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Durch Zufall treffen sie aufeinander: Finja, die noch etwas orientierungslose, junge Schauspielerin aus Österreich und Carlos, der wesentlich ältere, erfolgreiche spanische Arzt. Sie haben wenig gemeinsam, aber Gegensätze ziehen sich bekanntlich an ... Und eigentlich mag Finja ihn ja anfangs gar nicht! Aber dann verliebt sie sich in sein Land ... ... Jedoch die ganz normalen, alltäglichen Lebensbedingungen im Andalusien der frühen 80-er Jahre, entpuppen sich für Finja schon bald als geradezu exotische Herausforderung ...
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Seitenzahl: 220
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Um die Privatsphäre der Personen zu schützen, wurden alle Namen geändert. Aus demselben Grund wurden Verfremdung und Maskierung angewendet. Jede Namensgleichheit oder sonstige Ähnlichkeit mit derzeit lebenden oder verstorbenen Personen, wäre daher unbeabsichtigt und rein zufällig.
La medida del amor es amor sin medida
(San Agustin)
Für C. und M.
Teil 1
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Teil 2
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Teil 3
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Finja war extra für zwei Tage nach Wien gekommen, um die Vernissage eines indischen Malers zu besuchen, dessen Werke sie nur aus einer Broschüre kannte.
In der WG ihrer Freundin Lilly, bei der sie übernachtet hatte, war die Stimmung etwas angespannt. Man diskutierte heftig, wer wann den Abwasch machen sollte und erwog eine Neugestaltung des Putzplans.
… Also war sie früher aufgebrochen, als nötig. Draußen schien die Sonne und es war für Ende August ungewöhnlich heiß.
Da sie noch viel Zeit hatte, beschloss sie, den ganzen Weg zu Fuß zu gehen. Sie genoss das ungewohnte Flair der Großstadt. Die vielen Menschen und die vielen Sinneseindrücke, die schreiend um ihre Aufmerksamkeit wetteiferten. Als sie die geschäftige Mariahilferstraße entlang ging, bemerkte sie, dass ihr ein Mann folgte. Er war nicht besonders groß. Er hatte kurze, schwarze Haare und einen Schnauzbart; und trotz der Hitze trug er lange Hosen und einen gleichfalls langärmeligen Pullover mit V-Ausschnitt. Der Pullover war ziemlich verwaschen und eine Spur zu kurz. Finja fühlte sich unangenehm berührt, da ihr dieser Mann ausgesprochen unsympathisch erschien.
»Was will denn der von mir?!«, dachte sie.
Carlos war nur für einen einzigen Tag in Wien, um ein Geschäftsprojekt mit einem befreundeten Biologen zu besprechen. Das Treffen war eher beendet, als erwartet und sein Rückflug ging erst früh am folgenden Tag.
Er kannte sonst niemanden in Wien. Eigentlich hatte er damit gerechnet, dass der Biologe ihm die Stadt zeigen würde. Der aber hatte sich vielmals entschuldigt; ein unerwarteter Termin sei dazwischengekommen.
Also verließ Carlos etwas unsicher allein das Hotel Westbahn und bog zögernd in die Mariahilferstraße ein. Vielleicht konnte er sich ja hier eine Begleitung für den Abend organisieren. Er musterte aufmerksam die unzähligen Frauen, die auf der belebten Straße an ihm vorbeifluteten, wie auf einem Laufband … Etliche Male hatte er einen leichten Impuls, eine von ihnen anzusprechen, aber irgendetwas hielt ihn dann doch wieder zurück.
… Dann sah er sie … lange, wehende Haare und ein langer, wehender Rock. Eigentlich nicht sein Geschmack, was Kleidung betraf. Dennoch identifizierte etwas in ihm das Zielobjekt.
Er folgte der Frau…
Sie bemerkte, dass er ihr folgte …
Sie drehte sich kurz um und sah ihn unverwandt an.
Dann ging sie weiter und ignorierte ihn. Aber es schien ihm, als ob sie sich jetzt noch geschmeidiger beim Gehen wiegte.
