Spiegelbilder - Bettina Gregshammer - E-Book

Spiegelbilder E-Book

Bettina Gregshammer

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Beschreibung

Eine Seele in zwei Körpern nennt man Freundschaft. - Bethany und Fynn lernten sich als Kinder kennen. Familiäre Probleme und schwere Verluste schweißten die beiden eng zusammen. Es dauerte nicht lange bis eine unzertrennliche Freundschaft entstand. Kindheit. Pubertät. Schule. Der erste Job. Nichts konnte die beiden jemals trennen. In derselben Stadt aufgewachsen, verbrachten sie jede freie Minute miteinander. Doch ihr Band wurde oftmals von Geheimnissen überschattet. Erst durch einen tragischen Autounfall kommt ans Licht, wie groß die Geheimnisse tatsächlich waren. Nichts sollte jemals wieder so sein wie vorher...

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Seitenzahl: 299

Veröffentlichungsjahr: 2022

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© 2022 Bettina Gregshammer

Buchsatz von tredition, erstellt mit dem tredition Designer

ISBN Softcover: 978-3-347-54132-0

ISBN Hardcover: 978-3-347-54145-0

ISBN E-Book: 978-3-347-54150-4

Druck und Distribution im Auftrag der Autorin: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Spiegelbilder

Band I

Bettina Gregshammer

In ewiger Erinnerung an F.

Kapitel Eins

Hektisch stürme ich durch mein Zimmer, um ein Outfit zu suchen, welches ich mir bereits im Kopf zusammengestellt habe. Ich konnte noch nicht mal meinen Koffer auspacken. „Dämliches Wetter!“ sage ich lautstark durch den Raum. Ich begebe mich zum Fenster und beobachte die fallenden Schneeflocken. „War nicht so gemeint. Ich liebe dich Schnee!“ sage ich entschuldigend. Hör auf mit den Selbstgesprächen! Ich nehme die Suche nach den einzelnen Anziehsachen wieder auf und durchwühle meinen Koffer. Ich schrecke auf als ich ein vertrautes Hupen höre. Meine Mundwinkel formen sich sekundenschnell zu einem Lächeln. Ach egal! Ich nehme mir einen rosa Pullover und ziehe ihn mir über mein blaues T-Shirt. Weiters entscheide ich mich für meine schwarze Sportleggins und Flauschsocken. Als ich gerade die Stufen hinunterlaufe sehe ich meine Mutter am Treppenende mit verschränkten Armen… sie löst ihren Griff und gibt mir eine Dose mit zwei Sandwiches in die Hand. Ich schenke ihr ein schnelles Grinsen, schlüpfe in meine schwarzen Winterboots, ziehe mir hektisch meine Jacke an und renne aus dem Haus.

Sofort entdecke ich einen alten Bekannten, einen alten Chevrolet in dunkelbau. Als ich beim Auto ankomme, wird an der Beifahrerseite das Fenster hinuntergelassen. Blaue Augen blitzen mir entgegen. „Beth, du enttäuscht mich, lässt mich hier unzählige Minuten warten.“ Währenddessen zeichnet sich ein fieses Schmunzeln auf seine Lippen. Ich schmeiße die Brotdose durchs Fenster auf den Rücksitz und betätige den Autotürgriff, um mich ins Auto zu setzen. Unser Augenkontakt wird durch eine sofortige Umarmung unterbrochen. „Ich habe dich so vermisst Fynn!“ „Und meine Sprüche ebenso, habe ich recht?“ erwidert er, ohne mich loszulassen. „Man merkt, du hast dir über dein Outfit wieder mal viele Gedanken gemacht!“ fügt er lachend hinzu. Daraufhin gebe ich ihm mit meiner Hand einen leichten Klaps auf den Hinterkopf. Lächelnd starren wir uns noch eine Weile an, seine blauen Augen funkeln in der Dämmerung. Sein blondes Haar ist durch unsere vorige Umarmung völlig durcheinander, mit einem kurzen Handgriff bringe ich seine Haare in Ordnung und streiche ihm über die Wange. „Du siehst wunderschön aus Bethany!“ Ich werde rot und kichere. „Also möchtest du hier vor meinem Haus ein Zelt aufschlagen oder fahren wir los?“ erwidere ich. Kurz darauf betätigt er den Ganghebel und wir rasen mit hohem Tempo davon. Wie ich diese Raserei gehasst habe als er seinen Führerschein bekam. Wir stritten uns ununterbrochen. Mittlerweile weiß ich, er hat alles unter Kontrolle. Ich lasse mich entspannt in den Sitz fallen. Er reicht mir eine Decke vom Rücksitz und sagt „Das Fenster kannst du offenlassen!“ Ich lächle ihn an, er weiß genau wie sehr ich den Geruch von frischem Schnee liebe. Ich wickle mich in die Decke ein, einen Arm halte ich aus dem Fenster. Ich kann spüren wie einzelne Schneeflocken auf meinem Handgelenk landen. Die anfängliche Kälte kitzelt auf meiner Haut.

Nach einer kurzen Autofahrt kommen wir an unserem absoluten Lieblingsplatz an, es ist ein kleiner Waldspielplatz, wo wir immer auf der gleichen Bank sitzen und immer dieselben Sandwiches meiner Mutter essen. „Mary hat sich mit den Broten wieder selbst übertroffen, sag ihr danke von mir.“ Ich nicke und starre gleichzeitig in die Ferne auf die im Wind baumelnde Schaukel. Er stößt mit seiner Schulter auf meine und sagt „Und wie war der Kurs?“ Ich hatte zuvor einen dreimonatigen Fotografie-Kurs absolviert und bin heute Nachmittag heimgereist. „Es war fantastisch, nicht in Worte zu fassen was ich alles gelernt habe, stellst du dich morgen für ein Shooting zu Verfügung?“ frage ich während ich meinen Hundeblick aufsetze. Er verdreht die Augen und sieht in eine andere Richtung.

