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Alexander Leistner geht in seiner Studie der Frage nach, wie soziale Bewegungen als eine fragile Form sozialer Ordnung entstehen und sich stabilisieren. Eine hier vorgeschlagene biographietheoretische Bewegungsforschung liefert analytische Bausteine, um diese Form der Ordnungsbildung zu fassen. Dabei kommen gesellschaftliche und biographische Konfliktkonstellationen in den Blick, in denen Engagement entsteht. Es werden die sozialen Kontexte herausgearbeitet, in denen es sich (pfadabhängig) stabilisiert. Schließlich wird gezeigt, dass Schlüsselfiguren sozialen Bewegungen als informelle Rollenordnung eine (relativ) stabile Gestalt geben. Alexander Leistner entwickelt damit ein analytisches Instrumentarium zur Historisierung sozialer Bewegungen und wendet dieses exemplarisch und damit auch als Beitrag zur Zeitgeschichte auf die unabhängige Friedensbewegung in der DDR (und deren Entwicklung nach 1989) an. Zur Untersuchung wurden biographische Interviews mit langjährigen Aktivisten und Aktivistinnen geführt und um weitere Zeitzeugnisse ergänzt.
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Seitenzahl: 683
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Als Dissertation 2014 an der Fakultät für Sozialwissenschaften und Philosophie der Universität Leipzig angenommen.
Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG.
Vorwort
1 „Sammeln Sie Lebensgeschichten und kleben die in ein Lebensgeschichtsalbum nebeneinander?“ – Anliegen und Anlage der Studie
2 Soziale Bewegungen: Prekäre Ordnungsbildung und die Bedeutung des Langzeit-Engagements am Beispiel der unabhängigen Friedensbewegung in der DDR
2.1 Soziale Bewegungen – Begriff und Definition
2.2 Die DDR-Friedensbewegung – Begriff und Phänomen
2.2.1 Wurzeln und Strömungen
2.2.2 Verhältnis zur Evangelischen Kirche
2.2.3 Größe der Bewegung und sozialstrukturelle Merkmale
2.2.4 Organisationsstruktur
2.2.5 Aktionsrepertoire und inhaltliche Orientierungen
2.3 Gegenstandsverständnis
3 Erhebungsmethodische und methodologische Überlegungen
3.1 Methodischer Zugang und Auswahl der Fälle
3.2 Überlegungen zum äußeren Verlauf, der biographischen Selbstthematisierung und engagementbezogenen Relevanzstrukturen
4 Die Forschungsfrage: Die Bedeutung des Langzeit-Engagements für die Stabilisierung sozialer Bewegungen
4.1 Langzeit-Engagement als Thema der Soziologie sozialer Bewegungen
4.1.1 Sozialpsychologische Commitmentforschung
4.1.2 Soziologische Commitmentforschung: die Arbeit an der Langlebigkeit
4.1.3 Organisationssoziologische Bewegungsforschung: Bewegungsorganisationen zwischen Lauern und Überwintern
4.1.4 Soziologische Gruppen- und Gemeinschaftsforschung
4.1.5 Zwischenresümee
4.2 Protestkarrieren und die Selbststabilisierung sozialer Bewegungen
4.3 Leben und Bleiben in der DDR
4.4 Deutungsmuster des individuellen Dran-Bleibens
5 Vor allem war der Krieg: Formen seiner Thematisierung und Folgen für die Entstehung der Friedensbewegung
5.1 Krieg als generationenkonstituierender Erfahrungshintergrund
5.1.1 Der Krieg als Bedrohung und Normalität
5.1.2 Erleben im Luftschutzkeller und Bomben
5.1.3 Kriegsbedingte Mobilität
5.1.4 Familial tradierte Kriegserlebnisse
5.1.5 Zwischenfazit
5.2 Erhebungs- und Auswertungsmethode
5.3 „Kriegserleben“ – biographische Thematisierungen
5.3.1 „Lernen aus dem Kriegserleben“
5.3.2 „Kriegsbezogener Pazifismus“
5.3.3 „Kriegserleben ohne engagementbezogene Bedeutungszuschreibung“
5.4 Krieg und Frieden(-sbewegung) – theoretische Erklärungsangebote
5.5 Die besondere Rolle der Evangelischen Kirche in der DDR für die Entstehung der Friedensbewegung
6 Konflikte in der Organisationsgesellschaft: gesellschaftliche und biographische Konstellationen politischen Engagements
6.1 Die DDR als militarisierte Organisationsgesellschaft
6.1.1 Formen und Folgen kriegsbedingter Vergesellschaftung
6.1.2 Die Friedensbewegung im „Friedensstaat“
6.1.3 Schlussfolgerungen
6.2 Studien zur subjektiven Auseinandersetzung und abweichenden Positionierung
6.3 Abweichende Positionierungen und legitimatorische Positionierungssemantiken – eine konflikttheoretische Perspektive auf Bewegungspartizipation
6.3.1 Ausgangskonstellationen und Positionierungen
6.3.1.1 Positioniert-Werden: Mitgliedschaftskonflikte in der Organisationsgesellschaft
6.3.1.2 Sich-Abgrenzen: Die Politisierung innerfamiliärer Konflikte
6.3.1.3 Das Charisma des Andersseins: Folgenreiche Selbststigmatisierungen
6.3.1.4 Mitmach-Konflikte in der militarisierten Organisationsgesellschaft
6.3.2 Legitimatorische Positionierungssemantiken
6.3.2.1 Abgrenzungssemantiken
6.3.2.2 Verantwortlichkeitssemantiken
6.3.2.3 Zwischenfazit
6.4 Strömungen der Friedensbewegung
6.4.1 „Nie wieder“: Die Friedensbewegung als Kriegsablehnungsbewegung
6.4.2 „Noch nicht“: Die Friedensbewegung als Reformbewegung
6.4.3 „Jetzt reicht’s“: Die Friedensbewegung als Bürgerrechtsbewegung
6.4.4 „Ohne mich“: Die Friedensbewegung als Emanzipationsbewegung
6.5 Der Zusammenhang zwischen individueller Politisierungslogik und Formen der Gemeinschaftsbildung
6.6 Exkurs: Die Beschaffenheit von Gesellschaft und Protestteilnehmenden
6.7 Zusammenfassung – Elemente der Protestkarriere
7 Schlüsselfiguren: Ordnungsbildung und rekursive Stabilisierung
7.1 Die Unterscheidung von Führungs- und Schlüsselfiguren – ein folgenreicher Perspektivwechsel innerhalb der Bewegungsforschung
7.2 Anmerkungen zur Typenbildung
7.3 Schlüsselfiguren als informelle Rollenordnung sozialer Bewegungen
7.3.1 Zeuge
7.3.2 Pionier
7.3.3 Mentoren
7.3.4 Vordenker
7.3.5 Fürsprecher
7.3.6 Vernetzer
7.3.7 Aktionist
7.3.8 Renegat
7.3.9 Veteran/Urgestein
7.3.10 Zwischenfazit
7.4 Phasen der DDR-Friedensbewegung
7.4.1 Erste Phase: Politisierung individueller Mitmach-Konflikte und Prozesse der Selbstbeauftragung (1962–1972)
7.4.2 Zweite Phase: Erste Gruppengründungen (1973–1978)
7.4.3 Dritte Phase: Die konflikthafte Expansion der Friedensbewegung (1979–1983)
7.4.4 Vierte Phase: Stagnation, Stabilisierung und Neuorientierung (1983–1984)
7.4.5 Fünfte Phase: Die Politisierung der Friedensbewegung (1985–1989)
7.5 Die lokale Dominanz von Schlüsselfiguren und folgenreiche Akteurskonstellationen
7.5.1 „Eine Hoffnung lernt gehen“ – Die Ökumenische Versammlung als kirchliche und gesellschaftliche Reformbewegung
7.5.2 „Wir sind das Volk“ – Leipzig und die Montagsdemonstrationen
7.5.3 „Wir haben damals immer gesagt: ‚Die Berliner‘“ – Berlin und die Fraktionen der Bewegung
7.5.4 „Mittler des Dialogs“ – Dresden und die Emanzipation der Bürgergesellschaft
7.5.5 Zwischenfazit
7.6 Zusammenfassung: Die Formation einer sozialen Bewegung und die rekursive Stabilisierung des Engagements
8 Engagementverläufe und biographische Pfadabhängigkeiten in und nach dem Umbruch von 1989
8.1 Knistern und Gewusel – die Friedensbewegung am Vorabend des politischen Umbruchs
8.2 Biographien in Bewegung
8.2.1 Situativer Bedeutungszuwachs und krisenhafte Diskontinuitäten
8.2.2 Engagementbezogene Professionalisierung: „Skills for action“
8.2.3 Offenheit der Lebensperspektiven
8.2.4 „Unsere DDR“ – situative Verschmelzung
8.2.5 Der Umbruch als Krise
8.3 Zusammenfassung: Typologie biographischer Entwicklungspfade des Engagements
8.3.1 Die pfadabhängige Stabilisierung des Engagements
8.3.2 Die pfadabhängige Transformation des Engagements
8.3.3 Abbruch oder krisenhafte Transformation des Engagements
8.4 Zusammenfassung
9 Die Entwicklungen der Friedensbewegung nach 1989
9.1 „Der verlorene Freund“ oder die Entwicklung geteilter Erinnerungsgemeinschaften
9.2 Was ist geworden? Die Transformation der Gruppenszene
9.2.1 Die Friedensbewegung als Kriegsablehnungsbewegung
9.2.2 (Friedensbewegung als) Reformbewegung
9.2.3 (Friedensbewegung als) Emanzipationsbewegung
9.3 Einflussfaktoren auf die Transformationsprozesse
9.3.1 Der Einfluss kontinuierender Gruppenprozesse
9.3.2 Der Einfluss individueller Positionierungen
10 Zusammenfassung
10.1 Protestkarrieren: Konstellationsanalyse identitärer Bindungen an das Engagement
10.2 Schlüsselfiguren des Protests: prekäre Ordnungsbildung und rekursive Stabilisierung
10.3 Biographische Pfadabhängigkeiten und die Stabilisierung und Transformation des Engagements
Literaturverzeichnis
Tabelle 1: Dimensionen des Umbruchs
Tabelle 2: Umgang mit Enttäuschungen
Das Aufkommen sozialer Bewegungen steht in einem historischen Kontext: dem Wandel unseres Zeit- und Geschichtsverständnisses; der Entstehung von Zukunftsentwürfen, in denen sich die Welt von einer weitgehend unhinterfragten und -fragbaren Wirklichkeit zu einem gestaltbaren Projekt verändert; und schließlich und bis zum heutigen Tag der Transformation dieser Gestaltbarkeitshorizonte.