An der nächsten Kreuzung war die Ampel rot und sie musste stehen bleiben. Dadurch holte er sie ein. Er stand schräg hinter ihr und konnte von der Seite ihr Gesicht sehen. Sehr helle Haut, trotzdem es Sommer war. Sehr große Augen, von einer unidentifizierbaren Farbe. Jung; sehr jung; vielleicht ein bisschen zu jung.
Ihr Blick streifte ihn kurz und signalisierte »nein«. Dennoch folgte er ihr weiter, als wäre ein Magnet in ihr, dem er sich nicht entziehen könne.
Und an der nächsten Ampel sprach er sie an:
»Ihre Haare sind sehr schön, aber sehr spitz!« Sie lachte kurz.
»Darf ich sie auf einen Kaffee einladen?«, setzte er nach.
Sie sah auf ihre Uhr. Es war immer noch Zeit bis zur Vernissage und allmählich waren ihre Füße schon etwas müde.
»Ich hab‘ was vor«, sagte sie, »aber eine halbe Stunde ist schon noch Zeit.«
»Gut«, meinte er, »dann gehen wir doch gleich in das Café da vorne! «
Kurz darauf betraten sie gemeinsam das Café Ritter.
Er bestellte zunächst zwei Kaffee.
»Möchtest du auch Kuchen?«, fragte er dann und ohne ihre Antwort abzuwarten, ging er zur Theke und erkundigte sich:
»Was ist das für Kuchen?«
»Das ist Topfenstrudel!«, antwortete die Serviererin. »Topfen ist Quark«, fügte sie hilfsbereit hinzu. »Und das daneben ist Apfelstrudel, das kennen Sie vielleicht!«
»Geben sie mir von jedem ein Stück«, entschied er und kehrte dann zum Tisch zurück.
»Ich habe mich noch nicht einmal vorgestellt!«, sagte er beiläufig, während er den Zucker in seinem Kaffee umrührte. »Mein Name ist Carlos und ich komme aus Spanien. Und du! Wie heißt du?«
»Finja«, sagte sie einsilbig.
»Ein schöner Name! Weißt du, was er bedeutet?« »Nein.«
»Also, Finja bedeutet ›die Zärtliche‹ auf Baskisch«, sagte er und mit einem Blick auf ihre schmalen Hände, fügte er mit einer nicht ganz angebrachten Vertraulichkeit hinzu: »Ich könnte mir vorstellen, dass diese Hände sehr zärtlich sein können … «
Finja wurde verlegen und versuchte schnell, das Thema zu wechseln.
»Was machen sie beruflich?«, fragte sie.
»Rate mal«, sagte er und nahm erstmals seine große Sonnenbrille ab. »Was könnte ich beruflich machen!!?« Finja nahm einen ausgiebigen Schluck von ihrem Kaffee, um Zeit zu gewinnen. Eigentlich wollte sie sich ja gar nicht näher mit ihrem Gegenüber befassen. Dann aber gab sie sich einen Ruck und ließ sich auf das Spiel ein. Sie lehnte sich entspannt nach hinten, blinzelte und sah Carlos konzentriert an … Um ihn herum, war da plötzlich die Vision einer Wolke von sehr kleinen Kindern, wie Babys im Miniformat.
»Kinderarzt?«, fragte sie unsicher.
»Hexe!«, antwortete er und lächelte anerkennend. »Ich habe wirklich mit Kindern zu tun, allerdings nur mit ganz kleinen. Ich bin Gynäkologe!!«
Finja versuchte seinem Blick auszuweichen. Die Art, wie er sich weit über den Tisch nach vorne lehnte und sie ungeniert anstarrte, war ihr unangenehm und sie verschränkte die Arme.
»Und du, was machst du?«, setzte er nach einer kurzen, etwas peinlichen Pause nach … »Nein lass mich raten«, winkte er ab, während Finja noch Atem holte um zu antworten … »Du bist sicher Künstlerin!«
»Ja«, gab Finja zu, während sie ihre Hände verlegen hin und her drehte. »Welche Sparte?«, fragte sie dann.
