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Wer in den siebziger Jahren an den Samstagabenden frisch gebadet und im Frotteebademantel auf der Couch der Eltern saß, wird sich an die Hitparade erinnern. Hier wurde ritualhaft und verlässlich deutsches Kulturgut in Form von dreiminütigen Schlagern verabreicht. Föngewellte Heroen in Schlaghosen hauchten Schmachtfetzen in orangefarbene Kunststoff-Mikrofone, und offensiv gutgelaunte Heldinnen eroberten mit lockerem Hüftschwung die Partykeller.
Jenes schillernde, wunderbar geschmacksverirrte Jahrzehnt wird in Spaß muss sein wieder lebendig. Rudi Esch hat sich auf die Spur dieses Musikphänomens begeben und mit allen wichtigen Protagonisten der Schlagerszene der Siebziger gesprochen: mit Christian Anders und Michael Holm, mit Graham Bonney und Ricky Shayne, mit Cindy Berger und Liz Mitchell, mit Frank Farian und Jack White und vielen, vielen anderen, die uns diese unbeschwerte Zeit beschert haben. Und ganz nebenbei wird in seiner ebenso unterhaltsamen wie überraschenden Oral History eine ganz andere Kultur- und Alltags-Geschichte der Bundesrepublik und der Mauerstadt West-Berlin sichtbar. Hossa!
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Seitenzahl: 670
Veröffentlichungsjahr: 2025
Rudi Esch
SPASS MUSS SEIN
Die Schlagerwelt der Siebziger
Die Jahre 1969-1979 aus West-Berliner Sicht
Suhrkamp
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eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2025
Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage des suhrkamp taschenbuchs 5097.
Originalausgabe© Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin, 2025
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Umschlaggestaltung: Jonathan Barnbrook, London
eISBN 978-3-518-76649-1
www.suhrkamp.de
Gewidmet der Frau, der ich nicht nur mein Leben,
sondern auch die Liebe zum Deutschen Schlager zu verdanken habe:
Elisabeth Charlotte Esch.
Vielen Dank für alles.
Nicht zuletzt für die Samstagabende.
Dank auch denen, die Graceland täglich zu einem Ort der Ruhe,
der Liebe und des Friedens machen.
Anschi und Cosi, Leon und Lia.
Wir singen tralala und tanzen hopsasa,
Wir wollen fröhlich sein und uns des Lebens freun.
Schöne Maid, 1971
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Inhalt
Informationen zum Buch
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Motto
Inhalt
Vorwort
Editorische Notiz
Prolog
Hier ist Berlin!
69
Hansa
Hans(a) Blume
Christian Bruhn
Autoren, Arrangeure, Komponisten
Heino
Gitte
Daisy Door
Graham Bonney
Bravo Bubi
Das mit den Ketten
Der Löwe ist los
Christian Anders
Geh’ nicht vorbei
Vorbilder und Nachnamen
Mr Mendocino
Giorgio Moroder
Hitparade
Als die Mikros noch Kabel hatten
Die Todeszelle
70
Cui bono? Der Postkartenskandal
Du
und
Das brennt so heiß wie Feuer
Wunder gibt es immer wieder
Hair
und das deutsche Musical
Haare
Barfuß im Regen
Ohr, Pilz &
Birth Control
Amon Düül II
& Erstes Münchener Attentat
Peter Meisel
71
Du lebst in deiner Welt
Ein bisschen Spaß muss sein
Jack White &
Schöne Maid
Mamy Blue
Trudy Meisel
Fred Jay
72
Pretty Behlinda
Geld war schon eine feine Sache
Urlaub im Rolls-Royce
Niemand stellt von Grün auf Rot das Licht
Hans-Ulrich Weigel
Conny Kramer
& Der Rauch schmeckte bitter
Fiesta Mexicana
73
Les Humphries Singers
Thomas Meisel
der andere song
für Gunter oder Frank
Hansa Studio und Meistersaal: The big hall by the wall
Die Städte des Frohsinns: Berlin vs. München
Monti Lüftner
74
Cindy & Bert
und Knöpfe & Blusen
Ralph Siegel
Waterloo
in Brighton
Der Grand Prix ist eine Frau
Ein Festival der Liebe
: die WM 74
Tränen lügen nicht
Ein Lied kann eine Brücke sein
75
Sherry Bertram
Rosenberg und das
Trio Sinfonale
Joachim Heider
Christian Heilburg
Peter Schirmann
Griechischer Wein
vs.
Aber bitte mit Sahne
Handwerk vs. Kunst
Silver Convention
Donna Summer
Gilla
76
Frank Farian
Rocky
Boney M.
Casting
Daddy Cool
Musikladen
… und es war ein Rekord-Sommer
Güntsche, Glueck & Hansa UK
77
Bernhard Brink & Roland Kaiser
Love for Sale
&
I Feel Love
Deutscher Herbst & Deutscher Schlager
78
Buenos Dias, Argentina
Rivers of Babylon
vs. Roter Platz in Moskau
Bin wieder frei (Ça plane pour moi)
79
Automatic Lover
Dschinghis Khan
Die Mutation frisst ihre Kinder oder
Freu dich bloß nicht zu früh
Reprise
Wie tief ist ganz unten?
Blick zurück nach vorn
Anhang
Biografien
Danksagung
Die Interviews
Bildnachweis
Informationen zum Buch
Ricky saß mir am Schreibtisch gegenüber und machte ein Foto, das er noch grafisch nachbearbeiten wollte. Er verstand sich momentan als Grafiker, da ihm die Fotografie nichts mehr so richtig zu geben schien. Ursprünglich war er Sänger, ein Barde im besten Sinne. Eigentlich sogar ein Rock ’n’ Roller, der sich leidlich bis leidenschaftlich selbst an der Gitarre begleiten konnte. Seine große Zeit war allerdings Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger während der legendären Ära des Schlagers. Meine große Schwester und selbst meine Mutter hatten seinerzeit für Ricky Shayne geschwärmt, für diesen Wuschelkopf mit den weit geöffneten Pupillen, der wie kein anderer schmachten konnte: Oh Mamy, oh Mamy, Mamy Blue, oh Mamy Blue (oh Mamy Mamy, yeah).
Wir verabredeten uns immer für werktags, meist an einem Dienstag, zum Lunch in meinem Arbeitszimmer auf Graceland, Düsseldorf. Er kochte gern, und das vorzüglich. Wir sprachen bei unseren Treffen hin und wieder darüber, die Band noch einmal zusammenzubringen, aber Ricky wollte letztlich doch nichts mehr von seinen alten Hits wissen. Er hielt es jetzt lieber mit Graphic Art. Wenn er zu Besuch war, spielte er Blueberry Hill oder Mystery Train auf dem Klavier unserer Tochter. Ricky war mit einer indischstämmigen Stewardess verheiratet, mit der er zwei Söhne hat, die etwas älter sind als unser Sohn Leon. In den Nullerjahren trafen wir uns regelmäßig zu Weihnachten und verbrachten auch einen gemeinsamen Urlaub in Spanien. Ricky unterhielt sich mit seiner Frau auf Hindi, jedoch auf Französisch mit seinen Söhnen; mit meinen Kindern auf Deutsch und mit mir auf Englisch: der Sprache von Elvis, Little Richard und Ray Charles, der Sprache seiner Idole. Ricky hatte den Weg aus dem Libanon über Frankreich und Italien nach Deutschland gefunden; er verständigte sich locker in sieben Sprachen, und wenn er wütend war, fluchte er in einem irren Tempo auf Arabisch.
Von ihm habe ich zum ersten Mal den Namen Thomas Meisel gehört. Er erzählte, wie er damals mit seinem roten Lamborghini von Rom nach Charlottenburg gedüst kam, nur um einen Song aufzunehmen, dessen Text er nicht wirklich verstand. Wie seine Karriere sofort Fahrt aufnahm und er ständig darunter litt, ausgerechnet ein Schlagersänger geworden zu sein. Und dass all der Erfolg, der Ruhm, das viele Geld, welches er mit beiden Händen ausgab, ihm nicht darüber hinweghalfen, nicht seiner eigentlichen Bestimmung als Rock ’n’ Roller gefolgt zu sein.
Das, dachte ich, wäre doch Stoff für ein ganzes Buch, und sagte ihm, mehr zum Spaß: Lass uns ein Buch über diese Zeit machen, über jenes schillernde, wunderbar geschmacksverirrte Jahrzehnt. Und zu meinem Erstaunen nahm Ricky diesen eher hingeworfenen Gedanken sofort ernst und überlegte laut, wie ich es angehen könnte und mit wem ich mich unbedingt treffen sollte.
Ich machte mir eine Liste von fünfzig Wunschkandidaten, mit denen ich Interviews für dieses Buch, das unter dem Arbeitstitel Für eine Handvoll Persiko an den Start ging, führen wollte. Natürlich kannte ich von all den föhngewellten Heroen in Schlaghosen und den offensiv gutgelaunten Heldinnen meiner Kindheit, die damals wunderbare Schmachtfetzen in die orangefarbenen Kunststoffmikrofone der Hitparade gehaucht und die deutschen Charts dominiert hatten, außer Ricky wirklich niemanden persönlich. Aber das sah ich als eine Herausforderung und zugleich als ein Versprechen, perfekt in eine andere Welt und in eine andere Zeit abtauchen zu können – in die Welt der Mauerstadt, in die Zeit des alten West-Berlins.