„Ach komm, du bist doch mein bester Freund und eindeutig der hübscheste Mann hier in unserer kleinen Stadt!“ Ungelogen, in Everwood gibt es zirka 500 Einwohner, ein winziges Lebensmittel Geschäft und eine kleine Grundschule, wo meine Mutter Mary unterrichtet.

Während der kurzen Stille zündet er sich eine Zigarette an und schaut mit genervter Miene zu mir. „Ok! Aber ich suche mir die Posen selbst aus!“ meint er kapitulierend. Ich lächle ihn an und nehme ihm die Zigarette aus der Hand, um ebenfalls einen Zug zu nehmen. Auf diesem Spielplatz verbrachten Fynn und ich goldene Kinder- und verrückte Teenagertage. Hier habe ich mich als Kind das erste Mal verletzt. Und später habe ich hier als Teenager meine erste Zigarette versucht und das erste Mal Alkohol getrunken, überall war Fynn dabei. Als er seinen Führerschein bekam, haben wir uns diese Treffen hier als kleinen Spaß beibehalten. Es ist unsere kleine Tradition.

Wir reden noch eine ganze Weile über alles was in den letzten drei Monaten geschehen ist, dabei teilen wir uns die Decke aus dem Auto und lachen in die Nacht hinein. Die Zeit vergeht immer in Windeseile, wenn ich bei Fynn bin. Wir waren schon immer auf einer Wellenlänge.

Als es nach einer Weile zu kalt wird steigen wir in sein Auto und fahren auf die Farm seiner Großeltern. Fynn ist bei ihnen aufgewachsen. Sie sind die großzügigsten Menschen, die ich je getroffen habe. Er wird auf jeden Fall in dieser Kleinstadt bleiben und die Landwirtschaft seines Opas übernehmen, das ist mir klar. Ich wünschte ich hätte die Klarheit, wohin mich mein Lebensweg verschlägt.

Als wir das Haus betreten, beeile ich mich, um Rose und Charles endlich wieder zu sehen. „Immer diese übertriebene Energie!“ sagt Fynn gelangweilt, während er sich die Schuhe auszieht und ich schon aus dem Vorhaus raus bin. Als er auch endlich die Küche betritt findet er mich in einer tiefen Umarmung mit Rose wieder. Mit einem Keks in der Hand machen wir uns auf den Weg ins Wohnzimmer, um Charles zu besuchen. Er ist bereits auf dem Couchsessel eingeschlafen. Wir kichern und gehen über die Treppen hinauf, welche dabei lautstark knarren, um in Fynns Zimmer zu gelangen.

Es hat sich nichts verändert… ich bewundere es jedes Mal aufs Neue wie ordentlich sein Zimmer aufgeräumt ist, das liegt bestimmt an der strengen Erziehung. Obwohl Rose und Charles herzensgute Menschen sind, ist ihnen der strenge Umgang mit Fynn immer wichtig gewesen. Wie schon oftmals zuvor bleibe ich bei demselben Bilderrahmen stehen wo eine junge Frau zu sehen ist. Es ist mir ein Rätsel wieso mich das Bild jedes Mal so anzieht. Wieso kann er mir diese Qualen nicht ersparen und mir endlich sagen wer die Dame auf dem Bild ist?! Im Augenwinkel sehe ich, dass er mich beobachtet, während ich an die Wand starre. Er sagt mit ruhiger Stimme „Bethany, lass es einfach!“ „Wieso hängst du das Bild nicht einfach ab, wenn es dir so gegen den Strich geht?“ erwidere ich aufsässig. Er rückt mich zur Seite, nimmt das Bild von der Wand und streicht mit dem Daumen über das Gesicht der jungen Frau. Seinen Blick erkenne ich sofort, mit den Gedanken ist er kilometerweit entfernt. Er spricht niemals über seine Vergangenheit. Ich weiß noch nicht mal wo er herkommt. Mit acht Jahren ist Fynn hierhergezogen, er hat nicht gesprochen, nicht geweint, nicht gespielt. Es umgeben dich damals wie heute so viele Geheimnisse. An unserem ersten Abend seit Monaten möchte ich ihn damit nicht nerven. Ich nehme ihm das Bild aus der Hand, drücke ihn kurz und wir setzen uns gemeinsam auf sein Bett, um ein wenig fernzusehen.

Später in der Nacht erhalte ich eine Nachricht von meiner Mutter, ob ich noch nach Hause komme. Ich beschließe ihr zu sagen, dass ich bei Fynn, wie schon sehr oft zuvor, übernachte. Mit dem Licht einer einzelnen Kerze liegen wir in seinem Bett und unterhalten uns noch ein bisschen, ein kurzer Blick von ihm reicht um mich in Geborgenheit zu wissen. Ich kuschle mich an seinen Arm, daraufhin küsst er meine Stirn und wir schlafen beide ein.

