Spagat ins Glück - Constance Ohms - E-Book

Spagat ins Glück E-Book

Constance Ohms

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Beschreibung

Sie vollbringen einen Spagat zwischen Familie und dem eigenen Glück. Zwölf Lesben und Schwule mit Migrationsbiografie erzählen. Verheimlichen und verleugnen – für viele Lesben und Schwule mit einem Migrationshintergrund eine notwendige Überlebensstrategie. Zerrissen zwischen den Erwartungen und Vorstellungen ihrer Herkunftsfamilien und ihren eigenen Wünschen und Bedürfnissen versuchen sie, ihr Leben in dieser Gesellschaft zu gestalten. Sie erfahren dabei Ausländerfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus und Sexismus; ihre Familien und ihre Gemeinschaften bieten Schutz und stärken ihr Selbstverständnis. Zugleich ist Homosexualität dort oftmals stark tabuisiert; die eigene – abweichende – sexuelle Orientierung offenzulegen, kann zum Ausschluss aus der Familie und den Diaspora-Gemeinschaften führen. Lesben und Schwule erzählen von ihrer Liebe zu ihren Familien, von ihrer Zerrissenheit und ihrem Umgang mit dem Tabu.

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Seitenzahl: 222

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Lesben und Schwule mit Migrationsbiografie

In Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung, Broken Rainbow, der Hannchen-Mehrzweck-Stiftung sowie Dreilinden gGmbH

© Querverlag GmbH, Berlin 2014

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schrift­liche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlag und grafische Realisierung von Sergio Vitale

ISBN 978-3-89656-569-3

Bitte fordern Sie unser Gesamtverzeichnis an:

Querverlag GmbH

Akazienstraße 25, 10823 Berlin

www.querverlag.de

Vorwort

Dem Thema „Lesben, Schwule, Migration“ gehen drei zentrale Fragen voraus, mit denen man sich auseinandersetzen muss, um die Besonderheiten der Lebenslagen von migrantischen Homosexuellen nachvollziehen zu können: (1) Welche Bedeutung hat der Umstand der Migration für die Biografie eines Menschen?, (2) Was heißt es eigentlich, sich in eine Gesellschaft zu integrieren?, und schließlich (3) Was haben die Themen Migration und Integration mit Lesben und Schwulen zu tun? Mit diesen Fragen möchte ich mich hier im Vorwort und den nachfolgenden Kapiteln auseinandersetzen.

Jeder fünfte Bürger Deutschlands hat einen sogenannten Migrationshintergrund, gut ein Drittel von ihnen ist hier geboren1. Der Anteil von Menschen mit einer Migrationsbiografie wird zunehmen, denn schon jetzt stammt etwas mehr als jedes dritte Kind unter fünf Jahren aus einer Migrantenfamilie. Deutschland ist ein Einwanderungsland. Punktum. Das ließe sich auch dann nicht ändern, wenn „deutsche“ Frauen – jetzt einmal unabhängig davon, wer das eigentlich ist – mehr Kinder bekämen. Dieses „Gebär-Rennen“ haben die deutschen Frauen verloren. Offenbar lassen sie sich auch nicht durch verschiedene politische Maßnahmen wie das Elterngeld dazu bewegen, mehr Kinder zu bekommen. Die derzeitigen bevölkerungspolitischen Ansätze zeigen vor allem eins: Die deutsche Regierung legt ihren Schwerpunkt eher auf die Bestandserhaltung der Deutschen, als dass sie Deutschland als Einwanderungsland gestaltet.

Es gibt verschiedene Strömungen lesbisch-schwuler Emanzipationsbewegungen, von links-autonom bis bürgerlich. An politischem Einfluss gewonnen haben letztlich nur diejenigen, die der bürgerlichen Mitte zugeordnet werden können. Deren Akteure teilen die Einstellungen und Werte der Bürgerlichkeit. Zugleich müssen sie jedoch erleben, dass die bürgerliche Mitte nicht gewillt ist, die letzte Bastion ihrer heteronormativen Bürgerlichkeit aufzugeben: die Ehe und die mit ihr verbundenen Privilegien. Derzeitig auszumachende Konflikte zwischen bürgerlichen Homosexuellen und bürgerlichen Heterosexuellen ranken daher um die Öffnung der Ehe und ein umfassendes Adoptionsrecht. Geeint sind Homos und Heteros allerdings bei den Themen Zuwanderung und Integration.