Die nächsten fünf Jahre sollten zu einer Reise zum Mittelpunkt des Schlagers werden. Mir war zwar bewusst, dass ich einige Überraschungen erleben würde, aber auf die größte Überraschung war ich schlicht nicht gefasst: dass nämlich viele der Akteure aus der Schlagerwelt sich nicht wesentlich von den Musikern unterschieden, die ich aus der mir vertrauten Welt des Punk kannte. Zumal dies eben nicht nur für Ricky galt, der mit seiner programmatischen Kampfansage Ich sprenge alle Ketten ohnehin Prototyp des Punk und in meinem Lager gut gelitten war.
In einem Nebenstrang wird zudem die Geschichte der zwar in Deutschland beheimateten, jedoch international bekannten Produktionen der Les Humphries Singers, Boney M. und Silver Convention erörtert. Hier wird nun mit so viel Leidenschaft wie möglich und so viel ironischer Distanz wie nötig die erste Oral History des deutschen Schlagers präsentiert. Es folgt ein schonungsloser Querschnitt durch das kollektive Musikgedächtnis der Bundesrepublik Deutschland.
In diesen fünf Jahren habe ich über sechzig exklusive Gespräche geführt, in denen die Interviewten, die ich vorher mit dem Konzept des Buchs vertraut gemacht hatte, mir aus ihrem Leben erzählt haben. Ihre Schilderungen habe ich aufgezeichnet, in Schriftform übertragen und die Transkriptionen in Orthografie, Interpunktion, Wortschatz, Sprachstand und Umfang behutsam redigiert. In einzelnen Fällen kam es mit den Zeitzeugen zu einer Nachbereitung des Gesagten, um Widersprüche zu klären oder Unklarheiten zu beseitigen. Die Gespräche sind nicht in ganzer Länge wiedergegeben, sondern folgen, gemäß dem Prinzip der Oral History, in collagierter Form zumeist der Chronologie der Ereignisse. Und natürlich geben die hier geäußerten Emotionen und Standpunkte nur die jeweilige persönliche Sicht wieder.
In wenigen Fällen wurden die Antworten schriftlich überliefert oder sind Bestandteil anderer Quellen: Jack White und Ralph Siegel haben mir nach unseren Gesprächen ihre Autobiografien als ergänzendes Material zur Verfügung gestellt. Zitate hieraus sind kursiv gekennzeichnet. Hilfreich waren überdies die Einsicht in die Originalausgabe von Christian Bruhns Autobiografie und die Einsicht in die dokumentierten persönlichen Erinnerungen von Christian Anders, Peter Schirmann und Hans Blume, aus denen an ausgesuchter Stelle mit ihrem Einverständnis zitiert wurde.
Rudi Esch, Mai 2025
Michael HolmLivemusik gab es hier entweder im Cheetah an der Hasenheide oder im Liverpool Hoop, dem Tanzsalon der Jugend, wie es im Programmheft hieß. Da wurde getanzt bis zum Umfallen. Das war einmalig.
Christian AndersDie Stadt, in der es abging, war natürlich Berlin. Hier mischte Behlinda die Szene auf. Sein Laden, das Liverpool Hoop, war das Lokal der Zeit. Gespielt wurde deutscher Beat.
Thomas TomczakDieser Dieter Behlendorf – der sich nun vornehm Behlinda nannte – war ein Macher. Er sollte musikalischer Leiter und Direktor des Liverpool Hoop werden. Einem Tanzlokal in der Bülowstraße, ganz nach dem Vorbild des legendären Star-Club in Hamburg gestaltet, mit Emblem und allem Schisslaweng.
Christian AndersEr legte Platten auf und machte einen Schallplattensampler, der mit folgenden Worten begann: Hallo, Beatfreunde, es ist 23 Uhr, hier ist Dieter Behlinda, und heute präsentiere ich für Sie live at the Liverpool Hoop. Damit wurde er Deutschlands Plattenreiter Nummer eins, ein Schallplatten-Jockey. Die Jugendlichen standen Schlange.
Thomas TomczakAlso, ich komme an der Schlange, die vor dem Club wartet, vorbei. Es kommt ein breitschultriger Kerl auf mich zu und fragt, ob ich schon eine Karte hätte. »Klar«, log ich ihn an, und er bat mich höflich herein. So hatte ich schon mal fünf Mark gespart, die ich stante pede in die Firma Schultheiss investieren konnte.
Jack WhiteIm Februar 67 zog ich nach Berlin. In die niemals schlafende Stadt. Die Stadt, die keine Sperrstunde kannte. Ich wurde als Plattenaufleger engagiert und wohnte in der Heerstraße, zwischen Funkturm und Olympiastadion.
Ricky ShayneIch kam von Rom aus angereist und war immer in der Bundesallee untergebracht. Da war so ein moderner Apartmentkomplex, wo Hansa einige Leute einquartiert hatte; auch den deutschen Star Manuela. Das lief über Peter Meisel.
Thomas TomczakDas Liverpool Hoop war ein ehemaliges Kino auf zwei Etagen. Hinter der Bar arbeitete Dieters Frau. Es gab Live-Musik und viel zu trinken. Man konnte auch zocken: Würfeln, Kartenspiele – alles, was das Herz begehrt.
Didi ZillWir hatten noch die ganz alten Mikrofone und waren die erste Band, die an der Berliner Twist-Meisterschaft teilgenommen hat. Ich bin gebürtiger Berliner: also ein echter Berliner, will ich meinen.
Thomas TomczakIch jedenfalls komme da an. Keinen Knopf in der Tasche – vielleicht ein paar Mark aus der Portokasse geliehen, wenn überhaupt. Ich hatte ja damals als Lehrling geknechtet, während meine Kumpels alle schon im Beruf waren und ihr eigenes Geld verdienten. Ich war der Jüngste in der Runde, bin aber trotzdem schon schön mit sechzehn durchs Nachtleben getigert, immer gut aufgelegt, immer elegant: Anzug mit Strickkrawatte, Hemden nicht aus Seide, sondern aus Polyacryl. Meine Schuhe waren die eleganten Treter von Kaps – die hatte ich in Schwarz, Braun und Grün, natürlich mit angesagtem Torero-Absatz: leicht erhöht. Dazu trug ich ein Rüschenhemd mit Schleife und manchmal auch einen Smoking.
Didi ZillDidi and His ABC-Boys hießen wir, und wir haben noch die richtige Beat-Phase mitgemacht. Zuerst haben wir Skiffle gespielt. Das war im Jugendheim in Friedenau, wo wir vor Bill Haley auftraten. Es gab nur die Lords als Skiffle-Band und uns, sonst keinen.
Michael BorgeIch wurde in Heide in Holstein, in der Nähe von Büsum, geboren. Mein Cousin hatte damals eine Band, und ich übernahm das Management. Zuerst versuchten sie es mit Skiffle und Jazz, aber ich sagte: »Mit sowas kann man kein Geld verdienen.« Zweimal im Monat dreißig Mark bei Knut Kiesewetter abholen – das war es einfach nicht. Also stellten wir auf Tanzmusik um und spielten an den Wochenenden. Mit der Zeit kamen immer mehr kleine Bands dazu, die ich ebenfalls managte.
Jack WhiteIch war am Puls der Zeit. Die Musik, die ich auflegte, bewegte die Gemüter und die Herzen. Wenn ich am Pult war, bebte die Tanzfläche. Und die Kasse klingelte.
Christian AndersDieter Behlindas Karriere begann genau hier, in Berlin. Er stieg vom Macher zum Manager auf.
Thomas TomczakDieser Typ hatte richtige Wurstfinger, an denen ein dicker goldener Ring mit den Initialen DB prangte. Ich fragte ihn, ob er von der Deutschen Bahn sei: Das war Dieter Behlinda. Ein Kerl wie ein Klops, im blauen Anzug; mit einem Gesicht wie ein Schwamm. Er war zehn Jahre älter als ich und sollte mich kurz drauf als rechte Hand fürs Showgeschäft engagieren.
Christian AndersIn den folgenden Jahren nahm er nahezu alle Stars der deutschen Schlagerszene unter Vertrag: also Holm und mich, Drafi Deutscher, Gitte, Gunter Gabriel, Ricky Shayne und andere: wie Dieter Thomas Heck.
Michael HolmIch studierte in Berlin und kannte die Gebrüder Meisel durch meinen ersten Produzenten, einen gewissen Mal Sondock, ein Amerikaner, der beim Radio arbeitete. Ich hatte gerade mein Jurastudium begonnen, um dann auf seinen Tipp hin als Volontär beim Meisel-Verlag zu landen. Und abends ging man feiern.
Thomas TomczakAls Sänger tingelte Holm schon Mitte der Sechziger herum und hatte auch erste Erfolge. Sein Hit Alle Wünsche kann man nicht erfüllen verschaffte ihm Aufmerksamkeit. Zu dieser Zeit, Mitte der Sechziger, lebte er in Berlin und studierte Jura – sang jedoch regelmäßig.
Didi ZillDann haben wir mit Little Richard und Bill Haley gespielt, als ABC-Boys. Wahnsinn. Wir spielten Nicht eine Mark, unsere Version von Can’t Buy Me Love. Und dann haben wir unsere erste Platte gemacht.