Ein lauter Schrei weckt mich. Noch etwas benommen öffne ich meine Lider, sehe aber nichts in der Finsternis. Ich streiche mir ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht. Nach einer Weile gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit, ich betätige den Lichtschalter der Nachttischlampe und sehe wie sich Fynn schweißdurchnässt im Bett windet und schreit. Ich versuche ihn mit einem zärtlichen Handgriff aufzuwecken und sage andauernd seinen Namen. Plötzlich reißt er seine Augen auf und sieht verwirrt um sich, sein starrer Blick lässt nach als er mich erblickt und ich merke an seinen zuvor angespannten Muskeln wie er sich langsam entkrampft. „Alles in Ordnung? Hattest du einen Albtraum?“ frage ich und sehe ihn besorgt an. Ich streiche ihm über sein Haar, seine Atmung verlangsamt sich. Mein Gesicht ist von seinem nur ein paar Zentimeter entfernt und wir sehen uns direkt in die Augen. Ein warmes Gefühl macht sich in meiner Bauchregion breit, ich bin nicht sicher, wie ich das deuten soll. Es überkommt mich ein seltsames Verlangen… Oh Gott… ist der Moment da? Küsst er mich? „Ich bin ok, du brauchst dir keine Sorgen machen!“ sagt Fynn mit sanfter Stimme und unterbricht dabei meine Gedanken. Er gibt mir einen kleinen Kuss auf die Nase und dreht sich mit dem Rücken zu mir. Bin ich jetzt verrückt? Er ist mein allerbester Freund und was mache ich? Alles mit einer unüberlegten Entscheidung wegwerfen. Ich lasse mich zurück ins Bett fallen, seufze und liege noch einige Minuten gedankenversunken wach. Nach kurzer Zeit überkommt mich erneut die Müdigkeit und ich schlafe ein.

Kapitel Zwei

Am nächsten Morgen weckt mich ein Sonnenstrahl im Gesicht. Ich strecke mich und bemerke dabei, dass ich allein im Bett liege. Mich überkommt das Szenario von letzter Nacht. Ein unwohles Gefühl macht sich in mir breit und ich werde dabei sauer. Wieso? Wieso? WIESO?… mache ich mir so viele unnötige Gedanken? Dabei schlage ich in die Matratze. Plötzlich klopft es an der Tür, ich schrecke auf. „Bethany?“ Es ist Rose. „Einen Augenblick!“ Ich stehe auf, richte meine Klamotten und öffne die Zimmertür. „Mein liebes Mädchen, es gehört verboten, direkt nach dem Schlafen so perfekt auszusehen!“ meint sie grinsend. Ich muss lachen. Sie schlingt sich bei mir ein und wir gehen gemeinsam die Treppen hinunter.

„Ist Fynn schon lange wach?“ frage ich sie während Rose sich an den Küchentisch setzt, wo sie mir deutet, ebenfalls Platz zu nehmen. „Er musste Charles schon sehr früh in der Scheune helfen, möchtest du den beiden etwas zu trinken bringen?“ Ich räuspere mich und antworte zögernd „Ja… kann ich machen. Wieso auch nicht…“ Gleichzeitig sieht mich Rose mit einem eindringlichen Blick an, als ob sie meine Gedanken lesen möchte, um rauszufinden, was los ist. „Geht es dir gut mein Kind? Du wirkst sehr blass!“ fragt sie. „Ach Rose, du müsstest wissen, dass das meine Naturfarbe ist!“ sage ich mit aufgesetzten Lachen und verschwinde im Bad. Meine braunen welligen Haare binde ich mir auf einen hohen Pferdeschwanz zusammen und lasse ein paar Seitenhaare neben meinem Gesicht hinunterfallen. Im Spiegel schaue ich mir in meine grünen Augen und verliere mich kurz in dem gestrigen Augenblick. Wieso wünsche ich mir, dass gestern mehr passiert wäre?… Wir haben uns noch nie länger als ein bis zwei Wochen nicht gesehen, vielleichthabe ich ihn einfach vermisst. Ich drehe den Wasserhahn auf, um mich mit kaltem Wasser im Gesicht abzukühlen. Als ich das Bad verlasse, sehe ich einen Korb mit Getränken, Gläsern und ein paar Stück Kuchen bereitgestellt. „Möchtest du noch etwas frühstücken?“ höre ich Rose sagen „Ach nein, ich nehme mir dann draußen ein Stück Kuchen, danke.“ Ich lächle sie verlegen an und begebe mich unschuldig in den Vorraum. Ich schlüpfe in meine Jacke und in die Schuhe, danach öffne ich die Haustür.

Als ich auf der Veranda bin, bemerke ich wie eisig kalt es heute ist. Ich verschränke die Arme vor meinem Körper und gehe Richtung Scheune, wo ich bereits die Holzkreissäge hören kann. Nervosität steigt in mir auf. Wieso werde ich unruhig? Ich kann spüren, dass mein Gesicht rot anläuft. Nein bitte nicht jetzt, wieso kann ich meinen Körper nicht besser kontrollieren? Plötzlich merke ich einen kräftigen Stoß von hinten. „Louis!“ schreie ich auf und lasse mich zu Boden fallen, während mich der riesige Berner Sennenhund im Gesicht ableckt. Ich sitze im Schnee und lache laut los, dabei streichle ich ihm über den Kopf.

