Spielbälle - Annemarie Matthies - E-Book

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Annemarie Matthies

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Beschreibung

Bereits seit einigen Jahren wird dem Wissen fiktionaler Literatur in den Sozial- und Kulturwissenschaften verstärkte Aufmerksamkeit zuteil. Vor allem der Roman gilt als Medium, dessen Inhalte zwar auf außerliterarische Quellen verweisen, die zugleich aber ein alternatives Wissen über gesellschaftliche Gegenstände vermitteln. Annemarie Matthies geht, dem folgend, in ihrer Arbeit der Frage nach, welches Wissen fiktionale Literatur zwischen 1990 und 2009 über die Arbeitswelt bereithält. Das Werk kann sich dabei auf eine große Materialgrundlage stützen: Analog zu den Transformationen der vergangenen Jahre – vom Systemumbruch zu Hartz IV, vom Platzen der New Economy-Bubble zur aktuellen Finanzmarktkrise – erschienen zahlreiche Romane, welche sämtliche Sphären und Figuren des gegenwärtigen Arbeitsmarktes verhandeln. Dabei zeigt sich, dass die Literatur den Lebensbereich Arbeit ebenso ausführlich wie kritisch beschreibt. Zudem werden Wirklichkeitsentwürfe kreiert, die sich keinem wissenschaftlichen Diskurs zuordnen lassen, auch wenn sie ein Wissen über Arbeit in der Gegenwart vermitteln. Mit diesem interdisziplinären Werk demonstriert die Autorin aufschlussreich, inwiefern das angeeignete Wissen alternativ ist und welche außerwissenschaftlichen Interpretationen der Arbeitswelt derzeit existieren.

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Seitenzahl: 587

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhaltsverzeichnis

I Verhältnisbestimmungen. Arbeitswelt, Erzählung und das Wissen der Literatur

1 Einleitung

Das Thema Arbeit kehrt in den Fokus gesellschaftlicher (Selbst-)Beschreibungen zurück – davon künden Bezugnahmen in Kunst,1 medialem Diskurs2 und sozialwissenschaftlicher Theorie.3 Offen ist zwar, ob es sich dabei um den Anfang einer neuen Gegenwartsdiagnostik oder um ein kurzzeitiges Phänomen handelt; die perspektivische Frage nach Relevanz und Stellenwert von Arbeit in gegenwärtigen gesellschaftstheoretischen Verhandlungen wird sich erst in einigen Jahren beantworten lassen. Angesichts dessen aber, dass Arbeit als gesellschaftliches Verhältnis auch vor ihrer wissenschaftlichen und künstlerischen Wiederentdeckung nicht verschwunden war, erscheint eine andere Frage mindestens so relevant wie diejenige nach ihrem künftigen Status im Diskurs: Wie genau verhält es sich mit der theoretischen Verhandlung der Arbeitswelt in den Dekaden, in denen „Arbeit und Kapitalismus ihren Status als Schlüsselkategorien soziologischer Gesellschaftsanalyse eingebüßt“4 haben?

Die Antwort auf diese Frage erweist sich als ambivalent. Einerseits ist weder der Soziologie noch der öffentlichen Wahrnehmung ein Geheimnis, dass die Arbeitswelt bereits seit den 1990er Jahren einer umfassenden Transformation unterworfen wird. Mittlerweile schlüsselbegrifflich besetzte Großereignisse wie der Systemumbruch 1989/1990,5 das Platzen der New-Economy-Blase nach der Jahrtausendwende,6 die sukzessive Umsetzung der Agenda 2010 in den 2000er Jahren7 und die seit 2007/2008 andauernde Finanzkrise und ihre fundamentalen Wirkungen auf die Welt der Arbeitenden gehören zum soziologischen Spezial- ebenso wie zum Allgemeinwissen. Auch im medialen Diskurs lagen und liegen Relevanz und Problematik der Arbeitswelt offen zutage: Schlagworte wie Flexibilisierung, Rationalisierung, Kosten-Nutzen-Kalkulation, Standortsicherung, Profitmaximierung und der dazugehörige Personalabbau sind seit einer knappen Dekade ebenso omnipräsent wie die mit der Arbeitswelt verbundenen Topoi Work-Life-Balance, Burnout-Syndrom, Mobbing und Stress am Arbeitsplatz. Insofern, so lässt sich einerseits festhalten, wirkt es angesichts der Präsenz des Gegenstands fast redundant, von einer grundlegenden Veränderung der Arbeitswelt zwischen den frühen 1990er Jahren und dem Beginn der aktuellen Finanzkrise zu künden.

Andererseits jedoch fallt angesichts der fundamentalen Transformation der Arbeitswelt auf, dass die Dauerpräsenz des Gegenstands Arbeit zu keiner Großdebatte geführt hat. Stattdessen entstehen zwischen Systemumbruch und Finanzmarktkrise zahlreiche Diskurse, in denen die Arbeitswelt stets eine Rolle, aber kaum je die Hauptrolle spielt. Dabei kann überdies eher von Einzel- und Spezialdiskursen denn vom Diskurs der Arbeitswelt gesprochen werden: Autonome Verhandlungen – beispielsweise der konfliktreichen psychosozialen Dimensionen der Arbeitswelt8 oder der Erosion von Normalarbeitsverhältnissen9 – nehmen zwar Bezug auf arbeitsweltliche Phänomene und damit verknüpfte politische und ökonomische Entscheidungen und Ereignisse. Sie lassen ihren immanenten Zusammenhang jedoch mehr erahnen als den Zusammenhang selbst zum Gegenstand des Erkenntnisinteresses zu machen. Dabei erweist sich auch der Aspekt der qualitativen Bestimmungen von Arbeit insofern als bemerkenswert, als diese weitgehend inexistent sind. Die Arbeitssoziologin Sabine Pfeiffer weist in diesem Kontext darauf hin, dass die Bestimmung von „Arbeit als Lebenstätigkeit und Gattungsleben, als Naturaneignung und Objektivation und in ihrer Gesellschaftlichkeit“10 nach dem Systemumbruch weder in der Arbeits- und Industriesoziologie noch im öffentlichen und medialen Diskurs Raum habe. Diese Tendenz dauert aktuell an: So hat sich im Zuge der Finanzmarktkrise zwar ‚die‘ Ökonomie als öffentlich verhandelter Gegenstand re-etabliert; das allerdings bei einer gleichzeitigen De-Thematisierung (nicht nur) von (konkreter) Arbeit:

„In den aktuellen Debatten über Verlauf und Bewältigung der kapitalistischen Krisen wird viel über Geld in Form von Schulden, Zinsen, Steuern oder Währungen und über Institutionen, die mit Geld umgehen, wie Banken, Staaten und internationale monetäre Institutionen, geredet. Die sogenannte Realökonomie kommt dabei nur am Rande und Arbeit eigentlich überhaupt nicht vor.“11

Während die These, dass Arbeit in aktuellen Debatten „überhaupt nicht“ thematisiert werde, übertrieben erscheint,12 lässt sich der Befund der „merkwürdig abhängige[n] Position“13 von Arbeit dahingehend ausweiten, dass sich ihre bemerkenswerte Dependenz nicht allein in theoretischen Bezugnahmen, sondern vor allem auch in praktischen Umgangsweisen zeigt. Insofern verweist der von Nies und Sauer beobachtete theoretische Stellenwert von Arbeit durchaus auf einen objektiv-praktischen Sachverhalt, der spätestens mit der Finanzmarktkrise und ihren Auswirkungen auf die Arbeitswelt überaus deutlich wird. Zugleich bleibt festzuhalten: Die faktische und empirisch ersichtliche Abhängigkeit der Arbeit von ökonomischen Erfolgsmaßstäben ändert erstens nichts an ihrer Relevanz für die nach wie vor hohe Anzahl derjenigen, welche Arbeit verrichten und auf diese als ihr Lebensmittel angewiesen sind. Zweitens löst auch der stets ex ante angelegte Maßstab finanzieller Rentabilität von Arbeit die Notwendigkeit von Arbeit für eine gesellschaftliche Produktion nicht auf. Zusammengenommen kann gelten, dass Arbeit insofern einen zentralen gesellschaftlichen Stellenwert innehat, als sie sowohl als Sache für sich (als in allen Gesellschaftsformen notwendig zu verrichtende konkrete Tätigkeit) als auch im Kapitalismus der unmittelbaren Gegenwart die auf je unterschiedliche Weise unabdingbare Voraussetzung individuellen wie gesellschaftlichen Lebens darstellt. So jedoch wird Arbeit zwischen 1990 und 2008 theoretisch tatsächlich nicht verhandelt, sondern allenfalls in Formen, welche ihre abhängige Position gleichermaßen widerspiegeln wie beglaubigen: etwa als eine potentiell mangelhafte Tätigkeit, deren Produktivität noch zu steigern ist; als Produzentin von materieller Unsicherheit und Prekarität; als Sphäre psychosozialer Konflikte und Problemlagen; zugleich aber auch als stets zur Disposition stehendes knappes Gut.

Einleitend, und an dieser Stelle notwendig verallgemeinernd, lässt sich in Bezug auf die Frage, wie die Arbeitswelt vor ihrer Rückkehr in den Fokus medialen und wissenschaftlichen Interesses gegen Ende der 2000er Jahre verhandelt wird, mithin zweierlei festhalten: In quantitativer Hinsicht wird die Arbeitswelt angesichts ihrer ebenso fundamentalen wie kontinuierlichen Wandlungen erstaunlich wenig thematisiert. Und in qualitativer Hinsicht lässt sich als Tendenz erkennen, dass Arbeit dort, wo sie verhandelt wird, primär als abhängige Variable und darin als problematisches gesellschaftliches Verhältnis bestimmt wird.

