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Das Verhältnis der deutschen Soziologie zum Nationalsozialismus ist merkwürdig: Trotz der gesellschaftlichen Bedeutung des Themas gibt es nur vereinzelte soziologische Analysen. Warum ist das so? In welchen Bereichen des Fachs fand überhaupt eine Auseinandersetzung mit dem »Dritten Reich« statt? Was könnte die Soziologie zur Erforschung des Nationalsozialismus und des Holocaust beitragen? Und was wäre der Gewinn für das Fach selbst, wenn es sich mit diesen Themen beschäftigte? Der Band versucht erstmalig, Antworten auf diese Fragen zu finden. Mit Beiträgen von Michael Becker, Henning Borggräfe, Michaela Christ, Helmut Dahmer, Christian Gudehus, Peter Imbusch, Kobi Kabalek, Carsten Klingemann, Beate Krais, Nina Leonhard, Elissa Mailänder, Ludger Pries, Karl-Siegbert Rehberg, Christoph Reinprecht, Gerhard Schäfer, Sonja Schnitzler, Hans-Georg Soeffner, Erhard Stölting und Maja Suderland.
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Seitenzahl: 917
Veröffentlichungsjahr: 2014
Das Verhältnis der deutschen Soziologie zum Nationalsozialismus ist merkwürdig: Trotz der gesellschaftlichen Bedeutung des Themas gibt es nur vereinzelte soziologische Analysen. Warum ist das so? In welchen Bereichen des Fachs fand überhaupt eine Auseinandersetzung mit dem ›Dritten Reich‹ statt? Was könnte die Soziologie zur Erforschung des Nationalsozialismus und des Holocaust beitragen? Und was wäre der Gewinn für das Fach selbst, wenn es sich mit diesen Themen beschäftigte? Der Band versucht erstmalig, Antworten auf diese Fragen zu finden. Mit Beiträgen von Michael Becker, Henning Borggräfe, Michaela Christ, Helmut Dahmer, Christian Gudehus, Peter Imbusch, Kobi Kabalek, Carsten Klingemann, Beate Krais, Nina Leonhard, Elissa Mailänder, Ludger Pries, Karl-Siegbert Rehberg, Christoph Reinprecht, Gerhard Schäfer, Sonja Schnitzler, Hans-Georg Soeffner, Erhard Stölting und Maja Suderland.
Michaela Christ ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Norbert Elias Center for Transformation Design & Research der Universität Flensburg.
Maja Suderland hat eine Vertretungsprofessur für Soziologie an der Hochschule Darmstadt inne.
Soziologie und Nationalsozialismus
Positionen, Debatten, Perspektiven
Herausgegeben von Michaela Christ und Maja Suderland
Suhrkamp
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
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eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2014
Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe des suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2129
© Suhrkamp Verlag Berlin 2014
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eISBN 978-3-518-73898-6
www.suhrkamp.de
Hans-Georg SoeffnerArbeit an Entlastungsmythen Geleitwort
Michaela Christ, Maja SuderlandDer Nationalsozialismus – (k)ein Thema für die Soziologie?
I. Bestandsaufnahmen
Positionen
Erhard StöltingMasse, Führerkult und Propaganda. Frühe soziologische Arbeiten zum Nationalsozialismus
Helmut DahmerFaschismustheorie(n) der »Frankfurter Schule«
Gerhard SchäferDer Nationalsozialismus und die soziologischen Akteure der Nachkriegszeit: am Beispiel Helmut Schelskys und Ralf Dahrendorfs
Peter ImbuschNorbert Elias und Zygmunt Bauman – zwei konträre Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus und seiner Gewalt
Michael BeckerAuf dem Weg zu einer Soziologie des Nationalsozialismus? Zur Entwicklung der soziologischen NS-Forschung seit 1990
Christoph ReinprechtDie österreichische Soziologie und der Nationalsozialismus. Aufbruch, Verdrängung und verletzte Identität
Kobi KabalekDDR-Soziologie und die (Nicht-) Thematisierung der NS-Zeit
Themen
Nina LeonhardWehrmacht und Zweiter Weltkrieg als Gegenstand der Militär- und Kriegssoziologie
Christian GudehusSoziologische Erinnerungsforschung zum Nationalsozialismus
Michaela ChristGewalt in der Moderne. Holocaust und Nationalsozialismus in der soziologischen Gewaltforschung
Maja Suderland»Das Konzentrationslager als giftigste Beule des Terrors«. Soziologische Perspektiven auf die nationalsozialistischen Zwangslager
Ludger PriesMigration und Nationalsozialismus – ein immer noch blinder Fleck der Soziologie?
Fachgeschichte
Henning Borggräfe, Sonja SchnitzlerDie Deutsche Gesellschaft für Soziologie und der Nationalsozialismus. Verbandsinterne Transformationen nach 1933 und 1945
Carsten KlingemannDie Verweigerung der Analyse des Nationalsozialismus in der westdeutschen Soziologie. Zur Kontinuität empirischer Soziologie vor und nach dem Ende des NS-Regimes
II. Perspektiven
Elissa MailänderEin Blick von außen: Was leistet die Soziologie aus der Sicht der Geschichtswissenschaften?
Karl-Siegbert RehbergNeuanfang und Geschichtsflucht. Ambivalenzen der Soziologie als einer ›Gründungswissenschaft‹ der Bundesrepublik Deutschland
Beate Krais»Das ist ein unpolitisches Fach! Eine kritische Soziologie ist das eigentlich nicht!« Beate Krais im Gespräch mit Michaela Christ und Maja Suderland über Soziologie und Nationalsozialismus
Die Autorinnen und Autoren
Register
Geleitwort
Eine der attraktiven, scheinbar gesicherten Hintergrunderzählungen, die mein Studium in den 1960er Jahren prägten und mich sanft, aber anhaltend weg von der Philosophie und den Literaturwissenschaften und hin zur Soziologie führten, entstand und verfestigte sich, wie ich heute weiß, eben in jener Zeit. Es ist eine Erzählung, die bereits vorhandene Erzählstränge bündelte und zu einer vermeintlich stimmigen Einheit komponierte. Sie liest sich so: Dem Versuch, die deutsche Soziologie, repräsentiert durch die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS), schon 1933 mit dem Nationalsozialismus ›gleichzuschalten‹, begegnete die Fachgesellschaft durch ›Selbststilllegung‹. Zugleich zwangen politische Verfolgung und Antisemitismus führende Soziologen in die Emigration. Wer blieb, ›emigrierte innerlich‹. Die Soziologie existierte in Deutschland also nicht mehr. Eine Mitverantwortung der Soziologie für die Ideologie und die politische Gewalt des Nationalsozialismus im ›Dritten Reich‹ war damit ausgeschlossen. Die Soziologie blieb – als im Wesentlichen nicht existente – unschuldig. Für eventuell verbliebene Reste bestand zumindest eine gut begründete Unschuldsvermutung.
War nicht zudem die Soziologie als analytische, gesellschafts- und ideologiekritische Wissenschaft per se immun gegen die nationalsozialistische Ideologie? Und war es – um eine Feststellung von M. Rainer Lepsius als Frage umzuformulieren – dann nicht so, dass eine nationalsozialistische Soziologie gar nicht hätte entstehen können, weil ja »der rassistische Determinismus der nationalsozialistischen Weltanschauung das Gegenprogramm einer soziologischen Analyse darstellte?« (Lepsius 1979: 28). Sprach also nicht alles für die nun dominante Selbstdarstellung der Soziologie?
Gegenläufig zu dieser Arbeit am Entlastungsmythos hatte schon Ralf Dahrendorf (1965), selbst später DGS-Vorsitzender, gefordert, dass die Soziologie nicht nur den Nationalsozialismus analytisch aufarbeiten, sondern sich auch mit der mehrdeutigen Geschichte der deutschen Soziologie im Nationalsozialismus auseinanderset10zen müsse: mit Fachvertretern als Sympathisanten des NS-Staates, dem Mitläufertum und mit der in vielen Fällen chamäleonartigen Aktiv-Passiv-Anpassung der im ›Reich verbliebenen‹ Soziologen. Diese Forderung zielte schon damals auf ein Projekt, das der jetzige Band zu ›Soziologie und Nationalsozialismus‹ aufgreift und fortführt. Es geht darin um die Verknüpfung mehrerer Perspektiven: um eine soziologische Analyse des Nationalsozialismus, um eine Analyse der Soziologie im Nationalsozialismus und um die Analyse der Konsequenzen, die sich für die Nachkriegssoziologie aus ihrer Vorgeschichte ergeben.
Schon für Dahrendorf sollte es ein Ende haben sowohl mit der Mythisierung des ›Dritten Reiches‹ als »Pest« und »metaphysisches Geheimnis […], an das der Soziologe nicht zu rühren vermag« – so die erstaunlich beliebte Bankrotterklärung der Soziologie durch Leopold von Wiese 1946 (Wiese 1948: 29) –, als auch mit Selbstentlastungsfiktionen der Disziplin und ihrer Fachgesellschaft. Dahrendorfs nun durch den vorliegenden Band aufgegriffene Forderung zielt also nicht etwa – wie zuletzt auf dem Soziologiekongress in Bochum unterstellt – auf ein für die Gegenwartssoziologie unfruchtbares Kreisen in einer von Selbstreflexionsmaschinisten verwalteten, rückwärtsgewandten Selbstreflexionsschleife der Soziologie, sondern auf eine Aufhebung der Geschichtsvergessenheit und die in ihr angelegte Verfehlung der Gegenwart durch eine selbstverschuldete Perspektivenverengung gegenüber der von der Soziologie erwarteten Zeitdiagnose. Und schon jetzt veranschaulichen die bisher vorliegenden Bruchstücke einer soziologischen Analyse des Nationalsozialismus und der Soziologie im Nationalsozialismus exemplarisch das Gefährdungspotenzial einer Disziplin, von der Gesellschafts- und Zeitdiagnose verlangt wird, die aber, sofern es ihr nicht gelingt, systematisch in Distanz zu ihrem Gegenstand zu treten und zu bleiben, ebenjenem Zeitgeist zu verfallen droht, den sie zu analysieren hätte.