Dieses Buch – eine historische Fallstudie zur Entstehung der unabhängigen DDR-Friedensbewegung – versteht sich als Beitrag zu einer allgemeinen soziologischen Theorie sozialer Bewegungen. Das ist dessen Kern. Zugleich und zwischen den Zeilen handelt es auch aber von etwas, das Historiker „vergangene Zukunft“ nennen. Von Erwartungshorizonten, deren weltumspannende und nicht ausschließlich auf die Situation in der DDR bezogene Weite eine prägende wie politisierende Sogwirkung auf Biographien hatte. Zur Historizität der Bewegung gehört, dass diese Erwartungshorizonte mit dem Untergang der DDR verschwunden, verblasst oder gealtert sind. Und dass sich auch die Vorstellung, Einfluss auf gesellschaftlichen Wandel zu nehmen, verändert. Man kann dies als einen Verlust an Hoffnung deuten und angesichts aktueller Umbrüche und Wandlungsprozesse bedauern. Aber vielleicht ist es Anstoß, wieder und neu Zukunft zu denken.
Die vorliegende Arbeit wurde im Oktober 2014 als Dissertation an der Fakultät für Sozialwissenschaften und Philosophie der Universität Leipzig verteidigt. Die Aktenordner aus der Anfangszeit ihrer Bearbeitung sind nur noch schwer leserlich mit „Soziologie der Hoffnung“ beschrieben. Diese Beschriftung als autobiographisches Datum gibt Auskunft über einen Initiativimpuls für die Themenwahl: Als familienbiographisch in die Geschichte dieser Bewegung verstrickter Forscher wissenschaftlich zu ergründen, was Menschen über Jahrzehnte dazu motivierte, einigermaßen aussichtslos den (kriegs)gesellschaftlichen Verhältnissen die Stirn zu bieten. Bei Hölderlin heißt es: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Aber diese literarische Zuversichtsformel beschreibt kein Naturgesetz. Was das Rettende nun letztlich ist; ob es wächst und wie, das ist Menschenwerk und ein kontingenter sozialer Prozess. Die Ordnerbeschriftung ist mit den Jahren verblasst und die Arbeit hat sich von diesem Ausgangsimpuls gelöst. Denn die Frage, wie eine soziale Bewegung quasi aus dem Nichts entstehen und sich stabilisieren kann, ist nicht nur ein politisches, sondern zunächst und vor allem ein soziologisch-theoretisches Problem. In der vorliegende Arbeit schlage ich vor, soziale Bewegungen entgegen gängiger Definitionen als informelle Rollenordnung zu verstehen, die über Schlüsselfiguren stabilisiert wird und entwickle ein analytisches Instrumentarium zur Durchdringung und Historisierung sozialer Bewegungen im Allgemeinen.
Den Anstoß zu dieser Forschung und die dafür notwendige wissenschaftliche Distanz und methodische Sorgfalt verdanke ich wiederum selbst prägenden Schlüsselfiguren.
Sie haben als Wegbereiter, Fürsprecher, Mentorin und Kritiker den Fortgang der Arbeit entscheidend beeinflusst und sind als Partnerin und Weggefährtin unschätzbar für geteiltes Leben und Arbeiten und die existenzielle Totalinklusion der eigenen, gerade in solchen Arbeitsphasen manchmal anstrengenden Höchstpersönlichkeit.
Viel verdanke ich Hansjörg Weigel, Werner Seifert, Georg Meusel, Elke Herrmann, Annemarie Müller und Wolfgang Hertle, den akademischen Prägungen durch Karl-Siegbert Rehberg, Joachim Fischer und Gerald Kretzschmar an der TU Dresden sowie später meiner Erstgutachterin Monika Wohlrab-Sahr an der Universität Leipzig. Diese beiden – im besten Sinne – universitären Inseln bildeten je spezifisch eine Luxuskonstellation, um die Gegenstände der eigenen Forschung von der einen oder anderen theoretischen Perspektive unvoreingenommen auszuleuchten und in rekonstruktiver Versenkung zu durchdringen.
Nicht zu ersetzen war und ist schließlich das Umfeld des Leipziger Lehrstuhls mit seiner intellektuellen Neugier, den intensiven Diskussionen um das Selbstverständnis einer „empirischen Kultursoziologie“ und dem leider systematisch unterschätzten Raum für produktiven Müßiggang. Ich vermisse Euch: Timmo Krüger, Wiebke Nonne, Uta Karstein, Melanie Eulitz, Christian Fröhlich, Andrea Radvanszky, Oliver Kuhn, Anja Frank, Marliese Weißmann, Lena Dreier, Franz Erhard, Maria Jakob, Christine Neubert und – nicht zuletzt – Thomas Schmidt-Lux.
Meine Zweitgutachterin Ingrid Miethe hat die Arbeit früh und wegweisend begleitet. Wichtige theoretische Blickschärfungen verdanke ich Andreas Pettenkofer und Jurit Kärtner.
Simon Teune fand Thema und Arbeit jenseits professionellen Networkings spannend. Es tut mir leid, dass ich der öffentlichkeitswirksamen Buchreihe die liebevolle Hardcoverausgabe vorgezogen habe. Petra Goericke hat das Manuskript zuletzt mit viel Geduld redigiert. Die Archive der DDR-Bürgerbewegung in Jena, Leipzig und Werdau, sowie das Ökumenische Informationszentrum in Dresden unterstützten mich professionell und unkompliziert bei der Suche nach historischen Quellen und Zeitzeugeninterviews. Mein Dank gilt zudem der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die mein Studium, die Promotion überhaupt erst ermöglicht und schließlich die Drucklegung finanziert haben.
Ohne die Bereitschaft meiner Interviewpartner/innen aus ihrem Leben zu erzählen hätte die Arbeit nicht geschrieben werden können. Und ohne ihre Offenheit, hätte sie einen anderen Charakter bekommen. Ich hoffe sehr, in meinen Interpretationen einen Ton getroffen zu haben, der – wenngleich soziologisch verfremdet und abstrahiert – doch ihre An- und Innensichten zum Ausdruck bringt; dass sie in der Geschichte, die hier erzählt wird, ihre eigene wiederfinden. Und vielleicht lässt sich der ein oder die andere Leserin von ihrer Zuversicht und Beharrlichkeit anstecken.
Julia Böcker verdanke ich (auch) den Abschluss der Dissertation. Ich arbeite unglaublich gern mit Dir zusammen.
Meiner Familie, Heidi und Dieter Leistner, Gudrun, Christian und Markus Wutzler, danke ich dafür, dass sie mich in jeglicher Hinsicht unterstützt haben. Und dann waren da immer und immer für mich da: Doris Wutzler, mit ihrem unvoreingenommenen und glasklaren Blick auf die Arbeit wie das Leben, und unsere Kinder Wenzel und Annegret. Ich mag, wie Ihr die Welt seht.
Gewidmet ist das Buch meinem Bruder Enno. Du fehlst.
Leipzig, im Januar 2016
„Er traf auf Hoffnung ohnegleichen; diese half, das kahle Feld der Zeit mit schäumenden Bildern zu bevölkern. Glaube des Unbedingten macht aus der abgestandensten Lektüre, die ihn nährt, wieder einen Glauben, nämlich einen antiquarisch-utopischen.“ (Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung)
Die Romanfigur des Don Quichotte erscheint in seinem vergeblichen, durch Lektüren befeuerten Kampfe gegen die riesenhaften Windmühlen dem Wegbegleiter, den Zeitgenossen und Außenstehenden als „Ritter von trauriger Gestalt“. In dieser Beschreibung scheint kopfschüttelndes Mitleid durch: über den Irrwitz, sich wider besseren Wissens gegen die Zeiten zu stemmen, die ja augenscheinlich längst und flächendeckend über ihn hinweggegangen sind. Und über die höchst eigensinnige Selbstverständlichkeit, mit der er sich zu seinem eigenen Schaden in immer neue Abenteuer stürzte. Vielleicht ist es zuweilen auch melancholische Bewunderung für die Unbeirrbarkeit dieses aus der Zeit gefallenen Streiters.
Szenenwechsel: Ein regnerischer Adventstag, auf dem Weihnachtsmarkt steht fröstelnd ein verlorenes Häuflein, eine Handvoll Friedensaktivisten. Sie verteilen Handzettel, protestieren gegen militärische Einsätze im Ausland oder schweigen – einander an den Händen haltend – „für den Frieden“. Wirken sie auf Außenstehende nicht auch wie „Ritter von trauriger Gestalt“? Vielleicht sind Beobachter sogar peinlich davon berührt, wie sich die Demonstranten so dieser öffentlichen Situation aussetzen, die Intimität samstäglichen Bummelns irritieren und das persönliche Zeugnis ihrer „Betroffenheit“ ein bisschen zu aufdringlich hier zu Markte tragen. Widerspruch mag den Beobachtern auf den Lippen liegen: Wurde nicht der letzte große, der Kalte Krieg vor zwanzig Jahren von der Friedensbewegung zu Grabe getragen? Brachte der Balkankrieg in den 1990er Jahren und die Diskussionen in der deutschen Öffentlichkeit nicht die unhintergehbare Einsicht in die (humanitäre) Notwendigkeit kriegerischer Interventionen und in die Unübersichtlichkeit der Welt nach der Blockkonfrontation? Gibt es die Friedensbewegung überhaupt noch?
Die Frage, ob man derlei Hartnäckigkeit bewundern oder bemitleiden soll, stellt sich die Soziologin nicht. Die Neugier gilt hier dieser besonderen Form von Bindung an ein Engagement, das sich weder mitgliedschaftsförmig aufrufen noch erzwingen lässt. Die Handvoll steht aus freien Stücken in der Kälte. Sie könnte genauso gut alles hinschmeißen und die Samstage im Warmen verbringen. Gelegenheiten zum Ausstieg aus einer sozialen Bewegung gibt es viele (denn eine offizielle Mitgliedschaft existiert nicht): ein Rückschlag durch eine misslungene Aktion, ein Zerwürfnis in der Gruppe, der Umzug in eine andere Stadt etc. Neben öffentlicher Aufmerksamkeit, einem Kreis zugeneigter Spender, einer breiten Mobilisierungsbasis für Teilnehmer an Aktionen sind soziale Bewegungen vor allem auf den harten Kern von Langzeitaktivisten angewiesen; auf jene, für die Rückschläge, Zerwürfnisse und Umzüge kein Anlass sind, aufzuhören. Für sie spielt das keine Rolle: Sie raffen sich auf und raufen sich wieder zusammen, suchen sich auch in einer neuen Stadt eine neue Gruppe. Dank dieses überdauernden Engagements kann sich Protest stabilisieren, auf Dauer stellen, in Form von kontinuierlich arbeitenden Gruppen Gestalt annehmen und so zur Voraussetzung für gesellschaftlichen Wandel werden. Diese erklärungsbedürftige Stabilität zu untersuchen, ist Anliegen der Arbeit.
Ihr Gegenstand ist die unabhängige Friedensbewegung, die sich seit den 1970er Jahren und unter hohen persönlichen Risiken in der DDR entwickelt hatte, die einen wesentlichen Beitrag zum Ende des Kalten Krieges lieferte und nach 1989 nicht gänzlich verschwand, die fortexistierte in verbliebenen Gruppen und Grüppchen, die sich konservierte in unbeirrtem Einzelkämpfertum oder hauptamtlich professionalisierter Friedensarbeit.
Wie lässt sich ein solches Langzeit-Engagement der Aktivisten erklären? Von dieser zentralen Forschungsfrage her werden im Fortgang der Arbeit der Gegenstand und die davon berührten Forschungsfelder durch das Nadelöhr individueller Biographien gefädelt.