Die Gültigkeit dieses Befunds allerdings relativiert sich, wenn ein an Bezugnahmen auf die Arbeitswelt nach dem Systemumbruch interessierter Blick ein Medium inkludiert, welches in den Kultur- und Sozialwissenschaften seit einigen Jahren als Wissensträger und Mittler gesellschaftlicher (Selbst-)Beschreibungen verhandelt wird: die fiktionale Literatur. Geradezu spiegelverkehrt zu öffentlichmedialem und wissenschaftlichem Diskurs zeigt sich, dass das, was sich in der Soziologie erst jüngst bemerkbar macht, für die Literatur annähernd selbstverständlich erscheint: dass Arbeit ein Thema ist. Obgleich die Antwort auf die Frage nach einer quantitativen ‚Angemessenheit‘ für die Verhandlung von Arbeit keinen objektiv festlegbaren Kriterien folgen kann, lässt sich doch festhalten, dass sie im Medium der fiktionalen Literatur vergleichsweise massenhaft stattfindet. Vor allem seit der Jahrtausendwende künden zahlreiche Klappentexte von Arbeit und Arbeitslosigkeit, von Ökonomisierung und Entgrenzung in der Arbeitswelt, von Angestellten- und Freiberuflerwelten, von Entlassungen, Burnout, Mobbing und Schikane am Arbeitsplatz. Aber auch in den 1990er Jahren ist die Arbeitswelt keineswegs abwesend in der fiktionalen Literatur, sondern vielmehr ein Gegenstand der besonderen ästhetischen und inhaltlichen Verhandlungsweise. An Diversität mangelt es in der Literatur zwischen den 1990er Jahren und dem Jahr 2008 dabei nicht: Abgesehen von Arbeit in der industriellen Produktion wird nahezu jede Sphäre der kapitalistischen Arbeitswelt literarisch inszeniert. Und es zeigt sich, dass sich nach dem Systemumbruch auch, aber keineswegs ausschließlich bereits etablierte Schriftsteller14 dem Gegenstand Arbeit widmen, sondern dass darüber hinaus eine erhebliche Anzahl junger Autoren durch die erzählerische Bezugnahme auf das Thema Arbeitswelt in Erscheinung tritt. Was in den 1990er und frühen 2000er Jahren von der Industrie- und Arbeitssoziologie vermisst wird – die Hinwendung zu neuen oder veränderten Arbeitswelten15 –, findet im Medium der fiktionalen Literatur dieser Zeit durchaus statt.

Für ein wissenschaftliches Interesse an Beschreibungen der Arbeitswelt bedeutet das: Für die Frage, was an Wissen und Beschreibung über Arbeit nach dem Systemumbruch vorliegt, existiert eine Fülle an Material, welches – gemäß seiner Besonderheiten – Antworten liefern kann, die über das bloße Feststellen der Existenz des Themas Arbeit hinausgehen. Wird die fiktionale Literatur als Medium begriffen, welches nicht allein gesellschaftliche Beschreibungen und Wissensbestände reproduziert, sondern Wissen selbst herstellt (vgl. dazu ausführlich Unterpunkt 2 dieses Kapitels), dann liegt mit ihrer Analyse nicht nur ein Befund darüber vor, wie die Literatur bereits bestehende Beschreibungen, Theorien und Diskurse der Arbeitswelt ästhetisiert, sondern auch darüber, welches potentiell erweiternde, ergänzende, korrigierende, kritisierende oder konterkarierende Wissen über Arbeit es zwischen Systemumbruch und Finanzmarktkrise gibt. Analytisch genau zu klären ist dabei, welche qualitativen Bestimmungen der Arbeitswelt die fiktionale Literatur vornimmt – was also die Literatur an Wissensinhalten über den Gegenstand Arbeit vermittelt. Zu untersuchen ist dabei ferner, ob und inwiefern die literarische Verhandlung des Gegenstands Arbeit außerliterarischen Bezugnahmen ähnelt, oder ob die Literatur etwas präsentiert, was über die Bestimmungen des öffentlichen und/oder wissenschaftlichen Bezugs qualitativ hinausgeht.

Die vorliegende Arbeit unternimmt damit zweierlei: Zum einen geht es ihr darum, zu ermitteln, was an gesellschaftlichem Wissen über die Arbeitswelt zwischen 1990 und 2008 existiert. Dabei fungiert die Literatur als das in Die Kunst der Gesellschaft von Niklas Luhmann umrissene besondere gesellschaftliche Medium, dessen Exklusivität nicht zuletzt darin begründet liegt, dass es „ein Medium für Ordnungsmöglichkeiten, die auch ganz anders aussehen könnten“,16 ist. Zum anderen will die vorliegende Arbeit herausarbeiten, was das Besondere am Wissen des Mediums Literatur über den Gegenstand Arbeit ist. Für die Soziologie und ihre Fragestellungen ist darzulegen, welchen Ertrag die Analyse fiktionaler Literatur, die inhaltlich auf einen explizit gesellschaftlichen Sachverhalt zielt, bringen kann. In einer Synthese beider Vorhaben schließlich soll geklärt werden, was die fiktionale Literatur zwischen 1990 und 2009 über die Arbeitswelt weiß und was sie an Beschreibungen und inhaltlichen Befunden liefert, das auf Grund ihres exklusiven Charakters tatsächlich als besonderes Wissen gelten kann.

2 Wissen, Erzählung und Literatur

Dass sich die Produktion von Wissen und das Erzählen konträr zueinander verhalten, galt lange als Gewissheit, die sich in disziplinären Zuständigkeiten ebenso ausdrückt wie in der mitgedachten Leitdifferenz wahr/unwahr. Ob Erzählungen gegenwärtig wirklich noch dem Verdacht einer prinzipiellen Vortäuschung von Wahrheit ausgesetzt sind, wie etwa der Literatur- und Kulturwissenschaftler Jochen Hörisch suggeriert – „[d]ie Dichter lügen, wie man seit Hesiod und Platon wissen kann“17 –, mag zwar bezweifelt werden.18 Dass Erzählungen aktuell unter dem Blickwinkel der Wissensproduktion in das Interesse des Feuilletons, der Kultursoziologie, der Literaturwissenschaft und der Wissenssoziologie vordringen, ist dennoch voraussetzungsreich. Zwei grundlegende Entwicklungen sind als Bedingung für den neuen Status von Erzählungen besonders hervorzuheben:

Zum einen hat im Zuge des Cultural turn eine Annäherung zwischen philologischen und philosophischen Disziplinen stattgefunden, welche eine strikte Aufteilung von Zuständigkeiten prinzipiell brüchig macht. Gegenstände, die einst den philologischen Disziplinen vorbehalten waren, sind es nicht mehr – und umgekehrt. In diesem Kontext hat insofern eine allgemeine disziplinäre Ausweitung und ein damit verbundener Versuch der Schärfung spezifischer Begriffe stattgefunden – insbesondere und hier relevant: Erzählung/Narration –, als die klare Zuordnung fiktionaler Textsorten zum Erzählen prinzipiell in Frage gestellt ist.19 Dass sich Erzählungen nicht allein dort finden lassen, wo ein Buchdeckel sie explizit ausweist, ist in zahlreichen philologischen, kulturwissenschaftlichen und soziologischen Arbeiten, die Experteninterviews, juristische Fallbeispiele oder wissenschaftliche Abhandlungen unter dem Gesichtspunkt ihres narrativen Charakters betrachten, bereits gezeigt worden und nach wie vor Gegenstand der aktuellen Forschung.20

Zum anderen ist der Diskurs darüber, welches Wissen überhaupt Faktizität beanspruchen kann und wo das Reich der Fiktion beginnt – letztlich also die seit der Kritik am kritischen Rationalismus neu verhandelte Frage nach dem Wesen von Wissen –, keineswegs im Sinne eines relativistischen ‚anything goes‘ abgeschlossen. Der mittlerweile fest institutionalisierte Verweis auf die Pluralität von Wissensformen und die Relativität von Objektivitätsbehauptungen hat Fragen danach, wie sich Wissen als objektiv präsentiert, wie es als Wissen entsteht, wie es sich als Wissen durchsetzt und in welchen Gestalten es als Wissen auftritt, nicht erledigt. Im Gegenteil: Die Trennung der eindeutig erscheinenden Identität von Wissenschaft und Wissensproduktion sowie die daran anschließende Entdeckung der Erzählung als Medium des Wissens eröffnen zahlreiche Fragen danach, wodurch sich ein erzählerisch nicht allein transportiertes, sondern ein erzählerisch hergestelltes Wissen auszeichnet; danach, welche Wissensbestände sich aktuell in erzählenden Medien finden lassen; und schließlich auch danach, ob und inwiefern sich diese von denen in anderen Medien unterscheiden lassen.