Michael BorgeMein besonderes Highlight war: dass ich die Beatles einmal ansagen durfte, obwohl sie damals noch The Beat Brothers hießen. Eines Abends sagte der Geschäftsführer des Star-Club, Horst Fascher, zu mir: »Komm, mach doch mal ’ne Ansage für John, Paul, George – und …« Ringo war ja noch gar nicht dabei. Dafür erwähnte ich Bert Kaempfert, der im Laden war, und sagte: »Please welcome Tony Sheridan and The Beat Brothers.«
Thomas TomczakZur Eröffnung des Liverpool Hoop trat Drafi Deutscher gemeinsam mit einer der besten Berliner Beat-Bands der damaligen Zeit auf: Edgar & The Breathless. Diese Band war viele Jahre lang die Hausband des Club 45 in der Rheinstraße gewesen und wurde jetzt fürs Liverpool Hoop verpflichtet. Hier nannten sie sich jetzt Eddie und die Atemlosen und spielten den ganzen Abend Komm, gib mir deine Hand anstelle von I Want to Hold Your Hand. Drafi war zur Eröffnung im weißen Anzug mit roter Schärpe erschienen.
Didi ZillDann kam die Twist-Meisterschaft. Da haben wir mit der Band von Drafi gespielt, den Magics. Drafi war ebenfalls ’n echter Berliner. Zehlendorf, Tempelhof war so mein Kiez; er kam ausm Wedding.
Thomas TomczakSo wurde ich dann Stammgast in dem Laden. Da traf ich Dieter Zill. Alle nannten ihn Didi. Später ist er nach München gezogen und hatte dann immer die gleiche Frisur wie Günter Netzer.
Didi ZillDann gehe ich auf die Toilette, und als ich zurückkomme, fragt mich der Wirt: »Sagen Sie mal, was hat denn der Drafi gegen Sie? Der hat hier eben ganz schön über Sie hergezogen, als Sie weg waren.« O nein, dachte ich, was ist denn das für ein Typ?
Michael BorgeIch habe hier in Berlin neben Nero Brandenburg und Norman Ascot die Badewanne als DJ bespielt. Die beiden brauchten jemanden, der ihnen zur Hand geht. Allerdings konnte ich immer erst am späten Abend, da ich eine Lehre als Koch machte. Deshalb war ich ja nach Berlin gekommen. Vorher hatte ich im Star-Club aufgelegt und auch im Top Ten auf der Reeperbahn.
Didi ZillEinmal hat Drafi sich sogar mein Jackett geborgt. Ich hatte ein weißes Jackett mit einem großen D drauf. Das hatte er sich ausgeliehen und hat es ganz stolz überall präsentiert, er tat dabei so, als ob das D nur für Drafi gestanden hätte.
Michael BorgeViele haben bei uns live gespielt, so wie ich es aus Hamburg kannte. Aber hier konnten die Stars auch direkt zu ihren Platten singen. Es gab noch andere Läden, in denen das passierte: Da war der Jockey-Club von Jack White, die Dachluke und das Liverpool Hoop von Dieter Behlinda. Später kam noch der Joy Club im Europa Center dazu.
Gregor RottschalkIn Berlin hatten die Jugendclubs eine enorme Bedeutung. In den verschiedensten Bezirken gab es solche Clubs, wie zum Beispiel die Dachluke in Kreuzberg. Dort schafften es einige, sogar Bands aus England einzuladen. Wie sie das organisiert haben, weiß ich bis heute nicht, aber es war beeindruckend: Plötzlich spielten Bands wie die Hollies, Cream, die Spencer Davis Group, Golden Earring oder Shocking Blue in der Stadt. Diese Clubs waren echte Anziehungspunkte für Jugendliche.
Jack WhiteIn diesen Musiktempeln konnte ich mein Gehör für Stimmungen und Zwischentöne schulen. Ich konnte zusehen, welcher Beat die Musikfans anmachte und welcher Rhythmus sie eiskalt ließ. Letzteres erlebte ich zum Glück selten, waren doch die weiblichen Geschöpfe nahezu alle verliebt in den DJ und tanzten schon allein mir zuliebe.
Gregor RottschalkDie Luke, wie sie von Insidern genannt wurde, befand sich im Dachgeschoss und wurde ähnlich wie das Pop Inn in Steglitz als Berliner Jugendclub geführt. Einer der Hauptstrippenzieher dort war Nero Brandenburg, der später auch als Moderator zum RIAS kam.
Christian AndersDieter holte sogar die frühen Bee Gees, Hendrix und The Who nach Berlin; und wenn die Gage für eine Live-Kapelle nicht drin war, legte er weiter selbst die Platten auf. Alles Geschäftliche regelte in jedem Fall immer Behlinda.
Christian BruhnBriten und Amerikaner hatten im besetzten Deutschland der frühen Nachkriegsjahre nicht nur Schokolade, Kaugummi und Präservative im Gepäck, sondern auch jede Menge Musik. Jazz und Rock ’n’ Roll verbreiteten sich über die Soldatensender AFN und BFN und über den RIAS, das war der Rundfunk Im Amerikanischen Sektor, mit Sitz in Schöneberg.
Gregor RottschalkIch selbst durfte am 17. Mai 1967 meine erste Probesendung beim SFB, dem Sender Freies Berlin, machen. Hier war der Name schon Programm. Der SFB war der direkte Konkurrenzsender zum RIAS. Ich wollte unbedingt eine Sendung machen wie John Hendrik, er hatte den Club 18 – das internationale Jazzforum für junge Menschen. Das hieß wirklich so und passte gut zu mir, da ich Jazz und Dixieland liebte, viel mehr als Rockmusik.
HeinoDas sind doch nur intelligente Lippenbekenntnisse, um sich interessant zu machen. Nein, ich höre keinen Jazz, warum sollte ich? Wenn ich doch mal privat Musik hören sollte, höre ich alte Schlager, da hat man sich wenigstens noch Gedanken gemacht um Melodie und Text.
Hans BlumeWas zunächst als Unterhaltung für Soldaten begann, entwickelte sich im Verlauf zu einem kulturellen Impuls, der Deutschland nachhaltig prägte. Radio war wichtig und vermittelte ein Gemeinschaftsflair, genau wie die ganzen Clubs mit ihrem britischen Flair und einem Publikum aus Soldaten, Studenten und Künstlern.
Gregor RottschalkSandy Shaw trat in der Hasenheide auf, in der Neuen Welt, und ich sollte mein allererstes Interview machen. Man hatte mir versprochen, mir ein professionelles Tonbandgerät mitzugeben: eine Nagra, also das Nonplusultra der damaligen Technik. Und was bekam ich stattdessen? Einen billigen Kassettenrekorder und ein Zillig-Mikrofon. Noch nicht mal ein Logo vom Sender war vorne drauf.
HeinoIch hatte angefangen in der Blütezeit der Beatmusik, bei einer englischen Firma, bei der auch die Beatles unter Vertrag waren. EMI. Die haben mir dann schon nach einem Jahr einen Zehn-Jahres-Vertrag angeboten, obwohl ich eine eher volkstümliche Musik pflegte.
Gregor RottschalkIch fuhr damals einen Lloyd 400, und der war wenig repräsentativ. Da war es eine Herausforderung, überhaupt zum Hintereingang der Bühne zu gelangen, geschweige denn, die Leute davon zu überzeugen, mich hineinzulassen. Schließlich wollte ich nicht nur hinter die Bühne, sondern irgendwie auch ein Interview mit Sandy Shaw ergattern. An diesem Abend lernte ich ihren Vater kennen und flehte ihn an: »Ich muss mit Ihrer Tochter ein Interview machen, sonst ist mein Leben verpfuscht!« Er meinte: »Pass auf, Junge, ich kann nicht viel für dich tun. Aber nach ihrem Auftritt kommen zwei Taxis. Sandy und die Band steigen ein. Das ist deine Chance.«
HeinoBei einer Preisverleihung in Essen war die Gruppe Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick and Tich mit dabei. Die haben wie ich einen Bravo-Otto bekommen und danach das Hotelzimmer zerlegt. Also ich habe kein Hotelzimmer zerlegt, ich habe nur den Bravo-Otto bekommen.
Gregor RottschalkAlso wartete ich. Die Band kam tatsächlich, aufgeteilt in zwei Taxis: die Musiker in das eine, Sandy in das andere. Als sie losfuhren, hielt ich ihr mein Mikrofon unter die Nase, während ich irgendwie auf den Rücksitz ihres Taxis sprang. Die Bandmitglieder haben sich schlappgelacht. Später am Abend wollte ich Sandy nochmal sprechen und klopfte an ihre Zimmertür. Als sie öffnete, war sie gerade aus der Dusche gekommen – splitterfasernackt. Sie erkannte mich und war stinksauer. Bevor ich mich erklären konnte, warf sie mich raus. Es war schon mitten in der Nacht, wahrscheinlich zwei Uhr, und mein Auto stand immer noch auf dem privaten Parkplatz der Hasenheide.
HeinoIch bin dann aus dem Hotel ausgezogen, da konnte man eh nicht schlafen. Bei den Rockern ist das aber auch vielfach eine reine Attitüde. Die fühlen sich genötigt, sich danebenzubenehmen.
Gregor RottschalkEs gehört ein gewisses Selbstbewusstsein dazu, sonst wäre ich wohl kaum mit einem Kassettenrekorder hinter Sandy Shaw hergelaufen. Aber ehrlich gesagt: Wenn man das nicht hat, kann man es gleich sein lassen. Ich habe mir keine Gedanken gemacht, wo das herkam, es war einfach die logische Konsequenz dessen, was ich wollte.
