählt werden kann, ist bei den bekannt gewordenen losen Verbindungen fraglich. Sollte sie aber bejaht werden, dann kommt ihr bei den begangenen anderen Taten keine Relevanz zu.

Der Fall und die Fragen

Edelweißpiraten-Wandgemälde in Ehrenfeld, Foto: Roland Kaufhold.

Bis zu diesem Augenblick war der »Fall Schink« für mich ein journalistisches Thema wie viele andere auch – aber dieses hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Wenn man journalistisch arbeitet, passiert es sehr selten, dass ein Thema einen sozusagen über Jahre begleitet. Dass es mir mit diesem Thema so gehen würde, habe ich im August 1978 noch nicht einmal geahnt.

In meinem ersten Artikel zum »Fall Schink« (Frankfurter Rundschau, 18.9.1978) hatte ich berichtet, dass eine für die Wiedergutmachung zuständige Behörde sich bei der Ablehnung eines Antrags der Aussagen ehemaliger Gestapobeamter bedient – obwohl es Beweise dafür gab, dass die Ansprüche berechtigt sind. Damit hätte ich mich begnügen können. Der begründete und belegte Vorwurf an die Adresse der Behörde war festgehalten. In meiner Naivität erwartete ich damals, dass der Kölner Regierungspräsident, Dr. Franz-Josef Antwerpes, nun das Unrecht, für das seine Behörde verantwortlich war, korrigieren würde. Das Beharren des Kölner Regierungspräsidenten, der die Handlungsweise seines Dezernenten deckte, auf der amtlichen Unterdrückung von historischer Wahrheit, zwang mich, weitere Fragen zu stellen. Fragen nach den Opfern. Fragen nach den Tätern. Aber auch Fragen nach dem Verhältnis von Opfern und Tätern heute. Mir wurde klar, dass diese Fragen und die entsprechenden Antworten meine eigene Existenz in diesem Land berührten. Ich fand Antworten auf Fragen, die zu stellen mir in den Jahren, in denen ich in diesem Land lebte, schwerfiel. Es gab Fragen, die ich nicht stellen konnte, weil mir das Wissen um Sachverhalte fehlte. Mir ging es wie dem Sohn einer Familie, dem man jahrzehntelang erfolgreich verheimlichte, dass er noch einen illegitimen Bruder hat; dass darüber hinaus dieser verheimlichte Verwandte dem Vater oder der Mutter das Leben gerettet hatte. Ich machte mich nun daran, diesen verheimlichten Verwandten kennenzulernen Dabei kam ich nicht umhin, immer wieder die Frage zu stellen, warum er verheimlicht wurde, weshalb man sich seiner schämte, weshalb man ihn diffamierte.

Die Haltung der Kölner Wiedergutmachungsbehörde wurde in dem Papier des Dr. Richard Dette festgelegt. Am 21. Januar 1980 schrieb Dr. Franz-Josef Antwerpes in einem Brief an die »Bürgerinitiative für die Anerkennung der Köln-Ehrenfelder Widerständler«, es seien »... keine neuen Fakten bekannt geworden«. Seine persönliche Einstellung zu dieser Angelegenheit legte er auch in einem Schreiben vom 10.11.1978 an den Vorsitzenden des Kölner Jugendringes nieder. Schon in diesem Brief leitete der Kölner Regierungspräsident jene Täuschung der Öffentlichkeit ein, die der Diffamierung der Erhängten einerseits und der Rechtfertigung eigenen Fehlverhaltens andererseits diente.

In dem von Regierungsdirektor Dr. Richard Dette verfassten Vermerk war von Juden keine Rede, dafür aber von Wiedergutmachung und Gestapobeamten. Es erschien mir zuerst als das Wesentlichste an der Angelegenheit, dass eine für die Wiedergutmachung nach dem BEG (Bundesentschädigungsgesetz) zuständige Behörde sich in entsprechenden Verfahren der Aussagen von ehemaligen Gestapobeamten zuungunsten der Antragsteller bediente. Ich hatte die Vorstellung, dass eine solche Behörde auch imstande wäre, ehemaligen Auschwitz-Häftlingen, die als Opfer von medizinischen Experimenten auf Entschädigung klagen, eine Aussage des Dr. Mengele gegenüberzustellen, wonach er die Häftlinge medizinisch wegen Schnupfens behandelte – immerhin, er war ja Mediziner.