Unter Langzeit-Engagement verstehe ich Aktivitäten innerhalb einer sozialen Bewegung, die:
freiwillig
ausgeübt werden, entweder unbezahlt als Ehrenamt oder im Kontext beruflicher Tätigkeiten, wie es etwa bei kirchlichen Mitarbeitern der Fall war;
konstant
über einen
längeren Zeitraum
ausgeübt werden, das heißt mehr als 10 Jahre, und bei einigen Interviewpartnern auch mehrere Jahrzehnte umfassen können;
wiederholt und erwartbar
in einer
zeitlichen Intensität
ausgeübt werden, die über punktuelle oder sporadische Aktivitäten weit hinausgehen.
Im Einzelfall mag es trotz dieser Eingrenzungen strittig und willkürlich sein, genau zu definieren, ab wann ein Engagement ein Langzeit-Engagement ist. Wichtig ist für den hier verfolgten Zweck vor allem, den Blick auf eine spezifische Gruppe von Akteuren zu richten, auf jene Aktivisten einer Bewegung, die über einzelne Protestereignisse und Kampagnen hinweg aktiv sind und häufig aufgrund der Dauer und Intensität ihres Engagements zu einer Kerngruppe der Bewegung gehören. In der folgenden Arbeit ist wahlweise von Langzeit-Engagement, Langlebigkeit und Persistenz die Rede. Gemeint sind jeweils die hier eingegrenzten und – wie der lateinische Ausdruck nahelegt – beharrlichen und fortbestehenden Aktivitäten. Um verallgemeinerbare Aussagen über Persistenzbedingungen treffen zu können, werden drei Gruppen von Aktivisten in den Blick genommen. Anhand der eingangs skizzierten formalen Kriterien (vgl. ausführlicher Abschnitt 2.4) habe ich die Interviewpartner in Persisters, Shifters und Dropouts unterschieden. Die Eingangsszene vor Augen sind die Unterschiede schnell beschrieben: die Persisters sind jene, die seit Jahren demonstrieren; die Shifters haben entweder die Bewegung gewechselt – und also die Motive ihrer Plakate – oder arbeiten in bewegungsnahen Kontexten als Mediator oder als Berufspolitiker, den nun die Protestschreiben ehemaliger Mitstreiter erreichen. Die Dropouts sind nicht mehr aktiv, mögen die Gründe dafür variieren, und da macht es auch keinen Unterschied, ob sie ideologisch mit den Anliegen von einst gebrochen haben oder von ihnen immer noch überzeugt sind. Sie sind nicht mehr aktiv.
Was ist gemeint mit „durch das Nadelöhr gefädelt“? Es wird versucht, die beiden einander abwechselnden Arten zu beschreiben, wie auf das Thema geschaut wird.
Zunächst werden im Kapitel 1 Akteure und deren Biographien betrachtet. Wie, unter welchen Umständen und in welchen sozialen Kontexten werden und bleiben sie politisch aktiv? Sie kommen in den Blick, um die Entstehung und Stabilisierung sozialer Bewegungen zu erklären.
Das ist gleichsam der methodisch scharf gestellte und inhaltlich enge Fokus der Arbeit – ihr Kern. An diesen Kern sind grundsätzliche Überlegungen angelagert. Sie sind Resultat einer sich Zug um Zug entfaltenden Argumentation, in deren Folge der Fokus immer wieder in die Weitwinkelperspektive wechselt und die Umstände sowie Kontexte des Langzeit-Engagements in den Blick nimmt. Nadelöhr meint also, dass von den Biographien her ein alternatives Verständnis sozialer Bewegungen und der DDR-Gesellschaft entwickelt wird.
Im Kapitel 2 wird der Leser in den Gegenstand der Arbeit eingeführt. Die Ausführungen zu sozialen Bewegungen im Allgemeinen und der DDR-Friedensbewegung im Besonderen lassen den Gegenstand plastisch werden und schärfen zugleich das Verständnis dafür, warum das hier untersuchte Langzeit-Engagement zentral für den Bestand einer Bewegung und zugleich erklärungsbedürftig ist. Es wird das der Arbeit zugrunde liegende Gegenstandsverständnis entfaltet: Die soziale Ordnung einer Bewegung ist flüchtig und instabil, das Engagement unter den repressiven Bedingungen einer Diktatur und dessen Fortbestand nach dem Systemwechsel von 1989 sind unwahrscheinlich.
Im Kapitel 3 werden die empirischen und methodischen Zugänge zum Phänomen des Langzeit-Engagements erkundet. Zunächst wird die Auswahl der Interviewpartner vorgestellt und begründet, in einem zweiten Schritt das eingangs formal eingrenzte Verständnis von Langzeit-Engagement aus biographietheoretischer Sicht vertieft. Es geht um eine zentrale Klärung: Was genau bedeuten Langlebigkeit und Persistenz, auf welcher Ebene werden sie methodisch sichtbar?
Das Kapitel 4 konzentriert sich auf Erklärungsansätze für die Stabilität und Langlebigkeit des Engagements in sozialen Bewegungen, die – das zeigt die Sichtung des Forschungsstandes – bislang nur selten und ungenügend innerhalb der Bewegungsforschung thematisiert wurden. Anschließend werden alternative Erklärungsansätze diskutiert. Mit dem Konzept der Protestkarrieren und dem Theorem biographischer Pfadabhängigkeiten werden zwei Ansätze vorgestellt, mit denen sich das Aktivwerden und dessen Stabilität (das Aktivbleiben) erklären lassen. Im Ergebnis des Kapitels wird einerseits die Bewegungsforschung biographietheoretisch auf den Kopf gestellt, andererseits das Untersuchungsdesign mehrdimensional angelegt. Wer die Entstehung und den Bestand einer Bewegung verstehen will, muss das Aktivwerden und Aktivbleiben Einzelner verstehen (Mikro-Ebene). Das Aktivwerden lässt sich wiederum als Prozess des individuellen und konflikthaften „Sich-an-der-Gesellschaft-Reibens“ verstehen (Mikro-Makro-Ebene). Und das Aktivbleiben wiederum hängt auch mit den spezifischen Stabilisierungsmechanismen innerhalb einer Bewegung zusammen (Meso-Ebene). In diesem Kapitel wird somit das zentrale Argument der Arbeit geschärft: Die Frage nach dem Aktivwerden und Aktivbleiben ist untrennbar verbunden mit der Frage nach sozialer Ordnungsbildung, nach der Entstehung und dem Bestand einer Bewegung.
Im Kapitel 5 wird die doppelte Blickführung der Arbeit erläutert. Es fokussiert eng auf die biographischen Erzählungen und stellt diese in den weiten historischen Kontext der Kriegs- und Nachkriegszeit. Inhaltlich zentrales Thema ist der Zweite Weltkrieg. Damit geht das Kapitel historisch weit zurück, um das Selbstverständnis der Friedensbewegung in seiner Eigentlichkeit zu fassen. Am Beispiel individueller Kriegsthematisierungen in den biographischen Interviews wird die Besonderheit der Auswertungsmethode vorgestellt und abgegrenzt. Dabei wird gefragt, warum die Re-Militarisierung der DDR angesichts des soeben zu Ende gegangenen Weltkrieges – im Unterschied zu Westdeutschland – zunächst nicht oder nur mit erheblicher Verzögerung zur Ausbildung einer staatsunabhängigen Friedensbewegung in der DDR führte. Abschließend wird gezeigt, dass in den Evangelischen Kirchen der DDR gleichwohl das Thema von Frieden und Krieg einen zentralen Stellenwert im eigenen Selbstverständnis hatte.
Die Frage nach der Entstehung der DDR-Friedensbewegung steht im Zentrum des Kapitels 6. Dort werden an und aus dem empirischen Material die gesellschaftlichen und biographischen Konstellationen des Aktivwerdens entwickelt. Es werden vier Typen vorgestellt, wie sich Befragte in der spezifischen Konfliktstruktur einer „militarisierten Organisationsgesellschaft“ positionierten und aktiv wurden. Damit wird gezeigt, wie identitäre Bindungen an das Engagement entstehen und dieses auf Dauer stellen. Ich unterscheide anschließend unter Rückgriff auf diese Grundpositionierungen vier inhaltliche, ineinander übergehende und konflikthaft aufeinander bezogene Strömungen der Friedensbewegung.
Im Kapitel 7 wird als fehlender analytischer Baustein das Konzept der Schlüsselfiguren entwickelt und angewendet. Inhaltlich lassen sich damit die Phasen der Bewegungsentwicklung bis 1989 abgrenzen und folgenreiche Akteurskonstellationen rekonstruieren, die einen erheblichen Beitrag zu den Ereignissen des Umbruchsherbstes leisteten. Analytisch wird mit dem Konzept ein Vorschlag unterbreitet, wie sich die Entstehung und Entwicklung eines so instabilen Gebildes wie eine soziale Bewegung beschreiben lässt. Mit Blick auf den Kern der Studie ist dabei die Idee der rekursiven Stabilisierung des Engagements zentral. Die Identität der Akteure und das Handlungsmodell des Zeugnisablegens beeinflusst die Aktivitäten und führt zum Entstehen einer, um Schlüsselfiguren herum stabilisierten, sozialen Struktur. Diese Aktivitäten und Strukturen wiederum stabilisieren und prägen rekursiv die Identität (biographische Pfadabhängigkeiten). Die Verknüpfung dieser Argumente stellt somit den theoretischen Kern dieser historischen Soziologie der Friedensbewegung dar. Die Ausprägung politisch abweichender Identitäten wird zur Voraussetzung dafür, dass soziale Strukturen entstehen, die jeweils unterschiedlich auf die Akteure zurückwirken und zur Voraussetzung für historischen Wandel werden.
Mit der Frage, wie diese aufgebauten biographischen (Aktivistenidentität) und sozialen Strukturen (soziale Bewegung) auf die Akteure zurückwirken, findet die Studie zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Die historisch weit ausholende Entwicklung der analytischen Bausteine wird nun auf die Frage bezogen, wie sich das Engagement nach dem Umbruch von 1989 weiterentwickelte. Im Kapitel 8 wird – aus der Perspektive der Befragten – die Wucht der gesellschaftlichen und persönlichen Umbrüche von 1989 deutlich und eine Typologie biographischer Entwicklungspfade des Engagements erarbeitet. Damit werden – unter Rückgriff auf das Konzept biographischer Pfadabhängigkeiten – Bedingungen für die Stabilität, die Transformation und den Abbruch des Engagements präzisiert.
Das Kapitel 9 gibt einen Überblick über die Entwicklung der ostdeutschen Friedensbewegung nach 1989 und fragt nach den Bedingungen für die unwahrscheinliche Fortexistenz einzelner Gruppen sowie des Engagements verbliebener Langzeitaktivisten.
Die Studie schließt im Kapitel 10 mit zusammenfassenden Thesen.
Indem die Arbeit so fragt; indem von den Biographien her kommend das Geflecht von Lebensweg, Engagement, Friedensbewegung und Gesellschaft untersucht wird, ist im Ergebnis der Gegenstand mehrfach analytisch durchdrungen. Sie ist eine Fallstudie für je verschiedene Forschungsfelder.