Jack WhiteWenngleich meine Zukunft als Musiker auf wackeligen Füßen stand, eins stand für mich fest: Zurück nach Köln, wo mein Produzent Hans Bertram und auch meine Mutter wohnten, wollte ich nicht. Mit Köln assoziierte ich eine freudlose Jugend. Ich hatte noch nicht den nötigen Abstand zu allem, was ich da lange nach den Nazi-Schreckensjahren erleben musste.
Hans BlumeMan darf nicht vergessen, dass West-Berlin noch östliche Frontstadt war. Als ich nach Berlin kam, donnerten die Sowjet-Düsenjäger noch im Tiefflug über Charlottenburg und Wilmersdorf hinweg.
Christian BruhnImmer, wenn ich in Berlin weilte, kam mir unweigerlich der Gedanke, dass ohne Hitler und seine Abermillionen von Helfern Berlin wohl das kulturelle Zentrum geblieben wäre. Alle Künstler, ob bildend, schreibend oder musizierend, hatten hier gewohnt, aber nun war die Unterhaltungsbranche im gesamten Lande verstreut und hatte sich von den Nazis nie wieder erholt.
Hans BlumeIn einer Beziehung offenbarte sich Berlin jedoch als Kontrastprogramm zu allem, was ich bisher kannte: Hier duzte sich einfach jeder mit jedem. Alles war locker. Wir saßen im großen Balkonzimmer einer Altberliner Mietwohnung in der Wittelsbacher Straße. Das heißt, die meiste Zeit saß ich dort allein. Peter Meisel, der sich besonders um die Karriere von Drafi Deutscher kümmerte, war ständig unterwegs.
Christian AndersJa, irgendetwas hatte dieses Berlin, das andere Städte einem nicht bieten konnten. Ich zog von München her und hatte eine kleine Wohnung in der Ballenstedter Straße, nur zehn Meter von Hansa entfernt. Hochparterre, Balkon, zwei Zimmer, Küche, Diele, Bad. Die Wohnung war das pure Junggesellenchaos, und die Mädchen stiegen ungeniert über den Balkon ein, um von da direkt in mein Schlafzimmer zu gelangen.
Ulli Weigel1966 habe ich zum ersten Mal einen Fuß nach Berlin gesetzt und bin gleich voll in Hundescheiße getreten. Ich traf Michael Kudritzki vom Meisel-Verlag, der später mein Ausbilder wurde. Als ich da so saß, sagte er: »Das riecht hier so komisch! Heben Sie mal den Fuß an.« Das war Berlin!
Bernhard BrinkMein Leben bekam eine Eigendynamik, und Berlin wurde schnell zu meinem Ding. Zur Bundeswehr brauchte ich dort nicht; hier gab es den Sonderstatus. Also nichts wie ab nach West-Berlin, dachte ich mir. Erst bis Hannover und dann mit dem Zug durch die Zone. In Berlin wollte ich dann studieren, aber der Spaß sollte auch nicht zu kurz kommen. Also nichts wie ab dafür!
Jan 69 Die erste ZDF-Hitparade wird live im Fernsehen ausgestrahlt ++ Das ZDF beginnt mit der Ausstrahlung der Fernsehserie Der Kommissar ++ Die Beatles spielen ihr letztes öffentliches Konzert auf dem Dach ihres Bürogebäudes in der Savile Row ++ Nixon wird 37. Präsident der USA ++ März 69 Heinemann wird Bundespräsident ++ Erstflug der Concorde ++ April 69 Christian Anders veröffentlicht Geh’ nicht vorbei ++ Juni 69 Michael Holm veröffentlicht Mendocino und verweilt 17 Wochen in den Charts ++ Juli 69 Mondlandung von Apollo 11 ++ Aug 69 Woodstock-Musikfestival ++ Spiel mir das Lied vom Tod kommt in die Kinos ++ Die Manson-Morde verändern die Hippiewelt ++ Sep 69 Änderung des § 175 ++ Okt 69 Willy Brandt wird Bundeskanzler ++ Berliner Fernsehturm wird eröffnet ++ Das deutsche Hair-Musical zieht von der Schaubühne am Halleschen Ufer ins Eden Theater ++ Dez 69Easy Rider läuft in den Kinos ++ James Lasts Non Stop Dancing 9 verweilt drei Monate in den Charts ++ James Last komponiert und spielt die Titelmelodie zur Hitparade ++
Hans BlumeBei einem Besuch in Hamburg fragte mich Peter Meisel, was ich von der Gründung einer deutschen unabhängigen Schallplattenfirma nach amerikanischem Vorbild halten würde. Er erwog die Gründung von Hansa als Gegengewicht zu den deutschen Branchenriesen Electrola, Polydor und Teldec, genauer: Telefunken Decca, der Firma, bei der ich in Lohn und Brot stand.
Christian BruhnWir, Peter Meisel und ich, waren die beiden ersten Independent Producer, so nannte man das. Zuvor waren Produzenten immer Angestellte der Plattenfirmen. Wir aber hatten immer alles auf eigene Kosten produziert und dann an die Plattenfirmen verkauft, so haben wir uns einen eigenen Interpretenstamm aufgebaut und blieben unabhängig. Dazu gehörten Drafi Deutscher, Manuela, Marion Maerz, die am Anfang ihrer Karriere nur unter ihrem Vornamen auftrat, so wie es Alexandra oder Lolita bereits vorgemacht hatten. Für Marion entstand unser allererster Hit, Er ist wieder da, den ich in der Mittagspause im kleinen Kabuff neben der Küche schrieb, in dem damals ein Klavier stand.
Michael BorgeAm Klavier im Büro, ja, so war es immer. Hier spielten sie ihre neuen Lieder vor. Ob das nun Christian Bruhn war oder Joachim Heider oder wer auch immer. Es wurde eine Melodie komponiert und am Klavier vorgetragen. Meistens im Büro von Peter Meisel oder ganz hinten durch bei Rudi Schröder auf dem Originalpiano von Will Meisel.
Christian BruhnPeter ging mit Geschäftsfreunden zum Mittagessen und meinte noch: »Dann arbeite mal schön!« Als das Stück fertig war, war ich selbst begeistert. Das wurde der erste größere Hit für die junge Hansa.
Hans BlumeDer junge Musikverleger hatte sich Top-Komponist Bruhn geschnappt, um neben der Verlagsgesellschaft, die er von seinem Vater geerbt hatte, nun eine Plattenfirma zu gründen. Der kreative Selfmademan Meisel hatte mit seinen dreißig Jahren schon Manuela und Drafi Deutscher unter Vertrag. Er war mir schon vorher aufgefallen. Manuela vermarktete ich ja bereits mit großem Erfolg, ebenso die ersten Platten von Drafi Deutscher. Beide erschienen zwar bei Telefunken, waren aber Kinder der Hansa Musik Produktion, also Produktionen von Bruhn und Meisel.
Christian BruhnMarion Maerz’ Song war ein echter Wahnsinn. So etwas Prägnantes ist uns danach nie wieder eingefallen.
Hans BlumeProduzent Peter Meisel und Komponist Christian Bruhn hatten sich mit Hits wie Zwei kleine Italiener, Schuld war nur der Bossa Nova und Marmor, Stein und Eisen bricht bereits erfolgreich etabliert. Nun stand die Idee dieses eigenen, unabhängigen Labels im Raum. Für uns hieß das: Wir würden zwar die Schallplatten nicht selbst herstellen – wir hätten weder Vertrieb noch Presswerk –, würden aber für das sorgen, was auf die Scheiben draufkommt: die Musik
Christian BruhnSo wurde dem traditionellen Verlagsimperium, das der alte Will Meisel gegründet hatte, nun ein modernes Schallplattenlabel angegliedert: Hansa Records.
Hans BlumeIn dieser Funktion hatte Meisel mich kennengelernt: als Marketingmann, und eben zuständig für unser Unterhaltungsrepertoire. Er hatte seine Produktionen in Lizenz an die Teldec gegeben, um unseren Vertrieb zu nutzen. Wir konnten Schallplatten herstellen und vertreiben, Meisel hatte die Künstler und machte die Produktion. Und so saßen wir des Öfteren beisammen, wenn er uns auf dem Heußweg in Hamburg besuchen kam. Sein Angebot, nun selbst eine unabhängige Schallplattengesellschaft aufzubauen, schien mir sehr reizvoll. Ich kündigte meinen Job in Hamburg und zog mit Kind und Kegel nach Berlin.
Christian BruhnGemeinsam mit Peter Meisel gründete ich die Hansa Musik Produktion, das heißt, Peter machte mich zu seinem Partner, um mich fester an sein Haus zu binden. Ich wurde zum Co-Verleger meiner eigenen Werke, wurde aber wie durch ein Wunder nicht im mindesten reicher dadurch. Die Bilanzen waren mager. Trotz der großen Hits, die wir produzierten, war der Gewinn unscheinbar bis dürftig. – Peter Meisel war einer der wenigen wirklich innovativen Musikverleger im Bereich deutscher Unterhaltungsmusik. Man sagt ja, dass ein Musikverleger von Noten nichts verstünde – von Banknoten jedoch umso mehr.
Michael BorgeIch war früh in der Wittelsbacher dabei, allerdings nicht als Angestellter oder Kollege, sondern als DJ und ich habe später Talentwettbewerbe für die Hansa veranstaltet.