Die Scheunentür geht auf. Als ich sie knarre höre, sehe ich hinüber und werde erneut nervös. Da erblicke ich Charles, der mit einem Grinsen auf mich zukommt. Er hilft mir dabei aufzustehen. Ich umarme ihn. „Charles, endlich sehen wir uns, gestern hast du schon geschlafen!“ beschwere ich mich und lächle ihn an. „Ich wollte euch soeben Kaffee und Kuchen bringen!“ Charles bückt sich um den Korb aufzuheben, welchen ich durch die Attacke fallen gelassen habe. Dabei gibt er einen schmerzvollen Seufzer ab und legt seine Hand in die Hüfte. „Alles ok Charles?“ Ich nehme ihm den Korb ab und begleite ihn zu einer Sitzgelegenheit in der Scheune. „Überarbeitest du dich?“ sage ich mit einem strengen Blick. Er beginnt zu lachen. „Ich hätte gedacht, Fynn hilft dir?“ Charles schenkt etwas Kaffee in zwei Becher und reicht mir einen davon. Er legt einen Arm über meine Schultern und sagt „Fynn ist gerade dabei, die Milch auszuliefern, der arme Junge war heute völlig durch den Wind.“ Ich verschlucke mich an meinem Getränk und fange an zu husten. Charles fängt erneut an zu lachen und hält sich dabei den Bauch. Ich trinke unschuldig meinen Kaffee weiter und erwidere nichts. „Ich habe es schon lange geahnt!“ sagt Charles, als er plötzlichen von Louis seinem Gebell unterbrochen wird. „Soll ich eine Runde mit ihm gehen?“ biete ich an. „Das wäre toll! Dann kann ich das Holz fertig schneiden!“ antwortet Charles dankbar. Nachdem ich den Korb zurück in die Küche gebracht habe, nehme ich die Leine vom Haken im Vorhaus und befestige diese an dem Halsband von Louis.

Ich beschließe einen langen Spaziergang zu machen, diesen Weg gehen Fynn und ich ansonsten gemeinsam. Was genau hat Charles gemeint? Er liest mich mittlerweile wie ein offenes Buch… viel gibt es auch nicht zu wissen, das einzig traumatische war der Tod meines Vaters. Fynn war für mich da wie kein Zweiter. Ohne ihn wäre die Zeit undenkbar grausam geworden. Wenn er sich mir doch nur öffnen würde? Ich könnte ihm ebenfalls beistehen. Mit vielen ähnlichen Gedanken beende ich meine Runde und bringe Louis zur Farm zurück. Als ich die Leine zurückhänge sehe ich auf die Uhr und bemerke, dass es schon ziemlich spät geworden ist. Ich sehe mich im Haus um. Es scheint niemand zuhause zu sein, weder die Großeltern noch Fynn. Ist mir recht, ich sollte zuallererst meine Gedanken ordnen. Ich beschließe mich auf den Heimweg zu machen. Zuhause angekommen betrete ich den Vorraum, ziehe mir die Schuhe aus und rufe nach meiner Mutter. Sie meldet sich nicht zurück. Daraufhin mache ich mich auf den Weg in die Küche. Ich sehe sie an dem kleinen, runden Frühstückstisch mit dem Rücken zu mir sitzen. „Hallo Mum!“ Sie blickt über ihre Schulter zu mir, ich sehe Tränen in ihren Augen.

„Was ist denn los?“ frage ich schockiert. Sie blickt wieder in die andere Richtung. Ich gehe auf den Tisch zu und setze mich ebenfalls. Ich lege meine Hand auf ihre. Erst jetzt bemerke ich ihre geschwollenen, roten Augen. Sie weint anscheinend schon eine kleine Weile. „Mum, bitte, du machst mir Angst…“ sage ich mit zittriger Stimme. Sie wischt sich die Tränen aus dem Gesicht und atmet einige Male tief durch. „Ich muss dir etwas sagen…“ spricht sie in den Tisch und vermeidet Augenkontakt. Ich sehe, wie ein paar Tränen auf den Tisch fallen. Ich streiche ihr über den Handrücken und drücke sanft zu. „Egal was es ist Mama, wir werden damit fertig!“ „Es ist… ist… so herzzerreißend…“ erwidert sie mit kleinlicher Stimme. Plötzlich blickt sie auf und sieht mich mit einem Blick an, den ich zuletzt bei ihr gesehen habe als sie mir mitgeteilt hat, dass mein Dad gestorben war. Mit einem sehr mulmigen Gefühl werde ich ungeduldig und spreche etwas lauter „Was ist los Mama?“

Kapitel Drei

„Mum… sprich mit mir!“ Ich werde unruhig und packe sie am Arm. „Ich kann dir nicht helfen, wenn du…“ Auf einmal unterbricht sie mich und sagt leise „Er… er ist bei einem Autounfall gestorben.“ Mir verschlägt es blitzartig die Sprache. Ich bekomme keinen Ton mehr raus, besser gesagt, ich traue mich nicht weiter nachzufragen. Die darauffolgende Stille dauert gefühlte Stunden. Meine Hände beginnen zu zittern. Tief in mir fühle ich unbeschreibliche Angstgefühle hochsteigen. Ich habe Angst vor den nächsten Worten, die meine Mutter aussprechen wird.

Sie legt mir eine Hand auf die Schulter und sagt mit zittriger Stimme „Bethany, es ist Fynn… Fynn ist vor einer Stunde bei einem Autounfall ums Leben gekommen…“ Ich starre sie mit leeren Augen an. Sie steht auf und versucht mich in den Arm zu nehmen. Meine Beine fühlen sich taub an, ich kann mich nicht mehr bewegen, geschwei- gen denn aufstehen. Mein Gehirn versucht den gesprochenen Satz meiner Mutter zu verarbeiten, aber ich lasse es nicht zu. Mit beiden Händen fasst mir meine Mutter auf die Schultern und redet, redet und redet. Ich verstehe kein Wort. Ich fühle mich wie betäubt, vergesse Luft zu holen. Kurz darauf verschwimmt alles um mich. Ich fühle eine brennende Hitze in meinem Kopf aufsteigen. Plötzlich wird mir schwarz vor Augen und ich sehe nichts mehr.