»Hmm … Wenn ich deine Hände ansehe, würde ich auf Musikerin tippen ... Vielleicht bist du aber auch Tänzerin …«
»Nein!«, sagte sie. »Ich bin Schauspielerin und Malerin.«
»Oh! Das ist aber interessant! Und davon kann man leben?«
Finia verdrehte die Augen.
»Von der Malerei nicht, aber Schauspieler ist ein ganz normaler Beruf «, begann sie etwas unwillig zu erklären. »Man hat ein Engagement an einem Theater und man bekommt am Monatsende einen Gehalt. Es ist nicht unbedingt das, woran man denkt, wenn man ›Schauspielerin‹ hört. Die wenigsten Schauspieler sind berühmt und ich lege eigentlich auch keinen Wert darauf, berühmt zu werden. Ein Star werden kann man nur durch Filme und neuerdings halt auch durch das Fernsehen.
Aber ich liebe das Theater. Das Theater hat so etwas Altes, Antikes. Ich kann es nicht erklären, was ich daran so sehr mag. Irgendwie ist es absurd, weil eigentlich hab‘ ich mir diesen Beruf gar nicht selbst ausgesucht. Ich wurde von Freunden in diese Richtung gedrängt. Weil ich ja angeblich so begabt dafür bin.
Aber ich weiß nicht; ich habe Probleme mit der Stimme, wenn das Haus zu groß ist. Und letztlich fehlt mir auch die große Leidenschaft für diesen Beruf, die ich an anderen Kollegen sehe. Es bedeutet mir nicht wirklich so viel. Wie gesagt, für mich ist es ein ganz normaler Job, nichts Besonderes.
Mir ist eigentlich auch Geld nicht gar so wichtig. Sicher, für manche Dinge braucht man Geld, aber es ist mir nicht wichtig. Nicht in der Art, wie viele Menschen ja nur dafür leben. Dafür, dass sie immer mehr Geld horten… Und eigentlich haben sie im Grunde gar nichts davon. Ich denke halt, dass es Wichtigeres gibt im Leben, als immer nur Geld.«
Finja verschränkte wieder die Arme und blickte zu Boden. Eigentlich hatte sie nicht die Absicht gehabt, so viel über ihr Leben zu offenbaren. Carlos musterte sie weiterhin ausgiebig und meinte dann ehrlich verwundert:
»Das finde ich sehr spannend, dass du das so sagst … Das ist wirklich sehr besonders, dass ein junger Mensch so wenig materealistisch ist!!
Ich für meinen Teil bin ein vielbeschäftigter Mann und heute spielt Geld für mich keine so große Rolle mehr, weil es von selbst kommt. Aber das war nicht immer so … Ich habe lange Jahre um die Position, die ich heute habe, gekämpft. In meiner Jugend war ich allerdings auch ein Freigeist, der gegen die Gesellschaft revoltierte. Das kann problematisch werden, wenn man, so wie ich damals, in einer Diktatur lebt. Ich habe seinerzeit einen hohen Preis für meine Eskapaden bezahlt, aber das geht jetzt zu weit … Inzwischen bin ich jedenfalls sehr stark involviert in diese Gesellschaft und wenn man da einmal drinnen ist, in diesem Rad, dann will man auch Erfolg haben und wenn man dann Erfolg hat, will und kann man nicht mehr aufhören … «
Inzwischen war es für Finja an der Zeit, zu ihrer Vernissage zu gehen.
»Tut mir leid, aber ich muss jetzt aufbrechen«, sagte sie höflich. »Ich bin nämlich in Wien, um mir die Bilder eines indischen Malers anzuschauen. Der Künstler wird auch selbst anwesend sein und ich bin wirklich schon sehr gespannt.«
»Iss deinen Kuchen noch auf!«, sagte Carlos und dann fragte er unvermittelt: »Sag, hättest du etwas dagegen, wenn ich dich dorthin begleite? Ich bin ganz allein in Wien und mein Flug geht erst morgen.«
Sie überlegte kurz. Eigentlich wollte sie ihn nicht dabeihaben; andererseits war es aber auch egal.