Hans BlumeEine stete Suche nach den Stars von morgen zählte zu unseren Erfolgsgeheimnissen. Nach draußen gehen, Leute auffordern, sich vorzustellen und mitzumachen bei den verschiedenen Talentwettbewerben – das war insbesondere Peter Meisels Verdienst. Wir bedruckten die Rückseite unserer Singles mit folgendem Aufruf: Sind Sie ein Showtalent? Haben Sie Talent zum Singen? Wenden Sie sich, wenn Sie eine Karriere auf dem Gebiet der leichten Muse machen möchten, an das Hansa Nachwuchsstudio, 1 Berlin 31, Wittelsbacherstraße 18. Wir produzierten bereits Manuela, Dorthe, Drafi Deutscher und Mal Sondock.
Michael BorgeIch hatte leider nie so viele Talente wie Michael Kudritzki gefunden, der schon früh Marianne Rosenberg im Romanischen Café entdeckte.
Hans BlumeSo spürten wir immer neue Künstler auf und entwickelten schon bald zahlreiche Zugpferde: Ricky Shayne, Michael Holm, Giorgio Moroder, später auch Gunter Gabriel, Juliane Werding und Marianne Rosenberg. Wir suchten moderne Sänger und Sängerinnen, die nicht älter als fünfundzwanzig Jahre sein sollten, und wer sich bewarb, sollte ein technisch gutes Tonband mit Aufnahmen in deutscher Sprache, ein Foto und kurze biografische Angaben an uns senden.
Peter OrloffIch las eine Anzeige im Musikmarkt. Darin stand, dass Christian Bruhn, Gerhard Hämmerling und Peter Meisel Nachwuchstalente für die Hansa Musik Produktion suchten. Das sprach mich an, genau da wollte ich hin. Zu den Jungen, zu den Aufstrebenden, nicht zu den alten Säcken.
Michael BorgePeter Meisel kam fast immer dazu, und ich habe dann acht Jahre lang alles gemacht, was mit Hansa zu tun hatte. Meisel hatte bereits Manuela, die bürgerlich Doris Inge Wegener hieß, bei einem Talentwettbewerb im Berliner Teenagerlokal Ufer-Eck entdeckt.
Hans BlumeWir entdeckten unsere Künstler nicht nur, wir förderten sie, begleiteten ihre Karriere und vermarkteten sie über Jahre hinweg erfolgreich.
Michael BorgeDie bis dahin völlig unbekannte Sängerin wurde zum Star gemacht. Manuela wohnte im Wedding und arbeitete am Fließband einer Berliner Kondensatorenfabrik. Nach Schuld war nur der Bossa Nova folgte eine wahre Hitserie für sie.
Reinhard MeynenBevor die Hansa Musik Produktion ihr eigenes Label gründete, waren die Meisels bereits als Produzenten aktiv. Peter Meisel produzierte beispielsweise den Song Helicopter US Navy 66 von Manuela, der bei Telefunken veröffentlicht wurde. Genauso wie Schuld war nur der Bossa Nova – alles Peter Meisel für Telefunken.
Hans BlumeLetztlich war es erstaunlich, wie viele Karrieren ihren Startpunkt im Hause Hansa hatten, in Fachkreisen gerne die Meisel-Kneipe genannt. Giorgio Moroder, Frank Farian, Boney M., Jack White, Dieter Bohlen, Modern Talking und viele, viele andere begannen ihre Laufbahn einst bei uns.
Reinhard MeynenChristian Bruhn zog sich bald wieder aus dem Label-Geschäft zurück und widmete sich ausschließlich der Komposition. »Ich will mit dem ganzen Geschäftlichen eines Labels nichts zu tun haben«, erklärte er.
Christian BruhnUnd dann machte ich den wohl größten Fehler meines Lebens: Ich schied aus. Schließlich bin ich kein Kaufmann, meinte ich, da ich mich leicht übervorteilen lasse. Und das war ich in der Tat nicht, denn eine so dämliche Entscheidung kann nur ein bekloppter Komponist treffen.
Reinhard MeynenJede aufstrebende Firma, die quirlig und voller Ideen ist, braucht einen ruhenden Pol. Der von der Hansa Musik Produktion stammt aus Halberstadt und heißt Hans-Eberhard Blume. Immer sachlich, immer praktisch, immer verbindlich!
Michael BorgeHans Blume war zuständig für das Kaufmännische bei Hansa. Er war zuvor bei Telefunken Decca, aber Peter Meisel hatte ihn nun nach Berlin gelotst. Sie kannten sich bereits aus der Zusammenarbeit für Manuela, da viele Produktionen von Meisel bei Teldec erschienen sind. Jetzt wollte man gemeinsame Sache machen, und Blume erwies sich als Glücksgriff. Er bewies ein gutes Händchen für die Hansa und war mit Leib und Seele dabei.
Hans BlumeEs fehlte uns aber noch an Repertoire. Um einen wirklich kommerziellen Katalog zu füllen, braucht es eine gewisse Repertoirebreite. Deshalb wurde es zunehmend wichtig, dass sich Thomas Meisel ebenfalls der Hansa anschloss und Partner wurde. Der fünf Jahre jüngere Bruder von Peter war bereits ein hoffnungsvoller Nachwuchsproduzent, arbeitete aber noch für meinen alten Arbeitgeber. Dort hatte er einen guten Erfolg mit dem Titel Alle Wünsche kann man nicht erfüllen, den Michael Holm eingesungen und Joachim Heider komponiert hatte. Jetzt wollten Peter Meisel und ich ihn dafür gewinnen, zur Hansa Musik Produktion zu kommen.
Christian BruhnDie Ariola in München wurde langsam zu einer bedeutenden Plattenfirma, doch es gab auch die EMI in Köln sowie Teldec und die Deutsche Grammophon in Hamburg. Die Grammophon, kurz DG genannt, galt als Edelmarke, während Polydor die Popmarke war. Auch gab es in Hamburg noch Metronom und Philips. Jede dieser Firmen baute ihre Künstler individuell auf.
Reinhard MeynenWichtig wurde innerhalb der Firmenstruktur der direkt unter Peter Meisel agierende Hans Blume. Eine Art kaufmännischer Leiter, oder wie man heute sagen würde: Managing Director. Er war derjenige, der die Verlagsangelegenheiten regelte und zum Teil mit überlegte, wer unter Vertrag genommen werden sollte und wo die neuen Talente lagen.
Hans BlumeThomas hatte sich anfangs gegenüber den Hansa-Ambitionen seines Bruders noch ziemlich bedeckt gehalten. Er hatte Michael Holm produziert und auch ein paar andere Sachen, doch die gab er nicht ins Hansa-Repertoire. Das lief noch über Telefunken. Die beiden verfolgten ihre Veröffentlichungen in Hamburg, obwohl Thomas Meisel den Verlag in Berlin doch gemeinsam mit seinem Bruder geerbt hatte.
Christian BruhnIch bin kein guter Kaufmann, sonst wäre ich wahrscheinlich viel länger dabeigeblieben, meinen Anteil übernahm dann Thomas. Und verkaufen, das müssen schon Leute, die es von der Pike auf gelernt haben und gutes Geld damit verdienen wollen. Leute wie Hans Blume.
Hans BlumeDer Vater Will Meisel, der potenzielle Erblasser, war ein sehr dominanter Vater, und wie es bei Vätern so manchmal ist, fand er es nicht so gut, was die Söhne machten. Das war dann schnell ganz originell hier in Wilmersdorf: Hatten die Söhne ihr Büro im ersten Stock, so saß der Vater im Parterre. Er schaute immer etwas misstrauisch auf das, was seine Söhne da im ersten Stock wohl treiben würden.
Michael BorgeBlume kam von Hamburg nach Berlin und richtete sich hier ein. Sie machten ihm ein gutes Angebot und gaben ihm einen attraktiven Vertrag.
Hans BlumeDer Vater, den ich nur flüchtig kannte, hatte mich mal auf der Straße angehalten: »Herr Blume, ich habe gehört, meine Söhne haben Sie jetzt zum Direktor ernannt?« Ich sagte: »Herr Meisel, sowas kennen wir doch gar nicht.« Ich habe direkt für beide Brüder gearbeitet und war Angestellter der Hansa Musik Produktion. Peter Meisel hatte mir gleich Prokura angeboten und einiges offeriert, aber der Begriff Direktor existierte für uns gar nicht.
Reinhard MeynenNa ja, einer seiner Mitarbeiter beschrieb das mal so: »Der ist sogar noch freundlich, wenn er einen anpfeift.« Aber auch das will gelernt sein.
Hans BlumeÜberraschend war vor allem die gelebte Disziplinlosigkeit im Vergleich zu dem Konzernbetrieb, den ich gewohnt war. Die hierarchische Struktur einer Konzernetage basiert ja darauf, dass die Geschäftsführung kraft höherer Gehaltsklasse immer recht hat. Ich legte größten Wert darauf, mit allen harmonisch zusammenzuwirken.
Michael BorgeAls junger Mensch will man immer nur nach vorne, deswegen war ich gut aufgehoben im Meisel-Verlag. Hier waren Leute, die wollten was erreichen.
Hans BlumeSo blieb die Hansa nicht lange der von mir so titulierte Ein-Mann-Betrieb mit halber Schreibkraft. Im Laufe der Jahre baute ich ein gutes Team auf. Bei mir waren die Türen stets geöffnet und jedermann, ob Künstler oder Autor, war zu einem Gespräch willkommen. Vor zehn Uhr kam sowieso nie jemand ins Büro, und abends wurde die Meisel-Kneipe geöffnet.