Ich fühle extreme Kälte und spüre Gänsehaut am ganzen Körper. Mit aller Kraft probiere ich meine Augen zu öffnen und schaffe es nach ein paar Anläufen tatsächlich. Ich sehe mich um, ich liege auf der Couch in unserem Wohnzimmer mit einem kalten Lappen auf der Stirn. Von hier aus erblicke ich meine Mutter in der Küche und sehe, wie sie etwas in einem Topf umrührt. Es riecht nach Hühner suppe, meine Lieblingssuppe. Ich versuche meine Gedanken zu ordnen… Bin ich am Nachmittag vor dem Fernseher eingeschlafen? Ich werde von meinem knurrenden Magen unterbrochen. Wieso habe ich noch nichts gegessen? Ich setze mich auf und atme tief durch. Es fühlt sich an als hätte mich ein LKW überfahren… werde ich etwa krank? Es ist schon etwas dämmrig und ich beschließe die Tischlampe neben der Couch anzuschalten. Daneben erblicke ich einen vertrauten Bilderrahmen. Das war so ein liebes Geschenk von ihm! Ein Foto von Fynn und mir in einem wunderschönen Rahmen. Ich fühle mich unwohl, nehme den Rahmen aber in die Hand, drücke ihn ganz fest an mich und schließe dabei meine Augen. Auf einmal höre ich die Stimme meiner Mutter „Bethany, iss ein wenig.“ Sie reicht mir die Suppe und ich stelle sie auf einem Kissen über meinen Oberschenkeln ab. „Werde ich etwa krank? Ich fühle mich nicht so gut“. Meine Mutter sieht mich mit einem besorgten Blick an. Erst jetzt bemerke ich wie fertig sie aussieht, ihre Augen sind angeschwollen und sehr rot. Mir schießt das Bild von ihr an dem Frühstückstisch in den Sinn und ich überlege, warum sie so geweint hat. „Ich weiß wie sehr du Dad vermisst, ich auch!“ sage ich und schenke ihr ein Lächeln.

Meine Mutter nimmt neben mir Platz und legt einen Arm über meine Schultern. Sie entdeckt das Bild von Fynn und mir und nimmt es in die Hand. Ich sehe wie ihre Lippen zu zittern beginnen. „Es ist so unfassbar tragisch, es tut mir so leid“ sagt sie mit leiser Stimme, während eine Träne über ihre Wange hinunterläuft. „Was meinst du bitte?“ Meine Mutter sieht mich verstört an. Daraufhin streicht sie sanft über mein Haar und platziert eine Strähne hinter meinem Ohr „Weißt du noch unser Gespräch vorhin, es geht um Fynn.“ Ich sehe sie ratlos an und schaue ängstlich umher. Ich entdecke einen umgekippten Stuhl.

Die Erinnerungen an unser Gespräch überkommen mich blitzartig. „Nein, nein, nein!“ Meine Augen füllen sich mit Tränen, mein Magen zieht sich ruckartig zusammen und ich lasse die Suppe auf den Boden fallen. Ich verbrenne mir dabei meine Zehen und schreie auf „Autsch!!“ Meine Mutter schreckt auf und rennt in die Küche, um ein nasses Tuch zu holen. Ich rolle mich auf der Couch zusammen und fange an zu schreien, zu weinen und zu fluchen. Ich weiß nicht wie ich diese Gefühle zum Ausdruck bringen soll, es fühlt sich an als würde ich gleich platzen. Brennende Hitze steigt in mir hoch, gleichzeitig beginne ich zu zittern vor Kälte. Ich fühle einen sanften Griff auf meiner Schulter, meine Mutter nimmt mich ganz fest in den Arm und wir weinen beide bis in die Nacht hinein. Das kann nicht wahr sein… Ich überstehe das nicht… wiederholt sich in meinem Kopf an die hundert Male.

Am nächsten Morgen wache ich auf der Couch auf. Erschöpft sehe ich mich im Wohnzimmer um. Die Sonne strahlt beim Fenster herein. Ich kann sehen, dass sich einige Eisblumen an der Fensterscheibe gebildet haben. Ich setze mich auf und reibe mir die Augen, dabei merke ich wie ausgetrocknet sie sind. Auf dem Couchtisch entdecke ich eine Nachricht von meiner Mutter „Ich bin gleich wieder da, ich bin einkaufen“. Ich schaue auf die Uhr, es ist bereits zehn Uhr vormittags. Ich versuche mit aller Kraft aufzusehen, um ins Bad zu gehen. Kraftlos schlendere ich durch den Flur. Im Bad angekommen schaue ich in den Spiegel und sehe wie rot gefleckt meine Haut aussieht. Mit kaltem Wasser streiche ich mir über das Gesicht und versuche mich zu beruhigen. Im gleichen Moment schmecke ich etwas Salziges im Mund. Tränen laufen mir über mein Gesicht hinunter, ohne es bewusst gemerkt zu haben. Ich schaue mir in die Augen und schüttle den Kopf. Das kann einfach nicht wahr sein, es ist nicht wahr! Auf einmal höre ich ein vertrautes Hupen von draußen. Hysterisch laufe ich aus dem Bad ins Wohnzimmer und schaue aus dem Fenster. Vor unserem Haus hat sich ein Stau gebildet und ein paar Autos haben angefangen zu hupen. Die Wut kocht in mir hoch. Mit einem aggressiven Griff schnappe ich mir den Vorhang und möchte ihn zuziehen. Er dürfte sich verhakt haben, ich bekomme ihn nicht zu. Ich zerre mit voller Gewalt an dem Stoff. Nach kurzer Zeit reißt er ein wenig ein und hängt nur noch teilweise an der Gardine.