Viele in Deutschland lebende Menschen, auch Lesben und Schwule, stehen der zunehmenden Einwanderung ambivalent gegenüber: Eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung2 zeigt, dass die gesellschaftliche Akzeptanz für Zuwanderung gestiegen ist; auch sind immer mehr Menschen davon überzeugt, dass es eine aktive Integrationspolitik geben muss. Man nähert sich also der Tatsache, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Eine ebenfalls aktuelle Studie der Universität Leipzig3 bestätigt dieses Ergebnis indirekt, denn die Forscher_innen stellen eine Abnahme allgemeiner rechtsextremer Einstellungen fest. Die Untersuchung zeigt aber auch, dass Ressentiments gegenüber bestimmten gesellschaftlichen Gruppen im Vergleich zu den Vorjahren zugenommen und sogar einen Höchststand erreicht haben. Statt einfach alle „Ausländer“ „blöd“ zu finden, beschränkt man sich jetzt offenbar auf einzelne Gruppen, und das dafür umso deutlicher: Die starken Vorbehalte richten sich vor allem gegen Muslime, Roma und Sinti und Asylbewerber: Über die Hälfte der 2.500 Befragten ist zum Beispiel der Meinung, dass Sinti und Roma zu Kriminalität neigten, und mehr als die Hälfte von ihnen hat auch ein Problem damit, wenn sich in ihrer Umgebung Roma und Sinti aufhalten. Und 43 Prozent fühlen sich wegen der „vielen“ Muslime manchmal fremd im eigenen Land. Schließlich sind 76 Prozent der Befragten der Auffassung, dass Asylanträge nicht großzügig geprüft werden sollten. Letzteres unterstützt natürlich politische Bestrebungen, das Asylgesetz zu überarbeiten (d.h. verschärfen) und einige Balkanstaaten von der Liste der asylberechtigten Länder zu streichen. Die Politik hat hier leichtes Spiel. Diese Zahlen sind aber auch wichtig, weil sie verdeutlichen, dass sich die „gruppenspezifische Menschenfeindlichkeit“ – so nennt der Soziologe Wilhelm Heitmeyer das – in der gesellschaftlichen Mitte stabil etabliert hat.

Mit der zunehmenden gruppenspezifischen Menschenfeindlichkeit einerseits, genauer gesagt, der zunehmenden Fremdenfeindlichkeit, und der wachsenden Einwanderung andererseits entsteht ein brisantes gesellschaftliches Spannungsfeld: Dieses entlädt sich zwar auch in der Zunahme fremdenfeindlicher Gewalttaten, die man eher organisierten, wenig gebildeten, rechten Holzköpfen zuordnen kann. Aber es gibt auch pseudo-intellektuelle Entladungen aus der bürgerlichen Mitte wie beispielsweise die Publikationen von Thilo Sarrazin oder Akif Pirinçci. Darin wird über „Kopftuchmädchen“, den Islam, Schwule und Lesben, Frauenemanzipation usw. räsoniert und schließlich befürchtet, dass Deutschland „sich abschafft“. Und ich frage mich ständig, was für ein Deutschland sie eigentlich meinen?

Auch neue Parteien wie die AfD (Alternative für Deutschland) schlagen in dieselbe Kerbe, wenn sie feststellen, dass Deutschland „zu wenig Kinder hat“, und den „Schutz der Familie als Keimzelle der Gesellschaft“ proklamiert. Gemeint sind deutsche Kinder, die Ausländer bekommen ja eh viel zu viele. Und die deutschen Frauen befinden sich ja im „Gebärstreik“. In den politischen Leitlinien der AfD wird auch deutlich, dass mit „Familie“ die Ehe zwischen Mann und Frau gemeint ist. Nichts anderes. Die AfD fordert das Asylrecht für „ernsthaft politisch Verfolgte“ und eine Zuwanderungslenkung nach dem Vorbild Kanadas. Migranten würden dabei nicht nach Deutschland auswandern, sondern in das deutsche Sozialsystem. Der AfD-Politiker Bernd Lucke bezeichnet Menschen, die ohne Deutschkenntnisse und ohne Bildung nach Deutschland kommen, auch schon einmal als „sozialen Bodensatz, der ein Leben lang in unserem Sozialsystem verharrt.“4 Und was bedeutet eigentlich, „ernsthaft politisch Verfolgte“? Die Verfolgung wegen Homosexualität als Asylgrund fällt höchstwahrscheinlich nicht darunter. Auch möchte ich daran erinnern, dass Bodensatz meist im Müll entsorgt wird. Das ist Rechtspopulismus in Reinform. Und doch schafft es die AfD, sich als „liberale“ Partei der bürgerlichen Mitte zu verkaufen. Sozusagen als Nachfolgerin der FDP. Das funktioniert nur deshalb, weil die Repräsentanten dieser Partei tatsächlich aus der bürgerlichen „Mitte“ stammen.

Zugleich suchen immer mehr Menschen Asyl in Deutschland. Der Präsident des Bundesamts für Migration, Manfred Schmidt, berichtet, dass 2013 insgesamt 127.000 Erst- und Folgeanträge für Asyl gestellt worden sind; für 2014 rechnet er mit etwa 200.000 Anträgen.