Wie sich in den jetzt vorliegenden Arbeiten eindrucksvoll zeigt, profitiert die historisch-soziologische Aufarbeitung der Geschichte der deutschen Soziologie und ihrer Fachgesellschaft von dem nun für die Forschung verfügbaren, digitalisierten Archiv der DGS, in dem sowohl alle DGS-Akten der Nachkriegszeit als auch Akten aus dem Nachlass von Ferdinand Tönnies zusammengefasst wurden. Durch diesen Datenverbund lässt sich, vor allem auf der Grundla11ge einer detaillierten Analyse der Briefwechsel, auch jener Prozess erschließen, dem sich die Entstehung und Verfestigung von Selbstbildern der DGS verdankt: die jeweilige interaktive Konstruktion einer sich zunehmend stabilisierenden, unverwüstlich wohlwollenden Selbstverständigung und Selbstvergewisserung.
Basis der Konsensbildung und der sich darin allmählich ausbildenden Konsensfiktionen ist jene – schon von Simmel in seinen Arbeiten zur ›Geselligkeit‹ dargestellte – vordergründig formale Norm, an der sich Honorationengemeinschaften und Kollegialorgane orientieren: die Selbstverpflichtung auf ›kollegiale Umgangsformen‹ und das damit verbundene Gebot zu wechselseitiger Kollegialität. Die praktischen Auswirkungen der Orientierung an dieser Norm sind alles andere als bloß formal. Sie bestehen in der vorauseilenden Ausklammerung aller mutmaßlich massiven Konflikte, die das Kollektiv bedrohen könnten, sowie in der von allen Gruppenmitgliedern bedienten und in Gang gehaltenen Konsensmaschinerie. Deren Produkt ist das, was Max Weber als sich selbst erhaltende ›geglaubte Gemeinschaft‹ bezeichnete. Auch Soziologen, das veranschaulichen die Briefwechsel, unterwerfen sich, obwohl sie es besser wissen müssten, bisweilen solchen Interaktionsnormen, zumal dann, wenn sie sich in einer Interessenvertretung, einer Fachgesellschaft, zusammenschließen. Hier dominiert dann, wenn er nicht kontrolliert wird, ausschließlich der Zweck des Zusammenschlusses: Aus offener Geselligkeit wird Nutzgeselligkeit.
Konsenszwang und daraus resultierende Konsensfiktionen sind der Stoff, aus dem Legenden zugeschnitten werden. Sie analytisch rekonstruktiv zu dekonstruieren – auch gegenüber sich selbst als einem Teil der Gesellschaft – ist die Aufgabe der Soziologie. ›Sich selbst auf die Schliche zu kommen‹ sei, so schon der Alltagssoziologe Wilhelm Busch, beides: extrem schwer und besonders notwendig. Zu lösen ist diese Aufgabe nur durch eine ›institutionalisierte Beobachtung und Dauerkontrolle gesellschaftlicher Verhältnisse in kritischer Absicht‹ (Plessner). Teil der – gegenwärtigen – gesellschaftlichen Verhältnisse ist aber eben auch die Soziologie: als nicht nur beobachtende, empirische, theoretisch erklärende Wissenschaft, sondern auch als zu beobachtendes und analytisch zu erfassendes gesellschaftliches Phänomen. Erst durch diese Doppelperspektivik wird die Soziologie für die Gesellschaft zu einer unverzichtbaren Korrekturwissenschaft.
12Insofern folgt sie, wenn auch als innerweltlich verfasste und interessierte Wissenschaftsdisziplin, grundsätzlich dem in der Selbstreflexion der modernen Theologie entstandenen Entmythologisierungsgebot – exemplarisch bei der Analyse eines dämonisierten, für ›unfassbar‹ deklarierten, gesellschaftlichen Phänomens: des deutschen Nationalsozialismus – aber ebenso bei der Kontrolle der eigenen Selbstbilder und der eigenen Zeit(geist)abhängigkeit. Soziologie ist analytisch-praktische (Selbst-)Aufklärung. Diesem Selbstverständnis ist der Band Soziologie und Nationalsozialismus erkennbar verpflichtet.
Dahrendorf, Ralf (1965): »Soziologie und Nationalsozialismus«, in: Flitner, Andreas (Hrsg.), Deutsches Geistesleben und Nationalsozialismus, Tübingen: Wunderlich, S. 108-125.
Lepsius, M. Rainer (1979): »Die Entwicklung der deutschen Soziologie nach dem Zweiten Weltkrieg 1945-1967« in: Lüschen, Günther (Hrsg.), Deutsche Soziologie nach 1945. Entwicklungsrichtungen und Praxisbezug (Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 21), Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 25-70.
Wiese, Leopold von (1948): »Die gegenwärtige Situation, soziologisch betrachtet«, in: Deutsche Gesellschaft für Soziologie, Verhandlungen des Achten Deutschen Soziologentages vom 19. bis 21. September 1946 in Frankfurt a. M., Tübingen: Mohr, S. 20-39.
Sind Soziologinnen und Soziologen, wie Max Horkheimer polemisierte, »eine Bande von Ideologen, welche die Aufgabe erfüllen, das Denken der Menschen über gesellschaftliche Dinge auf Gegenstände abzulenken, die ungefährlich sind« (zitiert nach Dahmer 2001: 7)? Zuweilen könnte man durchaus geneigt sein, diese Frage nicht rundheraus zu verneinen. Der Furor in dieser Formulierung, die von einem der wohl bekanntesten deutschen Soziologen stammt, wird mindestens teilweise verständlich, wenn man sich mit dem schwierigen Verhältnis von Soziologie und Nationalsozialismus beschäftigt. Dieses war in den vergangenen Jahrzehnten auf unterschiedlichen Ebenen, in diversen Personenkonstellationen und unter wechselnden Fragestellungen immer wieder Gegenstand von Diskussionen: Es gab Phasen öffentlicher Auseinandersetzungen mit der Fachgeschichte sowie Zeiten, in denen an den soziologischen Institutionen und in den Gremien der DGS über historische Akteur/innen und deren Verstrickungen mit dem ›Dritten Reich‹, über Kontinuitäten in Forschungsdesigns und methodischen Zugängen debattiert, ja zum Teil heftig – oft auch sehr persönlich – gestritten wurde. Jüngst fand in der Soziologie wieder eine öffentlich ausgetragene Debatte statt, bei der es vorwiegend um die Fragen ging, was sie als wissenschaftliche Disziplin zur Bearbeitung des Themas Nationalsozialismus leisten könnte, was sie bislang dazu beigetragen hat und worin der Gewinn für das Fach selbst liegen könnte, wenn es sich damit stärker befassen würde (Christ 2011; Bach 2012; Becker 2013, 2014; Deißler 2013a, 2013b; Heinze 2013; Kühl 2013; Mayntz 2013).[1]
Allerdings haben all die vergangenen Auseinandersetzungen bisher nicht dazu geführt, dass Holocaust und Nationalsozialismus in 14der Soziologie breit erforscht werden. Denn obwohl es einige über die Grenzen der Disziplin hinaus bekannte und rezipierte Autoren aus der Soziologie gibt, die zum Nationalsozialismus gearbeitet haben, und trotz einiger inzwischen zu ›Klassikern‹ gewordenen Arbeiten (Dahrendorf 1965a; Adorno 1969, 1973 [1950]; Bauman 1992 [1989]; Lepsius 1993; Sofsky 1993) ist das ›Dritte Reich‹ bis heute ein randständiges Thema innerhalb der deutschsprachigen Soziologie. Es gibt einen veritablen Unterschied zwischen einzelnen soziologischen Akteurinnen und Akteuren samt deren Publikationen und der Verankerung eines Forschungsgegenstandes im Kern einer Disziplin. Dass aber Holocaust und Nationalsozialismus zum Kernbestand soziologischer Forschung gehören, lässt sich mitnichten konstatieren. Die Popularität einiger derjenigen Soziologen, die sich mit dem Nationalsozialismus beschäftigt haben, kann nicht über eines hinwegtäuschen: Im Verhältnis zu anderen Forschungsgegenständen und vor allem gemessen an der bis heute anhaltenden Bedeutung dieser ›nationalsozialistischen Jahre‹ – für Deutschland, für Europa und letztlich für die ganze Welt – wurden nur sehr wenige soziologische Studien zum ›Dritten Reich‹ und der Ermordung der europäischen Juden verfasst. Es gibt keinen Lehrstuhl mit entsprechender Denomination (wohl aber Professuren für viele andere ›Bindestrich-Soziologien‹), auf den Soziologiekongressen finden sich nur selten Veranstaltungen zum Thema (Christ 2011; Becker 2013), die wenigen soziologischen Studien zu NS und Holocaust erscheinen meist nicht in den für die Soziologie einschlägigen Journalen, bei den Wissenschaftsverlagen werden sie in der Rubrik Geschichte platziert und überdies vorwiegend außerhalb des eigenen Faches rezipiert. Das bleibt angesichts der Tiefenwirkung der NS-Zeit erklärungsbedürftig.
Während der zwölf Jahre der Naziherrschaft haben soziale Prozesse von enormer Tragweite stattgefunden. Der Krieg war eine gigantische Menschenverschiebemaschinerie und ein Migrationsmotor, der rasche Aufstieg der nationalsozialistischen Partei, die gewaltige Binnenmobilisierung der NS-Organisationen, der (zunächst sehr erfolgreich geführte) Krieg, der Holocaust, die Erfahrung massenhafter Gewalt, schließlich Zerstörung, die militärische Niederlage, Kapitulation und Befreiung, Flucht und Vertreibung, Besatzungszeit, Wiederaufbau, die Teilung des deutschen Staates und schließlich die Wiedervereinigung – all das veränderte und 15prägte (nicht allein) die deutsche Gesellschaft bis heute. Und all dies hat bis heute Auswirkungen auf Verhältnisse, die gemeinhin in der Soziologie erforscht und mit zentralen Begriffen wie Herrschaft, Macht und Gewalt, Institution, Organisation und System, Klasse und Geschlecht, Inklusion und Exklusion, Sozialstruktur und Lebenslage oder als Verhältnis von Privatem und Politischem etc. beschrieben werden.