Im Kern zielt die Arbeit auf die Entwicklung alternativer Erklärungsansätze innerhalb der Soziologie sozialer Bewegungen. Am Beispiel der DDR zeigt sie, wie Protest unter ungünstigen Bedingungen überhaupt in Gang kommt und wie er am Leben bleibt, auch wenn die großen Zeiten einer sozialen Bewegung verblassen. Die Entstehung identitärer Bindungen an das individuelle Engagement erscheint überhaupt erst als Voraussetzung für die Entstehung der Strukturen einer Bewegung, wiewohl diese Strukturen die Identitäten dann rekursiv stabilisieren. Die Fallstudie wird theoretisch im Konzept der Schlüsselfiguren verdichtet, das beides einschließt: ein dem Engagement zugrunde liegendes Handlungsmodell (das Zeugnisablegen) und einen Erklärungsansatz für die Ausbildung einer (informellen) sozialen Ordnung sowie für deren Selbststabilisierung.
Wer sich für die unabhängige Friedensbewegung und die DDR-Gesellschaft interessiert, kann die Arbeit als Studie lesen, die am Beispiel einer konkreten Protestbewegung einen Beitrag zur Gesellschaftsgeschichte der DDR leistet und deren Charakter im Konzept der militarisierten Organisationsgesellschaft zuspitzt. Es werden die frühen Wurzeln der Friedensbewegung in den 1960er Jahren betont und die verschiedenen inhaltlichen Strömungen rekonstruiert. Indem nach dem Fortgang des Engagements nach 1989 gefragt wird, spannt die Arbeit zudem einen themenbezogenen Bogen von der Nachkriegsgesellschaft der 1950er und 1960er Jahre bis hin zur Transformationsgesellschaft der 1990er Jahre.
Vielleicht lesen die Arbeit Zeitzeugen und Dabeigewesene und vermutlich einige der Interviewpartner. Gerade ihnen könnte der soziologische Zugriff auf diese Zeit, die ihre Lebensgeschichte schrieb, fremd sein, etwa das nicht einfach nacherzählende, sondern abstrakt-typologisierende Schreiben über die damaligen Ereignisse, mit dem sich der Autor zwangsläufig weit vom Einzelfall entfernt. Zu wünschen wäre, dass aber gerade diese Distanz sichtbar macht, was damals geschah. Irritieren dürften zudem der konsequent anonymisierte Umgang mit den Interviewpartnern und mehr noch der interpretierende Zugriff auf die biografischen Interviewtexte. Das eigene Leben erscheint im Licht soziologischer Konzepte mindestens fremd.
Den Interviewten selbst wurde dieses Anliegen vage benannt, um eine zu starke thematische Einengung des Interviewverlaufes zu vermeiden und bloße Argumentationsnarrative (die bspw. das Gegenüber von der Notwendigkeit des Engagements überzeugen sollen) zu verhindern. Ich bekundete das allgemeine Interesse an Lebenswegen von DDR-Friedensaktivisten. Der Gesprächsimpuls sollte offen sein, um keine Argumentationstexte zu erhalten, warum man das nicht mehr oder immer noch macht, und dabei doch zugleich thematisch einrahmen. Nicht immer haben die Befragten umstandslos zu erzählen begonnen. Oftmals haben sie um Auskunft gebeten, was denn für mich interessant sein könnte, wo anzufangen sinnvoll wäre, wen das überhaupt interessieren soll. So hat ein Interviewpartner besonders hartnäckig nachgefragt, wie ich denn überhaupt auf ihn komme, von so weit her anreise und was ich denn eigentlich mit dem ganzen Material anfangen will:
B:
Ähm (2), äh, was machen Sie jetzt dann mit der Lebensgeschichte? Also wollen Sie da jetzt Daten oder Erkenntnisse, äh, draus beziehen? Schlussfolgerungen ziehen, die Sie dann in einen großen Zusammenhang setzen? (2) Oder, äh, sammeln Sie Lebensgeschichten und kleben die in ein Lebensgeschichtsalbum nebeneinander oder, äh?
I:
Nee, nee, das nicht. (2) Nee, das also.. es ist, äh, ähm (2), also es ist schon eher so […] der Blick auf so typische Wege //B: hmhm// Verlaufswege und wie man die erklären kann.
B:
Also, ob die typisch sind, wissen Sie ja noch gar nicht […] Interessant wäre es, dann ganz zum Schluss natürlich mal ein.. Exemplar der Arbeit zum Lesen zu kriegen? Darf man das ja?!
(Klaus Wagner, Z. 28–46)
Neben dem offensichtlichen Unbehagen des Interviewers und dem Unvermögen einigermaßen verständlich, aber doch vage genug, das Interesse anzusprechen, wird vor allem eins deutlich: Der Befragte – Klaus Wagner genannt – problematisiert die Auswahl der Interviewpartner („Das wissen Sie ja gar nicht“) und die Anfrage an die Auswertung („Was tun Sie da eigentlich?“).
Die wissenschaftliche Antwort auf diese ganz grundsätzliche Anfrage klingt vergleichsweise hölzern. Die Rekonstruktion von Lebenserzählungen, in denen die Befragten sich (und das eigene Engagement) rückblickend beobachten, macht sichtbar, welchen Stellenwert das Friedensengagement für die personale Identität hat und welche Prozesse und Bedingungen zur Entstehung und Stabilisierung einer solchen biographischen Struktur führen, die das Engagement alternativlos erscheinen lässt. Damit eng zusammen hängt die Frage, wie überhaupt so fragile soziale Gebilde wie soziale Bewegungen entstehen und sich stabilisieren.
Nachträglich und etwas überlegter würde ich dem Gegenüber antworten:
„Erkenntnisse daraus ziehen, wäre jetzt etwas zu allgemein. Aber es stimmt, ich sammle nicht ohne Leidenschaft und Neugier Lebensgeschichten – nach zunächst tatsächlich ziemlich oberflächlichen Kriterien. Aber das eigene Unwissen darüber, ob der Befragte jetzt für meine Frage ‚passt‘ oder nicht, kann auch hilfreich sein. Weil es doch gerade darum geht: nicht um die Suche nach dem idealen Vorzeigeaktivisten und der Bestätigung wissenschaftlich vorab verbürgter Klischees, sondern um die Lebenswege in und aus einer Bewegung. Die Herausforderung, die den Soziologen dann hoffentlich vom Lebensgeschichtsalbumgestalter unterscheidet, besteht darin, in diesen höchstpersönlichen, verwickelten Lebenswegen typische Muster zu erkennen. Muster, die erklären, warum das Engagement für manche einen kaum zu hinterfragenden Eigenwert bekommt und für andere nicht. Und das setze ich dann – wie Sie gesagt haben – in den großen Zusammenhang einer grundlegenden Frage, der Frage nach den Voraussetzungen dafür, dass aus versprengten Grüppchen und Einzelkämpfern so etwas wie eine Protestbewegung entsteht.“
„Eine Erklärung sollte ihren Ausgang davon nehmen, das zu erklärende Phänomen so genau zu beschreiben, dass klar ist, worin der erklärungsbedürftige Tatbestand besteht.“
(Schimank 2008, S. 210)
In diesem Kapitel wird gezeigt, dass die Frage nach den Bedingungen für die Stabilisierung des Engagements sich nicht von der Frage trennen lässt, was soziale Bewegungen sind, wie sie entstehen, sich stabilisieren und wieder verschwinden. Wichtige Ansätze für die Erklärung der Entstehung und Entwicklung von sozialen Bewegungen liefert der Blick auf die Biographien der Aktivisten.
Was wird aus einer sozialen Bewegung, wenn Erfolg und Bedeutung von einst verblassen; wenn die politischen Rahmenbedingungen, unter denen sie entstand, sich wandeln; wenn der Kalte Krieg beendet und die Mauer gefallen, wenn die unmittelbare Kriegsbedrohung gewichen ist und sich militärische Gewalt nunmehr fernab in den Kriegen und Kleinstkonflikten dieser Welt blutig austobt; wenn die Wut und Angst von damals verpufft und die Empörung glatt geschliffen ist; wenn der Idealismus der immer noch Aktiven abgekämpft klingt, zuweilen melancholisch und nicht selten verbittert?