Ich wiederhole: Deutschland ist ein Einwanderungsland. Deutschland verändert sich. Immer. Stetig. Veränderungen müssen nicht immer negativ sein, was sich unter anderem an Frauen- und Homorechten zeigt. Eine bedeutsame Veränderung gegenüber den fünfziger und sechziger Jahren ist, dass Ehefrauen seit Mitte der siebziger Jahre ohne Einwilligung ihres Mannes arbeiten gehen können. Jüngere Frauen werden hier ungläubig den Kopf schütteln. Aber ja, es ist noch nicht allzu lange her, da war die Ehefrau vom Gutdünken ihres Ehemannes abhängig; wenn er nicht wollte, dass sie arbeiten geht, konnte er es ihr verbieten und sogar einen bestehenden Arbeitsvertrag kündigen. So war das bis 1977, erst dann wurde das Eherecht modernisiert. Eine weitere historisch bedeutsame Veränderung war, dass die Weltgesundheitsorganisation WHO 1992 Homosexualität nicht länger als Krankheit erachtet und aus dem ICD5 genommen hat. Auch das hat Deutschland sehr verändert. Und zwar zum Guten. Lesben und Schwule sind nicht nur Akteure, sondern auch Objekte einer gesellschaftlichen Veränderung; der Weg geht von einer Kriminalisierung und Pathologisierung hin zu einer gesellschaftlichen Akzeptanz einschließlich einer rechtlichen Gleichstellung mit heterosexuellen Lebensweisen.

Lesben und Schwule sind handelnde Subjekte im gesellschaftlichen Veränderungsprozess, d.h., auch wir können und müssen diesen tragen, begleiten und gestalten. Viele Lesben und Schwule befürchten, dass durch die Zuwanderung von Menschen aus Ländern, in denen Homosexualität rechtlich und sozial verfolgt wird, auch in Deutschland die Homophobie zunehmen und deren Akzeptanz als gleichberechtigte Lebensweise abnehmen könnte. Ich teile diese Sorge, sehe sie aber nicht in der Migration an sich verortet, sondern in der Funktionsweise von Diaspora-Gemeinschaften, die Homosexualität als Merkmal der Abgrenzung zur aufnehmenden Gesellschaft sehen – und damit als Aufgabe von Integration. Wird zudem die Auseinandersetzung mit Zuwanderung auf eine bestimmte Religion verengt, führt das dazu, nur noch über die „Rückständigkeit“ des Islam zu reden anstatt von kultureller Vielfalt, Migration und Integration. Ich halte diese Art der Religionsdebatte für wenig hilfreich, denn wenn über Religion gesprochen werden sollte, dann erstens vor allem über deren fundamentalistische Auslegungen und zweitens über die Trennung von Staat und Kirche. In vielen osteuropäischen Ländern sowie in Russland haben die orthodoxen Kirchen einen sehr großen Einfluss auf die gesellschaftliche Wertebildung und auf staatliches Handeln. Dasselbe trifft natürlich auch auf Länder zu, in denen der islamische Glaube die vorherrschende Religion und so gut wie keine Trennung von Kirche und Staat vorhanden ist.

In Deutschland gibt es ebenfalls keine hinreichende Trennung von Staat und Kirche. Der Staat zieht die Kirchensteuer ein. Eigentlich ist das keine Steuer, sondern ein Mitgliedsbeitrag, den die Kirchen selbst von ihren Mitgliedern einfordern sollten. Von den derzeit 631 Abgeordneten gehören nur 26 keiner Konfession an, lediglich drei bezeichnen sich als Atheisten. Einige Bundestagsabgeordnete sind zugleich kirchliche Funktionäre, so zum Beispiel die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckhardt, Günther Beckstein von der CSU, Hermann Gröhe von der CDU, Otto Fricke von der FDP usw. Andere Abgeordnete wie der Fraktionsvorsitzende der CDU Volker Kauder stehen sogar den Evangelikalen nahe. Damit haben die Kirchen einen direkten Einfluss auf die Politik dieses Landes.

In jeder Religion, und ich meine wirklich, in jeder Religion gibt es fundamentalistische Ausprägungen wie Evangelikale und Salafisten. Die Rückwärtsgewandtheit dieser Gruppierungen und deren Skrupellosigkeit stellen eine große Gefahr dar, schließlich gehen sie über Leichen.

