Sternenbilder - Bettina Gregshammer - E-Book

Sternenbilder E-Book

Bettina Gregshammer

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Beschreibung

Fortsetzung zu Band I: Spiegelbilder "Ein gewisses Maß an Dunkelheit ist nötig, um die Sterne zu sehen." Um die Vergangenheit ruhen zu lassen, versuchen Bethany und Collin in der Gegenwart zu leben, und gemeinsam eine Zukunft zu erschaffen. Die Vorbereitung für einen neuen Job, die Eingewöhnung in der neuen Stadt und das erste offizielle Familientreffen. Doch in Blueport wird schnell klar, dass nicht nur Bethany Geister aus vergangenen Tagen mit sich trägt, sondern auch Collin. Eine geheimnisvolle Aura legt sich um die Familie, die Zweifel weckt und Rätsel aufgibt. Immer mehr Fragen drängen sich an die Oberfläche und möchten beantwortet werden. Wie tief soll man graben? Wie weit kann man gehen? Gibt es einen Weg zurück?

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Seitenzahl: 299

Veröffentlichungsjahr: 2022

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© 2022 Bettina Gregshammer

ISBN Softcover: 978-3-347-69865-9

ISBN Hardcover: 978-3-347-69866-6

ISBN E-Book: 978-3-347-69867-3

Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Sternenbilder

Band II

Bettina Gregshammer

Kapitel 1

Die Sonne schien durch das Glas auf mein Gesicht, um mir angenehme Wärme und das nötige Licht zu spenden. Ich saß vor meiner Staffelei, während ich darauf wartete, von einem farbfrohen Blitz getroffen zu werden, der meine eingeschlafene Kreativität zum Leben erwecken soll. Sekunden, Minuten vergingen, nichts. Ich stand auf und öffnete das Fenster, um anschließend die frische Luft einzuatmen. Ich schloss meine Augen und genoss den ruhigen Moment, nur für mich allein. Meine Ideen für mein nächstes Kunstwerk blieben dennoch aus. In letzter Zeit fehlte mir hierzu jegliche Begeisterung. Plötzlich wurde meine Zimmertür aufgerissen. Ich schreckte auf und drehte mich hastig vom Fenster weg. „Bist du gerade erst aufgestanden?“ Mein Blick fiel zu Boden. „Mach dich sofort fertig, wir gehen in zehn Minuten!“ Ohne meine Antwort abzuwarten, wurde die Tür wieder geschlossen.

Ich lief hastig zu meinem Kleiderkasten und öffnete die Schranktür. Ohne besonders darauf zu achten, fing ich ein beliebiges Kleid heraus und schlüpfte hinein. Ich setzte mich zum Schminktisch, band meine Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen und trug etwas Rouge auf meine Wangen auf. Während ich in den Spiegel sah, verlor ich mich in dem Augenblick. Dieses unendliche Fernweh machte sich erneut in mir breit, als ich meine ozeanblauen Augen begutachtete. Wie kann man sich in seinem eigenen Zuhause nur so fremd fühlen? Ein Klopfen an der Tür ließ mich erneut aufschrecken und riss mich aus meinen Gedanken. „Herein!“ sagte ich abgelenkt. „Guten Morgen!“ Ich lächelte meinem Vater entgegen. „Bist du fertig? Wir sollten deine Mutter nicht warten lassen!“ Ich nickte, schlüpfte daraufhin in ein Paar Flipflops und verließ mein Zimmer.

Ich ging die Treppen hinunter, wo meine Mutter bereits mit verschränkten Armen auf mich wartete. „Guten Morgen Mama!“ grinste ich ihr etwas unbeholfen entgegen. „Guten Morgen meine Liebe! Wir sind leider schon spät dran…“ antwortete meine Mutter, während sie mir ein Brot in die Hand drückte. „… iss dein Frühstück, während wir gehen!“ Ich verdrehte die Augen. „Ist es denn wirklich notwendig, jeden Sonntag eine halbe Stunde zu früh aufzutauchen?“ Meine Mutter warf mir einen strengen Blick zu. „Ja! Genauso notwendig, wie dich jeden Sonntag daran zu erinnern, keine Flipflops in die Kirche anzuziehen!“ kritisierte sie mich. Ohne den Blick von ihr abzuwenden, schlüpfte ich aus den Flipflops und warf sie nacheinander mit meinem großen Zeh durch das Vorhaus. „So besser?“ fragte ich mit sarkastischem Tonfall nach. Mein Vater betrat das Vorhaus und räusperte sich etwas unbeholfen. „Also wollen wir?“ sagte er und unterbrach somit unseren Anstarr-Wettbewerb. Meine Mutter reichte mir das Brot, welches ich freundlich ablehnte. „Ich habe keinen Hunger, danke!“ Ich schlüpfte in Sandalen und verließ das Haus.