2.1 Disziplinäre Annäherungen und grundlegende Differenzen zwischen Soziologie und Literaturwissenschaft

Disziplinäre Annäherungen zwischen Soziologie und Literaturwissenschaft finden im deutschsprachigen Raum nicht erst im Zuge aktueller kulturwissenschaftlicher Neuausrichtungen der beiden Fächer statt. Bereits in den 1980er Jahren, nachdem das Projekt einer großen Sozialgeschichte der Literatur aufgegeben wurde, finden zahlreiche Versuche statt, die Besonderheiten der Disziplinen füreinander nutzbar zu machen.21 Beide Disziplinen erkennen dabei, aller durchaus erfolgreichen Annäherungen ungeachtet, ein Problem: Die Konzentration auf die Ausarbeitung eines theoriegeleiteten Untersuchungsmodells geschieht unter „Vernachlässigung der erkenntnistheoretischen Probleme“22: Das soziologisch fundierte Systemkonzept einer akteursbezogenen empirischen Literaturwissenschaft (S. J. Schmidt) sowie die Luhmann’sche Systemtheorie dienen primär der Strukturierung des Gegenstandsbereichs, nicht aber einer für die Literaturwissenschaft anschlussfähigen Perspektive auf den Gegenstand. In Gegenbewegungen zu systemtheoretisch fundierten Blickweisen hingegen, insbesondere in der sozialanthropologisch begründeten Rezeptionsästhetik der Konstanzer Schule, scheint der literarische Text selbst zwischen Fragestellungen nach seiner Ursache und seiner Wirkung zu verschwinden. Die Herangehensweise der Werkimmanenz und deren Nachfolgerin, der strukturalistisch-linguistischen Textanalyse, erweisen sich schließlich für ein genuin soziologisches Erkenntnisinteresse als wenig anschlussfähig. Obgleich also im Zuge zahlreicher turns der vergangenen beiden Dekaden insofern eine deutliche Überschneidung der beiden Disziplinen erkennbar ist, als sie mit ähnlichen theoretischen Leitfragen, die sich immer auch an das Selbstverständnis und den eigenen Blick auf die Welt richten, konfrontiert sind,23 bleibt doch eine fundamentale disziplinäre Differenz bestehen: Während die Literaturwissenschaft den literarischen Text fokussiert, behandelt die Soziologie, so Schönert, den Text als ‚black box‘; sie ist interessiert an dem, was „zu den Texten hinführ[t] oder von ihnen ausgeh[t]“.24

Diese Unterscheidung der Disziplinen ist selbstverständlich ebenso grob wie überspitzt. Doch sie trifft insofern einen Aspekt, der gerade im Rahmen der vorliegenden Arbeit relevant ist, als sich die Literatursoziologie in all ihren unterschiedlichen Facetten tatsächlich primär für ‚das Soziale am Text‘ interessiert. Offen zutage liegt das für die „Soziologie der literarischen Produktion“, für die „Soziologie der literarischen Rezeption“ sowie für die „Soziologie des literarischen Feldes“.25 Diese Beobachtung lässt sich jedoch auch auf Herangehensweisen ausweiten, welche in ihrem Ausgangspunkt durchaus nah am literarischen Text operieren: Bereits seit den späten 1970er Jahren existieren zwar dezidiert textgeleitete soziologische Perspektiven, doch auch diese fokussieren nicht primär das Literarische des fiktionalen Textes. Die Textsoziologie etwa, die der Literatursoziologe Peter Zima begründet, hat das Werk als fiktionalen Text zum Gegenstand, untersucht aber nicht dessen ästhetischen Verfahrensweisen und stilistischen Mittel, sondern Soziolekte und soziolinguistische Situationen, in welche es kontextualisiert ist.26 Zumindest in dieser Hinsicht ähnlich verfahren Ansätze, die sich den Cultural Studies verpflichtet wissen: Einerseits werden der literarische Text und sein Inhalt fokussiert; andererseits aber gilt er a priori als Artikulationsmedium eines Dritten. Ob dabei politischen Positionen in populären Texten nachgegangen wird27 oder ob Elemente hegemonialer Massendiskurse verfolgt werden,28 stets steht im Zentrum der Untersuchung weniger die Narration als vielmehr die (fraglos auch lohnende) Spurensuche nach außerliterarischen Aussagen und Figuren.

Für die Literaturwissenschaft gilt hingegen:

Aller ‚Verkulturwissenschaftlichung‘ und aller unterschiedlichen Lesarten des Begriffs der Interpretation zum Trotz bleibt die verstehende Deutung des literarischen Textes doch das Hauptanliegen der Disziplin. Entsprechend orientieren sich zahlreiche ihrer traditionellen wie neuen methodischen Zugänge, so unterschiedlich theoretisch fundiert sie im Einzelnen sind, an hermeneutischen Verfahrensweisen. Natürlich existieren verschiedenste hermeneutische Interpretationsmethoden auch in der Soziologie und haben dort – verwiesen sei auf die Objektive Hermeneutik ebenso wie auf die Grounded Theory – längst keinen randständigen Status mehr. In der Literatursoziologie aber, und das kann als wirklich bemerkenswert gelten, kommt diese Verfahrensweise kaum je in Bezug auf den Gegenstand ‚fiktionaler Text‘ zur Anwendung.30

Als Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit und ihrer Vorgehensweisen lässt sich mithin festhalten, dass von einer Grenze zwischen Soziologie und Literaturwissenschaft ausgegangen wird, die sich durch den unterschiedlichen Blick auf den fiktionalen Text begründet. Die Arbeit will diese Grenze nicht überwinden, sondern die Differenzen für die Literatursoziologie fruchtbar machen. Die an den fiktionalen Text gerichtete Fragestellung sowie die darin eingeschlossene Präsumtion des literarischen Werks als Medium gesellschaftlicher Beschreibungen sind klar der Literatursoziologie, hier als Bestandteil der Kultursoziologie, zuzuordnen. Der Zugang zum Untersuchungsgegenstand jedoch unterscheidet sich insofern von tradierten literatursoziologischen Herangehensweisen, als keine dem Text exmanenten Kategorien der Analyse vorangestellt werden. Für die Vorgehensweise der vorliegenden Arbeit bedeutet das, dass fiktionale Texte als gleichwertige Äußerungsformen neben mediale Diskurse, Expertenaussagen und Erfahrungsberichte treten, ohne dass sie unter Absehung ihres Inhalts darauf reduziert würden, Artikulationen eines konkret unbestimmten Sozialen zu sein. Was hier interessiert, ist der erzählerische Zusammenhang in Bezug auf seine inhaltlichen Aussagen und Deutungsmuster.

Als Ertrag dieses Vorgehens wird vorausgesetzt und im abschließenden Fazit erläutert: Verknüpft die Soziologie die Analyse konkreter erzählerischer Inhalte mit ihren Fragestellungen, so erweitern sich ihre Erkenntnisse potentiell über den Erzähltext hinaus – und zwar gerade unter Berücksichtigung seiner inhaltlichen Plausibilisierungsabsichten. Literaturwissenschaftliche Analysewerkzeuge, insbesondere eine hermeneutische Feinanalyse, die nicht bereits im Ausgangspunkt dem Text äußerliche gesellschaftliche Sinnstrukturen, diskursive Figuren und Aussagen voraussetzt und fokussiert, sondern offen und zunächst rein textorientiert vorgeht, erweisen sich dabei als geeignet und anschlussfähig. Fraglos sind die so analysierten erzählerischen Entwürfe in ihren Resultaten ebenso wenig als objektiv zu begreifen wie etwa in Interviews erhobene Aussagen. Aber in gleichem Maße wie andere Quellen inkorporieren sie doch den Anspruch, eine Wirklichkeit zu präsentieren, die – wenn auch nicht über die letzte Romanseite hinaus – Gültigkeit besitzt. Dieser Anspruch beinhaltet (und bezieht sich auf) eine inhaltliche Deutung des jeweils verhandelten Gegenstands, welche als narrativ vermitteltes Wissen über den Gegenstand zu begreifen ist.

2.2 Abgrenzungen und Neubestimmungen erzählerischen Wissens an der Schnittstelle von Kultur-, Literatur- und Sozialwissenschaften

Ungeachtet des wieder31 erwachten Interesses am Nexus zwischen Narration und Wissen widmen sich neuere Publikationen dem Gegenstand bislang eher mittels Fallanalysen denn in theoretisch-abstrahierender Absicht.32 Auffällig ist, dass sich die Mehrheit der aktuellen Fragestellungen dabei an den erzählerischen Charakter faktualer Textsorten richtet, also gegenwärtig stärker die ‚Erzählung im Wissen‘ als das ‚Wissen der Erzählung‘ fokussiert wird. Zwei der wohl bekanntesten Zugänge zum Wissen der Erzählung – zu nennen sind hier Joseph Vogls33 sowie Jochen Hörischs34 Analysen literarischer Texte – stellen ihrer Popularität zum Trotz vielmehr Ausnahmen denn die neue Regel dar. Und obgleich auf Hörischs und Vogls Analysen im Verlaufe der vorliegenden Arbeit verwiesen wird, liefern sie ein theoretisches Fundament zur Bestimmung erzählerischen Wissens allenfalls implizit: Einerseits arbeiten die Werke mit der bereits angewandten Prämisse, dass Erzählungen Wissen beinhalten, andererseits aber lassen sich recht wenig systematisierte Überlegungen darüber finden, was das Wissen der Erzählung ausmacht.

Anders hingegen verhält es sich mit Albrecht Koschorkes 2012 erschienenem Werk Wahrheit und Erfindung, das, wie der Untertitel ankündigt, die Grundzüge einer Allgemeinen Erzähltheorie skizzieren will und sich als eine erste umfassende und systematisierende neue Arbeit begreifen lässt, die sich weder den Literaturnoch den Kultur- und Sozialwissenschaften eindeutig zuordnen lässt. Koschorkes Thesen zum praktischen Status der Erzählung reichen zwar weiter, als sie hier auf Grund des Erkenntnisinteresses zur Anwendung gebracht und überprüft werden können. Kernthesen über (a) das Erzählen, über (b) dessen Verhältnis zur Wahrheit, über (c) dessen Verhältnis zum Wissen sowie über die (d) damit einhergehenden notwendigen Differenzierungen und Grenzziehungen teilt die hier vorliegende Arbeit dessen ungeachtet theoretisch und in freier methodischer Umsetzung.