»Wenn du unbedingt willst, kannst du ja mitkommen«, meinte sie dann. »Aber wir müssen jetzt wirklich gehen. Ich will nicht zu spät kommen.«
Die Ausstellung fand in einem ehrwürdigen, alten Gebäude statt, das einem Kloster gehörte. Der Orden hatte den indischen Künstler nach Wien eingeladen. Er war von den Vertretern des Konvents in Indien, die ihn vor einigen Jahren entdeckt hatten, wärmstens empfohlen worden.
Als Kind eines indischen Vaters und einer britischen Mutter mischte sich in ihm das Beste beider Welten. Er war mit der christlichen Religion genauso vertraut wie mit dem Hinduismus und seine Bilder hatten starken religiösen Bezug (weshalb ihn die katholische Kirche förderte).
An diesem Abend erklärte er einige seiner Bilder.
In der westlichen Religion, erläuterte er, würde Gott immer von oben nach unten schaffen. Gott im Himmel ist oben und erschafft durch seine magischen Impulse alles das, was unten auf der Erde ist –
In der östlichen Kultur hingegen, würden die Schöpfungsprozesse immer von unten nach oben stattfinden, also die Mutter Erde erschafft das Leben in ihrem Schoß. Und dieses Leben strebt dann hoch zum Licht der Sonne. Die Wachstumsenergien seien ein ganz wesentlicher, zentraler Bestandteil dieser Schöpfungsvorgänge.
In einem seiner Gemälde hatte er versucht, diese beiden unterschiedlichen Vorstellungen zu vereinen; und eigentlich waren letztlich alle seine Bilder eine gelungene Synthese, zwischen der östlichen und der westlichen Lebensauffassung.
»Ich möchte jetzt noch mit dem Künstler persönlich sprechen«, sagte Finja am Ende des offiziellen Teils. Carlos verstand sie sofort.
»Ich warte einstweilen draußen, wenn es dir recht ist«, meinte er. »Lass dir ruhig Zeit, aber ich würde mich gerne nachher noch weiter mit dir unterhalten. Wir könnten irgendwo eine Kleinigkeit essen.«
»Na gut«, sagte sie, »bis später dann.«
Das Gespräch mit dem Maler verlief gut. Er freute sich, dass außer den vielen Personen mit klerikalem Hintergrund, auch eine Kollegin seine Ausstellung besuchte. Er erzählte ihr, dass er in Südindien auf einem Landgut lebe, zusammen mit seiner Frau und sechs Kindern.
»Ein Projekt, das mir sehr am Herzen liegt, ist, eine Art Künstlerkolonie auf meinem Besitz zu errichten«, erläuterte er. »Ich habe schon etliche Wohneinheiten, die ich immer an ausgewählte Kollegen vergebe. Das Ganze ist kein finanzielles Projekt, sondern diese Maler sind meine persönlichen Gäste. Wir arbeiten alle gemeinsam einige Stunden pro Tag auf den Feldern, um das, was wir zum Leben brauchen, anzubauen und zu ernten. Den Rest der Zeit verbringt jeder mit seiner künstlerischen Arbeit und die Abende sind zumeist der Kommunikation und dem Austausch der Künstler untereinander gewidmet.«
Finja fasste sich ein Herz und zeigte ihm eine Mappe mit ausgewählten Fotos ihrer Werke und er war durchaus angetan.
»Sehr schön!«, sagte er. »Und auch sehr tief!« Und dann lächelte er sie an und fragte:
»Darf ich dich zu uns nach Indien einladen? Du kannst jederzeit kommen. Es eilt nicht. Ich gebe dir meine Anschrift und wir bleiben in Kontakt. Und wann immer du einmal Abstand brauchst, oder eine Veränderung, dann kommst du einfach!«
»Danke!«, sagte sie, während sie seine Adresse sorgfältig verwahrte. »Das freut mich wirklich sehr und ich werde sicher bei Gelegenheit darauf zurückkommen.«
Dann verabschiedete sie sich überschwänglich und ging zuletzt zu ihrem wartenden Begleiter nach draußen.
»Wie ist es gelaufen?«, fragte Carlos.
»Oh, gut! Er hat mich eingeladen, nach Indien!«, erzählte Finja begeistert.
»Ich möchte dich auch einladen«, sagte Carlos unvermittelt. »Ich möchte dich einladen, zu mir nach Spanien zu kommen!«
Sie steuerten ein kleines Lokal an, in dem man noch einen späten Imbiss nehmen konnte und während sie gemeinsam eine Käseplatte verspeisten, erzählte er weiter.
»Ich besitze drei Wohnungen in Spanien. Eine Wohnung habe ich in Malaga, wo ich arbeite; die andere befindet sich in Torremolinos, da ist ein bisschen mehr los und dann habe ich noch ein Apartment direkt am Meer, in der Nähe von Marbella.
Wo möchtest du am liebsten bleiben?«
»Direkt am Meer«, sagte Finja.
Wenig später verabschiedeten sie sich. Davor tauschten sie ihre Telefonnummern.
»Oh! So schreibst du deinen Namen also!«, wunderte er sich. » Wir schreiben das im Baskischen mit › i ‹, also Finia! «
Dann ging er zurück in sein Hotel und sie in die WG der Freundin.
»Es geht hier nicht immer so arg zu, wie heute Nachmittag«, entschuldigte sich die Freundin. »Aber erzähl! Wie war es?«
»Interessant!«, sagte Finja. »Er hat mich nach Indien eingeladen!«
»Toll!«, freute sich Lilly für sie.
»Und am Weg dorthin ist mir ein Spanier zugelaufen, der nicht anzubringen war. Der hat mich dann auch noch nach Spanien eingeladen!!«
»Du reist ja eh gerne!«, erwiderte die Freundin scherzhaft.
»Der Spanier ist aber schon älter, sicher so um die vierzig. Er ist Gynäkologe und ich finde ihn eigentlich nicht sonderlich sympathisch. Andererseits man kann immer Adressen von Leuten im Ausland brauchen, wenn man unterwegs ist. Spanien ist cool.«
»Ja, aber der Typ! Gynäkologe und älter!! Das klingt irgendwie spießig!«
Carlos fuhr zurück nach Spanien.
Finja verbrachte die nächsten Monate in Aachen, wo sie ein neues Engagement als Schauspielerin angetreten hatte.
Im November dann, rief Carlos das erste Mal an. Am Apparat war Finjas Mutter. Sie erklärte sich freundlich bereit, ihrer Tochter auszurichten, dass er voraussichtlich Ende November nach Wien komme und hoffe, Finja bei dieser Gelegenheit wiederzusehen.
»Triff dich doch mit ihm!«, sagte Finjas Mutter aufmunternd. »Endlich mal ein richtiger Mann!« »Ich weiß nicht so recht«, meinte Finja, »aber ich wollte ohnehin meine Freundin Lilly sehen.«
»Ach Kind, du bist so achtlos im Umgang mit deinen Verehrern. Irgendwann wird dir das noch leidtun!«
»Verehrer!«, sagte Finja und verdrehte die Augen, »Verehrer sagt heute kein Mensch mehr.«
Einige Wochen später telefonierten sie miteinander. Am Ende des Gesprächs, erklärte sich Finja etwas halbherzig einverstanden, nach Wien zu kommen.
Sie fuhr zunächst für eine Woche nach Wien, zu ihrer Freundin und die beiden Mädchen hatten sich viel zu erzählen.
Im Laufe dieser Tage ging Finja drei Mal mit Carlos aus und am dritten Abend verbrachte sie mit ihm eine Nacht.
Eine Nacht ohne Bedeutung;
nicht gut; nicht schlecht; nicht wichtig.
Er aber sagte danach selbstzufrieden zu ihr:
»Weißt du, in diesen gynäkologischen Fachzeitschriften steht ja immer, dass es beim ersten Mal nie klappt. Aber ich wüsste nicht, was da bei uns nicht geklappt haben sollte.«
In dieser Nacht wachte er auf und wunderte sich, wie tief und friedlich dieses Mädchen in dem fremden Hotelbett schlief.
»Hm! Man muss wohl ein sehr reines Gewissen haben, dass man so tief schlafen kann«, ging es ihm durch den Kopf.
Dann setzte er sich auf und betrachtete sie eingehend und ungestört ...