Kaum eine Biografie oder Familie und kaum ein Lebensbereich blieben vom Nationalsozialismus und seinen Folgen unberührt. Die deutsche Verfassung, die Formulierung der Grundrechte, die UN-Charta sind in nationales und internationales Recht gegossene Erfahrungen dieser Zeit. Zentrale gesellschaftliche Transformationsprozesse wie etwa die der 68er-Bewegung hätten ohne die Auseinandersetzung mit der deutschen NS-Vergangenheit so nicht stattgefunden, wichtige gesellschaftspolitische Debatten wären nicht geführt worden. Das Verhältnis zum NS-Regime war und ist nicht nur in zahllosen Familien inzwischen über mehrere Generationen hinweg immer wieder aufs Neue ein Diskussionsgegenstand, sondern das ›Jahrhundert der Gewalt‹, dessen einer Kulminationspunkt in den zahllosen während des ›Dritten Reichs‹ begangenen und geduldeten Grausamkeiten gipfelte, ist auch oftmals Referenzpunkt bei Debatten über aktuelle gesellschaftliche und politische Fragen (Christ 2011).
Bemerkenswert ist die Vehemenz, mit der bis heute in der Soziologie über das Thema gestritten wird – nicht zuletzt deshalb, weil die Soziologie als ›Wissenschaft von der Gesellschaft‹ sich mit allem und jedem beschäftigt, ohne dass dies im Wesentlichen jemals hinterfragt würde. Sowohl in der Scientific Community des Faches als auch in anderen Disziplinen gilt es als selbstverständlich, dass die Soziologie nicht allein für das Gewöhnliche, sondern auch für das Ungewöhnliche zuständig ist – das schließt Fragen nach dem Wandel des Ungewöhnlichen zum Gewöhnlichen und umgekehrt ein – und dabei bestehende oder sich ändernde soziale Verhältnisse sowie soziales Handeln beleuchtet. Dieses Selbstverständnis führt nicht notwendigerweise dazu, dass sich Soziolog/innen tatsächlich aller gesellschaftlich relevanten Themen stets annehmen, wie M. Rainer Lepsius vor einiger Zeit konstatierte: »Die Soziologie hat viele richtige Fragen, aber nicht alle wichtigen behandelt.« (Lepsius 2000: 15) Vielmehr lassen sich immer Konjunkturen für bestimmte 16Problemstellungen erkennen, die unter anderem auch daran erkennbar sind, welche Stellen ausgeschrieben werden und welche Forschungsprogramme Aussichten auf (Drittmittel-)Förderung haben. Derzeit kann man beispielsweise beobachten, dass sich Soziolog/innen verstärkt mit Krisen und deren Folgen auseinandersetzen und damit auf die Entwicklung reagieren, die in den vergangenen Jahren in erster Linie aus wirtschaftlichen Gründen weltweit für Beunruhigung sorgte.
Wissenschaftliche Auseinandersetzung ist immer zugleich Produkt und Produzent gesellschaftlicher Diskurse – wenngleich die Ausprägung zur einen oder anderen Seite freilich sehr unterschiedlich ausfällt. Themen aus dem öffentlichen Diskurs diffundieren in die wissenschaftliche Sphäre und umgekehrt. So gingen aus manchen gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen, wie etwa den Kämpfen der Frauenbewegungen, eigenständige Forschungsbereiche, beispielsweise die Women’s Studies und die Geschlechterforschung, hervor (Hark 2005). Gegenwärtig prägen – dies als Beispiel für den umgekehrten Prozess – die Ergebnisse aus sozial- und naturwissenschaftlichen Forschungen deutlich sichtbar den gesellschaftspolitischen Diskurs um den Umgang mit Klimawandel, Ressourcenverknappung, Umweltverschmutzung und ihren Folgen.
Hinsichtlich der gesellschaftlichen Debatten über den Nationalsozialismus kam es indes nicht zu einer solchen Austauschbeziehung für die Soziologie, und es folgten kaum fruchtbare Forschungstätigkeiten, obwohl das Interesse am Nationalsozialismus in der Bevölkerung seit einigen Jahren ungebrochen groß ist: Entsprechende Ausstellungen in Museen brechen inzwischen Zuschauerrekorde. Die öffentliche Hand unterstützt mehr Denkmalsbauten und Gedenkstätten als je zuvor. Private Spender, Angehörige, Geschichtsinitiativen oder Anwohner/innen lassen dort ›Stolpersteine‹ verlegen, wo vormals jüdische Mitbürger/innen wohnten und durch die nationalsozialistische Verfolgung zumeist den Tod fanden oder zumindest flüchten mussten. Rund 46000 solcher ›Stolpersteine‹ in mehr als 500 Orten wurden seit dem Jahr 2000 verlegt. Geschichtswissenschaftliche Bücher zum Thema sind Bestseller geworden. Guido Knopps aus diversen Gründen zu Recht heftig kritisiertes ›Geschichtsfernsehen‹ – unerreicht der Titel ›Hitlers Frauen‹ – und so genannte Dokufiktionsproduktionen wie das 17die deutsche Schuld verharmlosende Unsere Mütter, unsere Väter (Süselbeck 2013) finden ein Millionenpublikum.
Das heißt, in der Öffentlichkeit wird häufig über den Nationalsozialismus diskutiert, die Soziologie jedoch greift das Thema nur selten auf. Gründe dafür finden sich in der Fachgeschichte ebenso wie in den soziologischen Forschungsprogrammen und Paradigmen.
Der inzwischen als solcher enttarnte Mythos von der Ausschaltung der Disziplin durch die Nationalsozialisten wurde zu einer Art Meistererzählung und verband die Kolleginnen und Kollegen der Nachkriegsgenerationen über viele inhaltliche, politische und biografische Differenzen und Unterschiede hinweg. Dem Gedanken, die Soziologie sei als Wissenschaft von den Nationalsozialisten verfolgt und letztlich stillgelegt worden, wohnte die Vorstellung inne, hätte man die Soziologinnen und Soziologen gewähren lassen, wären sie dem System gefährlich geworden (Turner 1992: 1). Als Soziologin oder als Soziologe, so könnte man dies zusammenfassen, war man quasi per se auf der sicheren, weil kritischen Seite. Und wer möchte sich nicht auf dieser Seite ›der Guten‹ sehen? Nach einem länger währenden Prozess intensiver fachinterner Auseinandersetzungen sprechen wir heute statt von einer Ausschaltung der Disziplin von deren ›Selbstgleichschaltung‹ (Klingemann 1996).
Unmittelbar nach dem Krieg hatten darüber hinaus diejenigen, die im ›Dritten Reich‹ an deutschen Universitäten tätig gewesen waren, wenig Interesse daran, die Vergangenheit zu problematisieren, hätte dies doch eine Reflexion der eigenen Position erfordert. Die zurückgekehrten beziehungsweise wieder eingesetzten Opfer der Nationalsozialisten hingegen waren oftmals reichlich illusionslos, was ihre Kollegen anlangte. Man wusste über die jeweiligen Vergangenheiten Bescheid, thematisierte sie aber nicht. Kommunikatives Beschweigen hat Hermann Lübbe dieses Voneinander-Wissen, aber Nicht-darüber-Sprechen genannt (Lübbe 1983). Die private Diskretion ging dabei oft mit der öffentlichen Verurteilung des nationalsozialistischen Regimes sowohl durch die Institutionen der Bundesrepublik und die Medien als auch durch die Wissenschaft einher.
Bei der Umgehung des Themas NS waren es vermutlich letztlich auch die Anstrengungen um die Neu-Etablierung der Soziologie an den Hochschulen, die im Mittelpunkt standen und nicht be18einträchtigt werden sollten. In dieser fragilen Situation der Nachkriegszeit zogen es die Beteiligten vor, miteinander forschend zu kooperieren, statt einander politisch zu konfrontieren. Denn zu NS und Holocaust zu arbeiten hätte zwangsläufig bedeutet, auch nach den Schicksalen, dem Handeln, den politischen Einstellungen und den Verwicklungen der Kolleginnen und Kollegen zu fragen. Dies aber hätte auf der persönlichen Ebene mehr von allen Einzelnen abverlangt, als manchem lieb gewesen sein mochte.
Heinrich Popitz, der in den ersten Jahrzehnten der Nachkriegszeit mit inzwischen zu Klassikern gewordenen Arbeiten bekannt wurde, bemerkte über sich und seine ab Mitte der 1950er Jahre in der Industriesoziologie reüssierenden Kollegen: »Wir galten nicht nur als links, wir hielten uns auch dafür.« (Popitz 2000: 48) Er verweist damit auf einen ähnlichen Punkt wie M. Rainer Lepsius, der in einem Interview Folgendes über diese Generation äußerte:
Denken Sie nur an die Biographien von Ralf Dahrendorf, Heinrich Popitz, Ludwig von Friedeburg, Dietrich Goldschmidt, Hans Paul Bahrt, Theo Pirker und vielen anderen. Dazu kommen die Emigranten als unsere Lehrer: Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, René König, Helmuth Plessner, auch Otto Stammer und, in der Politischen Wissenschaft, Ernst Fraenkel, Franz Neumann und andere. Es bestand ein die Generationen übergreifender, die Schulen überwölbender Antifaschismus, der unterstellt werden konnte auch bei den Generationsgenossen, die man nicht genauer kannte. (Lepsius 2008: 15)
Wohlmöglich hat auch dieses Selbstverständnis seinen Teil dazu beigetragen, die NS-Gesellschaft nicht unter die soziologische Lupe zu nehmen. Eine im klassischen Sinn wissenschaftliche Aufarbeitung von NS und Holocaust fand trotz oder vielleicht gerade wegen des unterstellten ›überwölbenden Antifaschismus‹ in der Soziologie nicht statt.
Jedoch kam der Nationalsozialismus auf anderen Wegen, nämlich mittelbar in die soziologischen Seminare und Institute. Im Zuge der 68er Bewegung setzten sich Soziologinnen und Soziologen indirekt mit der Vergangenheit auseinander, vor allem indem sie fragten, wie Gesellschaften und Individuen verfasst sein müssten, um ein Wiedererstarken des Faschismus zu verhindern. Der Nationalsozialismus war die Folie, vor der eine intensive Beschäftigung mit Faschismustheorien stattfand und vor allem dem Marxismus 19große Bedeutung beigemessen und ebensolche Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Gewissermaßen als Fortsetzung von Horkheimers Diktum aus der Vorkriegszeit, »Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen« (Horkheimer 1988 [1939]: 308), fragten viele nach dem Zusammenhang von Kapitalismus und Faschismus. Eher sozialdemokratisch oder liberal geprägte Wissenschaftler/innen wie etwa Ralf Dahrendorf, Renate Mayntz und andere engagierten sich aus einem ähnlichen Impetus für politische Parteien. Sie wollten die Zukunft politisch mitgestalten. Es ging in dieser Zeit darum, nach Alternativen zum Faschismus zu suchen oder – beispielsweise in der Bildungsforschung – darüber nachzudenken, wie Menschen ausgestattet sein müssen, um nicht Teil autoritärer Regime zu werden.