Ein zentrales Vorhaben Koschorkes besteht in der Negation tradierter wissenschaftlicher Funktionsbestimmungen von Erzählungen. Diese Abgrenzungen sind relevant, weil sie einen analytischen Blick auf Erzählungen ermöglichen, der sich nicht an vermeintlich hinter, unter oder über dem Text liegenden Funktionen orientiert, sondern das Narrativ inhaltlich fokussiert. Wahrheit und Erfindung wendet sich in diesem Kontext vor allem gegen psychologisierende und/oder anthropologisierende Erklärungsmuster des Erzählens, die diesem eine genuine ordnungsund sinnstiftende Funktion attribuieren. Die wohl prominenteste Bestimmung dieser Art lautet, dass „Menschen durch Geschichten-Erzählen ihre Lebenswirklichkeit in einen für sie begreifbaren Gesamtzusammenhang einzubetten versuchen“, mithin Narrationen ein Mittel der „Kontingenzbewältigung“ darstellten.35 Eine andere funktionale Definition, die der Erzählung als Mythos36 näher ist, konstatiert, dass das Erzählen für „den Menschen“ eine „unerlässliche symbolische Orientierungsleistung“37 erbringe und auf diese Weise an der Stiftung einer als notwendig imaginierten Ordnung sinnhafter Bedeutungen maßgeblich beteiligt sei. Der Erzählung kommt in diesen hier nur umrissenen Bestimmungen einerseits eine existentielle Notwendigkeit zu. Andererseits aber geschieht das gerade unter Absehung ihres je konkreten Inhalts. Zwar dürfte als fraglos gelten, dass Erzählungen das Potential haben, sinnhafte Ordnungen zu entwerfen, die außerhalb der Narration gar nicht existieren; dass Erzählungen ihrem Verfahren nach mehr oder weniger kohärente Beschreibungen liefern, sinnhafte Abläufe herstellen und Zusammenhänge erschaffen, ist offensichtlich. Dass aber diese narrativen Verfahrensweisen der Kohärenzherstellung keineswegs einer außerhalb der Erzählung liegenden Wirklichkeit einen (höheren) Sinn stiften, wird bereits an der empirischen Tatsache deutlich, dass etliche erzählerische Inhalte Unordnung inszenieren, Unsinn in die Welt setzen und etablierte Sinnvorstellungen nicht ausbauen, sondern dekonstruieren. Diesem praktisch zu bebildernden Einwand entsprechend lässt sich in Wahrheit und Erfindung ein plausibles Argument gegen die Funktionsbestimmung von Erzählungen als Mittel der Sinnstiftung sui generis finden:

„Denn die Erzählung herrscht […] in ihrem Reich bindungslos und allmächtig; sie muss sich um Kongruenz mit der äußeren Realität nicht kümmern; sie nimmt sich die Freiheit, alles und jedes zu einem Gegenstand in der Welt zu erklären. […]. Wer deshalb vom homo narrans spricht, denkt den Menschen in seinem Vermögen, zu der Wirklichkeit, in der er lebt, sowohl ja als auch nein sagen zu können; moralisch gewendet, zu lügen; oder genauer, in der Fähigkeit, die Differenz zwischen real und irreal, wahr und fälsch auszusetzen, aufzuheben, mit ihr zu spielen. Tatsächlich sind Erzählungen in einem gewissen Sinn Erzählspiele – regelgeleitet, mit unter Umständen großen Einsätzen, aber innerhalb des gegebenen Regelsystems in den meisten Spielzügen frei.“38

Die Besonderheit der Erzählung liegt gerade darin, dass in ihrem jeweiligen Kosmos keine Festlegung auf die Stiftung einer sinnhaften Ordnung herrscht. Wie eine Erzählinstanz ihr begrenztes Reich ausgestaltet, wie der Verweis auf einen extranarrativ potentiell realen Gegenstand ausgestaltet ist und wie sich die Erzählung damit zur Wirklichkeit positioniert, all diese Modi unterliegen dem Regelsystem der Erzählung, keinem anthropologisch begründbaren Zwang zum Sinn.

Folgerichtig besteht eine zweite Abgrenzung Koschorkes in der Negation eines imaginierten Antagonismus zwischen dem faktualem Wissen und der fiktionalen Erzählung, die sich ex post den Fakten widme: Als bloße Nacherzählung, als der Faktizität verpflichtetes „Rekapitulieren after the fact“, lässt sich die Erzählung nicht begreifen.39 Nun mag diese Feststellung knapp fünf Dekaden nach dem Linguistic turn allgemein bekannt sein. Koschorkes Überlegungen gehen jedoch über die zur Rekapitulation spiegelbildliche Vorstellung einer sprachlichen Bedingtheit von Fakten, wie seit der linguistischen Wende angenommen, hinaus. Zumindest in Bezug auf die Herstellung von Wissen stelle sich die prinzipielle Entgegensetzung von faktisch einerseits und erzählerisch andererseits, die mal ausdrücklich, mal unterschwellig in Wirkungsmodellen oder empirischen Arbeiten mitläuft, als irrtümlich dar. Was in dieser Arbeit als theoretische Voraussetzung des Verhältnisses von Erzählung und Wissen gilt – und was mit ihr am Gegenstand des Erzählens über die Arbeitswelt zugleich gezeigt werden soll – formuliert Koschorke in Differenz zur erzähltheoretischen Version der Binarität von Sprache und Sache so:

„Insbesondere ist das Begriffspaar von faktualem und fiktionalem Erzählen nicht hinreichend nuanciert, um Differenz und Ineinanderwirken, Trennungsgeschichte und immer wieder erneuerte Synergien zwischen faktographischen und fiktionalen Darstellungsverfahren nachvollziehbar machen zu können. Schon in der Analyse literarischer Texte sind Zusammenspiel wie wechselseitige ‚Umnutzung‘ beider Erzählweisen weitaus komplexer, als es zunächst den Anschein haben mag: zum einen, weil auch die Darstellung wirklicher Geschehnisse sich im weitesten Sinn ästhetischer Mittel bedient; zum anderen, weil selbst die freiesten poetischen Fiktionen auf ihre Weise welthaltig sind und überdies reichen Gebrauch von faktualistischen Schreibweisen machen.“40

Das heißt, dass Erzählungen fiktionaler wie faktualer Gattungen ihrem narrativen Wesen entsprechend gleich verfahren, wenn auch der Maßstab, an dem ihr erzählerisches Produkt gemessen wird, ein je unterschiedlicher ist: Plausibilität beziehungsweise „Glaubhaftigkeit“41 als oberste Regel der Narration kennzeichnet erzählerische Verfahrensweisen als autonom in Bezug auf die Wahl der Wissensquelle sowie auf die der ästhetischen Mittel. Die strikte Gegenüberstellung der Produktion faktischen Weltwissens und der „Sonderwelt“42 Erzählung ist mithin deshalb wenig plausibel, weil auf ihre Weise, dem Regelsystem Narration entsprechend, selbst in Gänze ausgedachte Erzählungen welthaltig sind und ihre Referenz-objekte der ‚wirklichen Welt‘ entstammen. Andersherum gilt, dass auch der Realität formal verpflichtete Erzählungen in erster Linie erzählerisch verfahren, also den narrativen Regeln innerer Plausibilität sowie den Kriterien Glaubhaftigkeit und Stimmigkeit folgend.

Auf die Grundsatzfrage nach dem Wesen erzählerischen Wissens ist damit im Rahmen der vorliegenden Arbeit eine erste Antwort gegeben und der hier verwendete Begriff der Erzählung als spezifische Verfahrensweise des Weltbezugs umrissen: Narrative beziehen sich per se frei auf extranarrative Referenzobjekte, indem mit ihnen „Zusammenhänge und Querverbindungen“ geschaffen werden und „zerstreutes Einzelwissen zu kohärenten, sinnhaften Abläufen“43 so zusammengeführt wird, dass am Ende dieses ästhetisch-synthetischen Verfahrens etwas Neues entsteht: ein neuer Zusammenhang oder ein bekannter Sachverhalt in neuer Gestalt, ein Resultat, das partiell auch durch die Wissenschaften und ihre faktualen Diskurse hervorgebracht wird. Erzählungen transportieren und fabrizieren mithin Wissen über die Welt. Nur hat dieses Wissen andere Quellen, obliegt anderen Kriterien und bedient sich anderer Verfahrensweisen als ein solches Wissen, das als dezidiert wissenschaftlich gekennzeichnet ist.

Damit ist eine letzte relevante und prinzipielle Grenzziehung angesprochen. Dass Erzählungen weder allein bereits existierende Wissensbestände inkorporieren und wiedergeben, noch als Erzählung allein auf andere Erzählungen verweisen, sondern gemäß ihrer Mittel selbst Wissensinhalte herstellen, ist nicht gleichzusetzen mit der Sichtweise, dass jede Aussage über die Welt, sei sie narrativ vorgetragen oder nicht, als Wissen über sie gleich gültig sei. In Abgrenzung von einem Relativismus, der in freier Anknüpfung an (und Übersetzung von) Arbeiten Paul Feyerabends von einer traditions- und kontextgebundenen (Un-)Gültigkeit allen Wissens ausgeht, ist vielmehr festzuhalten, dass auch beim Blick auf Großerzählungen oder narrative Fragmente – wie bei jeder Art der Wissensproduktion – zwischen sachlich korrekten und sachlich verkehrten narrativen Ausdeutungen eines Gegenstands unterschieden werden kann.44 Die Annahme jedoch, dass die Distinktion von richtig und falsch automatisch entlang einer imaginierten Scheidelinie narrativ/objektiv verläuft, ist nicht aufrechtzuerhalten: Sowenig die freie erzählerische Bezugnahme auf ein Objekt dessen Welthaltigkeit durchstreicht, so wenig ist allein deshalb, weil der Bezug ein erzählerisch-freier ist, sein narratives Produkt als sachlich notwendig falsch und damit als prinzipielles Komplement von Wissen zu werten.