»Ein Gesicht wie ein Engelchen«, dachte er, »mit diesen rötlichblonden Locken … «
»Warum verunstaltest du eigentlich deinen Körper mit diesem Kleid?«, fragte er sie am nächsten Tag beim Frühstück. »Du hast wunderschöne Brüste, aber dieses Kleid macht vorne alles ganz flach!«
Finja legte keinen Wert darauf, ihre Brüste zur Schau zu stellen. Ganz im Gegenteil.
Am Theater war sie Kinderdarstellerin und es kam für diese Rollen sehr gut an, wenn sie möglichst wenig Oberweite hatte … Und möglichst wenig Gewicht.
Echte Kinder waren in professionellen Produktionen meistens mühsam. Da musste zum ersten ständig eine erwachsene Begleitperson anwesend sein … Ab einer gewissen, fortgeschrittenen Uhrzeit, durften sie dann auf Grund von Jugendschutzbestimmungen nicht mehr proben … Und auch sonst gab es viele spezielle Auflagen, die den allgemeinen Arbeitsablauf behinderten.
Daher war eine erwachsene Person, die optisch als Kind durchgehen konnte, ein äußerst gefragter Glücksfall.
»Mir gefällt dieses Kleid«, sagte Finja reserviert. »Man muss nicht immer alles zeigen, was man hat.«
»Ich versteh‘ dich oft nicht«, murmelte er kopfschüttelnd, »aber das macht nichts. Ich mag dich einfach sehr gerne ... Du löst irgendetwas in mir aus, nach dem ich eine ganz tiefe Sehnsucht habe. Vielleicht gerade, weil du so anders bist … « Und dann fragte er sie plötzlich:
»Wann kommst du zu mir nach Spanien?«
»Ich weiß nicht«, sagte sie. »Mein derzeitiges Engagement läuft noch bis Ende Februar. Dann habe ich erst im Mai wieder ein paar Vorstellungen, die ich noch abspielen muss.«
»Na, dann komm doch in der Zwischenzeit zu mir!«, schlug er schnell vor. »Du wirst sehen, ich werde dich in Spanien glücklich machen!«
Und dann sah er ihr tief und bedeutsam in die Augen und sagte noch einmal:
»Ich werde dich in Spanien glücklich machen!«
Zu Weihnachten rief Carlos bei Finja an.
»Ich freue mich wirklich sehr, deine Stimme zu hören! ... Fröhliche Weihnachten, Finja! Ich denke oft an dich … Wann kommst du endlich zu mir nach Spanien? … Also, ich bin jetzt noch beruflich in den USA und komme voraussichtlich Anfang März zurück.«
Sie einigten sich auf Mitte März.
Finja fuhr nach Spanien mit dem Zug. Das war damals, 1981, eine sehr lange Fahrt. Drei Tage und zwei Nächte lang. Sie hatte viel Zeit nachzudenken. Und immer wieder regten sich in ihr Zweifel ... Eigentlich mochte sie ihn ja gar nicht. Er war so gesetzt, so spießig. Er verkörperte genau das, was sie und ihre Freunde ablehnten. Warum also fuhr sie dann zu ihm?
Finja freute sich auf Spanien. Sie war einmal auf einer Interrail-Reise für einige Tage in Barcelona gewesen und die ungewohnte Herzlichkeit der Menschen hatte sie berührt. Auch wenn sie mit ihnen kaum sprechen konnte und eigentlich fast gar nichts über Spanien wusste.
Dennoch hatte Spanien ihr damals einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Das war ein Land, wohin man gerne wiederkommen möchte – irgendwann – Und jetzt ergab sich die Gelegenheit.
Vielleicht waren Begegnungen ja Bestimmung.
Und vielleicht hatte ihre Mutter ja doch irgendwie Recht, wenn sie sagte, so ein Mann könne einem Sicherheit geben, im Leben. Was, wie ihre Mutter oft betonte, nicht zu verachten sei.
Carlos schien sie sehr zu mögen. Vielleicht war da ja doch etwas Besonderes zwischen ihnen und sie brauchte nur etwas mehr Zeit, um es zu erkennen.