Auch hinter den Kulissen, in den Gremien der DGS oder bei Berufungsverfahren spielte insbesondere in den ersten Jahrzehnten der Nachkriegszeit die unterschiedliche Positioniertheit der Protagonist/innen als ehemalige Verfolgte oder als im Reich Gebliebene eine entscheidende Rolle. Konflikte um die NS-Vergangenheit waren in den Debatten um die Neugestaltung des jungen Fachs Soziologie und in den Gremien ihrer Fachgesellschaft DGS äußerst bedeutsam. Selbstverständlich gab es Personenkreise und Institute – wie die Dortmunder Sozialforschungsstelle –, die in besonderer Kontinuität zu denjenigen standen, die auch schon zwischen 1933 und 1945 in der Soziologie tätig waren. Unweigerlich zu großen Konflikten und Verwerfungen im Fach führte wenn bisweilen manche Soziolog/innen die ›stille Vereinbarung‹ brachen, insofern sie zum Beispiel Schriften, die andere Kollegen während der NS-Zeit verfasst hatten, öffentlich machten oder sich zu deren Tätigkeit im ›Dritten Reich‹ äußerten. So scheiterte Arnold Gehlens Berufung in Heidelberg 1958 an den Einwänden von Max Horkheimer, und auch René König engagierte sich gegen den Aachener Kollegen. Wie in jeder Institution, die etwas auf sich hält, gab es auch zwischen den soziologischen Lehrstühlen und in der Fachgesellschaft politische Ränke, Intrigen und Machtkämpfe. Eine der großen Linien, entlang deren diese ausgefochten wurden, war die Haltung der Beteiligten zum NS und deren Aktivitäten während der Zeit des Nationalsozialismus.
Man könnte nun meinen, das Problem der Nicht-Thematisierung des NS habe sich erledigt, sobald die letzten Zeitgenossen und 20deren Schülerinnen und Schüler gestorben oder nicht mehr an den Universitäten tätig sind, wie der Organisationssoziologe Stefan Kühl argumentiert (Kühl 2013). Doch das Argument greift zu kurz, denn träfe es zu, müssten wir doch inzwischen längst auf eine erblühende Landschaft soziologischer Arbeiten zu dem NS-Regime und seinen Verbrechen schauen können. Dem ist aber mitnichten so. Vielmehr finden wir heute das Ergebnis von zwei miteinander verschränkten Dynamiken vor. Unserer Ansicht nach sind auch die Konjunkturen der dominanten soziologischen Paradigmen und Methoden Ergebnis der oben geschilderten wechselseitigen Beeinflussung von Wissenschaft und Gesellschaft. Bis in die 1980er Jahre hinein war in Deutschland die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit kein Thema, dem man sich gerne zuwandte, sondern eher eines, von dem sich große Teile der Bevölkerung und der Politik nur allzu bereitwillig abwandten (Frei 1997). Von einem gesellschaftlichen Klima, das eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem NS nahelegte, kann mitnichten gesprochen werden. Diese Bewegung des Sich-Abwendens spiegelt sich in den jeweiligen zeitgenössischen soziologischen Paradigmen. Dass also beispielsweise die System-, Rollen-, Rational-Choice- oder die Modernisierungstheorie zu bestimmten Zeiten zu wichtigen Paradigmen der Soziologie wurden und werden konnten, ist auch ihrem jeweiligen zeitgenössischen Entstehungskontext geschuldet. Den Vorlieben für das Denken in (subjektfreien) Systemen, in klar voneinander unterscheidbaren, äußerlichen Rollen, in Kategorien rationalen Nutzens oder in (normativ verstandenen) fortschreitenden Modernisierungsprozessen ist zum Beispiel gemeinsam, dass alle vier – vorsichtig formuliert – nicht unbedingt dazu geeignet sind, den soziologischen Blick auf soziale Akteur/innen im Nationalsozialismus zu lenken – ein Blick, der aber notwendig ist, um zu rekonstruieren, welche Verhältnisse welches Handeln ermöglichten oder gar beförderten. Wenig verwunderlich ist mithin, dass der Nationalsozialismus vor dem Hintergrund populärer Paradigmen immer wieder durch das Raster soziologischer Aufmerksamkeit fiel. Zweifellos unterliegen einige Instrumente der Soziologie deutlichen Einschränkungen hinsichtlich der Erkenntnismöglichkeiten beim hier interessierenden Gegenstandsbereich (Christ 2011; Friedrich 2012). Bleibt jedoch die Frage, warum gerade diese sich solch großer Beliebtheit im Fach erfreuen, so21dass die Zuhilfenahme anderer ›Werkzeuge‹ abseitig erscheinen muss.
Zusätzlich hat möglicherweise die Soziologie selbst dazu beigetragen, den Nationalsozialismus als wissenschaftlichen Untersuchungsgegenstand aus ihrem Fach auszuklammern, indem sie früh zur Beschreibung der gesellschaftlichen und historischen Prozesse in der NS-Gesellschaft den Topos des ›Rückfalls in die Barbarei‹ aufgriff (vgl. etwa Adorno 1971: passim) – eine Denkfigur, die die Geschehnisse während des Nationalsozialismus als etwas klassifizierte, für das keine geeigneten Begriffe vorliegen. Wie sollte mit den herkömmlichen Mitteln der Soziologie etwas analysiert werden, wenn man sich dabei offenbar nicht auf ›Klassiker‹ und deren begriffliches Instrumentarium berufen konnte? Die Hinwendung zur NS-Gesellschaft zwingt, wie Hannah Arendt es mit Blick auf die Konzentrationslager formulierte, »Sozialwissenschaftler und Historiker, ihre bislang nicht in Frage gestellten Grundannahmen über den Lauf der Welt zu überdenken« (Arendt 1989 [1950]: 7). Eine solch fundamentale Infragestellung jedoch ist nichts, was einer wissenschaftlichen Karriere unbedingt förderlich ist. Denn um erfolgreich zu sein, sind neue Ideen und die Hinwendung zu innovativen Forschungsgegenständen nicht immer ratsam. Im Gegenteil: Um zu demonstrieren, dass man das Handwerk ordentlich gelernt hat und dazugehört, ist immer auch die Reminiszenz an die ›Großen‹ des Faches vonnöten, indem man die innerhalb des Fachs allgemein Anerkannten ebenfalls anerkennt. Dass es beim Thema Nationalsozialismus als soziologischem Analysegegenstand an »Erzvätern« mangelt (Paul Martin Neurath, zitiert in Fleck et al. 2004: 431), ist sowohl ein Defizit an persönlichen Vorbildern im akademischen Umfeld als auch eine schmerzliche Leerstelle für die notwendigen symbolischen Verbeugungen vor den ›Klassikern‹, sodass man mit einem solchen Thema im Feld der Soziologie schwer zu verorten bleibt (Vgl. Bourdieu 1988). Bearbeitet man den Gegenstand trotzdem mit den überlieferten Instrumenten, stellt man sich zumindest implizit gegen die Großen innerhalb des Fachs (und deren Anhänger), die das grundsätzlich Andere an Nationalsozialismus und Holocaust postuliert haben. Professions- und wissenschaftsstrategisch kann das durchaus als Dilemma erscheinen.
Wie sich die beiden Dynamiken, öffentliches Wegschauen und die Entwicklung entsprechender disziplinärer Paradigmen, jeweils 22gegenseitig beeinflusst und gegebenenfalls verstärkt haben, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden und müsste eigens Gegenstand neuer Forschungsbemühungen sein. Vor dem noch nicht lange (genug) zurückliegenden gesellschaftshistorischen Hintergrund ist es immerhin denkbar, dass die Neigung zu derartigen theoretischen Konzepten ihre Ursache in einer wünschenswert erscheinenden Abwendung von individuellen Akteuren liegen könnte, deren inzwischen inakzeptabel erscheinendes Handeln bei einem genaueren analytischen Blick auch heute noch prinzipiell möglich erschiene. Als Resultat finden wir heute weder eine inhaltliche noch institutionelle Verankerung des Themas in der deutschsprachigen Soziologie vor, was es wiederum erschwert, diejenigen wenigen neueren Arbeiten, die es zweifellos gibt, an vergangene Denkanstrengungen anzuschließen.
An dieser Stelle setzt nun das vorliegende Buch an, denn es soll eine informierte Reflexion über diese Entwicklungen und Zusammenhänge und eine Anknüpfung an die verstreut und vereinzelt vorliegenden soziologischen Studien zum Nationalsozialismus ermöglichen. Zum ersten Mal sind hier gezielte Bestandsaufnahmen entstanden. Der Band Soziologie und Nationalsozialismus leuchtet – wenngleich nicht lückenlos,[2] so doch systematisch – die bisherige deutschsprachige soziologische Auseinandersetzung mit dem ›Dritten Reich‹ aus. Die Autorinnen und Autoren gehen der Frage nach, wer sich wann mit welchen Aspekten des Nationalsozialismus soziologisch auseinandergesetzt hat. Sie untersuchen und diskutieren, mit welchen theoretischen Grundlagen und methodischen Herangehensweisen hierbei gearbeitet wurde und ob sich daraus neue Perspektiven für das Fach Soziologie ergeben (könnten).
23Auf diesem Weg sind einerseits kritische Würdigungen und Einordnungen der Forschungen der prominentesten Soziologinnen und Soziologen entstanden, die sich mit dem Thema beschäftigt haben (Soziologen der Weimarer Zeit: Erhard Stölting; Frankfurter Schule: Helmut Dahmer; Dahrendorf und Schelsky: Gerhard Schäfer; Elias und Bauman: Peter Imbusch; zeitgenössische Soziolog/innen: Michael Becker). Beiträge zu Soziologie und Nationalsozialismus in Österreich (Christoph Reinprecht) und in der DDR (Kobi Kabalek) erweitern die Perspektive auf den Umgang mit dem Thema in anderen historisch, politisch und sozial gleichermaßen betroffenen Gesellschaften. Andererseits bieten thematische Forschungsüberblicke zu den Themen Militär und Krieg (Nina Leonhard), Erinnerung (Christian Gudehus), Gewalt (Michaela Christ), Konzentrationslager (Maja Suderland) und Migration (Ludger Pries) einen Einblick, inwiefern der Nationalsozialismus Eingang in übergeordnete soziologische Themen fand. Eine Bestandsaufnahme der Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (Henning Borggräfe/Sonja Schnitzler) sowie der Fachgeschichte und ihrer schwierigen Aufarbeitung (Carsten Klingemann) sind Kapitel, die diverse Ursachen für die weitgehende Nicht-Thematisierung innerhalb der Disziplin erkennbar werden lassen. Ein Blick aus der Perspektive der Geschichtswissenschaft auf das, was die Soziologie bei der Bearbeitung des NS-Themas für andere Disziplinen ›leisten‹ kann (Elissa Mailänder), ein Kommentar zur deutschen Soziologie nach 1945 im Hinblick auf das Themenspektrum NS (Karl-Siegbert Rehberg) und ein Gespräch über die Debatte innerhalb der Disziplin zum Thema (Beate Krais) schließen den Band ab.
Anliegen des Buches ist es, sowohl soziologische Beiträge zum gesamten Themenspektrum NS gebündelt sichtbar zu machen als auch den aktuellen soziologischen Forschungsstand zu bewerten. Durch die erstmals derartig systematische Bearbeitung des Themas führt das Buch an manchen Stellen zu anderen Bewertungen als bislang und kann neue Erkenntnisse präsentieren. Zudem verweist es nicht nur in den jeweiligen Beiträgen auf soziologische Leerstellen, sondern auch auf diejenigen Theorien und Forschungsperspektiven, die in Zukunft für weitere Projekte fruchtbar gemacht werden könnten.
Die Beiträge zeigen, wie stark die Thematisierung des NS in der Soziologie in der Vergangenheit an Personen gebunden war. Einer24seits oft befördert durch die persönliche Biografie der Akteurinnen und Akteure, die den Nationalsozialismus selbst erlebt haben oder deren persönliche Geschichte eng mit ihm verbunden ist; andererseits mindestens ebenso stark abgeleitet aus ihrem jeweiligen soziologischen Wissenschaftsverständnis und damit aus wissenschaftlich-habituellen Prägungen, die in verschiedenen soziologischen Denk- und Praxis-Schulen angeeignet wurden und den Blick auf den Gegenstand formen. Auf die Frage, warum manche NS und Holocaust für Themen der Soziologie halten und andere nicht, gibt es manchmal persönliche Antworten, immer aber sind es solche, die Aufschluss geben über das Verständnis der eigenen Disziplin. Denn die Frage, was genau am Forschungsgegenstand Nationalsozialismus in den Zuständigkeitsbereich der Soziologie fällt, muss immer von ihren beiden Seiten her beantwortet werden, indem einerseits zunächst der Gegenstand umrissen und andererseits das wissenschaftstheoretische (Selbst-)Verständnis der Disziplin konturiert wird. In allen Beiträgen des vorliegenden Bandes laufen beide Aspekte als imaginäre ›rote Fäden‹ implizit mit, und durch die jeweilige Auseinandersetzung mit Positionen, Debatten und Perspektiven innerhalb der deutschsprachigen Soziologie werden sowohl unterschiedliche Auffassungen vom Forschungsgegenstand Nationalsozialismus als auch vom Fach Soziologie und seinen Aufgaben zu verschiedenen Zeiten und in diversen Kontexten deutlich.
Unter dem Begriff Nationalsozialismus subsumieren wir im vorliegenden Buch ein breites Spektrum an Aspekten, die mit ihm verbunden sind. Die damit zusammenhängenden historischen Ereignisse reichen bereits vor den Beginn des ›Dritten Reiches‹ zurück und enden keineswegs mit dessen Zusammenbruch 1945.
Auch wenn es sich um historische Ereignisse handelt, ist die Frage nach der Zuständigkeit der Soziologie damit noch keineswegs abschlägig beantwortet, denn es gibt keine zwingende Arbeitsteilung zwischen den verschiedenen Fachdisziplinen, die es nahelegte, Historisches ausschließlich den Historiker/innen zu überlassen. Im Jahr 1965 stellte Jürgen Habermas der zeitgenössischen Soziologie mit erkennbarem Bedauern allerdings in dieser Hinsicht ein schlechtes Zeugnis aus:
Einst war es selbstverständlich, daß Soziologen ihren höchsten Ehrgeiz darein setzten, ihre Gegenwart als Geschichte zu begreifen. Zusammen mit dem Erbe der Geschichtsphilosophie sind die historisch gerichteten Gegen25wartsanalysen heute, jedenfalls unter Fachkollegen, in Verruf geraten. Der Königsweg der älteren Soziologie ist von engherzigen Methodologen nur zu erfolgreich als ein Holzweg verurteilt worden. Fast gehört schon Mut dazu, das in der deutschen Tradition freilich nie ganz abgerissene Band zwischen engagierter Wissenschaft und politischer Schriftstellerei wieder enger zu knüpfen. Direkter Einfluß unter dem Deckmantel der Expertise ist allemal gefahrloser. (Habermas 1965: 65)
Und 1977 schrieb Norbert Elias mit spitzer Feder zur Trennung von Soziologie und Geschichte Folgendes:
Man gewinnt oft den Eindruck, daß Menschen sich vorstellen, die Objekte der verschiedenen akademischen Fächer, also in diesem Fall Geschichte und Gesellschaft, existierten ebenso unabhängig voneinander, wie es die Fachbereiche, Geschichtsforschung und Soziologie, für sich in Anspruch nehmen. […] Die Tatsache, daß die Art des menschlichen Zusammenlebens in gegenwärtigen Gesellschaften nahtlos aus einer kontinuierlichen Abfolge früherer Arten des Zusammenlebens hervorgegangen ist und daß diese gegenwärtigen Gesellschaften, samt den soziologischen Untersuchungen über sie, demnächst selbst der Vergangenheit, der ›Geschichte‹ angehören werden, daß mit anderen Worten diese Gegenwart nur ein kurzer Moment eines langen Prozesses ist, erscheint dementsprechend für diesen Typ der Soziologie irrelevant. (Elias 1977: 134)
Die Frage nach der Zuständigkeit der Soziologie scheint auch heute noch nicht ganz eindeutig geklärt zu sein. Aus unserer Sicht eröffnet dieser Band jedoch diverse neue Perspektiven auf den Gegenstand, sowohl was die Aufarbeitung der Fachgeschichte anbelangt als auch hinsichtlich der Verortung des Themas Nationalsozialismus in den verschiedenen Feldern der Soziologie.
Im derzeitigen Stadium der Debatte über Soziologie und Nationalsozialismus lässt sich jedoch immerhin festhalten, dass es knapp 70 Jahre nach Ende des ›Dritten Reichs‹ inzwischen einen weithin geltenden Konsens darüber gibt, der Nationalsozialismus sei ein legitimer und geeigneter Forschungsgegenstand für das Fach. Das war keineswegs immer so, denn nach Ende des ›Dritten Reiches‹ gab es prominente Stimmen aus der Soziologie, die ihr bescheinigten, sie könne zum Verständnis des Geschehens nichts oder nur eingeschränkt etwas beitragen (Dahrendorf 1965b; Wiese 1975 [1946]). Differenzen gibt es heute allerdings einerseits in der Beurteilung darüber, ob sich die Soziologie hinlänglich mit dem Thema 26NS beschäftigt habe, und andererseits, ob sie über geeignete Instrumente, das heißt Paradigmen und Methoden, verfüge, um auf diesem Gebiet neue Erkenntnisse zu produzieren (vgl. auch Bach 2012).
Was den ersten Aspekt betrifft, muss festgehalten werden, dass, um tatsächlich beurteilen zu können, ob sich die Soziologie bereits umfassend mit dem Thema beschäftigt hat und welche Beiträge zur wissenschaftlichen Bearbeitung des Themas sie eigentlich geleistet hat, eine Bestandsaufnahme erforderlich ist. Eine solche fehlte bislang jedoch, und sie ist mit einfachen Mitteln auch nicht zu erhalten, denn es lässt sich beispielsweise bei bibliografischen Recherchen zumeist gar nicht ermitteln, aus welcher Disziplin ein Beitrag kommt.[3] Was die Soziologie hierbei leisten und weshalb es von Interesse sein könnte, genau danach zu suchen, wurde bereits angeführt. Gibt es also über alle Fächer hinweg insgesamt tatsächlich eine wahre Flut an Veröffentlichungen zum NS-Thema, so werden diese unabhängig vom fachdisziplinären Zugang wegen des historischen Aspekts stets dem Thema Geschichte zugeordnet. Eine soziologische Inventur ist bislang daher kaum möglich, und die Feststellung, dass es viele oder wenige soziologische Beiträge zum Themenspektrum Nationalsozialismus gebe, unterliegt verschieden geprägten kontingenten Wahrnehmungen, die vermutlich jeweils davon abhängig sind, ob und wie sehr sowie mit welcher Perspektive man sich mit der Lektüre entsprechender Studien befasst hat.
Auch der zweite Aspekt und die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen der zur Verfügung stehenden soziologischen Instrumente ist mit dem ersten Problem verknüpft, denn zur Beurteilung dessen, was soziologische Theorien und Methoden im Kontext des Themas zu leisten imstande sind, wäre die umfassende Kenntnis vorliegender Studien nötig. Zudem ist es aufgrund der relativ geringen Anzahl vorliegender Studien noch keineswegs ausgereizt, 27was das Fach eigentlich beitragen könnte – es käme durchaus auf weitere Versuche an, vielleicht auch mittels weniger populärer Theorien und innovativer Methoden das Themenfeld soziologisch zu beackern. Das soziologische Instrumentarium könnte sowohl begrifflich, das heißt theoretisch-konzeptionell, als auch methodisch den analytischen Blick auf Relationen, Akteur/innen und Praktiken sozialen Handelns schärfen und dabei grundlegende Aspekte zum Vorschein bringen, die weit über (historische) Einzelfälle hinausreichen und zudem in aktuellen Gesellschaften relevant sind. Darüber hinaus ist nicht zu vergessen, was wir von Zygmunt Bauman lernen können: Der Blick durch das »Fenster« des Holocaust zeigt uns unsere aktuellen Fragen und Anliegen in einem neuen Licht, denn die Soziologie kann nicht nur den Holocaust beleuchten, sondern der Holocaust kann uns auch über uns selbst belehren (Bauman 1992 [1989]: 8). Diesen Blick nicht zu wagen bedeutete einen Erkenntnisverzicht hinsichtlich aktueller Entwicklungen und Probleme. Wir hoffen, dass die Beiträge des vorliegenden Bandes einen Eindruck der Potenziale einer Soziologie des Nationalsozialismus vermitteln können.
Am Schluss bleibt uns als Herausgeberinnen all denen sehr herzlichen Dank zu sagen, die sich tatkräftig am Zustandekommen dieses Buches beteiligt haben: Gedankt sei insbesondere allen Autorinnen und Autoren des Buches dafür, dass sie sich auf das ›Abenteuer‹ eingelassen haben, unseren Wünschen nach speziellen Beiträgen zu folgen, obwohl keine/r von ihnen einen passenden Entwurf bereits in der sprichwörtlichen Schublade liegen hatte, aber auch für ihre große Geduld, die sie unseren Ergänzungswünschen entgegenbrachten – die Zusammenarbeit war uns jederzeit eine große Freude! Gedankt sei auch jenen, die einen Beitrag zugesagt hatten, deren Pläne aber von Erkrankungen durchkreuzt wurden. Bei der Suche nach Autorinnen und Autoren konnten wir auf Hinweise und Tipps von zahlreichen Kolleginnen und Kollegen bauen, die uns in unserem Vorhaben ermutigten und unterstützten. Herzlichen Dank auch dafür! Birte Voigt und Moira Rosner unterstützten uns bei redaktionellen Arbeiten, wofür wir sehr dankbar sind. Außerordentlich gut aufgehoben waren wir schließlich beim Lektorat des Suhrkamp Verlags, das unserer Buchidee von Anfang an sehr wohlwollend begegnete. Insbesondere Philipp Hölzing sei gedankt, 28der das Projekt auch noch unter dem anscheinend unvermeidlichen Zeitdruck am Ende jeder Buchproduktion sehr freundlich, mit scharfem Blick, ausgezeichneten Korrekturvorschlägen und immer interessiert begleitet hat.
Flensburg und Darmstadt im Mai 2014
Michaela Christ und Maja Suderland
Adorno, Theodor W. (1973 [1950]): Studien zum autoritären Charakter,Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Adorno, Theodor W. (1971): Erziehung zur Mündigkeit,Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Adorno, Theodor W. (1969): »Erziehung nach Auschwitz«, in: Ders., Stichworte. Kritische Modelle 2, Frankfurt/M.: Suhrkamp, S.84-101.
Arendt, Hannah (1989 [1950]): »Die vollendete Sinnlosigkeit«, in: Dies., Nach Auschwitz. Essays & Kommentare 1,herausgegeben von Eike Geisel und Klaus Bittermann. Berlin: Edition Tiamat, S.7-30.
Bach, Maurizio (2012): »›Drittes Reich‹ und Soziologie. Was kann die Soziologie zum Verständnis der nationalsozialistischen Führerdiktatur beitragen?«, in: Soziologie, 41, 1, S.19-27.
Bauman, Zygmunt (1992 [1989]): Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust, Hamburg: EVA.
Becker, Michael (2014): »Politik des Beschweigens. Plädoyer für eine historisch-soziologische Rekonstruktion des Verhältnisses der Soziologie zum Nationalsozialismus«, in: Soziologie, 43, 3, S.251-277.
Becker, Michael (2013): »›Social scientists, being normal men, will have great difficulties to understand …‹ Bemerkungen zur Rezeption der nationalsozialistischen Konzentrationslager in der deutschen Soziologie«, in: Fröhlich, Roman, Jovanović-Ratković, Mira, Siebeck, Cornelia et al. (Hrsg.), Zentrum und Peripherie. Die Wahrnehmung der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Berlin: Metropol, S.97-135.
Bourdieu, Pierre (1988): Homo Academicus, Frankfurt/M.: Suhrkamp.
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29Dahrendorf, Ralf (1965a): Gesellschaft und Demokratie in Deutschland,München: Piper.
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Frühe soziologische Arbeiten zum Nationalsozialismus
Der deutsche Nationalsozialismus ist ein komplexes, folgenreiches und unabgeschlossenes Forschungsgebiet. Immer wieder sind in den letzten Jahrzehnten neue Perspektiven aufgetaucht, die andere Aspekte akzentuierten und neue Themen formulierten. Das ist nicht nur rezeptionsgeschichtlich bemerkenswert, es verweist zugleich auf Veränderungen des historischen Bewusstseins und auf neue gegenwärtige Konfliktlagen in Deutschland und anderswo. Die Perspektivenverschiebungen sind nicht nur erwartbar, sie können selbst wiederum andere Sichtweisen stimulieren.
An den analytischen oder deutenden Texten zum Nationalsozialismus, die vor September 1930 beziehungsweise vor und um 1933 geschrieben wurden, fällt auf, wie vieles von dem, was den NS dann ausmachen sollte, in jener frühen Phase kaum thematisiert wurde – oder wenn es thematisiert wurde, dann mit einem gewissen neugierigen Interesse, vielleicht mit leicht angewiderter Distanz, aber ohne besondere Besorgnis. Die Leerstellen sind durchgängig bemerkenswert; offenbar war das, was kommen sollte, kaum vorstellbar.
Vor den Reichstagswahlen vom September 1930, bei denen sich die NSDAP gegenüber 1928 von 2,6 Prozent auf 18,3 Prozent steigerte, beziehungsweise bei den Wahlen vom Juni 1932, als sie 37,3 Prozent erreichte, war der Nationalsozialismus als solcher kaum Thema wissenschaftlicher Untersuchungen (Falter, Lindenberger und Schumann 1986). Und auch danach weckte er nur allmählich ein systematisches soziologisches Interesse. Erst mit den Wahlsiegen der NSDAP wird er offenbar als einheitliche politische Bewegung wahrgenommen, als eine Gefahr, die vielleicht soziologisch beschrieben oder reflektiert werden könnte, auch wenn sie unterschätzt wurde. Es kann also sinnvoll sein, nach den Umständen der Unsichtbarkeit oder der fehlenden Voraussicht zu fragen, die von heute aus gesehen so auffällig ist.
36Eine erste grundlegende These ist, dass der Nationalsozialismus vor 1930 kein eigenständiges Thema war, weil die NSDAP erst in diesem Jahr bei Wahlen sprunghaft zulegte und zu einem innenpolitischen Machtfaktor wurde. Das verstärkte sich natürlich 1932. Bis dahin war die NSDAP als radikale Kleinpartei angesehen worden, wie sie auf den politischen Vorder- und Hinterbühnen der Weimarer Republik nicht selten waren. Erst aus der heutigen Perspektive einer reichen und differenzierten historischen Forschung und mit dem Wissen, was danach geschah, kann die Nichtbeachtung als Blindheit erscheinen.
Dass der Nationalsozialismus unbeachtet blieb und als Gefahr unterschätzt wurde, hat aber noch einen weiteren Grund. Von einer starken Massenbewegung wie der nationalsozialistischen in den 1930er Jahren erwartete man ein einheitliches Gedankengebäude, so etwas wie eine nationalsozialistische Ideologie, die es mit dem scheinbaren politischen Antipoden jener Zeit, dem Kommunismus, hätte aufnehmen können. Tatsächlich hatten ja in der Sowjetunion der 1920er und 1930er Jahre, wie schon in der kommunistischen Bewegung vor dem Oktoberumsturz 1917 in Russland, Fragen der theoretischen Vereinheitlichung, der Geschlossenheit und der ideologischen Unterordnung einen zentralen Platz eingenommen.
Dem entsprach das Bild, das die NSDAP und ihre sich schon vor 1933 ausdifferenzierenden Sonderorganisationen boten, nicht. Der Nationalsozialismus war vielmehr ein Konglomerat unterschiedlicher Ideologien, die nur teilweise miteinander kompatibel waren und die sich vielfach nicht auseinander ableiten ließen. Auch das widersprach dem Anspruch an die Ideologie einer Massenbewegung, der spätestens seit Lenin von allen organisierten Kommunisten akzeptiert worden war.
Seine ideologische Heterogenität und Inkonsistenz wurden dem Nationalsozialismus als Schwäche angekreidet, weil der Marxismus-Leninismus für sich gerade beanspruchte, das Gegenteil zu sein. Den marxistischen Autoren lag dieses Argument natürlich besonders, aber auch Theodor Geiger verwendete es. Erst spät und nur von wenigen – wie den Propagandatheoretikern – wurde erkannt, dass die Eklektik eine politische Stärke der NS-Bewegung ausmachte. Die Einheit der nationalsozialistischen Bewegung wurde nicht theoretisch, sondern in Symbolen und Ritualen hergestellt. Inno37vativ und erfolgreich war diese Bewegung zunächst vor allem im Bereich der Propaganda und der Massenmobilisierung.
Es gab gewiss politische Orientierungen, die die nationalsozialistische Bewegung als ganze charakterisierten; dazu gehörte aus damaliger Sicht – neben dem Kampf gegen die Weimarer Verfassung, gegen den Versailler Vertrag und gegen den Marxismus – der radikale Antisemitismus. Dass dieser den verheerendsten Aspekt des Nationalsozialismus ausmachen würde, weiß man seit dem Holocaust; man hätte es schon nach den ersten Pogromaktionen von 1933 wissen sollen. Die Unterschätzung des Antisemitismus lag offenbar mit daran, dass die NSDAP nicht die einzige antisemitische Organisation war. Viele Parteien waren antisemitisch, hatten antisemitische Flügel oder duldeten antisemitische Ausfälle ihrer Mitglieder. Solche Ausfälle finden sich bei genauem Hinsehen selbst bei Autorinnen und Autoren, die man auch heute nicht als antisemitisch bezeichnen würde. Der Antisemitismus saß in der deutschen Gesellschaft wie Wasser in einem Schwamm. Es gab einige Stimmen, unter anderem die Kurt Tucholskys, die ihn vor 1933 ironisierten und sich damit die Verachtung sensiblerer Beobachter einhandelten (Scholem 1975; Golomb 1997: 230f.); es gab nur wenige, die ihn, wie Carlo Mierendorff, als Gefahr sahen (Mierendorff 1920, 1931). Das war bei manchen jüdischen Beobachterinnen und Beobachtern anders, für sie steht paradigmatisch Gershom Scholem (Scholem 1994).
Gerade weil der Antisemitismus derart selbstverständlich zum politischen Leben in Deutschland vor 1933 gehörte, fiel er beim Nationalsozialismus nicht als besonders bedrohlich auf. Ausrottungsprogramme gegen Juden waren schon Ende des 19. Jahrhunderts in rechtsextremen Subkulturen verbreitet (Hermand 1988: 65-92; Goodrick-Clarke 1997). Vor 1933 wurden sie aber in den großen politischen und kulturellen Bewegungen noch nicht öffentlich propagiert, selbst wenn diese antisemitisch waren. Ausrottungsideen waren hingegen im kolonialen Rassismus und in sozialdarwinistischen Utopien weit verbreitet, die auch Vorstellungen einer biologischen Verbesserung von herrschenden Völkern und herrschenden Klassen beflügelten (Chase 1980, 68-175; Kühl 2014; Becker 1988; Weingart, Kroll und Bayertz 1988; Zimmerer 2008; Stone 2008). Selbst Karl Kautsky sah den kolonialen Genozid melancholisch als Folge eines sozialdarwinistisch zu verstehenden Rassenkampfes 38(Schwartz 1994: 555). Die Utopien der Massentötung wurden dann in den NS-Euthanasieprogrammen umgesetzt. Auch die biologisch begründeten Tötungsprogramme, die von nationalsozialistischen Medizinerinnen und Medizinern ausdrücklich vertreten wurden, fielen nicht sonderlich auf, da sie selbst in der ›gesellschaftlichen Mitte‹ als diskutabel galten.
Offensichtlich und auffällig am nationalsozialistischen Antisemitismus war jedoch seine Gewaltbereitschaft und Mordlust schon vor 1933. Allerdings enthielt das Parteiprogramm von 1920 davon nicht mehr als die Programme anderer rechtsextremer Sekten. Die Mordlust fiel – vor allem nach 1930 – auf, als die NSDAP zu einer großen und daher ernst genommenen Partei wurde. Das Thema war damit aber nicht mehr ›Antisemitismus‹, sondern ›Gewalt‹ beziehungsweise ›rechtsextreme Gewalt‹.
Der Antisemitismus war jedoch nicht die einzige Kampf- und Propagandarichtung, in der der Nationalsozialismus aktiv wurde. Dazu gehörten auch ein radikaler Nationalismus, die Forderung nach der Kündigung des Versailler Vertrages, nach der Wiederangliederung der im Osten an Polen verlorenen Gebiete und Danzigs oder die Rückgabe der deutschen Kolonien (Kershaw 1998: 173-190). Alle diese Forderungen fanden Resonanz in der deutschen Bevölkerung und waren nicht exklusiv für die NSDAP. Das galt auch für rassistische Konzeptionen über den Antisemitismus hinaus. Nicht einmal die biologische Deutung der Sozialstruktur und die aus ihr abgeleitete Forderung nach Eugenik (›Rassenhygiene‹) und Euthanasie waren spezifisch nationalsozialistisch. Derartige Vorstellungen waren nicht nur in dem Geflecht extremer Subkulturen verbreitet, sie waren sehr stark in der deutschen Ärzteschaft und fanden – in gemäßigterer Form – Widerhall auch in der Sozialdemokratie, etwa bei Alfred Grotjahn (Stölting 1987: 169).[1]
Andere Themen wurden jeweils unterschiedlich intensiv angesprochen. Die Blut- und Boden-Ideologie interessierte weder Ärztinnen und Ärzte noch Ingenieure oder Wirtschaftsführer, das Zinsproblem der Landwirtschaft interessierte primär die Landwirtinnen und Landwirte, die Feindschaft gegenüber moderner Kunst und Literatur war kein Thema für die Bäuerinnen und Bauern und so weiter.
39Was die nationalsozialistische Bewegung nach 1930 und vor 1933 auffällig machte, war gerade ihre symbolische Macht und ihr Widerhall bei der jüngeren Generation. Einer der Ersten, der sich die Frage stellte, wie aus einer kuriosen kleinen Münchener Zwergpartei eine siegreiche Massenbewegung werden konnte, war Herbert Wehner. Er versuchte, sie im schwedischen Exil 1942/1943 zu beantworten, und begründete damit seinen Abschied vom Kommunismus (Wehner 1994). Aus seiner Perspektive errang die NSDAP ihre Erfolge, weil sie keine Klassenpartei war, sondern mehrere Klassen mit ihren jeweils spezifischen Interessen ansprach, weil sie ihre Mitglieder einband und in konstanter Bewegung hielt und schließlich dank ihrer spezifischen Propaganda. Wesentlich erscheinen bei Wehner die segmentierte und gesonderte Ansprache spezifischer Wählergruppen und generelle und erkennbare Symbole, die entsprechend gewichtet werden konnten. Diese Techniken wurden nach 1933 fortgesetzt und weiter differenziert.
Was die NSDAP von allen anderen unterscheidbar machte, war der Führerkult ab 1926, der sich nach 1933 noch steigerte (Nyomarkai 1967: 9-15). Wichtig war auch die Ablehnung der Weimarer Republik beziehungsweise der Demokratie überhaupt. Das vertrat zwar die ganze politische Rechte bis weit in die Mitte hinein, jedoch auch die radikale Linke. Besonders am Nationalsozialismus war die Radikalität und Gewaltbereitschaft dieser Ablehnung, die der Wählerschaft vor dem Hintergrund der allgemeinen Demokratiefeindschaft als konsequent und daher vertrauenerweckend erscheinen konnte (Falter 1991: 364-375). Die Propaganda der Nazis war effizient, organisiert und innovativ (Paul 1992). Die Gewalt auf der Straße schuf jene Unordnung und jene staatliche Hilflosigkeit, die die Führer des Nationalsozialismus zu beseitigen versprachen.
Einer der ersten und vielgerühmten Texte zur soziologischen Analyse des Nationalsozialismus findet sich als Exkurs in Theodor Geigers Werk von 1932 Die soziale Schichtung des deutschen Volkes (Geiger 1972 [1932]). Unmittelbar nach 1930, in der Phase des raschen Aufstiegs der NSDAP also, nimmt Geiger die Dramatik der politischen Entwicklung wahr und sieht den Nationalsozialismus 40auch als eine Gefahr. Immerhin behandelt er ihn eindringlich in seinem Kapitel über die »Mittelstände«. Ausdrücklich wird mithin nur der sozialstrukturelle Aspekt des Nationalsozialismus thematisiert – es solle nicht um eine »Würdigung oder Kritik des Nationalsozialismus im Ganzen« gehen (ebd.: 109). Der Antisemitismus, das Elitedenken, der Antifeminismus, die Stellung zur Demokratie und zum Parlament etwa bleiben weitgehend unberücksichtigt.
Geiger sieht in der programmatischen Vielfalt der NSDAP systematische Schwierigkeiten. Sie sei nicht durch ein verlässliches Programm, ja nicht einmal durch beobachtbares Verhalten oder verlässliche und unterscheidbare Aussagen zu identifizieren, obwohl sie in Thüringen und Braunschweig schon in politischer Verantwortung stehe. Klar erscheint für Geiger damit, dass der Nationalsozialismus weniger als Partei, sondern nur als »Bewegung« identifizierbar sei – wichtiger als jede programmatische Äußerung oder jede konkrete Maßnahme sei der »Stil der Bewegung«, das »Verhalten ihrer Organe« und die »Entwicklung ihres Anhangs« (ebd.: 110).
Es sei der NSDAP noch nicht gelungen, in die Wählerschaft der SPD einzudringen, wohl aber in die der KPD, bei der es allerdings vor allem der Arbeiternachwuchs war, der Geigers Besorgnis weckte. Er sieht hier eine größer werdende jugendliche »Schicht von Dauererwerbslosen« heranwachsen, die sich unter weniger krisenhaften Umständen aktiv ins Erwerbsleben integriert hätte, die nun aber gleichsam außerhalb der traditionellen Sozialstruktur stehe – »wirtschaftlich-sozial ohne Standort« (ebd.: 111). Ihr fehle eine eigentliche Interessenrichtung und Interessenbindung. Für sie seien weder die SPD noch die Gewerkschaften attraktiv und bindungsfähig, sie stehe außerhalb der »Überlieferungen der Arbeiterbewegung« – ein Eindruck, den man aus heutiger Perspektive so nicht mehr formulieren würde, der sich damals aber aufdrängte. Die Frage wäre heute eher, ob und wie die NS-Bewegung damals auch Aspekte der traditionellen Arbeiterkultur in sich aufnahm.
Geiger nimmt an, dass der NSDAP der Einbruch in die Arbeiterschaft nicht über die Gewerkschaften und die SPD, sondern nur über die Welt der Erwerbslosen gelingen könne. Er sieht auch voraus, dass die Nationalsozialisten, sobald sie könnten, die Gewerkschaften zerschlagen und sie durch neue »Berufsvereinigungen mit neuem Apparat« ersetzen würden (ebd.: 111).
41Das soziale Hauptgewicht verortet Geiger allerdings bei den Mittelschichten. Zum Beweis führt er die nationalsozialistischen Erfolge sowohl im zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen wie bei den Preußenwahlen – beide im April 1932 – an, bei denen die traditionellen Wirtschafts- und Mittelstandsparteien – mit Ausnahme des katholischen Zentrums – aufgerieben worden seien (ebd.: 110f.). Neben den Gewerkschaften und der SPD auf der Linken ist für Geiger also die soziale Mitte, die katholische Zentrumspartei, der eigentliche Widerstandsort gegen die nationalsozialistische Flut.