Mein Blick schweift auf die Wohnzimmerkommode in unmittelbarer Nähe mit Fotos von meinem Dad, von Fynn und ein paar Kinderfotos. Ich gehe auf die Kommode zu und werfe in einem Zug alles zu Boden. Ich fühle mich komplett verloren und rasend vor Wut zugleich. Ich setze mich inmitten der Scherben und nehme die Fotos in die Hand. Ein paar Tropfen von meinen Tränen landen auf dem Boden und auf den Bildern. Die Tür öffnet sich, meine Mutter kommt mit Einkaufstüten herein und lässt sie blitzartig fallen. Ich beginne fürchterlich zu weinen. Sie läuft auf mich zu und setzt sich zu mir auf den Boden, um mich zu umarmen. „Wie viele geliebte Menschen werden uns noch genommen?“ schreie ich lautstark durch den Raum. Sie streicht mir über den Hinterkopf und versucht mich zu beruhigen. „Ich war in ihn verliebt, weißt du? Es ist mir erst gestern klar geworden!“ sage ich mit zitternder Stimme. Ich merke, wie sich der Griff meiner Mutter anspannt und wie sie selbst mit Tränen kämpft. „Ich liebe ihn Mama! Ich habe ihn immer geliebt und ich habe keine Chance mehr ihm etwas davon zu sagen!“ Ich falle ihr weinend in die Arme und lasse meinen Gefühlen freien Lauf… Ich überstehe das nicht.

Kapitel Vier

Zwei Wochen sind seit der tragischen Nachricht vergangen. Ich habe das Haus nicht verlassen, habe nicht aus dem Fenster gesehen, ich war nicht mal oft in meinem eigenen Zimmer. Zu viele schmerzliche Erinnerungen wurden dadurch immer wieder wachgerufen. Am liebsten würde ich weiterhin in der Embryo-Stellung auf der Couch im Wohnzimmer bleiben. Mit niemanden sprechen. Niemanden sehen. Leider ist das heute nicht möglich. Ich laufe in meinem Zimmer auf und ab. „Die Beerdigung beginnt in einer Stunde!“ höre ich meine Mutter von unten rufen. Verzweifelt versuche ich etwas Passendes zum Anziehen zu finden. Nichts ist angemessen oder besser gesagt gut genug, um mich von Fynn zu verabschieden.

Spät aber doch entscheide ich mich für ein schwarzes Strickkleid mit schwarzer Strumpfhose und schwarzen Stiefeln. Er hat mich oft wegen meinen fragwürdigen Outfits aufgezogen, aber bei diesem Kleid hat es selbst ihm die Sprache verschlagen. Ein kleines Lächeln zeichnet sich auf meinen Lippen ab, als ich mich zurückerinnere. Ich trage ein bisschen Schminke auf und binde meine Haare zu einem Dutt zusammen. Ich lasse ein paar Seitenhaare neben meinem Gesicht hinunterfallen. Nach tiefen Atemzügen und nervösen Spaziergängen durch den Raum verlasse ich schließlich mein Zimmer. Ich gehe die Treppen hinunter, wo meine Mutter bereits auf mich wartet. Wir gehen beide in den Vorraum und machen uns winterfest. Ich ziehe mir einen schwarzen Mantel über. Sie reicht mir ihren Arm und ich schlinge mich ein. Mit ihr an meiner Seite fühle ich mich in diesem Augenblick unbesiegbar. Wir verlassen das Haus und schlagen den Weg Richtung Friedhof ein.

Mit jedem Schritt sinkt meine Selbstsicherheit und meine Nervosität steigt. Ich kann und will mich nicht von Fynn verabschieden. „Alles gut, Kleines?“ fragt meine Mutter vorsichtig. Durch den Kloß im Hals nickte ich ihr nur kurz zu. Wie soll ich mein Leben ohne ihn bloß auf die Reihe kriegen? Ich muss an Rose und Charles denken und wie es ihnen wohl geht. Ich fühle mich schlecht, dass ich die beiden nicht besucht habe… Tief in meine Gedanken versunken merke ich nicht wie wir ankommen. Der Friedhof. Der schrecklichste Ort für mich. Ich war bisher nur einmal jährlich zum Geburtstag meines Vaters hier. Fynn hat mich jedes Mal begleitet. Ab jetzt besuche ich zwei Gräber… mit meinen jungen 21 Jahren. Einfach unfassbar… „Kommst du Bethany?“ Ich atme nochmals tief durch und betrete den Friedhof.

Ich sehe eine große Menge an Leuten. Ich freue mich, dass so viele gekommen sind. Wir erhalten einen Partezettel mit einem Bild von Fynn, welches ich von ihm geschossen habe. Ich erinnere mich zurück. Es war ein verregneter Sonntag. Ich musste mit voller Überzeugungskraft kämpfen, um ihn zum Shooting zu überreden. Als er dann endlich kapitulierte und wir das Shooting durchgezogen haben, liebte er die Fotos und genoss die Zeit, so lief es immer ab. Er hat sich bestimmt nur künstlich aufgeregt, um mich zu ärgern. Diese kurzen Streitereien und Neckereien waren unser Ding. Das waren einfach wir. Tränen bilden sich in meinen Augen. Meine Mutter streicht mir über den Rücken, dadurch fange ich mich wieder ein bisschen.