Als wir durch die Stadt spazierten, blickte ich gelangweilt durch die Gegend. Dieselben Geräusche, Gerüche und Gesichter. Tag ein, Tag aus… Ich begrüßte brav alle bekannten Leute, die meinen Weg kreuzten, … genauso wie es mir beigebracht wurde. Als wir bei der Kirche ankamen, standen schon dutzende Menschen vor der Tür. Ich fragte mich, wie schon oftmals zuvor, ob diese Leute wirklich nichts Besseres zu tun haben an einem Sonntagmorgen. Ich sah zu meiner Mutter, die bereits ihr strahlendes Lächeln wiedergefunden hat und es erfolgreich aufsetzte. Sie mischte sich unters Volk. Ich fand mich abseits der Menschenmenge ein und schüttelte belustigt den Kopf. Mein Vater kam auf mich zu und stieß mit seiner Schulter an meine. „Was ist denn los?“ „Mama ist so eine gute Schauspielerin, unglaublich!“ sagte ich abwertend. „Sie ist so glücklich, wenn sie mit ihrer Familie hier ist…“ lächelte er und starrte sie dabei verliebt an. „Nein, sie ist nur glücklich, wenn sie den Schein wahren kann, alles sei in bester Ordnung!“ antwortete ich genervt und verschränkte die Arme. „Du weißt, das ist nicht wahr!“ ermahnte er mich. Ausdruckslos zuckte ich mit den Schultern. „Komm, gehen wir schon mal hinein und nehmen Platz!“ Ich folgte meinem Vater in die Kirche. Kaum eingetreten, umschloss die kalte Kirchenluft meinen gesamten Körper. Ich musste an meine Weste zurückdenken, welche ich beim Verlassen des Hauses im Vorhaus sah. Wir nahmen in der zweiten Reihe Platz. Als ich mich zurücklehnte, traf meine Haut auf das kalte Holz der Rückenlehne. Gänsehaut überströmte meinen gesamten Körper. Nach wenigen Minuten spürte ich jedoch Wärme um die Schultern. Meine Mutter stand urplötzlich neben mir und warf mir meine weiße Weste über. „Du hast sie mitgenommen?“ fragte ich überrascht nach. Sie grinste nur, während sie Platz nahm, anschließend blickte sie Richtung Altar nach vorne. „Danke!“ fügte ich noch süß hinzu. Sie nahm meine Hand und drückte sanft zu.

Als die Messe zu Ende war, begaben wir uns nach draußen. Mich hat die Messe, seitdem ich klein war, zwar nie wirklich interessiert, aber das anschließende Zusammenstehen und Quatschen, habe ich schon immer gemocht. Man wusste: Die Kirche ist nun überstanden, der restliche Sonntag gehört einem selbst. Während ich aus der Tür trat, konnte ich es kaum mehr erwarten, den ersten warmen Frühlingstag des Jahres wiederzufinden. Jedoch hatte sich die Sonne verabschiedet, es sah nach Regen aus. Wie gewonnen, so zerronnen. „Bald wird es regnen, wir sollten uns gleich auf den Heimweg machen!“ betonte mein Vater. Etwas enttäuscht nickte ich, stimmte ihm aber zu. Meine Mutter und ich hakten uns beide bei einem Arm von ihm ein und wir spazierten gemeinsam Nachhause.

„Mia!“ rief eine vertraute Stimme kurze Zeit später. Wir machten Halt und drehten uns gemeinsam um. „Hey Allison!“ Ich lief auf meine beste Freundin zu und umarmte sie. „Wir haben dich heute in der Kirche vermisst!“ betonte meine Mutter, woraufhin ich ihr einen genervten Blick zuwarf. „Ich war leider zu spät dran und stand deswegen ganz hinten…“ rechtfertigte sich Allison. „Kommst du heute Nachmittag?“ fragte sie mich anschließend und zwinkerte mir zu. „Natürlich!“ antwortete ich neugierig. Sie drückte mir ein Bussi auf die Wange und flüsterte „Bis später!“ Sie wendete sich noch zu meinen Eltern „Tschüss Rose, Tschüss Charles!“ und grinste erneut. Danach machte sie einen kleinen Sprung, während sie sich umdrehte und lief Richtung Heimat. „Diese Energie hätte ich auch gerne!“ sagte ich amüsiert, woraufhin meine Eltern ebenfalls lachen mussten.

Wie besprochen, machte ich mich am frühen Nachmittag auf den Weg zu Allison. Der Regen ließ zum Glück noch auf sich warten und ich konnte in aller Ruhe zu dem Haus meiner Freundin gehen. Ab und zu spazierte ich ganz gerne durch unsere kleine Stadt, manchmal konnte ich reichlich Ideen sammeln, für meine nächsten Bilder. Nachdem ich bei ihrem Haus angekommen war, klopfte ich an die Tür. Ein paar Sekunden später riss sie bereits die Tür auf und zerrte mich in den Vorraum. „Ally! Nicht so schnell!“ beschwerte ich mich, während ich versuchte, nicht hinzufallen. „Endlich bist du da!“ schrie sie ungeduldig. Als wir uns die Schuhe ausgezogen haben, begegneten wir ihrer Mutter und ich begrüßte sie freundlich. Es roch im ganzen Haus nach leckeren Schokokeksen. Allison zerrte mich weiter die Treppen hoch in ihr Zimmer. Dort angekommen, schloss sie die Tür, lehnte sich dagegen und sank auf den Boden. „Oh Mia! Du wirst es nicht glauben!“ Ich setzte mich auf ihr Bett und hörte gespannt zu. „Ethan hat mich auf ein Date eingeladen!“ Sie sprang daraufhin vom Boden auf und führte einen lustigen Freudentanz auf. Ich sah sie schockiert an, stand ebenfalls auf und sprang mit ihr mit. „Ich freue mich so für dich, Ally!“ „Also, nächsten Samstag! Du hilfst mir beim Anziehen, Frisieren und Schminken!“ forderte sie mich auf. Ich strich ihr schmunzelnd über die Wange. „Als ob du irgendetwas davon benötigen würdest… du kannst ungeschminkt in Jogginghose auftauchen und siehst dabei fantastisch aus!“ antwortete ich gelassen. Ganz im Ernst, mit ihren dunkelbraunen, fast schwarzen Augen, ihrem schwarzen Haar und ihrem perfekten, dunklen Teint sieht sie hinreißend aus. Ally hat eindeutig das Gesamtpaket. Ich hingegen, habe eine blasse Haut wie eine Leiche, meine weiß-blonden Haare und hellblauen Augen unterstreichen das wenigstens gut.

