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Gesundheit sollte keine Frage des Geldes sein. Wie aber kann das funktionieren, wenn gleichzeitig die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung begrenzt werden müssen, weil die Medizin immer besser und die Gesellschaft immer älter wird? Und was bedeutet es für den Sozialstaat, dass auch in Deutschland die Armen zehn Jahre früher sterben? Stefan Huster, einer der wichtigsten Vordenker im Bereich der Gesundheitspolitik, betrachtet diese Fragen aus juristischer und sozialphilosophischer Perspektive und entwickelt Grundsätze einer sozialen Gesundheitsgerechtigkeit. Er fordert, dass die wegen der notwendig gewordenen Kostendeckelung längst gängigen Leistungsbeschränkungen nicht im Gutdünken des Arztes liegen dürfen, sondern ein transparenter und verbindlicher Katalog entwickelt wird (Priorisierung). Und er weist darauf hin, dass wir uns einen medizinischen Fortschritt um jeden Preis nicht mehr leisten können und möglicherweise sogar auf sinnvolle Leistungen verzichten müssen (Rationierung). Und nicht zuletzt nimmt Huster die Diskussion über eine Public Health-Politik auf und sucht nach solidarischen Lösungen, damit die Klassenlage nicht über die Kassenlage bestimmt.
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Seitenzahl: 115
Veröffentlichungsjahr: 2011
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Stefan Huster
Sparen, umverteilen, vorsorgen?
Politik bei Wagenbach. Herausgegeben von Patrizia Nanz.
© 2011 Verlag Klaus Wagenbach, Emser Straße 40/41, 10719 Berlin. Umschlaggestaltung/Reihenkonzept: Julie August, Berlin.
Alle Rechte vorbehalten.
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ISBN 978 3 8031 4104 0
Einleitung
I. Warum sich Gesundheit gegen eine soziale Differenzierung sperrt
1. Die existentielle und transzendentale Bedeutung von Gesundheit
2. Die Folgeprobleme
II. Soziale Gerechtigkeit in der Gesundheitsversorgung
1. Finanzierung: Belastungsgleichheit oder Überforderungsverbot?
2. Organisation: Fehlsteuerungen und Rationalisierungsbemühungen
3. Leistungen: Priorisierung als Problem sozialer Gerechtigkeit
III. Soziale Gesundheitsungleichheiten
1. Die ungleiche Verteilung von Gesundheit als normatives Problem
2. »Selber schuld«? Grund und Grenzen der Eigenverantwortung
3. Sind soziale Gesundheitsungleichheiten ungerecht?
IV. Vorsorgen und Versorgen
1. Gesundheits- als Gesellschaftspolitik
2. »Vorbeugen ist besser als heilen«?
3. Public Health, Priorisierung und soziale Gerechtigkeit
Danksagung
Anmerkungen
Dieses Buch geht von einer Überzeugung aus, die in Deutschland und vielen anderen (allerdings nicht allen) Ländern weit verbreitet ist: Es ist ungerecht, wenn Gesundheit vom sozialen Status abhängt. Niemand sollte krank sein oder früher sterben müssen, weil er arm ist. In einem »sozialen Rechtsstaat«, wie ihn das Grundgesetz konstituiert, kann man der Frage nicht ausweichen, ob und inwieweit soziale Gesundheitsungleichheiten akzeptabel sind. Dies ist kein marginales, sondern ein weithin unterschätztes Problem: Wer weiß schon, dass in Deutschland der Unterschied in der durchschnittlichen Lebenserwartung zwischen Männern im obersten und im untersten Einkommensfünftel zehn Jahre beträgt? Und betrieben wir überhaupt Gesundheitspolitik und ein öffentliches Versorgungssystem – mit allen politischen und ökonomischen Folgeproblemen –, wenn es uns gleichgültig wäre, dass sich Gesundheit sozial ausdifferenziert? So mag der Versuch lohnen, etwas Licht in den dunklen Zusammenhang von Gesundheit und sozialer Gerechtigkeit zu bringen.
Wenn man ein Ziel, die Herstellung sozialer Gesundheitsgerechtigkeit, erreichen will, muss man wissen, wo man steht und welcher Weg zu diesem Ziel führen könnte. Dies setzt empirische Erkenntnisse anderer Wissenschaftsdisziplinen voraus: Epidemiologie, Medizin, Versorgungsforschung, Gesundheitsökonomie, Soziologie und Politikwissenschaft. Das Hauptinteresse dieses Buches gilt aber den normativen Fragen, wie die Forderung nach sozialer Gesundheitsgerechtigkeit begründet werden kann und was sie genau bedeutet. Dabei wird keine umfassende Theorie der sozialen (Gesundheits-) Gerechtigkeit entwickelt, sondern an vorhandene moralische Intuitionen und rechtliche Wertungen angeknüpft. Diese sollen in einen kohärenten Zusammenhang gebracht und ihre Konsequenzen für das deutsche Gesundheitswesen expliziert werden.1 Die Suche nach Gesundheitsgerechtigkeit bleibt inhaltlich eine komplexe und methodisch eine interdisziplinäre Aufgabe, die niemand allein bewältigen kann.
Auf wenige Dinge reagiert die deutsche Öffentlichkeit so sensibel wie auf den Befund einer »Zwei-Klassen-Medizin«. Dass Arme eher sterben müssen, wird hierzulande nicht einfach festgestellt, sondern als Skandal betrachtet. Selbst die Befürworter des Nebeneinanders von gesetzlicher und privater Krankenversicherung (GKV und PKV) werden nicht müde zu betonen, dass es lediglich um Komfortunterschiede (Einbettzimmer, kürzere Wartezeiten) gehe; die Qualität der medizinischen Versorgung sei völlig identisch. Das mag stimmen oder nicht – ausdrücklich zugegeben werden darf es jedenfalls nicht, dass man sich eine bessere medizinische Versorgung kaufen kann: Eine nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit ausdifferenzierte »Zwei-Klassen-Medizin« würde als Symbol für einen unsozialen »Zweiklassenstaat« verstanden.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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