Insgesamt ist es doch so, dass „wir“ erst einmal vor der eigenen Haustür kehren sollten, schließlich gibt es noch hinreichend Homophobie „deutscher“ Bürger und Bürgerinnen: Ein überaus eindrückliches Beispiel dafür bietet der Bund katholischer Ärzte in einer Stellungnahme zu Homosexualität vom Oktober 20136: Demnach birgt Homosexualität die Gefahr von „sittlichem Fehlverhalten“, Homosexualität sei „sittlich nicht erlaubt“, es sei eine „unnatürliche sexuelle Praktik“, man „verführe andere“, sie führe zu „Geschlechtskrankheiten“ und zu einer „höheren Suizidneigung“. Religiös verbrämte Therapeuten wie Christl R. Vonholdt vom „Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft“7 und Markus Hoffmann von der christlichen Organisation „Wüstenstrom“, ein ideologischer Ableger der US-amerikanischen Sekte „Living Waters“, bieten Homosexuellen, die vermeintliche Probleme mit ihrer Homosexualität haben (also nicht mit dem Umgang anderer damit) an, sie umzupolen zu Heterosexualität. Derartige „reparative Maßnahmen“ lehnt die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie entschieden ab (Stellungnahme vom Juli 2013). Das hält die beiden Quacksalber aber nicht davon ab, diese Art der Therapie anzubieten. Da bleibt nur noch, den Kopf vor lauter Erstaunen und Entsetzen zu schütteln – und sich zu fragen, wo die Leute ihre Approbation herhaben. Und wieso christlich-fundamentalistische Organisationen wie die „Offensive Junger Christen“ den Bundesfreiwilligendienst und das Freiwillige Soziale Jahr anbieten dürfen und dafür auch staatliche Gelder erhalten.

Angesichts dieser Tatsachen muss man sich schon überlegen, ob es statthaft ist, Migranten in einem Einbürgerungstest zu fragen, wie sie zu Homosexualität stehen. Das war beispielsweise in Baden-Württemberg der Fall. Auch wenn das derzeit nicht länger praktiziert wird, wird diese Forderung immer wieder aus der Schublade gezogen: Nämlich dann, wenn es für Dritte von Vorteil ist, verschiedene gesellschaftliche Gruppen gegeneinander auszuspielen. Es bleibt die Frage: Wie statthaft ist es eigentlich, von Migrant_innen etwas einzufordern, was Teile der hiesigen Bevölkerung nicht erfüllen?

Auch muss man sich fragen, ob es für uns Lesben und Schwule akzeptabel ist, dafür herzuhalten, die vermeintliche Toleranz von Zuwander_innen und Fremden zu hinterfragen. Mit so einer „Gesinnungsfrage“ wird den Zuwanderern unterstellt, dass sie selbst nicht homosexuell sind und selbstverständlich auch etwas gegen Homosexuelle haben. Sonst hätte man niemals diese Frage aufgenommen. Und Homosexuellen wiederum wird unterstellt, dass sie durch ihre normabweichende Lebensweise die Toleranz von Migrant_innen besonders herausfordern. Und genau diese Gegenüberstellung von einerseits Homosexuellen und andererseits Migrant_innen wird in vielen lesbisch-schwulen Communitys fortgeschrieben – sofern dieses Thema dort überhaupt Gehör findet.

Es gibt aber gute Gründe, sich mit dem Thema Migration auch aus lesbisch-schwuler Sicht auseinanderzusetzen. Die Art und Weise, wie das Thema Homosexuelle und Migration innerhalb der lesbischen und schwulen Communitys aufgegriffen wird, beleuchte ich ebenfalls, und zwar im Kapitel: „Gründe, sich mit Migration zu befassen“. Zuvor jedoch werde ich drei gesellschaftspolitische Ansätze im Umgang mit Vielfalt skizzieren: Managing Diversity, Integration und Inklusion. Diese Ansätze sind wegweisend dafür, gesellschaftliche Gruppen nicht länger gegeneinander auszuspielen, sondern stattdessen diskriminierungsfreie Räume zu schaffen, in denen jede_r seine/ihre Persönlichkeit frei entfalten kann.

Dazu ist es notwendig, sich „den Fremden“ und „die Fremde“ vertraut zu machen. Zentrales Element dieses Buches sind die Erzählungen der Lesben und Schwulen mit einer Migrationsbiografie. Die Erzählungen eröffnen einen Blick in ihre Lebenswelten und die sie prägenden Spannungsverhältnisse. In der Alltagssprache hat sich der Begriff „Migrationshintergrund“ etabliert. Ich halte den Begriff zumindest hinsichtlich meiner Absicht, die Lebenswelten der Erzählenden dem/der Leser_in näher zu bringen, für nicht geeignet, denn ich gehe davon aus, dass der Umstand der Migration deren Leben prägt, d.h. ein bedeutsamer Aspekt ihrer Biografie ist. Dennoch nutze ich auch den Begriff „Migrationshintergrund“, allerdings meist aus stilistischen Gründen.

Lesben und Schwule haben gute Gründe, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen; auf diese gehe ich im entsprechenden Kapitel näher ein. Das, worüber ich im Besonderen reflektiert habe, findet sich dann im Kapitel „Reflexion der Gespräche“. Meine Betrachtungen sind durch den Dialog mit anderen Lesben und Schwulen mit Migrationsbiografie, aber auch solchen, die einen geschärften kritischen und intersektionalen Blick auf das Thema haben, genährt, und ich wünsche mir, durch die Veröffentlichungen der Gespräche zum Nachdenken anzuregen.