„Hör auf zu lügen! Ich bin jetzt schon furchtbar nervös. Bitte, du musst mir helfen!“ „Natürlich helfe ich dir!“ Allison drückte mich daraufhin ganz fest an sich. „Danke!“ Anschließend ließ ich mich wieder auf ihr Bett fallen. „Ist bei dir sonst alles gut?“ fragte sie mich und setzte sich neben mich. „Ally, ich habe ein Geheimnis!“ „Sag nicht, Ethan und du…?“ begann sie mit großen Augen. „WAS? Nein!“ regte ich mich auf. „Ethan gehört ganz dir, Süße!“ sagte ich weiter und verdrehte dabei die Augen. Als ob mich jemals ein Junge vom Land interessieren würde…

Ich stand wieder auf und ging zu ihrem Spiegel. Ich spielte nervös mit meinen langen Haaren. „Im Sommer sind wir ja mit der Schule fertig…“ begann ich zögernd. „Ja, daran erinnere ich mich…“ antwortete mir Allison spöttisch. „Weißt du schon, was du danach machst?“ fragte ich sie ernst. „Nö, weiß ich noch nicht“ antwortete sie mir kühl, während sie auf ihre perfekten Fingernägel glotzte. Typisch Allison… Ich ging zu meiner Tasche und fing einen Brief heraus. „Was ist das?“ fragte sie neugierig nach. „Den Brief habe ich letzte Woche bekommen. Ich konnte ihn zum Glück abfangen und verstecken…“ erzählte ich flüsterleise und reicht ihn anschließend Ally. Sie fing das Papier heraus und begann zu lesen. „Du wirst eine Stewardess?!“

Kapitel 2

„Unfassbar! Unglaublich! Du wirst eine Flugbegleiterin?!“ flippte meine Freundin aus. „Ganz ruhig. Noch ist nichts entschieden.“ „Wann hast du dich überhaupt dafür beworben?“ Ich grinste sie etwas unbeholfen an. „Mia?“ „Ich habe schon einige Tests hinter mir… es ist nicht so leicht da reinzukommen…“ Mit großen Augen starrte mich Allison an. „Hier steht, dass du im Sommer schon einige Praxiseinheiten hast! Was heißt das? Meinen die da ein richtiges Flugzeug? Deine Mutter wird ausrasten. Sie mag es nicht mal, wenn du mit dem Bus zu einem Schulausflug fährst!“ „Danke für die Erinnerung Allison, das weiß ich alles! Aber was ist, wenn…“ „Was ist, wenn was?“ „Wenn es genauso ist, wie ich es mir erträume…“ Sie kam auf mich zu, nahm meine Hände und drückte sie sanft. „Dann solltest du mit deinen Eltern sprechen…“

Etwas später verabschiedeten wir uns und ich machte mich auf den Weg Nachhause. Unzählige Gedanken gingen mir durch den Kopf. Ich konnte und wollte einfach nicht verstehen, warum jeder so einen Wirbel um diesen Job machte. Die Leute in meiner Heimatstadt sind solche Landeier, und meine Eltern stehen dabei noch an der Spitze. Ich konnte mir lebhaft ausmalen, wie sie reagieren würden. Ich spürte, wie ein paar Regentropfen auf meiner Kleidung landeten. Meine fürchterliche Angst vor Gewittern ließ mich im Schnellschritt weiterlaufen. Warum hat meine Mutter nur dieses sture Bild vor Augen, dass ich eine Mutter und Hausfrau werde, und sonst nichts?! Mit 18 Jahren will ich so viel mehr von dieser Welt sehen, als nur dieses Städtchen Everwood. Ich beendete gerade diesen Gedanken, als ich auf der Farm meiner Eltern ankam. Kurze Zeit später stand ich auf der Veranda und sah zur Eingangstür. Ich atmete einige Male tief durch und öffnete sie.

Nachdem ich mir die Schuhe ausgezogen habe, betrat ich das Wohnzimmer, wo meine Eltern auf der Couch saßen. Mein Vater sah fern und meine Mutter strickte. Was für ein Klischee… „Hallo!“ zwang ich nervös heraus. „Hallo Mia!“ begrüßten sie mich beide herzlich. „Alles gut mit Allison?“ Ich setzte mich ebenfalls aufs Sofa und antwortete gelassen „Aber ja, ihr wisst ja, wie sie ist. Immer gut gelaunt!“ Ich atmete einige Male sehr laut ein und aus, was meiner Mutter natürlich nicht entging. „Alles gut mit dir?“ Ich räusperte mich und setzte mich aufrecht hin. „Kann ich mit euch über etwas sprechen?“ Meine Eltern sahen sich verwundert an. Danach schaltete mein Vater den Fernseher ab und meine Mutter legte die Stricknadeln nieder. In diesem Moment wäre es mir lieber gewesen, sie hätte die Nadeln viel weiter weggepackt. „Natürlich!“ antwortete mein Vater ruhig. Ich rutschte etwas nervös auf meinem Hinterteil hin und her. Danach nahm ich eine Haarsträhne in die Hand und wickelte diese ein paar Mal um meinen Zeigefinger. „Also, du wolltest mit uns sprechen?“ erinnerte mich meine Mutter ungeduldig. „Ja! Also, ich habe mir Gedanken gemacht, was ich gerne nach der Schule… machen würde…“ „Das ist fantastisch!“ antwortete meine Mutter. „Findest du?“ erwiderte ich um einiges ruhiger. „Und an was hast du gedacht?“ erkundigte sich mein Vater neugierig. „Ich habe bereits meine Zusage erhalten und kann im Sommer vier Praxiseinheiten antreten!“ erzählte ich voller Euphorie. „Warte. Du hast schon eine Stelle? Wann hast du dich dafür beworben?“ warf mein Vater erschrocken ein. „Das ist schon einige Wochen her…“ murmelte ich schwer verständlich. Beide starrten mich an und warteten auf eine Fortsetzung. Ich fasste in meine Tasche und fing die Zusage heraus. Meine Mutter bemerkte auf der Stelle meine zitternde Hand und sah mich dadurch verunsichert an. Ich hustete, und versuchte mich bestmöglich zu beruhigen.