Wir begeben uns in die kleine Kapelle. Anschließend stellen wir uns an, um den Sarg mit Weihwasser zu segnen. Während wir schrittweise nach vorne treten, schaue ich mich bedachtsam im Raum um. Ich sehe viele bekannte Gesichter, alle sind von Trauer und Schmerz gezeichnet. Danach fällt mein Blick auf die erste Reihe. Hier nimmt im Normalfall die engste Familie Platz. Ich weiß noch, wie ich bei der Beerdigung meines Vaters vorne saß und mir jeder die Hand reichte. Die Erinnerung schmerzt tief in meiner Seele. Als ich vorne ankomme, ist es Zeit Rose und Charles zu begegnen. Ich bemerke, dass viel mehr Leute als gedacht in der ersten Bank sitzen. Ich hatte nur mit den Großeltern gerechnet, weitere Familienmitglieder kenne ich nicht. Als ich mit der Segnung fertig bin, wende ich mich der Familie zu. Ich sehe Rose und Charles, welche sehr tapfer die Stellung halten. Ich reiche den beiden die Hand. „Mein Beileid!“ Meine Stimme wird zittrig und bricht ab. Als ich weitergehe sehe ich einen Mann im mittleren Alter und darauffolgend zwei kleinere Mädchen. Verwirrt strecke ich meine Hand aus, um ihnen ebenfalls zu kondolieren. Meine Mutter und ich nehmen in der letzten Reihe Platz. Ein paar tiefe Atemzüge später geht die Beerdigung los.

Es folgen ein paar Ansprachen unseres Herrn Pfarrer. Anschließend betritt Rose das Podium. Sie atmet hastig ein und aus. Man sieht, wie tief verletzt sie ist. Sie räuspert sich, ein paar Tränen wischt sie mit ihrer Handfläche ab. Mit zittriger Stimme beginnt sie „Steht nicht weinend an meinem Grab, ich liege nicht dort in tiefem Schlaf. Ich bin der Wind über tosender See, ich bin der Schimmer auf frischem Schnee. Ich bin das Sonnenlicht auf reifem Feld, ich bin der Regen, der vom Himmel fällt. Weint nicht an meinem Grab, ich bin nicht dort, ich bin nicht fort.“ Sie beginnt daraufhin schrecklich zu weinen. Ich kann sehen und hören, dass fast jeder in der Kapelle es ihr gleichtut. Ich schwöre, ich konnte das Knacken meines gebrochenen Herzens spüren. Ich beginne ebenfalls lautstark zu weinen. Meine Mutter streicht mir sanft über die Schulter. Ich schließe meine Augen und versuche mich zu beruhigen. Charles läuft zu Rose, um sie in den Arm zu nehmen „Merkt euch diese Worte, Fynn ist bei uns!“ sagt sie hysterisch in das Mikrofon. Arm in Arm verlassen Rose und Charles das Podium und nehmen wieder Platz. Meine Bemühungen mich zu beruhigen schlagen fehl. Ich bemerke, wie sich mein Herzschlag abrupt verschnellert und mir die Hitze zu Kopf steigt. Nein nicht jetzt, nicht jetzt. Ich höre rund um mich nichts mehr, kurz darauf wird mir schwindelig. Ich beschließe einen Augenblick rauszugehen. Zum Glück haben wir in der letzte Reihe Platz genommen.

Draußen angekommen hole ich tief Luft. Anschließend lehne ich mich gegen die Mauer der Kapelle, lasse mich an der Wand hinunter und lande auf dem Boden. Ich ziehe die Füße an und verschränke meine Arme über den Knien, um mein Gesicht darin zu vergraben. Mit aller Kraft versuche ich mich zu beruhigen, aber es klappt nicht. Die wunderschönen, aber zugleich herzzerreißenden Worte von Rose schwirren mir im Kopf herum. Sie daraufhin so aufgelöst zu sehen, zieht mich noch mehr in die Tiefe. Ich suche verzweifelt nach einem Weg um mit seinem Tod fertig zu werden, aber ich finde keinen. Es ist einfach so unfair, dass ein so junger Mensch von uns geht. Wo war sein Schutzengel? Wo war er bloß? Mir wird übel, ich fühle mich als müsste ich mich jeden Moment übergeben. Ich seufze lautstark und breche erneut in Tränen aus. Ich lege mir meine eiskalten Hände aufs Gesicht, um mir ein bisschen Abkühlung zu verschaffen. Auch ohne Spiegel weiß ich, dass ich komplett rot angelaufen bin. Ich darf die Trauerfeier nicht versäumen… reiß dich zusammen Bethany! Mein innerlicher Hilfeschrei wird unterbrochen. „Zigarette?“ fragt eine tiefe Stimme. Ich blicke auf und sehe ihn deutlich vor mir. Fynn.

Kapitel Fünf

Er ist hier und bietet mir eine Zigarette an. Mit weit geöffnetem Mund starre ich den Mann an. Von meinem vorigen Gefühlsausbruch finde ich mich in einer Stockstarre wieder. Gehöre ich nun in die Klapse? „Ich kann mir denken was los ist…“ setzt er beunruhigt an. Das denke ich nicht! Ich gebe keinen Ton von mir. Mein Mund steht noch immer offen, mein Herz schlägt übertrieben schnell. Mir ist eiskalt und trotzdem schwitze ich am ganzen Körper. „Zuallererst lass mich dir aufhelfen, es ist furchtbar kalt auf dem Boden!“ Er reicht mir seine Hand. Auf seinem Handrücken bemerke ich eine Narbe, diese Narbe hatte Fynn nicht. Das weiß ich ganz sicher! Als ich aufstehe, merke ich wie schwach meine Beine sind und ich falle leicht in seine Richtung. Er hält mich an den Armen fest. Unser Blick streift sich und wir sehen uns eindringlich an. Er wendet sich ab und hilft mir auf eine nahegelegene Bank.