Abschließend noch einige Bemerkungen zu der von mir verwendeten Schreibweise und einem Adjektiv, mit denen ich Menschen, die über Generationen in einem Land verwurzelt sind, beschreibe: Ich nutze den Unterstrich (zum Beispiel Migrant_innen), um damit das Kontinuum zwischen den Geschlechtsidentitäten weiblich und männlich auch sinnbildlich darzustellen. Um Menschen näher zu beschreiben, die über Generationen in einem Land verwurzelt sind, benutze ich den Begriff „autochthon“. Andere Begriffe wie „einheimisch“ oder „beheimatet“ sind aus meiner Sicht schwierig: Heimat ist unter anderem nach dem Soziologen Georg Simmel konstituierend für eine Gruppenidentität, wobei die Gruppe dieselben kulturellen Werte, Einstellungen und auch denselben geografischen Raum teilt. Heimat steht im Gegensatz zur Fremde. Allerdings ist es doch so, dass sich einige Einheimische in der Heimat fremd fühlen, weil sie deren Werte nicht teilen (zum Beispiel Juden in Deutschland), oder aber vermeintliche Fremde sich in diesem geografischen Raum beheimatet fühlen. Auch können Einheimische sich woanders beheimatet fühlen, „fremde Heimat“, beispielsweise deutsche Juden in Israel. Oft ist der Begriff Heimat auch mit einer Abstammungstheorie von „Blut und Boden“ verknüpft, was die Nationalsozialisten dann nutzten, um ihre „Rassenideologie“ zu belegen und Millionen von Menschen zu vernichten. Die Adjektive „autochthon“ zur Beschreibung der einheimischen Bevölkerung und der Gegensatz, „allochthon“, zur Beschreibung von Menschen fremder Herkunft, nämlich Wanderer, Migranten. Die Adjektive stammen aus dem Griechischen und werden vor allem in der Ethnologie benutzt, um eine Bevölkerung, die ursprünglich angesiedelt war, von derjenigen zu unterscheiden, die durch politisch-historische Prozesse heimisch geworden sind, beispielsweise Zuwanderer_innen. Da Migrant_innen in eine Gesellschaft migrieren, ist es natürlich notwendig, danach zu schauen, wie Gesellschaft angesichts der Vielfalt gestaltet werden kann. Im nachfolgenden Kapitel gehe ich daher auf vier unterschiedliche Blickweisen und Gestaltungsmöglichkeiten ein.

Constance Ohms

Diversität, Intersektionalität, Integration und Inklusion

Ich begreife Lesben und Schwule als Akteure der Geschichte, als handelnde Menschen, die für ihre Rechte und ihre gesellschaftliche Akzeptanz eintreten. Menschen, die durch ihre Sichtbarkeit zwar verletzbar sind, aber nur dadurch eine gesellschaftliche Veränderung vorantreiben können. Den lesbisch-schwulen Emanzipationsbewegungen ist eine zentrale gesellschaftliche Veränderung zu Hilfe gekommen: Vor allem in nord- und westeuropäischen Ländern haben sich die familiären Gefüge verändert hin zu einer Betonung des_der Einzelnen. Soziologen wie Anthony Giddens und Ulrich Beck bezeichnen diesen gesellschaftlichen Prozess als „Individualisierung“. Mit diesem gehe auch eine Pluralisierung der Lebensstile einher und Identitäts- und Sinnstiftung seien nunmehr individuelle Leistungen. Man muss sich also selbst um den Sinn des Lebens kümmern. Rückt der_die Einzelne in den Fokus des Interesses, rücken damit auch seine Bedürfnisse und Besonderheiten ins Zentrum. Der Blick auf den_die Einzelne_n führt schließlich zu der Frage: Was ist notwendig, um ihr_ihm eine gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft zu ermöglichen?

Der Blick auf das Individuum beförderte verschiedene Konzepte, die sich mit der gleichberechtigten Teilhabe an gesellschaftlichen Möglichkeiten befassen, Managing Diversity (heute: Diversität/Vielfalt), Intersektionalität, Integration und Inklusion.

Bei Diversity geht es vor allem darum, die Verschiedenheit von Menschen sichtbar zu machen und daraus arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitische Maßnahmen abzuleiten, die eine diskriminierungsfreie und gleichberechtigte Teilhabe ermöglichen. Es wurden verschiedene gesellschaftlich marginalisierte Gruppen definiert, zum Beispiel Frauen, Lesben und Schwule, Menschen mit Behinderungen, Migrant_innen, junge und alte Menschen. Mittels zahlreicher Instrumente und Strategien sollte die Akzeptanz von Vielfalt gestärkt und so die gleichberechtigte Teilhabe aller sozialen Gruppen befördert werden: Es wurden Diversity Chartas für Unternehmen entwickelt, familienfreundliche Unternehmen zertifiziert, anonymisierte Bewerbungen gefördert usw. Diese Beispiele weisen schon darauf hin, dass sich die meisten Diversity-Maßnahmen auf die Arbeitswelt beziehen. Dem liegt der Gedanke zugrunde, dass Menschen bzw. Organisationen nur dann etwas verändern, wenn sie davon wirtschaftliche Vorteile erwarten können; es geht also um Vielfalt in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung. In großen Unternehmen wie der Deutschen Bank, der Telekom AG, der Commerzbank, der Deutschen Bahn, aber auch an vielen Universitäten usw. ist Diversity inzwischen nahezu eine Selbstverständlichkeit. Es wurden Diversity-Abteilungen eingerichtet, und es haben sich Diversity-Gruppen gebildet. Allerdings sind diese Gruppen in der Regel homogen, d.h. es gibt firmeninterne Gruppen für Frauen, Homosexuelle, Migrant_innen usw. Vielfalt wird letztlich doch wieder in die verschiedenen Diskriminierungsgruppen gesplittet, und so kommt es eher zu einem Nebeneinander als zu einem Miteinander der verschiedenen Diversity-Gruppen; der Querschnitt fehlt. Eine migrantische, lesbische Frau mit Behinderung müsste an wenigstens vier Gruppen teilnehmen, wollte sie ganzheitlich wahrgenommen werden.

Mit der Sichtweise der Intersektionalität wird die Zuordnung einzelner Menschen zu einer bestimmten Gruppe hinterfragt. Die meisten Menschen bewegen sich in unterschiedlichen gesellschaftlichen Zusammenhängen und können einmal einer bevorzugten Gruppe und ein andermal einer benachteiligten Gruppe angehören. Insofern kann jemand ein heterosexueller Mann, aber auch Migrant und behindert sein. Besonders problematisch wird es dann, wenn jemand mehreren gesellschaftlich benachteiligten Gruppen angehört, zum Beispiel Frau, Migrantin, behindert und lesbisch. Hier muss gefragt werden, wie die Erfahrung unterschiedlicher Ausgrenzungen auf den_die Einzelne_n einwirkt und die Wahrnehmung dessen das Verhalten und das soziale Gefüge beeinflusst. Oder ob die Zugehörigkeit zu einer privilegierten sozialen Gruppe die gleichzeitige Angehörigkeit zu einer diskriminierten Gruppe in irgendeiner Art und Weise beeinflusst oder gar kompensiert. Verstärkende oder abmildernde Dynamiken sind meines Wissens bis dato noch nicht erforscht.

In der Praxis ist es für von Diskriminierung betroffene Menschen schwierig herauszufiltern, aufgrund welchen Merkmals sie benachteiligt, belästigt oder attackiert worden sind: Als Lesbe, als Frau oder als Migrantin? Eine eindeutige Zuordnung kann aber von Bedeutung sein, beispielsweise dann, wenn eine Klage nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (2006) erwogen wird. Letztlich muss allerdings gefragt werden, wie sinnvoll es ist, den exakten Diskriminierungstatbestand zu definieren, wenn die betroffene Person verschiedenen Diskriminierungsfaktoren ausgesetzt ist; zumal deren komplexe Wirkungsweisen bis jetzt nicht hinreichend dargestellt werden können. Diskriminierungen wirken in der Regel in ihrer Gesamtheit und nicht einzeln. Und genau deshalb ist es notwendig, die Verflechtungen unterschiedlicher Ausgrenzungsfaktoren aufzuzeigen, schließlich betreffen sie ein und dieselbe Person.

Hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Menschen vielfältig sind und daher auch in ihren individuellen Besonderheiten wahrgenommen werden müssen, geht es dann darum, deren gleichberechtigte Teilhabe an gesellschaftlichen Ressourcen zu gewährleisten. Das geschieht derzeit mittels zweier Konzepte: der Integration und der Inklusion.

Das gegenwärtig politisch stark geförderte Konzept der Inklusion betrachtet das Individuum und betont dessen gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe unter Einbezug seiner Verschiedenheit wie Alter, Geschlecht, sozialer oder ethnischer Herkunft, individuellen Fähigkeiten usw. Inklusion ist stark praxisorientiert, weshalb immer wieder debattiert wird, ob es sich dabei um eine (pädagogische) Methode oder eher um eine Ideologie handelt.

Dem gegenüber zielt Integration darauf ab, ausgeschlossene Bevölkerungsgruppen in bereits Bestehendes zu integrieren, d.h. es werden Maßnahmen entwickelt und durchgeführt, die es den Menschen (zum Beispiel Behinderte und Migrant_innen) ermöglichen sollen, an der Gesellschaft teilzuhaben. Dabei kann es sich beispielsweise um Sprachkurse für Migrant_innen oder Dolmetscher für Beratungsangebote handeln. Im Blick steht die betreffende Person.