2.3 Das besondere Wissen der Literatur: Die beschränkte Gültigkeit fiktionaler Erzählungen als doppelte Freiheit

Neben den Identitäten zwischen fiktionalen und faktualen Erzählungen, die sich im freien Bezug auf die Welt und im Gebrauch ästhetischer und stilistischer Mittel ebenso auffinden lassen wie im übergeordneten Kriterium der Kohärenz und Plausibilität, existiert doch eine Besonderheit literarischer Erzählungen:

„Eines der Grundmerkmale des künstlerischen Erzähltextes ist seine Fiktionalität, d.h. der Umstand, dass die in ihm dargestellte Welt fiktiv ist. Der Begriff des Fiktiven, abgeleitet von lat. fìngere (u.a. ‚bilden‘, ‚formen‘, ‚gestalten‘, ‚künstlerisch darstellen‘, ‚sich vorstellen‘, ersinnen‘, ‚erdichten‘, ‚fälschlich vorgeben‘) bezeichnet Gegenstände, die ausgedacht sind, aber als wirklich vorgegeben werden. […] Die Fiktion ist […] zu verstehen als die Darstellung einer eigenen, autonomen, innerliterarischen Wirklichkeit.“45

Mit diesem Zitat sollen die vorausgegangen Bestimmungen des Verhältnisses von Wissen und Erzählung keineswegs wieder aufgehoben werden. Die Besonderheit fiktionaler Literatur liegt nicht einfach darin, dass ihre Inhalte ausgedacht wären, sondern darin, dass sie nur dort dezidiert als ausgedacht markiert sind: Dass die Wirklichkeit im literarischen Werk eine bloß vorgeblich wirkliche ist, darüber besteht, ganz im Unterschied zu faktualen Erzählungen, die dennoch Erzählungen bleiben, überhaupt kein Zweifel.46 Ihre begrenzte Reichweite47 liegt darin, dass literarische Texte, in Differenz etwa zu juristischen Fallbeispielen, wissenschaftlichen Abhandlungen, Predigten oder Medienberichten, nicht den Anspruch erheben, faktisches Wissen hervorzubringen – und diesem Anspruch auf Grund ihrer Markierung auch gar nicht unterliegen. In Bezug auf den Charakter ihres hervorgebrachten Wissens ist der von Hörisch vorgenommenen Differenzierung von Wissensarten daher zunächst zuzustimmen, wenn er festhält, dass Literatur nicht die „Minimal-Kriterien“ erfülle, die man „billiger Weise“ an Wissensäußerungen stelle.48 Die von Hörisch genannten ‚harten‘ Kriterien verfehlen zwar nicht allein fiktionale Werke, sondern der überwiegende Teil aller Erzählungen. Bei Poesie und Prosa kommt indes hinzu, dass ihre Sätze zwar sachlich falsch sein können, aber dennoch prinzipiell „negationsimmun“49 sind: Der Anforderung einer intersubjektiven Nachvollziehbarkeit muss sich die literarische Erzählung ebenso wenig stellen wie dem Anspruch, sich methodisch kontrolliert verifizieren zu lassen. Eine epistemische Rückkopplung von Erzählungen an die soziale Wirklichkeit ist im Falle der fiktionalen Literatur daher nicht allein schwer nachweisbar,50 sie wird auch gar nicht erwartet.

Mit dem Wesen der ‚reinen Erzählung‘ von der Welt, also einer praktischen Beschränkung der Gültigkeit literarischer Sätze, geht zugleich jedoch eine weitreichende Entgrenzung einher. Die Aussage, dass die fiktionale Erzählung auf Grund ihres Charakters kein Wissen hervorbringe – ergo: dass, wenn schon nicht Narrative per se, so doch zumindest die schöne Literatur eine begrenzte, abgetrennte Sonderwelt darstelle –, stimmt in dieser Allgemeingültigkeit nicht. Vielmehr zeichnet sich das Erzählen in der fiktionalen Literatur durch eine doppelte Freiheit aus, welche einerseits zwar einen Unterschied zu anderen Wissensmedien und anderen Erzählungen markiert, andererseits aber kein Gegensatzverhältnis zum Wissen an sich bedingt. Die doppelte Freiheit besteht darin, dass fiktionale Literatur (1.) ihre Referenzobjekte frei wählt, nach eigener Maßgabe selektiert und neu ordnet, sich bei der Herstellung von Kohärenz keinem Diskurs und keinem diskursimmanenten regelhaften Ablauf und Objektivitätsanspruch verpflichtet wissen muss, sich zugleich aber autonom auf genau die Aussagen beziehen kann, welche diskursiv verhandelt werden.51 Anders als faktuale Narrative ist sie nicht nur ihrem Verfahren nach erzählerisch frei und allein an der ästhetischen Leitdifferenz stimmig/unstimmig orientiert, sie ist es auch in Hinsicht darauf, dass ihr Produkt selbst keinem anderen Maßstab als dem der inneren Stimmigkeit unterliegt. So sind zwar im wissenschaftlichen Diskurs oder in Medienberichten auffindbare Narrative ihrem Verfahren nach genau so frei wie fiktionale Literatur. Sie werden aber nicht primär an ihrer inneren Kohärenz gemessen, sondern daran, wie plausibel ihr Verweis auf ihren Gegenstand und/oder ihr Bezug auf dem Diskurs zugehörige Aussagen ist: stimmig/unstimmig ist dann, in Differenz zur literarischen Erzählung, keine ästhetische Kategorie.

Eben deshalb liegt die anderen Erzählformen gegenüber exklusive Freiheit der Literatur (2.) darin, dass sie ein „Alternativ-Wissen“ bereithält, indem sie auch „unwahrscheinlichen Wirklichkeitsversionen“ eine Plausibilität zu verleihen vermag.52 Wenngleich man bezweifeln kann, dass darin eine systemische Funktion von Literatur liegt – etliche Werke belegen das Gegenteil –, so ist dennoch hervorzuheben, dass die Literatur das Vermögen hat, mittels des Verweises auf ihren Gegenstand ebendiesem Alternativen seiner individuellen Ausprägungen oder auch seiner ganzen Existenz gegenüberzustellen:

„Sie [die fiktionale Literatur, A.M.] eröffnet systematisch abweichende Beobachtungen vertrauter und eingespielter Sachverhalte. Es ist, um die Begrifflichkeit der Systemtheorie zu bemühen, die Funktion von sogenannter schöner Literatur, etablierte und anerkannte (z.B. common-sense oder wissenschaftliche) Diskurse mit alternativen Realitätsversionen zu konfrontieren.“53

Die künstlerische Erzählung kann unterschiedlichste Gestalten ihres Gegenstands entwerfen, die im Kosmos des Fiktiven alle gleichermaßen uneingeschränkt gültig sind. Sie kann die Existenzberechtigung ihres Objekts negieren, sie kann es dekonstruieren, in seine Bestandteile auflösen und neu zusammensetzen, es ad absurdum führen, sie kann an ihm zeigen, was oder wie etwas gewesen sein könnte, was werden könnte, was sein könnte. Genauso gut kann sie sich selbst einem Diskurs verpflichten und/oder mit ästhetischen Mitteln nachzubilden versuchen, was als gültiges Wissen über ihr Objekt bereits zirkuliert. Das, was am Ende des künstlerischen Verfahrens über einen Gegenstand gesagt ist, ist in jedem Fall das Wissen der Literatur über ihn.

Auf einer Abstraktionsebene unterhalb dieser Ausführungen heißt das für ein sozialwissenschaftliches Interesse an konkreten Wissensbeständen in der Literatur der Gegenwart: Die Freiheit literarischer Werke eröffnet dem Sammeln und der inhaltlichen Analyse von Wissen einen immensen Raum. Gerade weil die fiktionale Literatur ein alternatives Wissen über die Welt bereithält, welches sich nicht an gültigen Wissensbeständen relativieren und eine potentielle Überprüfung des Wahrheitsgehalts stets mitdenken muss, ist eine Hinwendung zu ihren Inhalten so aufschlussreich. Der von Hörisch 2007 nicht nur an die Literaturwissenschaft adressierte Aufruf, sich „Themen“, „Motiven“, „Problemen“ in der Literatur zuzuwenden,54 ist in diesem Zusammenhang daher nicht allein als Versuch der Sicherung disziplinärer Bedeutsamkeit zu lesen, sondern er verweist darauf, dass sich die Analyse des Wissens der Literatur lohnt, weil sich darüber das Wissen über gegenwärtige Wissenshorizonte ausweiten lässt. Die Fragen, die sich dann stellen, wenn man den Begriff des Wissens von der Antonymie zur literarischen Erzählung löst, sind schließlich keine quasi-existenzialistischen Fragen danach, was und ob Literatur wissen kann, sondern konkrete, an den Erzähltext und seine Themen gerichtete Fragen: Welche Gestalt verleiht er dem Wissen, wie vermittelt er sein Wissen ästhetisch? Was sind die extranarrativen Quellen des Wissens? Wo liegt die Differenz zwischen dem Wissen des Erzähltexts und dem seiner Quelle(n)? Worin liegt das Alternative des Wissens? Und letztlich: Welches Wissen vermittelt er über seinen Gegenstand – was weiß er?