Christian BruhnOft saßen wir abends in feuchtfröhlicher Runde in einem der Büros. »Komm, setz dich zu uns, und sei lustig mit uns«, riefen wir auch einem Peter Meisel zu. Doch er entgegnete zumeist: »Ich bin kein lustiger Mensch«, was aus seinem Munde klang wie Franz Schuberts Ausspruch: »Es gibt keine lustige Musik.«
Hans BlumeMan saß bei einem Glas Whisky beisammen. Es wurde heftig debattiert. Christian Bruhn, der häufig aus München nach Berlin kam, war ein großer Freund des »schottischen Landweins«, wie er den Whisky gerne nannte.
Gregor RottschalkDas war beim Radio nicht anders. Um Fuß zu fassen, war mir klar, dass ich mich bei den Redakteuren beliebt machen musste. Das bedeutete, in der Kantine für sie Kaffee, Whisky oder Wodka zu holen. Solche kleinen Dienste gehörten einfach dazu. Ich habe gelernt: Man muss sich unentbehrlich machen, bis man wirklich dazugehört.
Hans BlumeDas Wichtigste im Popgeschäft ist, dass man kreative Ideen hat und dass die Künstler, die in eine Popkarriere starten wollen, möglichst jung sind. Am besten entsprechend der jugendlichen Zielgruppe. Hits wurden von jungen Leuten gemacht und auch gekauft. Deren Geschmack muss man treffen, und diesen Fans sollten auch die Interpreten altersmäßig entsprechen.
Gregor Rottschalks-f-beat war der geniale Name, den ich mir für meine neue Radiosendung überlegt hatte. Ein Wortspiel. Mein erster Beitrag widmete sich der Band The Hollies. Um Material zu bekommen, ging ich zu Hansa und fragte: »Ich mache eine Radiosendung. Was ist gerade der neueste Trend?« Daraufhin überreichte mir Hans Blume die Anpressung einer Single, die noch gar nicht erschienen war. So kam es, dass ich Hans Blume zum ersten Mal traf. Er war eine etwas altertümliche Erscheinung, reagierte jedoch blitzschnell. Er dachte sich wohl, ein Einsatz beim Radio könne dem Umsatz nicht schaden.
Hans BlumeIch bin ja Pragmatiker, schon immer gewesen, und es gab eine Zeit, da war der Schlager etwas in Verruf geraten. Da sagte man: »Das sind ja nur Schnulzen, das ganze blöde Zeug«, und da wurde das dann nicht mehr gespielt. Rundfunk war jedoch ein ganz wesentliches Marketing-Instrument, obwohl die eher ungern unsere Schlager spielten. Da konnte man nur wenig Unterstützung erwarten. Nur bei bestimmten Rundfunk-Redakteuren hatten wir einen Fuß in der Tür, aus ganz verschiedenen Gründen. Manchmal waren die selber Autoren, dann spielte das Finanzielle eine Rolle. Payola war dann plötzlich so ein Fachbegriff dafür, nachdem es einen Radio-Skandal in Amerika gegeben hatte, weil DJs gegen Geld versprachen, bestimmte Titel zum Einsatz zu bringen.
Gregor RottschalkHansa hatten auch mir mal einen Produktionsvertrag angeboten, das war halt dieses amerikanische Prinzip. Da kam Hans Blume als leicht verbeamteter Geschäftsführer auf mich zu, der sich insgeheim immer fragte: Lohnt sich das, lohnt sich das nicht?
Hans BlumeWenn ich jedoch das Gefühl hatte, etwas lag genau im Trend und war erfolgversprechend, spielte das aufzuwendende Geld nur eine untergeordnete Rolle. Ich hatte schließlich dafür zu sorgen, dass der Laden lief und alle Mitarbeiter bezahlt werden konnten.
Reinhard MeynenHans Blume war der Erste, der fähig war, dem Wort Marketing eine wirkliche Bedeutung einzuhauchen. Er wusste, größere Stückzahlen waren nur mithilfe eines geschickten Marketings abzusetzen. In den folgenden Jahren war es Blumes Name, der untrennbar mit dem Aufbau und dem internationalen Erfolg der Hansa Musik Produktion verbunden war. Vor allem nach dem Tod beider Brüder Meisel blieb Blume letztlich die graue Eminenz der Wittelsbacherstraße.
Christian BruhnMein Ziel war es immer, zu komponieren. Das ist mein Beruf! Meine erste große Industrieaufnahme war Midi-Midinette von Conny Froebess. Dann kamen 62 Zwei kleine Italiener, 64 Liebeskummer lohnt sich nicht und 65 Marmorstein.
Hans BlumeIch hatte damals vor und zurück überlegt. Ist es sinnvoll, nach Berlin zu gehen? Was sind die Zukunftsaussichten einer unabhängigen Firma? Tröstend schien mir der Gedanke, dass Christian Bruhn mit dabei sein würde. Das wäre eine Basis für eine prächtige Zukunft, dachte ich. Der hatte schon Hits. Christian Bruhn war mein Garant dafür, dass das alles gut vorangehen würde.
Christian BruhnMein Vater hatte einen Kunstverlag, der 1933 wegen sogenannter entarteter Kunst geschlossen wurde. Danach brachte er uns redlich als Kaufmann über die Runden. Ich wollte nicht arm bleiben wie die Eltern, wo es immer gerade gelangt hat, und hatte schon früh Erfolg mit Zwei kleine Italiener.
Hans BlumeIch bin schon zehn Jahre zuvor ins Musikgeschäft geraten. Ich war bei Telefunken als Informant, so nannte man das damals, und bin nach dem Studium als Praktikant durch ganz Deutschland gescheucht worden. Erst war ich im Vertrieb in Frankfurt und bin dann nach Hamburg gekommen. Da habe ich das Marketing übernommen für alles, was nicht Klassik war: von der Märchenplatte bis hin zu Elvis Presley.
Christian BruhnIch selbst habe eine grafische Begabung und kann bis heute Farben exakt nachmischen. Ich bekomme den Farbton genau hin – das kann ich wirklich gut. Eine Ausbildung in diesem Bereich lag nahe, da ich nicht motiviert genug war, das Abitur zu machen. Diese Zwischenstation hat mir sehr geholfen: Endlich kam ich unter Menschen, die wirklich arbeiten mussten. Das war eine wichtige Erfahrung für meinen Werdegang.
Hans BlumeElvis war bei RCA unter Vertrag, und Teldec hatte die Rechte in Lizenz hierfür übernommen. Es gab die englische Plattenfirma Decca, die sich mit Telefunken zu einer Company zusammenfügte, der Teldec. Der Platzhirsch der Branche aber hieß Polydor, die saß ebenfalls in Hamburg und war Deutschlands größte Plattenfirma.
Christian BruhnIch war nie in Berlin ansässig. Ich komme aus der Nähe von Hamburg und bin in Österreich aufgewachsen. Ich wollte auch immer zurück in die Berge. Die Szene in Berlin war zwar sehr interessant; doch Berlin war zu jener Zeit noch die geteilte Mauerstadt. Dieses Gefühl der Eingeschlossenheit gefiel mir nicht.
Hans BlumeIch hatte Schwierigkeiten, von der Teldec wegzukommen, weil mein Anstellungsvertrag nicht vorsah, zu einer anderen Plattenfirma wechseln zu dürfen. Dann wurde aber gesagt, »Na, der Meisel ist ja gar keine richtige Schallplattengesellschaft, der ist ja nur Musikverleger«, und schwupps bin ich umgezogen mit meiner Frau und meinen zwei Söhnen.
Christian BruhnIch bin ja mit Klassik und Chorälen erzogen worden. Kontrapunkt, Harmonielehre, all das habe ich gelernt und studiert. Aber ich hatte immer ein Faible für Unterhaltungsmusik, besonders für Liselotte Malkowsky mit Liedern wie Der alte Seemann kann nachts nicht schlafen und Ähnliches. Die ganzen Seemannssachen fand ich immer großartig.
Hans BlumeIch fand Berlin ganz gut und hatte Freunde, die mir eine Wohnung besorgt haben. Also mir ist der Übergang von Hamburg nach Berlin leichtgefallen.
Christian BruhnFreddy Quinn hat so schön gesungen, wirklich wunderschön. Und dazu diese großartigen Stücke von Lotar Olias und Peter Moesser. Das waren die großen Werke jener Zeit. Lotar Olias war gleich nach 45 Musiker im Kabarett Insel geworden und schrieb sein erstes bekanntes Stück mit: Es fährt auf seiner Troika Mr. Moneymaker mit der Balalaika.
Michael BorgePeter Meisel hatte Bruhn 1959 über Camillo Felgen, den Chefsprecher von Radio Luxemburg, beim ersten Deutschen Schlager-Festival in Wiesbaden kennengelernt. Das wurde veranstaltet von Radio Luxemburg. Hier sagte Meisel zu ihm: »Wir hätten gerne, dass Sie bei uns einsteigen.«
Christian BruhnFür den Schlager-Wettbewerb 68 schrieb ich dann Wärst du doch in Düsseldorf geblieben. Dorthe behauptete zwar, der Titel sei inspiriert davon, dass sie zu der Zeit in Düsseldorf lebte, aber die wahre Geschichte ist eine andere: Der Text kam von Georg Buschor. Er sagte: »Ich habe hier eine Zeile: ›Wärst du doch in Heidelberg geblieben‹«, und ich entgegnete: »Du hattest gerade einen Hit mit Memories of Heidelberg, lass nicht schon wieder Heidelberg nehmen. Wir machen Düsseldorf!«
Michael BorgeEs gab so viele Titel von Christian Bruhn, die alle bei uns im Haus verlegt wurden – er schrieb wie die Feuerwehr. Und jetzt hatte er einen Song für Dorthe.