Inklusion wiederum zielt eher auf die Veränderung von Strukturen ab, um den Bedürfnissen des_der Einzelnen gerecht zu werden, d.h. zum Beispiel die gesetzliche Verpflichtung von Unternehmen, Menschen mit Behinderungen einzustellen, die Bereitstellung eines „persönlichen Budgets“ für Menschen mit Behinderungen, ein höherer Betreuungsschlüssel für Schüler_innen mit Behinderungen an Regelschulen usw. Seltsamerweise beschränkt sich das Konzept der Inklusion derzeit nur auf Menschen mit Behinderung. Es könnte allerdings, würde es verallgemeinert werden, eine ungeheure Wirkmächtigkeit entfalten. Dem ist aber (noch) nicht so.

Integration und Inklusion sind also zwei unterschiedliche gesellschaftspolitische Konzepte, wobei es bei Integration vor allem darum geht, dass sich bestimmte Menschen in eine vorgegebene Gesellschaft integrieren sollen oder müssen, während bei Inklusion diese „Bringschuld“ nicht eingefordert wird, sondern eine Art „Holschuld“ konzipiert wird, indem darauf geschaut wird, wie Strukturen verändert werden müssen, damit Menschen in ihrer Einzigartigkeit an der Gesellschaft teilnehmen können.

Inklusion führt nicht dazu, zentrale Werte dieser Gesellschaft infrage zu stellen; diese sind im Grundgesetz verankert und gelten für alle Menschen gleich: die Demokratie als Gesellschaftsform, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, Rede- und Meinungsfreiheit, das Recht auf Bildung usw. Und genau darum geht es: Welche Strukturen sind notwendig, damit diese Rechte jedem_jeder Einzelnen zugänglich sind? Inklusion handelt nicht vom Scheitern des_der Einzelnen, sondern vom Scheitern der Strukturen.

Mein besonderes Interesse gilt allerdings den Schnittstellen verschiedener Ausgrenzungsfaktoren und der Frage, wie diese sich auf die Lebenswelten und -erfahrungen einzelner Personen auswirken. Ich denke, dass man über eine Betrachtung der Schnittstellen Rückschlüsse auf die Defizite in den Strukturen ziehen kann. Der Betrachtung der Schnittstellen liegt ein ganzheitlicher Blick auf das Individuum zugrunde, von Bedeutung sind alle Facetten seines_ihres Seins. Und doch muss man kategorisieren, d.h., sich dessen gewahr sein, dass Ausgrenzungsfaktoren nicht nur einen einzigen Menschen betreffen, sondern viele Menschen, die dasselbe Merkmal aufweisen; sie unterliegen folglich einer gewissen Verallgemeinerung: Die Notwendigkeit der Verallgemeinerung führt auch zu der Erkenntnis, dass beispielsweise Fremdenfeindlichkeit nicht notwendigerweise auf eine bestimmte Person bezogen, sondern ein weit verbreitetes Phänomen ist – und letztlich auch Menschen treffen kann, die „ausländisch“ aussehen. Dasselbe gilt selbstverständlich auch für Homosexuellenfeindlichkeit; sie kann Menschen treffen, die irgendwie „homosexuell“ aussehen, es aber nicht notwendigerweise sind.

In der Gesellschaft gibt es verschiedene „Räume“, damit meine ich zum Beispiel die lesbisch-schwule Community. Natürlich stellt sich auch hier die Frage, wie diese der Mehrdimensionalität menschlichen Seins Rechnung trägt; wie also eine gleichberechtigte Teilhabe an Community-Ressourcen für migrantische Lesben und Schwule her- und sichergestellt werden kann. Ich gehe davon aus, dass sich die Strukturen der Communitys ändern müssen, um der Vielfalt Raum zu geben. Dabei gehe ich davon aus, dass die derzeitigen spezifischen subkulturellen Angebote für migrantische Lesben und Schwule dem nicht hinreichend Rechnung tragen, da sie nicht strukturell verankert sind. Sprich, wir müssen viel mehr bewegen. Meine Ausführungen verdeutlichen, dass es mir nicht um Integration geht, sondern um Inklusion. Es ist vielleicht etwas avantgardistisch, aber es wird Zeit, Inklusion als gesamtgesellschaftspolitischen Ansatz zu begreifen und ihn nicht länger auf Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen zu begrenzen.

Gründe, sich mit Migration zu befassen

Es gibt zahlreiche gute Gründe, warum sich Lesben und Schwule für das Thema Migration interessieren sollten.

Laut ILGA International ist in 77 Ländern der Welt Homosexualität kriminalisiert, in zehn Ländern kann Homosexualität mit lebenslanger Haft oder dem Tod bestraft werden. Alle 16 Stunden wird ein_e Transgender ermordet.