Einen ganzen Tag lang fuhr Finja durch endlose, regengrüne Orangenplantagen an der Riviera. In der Nacht war es kalt und sie verkühlte sich ein wenig. In der Morgendämmerung ratterte der Zug durch die Pyrenäen und in den Bergen lag tiefer Schnee. Dann aber wurde es innerhalb weniger Stunden Frühling und das Weiße auf den Bäumen waren jetzt die Blüten der Mandelbäume.
Kinder winkten dem Zug.
Gegenüber von Finja saß eine Frau mit einem kleinen Jungen auf dem Schoß. Plötzlich sprang sie auf, hob das Kind hoch und begann aufgeregt zu rufen:
»Sieh nur Pablito, dein Dorf! Das ist dein Dorf, durch das wir jetzt fahren! Dein Dorf! Deine Erde!« Und sie deutete begeistert mit den Händen nach draußen und ihre Stimme überschlug sich.
Diese Menschen mussten ihre Heimat wohl sehr lieben, dachte Finja und es ging ihr durch den Kopf, dass sie sich eigentlich nirgendwo zuhause fühlte. Sie war immer die Andere. Die Fremde. Die, die nicht dazugehörte. Und es schmerzte sie, dass es nirgendwo auf der Welt einen Ort gab, dem sie sich so sehr verbunden fühlte, wie diese Frau… Das musste ein schönes Gefühl sein ...
»Mi Pueblo! Mi tierra!«, sagte die Frau jetzt auch zu ihr und deutete stolz nach draußen.
»Sehr schön«, sagte Finja lächelnd und beobachtete das Baby, das mit kurzsichtigen Augen versuchte, sein Dorf zu fixieren, während ihm die Spucke aus dem Mäulchen lief.
Als Finja dann zuletzt in Madrid ankam, war sie sehr müde und ziemlich verschnupft. Und auch ihr Hals schmerzte inzwischen ein wenig.
Sie überlegte unschlüssig, wohin sie gehen sollte, während die dichte Menschenmenge sie ungefragt in Richtung Bahnhofshalle schob.
Zunächst war Carlos nirgendwo zu sehen ... Aber dann plötzlich hörte sie ihn rufen:
»Finja! Bleib stehen!« Als der Strom der Reisenden spärlicher wurde, gelang es ihm endlich, zu ihr zu kommen.
»Herzlich willkommen in Spanien!«, sagte er und nahm ihre Reisetasche. »Ich hoffe, du freust dich ein bisschen, hier zu sein?«
»Ach Carlos! Ich bin todmüde!«
»Wir fahren jetzt in das Apartment meiner Mutter«, erklärte er. »Die hat hier in Madrid eine ganz kleine Wohnung. Und dann wirst du dich heute Nacht ordentlich ausschlafen und morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus!«
Die Wohnung der Mutter war wirklich winzig und hatte etwas von einem niedlichen Hamsterkäfig. Kochecke. Toilettenecke. Essecke. Und dazwischen so wenig Platz, dass man sich kaum umdrehen konnte … Wobei der Essbereich auch noch, bei Bedarf, als Schlafecke dienen konnte.
»Da staunst du!«, sagte er und klappte das in der Wand befindliche Bett mit großer Geste auf.
Finja nahm zunächst an, dass seine Mutter wohl sehr arm sein musste. Aber im Lauf des Abends erfuhr sie, dass diese Frau zwei Zinshäuser besaß.
»Sie wohnt nur deshalb so bescheiden, weil sie ja hier nur schläft. Natürlich könnte sie auch ganz bei meiner Schwester wohnen, aber ein Mindestmaß an Eigenständigkeit will sie sich halt doch bewahren. Zudem gibt es weniger zu putzen in einer kleinen Wohnung. Aber weißt du, im Prinzip verbringt sie den Großteil der Zeit bei den Enkelkindern. So hat meine Schwester Hilfe und meine Mutter eine Beschäftigung. Insofern ist diese Situation gut für beide Seiten.«
»Legen wir uns ein bisschen nieder«, sagte Carlos dann und zog Finja zum Bett.
Sie war sehr müde und hätte jetzt alles dafür gegeben, ein wenig allein zu sein. Einfach ein bisschen zu schlafen und dann zu baden, nach der dreitägigen Reise.
Er aber legte sich zu ihr und begann sie auszuziehen. Sie war zu müde, um ihn abzuwehren. Zu erschöpft, um mit ihm zu diskutieren. Sie fühlte sich seltsam schwebend … So, als wäre sie nicht ganz in ihrem Körper. Finja beobachtete benebelt, wie er mit ihr schlief, als wäre sie jemand anderer ...
Danach erlaubte er ihr endlich zu schlafen.
»Ich werde jetzt deine Mutter anrufen«, sagte Carlos, »damit sie sich keine Sorgen macht.«
»Ja hallo! Guten Abend, gnädige Frau! Die Finja ist jetzt hier bei mir«, hörte sie ihn im Halbschlaf sagen. »Sie ist gut in Madrid angekommen und schläft jetzt! … Sie brauchen sich wirklich keine Sorgen machen!«
Nach einem kleinen Schläfchen, zeigte er ihr die Dusche.
Finja genoss das warme Wasser auf der Haut. Das Brennen in den Augen wurde dadurch besser und sie atmete wieder freier. Entspannt lehnte sie sich gegen die Wand der Dusche und breitete die Arme aus.
Plötzlich wurde ihr schlagartig bewusst, dass er sie beobachtete. Sie drehte sich langsam um und durch eine Trennwand aus Glas und Wassertropfen sahen sie sich an. Dann kam er langsam näher und öffnete die Tür der Dusche.
»Lass mich dich einmal richtig ansehen«, sagte er … Und mit einem anerkennenden Kopfnicken fügte er hinzu: »Mir gefällt, was ich sehe.«
»Schauen wir mal nach, was meine Mutter im Kühlschrank hat«, meinte er danach. »Hm, viel ist es nicht, aber ein bisschen Brot und Wurst ist noch da.«
»Ich esse keine Wurst«, sagte Finja. »Ich bin Vegetarierin.«
»Wir könnten ja noch was essen gehen, aber du hast jetzt nasse Haare!«
Sie blieben in der winzigen Wohnung. Finja sah ihm zu, wie er einen kleinen Käfer, der wackelig über den Tisch lief, demonstrativ mit dem Daumen zerquetschte.
»So, jetzt ist er tot! Es war seine Bestimmung, von mir getötet zu werden!«, sagte Carlos wichtig und Finja dachte befremdet:
»Oh Gott! Was für ein unsympathischer Wichtigtuer!«
Sie würde auf keinen Fall längere Zeit bei diesem Mann bleiben. Nur bis morgen früh …
Am nächsten Tag aber, weckte er sie sehr zärtlich …
Danach führte er sie charmant und aufmerksam durch Madrid. Da er wusste, dass sie auch Malerin war, brachte Carlos Finja in das größte Museum der Stadt, wo es sehr alte Bilder zu bestaunen gab. Dunkle Gemälde mit wachsblassen Gesichtern. Irgendwie Zeugnisse einer düsteren Zeit ...
Am Abend ging er ihr dann wieder auf die Nerven. Für sie, die aus dem Winter nach Spanien gekommen war, fühlte sich die Temperatur recht mild an … Er hingegen war der Ansicht, es sei kühl.
»Zieh die Jacke an!«, sagte er bestimmend.
»Mir ist nicht kalt!«
»Zieh sofort die Jacke an. Du bist ohnehin verkühlt! Ich will jetzt keine Widerrede hören!«
»Behandle mich nicht wie ein Kind!«, sagte sie genervt. »Ich weiß selbst, wann mir kalt ist!«
Sie erinnerte sich wieder daran, dass sie eigentlich hier weg wollte. Auch wenn er hin und wieder einen netten Moment hatte. Letztlich war er ihr unsympathisch. Also – Nichts wie weg hier! Am besten jetzt gleich.
»Wo ist meine Tasche?«, fragte sie.
»Warum?«
»Weil ich jetzt gehe! Ich mag dich einfach nicht! Und ich will nicht eine Minute länger mit dir zusammen sein!«