Christian BruhnDie Zeile Wärst du doch in Düsseldorf geblieben war eine vierfache Alliteration – catchy und zugleich etwas komisch. Düsseldorf passte einfach besser. Georg schrieb dann einen wunderschönen Text mit humorvollen Bildern: Schöner Playboy, du wirst nie ein Cowboy sein. Das hatte etwas.
Michael BorgeDer hat geschrieben für Dorthe, Siw Malmkvist und vor allem für Mireille Mathieu, mit der er dann zwar bei der Ariola war, aber verlaglich ist immer alles bei uns geblieben. Christian Bruhn – ein super Typ.
Christian BruhnDie Aufnahme war wirklich gelungen. Wir haben sie in Köln gemacht mit Fred Weyrich. Es kam auch jemand aus Düsseldorf dazu, von Philips, der Plattenfirma von Dorthe, und er war nicht so begeistert: »Datt wird janischt« hatte er in breitem Rheinisch attestiert.
Michael BorgeEr hat so viele unvergessliche Songs vor allem für die weiblichen Stars der Branche geschrieben: Connie Francis, Heidi Brühl, Gitte und Katja Ebstein. Sie verdanken ihm einige ihrer größten Hits.
Hans BlumeEs gibt Entscheidungen, bei denen ich im Nachhinein erkenne, dass ich falschlag. Ich fasse mir heute noch an den Kopf, weil ich bestimmte Chancen nicht richtig genutzt habe. Ein Beispiel dafür ist die Begegnung mit Mireille Mathieu. Ich erhielt einen Anruf von Johnny Stark, ihrem legendären Manager. Er hatte von uns gehört und bat mich, ins Kempinski zu kommen, dem damals besten Hotel in West-Berlin, um über Mireille Mathieu zu sprechen. Als ich dort ankam, sagte er, dass Mireille nun vertraglich frei und als Künstlerin verfügbar sei. Ich dachte aber, dass ihr Musikstil nicht mehr den Geschmack der modernen jungen Leute traf, und sprach im Anschluss mit unserem Verlagspartner Gerhard Hämmerling, der so frankophil war, dass ihn alle scherzhaft »Gérard« nannten. Ich erzählte von meinem Treffen mit Johnny Stark und bat ihn, sich der Sache anzunehmen. Er sollte überlegen, was wir mit Mireille Mathieu machen könnten. Hämmerling sprach kurzerhand mit Christian Bruhn, gewann ihn als Komponisten und setzte sich selbst als Produzenten ein. Den Vertrieb übernahm dann Ariola. So lief das Ganze an Hansa vorbei. Zwar konnte ich mich freuen, dass es ein Verlagsthema blieb, aber finanziell hatte ich letztlich keinen größeren Nutzen davon.
Christian BruhnHinter den Kulissen wurde ihr Durchbruch in Deutschland. Ich habe über einhundert Lieder für sie geschrieben, und sie ist immer bei derselben Plattenfirma geblieben. Sie blieb Ariola stets treu und umgekehrt. Es zählen Hinter den Kulissen von Paris, An einem Sonntag in Avignon und Pariser Tango zu meinen liebsten Liedern von mir für sie.
Hans BlumeWas eigentlich die Basis für unsere Zusammenarbeit sein sollte, wurde hierdurch ein wenig aufgelöst. Er arbeitete weiter für Mireille, aber nicht mehr für Hansa. Christian Bruhn war nicht wirklich vertraglich gebunden und fühlte sich auch nie wohl in der Rolle des Kaufmanns.
Christian BruhnObwohl die Szene durch das Haus Meisel stetig wuchs, zog es mich nie dauerhaft nach Berlin. Ich hatte zwar eine Wohnung vor Ort und war oft wegen Produktionen im Studio, das ja auch zunächst noch der Ariola gehörte, aber Berlin wurde nie wirklich meine Heimat. Trotzdem behielt ich ein gutes Verhältnis zum Verlagshaus Meisel, da wir uns auf eine Refundierung, also eine Rückabwicklung, geeinigt hatten.
Sherry BertramWir mussten flüchten. Meine Schwester, meine Mutter, mein Vater und ich. Über Bad Kissingen und Dortmund sind wir nach Düsseldorf gekommen, da wir kriegsbedingt aus Leipzig wegmussten. Mein Vater war im Zweiten Weltkrieg Offizier bei der Luftwaffe und wurde in Düsseldorf zum Schutz der Henkelwerke eingesetzt. In Holthausen. Und was macht ein Offizier nach dem Krieg, der nichts anderes gelernt hatte? Richtig! Schwarzmarktgeschäfte.
Peter SchirmannDas hatte mir Hanns Eisler beigebracht. Er sagte: »Das mit dem Partiturenlesen ist gar nicht so schwierig.« Ich antwortete, dass ich zwar lesen, aber nicht hören könne, was ich da lese. Daraufhin sagte er: »Trainieren Sie Folgendes: Haben Sie eine bestimmte Sinfonie, die Sie besonders mögen – für großes Orchester?«
Sherry BertramUnd da meine Mutter die Tochter eines Gardinenwebers war, sie stammte direkt aus einer Gardinenspinnerdynastie, handelte mein Vater mit Damenstrümpfen. Das war eine Riesengeschichte.
Peter SchirmannIch sagte: »Die erste Sinfonie von Beethoven, die mag ich.« Daraufhin meinte er: »Kaufen Sie sich die Platte, es gibt da eine schöne Stereoaufnahme, und lesen Sie die Partitur immer eifrig mit. Machen Sie das mehrfach und immer wieder.«
Sherry BertramIn Leipzig hatte ich noch Klavierunterricht, aber da hatte mir Nazi-Deutschland auch schön in die Suppe gespuckt. Meine Klavierlehrerin wohnte weit entfernt, und als Leipzig immer stärker bombardiert wurde, sagte meine Mutter, dass es zu gefährlich sei, und entschied, mich nicht weiter unterrichten zu lassen.
Peter Schirmann»Sie werden feststellen«, sagte dann Eisler, »vorausgesetzt Ihr Gedächtnis funktioniert halbwegs, dass Sie anfangen werden, die Partitur zu lesen und gleichzeitig zu hören.« Und durch diese Übung habe ich das vertikale Lesen und Hören ziemlich gut gelernt. Ich hätte danach auch Kapellmeister werden können.
Sherry BertramUnd da habe ich dann meinen Spitznamen bekommen. Ich war auf dem Max-Planck-Gymnasium, das damals mit einer anderen Schule auf der Kö zusammengelegt war, und wir hatten einen Mitschüler, der schrieb sich Wiesner. Also mit ie, und er legte großen Wert darauf, dass er, wann immer er von Lehrern oder Schülern als Wisner angesprochen wurde, sagte: »Mein Name ist Wiesner.« Das nervte alle. Eines Tages, wir standen in der Clique auf dem Schulhof, sagte ich wieder: »Wisner, pass mal auf, dies und das.« Prompt sagte er erneut: »Mein Name ist Wiesner.« Da sagte ich zu ihm: »Weißt du was, ich nenne dich weder Wiesner noch Wisner, ich nenne dich Whiskey.« Und spontan antwortete er: »Dann nenne ich dich Sherry.«
Peter SchirmannEs kam ein Werbeproduzent auf mich zu und fragte: »Können Sie eine Erkennungsmelodie machen für Handelsgold?« Handelsgold war so eine Zigarrenmarke. Sie hatten dann Millionen von Folien produziert für Handelsgold, solche Tonfolien, die wie eine ganz dünne Schallplatte waren. Ich schrieb ihnen Melodien, die man leicht im Kopf behalten konnte. Und, na ja, das sprach sich dann schnell rum.
Sherry BertramWir hatten eine Dixieland-Kapelle, mit der wir immer direkt auf der Königsallee gespielt hatten, in einem Club, der New Orleans hieß. Da gabs Dixieland bis zwölf, und danach machten sie Modern Jazz. Früher spielte man noch Waschbrett, damit habe ich angefangen. Ich komme eigentlich vom Waschbrett und habe heute noch drei davon im Keller stehen.
Gregor RottschalkIch habe das Radio-Handwerk dann in Luxemburg gelernt, da hatte mich Hansa für vier Wochen untergebracht. Dort habe ich zum ersten Mal Radio gemacht, für das die Texte nicht vorgegeben waren. Man durfte frei sprechen. Später konnte man sogar selbst die Platten dazu auflegen, was ursprünglich die Aufgabe eines Technikers war.
Sherry BertramIch hörte hier in Berlin eine Radiosendung vom RIAS, den Club 18. Der Moderator war ein Deutsch-Amerikaner namens John Hendrik. Eines Tages unterlief ihm in der Sendung ein Lapsus, und da ich zu dem Zeitpunkt schon viel Erfahrung und Wissen über Jazz gesammelt hatte, schrieb ich ihm, keck wie ich war, einen Brief und wies ihn höflich auf seinen Fehler hin.