Dr. Richard Dette scheint schon eine merkwürdige Einstellung bei der Beurteilung ehemaliger Angehöriger von kriminellen Vereinigungen zu haben. Auf Seite → schrieb er:

»... dürfte auch feststehen, dass zu dieser Zeit die Gestapo nicht nur politische Delikte verfolgt hat.«

Auf der folgenden Seite schrieb er bereits verharmlosend von den »Bekundungen der vernommenen Polizeibeamten«. Das entspricht ungefähr den Bemühungen der HIAG (Hilfsgemeinschaft der ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS), die sich auch permanent darum bemüht, die Waffen-SS als eine völlig normale soldatische Truppe hinzustellen. Im Laufe der Recherchen habe ich mit Menschen Kontakt gehabt, die zur Zeit des Dritten Reichs Angehörige der Kriminalpolizei in Köln waren. Sie weisen den Versuch einer »Angleichung« mit der Gestapo weit von sich. Aber das, wie gesagt, erfuhr ich erst später. Nach dem Erscheinen eines Artikels in der Frankfurter Rundschau wurde ich zu einem Gespräch mit Dr. Richard Dette ins Kölner Regierungspräsidium eingeladen. Bei der Gelegenheit erfuhr ich, dass die Gestapoleute, derer sich die Wiedergutmachungsbehörde bediente, wegen Kriegsverbrechen vorbestraft waren. Die Behörde hat sie, wie Dr. Dette sagte, »... aus der Haft herausbringen lassen«, damit sie ihre Aussage vor der Entschädigungskammer des Kölner Gerichts machen konnten.

Die Gestapozeugen

Wer waren diese Zeugen? Waren es ehemalige Nazis, die nun voller Reue dazu beitragen wollten, aufzuklären? Ich musste also zuerst etwas über diese Zeugen in Erfahrung bringen. In Holland wird eine Sammlung von deutschen »Strafurteilen wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen« von der Universität von Amsterdam veröffentlicht.10Es mag schon auf den ersten Blick merkwürdig erscheinen, dass eine solche Sammlung nicht in Deutschland, sondern im Ausland erscheint. Immerhin erhält sie eine finanzielle Unterstützung der Alexandervon-Humboldt-Stiftung und der Deutschen Forschungsgemeinschaft. In Band V dieser Sammlung findet sich, auf den Seiten 685 bis 780 ein Urteil des Schwurgerichts beim Landgericht Köln vom 19. Dezember 1949 gegen ehemalige Angehörige der Gestapo Köln.

Hauptangeklagter in diesem Prozess war Josef Hoegen, ein Veteran der politischen Verfolgung. Seit August 1933 war er bei der Politischen Polizei und anschließend bei der Gestapo in der Hauptsache als Sachbearbeiter und Vernehmungsbeamter gegen Angehörige linksradikaler Kreise (KPD). 1935 wurde er zum Kriminalsekretär befördert. Seine Karriere bei der Gestapo erhielt 1941 einen merkwürdigen Knick. Im August 1941 wurde er vom SS- und Polizeigericht wegen Schwarzkaufs von Fleisch zu einer sechsmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt. Von dieser Strafe saß er drei Monate in Wittlich ab. Vom Dienst bei der Gestapo wurde er suspendiert, aus der NSDAP wurde er ausgeschlossen. Aber ein Dreivierteljahr später erhielt er eine Chance, sich zu bewähren. Er kam zur Einsatzgruppe B nach Smolensk. Nach einer Verletzung am Mittelhandknochen kehrte er nach Köln zurück, wo er seinen alten Posten bei der Gestapo wieder erhielt, den er dann bis zur Kapitulation innehatte.