Was wird aus einer sozialen Bewegung? Diese Frage stellte der ZEIT-Journalist Christof Siemes im Jahr 2002 der gesamtdeutschen Friedensbewegung angesichts der drohenden Irak-Invasion und besuchte für eine große Reportage verschiedene Gruppen und Initiativen in Ost und West. Und auch wenn es in seinem Porträt nicht um die ostdeutschen Gruppen der 1980er Jahre geht, so ist das Beispiel doch exemplarisch für das hier verhandelte Grundproblem. Siemes’ Antwort lautet – und man mag hier an die Stagnation der Friedensgruppen in Ost und West nach der beschlossenen Pershing-II-Stationierung denken: Die Friedensbewegung schmilzt zusammen auf einen heterogenen Kern von wenigen Gruppen und Langzeitaktivisten. Sie hält Winterschlaf. Mit Blick auf die öffentlichkeitswirksamen Proteste gegen die Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen in den 1980er Jahren in der Bundesrepublik schreibt der Journalist:
„Die letzten Mutlanger Pershings verschwanden 1990 und mit ihnen die German Angst vor dem atomaren Schlachtfeld Deutschland. ‚Besuchen Sie Europa, solange es Europa noch gibt‘ – das Flugblatt aus dieser bewegten Zeit mutet heute an wie eine hethitische Keilschrifttafel. Wo einst die Abschussrampen standen, wird jetzt an einer Einfamilienhaussiedlung geheimwerkelt, in den beiden Bunkern fühlen sich Schafe, Heavy Metaller und ein paar Fuder Straßenbelag zu Hause. Geblieben ist die Pressehütte, ursprünglich ein geräumiger Stall […] Was bleibt von der Friedensbewegung außer Brennholz und ein paar Devotionalien? ‚Wir waren nicht erfolgreich‘, sagt einer aus der Tiefe eines ausrangierten Sofas in der Pressehütte. ‚Keine Raketen nach Mutlangen‘, war die einfache Losung. Und heute? Lagern sie halt woanders, in Büchel in der Eifel zum Beispiel, 36 Sprengköpfe. Aufregen tut das niemanden mehr. Jetzt ist der Krieg woanders und alles nicht mehr so einfach. Wer ist gut, wer böse in einer Welt monströser Terroranschläge und ethnischer Säuberungen? Der warme Mantel der Betroffenheit schützt nicht mehr vor den bitteren Wahrheiten. Wenn die Alten von den einst 20 000 Demonstranten reden, leuchten die Augen der Jungen. Wenn sie zum Protest gegen Rechts oder Kriegseinsätze oder irgendwas rufen, kommen 300 Leute. Totale Ignoranz hat einer bei seinen Altersgenossen ausgemacht. ‚Als ich vom Engagement für Menschenrechte erzählt habe, fragt mich einer: ‚Hast du was verbrochen? Bist du dazu verknackt worden?‘
‚Man muss aber auch mal nix tun dürfen‘, wirft eine alte Kämpin zaghaft ein. Der Job, die Kinder, das Haus, der Garten – irgendwann ist alle Kraft aufgezehrt, nichts bleibt für das Ehrenamt des Pazifismus. Und nichts ist leichter, als bei der Friedensbewegung nicht mehr mitzumachen: Man geht einfach nicht mehr hin. Es gibt keine Mitgliedschaft, die man kündigen müsste. Sie ist nur eine soziale Bewegung, an der man teilhat, weil man an die Bergpredigt glaubt oder an Mahatma Ghandi. Andere können die Bombennächte des letzten großen Krieges nicht vergessen, und viele wollen bloß, dass man um Ressourcen nicht kämpft, sondern sie gerecht verteilt. Unberechenbar wie ein Gebirgsbach ist die Bewegung, mal mitreißend, mal fast versickert.“ (Siemes 2002)
Der Journalist zeichnet das Porträt einer Bewegung in einer Phase der Stagnation und Marginalisierung zwischen den Zeiten starker Mobilisierung und öffentlich aufbrandender Protestwellen. Sie ist öffentlich kaum sichtbar und findet wenig Resonanz, aber das informelle Netzwerk von Aktivisten, Gruppen und Initiativen bleibt bestehen; ebenso wie die aus gemeinsam geteilten Schlüsselerfahrungen, Initialerlebnissen und Gründungsmythen gespeiste und in Erzählungen, Symbolen und Ritualen tradierte kollektive Identität. Das ist ein Zustand, den die Soziologin Verta Taylor mit Blick auf die US-amerikanische Frauenbewegung „movement in abeyance“ (Taylor 1989) nannte, eine Bewegung in der Schwebe, die zyklisch und teilweise machtvoll wieder erstarkt: abhängig vom Anlass, von den entsprechend günstigen politischen Gelegenheitsstrukturen, von der Bündnispolitik der Organisatoren und deren Mobilisierungsstrategien (für die Protestzyklen der Friedensbewegung vgl. Klandermans 2010) und doch unberechenbar. Um es an einem aktuellen Beispiel zuzuspitzen: Kein Jahr nach Erscheinen der ZEITReportage am 15. Februar 2003 demonstrierten in Deutschland Hunderttausende gegen den drohenden Angriff der USA und ihrer Alliierten auf den Irak. Allein in Berlin versammelten sich 500 000 Menschen und weltweit zeitgleich viele Millionen zur größten parallelen Protestaktion der Menschheitsgeschichte (vgl. Walgrave/Rucht 2010), circa 10 Millionen auf den zentralen Demonstrationen in 22 Ländern (Verhuulst 2010, S. 16 f.). Und es gehört zu besagter Unberechenbarkeit, dass sich im Februar 2010 zur Großdemonstration gegen den Kriegseinsatz in Afghanistan, für die bundesweit aufgerufen wurde, wiederum nur einige Hundert Teilnehmer nach Berlin verirrten – obwohl in der Öffentlichkeit hitzige Debatten geführt wurden, um die Bombardierung von afghanischen Zivilisten und kritische Äußerungen der damaligen EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann – „wie ein Gebirgsbach ist die Bewegung mal mitreißend, mal fast versickert“.
Es sind denn auch vor allem öffentlichkeitswirksame Massendemonstrationen wie 1983 im Bonner Hofgarten und aufsehenerregende Aktionen wie die Blockade des Mutlangener Pershing-II-Depots durch die blumenbehelmte Petra Kelly oder den Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll, die aufmerken ließen und bis heute das Bild und die Erinnerung an die bundesdeutsche Friedensbewegung prägen. Überblendet wird dabei die Vielgestalt der Bewegung, deren frühe, weitgehend „unsichtbaren“ Anfänge, die unterschiedlichen Strömungen, Friedenskonzeptionen und Aktionsformen.
Bevor also die Frage verhandelt wird, was aus einer Bewegung wird und wie sich das Langzeit-Engagement ihrer Mitstreiter erklären lässt, gilt es grundsätzlicher zu klären, was eine soziale Bewegung überhaupt ist und mehr noch, warum die unabhängige Friedensbewegung in der DDR dazu zu zählen ist. Darüber entbrannte in den 1990er Jahre eine Debatte in der DDR-Forschung, was die Begriffsverwendung daher begründungsbedürftig macht.
Eine gängige wissenschaftliche Definition lautet:
„Eine soziale Bewegung ist ein auf gewisse Dauer gestelltes und durch kollektive Identität abgestütztes Handlungssystem mobilisierter Netzwerke von Gruppen und Organisationen, welche sozialen Wandel mit Mitteln des Protests – notfalls bis hin zur Gewaltanwendung – herbeiführen, verhindern oder rückgängig machen wollen.“ (Rucht 1994a, S. 76 f.)
Die auf Joachim Raschkes frühe Bestimmung (1988, S. 75–90) aufbauende Definition Dieter Ruchts bestimmt soziale Bewegungen, zu denen klassisch auch die Friedensbewegung zählt, über a) deren soziale Gestalt, b) den Inhalt und die Richtung des Protestes sowie c) die verschiedenen Formen, aktiv zu sein.
Zur Besonderheit von Struktur und Gestalt bewegungsförmigen Protestes gehört zunächst und ganz zentral sein vergleichsweise
geringer Organisationsgrad:
Es gibt keine formalisierte Mitgliedschaft wie etwa in Parteien, Gewerkschaften oder Kirchen, auch wenn diese Organisationen Teil sozialer Bewegungen sein können. „Bewegungen existieren vielmehr als ein
netzförmiger Verbund
von Personen, Gruppen und Organisationen“ (Rucht 2007, S. 16 f.), als „gleichberechtigtes Nebeneinander Aberhunderter Kleinstinitiativen, in Nischen hoch spezialisierter Anteilnahme.“ (Siemes 2002). Entsprechend heterogen sind die Organisationen in der Friedensbewegung (vgl. Buro 2008, S. 278–281). Es gibt Gruppen und Initiativen, die sich lokal organisieren und die jährlichen Ostermärsche durchführen oder gegen einen Truppenübungsplatz protestieren wie die „Bürgerinitiative Freie Heide“ im brandenburgischen Wittstock. Es gibt institutionalisierte Organisationen unterschiedlicher Größe mit Einzelmitgliedern, Mitgliedsorganisatoren und/oder einem festen Kreis von Spendern wie die katholische Friedensorganisation „Pax Christi“, den „Bund für Soziale Verteidigung“ oder die „Deutsche Friedensgesellschaft/Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen“ (DFG/VK). Es gibt:
– Organisationen, die bspw. in Konfliktregionen Friedensarbeit anbieten, Jugendbegegnungen organisieren oder Ausstellungen konzipieren;
– kampagnenorientierte Gruppen und Zusammenschlüsse schon bestehender Friedensorganisationen, die sich anlassbezogen und zeitlich begrenzt für die Erreichung eines konkreten Zieles zusammenschließen, wie das Deutsche Aktionsnetz „Kleinwaffen Stoppen“ oder der Trägerkreis „Atomwaffen abschaffen“;
– friedensbezogene Netzwerke und Dachorganisationen wie das „Netzwerk Friedenskooperative“ oder im kirchlichen Raum die „Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden“;
– internationale Zusammenschlüsse mit nationalen Sektionen wie den „Internationalen Versöhnungsbund“ oder „War Resisters International“;
– berufsbezogene Friedensorganisationen wie die „Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges – Ärzte in sozialer Verantwortung“ (IPPNW). Und schließlich sind
– Organisationen zu nennen, die sich zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich stark an Aktionen der Friedensbewegung beteiligen wie Parteien, Gewerkschaften und Kirchen.
Dieser organisatorischen Vielfalt entsprechen die inhaltlichen und ideologischen Unterschiede bzw. damit einhergehende vielfältige Formen der Beteiligung: Neben hauptamtlichen „Bewegungsarbeitern“ (Sundermann 2013) oder Bewegungsunternehmern und ehrenamtlichen Vollzeitaktivisten als Kern der Bewegung existiert eine große Zahl von Aktiven, die hin und wieder an Demonstrationen teilnehmen oder Unterschriften leisten, sowie ein breites Sympathisantenumfeld (zu den verschiedenen Intensitäten des Engagements vgl. Oliver/Marwell 1992; Klandermans 1997; Passy/Giugni 2001). Neben dieser organisatorischen, die Kontinuität der Bewegung sichernden Basis sind Mikrokontexte, ist die lokale Bewegungsinfrastruktur „vor Ort“, bestehend aus Freundschaftsnetzwerken, Subkulturen und alternativen Milieus, für erfolgreiche Mobilisierungen entscheidend (vgl. Diani 1997; Roth 1994).
Zudem lassen sich soziale Bewegungen über
Inhalt und Richtung des Protestes
näher bestimmen und abgrenzen. Sie zielen auf umfassenden sozialen Wandel, nicht allein auf die Änderung eines einzelnen Gesetzes, sondern auf eine alternative Sicherheitspolitik, auf Abrüstung und Entmilitarisierung. Die Formulierung gemeinsamer Ziele und Überzeugungen macht
Deutungs- und Interpretationsprozesse
nötig (vgl. Benford/Snow 2000). Deutungsrahmen bzw.
Frames
werden dabei unterschiedlich eng formuliert. Teilweise überwiegen Minimalformulierungen („Bundeswehr raus aus Afghanistan“), die eine Zusammenarbeit trotz erheblicher ideologischer Unterschiede ermöglichen sollen. Mit den Selbstverständigungen über Mittel und Ziel von Aktionen sind Grenzziehungen zum kritisierten Gegenüber sowie zur passiven Mehrheitsgesellschaft verbunden, aus denen unterschiedlich stark ausgeprägte kollektive Identitäten entstehen. Zugleich gibt es Unterschiede in der Reichweite der Ziele – geht es nur um ein friedliches Zusammenleben oder auch und letztlich vor allem um die Abschaffung des Kapitalismus – und (damit eng verbunden) in den Ansatzpunkten der Umsetzung. Unterschiedliche Typologien haben an den unterschiedlichen Realisierungsideologien angesetzt. Joachim Raschke unterscheidet etwa zwischen
machtorientierten Bewegungen und kulturorientierten Bewegungen.
Erstere versuchen direkt auf politische Entscheidungsprozesse und Machtstrukturen einzuwirken, meist über politische oder situativ-aktionistische Interventionen und öffentliche Proteste. Bei Letzteren zielt das Handeln darauf, einen „Wertewandel und eine darauf gründende veränderte Lebenspraxis herbeizuführen“ (Raschke 1988, S. 112). Wo bei Ersteren strategische Überlegungen dominieren, die zuweilen pragmatische Abwägungen zur Folge haben, gilt Letzteren die Einheit von Mittel und Ziel sowie die Reinheit der Motive als heilig:
„Anstatt einen ins Visier zu nehmen und niederringen zu wollen, setzen kulturorientierte Bewegungen auf die Überzeugungskraft ihrer Praxisformen politischen Gegner, welche über persönliche Netzwerke auf andere abstrahlen sollen“ (Rucht 1994b, S. 351).
Damit einher gehen Unterschiede in der Strategie- und Bündnisfähigkeit, in der Orientierung auf eine breitere Öffentlichkeit, in den Problemdeutungen und Framing-Strategien. In der Friedensbewegung gab und gibt es immer beide Strömungen: die Orientierung auf den „großen Frieden“, auf politische Entscheidungsträger, auf nationale wie internationale Verteidigungspolitiken einerseits sowie die Suche nach „dem kleinen Frieden“ im sozialen Umfeld, der Familie, der Region andererseits. Entsprechend fragil und konfliktbehaftet sind Bündnisse zwischen den verschiedenen Strömungen der Bewegungen (vgl. Janning/ Legrand/Zander 1987, S. 46 ff.; Leif 1990; Cooper 1996, S. 151–210), entsprechend dürr ist der Minimalkonsens gemeinsamen Handelns, der sich dann etwa aktionsorientiert auf die Ablehnung und Verhinderung der atomaren Nachrüstung beschränkt und – „um des Friedens willen“ und um die Breite des Zusammenschlusses nicht zu gefährden – auf die Formulierung von Fernzielen und konkreten Umsetzungsschritten verzichtet.
Da soziale Bewegungen keinen direkten Zugriff auf das politische Entscheidungssystem haben (weil es die politischen Gelegenheitsstrukturen
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nicht zulassen) oder diesen Zugriff ablehnen (aus basisdemokratischer Überzeugung), verbleibt bevorzugt das Mittel öffentlichen Protestes als Form der Einflussnahme. Aber auch bei den
Aktionsformen
ist zu differenzieren. Zunächst haben Aktionen und Strategien unterschiedliche, miteinander konkurrierende Funktionen für Bewegungen, die im Spannungsfeld „zwischen kollektiver Identitätsbehauptung (‚Es gibt uns noch!‘), strategischer Mobilisierung (‚Wir sind viele und werden immer mehr!‘) und Vision (‚Es gibt Alternativen!‘)“ (Roth/Rucht 2008, S. 26) angesiedelt sind. Die Unterschiede hängen zudem mit den Hintergrundideologien und protestbezogenen Weltdeutungen der verschiedenen Strömungen zusammen
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. Kultur- oder identitätsorientierte Bewegungen, die auf die Selbstveränderung der Akteure zielen, verfolgen und pflegen beispielsweise eine eher expressive oder auf Selbsthilfe zielende Aktionskultur:
„Einerseits die alternative gesellschaftliche Praxis, die z. B. in der Gründung einer Kommune oder in der Praxis der Selbsterfahrung in einer Gruppe der Frauenbewegung bestehen kann. Anderseits die Propagierung der alternativen Praxis, die die zum Handeln aufgerufenen Individuen, nicht den Staat, zum Adressaten hat.“ (Raschke 1988, S. 275).
Entsprechend vielfältig sind die Aktionsformen. Sie reichen von Demonstrationen, direkten Aktionen zivilen Ungehorsams wie dem Eindringen auf militärisches Gelände, Kampagnen gegen Militär oder für Instrumente ziviler Konfliktbearbeitung, über Informations-, Vernetzungs- und Bildungsarbeit bis hin zu gewaltsamen Aktionen wie Anschlägen auf militärische Einrichtungen. Die gewählten und bevorzugten Aktionen prägen dabei – mehr noch als das ideologische Selbstverständnis – den Charakter, das öffentliche Bild, von Bewegungen.
Und so bleiben – bezogen auf die BRD – vor allem die großen Massenaktionen der Friedensbewegung in den 1980er Jahren bildhaft in Erinnerung: die Demonstration gegen den NATO-Doppelbeschluss im Bonner Hofgarten mit 300 000 Teilnehmern im Herbst des Jahres 1981, zwei Jahre später die landesweiten „Volksversammlungen für den Frieden“, u. a. mit einer 100 km langen Menschenkette zwischen Stuttgart und Neu-Ulm, sowie schließlich im selben Jahr die Blockade des Pershing-II-Depots in Mutlangen mit zahlreichen bundesdeutschen Prominenten.
Diese exemplarische, das Grundproblem erläuternde Skizze der westdeutschen Friedensbewegung macht aber auch deutlich, dass es sich in den 1980er Jahren um eine schon stark institutionalisierte Bewegung mit professionalisierten Arbeitsgremien wie dem sogenannten Koordinationsausschuss (vgl. Leif 1990) und ressourcenstarken Bewegungsorganisationen handelt und damit – aus Sicht der klassischen Bewegungsforschung – um eine paradigmatische Idealform einer Bewegung. Denn ihre Konzentration auf den gemachten Protest lässt soziale Bewegungen – stark zugespitzt – vor allem als Handeln professioneller Bewegungseliten erscheinen, die sich zur „kleinen Lage“ treffen (etwa im Koordinationsausschuss der Friedensbewegung), die politischen Rahmenbedingungen beobachten und die Gunst der Gelegenheit ergreifen, zielgerichtet Strategien zu entwerfen, Bündnisse zu schmieden und sodann Sprachregelungen nach innen und nach außen festzulegen. Der Fokus liegt dann vor allem auf dem strategischen, an der gesellschaftlichen Umwelt orientierten Handeln rationaler Akteure – seien es Protestteilnehmer oder seien es Bewegungsorganisationen wie der Koordinationsausschuss der Friedensbewegung (zum kritischen Überblick vgl. Pettenkofer 2010, S. 33–60). Ein solch enges theoretisches Verständnis sozialer Bewegungen als strategische Akteure legt dann – wie im vierten Kapitel zu zeigen sein wird – auch spezifische Erklärungen für die Persistenz des Engagements nahe.
Diese Konzentration der Bewegungsforschung auf professionalisiertes Bewegungshandeln lässt sie aber doch zu schnell die Vorgeschichte, die Eigendynamiken und die zentrale Bedeutung eines harten Kerns von Wegbereitern und Initiatoren aus dem Blick zu verlieren, die zum damaligen Zeitpunkt, in den 1980er Jahren, mit den großen Friedensdemonstrationen schon viele Jahre in der „alten Friedensbewegung“ aktiv waren. Hier soll weder eine bruchlose Kontinuität zwischen der „alten“ und der „neuen Friedensbewegung“ unterstellt werden, noch soll die Personenauswahl repräsentativ sein (vgl. zur Geschichte der westdeutschen Friedensbewegung Buro 2008; Cooper 1996; Janning/Legrand/Zander 1987; Leif 1990; Gassert/Geiger/Wentker 2011). Aber ein erster flüchtiger Blick auf – wiederum – die westdeutsche Bewegung zeigt, unter welch ungünstigen Rahmenbedingungen die ersten pazifistischen Gruppen in den 1950er und 1960er Jahren entstanden und wie das Engagement in der „bleiernen Zeit“ der 1970er Jahre überwinterte, als das Friedensthema in den Hintergrund geriet, und doch wichtige organisatorische „Keime“ und Schlüsselfiguren für die späteren Entwicklungen agierten. Zu denken wäre an Schlüsselfiguren wie Konrad und Helga Tempel, die beiden 1932 geborenen Quäker, die im Hamburg der 1950er Jahre den „Aktionskreis Gewaltfreiheit“ gründeten, Wehrdienstverweigerer berieten und 1960 die Ostermärsche initiierten. In den 1990er Jahren gehörten sie zu den Gründern des „Forums Ziviler Friedensdienst“, das den Aufbau ziviler Alternativen zu militärischen Konfliktlösungen forcierte. Am Langzeit-Engagement dieser exemplarischen Wegbereiter ist markant, dass es in einer Zeit der erbittert ausgetragenen Systemkonfrontation, des Wiederaufbaus und der Sicherung der privaten Existenz begann. Die allgemeine Stimmung – wie der aufgeheizte Antikommunismus – gegenüber derlei Engagement war einschüchternd, die öffentliche Resonanz entmutigend (vgl. Buro 2005; Cooper 1996, S. 25–81). Zugleich ging in den 1960er Jahren aus der Ostermarschbewegung mit der „Kampagne für Abrüstung und Demokratie“ der organisatorische Kern der späteren außerparlamentarischen Bewegung hervor.
Zu denken wäre auch an den 1935 geborenen Klaus Vack. Er steht exemplarisch für jene Angehörigen der Kriegs- und Nachkriegsgeneration, die das Engagement gegen die Atombewaffnung der Bundeswehr immer mit der Frage nach den gesellschaftlichen Bedingungen verband, unter denen es überhaupt zur Nazidiktatur hatte kommen können. Er war Sekretär des Verbandes der Kriegsdienstverweigerer, Koordinator der Ostermärsche der 1960er Jahre, Mitbegründer und Organisationssekretär der „Linken Büros“ – dem Sammelbecken der undogmatischen Linken der 1970er Jahre – sowie in den 1980er Jahren Mitbegründer und Sekretär des „Komitees für Grundrechte und Demokratie“ und schließlich der Strippenzieher bei der Organisation der sogenannten Prominentenblockaden in Mutlangen, wo die Pershing-II-Raketen stationiert werden sollten. Sein Engagement steht exemplarisch für die beharrliche Reorganisation der Bewegung über die Mobilisierungszyklen hinweg, gleichsam für die Arbeit an der Herstellung günstiger Gelegenheitsstrukturen.
Gegen das einseitige Bild einer Bewegung, die nur zyklisch in der Öffentlichkeit präsent ist, wird hier ein über Jahrzehnte sich wandelndes, aber durch personelle Kontinuitäten und soziale Lernprozesse erstaunlich stabiles Netzwerk von Gruppen und Initiativen angedeutet, getragen von einem Langzeit-Engagement, das sich von den gesellschaftlichen Gelegenheitsstrukturen weitgehend abgekoppelt hat. Mit dieser Beobachtung möchte ich ein Plädoyer für ein erweitertes Verständnis sozialer Bewegungen verbinden. Deren Aufkommen und deren Entwicklung lassen sich nicht allein aus den gesellschaftlichen Problemlagen oder den Erfolgserwartungen der Akteure ableiten. Wie gestaltete sich die Entstehung einer sozialen Bewegung in der DDR, also unter den Bedingungen eines repressiven politischen Systems, das vor allem dadurch gekennzeichnet war, dass die politischen Gelegenheitsstrukturen alles andere als günstig, sondern im Gegenteil vor allem Furcht einflößend und wenig Erfolg versprechend waren? Wenn man soziale Bewegung als Form unwahrscheinlicher Ordnungsbildung versteht, dann werden am Beispiel der Friedensbewegung theoretische Grundlagenfragen verhandelt – umso mehr, je „unwirtlicher“ die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sind. Die grundsätzliche Frage ist doch: Wie kann es sein, dass sich das individuelle Engagement zum Teil von umweltorientierten Erfolgsabwägungen abkoppelt; dass es sich freimacht vom Kalkül, die eingesetzte Lebensenergie mit den tatsächlichen oder zu erwartenden Wirkungen buchhalterisch zu verrechnen?