Als ich den Brief meiner Mutter reichte, riss sie ihn mir wortwörtlich aus der Hand. Ich sah ihr beim Lesen zu und konnte deutlich erkennen, dass sich ihre Hand, mit der sie den Brief festhielt, mehr und mehr verkrampfte. Sie sah auf, würdigte mich die ersten Sekunden aber keines Blickes. „Was? Was ist es?“ fragte mein Vater ungeduldig durch den Raum. Meine Mutter reichte ihm den Zettel, stand auf und ging Richtung Ausgang. „Sagst du jetzt gar nichts dazu?“ rief ich ihr hinterher. „Wie? Du willst Flugbegleiterin werden?“ brüllte mein Vater, woraufhin ich zusammenzuckte. „Ja, das ist mein Wunsch!“ antwortete ich bestimmend. Sein Gesicht färbte sich rot, während meine Mutter eher blass aussah. „Bitte Mama, Papa, beruhigt euch. Ich wurde für vier Flüge im Sommer ausgewählt und würde es gerne probieren!“ „Du fliegst schon im Sommer in einem echten Flugzeug mit?“ brüllte mein Vater erneut. „Hast du eine Ahnung, wie gefährlich das ist?“ fügte er wütend hinzu. „Nein, du etwa?“ konterte ich frech. „Sprich nicht so mit deinem Vater!“ brummte meine Mutter. „Nur weil ihr kein Flugzeug kennt und noch nie geflogen seid, ist es nicht automatisch schlecht!“ „Du bist da andauernd unterwegs, reist durch fremde Länder. Das ist viel zu gefährlich!“ „Gut, dass ich das selbst entscheide!“ „Ich warne dich, Mia!“ ermahnte mich meine Mutter mit bedrohlicher Stimme. Ich sprang vom Sofa auf und brüllte los „Warum muss mit euch alles so schwierig sein? Gebt mir doch eine Chance, um euch zu beweisen, dass ich das kann!“ „Du steigst in kein Flugzeug und Schluss jetzt!“ antwortete mein Vater. „Oh doch, das werde ich Papa. Ihr könnt mich nicht ewig hierbehalten! Ich bin erwachsen und treffe meine eigenen Entscheidungen!“ „Du bist nicht erwachsen Mia, du bist unser kleines Mädchen!“ sagte meine Mutter tränenreich. „Spinnst du? Ich bin schon lange nicht mehr dein kleines Mädchen. Ich will raus. Ich will die Welt sehen. Ich will endlich anfangen zu leben!“

Komplett aus der Puste wartete ich auf die Antwort meiner Eltern. Meine Mutter brach in Tränen aus, mein Vater sprang auf und fuchtelte mit den Armen in der Luft herum. „Ich wusste nicht, dass du über unser Leben hier so denkst!“ fügte sie aufgelöst hinzu. Ich setzte mich zu ihr und strich ihr über die Schulter „Ich fühle mich hier manchmal wie eine Gefangene, das liegt nicht an euch. Ich weiß, ihr macht euch nur Sorgen um mich. Aber ihr könnt mich nicht mein ganzes Leben lang herumkommandieren!“ „Wir kommandieren dich doch nicht herum, wir geben auf dich Acht!“ verteidigte sich mein Vater. Mir wurde augenblicklich klar, eine weitere Diskussion machte an diesem Abend nicht mehr viel Sinn. „Bitte, denkt einfach darüber nach!“ waren meine abschließenden Worte, woraufhin ich mich in mein Zimmer schleppte und wütend über die Tatsache war, dass ich schon wieder im Vorhinein wusste, wie das Gespräch verlaufen würde. Wir hatten schon so viele Streitgespräche. Ob es irgendwann mal anders mit ihnen sein wird? Trotzdem war ich froh, das Thema endlich angesprochen zu haben, ich fühlte mich überraschend gut und erleichtert. Vielleicht wendet sich schlussendlich doch alles zum Guten?

Am nächsten Tag klingelte mein Wecker. Ich schreckte auf und blickte verschlafen durch mein Zimmer. Nach einigen Minuten stand ich auf und machte mich fertig. Als ich aus dem Fenster sah, merkte ich, dass ein sonniger Tag auf mich wartete. Ich schlüpfte in eine Strumpfhose und zog einen Jeansrock an. Dazu entschied ich mich für einen rosa Pullover. Ich trug etwas rosa Rouge auf meine Wangen auf und ließ meine langen, blonden Haare über die Schultern fallen. Als ich fertig war und auf die Zimmertür zusteuerte, machte sich Nervosität in mir breit. Ich schlich durch den Flur und begab mich ins Treppenhaus. Als ich in der Küche ankam, sah ich, wie meine Mutter das Frühstück auf dem Tisch bereitstellte. Mein Vater saß bereits mit einem Kaffee in der Hand an dem Tisch und blickte zu mir auf. „Einen Flug. Anschließend berichtest du uns alles bis ins kleinste Detail. Danach entscheiden wir weiter!“ Ich stürmte auf die beiden zu und drückte sie ganz fest. Dieser Augenblick wird niemals aus meinem Kopf verschwinden. „Ich danke euch vielmals! Danke, danke, danke!“ „Aber du musst alles berichten! Positives und auch Negatives. Wir erwarten vollkommende Ehrlichkeit!“ wiederholte meine Mutter die Bedingungen. „Ich verspreche es, hoch und heilig!“ Ich umarmte beide erneut. „Ich weiß doch selbst noch nicht, ob es mir gefällt. Aber danke für euch Unterstützung! Das bedeutet mir so viel!“ Ich setzte mich ebenfalls. „Also erzähl…“ begann mein Vater. „Wie genau war der Bewerbungsablauf?“