1988 hatte das Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) im Falle einer lesbischen Iranerin entschieden, dass die Ablehnung ihres Asylantrags berechtigt sei, weil „das Asylrecht nicht die Aufgabe hat, möglicherweise gewandelte moralische Anschauungen in der Bundesrepublik über homosexuelles Verhalten in anderen Staaten durchzusetzen“8. Ihr sei zuzumuten, ihre sexuelle Orientierung nicht offen leben zu müssen, um einer möglichen Bestrafung (100 Peitschenhiebe, beim dritten Mal der Tod) zu entgehen. Mit dieser Rechtsprechung hatte das Gericht das Menschenrecht, seine_ihre sexuelle Orientierung offen leben zu dürfen, verneint. Aber das war noch vor dem Fall der Mauer, ist also schon etwas länger her.

Man kann sich nicht ewig der Tatsache verschließen, dass Menschen wegen ihrer Liebe zu einem Menschen des gleichen Geschlechts verfolgt und getötet werden. Daher hat der Ministerrat der Europäischen Union 2010 die Mitgliedsstaaten aufgefordert, den Flüchtlingsstatus von Menschen, die eine begründete Furcht vor Verfolgung wegen der sexuellen Ausrichtung oder der Geschlechtsidentität haben, anzuerkennen und Asyl zu gewähren. Homosexuelle werden dabei unter der Rubrik „bestimmte soziale Gruppen“ gefasst: Homosexualität könne je nach den Gegebenheiten des Herkunftslandes Grundlage der Zugehörigkeit zu einer „bestimmten sozialen Gruppe“ sein, da sie ein angeborenes Merkmal ist, welches derart bedeutsam für die Identität des_der Einzelnen ist, dass man nicht gezwungen werden sollte, darauf zu verzichten. Für die Beurteilung ist auch der Umstand heranzuziehen, ob Homosexuelle in dem Herkunftsland eine deutlich abgegrenzte Gruppe darstellen, die von der Umgebung als „andersartig“ erachtet wird. Inzwischen erkennen 23 europäische Länder die Verfolgung wegen Homosexualität an, auch Länder wie Polen und Lettland sind darunter. Drei europäische Länder haben diese Aufforderung allerdings nicht ratifiziert, nämlich das Vereinigte Königreich, Griechenland und Estland. Nur so ist zu erklären, dass im April 2014 einer lesbischen Frau aus Nigeria, die im Vereinigten Königreich Asyl beantragt hatte, die Ausweisung in ihr Herkunftsland drohte, obwohl ihre Lebensgefährtin bereits ermordet und sie zum Tode durch Steinigung verurteilt worden war. Die Krux ist, dass einige Länder immer noch als „sichere Herkunftsländer“ gelten, ungeachtet dessen, wie die tatsächliche Lage für Homosexuelle und Trans* dort aussieht.

Der Anteil von Asylsuchenden an den Zuwander_innen ist allerdings gering: Nach OECD-Angaben aus dem Jahr 2013 beträgt der Anteil von Migrant_innen an den Zuwanderern, die aus humanitären Gründen in Deutschland einen Aufenthaltstitel erhalten haben, klägliche 4,9 Prozent. Im Vereinigten Königreich sind es 9,5 Prozent, in Frankreich immerhin 13,8 Prozent.

Die Bundesregierung hat kürzlich entschieden, weitere 10.000 syrische Flüchtlinge aufzunehmen; sie hat also das Aufnahmekontingent verdoppelt. Das syrische Nachbarland Libanon hat mehr als eine Million Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen – bei 4,5 Millionen Einwohnern. Deutschland nimmt also 20.000 syrische Flüchtlinge auf, bei ca. 81 Millionen Einwohnern. Das ist ein humanitäres Desaster.

Nun wissen wir auch von schwulen Männern, die wegen ihrer Homosexualität bereits in Syrien im Gefängnis saßen und dort schwer misshandelt worden sind. Jetzt leben sie in einem Flüchtlingscamp im Libanon und werden dort vergewaltigt. Oder sie kommen bei Evangelikalen unter, die sie aufnehmen, aber auch gleich von ihrer Homosexualität befreien wollen (siehe auch: Zeit Magazin vom 30.4.2014). Eine Wahl haben diese Flüchtlinge nicht. Im Gegensatz zu vielen anderen Flüchtlingen können diese Schwulen nicht in ihr Heimatland zurückkehren, dort droht ihnen der Tod. Und dennoch gibt es hohe Hürden, die es ihnen erschweren, nach Europa zu fliehen. Manche von ihnen warten schon seit Jahren darauf, in Deutschland aufgenommen zu werden.

In nahezu allen europäischen Ländern ist die Verfolgung wegen Homosexualität nun ein Grund, den Betroffenen Asyl zu gewähren. Die Lebensbedingungen sind in vielen europäischen Ländern besser als in den riesigen Flüchtlingscamps im Libanon. Das ist unbestritten.