Die Besonderheiten werden schon bei einem oberflächlichen Blick sichtbar: Anders als in der Bundesrepublik fehlen in der Erinnerung an die unabhängige Friedensbewegung in der DDR dem kollektiven Gedächtnis tief eingeprägte Bilder und Aktionen. Allenfalls Symbole werden in der Erinnerung wachgerufen wie der Slogan „Schwerter zu Pflugscharen“ nebst zugehörigem Aufnäher oder – weit seltener – Ereignisse wie die Verhaftung und anschließende Abschiebung von Friedensaktivisten, etwa der Jenaer Friedensgemeinschaft (der bekannteste unter ihnen leitet seit 2011 die Stasi-Unterlagen-Behörde). Schließlich erinnert man sich an Orte wie die Leipziger Nikolaikirche als zunächst Anfang der 1980er Jahre spärlich besuchter, dann zwischen Gruppen und Kirche umstrittener und 1989 viel zu kleiner Raum für die Friedensgebete und deren Teilnehmer, die machtvoll auf die Straße und den Innenstadtring drängten. Schon an diesen drei Beispielen verdichtet sich die Besonderheit von Entstehungskontext und Ausprägung der unabhängigen DDR-Friedensbewegung.
Das Fehlen öffentlichkeitswirksamer Bilder verweist überhaupt auf das Fehlen einer DDR-weiten Öffentlichkeit. Mit der Ausnahme einiger westlicher Journalisten, kirchlicher und subkultureller Kreise sowie anderer an den Rand gedrängter Trutzmilieus hatten die Gruppen kaum eine Möglichkeit, die Bevölkerung auf die eigene Existenz, geschweige denn die eigenen Inhalte, aufmerksam zu machen. Wenn überhaupt geschah dies via Fernsehen. So erfuhr eine (kirchenferne) Interviewpartnerin – Angelika Fuchs3 – erst durch ein in den Westmedien ausgestrahltes Interview mit dem todkranken Dissidenten Robert Havemann von der Existenz einer nichtstaatlichen Friedensbewegung in der DDR:
„Zum Schluss, der hatte doch Hausa- arrest, ne, und der war zum Schluss sehr krank, (2) und, m, da hat ihm die, äh, DDR-Regierung noch, äh, einmal erlaubt, das war 1982, ich glaube zu Ostern rum, jetzt also um die Zeit, da konnte ihn Wolf Biermann noch mal besuchen. //hm// Der hatte ja so n enges Verhältnis zu, äh, Robert Havemann. Und das, äh, hab ich im Fernsehen gesehen, offenbar im Westfernsehen, denn im Ostfernsehen war das ja nu bestimmt nich. Ich hab das heute noch vor mir, wie der alte Mann, der saß also in seinem Bett, (.) und war so heiter (.) hm //hm// und (.) überhaupt nicht irgendwie deprimiert und der sah, wirkte auch gar nicht kränklich und hat sich mit dem, äh, Wolf Biermann unterhalten und hat, äh, gesacht: Ach er is ja jetzt, er is so froh, dass es jetzt in der DDR auch ne Friedensbewegung gibt. //hm// Und, äh, dacht ich: Nanu, also das.. das blieb mir hängen, ich hatte noch nirgendswo irgendwas, äh, gehört, äh, oder gesehen von einer Friedensbewegung in der DDR. //hm// Äh, und, m, hab mich dann also umgehört.“ (Frau Fuchs, Z. 131–142)
Frau Fuchs, die Wirtschaftsfachfrau, hörte sich um – besorgt, neugierig und hinreichend von den Verhältnissen im Land und Leben frustriert – und erfuhr von der Existenz der im November DDR-weit stattfindenden Friedensdekade der Evangelischen Kirche. So auch in ihrem Stadtteil, woraufhin sie 1982 mit dem Schritt über die Schwelle einer Berliner Kirche eine eigene, schillernde Parallelwelt betrat. Deren Beschreibung sei hier einem kundigeren Kenner und Nach-Empfinder der DDR-Geschichte überlassen – dem Historiker Stefan Wolle:
„Zum Zwecke der Hebung der Volksfrömmigkeit waren Ende des 19. Jahrhunderts unter der Schirmherrschaft der Kaiserin Auguste Viktoria – wegen ihres frommen Eifers auch ‚Kirchenguste‘ genannt – in den stürmisch wachsenden Wohnvierteln im Osten und Norden Berlins zahlreiche großzügig dimensionierte Kirchenbauten entstanden. Soweit sie den Bombenkrieg überlebt hatten, zierten sie seitdem unbeachtet und selten genutzt die Stadtlandschaft. Doch mit Beginn der achtziger Jahre erwachten diese architektonischen Relikte der Wilhelminischen Epoche aus ihrem Dornröschenschlaf und bildeten zunehmend eine eigene lebendige Topografie innerhalb der ‚Hauptstadt der DDR‘. Teile der säkular erzogenen Generation pilgerten zur Golgatha-Gemeinde, weil dort ein Liedermacher auftrat, trafen sich an der Zionskirche mitten im Stadtbezirk Prenzlauer Berg, weil im nahegelegenen Gemeindehaus in der Griebenowstraße eine Diskussion oder eine Dichterlesung stattfand, besuchten die Blues-Messen in der Gethsemanekirche nahe der Schönhauser Allee oder in der Samariter-Kirche in Friedrichshain und lernten auf diesem Umweg die Orte der Passionsgeschichte kennen.“ (Wolle 1999, S. 262)
Die Vielfalt der „alternativen“ Veranstaltungsangebote ist charakteristisch für die frühen 1980er Jahre, als unter dem Eindruck einer zunehmenden inneren Militarisierung der DDR und des NATO-Nachrüstungsbeschlusses die Friedensbewegung in Ost und West einen spürbaren Mobilisierungsschub erfuhr.
In der DDR verbanden sich die schon existierenden Friedensgruppen in diesem Prozess mit anderen oppositionellen Strömungen: mit kritischen Künstlern (Stichwort „Liedermacher“ und „Dichterlesung“) und Oppositionellen marxistischer Prägung (Stichwort „Diskussion“). All dies hatte eine Vorgeschichte, die – wie ich in Kapitel 7 zeigen möchte – bis in die 1960er Jahre zurückreicht. Wichtige Stützen der sich formierenden Bewegung waren:
die schon seit den 1970er Jahren existierenden Friedensseminare und Friedensgruppen – aus Wehrdienstverweigerern hervorgegangen – leisteten inhaltliche Vorarbeiten, waren Treffpunkte der Vernetzung (Wunnicke 2008) und organisatorisches Vorbild für andere Gruppengründungen;
die Offene Arbeit
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der Evangelischen Kirche mit unangepassten Jugendlichen (Stichwort „Bluesmesse“) und die stark von diesen Jugendlichen geprägten Großveranstaltungen (Friedenswerkstätten oder das Dresdner Friedensforum mit Tausenden Teilnehmern);
schließlich jene seit 1980 alljährlich flächendeckend stattfindenden Friedensdekaden, die der Auseinandersetzung mit dem Friedensthema einen Raum und Ort im Jahreskalender der christlichen Kirchen verschaffte und der Friedensbewegung (unfreiwillig) zu einem integrierenden Symbol verhalf.
Gemeint ist das alttestamentliche Prophetenwort von der Hoffnung auf Abrüstung und das Schmieden der „Schwerter zu Pflugscharen“. Die Symbol- wie Sprengkraft war gewaltig. Das lag nicht allein an der Aktualität der Botschaft angesichts atomarer Hochrüstung und der tiefen Kluft zwischen DDR-offizieller Friedens-(kampf-)rhetorik5 und den Abrüstungshoffnungen von vor allem Jugendlichen (vgl. Silomon 1999). Jener auf Vliesaufnäher gedruckte Schmied zeigte eine Bronzeplastik, die von der UdSSR der UNO geschenkt wurde, und stürzte die SED in Argumentationsnot sowie die Kirchenleitungen wiederum in Vermittlungsprobleme: Die Friedensdekade war Ausdruck für das Festhalten der Evangelischen Kirchen an einer eigenständigen Friedensarbeit, die sich gegen die Logik gegenseitiger Abschreckung und gegen die Militarisierung des gesellschaftlichen Lebens richtete. Als aber ab der zweiten Friedensdekade 1981 unter dem Eindruck von Hoch- und Nachrüstung und den Protesten in der Bundesrepublik die Aufnäher von unzähligen Jugendlichen getragen wurden, sah die SED-Führung darin eine „Bekundung von staatsfeindlicher Gesinnung“ und drängte die Kirchenleitungen zur Distanzierung von derlei tausendfach auf Ärmel genähten Protestbekundungen. Für die „Abzeichenträger“ kam es in der Folgezeit zu erheblichen Schwierigkeiten in Schule und Ausbildungsstätten. Es bedurfte unter den Bedingungen einer in sich widersprüchlichen, Entmündigung praktizierenden und Selbstbehauptung provozierenden, politisch durchorganisierten Gesellschaft mit einer misstrauisch-nervösen Staatsführung nur wenig, um in die Opposition gedrängt zu werden.
Der Historiker fährt fort:
„Immer wieder fanden nun Veranstaltungen statt, für die selbst die drei- bis viertausend Menschen fassenden Bauten kaum noch ausreichten. Junge Leute saßen in den Gängen und rund um den Altar, und selbst die Emporen füllten sie bis zum letzten Platz. Man muß es als historischen Glücksfall bezeichnen, daß es diese Räumlichkeiten gab, denn die staatlichen oder kommunalen blieben der Opposition noch bis in den Winter 1989 hinein verschlossen. Hier in den Kirchen waren weder polizeiliche Voranmeldungen nötig noch staatliche Einflussnahmen auf die Inhalte der angebotenen Themen möglich. Wenn Gemeindekirchenrat und Pfarrer ihr Einverständnis erklärten, konnte man kurzfristig Informations-Andachten, Fürbitten oder Mahnwachen ansetzen, denen regelmäßig Zeichen vorausgingen, die Kundige wohl zu deuten wußten. Zuerst traten paarweise sportliche und ordentliche frisierte junge Männer in der Umgebung der betroffenen Gebäude auf […] standen betont unauffällig in Hausfluren und musterten aufmerksam die Vorübergehenden oder saßen in Personenkraftwagen vom Typ ‚Wartburg‘ oder ‚Lada‘ und beobachteten das Leben und Treiben auf der Straße. […] Dann näherten sich grüppchenweise oder einzeln die erwarteten feindlich-negativen Kräfte‘ und strebten der einladend geöffneten Kirchentür zu. Sie bevorzugten das Sechziger-Jahre-Outfit – lange Haare, Bärte, Nickelbrille, Stirnband, verwaschene Jeans, grüne Kutten, malerische Tücher und Umhängetaschen aus Jute, die Damen mit flatterigen langen Kleidern in Schwarz – und pflegten sich zur Begrüßung zu umarmen und flüchtige Küsschen auszutauschen.“ (Wolle 1999, S. 262 f.)
Wie lässt sich das Bild dieser Gruppen und Veranstaltungen präzisieren? Die sich seit den 1970er Jahren formierende Friedensbewegung war zunächst und ganz grundsätzlich staatsunabhängig, da sie ihre Problemdeutungen, ihre Friedensverständnisse und konkreten Schlussfolgerungen in Abgrenzung zur offiziellen und allgegenwärtigen Friedenspropaganda entwickelte und so zum Gegenstand einer intensiven geheimdienstlichen Überwachung und „Bearbeitung“ wurde.
Als unabhängige Friedensbewegung formierte sie sich unter dem Dach und im Schutz- und Kommunikationsraum von Teilen der Evangelischen Kirche.6 Dies hatte verschiedene Gründe, die hier nur angedeutet werden können. Es gab zunächst formale Gründe, da die Kirche die einzige eigenständige Großorganisation in der DDR war, die (teilweise ungewollt) in eine politische Stellvertreterrolle hineinrutschte. Es hatte inhaltliche Gründe, da recht früh nach der DDR-Staatsgründung „eigenständige“ friedensethische Positionen entwickelt und mehr oder minder offensiv vertreten wurden, sofern sie nicht kirchenpolitischen Rücksichtnahmen zum Opfer fielen. Es hatte außerdem organisatorische Gründe, da die ersten Friedensarbeitskreise und Friedensseminare der 1970er Jahre an der kirchlichen Basis gegründet wurden und sich „auf die theologische Arbeit in den Kirchen und die legalen kirchlichen Strukturen“ (Neubert 1997, S. 299) stützen konnten bzw. an vielen Stellen Pfarrer und kirchliche Mitarbeiter zu den Hauptakteuren zählten. Schließlich rekrutierten sich die Gruppen anfänglich vor allem aus kirchlichen und kirchennahen Kreisen. Aus dieser Konstellation ergaben sich zugleich Konflikte zwischen den Gruppen an der kirchlichen Basis und den oft beschwichtigenden, gar bremsenden Kirchenleitungen. Auch hierfür sind die Ursachen vielschichtig: Kirchenpolitische Rücksichtnahmen spielten ebenso eine Rolle wie theologische Vorbehalte gegenüber den sich zunehmend politisierenden Gruppen, aber auch die ehrliche Sorge um die Konsequenzen für die Akti (zur Diskussion vgl. Pollack 1990; Neubert 1997, S. 367–374, 539–550).
In den Auseinandersetzungen um die „Schwerter zu Pflugscharen“-Bewegung etwa machten die Kirchenleitungen einen Rückzieher. Zwar hatten sie diese selbst initiiert, aufgrund der massiven staatlichen Gegenmaßnahmen verzichteten sie aber fortan auf den Friedensaufnäher „um des Friedens willen“ – wie die Bundessynode 1982 formulierte. Erhardt Neubert sieht diese ambivalente Haltung der Kirchen auch in der spezifischen Definition kirchlicher Friedensarbeit begründet: Sie wurde verstanden
„als eigenständiger Beitrag innerhalb der Bemühungen der DDR um Frieden. Eine unabhängige Friedensbewegung wurde dagegen abgelehnt, da diese auf den Widerstand des Staates hätte stoßen müssen.“ (Neubert 1997, S. 403)
Und Widerstand des Staates bedeutete in dieser Konstellation und Phase in der Regel erhebliche Störungen im per se fragilen Verhältnis zwischen Staat und Kirche.
Beides – die Repression staatlicher Organe sowie die Auseinandersetzung mit kirchlichen Leitungsgremien – führte mancherorts und Mitte der 1980er Jahre vermehrt zur Entstehung kirchlich unabhängiger Friedensgruppen7 wie der „Friedensgemeinschaft Jena“. Aus einem Gemisch von jugendkulturellem Protest und der Verbitterung über den Anpassungskurs lokaler Kirchenvertreter suchten sie mit aufsehenerregenden Aktionen Wege in die Öffentlichkeit und die offene Konfrontation mit der Staatsmacht (vgl. Pietzsch 2005). Hier verdichten sich wichtige Entwicklungen, wie sie sich gleichzeitig auch anderorts innerhalb der DDR-Friedensbewegung zeigten:
die allmähliche
Emanzipation
einzelner Gruppen von der Evangelischen Kirche – wenngleich man dauerhaft auf kirchliche Unterstützung angewiesen blieb,
sodann die zunehmende
Vernetzung
zwischen den Gruppen und die nach den Verhaftungen erfahrene, für Teile der Bewegung ermutigende Resonanz westlicher Medien, die die SED nationale und internationale Solidaritätswellen befürchten ließ.
Die Friedensgruppen waren schließlich – man denke etwa an die wechselvolle Geschichte der Leipziger Friedensgebete zwischen 1981 und 1989 (vgl. Schwabe 1999; Dietrich/Schwabe 1994) – neben den friedensbezogenen Anliegen ab Mitte der 1980er Jahre zunehmend
Vehikel oppositioneller Bestrebungen.
Die Entwicklungsgeschichte kann hier, wo es zunächst um eine einführende Charakterisierung geht, nur angerissen werden. Ausführlicher wird darauf in Kapitel 7 eingegangen.
Noch einmal zurück zu Stefan Wolles „dichtem“ Porträt der Bewegung:
„Trotz ihres bewusst zur Schau getragenen ‚Andersseins‘ konnten die Kirchenbesucher eine gewisse Bravheit kaum verleugnen. Sozial gesehen entstammten sie meist den kleinbürgerlichen Mittelschichten. Ihr Kern war christlich geprägt und zum Teil aus sächsischen, thüringischen und mecklenburgischen Pfarrhäusern in die Großstadt gekommen. Bei den Frauen dominierten Katechetinnen, Kindergärtnerinnen, Buchhändlerinnen, Krankenpflegerinnen und bei den Männern ebenfalls die nicht-akademischen ‚Weißkittel-Berufe‘. Daneben gab es Friedhofsgärtner, Kulissenschieber, Aushilfskellner und ähnliche Übergangsexistenzen, die allerdings oft eine bürgerliche Karriere abgebrochen hatten. […] Das Altersspektrum reichte vom Teenager bis zum Rentner, doch insgesamt fiel dem Beobachter eine gewisse Überrepräsentanz der Enddreißiger ins Auge. […] Jedenfalls wäre die Vorstellung falsch, es hätte sich bei der Opposition der achtziger Jahre um eine ausgesprochene Jugendbewegung gehandelt. Gelegentlich bezeichnete man die Wendeereignisse auch als die Revolution der Vierzigjährigen, also derjenigen, die in etwa mit der Republik geboren waren. Während sie die Oberschule besuchten, rebellierten ihre Altersgenossen zwischen Paris und Prag gegen das Establishment und die fremden Besatzer.“ (Wolle 1999, S. 263 f.)
Die Größe der Bewegung und die Anzahl der Gruppen sowie ihrer Mitglieder zuzüglich des Sympathisantenumfeldes anzugeben, bereitet der Forschung einige Schwierigkeiten. Das liegt einerseits an den unterschiedlichen Quellen, andererseits und ganz wesentlich an jener gebirgsbachartigen „Flüchtigkeit“ der Gruppengründungen.
„Die Entstehung und Entwicklung vieler Gruppen ist von Anfang an durch eine hohe Fluktuation und Spontaneität gekennzeichnet. Es fällt deshalb schwer, ihre genaue Anzahl zu bestimmen. Insbesondere in der ersten Hälfte der 1980er Jahre kommt es in vielen Orten und Gemeinden zur Bildung spontaner Friedensarbeitskreise und Umweltgruppen, ohne dass diese eine dauerhafte Struktur entwickeln. Einige Gruppen stellen nach ein, zwei Jahren ihre Arbeit wieder ein oder formieren sich in anderer Zusammensetzung, um neue Themen und Fragestellungen zu bearbeiten“ (Probst 1997, S. 193 f.).
Eine Ahnung bzgl. des Mobilisierungspotenzials der Friedensbewegung geben einige Veranstaltungen und große Aktionen der ‚Friedensbewegung‘ in den 1980er Jahren. Den Anfang 1982 vom Ostberliner Pfarrer Rainer Eppelmann gemeinsam mit Robert Havemann verfassten „Berliner Appell – Frieden schaffen ohne Waffen“ unterzeichneten 2 000 DDR-Bürger, am Friedensforum in der Dresdner Kreuzkirche nahmen im Februar 1982 wiederum 4 000 bis 6 000 Jugendliche teil, die erste Berliner Friedenswerkstatt im Juni desselben Jahres hatte circa 3 000 Teilnehmer. Das war zu den Hochzeiten der Friedensbewegung, auf der Spitze ihrer Mobilisierungswelle.
Es gilt, Stefan Wolles Beobachtungen und dem Befund Detlef Pollacks, dass sich generell in den politisch-alternativen Gruppen eher Personen mittleren Alters um die 30 und älter engagierten, etwas genauer nachzugehen. Jüngere Mitglieder hatten vor allem die Ende der 1980er Jahre entstehenden aktionistischen Gruppen. Den Altersdurchschnitt der „Frauen für den Frieden“ in Leipzig geben Dietrich und Schwabe mit 30 Jahren an (Dietrich/Schwabe 1994, S. 425–434). Die von Ingrid Miethe befragten 30 Mitglieder der „Frauen für den Frieden“ waren zu mehr als drei Vierteln vor 1956 geboren (Miethe 1999, S. 281), also 30 Jahre und älter. Im Pankower Friedenskreis bestand im Jahr 1983 die Hälfte der Gruppenmitglieder aus zwischen 1948 und 1957 Geborenen. Ein Drittel der Friedenskreismitstreiter war jünger und zwischen 1958 und 1967 geboren. Einige Jahre später (1988) hatte sich diese Zusammensetzung stark verändert. Zwei Drittel der Gruppenmitglieder waren nunmehr zwischen 1948 und 1957 geboren. Der Anteil der Jüngeren ging ab 1985 stark zurück (Subklew-Jeutner 2004, S. 74 ff.). In den drei von Tino Moritz untersuchten Berliner Gruppen war ebenfalls vor allem „die Generation der Ende der 40er bis Mitte der 50er Jahre Geborenen“ (Moritz 2000, S. 136) prägend. Die Mitglieder des Ökumenischen Friedenskreises Forst waren in der Mehrzahl zwischen 1956 und 1968 geboren, der aktive Kern war zum Zeitpunkt der Gründung 1988 um die 30 Jahre alt, also zwischen 1956 und 1961 geboren (Nooke 2008, S. 347 ff.). Die aktivsten und dauerhaftesten Mitglieder des Vorbereitungskreises für die Königswalder Friedensseminare wiederum sind zwischen 1942 und 1956 geboren (Martin-Luther-King-Zentrum 2004, S. 230). Als letzte Quelle sei schließlich auf das Lexikon „Opposition und Widerstand in der SED-Diktatur“ (2000) verwiesen, auch wenn die Aussagekraft aufgrund der selektiven Personenauswahl eingeschränkt ist. Bei den dort aufgeführten 61 prominenten Vertretern der Opposition, die sich in der Friedensbewegung engagierten, dominieren wiederum die älteren Geburtsjahrgänge, wobei hier zwei „Spitzen“ auffallen: 19 Aktivisten wurden zwischen 1941 und 1944 sowie 28 Aktivisten zwischen 1947 und 1953 geboren.
Für die Entstehung dieser Gruppen ist dieser Befund interessant. Die Dominanz bestimmter Geburtskohorten bei führenden und über sehr lange Zeit aktiven Gruppenvertretern und mehr noch das Fehlen Jüngerer bzw. deren verstärktes Engagement in eher aktionistischen, stärker oppositionellen Gruppen, ist ein Indiz für unterschiedliche Politisierungskontexte. In Kapitel 6