# 17. & 18. März 1991

Kapitel 3

Als ich die Küche verließ, bemerkte ich, wie sich mein Vater mit meinen Koffern die Treppen hinunterquälte. „Warte! Ich kann dir doch helfen!“ Ich nahm ihm zwei kleine Gepäckstücke ab und trug diese in den Vorraum. „Wofür brauchst du so viel Zeug mit?“ fragte mich meine Mutter und zog eine Augenbraue hoch. „Naja, immerhin muss ich eine Woche in London bleiben, bevor ich wieder heimfliege… nein warte, ich muss mich korrigieren… Ich darf eine Woche in London bleiben!“ Ich hüpfte daraufhin quer durch den Flur. „Hast du gar keine Angst?“ fragte sie schüchtern nach. „Wovor denn Angst, Mama? Ich sehe London!“ Ich küsste sie daraufhin auf die Wange und grinste ihr ins Gesicht. Ein kleines Lächeln konnte ich auch an ihren Mundwinkeln erkennen. Sie reichte mir kurze Zeit später einen Kleidersack. „Ich habe deine Uniform gebügelt…“ sagte sie bescheiden. Während ich mich berührt bedankte, schenkte sie mir einen stolzen Blick. „Sie ist wirklich schön. Du wirst toll aussehen!“ fügte sie noch hinzu. Ich nahm ihre Hand und drückte sanft zu.

Meine Eltern halfen mir dabei, die Koffer in das Auto zu tragen. Nachdem das erledigt war, fiel ich in ihre Arme. „Danke, Mama… danke, Papa!“ Die starke Anspannung, welche von ihren Körpern ausstrahlte, war deutlich spürbar. Es muss ihnen extrem schwer gefallen sein, und genau deswegen, bin ich umso dankbarer! Nachdem wir unsere Umarmung lösten, strich mir meine Mutter sanft über das Gesicht. „Wir sehen uns in einer Woche!“ sagte mein Papa bestimmt. „Genau!“ grinste ich ihn an. Nach einer weiteren Umarmung stieg ich ins Auto, öffnete das Fenster und winkte ihnen herzlich zu. Ich konnte sehen, wie sehr meine Mutter mit den Tränen kämpfte. Mein Papa legte den Arm um sie und winkte ebenfalls. Als ich unser Grundstück verließ und auf die Straße fuhr, fühlte ich aber nur eines: Freiheit.

Nach einem Outfitwechsel, unzähligen Sicherheitseinweisungen und dem Kennenlernen der Crew machten wir uns in einem Bus auf den Weg zum Flugzeug. Ich saß beim Fenster und starrte gespannt auf das Flughafengelände. Verschiedenste Fahrzeuge, Anhänger mit Gepäckstücken, Arbeiter die, mir vollkommen fremde Aufgaben erledigten… jedes Detail faszinierte mich. Das erinnerte mich jedoch unzählige Male daran, was ich doch für ein Landei bin. „Alles in Ordnung?“ fragte mich Miranda, meine Ausbildnerin. „Aber ja! Das ist doch alles so aufregend, oder?“ antwortete ich mit übertriebener Euphorie. „Bin gespannt, ob du nach einem fünf-Stunden Flug voller Arbeit und Stress, dasselbe sagst!“ grinste sie mich falsch an. „Ich auch!“ gab ich zu und kicherte. Der Bus machte Halt, während ich noch immer fassungslos aus dem Fenster starrte. „Unglaublich, wie groß das Flugzeug ist!“ bemerkte ich hochgestimmt. Miranda sah mir skeptisch entgegen. „Du tust ja so, als würdest du heute das erste Mal ein Flugzeug sehen?!“ Ich ließ meinen Blick auf den Boden fallen und überlegte mir eine passende Antwort. Immerhin bin ich in meinem Leben noch nie geflogen, aber das wollte ich keinesfalls zugeben. „Mich faszinieren diese Maschinen nur immer wieder aufs Neue. Ich meine… Hallo?! Damit kann man fliegen!“ Sie lachte mir ins Gesicht und stieg danach aus dem Bus aus. Ich stand ebenfalls auf, richtete meinen Rock und das Halstuch, anschließend folgte ich ihr. Draußen angekommen, begrüßte mich ein lauwarmer Wind und laute, ungewöhnliche Geräusche. Ich versuchte, mit den Anderen Schritt zu halten und dackelte ihnen hinterher. Meine hohen Schuhe waren dabei keine große Hilfe… ich hätte üben sollen, in diesen Dingern zu laufen. Wir steuerten auf eine große Treppe zu, welche uns zum Eingang des Flugzeugs bringen sollte. Ich versuchte meine Vorfreude und gleichzeitige Anspannung so gut wie möglich zu verstecken, um kein weiteres Aufsehen zu erregen. Im Flugzeug angekommen, sah ich mich einige Sekunden begeistert um. Ich konnte einfach nicht glauben, was hier vor mir passierte.

Gemeinsam mit Miranda führte ich den Flugzeugcheck durch, anschließend machten wir die ersten Servicevorbereitungen. Besser gesagt, ich sah zu und lernte. Sie erklärte mir den Servicewagen und zeigte mir, was es alles gibt, und wo es zu finden war. „Den ersten Service machen wir gleich gemeinsam, sobald wir in der Luft sind!“ sagte sie, während der Vorführung. „Ok!“ antwortete ich bestmöglich selbstsicher, dabei spürte ich deutlich meine wackeligen Beine und zittrigen Finger. Ich gab mir alle Mühe, mich zu entspannen und meinen beruhigenden Gedankengängen zu folgen.

Unsere nächste Aufgabe war es, die Gäste zu empfangen. Mit meiner anderen Kollegin, Vicky, stellte ich mich demnach zum Eingang und setzte ein fröhliches Grinsen auf, während sie die Gäste begrüßte und, wenn nötig, Hilfe anbot. Urplötzlich musste ich mich daran erinnern, dass wir bald starten würden und ich noch nie in einem Flugzeug mitgeflogen bin. Ich spürte die Nervosität in mir hochsteigen. Vollkommen in meine Gedanken vertieft, bemerkte ich zunächst nicht, dass mich ein junger Mann ansprach. „Entschuldigen Sie?“ waren die ersten Worte, die ich aus seinem Mund vernehmen konnte, nachdem ich aus meiner Abwesenheit aufgewacht war. Ich schüttelte den Kopf. Bei seinem Anblick verlernte ich kurzerhand zu sprechen. Ich musste mir ins Gedächtnis rufen, dass ich gerade in einem Flugzeug bin und arbeite. „Wie kann ich Ihnen helfen?“ sagte ich wenige Sekunden später mit süßer Stimme. Er grinste mich mit einem zauberhaften Lächeln an. „Ich habe ein Handgepäckstück. Wo darf ich das unterbringen?“ „Darf ich?“ fragte ich ihn und zeigte auf sein Flugticket. „Natürlich!“ antwortete er weiterhin strahlend. Sein Lächeln war richtig ansteckend.

„Folgen Sie mir bitte!“ Er nickte mir zu und wir gingen gemeinsam den Gang entlang, um zu seinem Sitzplatz zu kommen. „Hier sitzen Sie.“ Daraufhin nahm ich ihm seinen kleinen Koffer aus der Hand und verstaute diesen in den Regalen über den Sitzplätzen. „Vielen Dank!“ bemerkte er freundlich. Ich nickte ihm zu, daraufhin musterte er mich ganz genau und verzog dabei das Gesicht. „Hab‘ ich was im Gesicht oder wieso starren Sie so?“ platzte mir ziemlich unhöflich heraus. Er sah mich erschrocken an, doch es dauerte nicht lange, bis er sein freches Lächeln wieder aufgesetzt hatte. Er antwortete kühl „Ich wollte nur Ihr Namensschild lesen. Aber wenn sie mich schon so direkt fragen, sie sehen bezaubernd aus, Mia!“ Miranda packte mich in derselben Sekunde am Arm und zerrte mich nach hinten in unsere Kabine.

Bevor sie etwas sagen konnte, begann ich leise zu sprechen „Es tut mir leid…“ „Reiß dich zusammen und achte auf deine Worte, wir sind hier nicht mehr in deinem Bauernkaff, wo es keine Manieren gibt!“ Sekundenschnell hatte sie ihre freundliche Fassade abgelegt. Sie starrte mich eindringlich an, ich tat es ihr gleich. „Gibt es etwas, was du mir sagen willst?“ sagte sie rotzig, während sie langsam auf mich zukam. Ich senkte meinen Blick und sagte gleichgültig „Nein, alles gut!“ Sie setzte ihr falsches Lächeln wieder auf und rempelte mich beim Verlassen der Kabine mit der Schulter an. Ich verdrehte die Augen, atmete einige Male tief durch und begab mich wieder zu den Passagieren.

Wenige Minuten später waren wir startklar. Das Flugzeug befand sich bereits auf der Startbahn. Meine Kolleginnen und ich saßen in unserer Kabine auf den Plätzen. Ich betete in diesem Moment zu Gott, sodass uns nichts passieren und vor allem, dass ich nicht flugkrank werden würde. Ich fragte mich an die hundert Male, ob es wirklich eine gute Idee war, diesen Job, ohne jegliche Erfahrung anzutreten. Eine gewaltige Kraft drückte mich urplötzlich in den Sitz und zwang mich, meine Gedanken zu beenden. Ich krallte mich mit beiden Händen an den Armlehnen fest und schloss verkrampft die Augen. Komische Geräusche durchdrangen das Flugzeug. Ich spürte meinen kräftigen Herzschlag. Alles rund um mich ratterte und krachte. Ich sah mein Leben vor meinem inneren Auge an mir vorbeiziehen. Mein Gedanke schweifte zu Allison, und dass sie in demselben Moment wahrscheinlich auf einer Liege im Garten lag, um sich zu sonnen und keinen Gedanken an die Zukunft verschwendete. Und was machte ich?

Auf einmal spürte ich eine Art Schwerelosigkeit… es fühlte sich an, als könnte ich schweben. Ein Kribbeln durchströmte meinen gesamten Körper. Meine Hände entkrampften sich langsam, ich öffnete meine Augen. Miranda und Vicky sahen mir unbeeindruckt zu. Das war mir in diesem Augenblick aber egal. Beim Blick aus dem Fenster bemerkte ich, dass wir abgehoben waren. Ich hörte keine angsteinflößenden Geräusche mehr, es war einfach nur ruhig. Ich genoss die angenehme Stille, während ich dabei zusah, wie wir den Wolken immer näherkamen. In diesem Moment wusste ich schon, dass ich den Job lieben werde.

Kapitel 4

„Alles ok?“ fragte mich Vicky besorgt, während ich versessen aus dem Fenster starrte. „Natürlich, ja alles gut!“ antwortete ich ihr aufgeregt. Sie nahm neben mir Platz und flüsterte „Dein erster Flug, oder?“ Ich wendete mich langsam vom Fenster ab und sah sie verlegen an. „Ist es so offensichtlich?“ gab ich ängstlich zu. „Mach dir keinen Kopf. War bei mir vor einigen Jahren genauso!“ Erleichtert atmete ich durch. „Vicky, mach bitte den ersten Service mit Mia gemeinsam, mal sehen, wie spaßig das wird…“ unterbrach uns Miranda und warf uns einen strengen Blick zu. Während wir die letzten Vorbereitungen trafen, flüsterte ich Vicky zu „Für ein paar Minuten hatte ich tatsächlich gedacht, sie wäre nett…“ „Keine Sorge, darauf sind wir alle reingefallen…“ bestätigte sie mich und zwinkerte mir zu. „Also, bereit?“ fragte sie weiter und zog den Vorhang auf, um zu den Gästen zu gelangen.

Nach einigen Minuten der Eingewöhnung stand für mich fest: Es ist fantastisch. So viele Menschen zu treffen, verschiedene Kulturen kennenzulernen, die erlernten Sprachen endlich anwenden zu können. Es war so, wie ich es mir erträumt habe. „Die Hälfte haben wir schon geschafft, du machst das wirklich gut!“ lobte mich Vicky mit einem Grinsen auf den Lippen. Ich lächelte erleichtert zurück und dachte darüber nach, wie schön es wäre, diesen Job tatsächlich ausüben zu können, langfristig. Urplötzlich gab es Turbulenzen. Ich erschrak furchtbar und krallte mich am Servicewagen fest. „Ganz ruhig Mia, das ist vollkommen normal!“ beruhigte mich Vicky. Zu dieser Zeit war ich froh, ihr erzählt zu haben, dass das mein erster Flug war! Ich ließ den Wagen los, richtete meine Kleidung und versuchte, mich zu entspannen. Ich schloss kurz die Augen, um durchzuatmen. Auf einmal spürte ich erneut eine Turbulenz aufkommen, diese sollte aber noch viel stärker werden. Dadurch, dass meine Augen noch geschlossen waren, verlor ich jegliches Gleichgewicht und stürzte auf einen naheliegenden Sitzplatz. Zwei wärmende Hände hielten mich fest, um mich zu schützen. Ich erzitterte vor Schreck am ganzen Körper. Es dauerte einige Sekunden, bis ich realisiert hatte, dass ich gerade auf dem Schoß von einem Passagier saß. Ich riss meine Augen auf und stützte mich bestmöglich ab, um aufzustehen. „Es tut mir so unendlich leid!“ rief ich verzweifelt. „Haben Sie sich wehgetan, Mia?“ fragte er sanft nach, während er ebenfalls aufstand, um mich festzuhalten. Seine angenehme Stimme hatte ich sofort wiedererkannt, ohne ihm einen einzigen Blick zu schenken. Ich sah zu ihm auf und es dauerte nicht lange, bis ich mich erneut in seinen bernstein-braunen Augen verlor. Sein Aftershave kitzelte in meiner Nase, es roch nach frischem Regen aus einer milden Sommernacht. Mit seinen dunkelblonden Haaren, die an den Seiten ziemlich kurz sind, aber an seinem Scheitel länger hinunterfallen, sah er himmlisch aus. Er streichelte mir an der Schulter entlang, woraufhin sich Gänsehaut auf meiner Haut ausbreitete. Er dürfte gemerkt haben, wie verängstigt ich war. „Wieso starren Sie so, habe ich etwa was im Gesicht?“ fragte er mich daraufhin schmunzelnd. Ich entriss ihm meinen Arm und richtete meine Klamotten erneut. Der Lautsprecher ertönte. Der Pilot, er forderte alle auf, sich hinzusetzen und sich anzugurten. Vicky und ich brachten den Servicewagen schnellstmöglich zurück und setzten uns, wie angeordnet. „Alles ok?“ fragte sie mich anschließend. „Ja, danke!“ antwortete ich kühl und versuchte mich bestmöglich zu sammeln. Ich dürfte zu diesem Zeitpunkt wohl alles falsch gemacht haben, was überhaupt möglich war.

Etwas später, als die Turbulenzen nachgelassen hatten, beendeten Vicky und ich unsere Runde, sodass die restlichen Gäste auch noch versorgt werden konnten. Selbstbewusst steuerte ich auf das Opfer meiner bisherigen Missgeschicke zu. „Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen. Für den blöden Spruch am Beginn unserer Reise, und… für den Angriff zwischendurch! Bitte, verzeihen Sie vielmals!“ „Harrison…“ antwortete er mir ausdruckslos. Völlig aus dem Konzept gebracht, fragte ich nach „Wie bitte?“ „Mein Name… er ist Harrison!“ Ich räusperte mich. „Also… Harrison? Entschuldigen Sie bitte!“ „Wissen Sie was?“ begann er und sah zu mir hoch. Ich dachte mir nur: „Ohje, was kommt jetzt?“ „Ich bin geschäftlich viel unterwegs. Aber so viel Spaß, wie auf diesem Flug, hatte ich noch nie!“ Einige Sekunden starrte ich ihn ausdruckslos an. Dann musste ich kurz kichern. „Kann ich das wieder gut machen? Was darf ich Ihnen anbieten?“ Er musterte mich daraufhin von oben bis unten. Er hatte so ein Feuer in den Augen, welches meine Knie weich werden ließ. Am liebsten wäre ich ihm in diesem Augenblick erneut in die Arme gesprungen. Ich hustete und räusperte mich, nachdem ich meine Gedanken wieder sortiert hatte. „Kaffee. Schwarz!“ sagte er abgelenkt, während er seine Zeitung aufschlug. Ich nahm einen Pappbecher und goss Kaffee ein. Mit einer Untertasse stellte ich das heiße Getränk auf seinem Klapptisch ab. Zusätzlich stellte ich ihm eine Flasche Mineralwasser raus und marschierte mit meinem Servicewagen weiter. „Warten Sie, das habe ich nicht bestellt!“ rief er mir hinterher. „Geht aufs Haus! Oder besser gesagt, aufs Flugzeug!“ zwinkerte ich ihm zu, anschließend wendete ich mich den nächsten Passagieren zu. Im Augenwinkel konnte ich sein Lächeln sehen, welches mir bis heute meinen Tag versüßt.

Ich konnte die erste Servicerunde zum Glück ohne weitere Vorkommnisse beenden. Vicky und ich räumten den Wagen zusammen und stockten die Lebensmittel und Getränke für die zweite Runde wieder auf. Danach nahmen wir Platz, um eine kleine Pause zu machen. „Gute Arbeit!“ sagte sie frech. Ich zog eine Augenbraue hoch. „Ganz ehrlich? Bist du schon mal auf einen Gast gefallen? Ich glaube nicht, dass das so korrekt war!“ sagte ich ironisch. „Nein, du verstehst mich falsch. Ich meinte, gute Arbeit mit dem Ziel, das du gewählt hast. Der Typ sieht zum Anbeten aus!“ Ich lachte laut auf und gab ihr einen Klapps auf die Schulter. „Du bist wahnsinnig!“ rief ich und lachte weiter. „Du findest das also lustig?“ unterbrach uns Miranda. „Ist es für dich amüsant, auf einen Passagier zu fallen? Ist es zum Lachen, danach noch Witze zu reißen? Also ganz ehrlich Mia… ich weiß, es ist dein erster Tag, aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Doch von einem Bauerntrampel wie dir, habe ich auch nichts anderes erwartet!“ „Ganz ruhig!“ unterbrach sie eine mir vertraute Stimme. Der Vorhang wurde aufgezogen und da stand er. Harrison. Er schloss die WC Tür, welche er wohl gerade öffnen wollte und trat in unsere Kabine ein. Ich saß beschämt auf meinem Platz und blickte zu Boden. „Ich habe vorhin zu Mia gesagt, dass ich bisher noch nie so viel Spaß auf einem Flug hatte… und wissen Sie wieso? Es ist einfach erfrischend, eine Flugbegleiterin zu treffen, mit der man plaudern und witzeln kann, und die nicht so einen Stock im Arsch hat wie Sie!“ „Wie bitte?“ antwortete ihm Miranda mit bedrohlich klingender Stimme. Schockiert legte ich meine Hand auf den Mund. Ich wusste, ich sollte nicht zuschauen, doch ich konnte nicht wegsehen. „Achten Sie auf Ihre Worte… denn glauben Sie mir, Mia wird nicht diejenige sein, über die ich mich beschweren werde!“ Anschließend drehte er sich um und zog den Vorhang wieder zu. Mirandas Gesichtsfarbe färbte sich zu einem seltsamen Farbspiel, eine Mischung aus roter Wut und weißer Schockstarre. Sie warf mir einen wütenden Blick zu, danach stürmte sie aus der Kabine.

Kaum war sie draußen, brach Vicky in dröhnendes Gelächter aus und hielt sich dabei den Bauch. Tränen überliefen ihr Gesicht, sie kriegte sich kaum mehr ein. Mir war nicht zu Lachen zumute. Ich musste zu diesem Zeitpunkt noch drei Flüge mit Miranda an meiner Seite überstehen, spätestens da, schien mir das unmöglich. „Was ziehst du für ein Gesicht? Sein Auftritt war klasse!“ lachte Vicky weiter. „Ganz und gar nicht! Meine Ausbildung dürfte hiermit beendet sein und das alles nur wegen diesem Idioten!“ antwortete ich ihr aufbrausend. Sie stellte ihr Gelächter ein und kam auf mich zu. „Mach dir keine Sorgen. So schnell fliegst du nicht raus. Miranda hat viel weniger zu sagen, als sie zugibt!“ Sie stieß mit ihrer Schulter an meine und fuhr fort „Es wurde schon Zeit, dass ihr mal jemand die Meinung sagt!“ Sie begann erneut zu lachen, woraufhin ich mich auch endlich anstecken ließ und mitkicherte. Sein Parfum lag noch in der Luft, welches mich daran zurückerinnerte, wie er mich mit seinen großen, warmen Händen festgehalten hat. Schnellstmöglich schüttelte ich diesen Gedanken wieder von mir ab…

Das Flugzeug befand sich im Landeanflug, wir hatten bereits Platz genommen. Gespannt sah ich aus dem Fenster und hoffte erneut auf unser Glück, sodass wir heil auf dem Boden ankommen würden. Meinen ersten Arbeitstag beendete ich mit gemischten Gefühlen. Dieser Job war genauso, wie ich ihn mir erträumt hatte, doch meine Gedanken kreisten um Miranda und was sie zu mir gesagt hat… Immerhin hatte sie recht, ich kann nicht jedem Passagier den Kopf abreißen, nur wenn er mal nicht so guckt, wie ich mir das vorstelle. Für die Zukunft wäre es gut, nachzudenken, bevor ich den Mund öffne. Weil ich mit meinen Gedanken wieder einmal komplett wo anders war, musste ich mich daran erinnern, dass wir gerade in London ankamen!

Die Dämmerung war bereits eingekehrt, verschiedene Lichter schienen hell und ließen die wunderschöne Stadt förmlich strahlen. Diese von hier oben zum ersten Mal zu betrachten, verlieh mir ein anderes Gefühl von Freiheit. Ich hatte noch nie eine so wundervolle und gleichzeitig aufregende Nacht erlebt… Das erste Mal in meinem Leben fühlte es sich an, als würde ich genau hierhergehören und nirgendswo anders. Ein kleines Ruckeln ließ mich auf den Boden der Tatsachen zurückkommen. Für diesen Traumberuf wollte ich kämpfen! Ich erschreckte mich kurz, als ich ein Klatschen hörte. Der Pilot sagte daraufhin durch, dass wir gelandet sind und alles gut gegangen ist. Ich musste lächeln, als ich realisiert hatte, dass ich es tatsächlich geschafft habe. Vicky kam erfreut auf mich zu und klopfte mir auf die Schulter. Nachdem wir die Passagiere verabschiedet hatten, schauten wir durch die Gänge, um den restlichen Müll einzusammeln und überprüften die Regale über den Sitzplätzen.