3 Was weiß die Gegenwartsliteratur über die Arbeitswelt? Erkenntnisinteresse und analytische Vorgehensweise

Im Prinzip ist das Erkenntnisinteresse der vorliegenden Arbeit in nuce bereits formuliert: Die Arbeit untersucht, was die Gegenwartsliteratur über die Arbeitswelt zwischen Systemumbruch und Finanzmarktkrise weiß. Dabei gilt, dass die Literatur auf Grund ihrer doppelten Freiheit nicht als Wissensspeicher, nicht als ‚Spiegel der Gesellschaft‘ und nicht als Quelle von Faktenwissen gilt. Obwohl einzelne Werke all das durchaus sein können, wird eine Widerspiegelungsleistung hier nicht prinzipiell als Wesensmerkmal literarischen Wissens vorausgesetzt.55 Auch interessiert sich die vorliegende Arbeit nicht, gewissermaßen dem Gegenstück zur Widerspiegelungstheorie verpflichtet, für das Wissen der Literatur über Arbeit als Text. Literaturhistorische Verweise und/oder intertextuelle Bezüge stellen mithin kein genuines Erkenntnisobjekt dar, und obgleich überall dort, wo ein spezifisches Werk ausdrücklich auf Text(e) verweist, dieser Sachverhalt in die Analyse einfließt, werden die Referenzobjekte der Literatur nicht als rein textuelle Entitäten begriffen. Auf den Gegenstand Arbeitswelt bezogen heißt das, dass nicht mit der Präsumtion, diese liege selbst nur in textförmiger Gestalt vor, gearbeitet wird.56 Anstelle dessen wird im Ausgangspunkt offen danach gefragt, was Romane der Gegenwart über die gegenwärtige Arbeitswelt wissen. Es geht um ‚die Sache Arbeit‘ in der Literatur, ohne, dass ein spezifischer Begriff über diese Sache bereits vorausgesetzt wäre. Welchen Begriff der Arbeit die untersuchten Werke selbst jeweils herstellen und vermitteln, ist vielmehr Teil der Analyse.

Aufschlussreich erscheint diese Untersuchung deshalb, weil, wie einleitend dargelegt, die Arbeitswelt eine gesellschaftliche Sphäre ist, die in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten fundamentalen Wandlungen unterworfen wurde, daran gemessen aber selten an sich thematisiert wird – was in der erzählenden Literatur ganz anders ist. Ausgesprochen ertragreich ist der Blick auf die Literatur außerdem, weil sie als Medium, das prinzipiell aus allen Quellen schöpfen kann, ein möglicherweise exklusives Wissen über die Arbeitswelt bereithält: Unbekannte Zusammenhänge, Verknüpfungen und Hintergründe lassen sich im Reich der Fiktion zumindest in potentia ebenso finden wie erzählerische Alternativentwürfe und neue Deutungsmuster von Arbeit. Die Vorgehensweise der vorliegenden Arbeit ist daher eine zweifache: Es ist (1.) herauszuarbeiten, welchen Wissensbeständen über die Arbeitswelt die fiktionale Literatur wie und mit welchem Resultat im Einzelfall Anschauung verleiht. Es wird untersucht, welchen Quellen das Wissen eines Werks entspringt, ob und wie dieses Wissen erzählerisch modifiziert wird und was als Produkt der künstlerischen Bearbeitung, die selbst maßgeblicher Teil der Untersuchung ist, als Wissen der jeweiligen Erzählung festgehalten werden kann. Darauf aufbauend soll (2.) als Gesamtergebnis der vorliegenden Untersuchung die Frage beantwortet werden können, worin das inhaltlich Gemeinsame aller untersuchten Werke liegt, was also das Wissen der Gegenwartsliteratur der Arbeitswelt auszeichnet.

Aus methodischen Erwägungen wurden für die Bearbeitung dieses Erkenntnisinteresses ausschließlich Romane57 gewählt, obgleich daneben eine Fülle an dramatischen Texten existiert, in denen die Arbeitswelt einen ebenfalls zentralen Stellenwert innehat. Der Auswahlzeitraum von 1990 bis 2008, der im medialen und wissenschaftlichen Diskurs (bislang) keine endgültige Festschreibung als bestimmte Ära erfahren hat, fungiert als grober Rahmen, der sich neben den arbeitsweltlich einschneidenden Ereignissen des Systemumbruchs, der New-Economy-Krise, der Durchsetzung der Agenda 2010 und der aktuellen Krise von der Dekade davor – und möglicherweise auch der danach – vor allem dadurch abhebt, dass in ihm eine Literatur der Arbeitswelt (wieder/noch) existiert.

Die hier vorliegende Textauswahl erfolgte in zwei Schritten. Zunächst wurde die recherchierte Gesamtmenge58 von 53 fiktionalen Texten, in denen die Arbeitswelt nicht nur am Rande auftaucht, sondern mindestens ein maßgebliches Referenzobjekt der Erzählung darstellt, gemäß der erzählerisch verhandelten arbeitsweltlichen Sphären inhaltsanalytisch unterteilt. Der so entstandene erste Korpus der vorliegenden Arbeit bestand aus fünf Teilen: (1) Arbeitslosenromane, (2) Romane der New Economy/der Selbständigen, (3) Praktikantenromane, (4) Angestelltenromane und (5) Aussteiger- und Künstlerromane.

Eine zweite Analyse, die sich mittels eines rekonstruktiv-hermeneutischen Close Readings dem Erkenntnisinteresse der Arbeit entsprechend am Wissen der Romane über die Arbeitswelt orientierte, machte jedoch sichtbar, dass eine strikte Ordnung der Gegenwartsliteratur gemäß der darin verhandelten Arbeitswelt allenfalls formaler Natur sein kann, insofern eine bestimmte Menge von Texten beispielsweise die gleiche Branche verhandeln mag, ihr Wissen darüber aber keineswegs ähnlich sein muss. Die anschließende und nun vorliegende Neuordnung des Textkorpus verdankt sich daher keinen formalisierbaren inhaltsanalytischen Kategorien, sondern der hermeneutisch erschlossenen Kategorie des narrativen Befunds über die Arbeitswelt der Gegenwart, der auf einem dem Text vorausgesetzten Wissen über Arbeit basiert und zugleich als erzählerisches Wissen über sie verstanden werden kann. Die vier Analysekapitel der vorliegenden Arbeit ergeben sich mithin aus festgestellten Gemeinsamkeiten, welche sich prinzipiell weder an der Frage nach trivialer oder hoher Literatur, noch am Erscheinungsdatum, noch an der jeweils verhandelten Sphäre der Arbeitswelt festmachen lassen,59 sondern ausschließlich an den inhaltlichen Plausibilisierungsabsichten der Romane. Die damit konstatierte Ordnung der Literatur wird zwecks intersubjektiver Nachvollziehbarkeit in einzelnen Zwischenschritten immer wieder erläutert, da sie selbst ein Resultat der hermeneutischen Feinanalyse ist; erst im Anschluss an das Close Reading ließ sich ermitteln, welchen konkreten Befund ein spezifischer Roman wie genau produziert und wie er diesen vermittelt.

4 Die Gegenwartsliteratur der Arbeitswelt: Forschungsstand und Einordnung

Die an gesellschaftlichen (Selbst-)Beschreibungen interessierte Frage, was die Gegenwartsliteratur über die Arbeitswelt weiß, ist bislang nicht explizit verhandelt worden. Gleichwohl ist das wissenschaftliche Interesse an der Verhandlung der Arbeitswelt in der neueren und neuesten Literatur unübersehbar: Allein die Anzahl an dem Thema ‚Literatur und Arbeitswelt‘ verbundenen Tagungen und Workshops in den vergangenen Jahren spricht für sich. Auffällig ist allerdings, dass sehr viel weniger als zu Hoch-Zeiten der wissenschaftlichen Thematisierung von Arbeitsliteratur in den 1960er/70er Jahren eine Einigkeit darüber besteht, wie und als was die neue Literatur der Arbeitswelt zu begreifen sei. So lassen sich ab dem Jahr 2007 zahlreiche Texte finden – vor allem Analysen einzelner Romane, mit Susanne Heimburgers 2010 erschienenem Kapitalistischer Geist und literarische Kritik aber auch eine literaturwissenschaftliche Überblicksarbeit60 –, die sich dem Themenkomplex Arbeitswelt in der erzählenden Gegenwartsliteratur mit ausgesprochen heterogenem Erkenntnisinteresse widmen. Dabei kann grob zwischen drei unterschiedlichen (nur partiell disziplinär begründbaren) Herangehensweisen an den Gegenstand differenziert werden: zwischen (1.) im Sinne der Cultural Studies literatur- und kulturwissenschaftlich vorgehenden Gegenwartsentwürfen, welche sich dem Gegenstand Arbeit unter dem Gesichtspunkt ‚Literatur, Mensch, Ökonomie und Bedeutungssysteme‘ nur vermittelt widmen; (2.) sprach- und literaturwissenschaftlichen Texten, die sich primär mit Figuren und Semantiken des New-Economy-Diskurses, aber auch mit intertextuellen Motiven des Angestelltenromans in einzelnen Werken der 2000er Jahre befassen; und (3.) sozialgeschichtlich fundierten Ansätzen, die (stellenweise implizit) empirische Befunde und Beobachtungen über die Sache Arbeit zu ihrer Inszenierung im Roman abgleichend ins Verhältnis setzen.61

Auf die Mehrzahl dieser unterschiedlich vorgehenden und argumentierenden Texte, die für einzelne Romane eine wertvolle und anknüpfungsfähige Quelle darstellen, wird im Verlauf dieser Arbeit verwiesen. Dennoch lässt sich die vorliegende Arbeit keiner der drei skizzierten Herangehensweisen eindeutig zuordnen, da hier über den einzelnen Roman gemäß des soziologischen Erkenntnisinteresses an gesellschaftlichen Deutungen einerseits hinausgegangen wird, der Roman andererseits aber als fiktionaler Erzähltext erhalten bleibt. Anders als in kulturwissenschaftlich orientierten Arbeiten steht hier nicht die Ebene der wechselseitig aufeinander bezogenen Bedeutungen von Text und Arbeitswelt im Zentrum; anders als in vielen sprach- und literaturwissenschaftlichen Herangehensweisen wird hier nicht bereits im Ausgangspunkt ein Text-Text-Verhältnis untersucht; und anders als aus sozialgeschichtlichen Perspektiven wird hier kein ausdrücklicher Text-Realität-Vergleich durchgeführt. Trotz dieser Differenzen im Erkenntnisinteresse sind die Unterschiede in der interpretativen Vorgehensweise der Untersuchung zumindest stellenweise eher graduell denn prinzipiell: Die hermeneutische Feinanalyse ästhetischer und narrativer Mittel nimmt diese Arbeit ebenso vor wie sie den inhaltsanalytischen Bezug zu Empirie und Diskurs der Arbeitswelt gemäß der jeweiligen literarischen Verhandlung herstellt. Die grundlegende Differenz zu bereits vorliegenden Arbeiten zum Thema besteht mithin nicht im Verfahren, sondem im analytischen Interesse am Wissen der Literatur über die Arbeitswelt. Insofern unterscheidet sich diese Arbeit zwar deutlich von literatur-, sprach- und kulturwissenschaftlichen Zugängen. Sie führt deren Erkenntnisse mittels der Analyse dessen, was die Gegenwartsliteratur über die Arbeitswelt weiß und welche Gesellschaftsentwürfe das Medium Literatur als besonderes Medium liefert, punktuell aber auch zusammen.