Gregor RottschalkWieder in Berlin lernte ich Fred Jay kennen, also Mr Jacobson, wie er richtig hieß. Das war der Chef vom RIAS, da lief ja alles noch unter amerikanischer Führung. Er hatte uns vom Start weg große Freiheiten gelassen und meinte: »Ihr seid jung, ihr dürft machen, was ihr wollt.« Ähnlich sah es auch der Chef der Unterhaltung, Hans Rosenthal. Er sagte: »Bei mir dürft ihr alles machen, nur keine Fehler.«
Michael BorgeRadio Luxemburg war der absolute Vorreiter, wenn es um innovative Radioprogramme ging. Danach kamen noch Sender wie Radio Veronica aus Holland, Radio London und der Piratensender Radio Caroline hinzu. Das war Rebellion pur, was die da von ihren Schiffen aus sendeten. Da war der RIAS noch ganz harmlos gegen, obwohl auch da Popkultur mitbestimmt wurde. Private Radiosender gab es noch nicht.
Sherry BertramAuf meinen Brief hin lud Hendrik mich ein in sein Büro im RIAS-Haus. Er bedankte sich und meinte, er hätte darüber nachgedacht, ein Treffen für die Hörer der Sendung zu organisieren. Er hatte sogar schon mit einem Jugendclub in Schöneberg gesprochen, der uns einen Raum zur Verfügung stellen sollte. Nicht weit vom Rathaus Schöneberg trafen wir uns dann. Es stand ein Klavier im Raum, aber anfangs hörten wir nur Platten. Er kam an Platten ran, die man damals gar nicht bekam. Diese brauchte er für seine Sendung. Wir hörten alles, von Dixieland bis Bebop. Das war großartig – wir liebten den Jazz.
Gregor RottschalkIn jungen Jahren hatte ich oft die Angewohnheit, Platten, die mir nicht gefielen, vor laufendem Mikro einfach zu zerbrechen. Fred nahm mich dann zur Seite und sagte, ich sollte nichts niedermachen und schlechtreden, was anderen gefallen könnte. Wenn dir jemand nicht gefällt, dann lass ihn einfach aus, schweige darüber. Diese Haltung prägte ihn und dann auch mich. Man hat nie ein böses Wort aus seinem Mund gehört.
Sherry BertramGerade im Jazz spielt der Arrangeur eine zentrale Rolle. Es gab Zeiten, in denen Sinatra und viele andere Sänger sehr ähnliche Titel aufgenommen haben. Es lag dann am Arrangeur, den Song anders klingen zu lassen als die Version, die vielleicht schon jemand gemacht hatte.
Peter SchirmannNelson Riddle und Don Costa sind für mich nach wie vor die ganz Großen. Was Don Costa teilweise da für die großen Orchester geschrieben hat, ist schlichtweg unglaublich. Seine Arrangements sind für sich genommen schon fast wieder neue Kompositionen.
Gregor RottschalkWir hatten keine Lust mehr auf die alten Bandgeräte und sagten: »Das ist doch Schrott! So kann man doch keinen modernen Rundfunk machen.« Jacobson nahm uns ernst und sorgte dafür, dass wir mit richtigem Discjockey-Equipment auf Sendung gehen konnten. Wir haben unsere Musik selbst gefahren. Auf EMT-Plattenspielern, mit Kopfhörern und direkter Kontrolle. Das veränderte den Stil der Sendung radikal.
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Hans BlumeUnser Geschäft – Platten zu produzieren, gestalten und zu verkaufen – war mit erheblichen Kosten verbunden. Produzenten, Komponisten, Musiker und Interpreten waren schon eine Spezies für sich. Fotografen, Grafiker, und nicht zu vergessen die Arrangeure. Wir mussten alles unter ein Dach und in den Griff bekommen. Unsere Philosophie lautete: Wir streben nach Erfolg!
Christian BruhnDie Meisel-Verlage waren eine Art Zentrum der Berliner Schlagerzunft. Hier trafen sich Michael Holm und der großartige Komponist Joachim Heider, Arrangeur Dieter Zimmermann, alle erdenklichen Textdichter und auch ein Giorgio Moroder.
Michael HolmDamals war ich als Student in Berlin. Neben meinem Jurastudium habe ich ein bisschen bei Meisel gearbeitet. Der Kontakt kam über meinen Erstproduzenten Mal Sondock, der zu Peter Meisel sagte: »Übrigens, der singt auch. Vielleicht kann er mal was für euch machen.« Dann wollte er etwas hören. Ich habe ihm drei oder vier meiner besten Titel vorgespielt. Es wurde plötzlich ganz still, und kurz darauf war ich exklusiv bei Meisel unter Vertrag.
Peter OrloffVon Beginn an hat mich bei Platten besonders interessiert, wer sie geschrieben und produziert hat. Ich habe immer darauf geachtet, welche Autoren in den Klammern stehen, und auch die Namen der Produzenten faszinierten mich.
Michael HolmEs ging relativ schnell, und ich hatte ein paar richtig große Erfolge. Einer davon war mit Roy Black: Irgendjemand liebt auch dich. Ich habe es für einen Komponistenwettbewerb mit Christian Bruhn schreiben dürfen, und als es genommen wurde, hatten wir sofort die Aufmerksamkeit von Roy Black, dem großen Star der sechziger Jahre.
Peter OrloffChristian Bruhn und Georg Buschor waren eigentlich die Könige der Schlagerfestspiele. Sie hatten Hits wie Liebeskummer geschrieben und machten einfach herausragende Arbeit.
Michael HolmRoy Black war der perfekte Crooner. Ein softer, ein wunderbarer Balladero, ein Schnulzenheini, wie man damals sagte, aber ausgestattet mit dieser tollen Stimme. Ich habe gern für ihn gearbeitet. Er hatte jedoch etwas Tragisches an sich und war gefühlt eine Generation älter als ich, obwohl wir im gleichen Jahr geboren sind. Roy wurde direkt von Polydor für das Schlagerfestival angemeldet, aber sein Produzent Hans Bertram aus Köln hatte ebenfalls ein Stück für ihn eingereicht. Die Jury entschied sich aber für unser Lied. Irgendjemand liebt auch dich passte auch wirklich perfekt zu Roy.
Peter OrloffIch selbst hatte einen Fünfjahresvertrag bei Cornet in Köln unterschrieben, der einseitig optierbar war. Mit der Zeit bekam ich jedoch das Problem, dass ich mit den Liedern, die ich eigentlich singen wollte, und den Liedern, die mir angeboten wurden, nicht ganz d’accord ging. Monika hatte ich noch gern gesungen und immer mit Verve und Energie vorgetragen. Herr Gietz von Cornet war darüber sehr erfreut, und ich war froh, einen so hervorragenden Produzenten an meiner Seite zu haben. Heinz Gietz und Kurt Feltz waren das Traumduo. In Köln kamen noch Werner Scharfenberger und Hans Bertram dazu, die ebenfalls herausragende Orchester leiteten.
Christian BruhnWenn ich bei den Aufnahmen mit großem Orchester dabei war – und das war ich bei 99,9 % meiner Stücke –, dann brauchte ich keinen Arrangeur; ich habe immer alles selbst gemacht. Es gibt nur ein paar Ausnahmen, zum Beispiel bei Zwei kleine Italiener. Diese Aufnahme wurde in Köln gemacht, und das Arrangement übernahm der Kopist von Heinz Gietz, ein äußerst rührender Mann: Gerhard Eisenmann. Er hat mein Demo verantwortlich und wortwörtlich abgeschrieben, Note für Note. Ich danke ihm noch heute dafür. Alles wurde übertragen, sogar für Marimba und Akkordeon, so wie ich es geschrieben hatte: Eine Reise in den Süden, ist für andre schick und fein.
Sherry BertramDer Arrangeur trifft rein musikalische Entscheidungen, bestimmt also, welche Instrumente welche Melodiebögen spielen und wie das Gesamtbild der Musik aussehen soll. Das heißt, der Arrangeur ist derjenige, der für den jeweiligen Titel, der aufgenommen werden soll, die Besetzung auswählt und das Arrangement entwirft.
Christian BruhnIch habe, mit Ausnahme von France Gall, immer alles selbst arrangiert. Ich brauche keinen Arrangeur. Ich bin mein Arrangeur.
Peter OrloffChristian Bruhn war ein sehr präziser Produzent, aber auch Gietz war schon präzise; darin lag kein Unterschied. Gietz zeigte mir jedoch, was mit Magic of the First Touch gemeint war: die Magie der ersten Aufnahme. Das war so seine eigene Philosophie. Er ließ die erste Aufnahme gerne direkt so stehen, weil sie so authentisch klang. Und das war auch immer meine Tendenz, wenn ich selbst produzierte. Ich war der Meinung, je früher man die Aufnahme einfängt, desto besser.
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Peter OrloffKurze Zeit später fuhr ich nach Berlin und besuchte erstmals die Hansa. Ich wollte mir einen Eindruck verschaffen. Als ich klingelte, öffnete mir ein junger, etwas kleinerer Mann mit einer Zigarette in der Hand – das war Drafi Deutscher. Ich dachte noch: Darf man als Sänger denn überhaupt rauchen? Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Zu mir war er sehr herzlich, was mich freute.
Christian BruhnDrafi hatte damals wenig mehr als eine Strophe in der Tasche, als er zu mir kam. Nur dieses Weine nicht, wenn der Regen fällt mit dem Dam-dam am Ende. Um dieses Fragment herum klöppelte ich dann gemeinsam mit Textdichter Günter Loose den Rest von Marmor, Stein und Eisen bricht. Es ist bis heute noch der größte Erfolg für jeden Einzelnen von uns: Deutscher, Bruhn und Loose.
Peter Orloff