Ich starre ihn an und folge jeder seiner Kopfbewegungen. Seine Gesichtszüge, sein blondes Haar, seine blauen Augen, die kleine Falte zwischen seinen Augenbrauen. Alles da. „Wie heißt du?“ fragt er mich vorsichtig. Seine Stimme ist viel tiefer als die von Fynn. Ich muss träumen, ja das wird der Grund sein. Ich nicke erleichtert und muss kichern. „Was? Wieso lachst du?“ Er sieht mich verblüfft an. „Bethany??“ schreit meine Mutter aufgewühlt. Sie entdeckt mich und begibt sich zu mir. „Oh wow, hallo!“ sagt meine Mutter schockiert als sie meinen Sitznachbar bemerkt. „Was? Du bist Bethany?“ fragt mich der fremde Mann entsetzt. Kurz darauf beginnt er zu lächeln und fährt fort „Ich habe schon einiges von dir gehört!“ Ich sehe ungläubig zwischen meiner Mutter und ihm hin und her. Sie kann ihn also auch sehen, ich bin nicht verrückt! „Du und Fynn, ihr seid also Zwillinge?!“ stellt meine Mutter ungläubig fest. „Ja ich bin zwei Minuten älter“ lacht er. „Schön Sie und Bethany kennenzulernen, mein Name ist Collin!“ Ruckartig springe ich auf, schnappe den Arm meiner Mutter und zerre sie in die Kapelle zurück. „Wie verrückt ist das denn? Geht’s dir gut?“ fragt mich meine Mutter, während ich sie in die Kirche lenke. Ich schaue über meine Schulter zu ihm, da sitzt er seelenruhig auf der Bank und sieht haargenau so aus wie Fynn. Währenddessen stolpere ich über einen Busch und falle auf die Knie. „Autsch!“ Meine Mutter hilft mir auf und schleppt mich in die Kirche, um endlich wieder Platz zu nehmen. Toller Auftritt!

Ich kann nicht anders, als andauernd über die Situation nachzudenken. Ich bin hier, um mich von Fynn zu verabschieden und lerne dabei seinen Zwillingsbruder kennen?! Das ist doch absurd! Durch das Türfenster in der Kapelle kann ich Collin sehen und beobachte ihn eine Weile. Wieso sitzt er eigentlich draußen, anstatt an der Trauerfeier teilzunehmen? Meine Verwirrung wird durch Wut ersetzt. Der spinnt doch! Ich beschließe mich wieder voll und ganz auf Fynn zu konzentrieren und versuche so gut wie möglich ruhig zu bleiben. 20 Minuten später ist die Beerdigung zu Ende und alle Gäste begeben sich zu Fynns Grab.

Aus meiner Tasche hole ich eine blaue Rose. Das war unsere gemeinsame Lieblingsfarbe. Ich lege die Rose auf den Sarg und streiche sanft über das Holz. Viele Menschen tun es mir gleich. Man merkt wie viel Fynn jedem Einzelnen bedeutet hat.

Etwas später treffen wir vor dem Friedhof Rose und Charles. Ich nehme beide ganz fest und lange in den Arm. „Ihr kommt doch noch mit zu uns?“ fragt Rose mit traurigem Blick. „Wir richten ein kleines Fest zu Ehren von Fynn aus, er hätte gewollt, dass die ganze Familie dabei ist!“ Ich bin gerührt, als Rose diese Worte ausspricht. Meine Mutter und ich nicken. Wir warten noch auf die restliche Familie um gesammelt zur Farm zu gehen. Ich sehe den Mann mit den zwei kleineren Töchtern auf uns zukommen. Dem Anschein nach ertappt mich Charles bei Starren und sagt „Das ist Harrison, der Vater von Fynn“ Oh! Sein Vater… unfassbar, dass ich ihn auf diese Art und Weise kennenlerne. Ich erwidere „Und die Töchter?“ „Das sind die Halbschwestern von Fynn, Harrison hat vor einigen Jahren wieder geheiratet!“ „Und Collin?“ Plötzlich ertönt hinter mir eine bekannte Stimme „Wow, sie kann sprechen und das auch noch von mir, ich fühle mich geehrt!“ Collin! Ich werfe ihm einen bösen Blick zu und erwidere „Hättest du wohl gerne!“ Ich schnappe mir Charles, um mich auf den Weg zu machen und lasse ihn mit einem undefinierbaren Blick stehen. Diese Späße kann er sich sparen, kurz nach der Beerdigung von Fynn, auf welcher er sich nicht mal richtig blicken ließ. So ein… Mein Gedanke wird von Charles unterbrochen „Hör zu, Collin und Fynn sind Zwillingsbrüder!“ Ach was… „Nach dem Tod ihrer Mutter haben sich die zwei nicht erholt, als es zu schwierig wurde, schickte Harrison Fynn zu uns“ Ich schaue ihn verblüfft an. Charles konnte schon immer lange Geschichten in ein paar Worte zusammenfassen. Wow. Er wurde von seinem Zwillingsbruder getrennt als er noch so klein war. Kein Wunder, dass Fynn kein Wort sprach, als er anfänglich hier ankam.