Wie einleitend dargelegt will diese Arbeit mit ihrem soziologischen Erkenntnisinteresse einen Beitrag leisten an einer disziplinären Schnittstelle von Sozial- und Literaturwissenschaft, über die es zwar zahlreiche theoretische Reflexionen, an der entlang es aber nach wie vor wenige am konkreten Gegenstand durchgeführte Arbeiten gibt.62 Welchen Ertrag die Analyse von Literatur für die Soziologie bereithält und welchen Nutzen eine solche Analyse literarischen Wissens tatsächlich haben kann, wird sich letztlich nicht über die theoretische Reflexion, sondern vor allem am Ergebnis eines durchgeführten Projekts zeigen lassen können. Das heißt für die vorliegende Arbeit: Dass die erzählende Literatur soziologisch relevantes Wissen über die Arbeitswelt bereithalten kann, dürfte kaum Gegenstand von Dissens sein. Was aber ihr Wissen über die Arbeitswelt ist und was es als exklusives Wissen auszeichnet, ist bislang kaum betrachtet und diskutiert worden.63 Als Resultat der vorliegenden Arbeit wird daher nicht allein die Präsentation konkreter Ergebnisse der Romananalysen begriffen, sondern auch eine Erklärung dessen, welchen möglichen Erkenntnisgewinn diese Ergebnisse einer (Literatur-) Soziologie der Arbeitswelt liefern.

1 Vom Juni 2009 bis zum April 2010 war im Deutschen Hygiene-Museum Dresden in Kooperation mit der Kulturstiftung des Bundes eine Ausstellung zum Thema Arbeit. Sinn und Sorge zu sehen. Eine große historische Gesamtschau versuchte vom Dezember 2009 bis Mai 2011 auch das Haus der Geschichte Bonn/Leipzig unter dem Titel Hauptsache Arbeit. Im Jahr 2000 wird zudem der umfassende Ausbau der DASA – Arbeitswelt Ausstellung fertiggestellt. Damit verbunden ist die Etablierung des alljährlichen DASA-Symposiums Constructing the future of work, das sich im Jahr 2015 dem Thema „Demografie“ widmet und dessen erster Diskussionsgegenstand im November 2008 lautet: „Wie wollen wir leben und arbeiten?“.

2 Es würde eine eigene Forschungsarbeit begründen, den öffentlichen und medialen Diskurs zur Arbeitswelt archäologisch genau aufzuarbeiten. An dieser Stelle sei darauf verwiesen, dass die Archive überregionaler Zeitungen ab 2008/2009 deutlich mehr Treffer zu den Suchbegriffen Arbeit und Arbeitswelt präsentieren als für die Jahre davor. Diese Beobachtung gilt nicht allein für Onlineausgaben der jeweiligen Zeitungen, sondern auch für archivierte Druckausgaben.

3 Hier ist einleitend der 2012 erschienene Sammelband Kapitalismustheorie und Arbeit (siehe die folgende Anmerkung) zu nennen, der zahlreiche Beiträge beinhaltet, welche die These einer Rückkehr des Themas Arbeitswelt stützen.

4 Dörre, Klaus/Sauer, Dieter/Wittke, Volker: Einleitung, in: Dies. (Hg.): Kapitalismustheorie und Arbeit. Neue Ansätze soziologischer Kritik. Frankfurt/Main 2012, S. 13. Mit dem Begriff der „Schlüsselkategorie“ dürften die Autoren Bezug nehmen auf einen Aufsatz von Claus Offe, der bereits im Jahr 1982 fragt, ob Arbeit für die Soziologie noch als eine solche zu bezeichnen sei (siehe Offe, Claus: Arbeit als soziologische Schlüsselkategorie?, in: Joachim Matthes (Hg.): Krise der Arbeitsgesellschaft? Verhandlungen des 21. Deutschen Soziologentages in Bamberg 1982. Frankfurt/Main 1983, S. 38-65).

5 Hieraus resultieren erstens die Schließung zahlreicher Betriebe und die Freisetzung einer immensen Zahl an ostdeutschen Arbeitenden, die im Westen besonders in den 1990er Jahren als Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt erlebt werden. Zweitens wird mit dem Systemumbruch der Abschied von der realsozialistischen Produktionsform und damit – auch für viele Westdeutsche – das Ende der sogenannten Systemalternative verbunden.

6 Auch hier kann differenziert werden zwischen den empirischen Folgen, vor allem der Insolvenz zahlreicher Start-ups, und den Einschreibungen der Krise in den Diskurs der New Economy, dessen idealisierender Tenor nach der Jahrtausendwende eine Korrektur erfährt.

7 Die Folgen der Agenda 2010 für die empirische Arbeits(losen)welt sowie für den öffentlichen und politischen Diskurs liegen auch aktuell noch offen zutage: Die Figur des Arbeitslosen erfährt in beiden Sphären eine umfassende Transformation.

8 Selbstverständlich hat dieser Diskurs Eingang in die Wissenschaft gefunden und seine Inhalte wurden, partiell bereits vor ihrer medialen Omnipräsenz, sozialwissenschaftlich diagnostiziert (vgl. für einen Überblick Kleemann, Frank: Subjektivierung von Arbeit – Eine Reflexion zum Stand des Diskurses, in: Arbeits- und Industriesoziologische Studien 5/2, 2012, S. 6-20). Der Nexus zwischen psychosozialer und politökonomischer Dimension hingegen gehört nicht zum Kanon allgemeinen Wissens.

9 Hier gilt umgekehrt, dass das ‚Ende der Normalarbeitsverhältnisse‘, forciert unter anderem durch gewerkschaftliche Bezugnahmen, im öffentlichen Diskurs natürlich auch einen Raum hat(te).

10 Pfeiffer, Sabine: Im Kern und doch nicht sichtbar? Narrative der Arbeit in der Arbeits- und Industriesoziologie, S. 14. Zitiert aus einem bislang unveröffentlichten Manuskript zum gleichlautenden Vortrag im Rahmen des Workshops Arbeit als Narration – eine methodologische Werkstatt im Juni 2013 an der Universität Leipzig, das mir die Autorin freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

11 Nies, Sarah/Sauer, Dieter: Arbeit – mehr als Beschäftigung? Zur arbeitssoziologischen Kapitalismuskritik, in: Klaus Dörre/Dieter Sauer/Volker Wittke (Hg.): Kapitalismustheorie und Arbeit. Neue Ansätze soziologischer Kritik. Frankfurt/Main 2012, S. 34-62; hier: S. 34.

12 Nach wie vor gibt es natürlich öffentliche sowie soziologische Verhandlungen der Arbeitswelt. Für die Wissenschaft sind hier exemplarisch das noch immer weite Feld der Arbeits- und Industriesoziologie, empirische Forschungseinrichtungen wie etwa das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und das Münchner Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) sowie gesellschaftstheoretische und -kritische Bezugnahmen etwa der ‚Jenaer Schule‘ zu nennen. Auch für die beginnenden 2000er Jahre ist der Befund, dass Arbeit überhaupt nicht verhandelt werde, übertrieben. Verwiesen sei etwa auf Jürgen Kockas und Claus Offes im Jahr 2000 herausgegebenen Band über die Geschichte und Zukunft der Arbeit sowie auf den von Ulrich Bröckling und Eva Horn herausgegebenen Sammelband Anthropologie der Arbeit (2002). Allerdings handelt es sich hierbei eher um vereinzelte Erscheinungen, die keineswegs mit dem Status von Arbeit in Gesellschaftsdiagnosen der 1970er und frühen 1980er Jahre vergleichbar sind (vgl. hierzu den Überblick von Sauer, Dieter: Kontinuität und Bruch. Zur Entwicklung von Arbeit. Antrittsvorlesung an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, 07.11.2002.).

13 Nies, Sarah/Sauer, Dieter: Arbeit – mehr als Beschäftigung?, S. 35.

14 Aus Gründen der Lesbarkeit und um Sinnverzerrungen zu vermeiden, wird bei Pluralbildungen in der vorliegenden Arbeit das grammatische Maskulinum verwendet. Wo das natürliche oder das soziale Geschlecht inhaltlich relevant ist, wird eine sprachliche Differenzierung vorgenommen.

15 In seiner Das Ende der kritischen Industriesoziologie? überschriebenen Vorlesung zum Ende der amtlichen Lehrtätigkeit am 25.04.2002 liefert der Arbeitssoziologe Michael Schumann zahlreiche Gründe für ein Weiterleben der Arbeits- und Industriesoziologie, was deutlich auf den prekären Status dieser Teildisziplin an der Jahrtausendwende verweist. Den Kritikern der Industriesoziologie gibt er dabei recht: „Eine besondere Herausforderung der innovativen Arbeitspolitik für die Arbeits- und Sozialwissenschaften liegt darin, dass […] neue, vielschichtige Typen von Arbeit entstehen, für deren adäquate Analyse unsere Wissenschaft bisher nicht allzu gut vorbereitet ist“ (Schumann, Michael: Das Ende der kritischen Industriesoziologie?, in: Leviathan 30/3, 2002, S. 325-344; hier: S. 338). Die implizite Antwort Dieter Sauers, der in seiner Antrittsvorlesung in Jena im November 2002 artikuliert, er sei „sehr zuversichtlich, dass die Entwicklung der Erwerbsarbeit, der Arbeitsgesellschaft und der auf Arbeit bezogenen Forschung noch lange nicht an ihrem Ende angekommen ist“, bekräftigt diesen Status implizit (Sauer, Dieter: Kontinuität und Bruch, S. 15).