Als Strategie des Nationalsozialismus, nun die Bevölkerung insgesamt erfassen zu wollen – mit Ausnahme der Widerstandsnester –, sieht Geiger in seiner eigenen, noch nicht verfestigten Begrifflichkeit die nationalistische (»staatspolitisch-nationale«) Propaganda. Politische Nüchternheit habe aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Krisen wenig Anziehungskraft. Das betrifft offenbar sowohl die Gewerkschaften und die SPD wie die republikanische Mitte, soweit noch vorhanden. Sie alle hätten überdies die »Zugkraft des nationalistischen Schlagworts sträflich unterschätzt« (ebd.: 113). Nationalismus finde sich aber nicht mehr nur beim Bürgertum. Die vom Nationalsozialismus erfassten »Bevölkerungsmassen« seien mental nie einheitlich gewesen. Die Werbekraft der nationalistischen Ideologie der NSDAP habe sich praktisch bewährt.
Der Wandel der Bauernschaft aus regionaler und lokaler Beengtheit ist für Geiger erst im Gange; er widmet ihr ohnehin wenig Raum und Achtung. Für den Zusammenhang mit der Blut- und Bodenpropaganda finden sich hier allerdings nur Andeutungen (ebd.: 114-115) – vermutlich deshalb, weil die NSDAP offenbar erst nach 1933 massenhaft in die bäuerlichen Sozialmilieus eindrang, worauf Geiger sich ja in dieser Schrift noch nicht beziehen konnte.
Bemerkenswert an Geigers Text sind schließlich jene Passagen, in denen er das Nationalbewusstsein, das er selbst für richtig hielt und das er aus der Tradition des deutschen Idealismus sowie – geprägt durch seine eigene geistige Herkunft – aus der Jugendbewegung entwickelt hatte, mit dem in der NS-Bewegung vertretenen biologischen Vorstellungen konfrontiert (ebd.: 115-116). In den entsprechenden Abschnitten zeigt Geiger, welche Vorbehalte in einigen Traditionen der Jugendbewegung gegenüber einem biolo42gistischen Begriff der Nation bestanden, und verweist damit auf eine Quelle möglicher Distanz zur NS-Bewegung. Geiger übersieht aber an dieser Stelle, wie groß der Magen der NS-Bewegung war und dass er – wie andere Widersprüche auch – durchaus auch idealistische Traditionen aufnehmen konnte. Geiger sieht »bei vielen jungen Intellektuellen, bei vielen Angestellten echte Begeisterung für ein neues Reich« (ebd.: 117). Für jene Zeit, als die NSDAP eine kleine Sekte war, identifiziert er eine vitale Grundstimmung nationaler Empörung über erlittene Schmach, eine Zuwendung zum Elitegedanken und einen Überdruss an den für den Parlamentarismus typischen Kompromissen. Gerade wegen ihrer Vitalität und Ehrlichkeit sympathisiert er mit dieser Grundstimmung. Die Gefahr, die von dieser Bewegung ausgehe, lokalisiert er ganz immanent dann eher in ihrer Bürokratisierung und in der Veräußerlichung ihrer Symbolik. Durch sie werde der ursprünglich gesunde Enthusiasmus der jungen Nationalsozialisten bedroht.
Entlarvend ist für Geiger vor allem die Zustimmung der – nichtkatholischen – Bauernbevölkerungen zur NSDAP. Der Bauer kümmere sich doch nur um sein eigenes wirtschaftliches Überleben: »Nicht Dasein und Heiligkeit der Nation liegen ihm am Herzen, sondern die geschlossene autarke Volkswirtschaft, in der die Stadt sein Brot für jeden Preis essen muß«. (Ebd.: 117)
Es besteht kein Zweifel, dass Geiger die NSDAP bekämpfte und sie – aus eher sozialdemokratischer Perspektive, die ein nüchternes pragmatisches Verhältnis zur Politik einschloss – als Bedrohung wahrnahm. Was er jedoch als Gefahren identifiziert, liegt weit von dem ab, was später den herrschenden Nationalsozialismus kennzeichnete.
Geht man davon aus, dass Geiger zu den eher kritischen und widerstandsfähigen Intellektuellen der Weimarer Republik gehörte, stellt sich bereits ein Eindruck dafür her, wie hilflos diese der triumphierenden Bewegung gegenüberstanden. Geiger erkennt, dass die NS-Bewegung in der Lage ist, ganz unterschiedliche Interessen und Traditionen über Symbole und Demagogie zu einer scheinbaren Einheit mit großer Durchsetzungskraft zusammenzuführen. Seine Kritik jedoch richtet sich auf ihre Verlogenheit, ihre Äußerlichkeit und damit ihre vermutete Instabilität. Stellenweise wirkt Geigers Kritik wie die damaliger linker Sozialdemokraten an ihrer SPD. 43Das terroristische Potenzial der NS-Bewegung nimmt Geiger nicht einmal im Ansatz wahr.
Geiger ist insofern noch dem marxistischen Paradigma verpflichtet, als er die Politik als Kampffeld objektiver ökonomischer Interessen sieht, die sich früher oder später gegen alle Demagogie durchsetzen würden. Er beobachtet anhand der Auseinandersetzungen zu den Präsidentschaftswahlen von 1932, dass die NSDAP ihre Versammlungen nicht nach Wohnbezirken, sondern nach Berufsgruppen getrennt abhielt – was zur Segmentierung der Wählerschaft und zur Taktik der getrennten Ansprachen passt. Aus Geigers Perspektive verweist diese Strategie, die später als zentral für den Nationalsozialismus angesehen wurde, eher auf kurzfristige, nur durch Täuschung erreichte Erfolge, die, wie er glaubte, später enttäuscht werden müssten. Die Dynamik der Radikalisierung auf der Basis symbolischer Kopplungen unterschätzt Geiger – so wie er – nicht als Einziger – den Antisemitismus unterschätzt und ihn kaum thematisiert.
In wesentlichen Elementen zeigt gerade dieser Text, der die NSDAP kritisieren sollte und seinem Autor auch deren Feindschaft eintrug, die Punkte, an denen Geiger selbst nicht immun ist. Überzeugend wirkt auf ihn eine idealistische und auf ehrlichen Enthusiasmus eingestimmte starke Moralität, die zur genuinen Tradition der Jugendbewegung gehöre. Vor allem in der akademischen Jugend glaubt Geiger einen gesunden Kern der NS-Bewegung sehen zu können. Diese Einstellung beinhaltet auch eine gewisse Offenheit für eine biologische Betrachtung der Gesellschaft, wenn auch nicht im Sinne einer Rassenbiologie, sondern im Sinne eines fließenden Übergangs zwischen Sozialpolitik und Biologie.
Geigers eigene eugenische Ideen standen in einer sozialdemokratischen Tradition der sozialdarwinistischen Eugenik, und sie waren mit nationalsozialistischen Strategien keineswegs unvereinbar (Schwartz 1994, 1995; Geiger 1934, 1933). Im Unterschied zu liberalen und rechtsextremen Eugenikern gingen die sozialdemokratischen davon aus, dass die hierarchische Sozialstruktur nicht unmittelbar biologische Qualität abbilde. Erst die Herstellung gleicher und menschenwürdiger Lebensbedingungen könne eine natürliche biologische Auslese ermöglichen, erst dann könne die soziale Hierarchie als gerechte biologische verstanden und zugleich der fortschreitenden »Entartung« des Volkes entgegengewirkt wer44den. Zudem sei nicht das Proletariat biologisch minderwertig, zumindest nicht das ganze, sondern vor allem das »Lumpenproletariat«, das sich zudem ungehemmt vermehre. Ihm gegenüber seien eugenische Maßnahmen bis hin zur freiwilligen oder unfreiwilligen Sterilisation geboten. Geiger unterschied scharf zwischen »Sozialpolitik«, zu der Eugenik gehöre, und »Wohlfahrtspolitik«, die unterstütze, dass sich die Minderwertigen maßlos fortpflanzten. Die Position Geigers wurde von anderen SPD-Mitgliedern eher noch radikaler vertreten, etwa von Alfred Grotjahn, Oda Olberg oder Antonie Pfülf (Schwartz 1994: 555-563; Olberg 1926, Müller 1930). Den Schritt zur Forderung nach Euthanasie, die sonst in der medizinischen Welt geläufig war, tat vor 1933 keiner von ihnen.
Auch hier ist eine spezifische zeittypische Blindheit für das, was sich anbahnte, erkennbar – ähnlich wie im Fall des Antisemitismus. Die Nationalsozialisten waren nur aggressiver und radikaler als die seriöse Mitte. Die prinzipielle Nähe in diesem Punkt setzte Geiger nicht in die Gunst der Nationalsozialisten und machte seine Flucht 1933 nicht überflüssig.
Gerade weil Geiger Gegner des Nationalsozialismus war und er einen höchst hellsichtigen Exkurs zu der 1930 stark anschwellenden Bewegung geschrieben hatte, gerade weil die Sozialstruktur von 1932 eine so solide und für die damalige Zeit insgesamt höchst innovative Analyse war, macht er die Hilflosigkeit der republikanisch gesinnten Intellektuellen anschaulich. Das Buch bietet eine soziologische Analyse der Sozialstrukturen aufbauend auf einem Begriff von schichtbildenden Interessen als Gegenstand rationaler und potenziell erfolgreicher Politik. Es ist geprägt von Geigers aus seiner Jugendzeit übernommener politischen Haltung, die auf eine idealistische Orientierung und auf subjektive Ehrlichkeit als grundlegende Werte setzt. Die NS-Bewegung musste aus dieser Perspektive als Verblendungszusammenhang wahrgenommen werden, hinter dem im schlechten Fall Unklugheit, im besonders schlechten Fall ehrlicher Enthusiasmus steckte. Die nach 1945 weitverbreitete Formel, der Nationalsozialismus habe die Jugend von 1930 ›missbraucht‹, erscheint hier bereits angelegt zu sein.
Immerhin erreichten nur wenige Studien die empirische Präzision Geigers. Mindestens in gleicher Differenziertheit und gleichermaßen ausgelöst durch den Anstieg der nationalsozialistischen Stimmen analysierte Rudolf Heberle die Wahlergebnisse der Land45