16 So Niklas Luhmann am 13.12.1990 in einem Interview mit Hans Dieter Huber in Bielefeld; veröffentlicht in: Texte zur Kunst, 4/1991. S. 121-133; hier: S. 126.

17 Hörisch, Jochen: Das Wissen der Literatur. München 2007, S. 10.

18 Bereits 1997 hält Niklas Luhmann fest: „Der Code wahr/unwahr wird als Leitunterscheidung ‚rejiziert‘ – so wie ja auch umgekehrt die Wissenschaft keinerlei Interesse mehr daran zeigt, die Darstellungen der schönen Literatur und der Kunst als ‚Unwahrheiten‘ zur Kenntnis zu nehmen“ (Luhmann, Niklas: Die Kunst der Gesellschaft. Frankfurt/Main 1997, S. 384).

19 Die ausschließende Zuordnung der fiktionalen Literatur zum Erzählen ist zwar spätestens mit dem New Historicism verabschiedet und auch die Idee der Inkorporation gesellschaftlichen Wissens in die Literatur ist mitnichten neu, sondern bereits in der Sozialgeschichte der Literatur grundlegende Voraussetzung einer jeden Analyse. Dass allerdings die Literatur als Produktionsmedium sozialen und ökonomischen Wissens betrachtet wird, hat sich in jüngster Zeit erst mit Joseph Vogls wissenschaftlichem Bestseller Das Gespenst des Kapitals (Zürich 2010) und dessen Diskussion, die nicht allein im Feuilleton, sondern auch im Wirtschaftsteil überregionaler Zeitungen stattfand, etabliert.

20 Hier sind zahlreiche einander überlappende Tendenzen in der aktuellen Forschung zu nennen. Erwähnenswert ist das Graduiertenkolleg 1767: Faktuales und fiktionales Erzählen an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, in dem zahlreiche fallbezogene Forschungsarbeiten zum faktualen Erzählen und zu Erzählungen, die zwischen fiktional und faktual changieren, entstehen. Daneben lassen sich kultur- und literaturwissenschaftliche Arbeiten finden, die den Versuch unternehmen, Fiktivität und Faktizität ordnend zu konzeptualisieren (vgl. zur brüchigen erzähltheoretischen Leitdifferenz fiktiv/faktisch: Søndergaard, Leif: Fictional and Factual Discourses in Narratives – and the Grey Zone Between, in: Göran Rossholm/Christer Johansson (Hg.): Disputable Core Concepts of Narrative Theory. Bern 2012, S. 57-82). Ein meines Wissens erster neuerer Überblick über die disziplinäre Ausweitung der Erzähltheorie findet sich bereits 2004 in einer an der ehemaligen Arbeitsstelle Sozialgeschichte der Literatur der Universität Hamburg entstandenen Publikation: Schönert, Jörg: Zum Status und zur disziplinären Reichweite von Narratologie, in: Vittoria Borsó/Christoph Kann (Hg.): Geschichtsdarstellung. Medien – Methoden – Strategien. Köln u.a. 2004, S. 131-143. Nicht allein eine Erzähltheorie, sondern vielmehr die Formulierung einer neuen Theorie des Erzählens unternimmt schließlich Albrecht Koschorke, auf dessen umfassendes Werk Wahrheit und Erfindung. Grundzüge einer Allgemeinen Erzähltheorie (Frankfurt/Main 2012) im Folgenden ausführlich eingegangen wird.

21 Einen sehr ausführlichen Überblick über die Versuche der Etablierung einer Sozialgeschichte der Literatur, anschließende literatursoziologisch fundierte Modelle sowie systemtheoretische Grundlegungen der Literaturwissenschaft in den 1970er und 1980er Jahren bietet Schönert, Jörg: Perspektiven zur Sozialgeschichte der Literatur. Tübingen 2007. Insbesondere die darin enthaltenen Kapitel Vom gegenwärtigen Elend einer Sozialgeschichte der Literatur (S. 5-22) sowie Sozialwissenschaftliche Kategorien und Theorien in der Germanistik 1970-1985 (S. 23-42) zeigen ausgesprochen materialreich, welche Konjunkturen das Verhältnis zwischen Literaturwissenschaft und Soziologie innerhalb weniger Jahre durchlaufen hat.

22 Schönert, Jörg: Perspektiven zur Sozialgeschichte der Literatur, S. 15.

23 Für die Germanistik, so Claudia Liebrand und Rainer Kaus, stelle sich zunehmend die Frage, „ob die turns den ‚Zerfall‘ der Germanistik in immer kleinere Quasi-Teildisziplinen vorantreiben“ werden oder ob sie „dem Fach […] Brückenschläge anbieten“ (Liebrand, Claudia/Kaus, Rainer: Interpretieren nach den „turns“. Zur Einleitung, in: Dies. (Hg.): Interpretieren nach den „turns“. Literaturtheoretische Revisionen. Bielefeld 2014, S. 7-15; hier: S. 7). Für die Soziologie nach dem Zweiten Weltkrieg lässt sich – in aller Kürze und notwendiger Abstraktion von divergierenden Deutungen – feststellen, dass der Teilbereich Kultursoziologie nicht allein erstarkt ist, sondern dass der cultural turn auch Spuren in sämtlichen nicht kulturwissenschaftlichen Teilbereichen der Disziplin hinterlassen hat. Vgl. für einen Überblick Moebius, Stephan: Kultur. Themen der Soziologie. Bielefeld 2008.

24 Schönert, Jörg: Perspektiven zur Sozialgeschichte der Literatur, S. 28.

25 Diese plausible Distinktion ist dem Einführungswerk von Andreas Doerner und Ludgera Vogt, Literatursoziologie. Eine Einführung in zentrale Positionen (Wiesbaden 2013), entnommen.

26 Quasi-programmatisch sind Absicht und Abgrenzungen der Textsoziologie erörtert in: Zima, Peter V.: Kritik der Literatursoziologie. Frankfurt/Main 1978. Eine ausführliche Erörterung findet sich überdies in: Ders.: Textsoziologie. Eine kritische Einführung. Stuttgart 1980.

27 John Fiske mag hier vielleicht als prominentester früher Vertreter einer Lesart gelten, die in den Cultural Studies überaus prominent ist. Grundlegend hierzu ist das 1989 erschienene Werk Reading the Popular, auf Deutsch erst elf Jahre später erschienen: Fiske, John: Lesarten des Populären. Wien 2000.

28 Hier wäre als Pionier und Wegbereiter einer kulturwissenschaftlich-ideologiekritischen Lesart Douglas Kellner zu nennen, der mit seinem Werk Media Culture: Cultural Studies, Identity and Politics Between the Modern and the Postmodern (London 1995) auch für die Literaturwissenschaften anschlussfähig wurde. Vgl. dazu auch Tonn, Horst: Cultural Studies und Literaturwissenschaft, in: Ralf Schneider (Hg.): Literaturwissenschaft in Theorie und Praxis. Tübingen 2004, S. 241-264.

29 Liebrand, Claudia/Kaus, Rainer: Interpretieren nach den „turns“, S. 8.

30 Stefanie Lethbridge unterscheidet grob zwischen zwei unterschiedlichen methodischen Herangehensweisen der Literatursoziologie: zwischen einem „theoriegeleiteten“ und einem „empirischen“ Zugang (vgl. Lethbridge, Stefanie: Literatursoziologie, in: Ralf Schneider (Hg.): Literaturwissenschaft in Theorie und Praxis. Tübingen 2004, S. 163-188).

31 Hier sei darin erinnert, dass sich bereits die Anfänge der Literatursoziologie sowie die Sozialgeschichte der Literatur, vor allem deren nicht-positivistische Denkrichtungen, für das Wissen der Literatur interessiert haben, und zwar insofern, als Literatur als schlechthinniger Wissensspeicher galt: als schriftliche Repräsentation gesellschaftlicher Ordnung(en) und eben deshalb als (historischen Dokumenten gleichwertige) Quelle von Wissen über diese. Dieser Tradition folgen in der neueren Soziologie nicht mehr viele Forscher (vgl. als Ausnahme: Kuzmics, Helmut/Mozetič, Gerald: Literatur als Soziologie. Zum Verhältnis gesellschaftlicher und literarischer Wirklichkeit. Konstanz 2003). Wie im Folgenden erörtert wird, bezieht diejenige neuere Forschung, die nicht der positivistischen Schule zuzuordnen ist, in Differenz dazu ästhetische und genuin narrative Verfahrensweisen der Herstellung von Wissen stärker in die Analyse ein, betrachtet also Literatur als Literatur, ohne deshalb zwangsläufig poststrukturalistisch zu argumentieren und allein das Verhältnis von Text zu Text zu betrachten.

32 Zwar spielt die sehr umkämpfte Theorienbildung zum Erzählen dabei stets eine zentrale Rolle, wie beispielsweise am Zentrum für Erzählforschung (ZEF) in Wuppertal entstehende Arbeiten zeigen. Dabei handelt es sich jedoch eher um Theorien des Erzählens, die das Wissen der Erzählung wenig inkorporieren beziehungsweise zwischen faktualem und literarischem Erzählen in dieser Hinsicht strikt trennen.

33 In diesem Zusammenhang sind neben Das Gespenst des Kapitals zwei weitere Arbeiten relevant: Vogl, Joseph: