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Dieses Buch soll Sie ermutigen, Neues zu schaffen, Neues zu denken, es auszusprechen und zu tun" Anke Meyer-Grashorn Nur dort, wo Spinner am Werk sind, wo quer und vernetzt gedacht und gehandelt werden darf, entsteht Neues - dort werden heute die Innovationen von morgen gemacht. Anke Meyer-Grashorn bietet eine anregende und nützliche Lektüre für alle, die sich beruflich und privat etwas einfallen lassen müssen oder neue Ideen entwickeln möchten. Ein Muss für alle Unternehmen, die nach Innovationen suchen, aber manchmal Schwierigkeiten mit den Spinnern in den eigenen Reihen haben. Spinnen ist Pflicht zeigt außergewöhnliche Ansätze jenseits der altbekannten Kreativitätstechniken, Inspirationen für jeden Tag und handfeste Tipps, mit denen Sie gleich loslegen können. Entdecken Sie Ihr eigenes Spinnpotenzial! "Munter geschrieben. Kreativ und unorthodox. Diese unbekümmerte Ernsthaftigkeit ist es, die das Buch so lesenswert für den kleinen Freiraum zwischendurch macht und die es von den nervtötenden 'Anything-Goes'-Parolen wohltuend unterscheidet." Handelsblatt
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Seitenzahl: 269
Veröffentlichungsjahr: 2011
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Anke Meyer-Grashorn
Querdenken und Neues schaffen
Weitere Informationen über den Verlag und sein Programm unter:www.allitera.de
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar.
Juni 2009
Allitera Verlag
Ein Verlag der Buch&media GmbH, München
© 2009 Buch&media GmbH, München
Umschlaggestaltung: Kay Fretwurst, Freienbrink
Herstellung: Books on Demand GmbH, Norderstedt
Printed in Germany · ISBN 978-3-86906-049-1
Herr Reisböck kommt auf Touren
Nur Mut
»Alles auf Anfang«
Heute kein Hirn
»Du spinnst«
Woher kommt der Begriff »Spinnen«?
Umfrage zum Thema Spinnen
Die Typologie der Spinner
Was zeichnet einen Spinner aus?
Test: Wie hoch ist Ihr persönliches Spinn-Potenzial?
Warum Spinnen Pflicht ist
Wettstreit der Spinner
Die innovativsten Unternehmen Deutschlands undihre Spinner
Ja, aber …
Die Spinn-Bremsen
Die Angst
Der Glaube
In jedem von uns steckt ein Spinner
Das richtige Umfeld
Ihre private Kreativecke
Raus aus der Firma!
Reisen bildet
Neugierde ist gut
Mitspinner und Verbündete
Die spinnen, die Römer
Sie haben die Wahl
Nichtwisser sind besser als Schlaumeier
Amateure an die Front
Der Faktor Zeit
Gut Ding braucht Weile
Das richtige Timing
Spinnen zu Lebzeiten
Ideen und die »Linie des Todes«
Techniken und Werkzeuge
Das Brainstorming
Let’s play!
Perspektivenwechsel
Visualisieren
Das Känguru-Meeting
Naivität
Tauschen
Kopieren
Kombinieren
Dinge tun, die man nicht mag, nicht kennt, nicht kann oder einfach nicht tut
Selbstversuche
Dinge wörtlich nehmen
Schnelle Alltagshilfen für Spinner
Guten Morgen, liebe Sorgen
Nicht schon wieder Marmeladenbrot
Kühe melken oder lesen
Das Gegenteil tun
Bewusst vom Weg abkommen
Abenteuerspielplatz Papierkorb
Notizen machen
Öffentlich lachen
Die Munitionsliste: Zitate für brenzlige Situationen
Sich belohnen und feiern
So machen Sie Ihr Umfeld spinntauglich
Verbündete suchen
Talente fördern
Netze bilden
Spinn-Förderer werden
Im Kreis denken und für Zirkulation sorgen
Die Werte wandeln
Vorspinner sein
Die Einstellung ändern
Miteinander reden
Regeln für Auftraggeber von Spinnern
Das Spinnen attraktiv machen
Mut und eine gesunde Einstellung zu Fehlern
Spinne ich oder sind es die anderen?
Seien Sie ignorant!
Niemals aufgeben
Mut zu Fehlern
Mut zum Tun
Ihr Spinn-Programm für den nächsten Monat
Spinn-Plan für einen Monat
Danksagung
Anhang
Spinnen im Internet
Vereine und Clubs
Berühmte Spinner
Literatur
Anke Meyer-Grashorn
Es war Urlaubszeit, Familie Reisböck hatte gerade Nachwuchs bekommen und stand vor dem Problem, dass vier Personen, Babyausstattung, Kinderwagen und Gepäck nicht in die BMW Limousine passten, die in ihrer Garage stand. Ein Kombi wäre die Lösung gewesen, doch damals, im Jahr 1985, hatte BMW noch keine Kombis im Programm. Dann baue ich mir meinen Kombi selbst, entschied Max Reisböck. Er erwarb einen BMW 323i mit Heckschaden, setzte seine Flex in Gang, versetzte den hinteren Holm und ergänzte die fehlende Dachpartie. Familie Reisböcks Urlaub stand somit nichts mehr im Weg. Fast nichts.
Max Reisböck arbeitete damals als Meister bei BMW und war mit dem Bau von Prototypen beschäftigt. Der Spezialist für Karosserien flexte und schweißte 500 Arbeitsstunden in seiner Garage und baute so aus einer Limousine den ersten BMW Touring. Bevor er sich damit in den geplanten Urlaub verabschiedete, zeigte er das neue Fahrzeug noch seinem Chef und der wiederum dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Eberhard von Kuenheim. Dieser entschied, dass das Reisböcksche Fahrzeug das BMW-Gelände nicht mehr verlassen, sondern auf Machbarkeit und Kosten geprüft werden sollte. Der Touring, der kurz darauf in Serie ging, wies zu seiner handgefertigten Vorlage nur geringfügige Abweichungen bei der Hecklappe und den Leuchten auf und wurde von der Fachpresse hoch gelobt. Zudem wurde Max Reisböck mit seiner Idee unerwartet zum Trendsetter, denn Kombis avancierten in den darauf folgenden Jahren von gewerblich genutzten Fahrzeugen zu Autos, die durch ihren sportlichen Komfort einem neuen modernen Lebensgefühl entsprachen. Max Reisböck ist immer noch bei BMW und baut –mittlerweile als Abteilungsleiter – weiterhin Prototypen. In den Urlaub fuhr Familie Reisböck damals dann trotzdem noch. Nach Italien. Mit einem umgebauten VW-Bus.
Offiziell führe ich den Titel Spinner seit 1988, zunächst als Mitarbeiterin verschiedener Werbeagenturen, seit 1996 als Inhaberin meiner eigenen Firma große freiheit, die sich auf das Thema Innovationsentwicklung und die systematische Produktion von Ideen spezialisiert hat.
Inoffiziell habe ich mir schon immer gerne Sachen ausgedacht, seltsame Geschichten erzählt und versucht, aus meinen Gedankenbildern etwas zu basteln.
Ich hatte das große Glück, in einem Elternhaus aufzuwachsen, in dem genau diese Dinge generell als gut empfunden und gefördert wurden. Nach dem Abitur habe ich mein warmes Nest trotzdem mit wehenden Fahnen verlassen, ging als Aupairmädchen nach Frankreich, war Skilehrerin in der Schweiz und Reiseleiterin auf Sizilien. Dann begann ich Latein und Französisch für das Lehramt zu studieren, da speziell Latein meine große Leidenschaft und einer der wenigen Gründe war, warum ich gerne in die Schule gegangen bin. Doch das Studium hat mich an meine Grenzen gebracht. Ich fühlte mich trotz aller Leidenschaft bei den Altphilologen und den Romanisten gleichermaßen fehl am Platz, konnte mich kaum motivieren, die Bücher in die Hand zu nehmen, und fand keinen rechten Zugang zur Geisteswissenschaft. Langer Rede kurzer Sinn: Das war nichts für mich und nach dem vierten Semester zu Ende. Dann ging ich in die Werbung, machte eine Lehre und studierte parallel Marketing. Ich arbeitete danach als Konzeptionerin und strategische Planerin in verschiedenen Agenturen, machte mich mit »Anke Pelzer. Agentur für filmreife Ideen« 1995 selbständig und gründete 1996 die große freiheit GmbH.
In meiner Arbeit wird mir täglich von neuem klar, dass nicht alle von uns in ihrer Kindheit und Jugend die Möglichkeit hatten, Dinge mit psychologischer Rückendeckung auszuprobieren, ihre Persönlichkeit in verschiedene Richtungen zu entwickeln und sich Freiheit im Denken zu genehmigen. Und im weiteren Prozess des Erwachsenwerdens geschieht zudem einiges, was unseren Ideenreichtum und unsere Fantasie entscheidend beeinflusst. Warum fällt es vielen von uns so schwer, sich etwas auszudenken, das neu ist? Ein geistiges Produkt zu entwickeln, das Menschen um uns herum dazu anregt, mitzudenken und mitzumachen? Das dazu führt, Dinge anders zu tun als andere und genau dadurch besser und erfolgreicher zu sein, ein Patent anzumelden, einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz zu haben?
Vielleicht ist Ihnen das Folgende nicht unbekannt: Sie haben eine Idee und erzählen aufgeregt Ihrem Kollegen oder Ihrer Kollegin davon, aber der erwartete tosende Beifall mit Schulterklopfen und das Ploppen des Champagnerkorkens bleiben aus. Stattdessen dringt ein »Du spinnst!« an Ihr Ohr. »Du spinnst!« steht in dieser Situation meist stellvertretend dafür, dass Sie etwas gesagt haben, das Ihr Gegenüber in dieser Form bisher noch nicht gehört hat. Es könnte sein, dass Sie gerade auf dem besten Weg sind, etwas Neues zu denken und zu tun. Jetzt dürfen Sie nur nicht die Schultern hängen lassen und enttäuscht aufgeben.
Die meisten Wirtschaftsexperten werden Ihnen bestätigen, dass Innovationen der Motor der Wirtschaft sind, besonders in schwierigen Zeiten und in heiß umkämpften Märkten. Folglich sind Unternehmen ohne solche Menschen, die sich Neues ausdenken und tun, künftig nicht mehr wettbewerbsfähig. Spinnen ist Pflicht, um im 21. Jahrhundert erfolgreich zu sein.
Dieses Buch soll Sie ermutigen, Neues zu schaffen, Neues zu denken, es auszusprechen und zu tun. Ich möchte Sie positiv verwirren und zugleich inspirieren, indem ich versuche, kleine Löcher in lieb gewonnene Strukturen zu schießen, um ungewohnten Gedanken Zutritt zu verschaffen. Ich werde an Bekanntem und Vertrautem rütteln und Ihnen im Gegenzug Verqueres und Vergnügliches anbieten, um Ihnen neue Perspektiven zu zeigen, um Ihr Innovationspotenzial zu wecken und zu Tage zu fördern. Ich möchte Ihre Magengegend stimulieren, Sie auf den Knoten hinweisen, der sich während des Lesens möglicherweise dort als Zeichen des Widerstands formieren könnte. Genau an diesen Stellen stecken großartige Chancen, die Sie zukünftig nutzen können. Ein gewisser innerer Widerstand ist eine durchaus normale Reaktion, wenn die Genie-Theorien von Kreativkoryphäen wie Daniel Goleman, Howard Gardner oder Mihaly Csikszentmihalyi mutig als Schnee von gestern abgetan werden. Doch das Besondere am Neuen ist für mich der bewusste Verzicht auf bekannte Erfahrungen, denn sonst wäre es ja nicht neu.
»Spinnen ist Pflicht« habe ich auch ganz speziell für Unternehmen geschrieben, die sich manchmal schwer tun mit den Spinnern in den eigenen Reihen. Dieses Buch soll zeigen, wie immens wichtig genau diese versponnenen Anders- und Querdenker sind, welche Bedeutung sie für den Gesamterfolg des Unternehmens haben und wie Unternehmen mit ihrer Hilfe den eigenen Innovationsprozess in Gang bringen und damit erfolgreicher am Markt agieren können. »Ersponnen in Deutschland« sollte das mittlerweile fast wertfreie »Made in Germany« ersetzen, Spinnen wird bald als neuartiges Lehrangebot an unseren Universitäten für Bewegung sorgen und zukünftig zum betriebswirtschaftlichen Einmaleins des Managements gehören. Viele unserer Unternehmen verfügen bereits jetzt und heute über ein gigantisches Spinn- und Innovationspotenzial, und es sollte zukünftig keine Frage mehr sein, ob sie es nutzen, sondern nur noch wo, wann und wie. Nur Mut!
»Alles auf Anfang!« ruft der Regisseur oder der Produktionsleiter immer dann, wenn eine Filmszene während der Produktion noch mal gedreht werden muss und sich alle auf ihre Ausgangsposition zurückbegeben sollen, um wieder von vorn anzufangen. »Oh Romeo. Meine Liebe zu dir ist grenzenlos, ich verzehre mich nach dir. Küss mich, sonst stürze ich mich vom Balkon!« »Cut!« (Filmdeutsch für »Stopp«). »Mensch Julia, das geht doch besser. Ein bisschen mehr Leidenschaft, sonst schlafen einem ja die Füße ein. Jetzt zeig Romeo mal, was wahre Liebe ist. Okay, alles auf Anfang. Und Action.« »Romeo. Meine Liebe zu dir ist grenz…« »Cut. Ne, Julia, da ist doch noch mehr drin! Alles auf Anfang. Und Action.« »Romeo …« Hier unterbrechen wir diese spannende Szene. Alles auf Anfang.
Endlich bin ich fertig mit Frühstücken, frisch geföhnt, habe meine Handtasche im Anschlag, nur dieser verdammte Schlüssel ist nicht da. Jeden Morgen dasselbe Spiel. Ich hab ihn doch auf den Tisch gelegt. Oder war ich gestern noch mal im Keller? In der Tasche ist er auch nicht. Alles auf Anfang. Ich stelle die Tasche ab, gehe zur Tür und versuche, das gestrige Hereinkommen in meine Wohnung noch einmal im Kopf nachzuvollziehen wie ein Skirennläufer seinen Slalomkurs. Ich hetze die Treppen hinauf, den imaginären Schlüssel schon in der Hand, drinnen klingelt das Telefon. Schnell, schnell, es könnte ein wichtiger Anruf sein, Schlüssel ins Schloss, Tür auf, reinstürzen, Tür zuwerfen, zu dem kleinen Tisch im Flur rennen, Handtasche abstellen, Hörer abheben: »Hallo Barbara« – Warum ruft die mich nicht auf dem Handy an?! – »Nö, nö … bin nur gerade erst heimgekommen … Morgen Abend? Warte mal …« Nach der Handtasche angeln, Terminkalender raus. »Um 7.00 Uhr ist perfekt. Bis dann, schönen Abend, tschau.« Mantel ausziehen, zur Toilette gehen, auf dem Weg dorthin Schuhe abstreifen. Ich habe Hunger, was koche ich denn jetzt? Moment, da fehlt doch was. Alles auf Anfang. An der Stelle zwischen Tür öffnen, reinstürzen und Tür zuwerfen hat mein Film eine kleine Unebenheit. Wo war die Aktion Schlüssel wieder abziehen? Ich öffne die Tür und da ist er, der Schlingel, steckt mutterseelenallein außen im Schloss. Er ist auch wirklich nicht zu übersehen, da ich eine leuchtgelbe Schnur daran befestigt habe, um ihn schnell, überall und sofort zu finden.
Ich bin bestimmt nur knapp einem Raubmord entgangen – schon sehe ich, wie eine dunkle Gestalt durchs Treppenhaus nach oben schleicht. Im Kegel der Taschenlampe leuchtet die gelbe Schnur verführerisch wie ein Wegweiser, eine Einladung für einen fiesen Dieb auf der Suche nach Perlen und Juwelen. Der ist bestimmt übers Dach gekommen wie seinerzeit Cary Grant, oder war es Gracia Patricia, bevor sie Fürst Rainier von Monaco geheiratet hat? Und ich schlummere friedlich und träume von weißen Stränden und mir als Prinzessin von Maribo, während Grace Kelly auf der Suche nach meiner Krone den Safe in der Bibliothek findet, eine Sprengladung anbringt und die ganze Bude in die Luft jagt. Die Explosion löst eine unglaubliche Kettenreaktion aus, ganze Häuserreihen bewegen sich plötzlich und … Aber das ist eine andere Geschichte. Alles auf Anfang.
»Die spinnt!« werden Sie sich beim Lesen vielleicht gedacht haben oder »Was für eine blühende Fantasie die hat!« Ja, tu ich, hab ich, vielen Dank für das Kompliment und vielen Dank, dass Sie sich mit mir auf die Geschichte eingelassen haben. Ist Ihnen aufgefallen, wie Ihr Kopf Bilder produzieren kann und Sie innerhalb von 45 Sekunden, denn so lange hat das Lesen dieses Abschnitts ungefähr gedauert, vom Juwelendiebstahl in die fürstlichen Gemächer nach Monaco fliegen können? Und das alles wegen eines kleinen Haustürschlüssels. Haben Sie bemerkt, dass Sie diesen kurzen imaginären Film ohne große Anstrengung in Ihrem persönlichen Kopfkino ablaufen lassen konnten? Wussten Sie, dass Ihr Kino im Kopf 24 Stunden sieben Tage die Woche und 52 Wochen im Jahr geöffnet hat und sie dafür ein unbegrenztes Kontingent an Freikarten besitzen?
Und wissen Sie auch, was Sie darin tun können? Alles! Sie können Bundeskanzler oder -kanzlerin werden, Erdbeerkuchen backen, ein Unternehmen leiten, das versteckte Vertriebs-Know-how Ihrer Putzfrau entdecken, Ihre Kollegin von neuen Ideen überzeugen, ein Auto reparieren, »La Paloma« rückwärts pfeifen oder was Ihnen sonst noch so einfällt.
Vielleicht fanden Sie es aber auch schwierig, meiner kleinen Geschichte zu folgen. Vielleicht sind bei Ihnen gar keine Bilder im Kopf entstanden, aber Sie konnten Geräusche hören oder das Parfum von Gracia Patricia oder das Dynamit riechen. Eventuell haben diese scheinbar unzusammenhängenden Notizen Sie aber auch gleich dazu gebracht, dieses Buch wegzulegen, und Sie gehen bereits in Gedanken Ihre Geburtstagsliste durch und überlegen, an wen sie das gute Stück verschenken könnten.
Ich darf Sie an dieser Stelle bitten, den Arm zu heben, ihn über den Kopf zu legen, Ihren Zeigefinger auszustrecken und bis zu Ihrem Ohr zu führen. Dort müsste ein kleiner Haken sein, wie Sie ihn von Zigarrenkästchen kennen. Spüren Sie ihn? Legen Sie einfach den Haken nach oben und klappen Sie bitte den oberen Teil Ihres Kopfes zur Seite weg. Dann greifen Sie hinein, entnehmen Ihr Gehirn und legen es vorübergehend in ein passendes Behältnis Ihrer Wahl. Hierfür geeignet wäre zum Beispiel ein herumstehender Karton oder eine Salatschüssel, falls nichts Kleineres zur Hand ist, eventuell das Waschbecken, die Badewanne oder auch ein Putzeimer, wie er sich in vielen Haushalten unter der Spüle in der Küche befindet. Dann klappen Sie bitte den Deckel wieder zu, schließen den kleinen Haken – und schon haben Sie einen völlig freien Kopf mit gelöschter Festplatte und sind somit unvorbelastet und unvoreingenommen, offen für Neues und aufnahmebereit für alles, was da kommen mag.
Es ist hilfreich, sich von Zeit zu Zeit der Wirrungen des eigenen Gehirns und seines gedanklichen Ballasts zu entledigen, bewusst auf Vergleichsmöglichkeiten zu bekannten Erfahrungen zu verzichten und sich einen neuen Blickwinkel zu gönnen. Das hält uns manchmal davon ab, sofort Lösungen und Patentrezepte im Kopf und zur Hand zu haben, und macht uns aufmerksamer für das, was um uns herum passiert. Mit einem freien Kopf machen scheinbar unsinnige Dinge plötzlich Sinn und eröffnen ungeahnte Dimensionen im Denken, Fühlen und Handeln. Sie sind jetzt also optimal vorbereitet und können sich mutig ins Abenteuer Spinnen stürzen.
Wann hat das letzte Mal jemand »Du spinnst« zu Ihnen gesagt? War es vor einer halben Stunde? Das wäre perfekt. Oder war es gestern? Hervorragend. Oder ist das schon so lange her, dass Sie sich gar nicht mehr erinnern können?
»Du spinnst!« ist das größte Kompliment, das Ihnen jemand machen kann. »Du spinnst« bedeutet sehr oft, dass Sie gerade etwas gesagt oder getan haben, das Ihr Gegenüber so noch nicht gehört, gesehen oder erlebt hat. Es könnte sich dabei womöglich um etwas Neues handeln und Sie sind gerade einer Idee auf der Spur, die Großartiges bewirken und Ihr Leben verändern wird. Oder es könnte eine dieser Ideen sein, die einen ersten Impuls geben und dann schnell wieder verworfen werden, um einer anderen, noch besseren Platz zu machen. Vielleicht befinden Sie sich bereits mitten in einem Ideenfindungsprozess, ohne es zu wissen. Gott sei Dank haben Sie laut über Ihre Gedanken gesprochen und konnten so von Ihrer Umwelt als Spinner identifiziert werden, sonst hätten Sie es womöglich gar nicht bemerkt.
»Du spinnst« sind zwei mystische Wörter eines alten Zaubers, den wiederzuentdecken sich lohnt und den Sie für sich nutzen können. Achten Sie doch in der nächsten Zeit einmal bewusst auf diesen Ausdruck. Es ist möglich, dass die Jüngeren den Begriff weniger verwenden, in der Umgebung von Menschen im Alter zwischen 30 und 50 könnte das Wort »spinnen« möglicherweise öfter auftauchen. Und sollte tatsächlich jemand die beiden Zauberwörter »Du spinnst« zu Ihnen sagen, dann genießen Sie den Augenblick, überlegen Sie in Ruhe, welch gute Idee sich hinter Ihrer versponnenen Aussage verbergen könnte und nehmen Sie die Chance wahr, etwas Neues zu entdecken.
Der Begriff des Spinnens ist ein sehr interessanter, denn es gibt dazu nur wenige Untersuchungen und aktuelle Marktforschung. Das wundert mich, da doch so gut wie alles detailliert untersucht wird, vom sozio-ökologischen Einfluss der Tauchsieder bis hin zur Bedeutung des spontanen Räusperns. Doch das Thema Spinnen scheint es nicht wert zu sein, näher betrachtet zu werden, was zeigt, dass wir mit diesem Begriff womöglich Schwierigkeiten haben. Das könnte auch daran liegen, dass sich viele Menschen vor den behaarten Spinnentierchen ekeln, schon bei deren Erwähnung bleich werden und auf einen Stuhl steigen. Instinktiv spüren wir vielleicht auch, dass ein Spinner ein etwas unrunder Mensch ist, vergleichbar mit einem nicht ausgewuchteten Reifen am Auto, der die Fahrt holprig bis unangenehm machen kann.
Wenn ich die spontanen Reaktionen von Menschen auf den Begriff »Spinner« beobachte, dann finde ich die gesamte Palette, die pure Begeisterung, »Ja-mehrdavon«-Rufe, unverständliches Kopfschütteln, die typische Links-Rechts-Bewegung mit der Hand vor dem Gesicht oder »Alle-einsperren«-Parolen umfasst. Wie haben Sie spontan reagiert? Wie ist Ihre erste subjektive Einschätzung dazu, ob die meisten Menschen den Begriff »Spinner« als positiv oder negativ empfinden? Spinner ist per se ein männliches Wort: der Spinner. Sind nur Männer Spinner? Oder gibt es auch weibliche Spinner und heißen die dann Spinnerinnen? Das führt uns irgendwie in eine andere Richtung und bekommt sofort diesen produktiven Touch. Könnte dies bedeuten, dass Männer unproduktiv spinnen und weibliche Spinnerinnen Wolle produzieren? Doch das ist eine andere Geschichte und ich verwende aufgrund dieser ungelösten Fragen das Wort »Spinner« in diesem Buch als Bezeichnung sowohl für Männer als auch für Frauen.
Im Lexikon der Gebrüder Grimm1 stehen unter dem Begriff »Spinnen« zum Beispiel folgende Erläuterungen:
Spinnen, verb. nere, filare, fila ducere.
1. als menschliche thätigkeit.
spinnen heiszet flachs, werg, hanff, wolle oder baumwolle, und floretseide, die an einen rocken geschlagen, davon abziehen und zu einem langen, gleichen faden, vermittelst der spindel oder eines spinnrades drehen. öcon.lex 2778.
Gesponnen werden neben oben Genanntem auch Gold, Silber, Glas, Tabak, Stroh, Garn – normales und das von Seemännern – oder Seile. Um das Spinnen herum rankt sich allerlei Aberglaube, der es früher zum Beispiel verbat, zu bestimmten Zeiten zu spinnen.
… ist ein alter weiber aberglaube, … es dürfte keine sechswöchnerin binnen solcher zeit spinnen, denn sonsten verursachte sie darmit, dasz ihr kind an galgen kähme und auff gehenket würde. frauenz.-lex. 1886. über das spinnverbot für den abend.
2. spinnen, als thätigkeit von insekten. die spinne spinnt
3. in festgeprägten redensarten: er spinnt grob, er spinnt zu grob sagt man von einem, der sehr starke scherze macht, im spott allzu ausgelassen ist
nicht viel seide mit jemandem spinnen, nicht glimpflich mit ihm verfahren, einander miszwollend, gehässig sein.
das stroh vom dache spinnen, etwas schädliches, verderbliches unternehmen. ursprünglich wol nur als kennzeichnung des schädlichen übereifers.
über die silberne spule spinnen, nicht selbst spinnen, sondern andere gegen bezahlung für sich spinnen lassen
Und das Spinnen im übertragenden Sinn:
… allerlei gedankenarbeit wird als das abspinnen eines rockens in fäden gefaszt … als bild einer gleichmäszigen, stätig sich abwickelnden arbeit, s. auch oben II, 1, h.
in der älteren sprache noch gröszere deutlichkeit des bildes: etwas aus seinem kopfe; spinnen etwas aus eigenem hirn spinnen, einen leitfaden spinnen, gedanken spinnen, seine gedanken weiter spinner
mehr als thätigkeit des gemütes; träume spinnen
scherzhaft auch von einem wacker, tüchtig essenden, wie von einem, der eine (grosze) arbeit leistet: er spinnt gut, iszt tüchtig. FRISCHBIER 2, 352a
Im Etymologischen Wörterbuch des Deutschen2 findet man unter anderem den Hinweis auf das griechische Wort pènesthai. Es steht im Zusammenhang mit »sich anstrengen, sich abmühen, bearbeiten« in Bezug auf häusliche Arbeit, zu der auch die Tätigkeit des Spinnens gehören könnte.
Spinner m. »wer spinnt, Fasern zu Fäden verarbeitet« (15. Jh.), dann Bezeichnung für Schmetterlinge, deren Raupen sich in gesponnenen Kokons verpuppen (18. Jh.), umgangssprachlich »wer sich unrealistische, phantastische Dinge ausdenkt, wunderliche Gedanken hat« (19. Jh.).
Bei Asterix ist das Spinnen eindeutig einem bestimmten Volksstamm zugeordnet. »Die spinnen die Römer«, sagt Obelix meist kurz bevor oder kurz nachdem er die Eroberer Galliens ordentlich verprügelt hat und seinen Stapel Römerhelme nach Hause trägt. Nach Aussage moderner Zeitgenossen spinnen die Finnen, was wohl eher dem netten Reim als einem detaillierten Wissen über die Eigenheiten und Sitten dieses Volkes zuzuschreiben ist.
Traditionell war das Spinnen Frauenarbeit, verbunden mit gewissen Fähigkeiten, die über die reine Handarbeit hinausgingen, manchmal gar mit einer mystischen Macht. Bei Homer gab es zum Beispiel die »alten Spinnerinnen«, bei den Römern die so genannten Parzen, bei den Germanen die »Nornen«, eine Gruppe von Frauen, die den Lebensfaden der Menschen spannen und ihn auch wieder abschnitten, wenn die Lebensuhr abgelaufen war.
Die Inder wiederum erklären das Entstehen und Vergehen, den Lauf der Welt oder Tag und Nacht mit dem Bild der göttlichen Weltspinne, die in konstantem Wechsel aus ihrem Bauch heraus den Weltenschleier webt und wieder auffrisst. Und auch die Tätigkeit des Spinnens mit der Hand hat in Indien große Bedeutung, denn Mahatma Gandhi und seine Anhänger spannen ihre Wolle selbst, um in der Wollproduktion von den Engländern unabhängig zu sein. Deswegen wurde auch das Spinnrad als Symbol der Unabhängigkeit in die indische Nationalflagge aufgenommen.
Diese Geschichte, andere Bilder und Metaphern rund um das Spinnen hat Ekkehard Martens in seinem Buch »Der Faden der Ariadne oder Warum alle Philosophen spinnen« zusammengetragen. Martens betrachtet die Spinn-Metapher aus Sicht der Philosophen unterschiedlicher Epochen, das Spinnen aus dem Bauch, mit der Hand und aus dem Kopf. »Man könnte kreatives, philosophisches Denken selbst geradezu als Weiterspinnen definieren: Gedankenfäden anderer aufgreifen und fortentwickeln, eigene Fäden entspinnen und daraus ein neues, eigenes Gedankennetz weben und knüpfen. Das kreative Spinnen mit dem Kopf trägt somit als innovatives und intuitives Denken Züge vom Spinnen aus dem Bauch des Spinnentiers.«3 Martens erwähnt zum Beispiel die Geschichte von Arachne (Lassen Sie sich nicht verwirren, das ist nicht die Frau mit dem Faden, die heißt Ariadne), die mutig einen Wettstreit mit der Göttin Athene anzettelte, um zu beweisen, dass Sie besser weben und spinnen kann als die darauf spezialisierte Göttin. Arachne gewann den ungleichen Kampf, weil sie in ihr Webbild ihr eigenes Weltbild eingesponnen hat. Darin eingearbeitet waren menschliche Symbole der Dichtkunst und Kreativität sowie Bilder, in denen sie die Laster der Götter zur Schau stellte, wodurch deren Machtverlust auf Erden offensichtlich wurde. Als Reaktion auf ihren Sieg verwandelte die erboste Athene Arachne in eine Spinne. Auf diese Göttin geht das griechische Wort arachne für Spinne zurück, Arachnologie ist die Wissenschaft der Spinnenkunde. »Die Geschichte des kreativen Denkens als Weiterspinnen beginnt mit Arachne«, schreibt Martens.4
Eine andere Geschichte handelt von den europäischen Spinnstuben des 16. bis 19. Jahrhunderts, in denen wohl nicht nur gemeinsam gearbeitet wurde. Sie waren Orte ausgelassener Geselligkeit für Männer und Frauen, speziell auch für jüngere Menschen, die dort getanzt und getrunken haben, gerne auf Tuchfühlung gingen und Körperkontakt suchten. Dort wurde aktiver Austausch betrieben, viel geredet und neben den wollenen wurden auch allerlei Gedankenfäden gesponnen. Die seriösen Philosophen bezeichneten dieses Herumphilosophieren etwas abwertend als Rockenphilosophie, in Anlehnung an den Rocken, ein meist hölzernen Stab, an dem die zu spinnenden Fäden befestigt werden.
Martens liefert zudem eine Erklärung für die Verbindung zwischen dem Begriff »Spinner« und »Verrückter«. Spinnen war wie das Tütenkleben als Zwangsarbeit in Gefängnissen und Anstalten für »Verrückte« üblich, im 18. Jahrhundert wurden zudem Arbeitslose und soziale Randgruppen in den Spinnanstalten eingesetzt. Martens zitiert dazu Bernd Nitzschke5, der sagt, dass »einer nicht nur deshalb ›spinnen‹ muß, weil er verrückt ist, sondern auch verrückt werden kann, weil er spinnen muß«.6
Um der Bedeutung des Begriffs »Spinnen« im 21. Jahrhundert auf die Spur zu kommen, habe ich eine Umfrage gestartet, die das Thema ganz aktuell aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten sollte. Für mich ist Spinnen etwas sehr Positives, sonst hätte ich dieses Buch nicht geschrieben. Und auch in meinem direkten Umfeld scheint Spinnen größtenteils als wertvolle Tätigkeit geschätzt zu werden. Doch die angespannte wirtschaftliche Situation in Deutschland konfrontiert uns alle mit einer Realität, die bei vielen Unsicherheit und Angst hervorruft. Diese Gefühle könnten der Grund dafür sein, dass Spinnen und scheinbar unrealistische Gedanken momentan nicht angebracht erscheinen. Schwermütige Ernsthaftigkeit macht sich breit, die vielleicht sogar dazu führt, dass wir uns vor Spinnern fürchten. Oder ist es im Gegenteil so, dass verstärkt auf sie gebaut wird, um mit ihren neuen Lösungen aus der Krise herauszukommen? Ich war sehr gespannt, welche Ergebnisse meine Umfrage bringen würde. Zu diesem Zweck sprachen meine Mitarbeiter unbekannte Menschen in der Fußgängerzone, in Geschäften oder in der U-Bahn an und nahmen deren Aussagen auf Video auf. Darüber hinaus habe ich über das Internet einen kleinen Fragebogen an 95 Personen verschickt, mit der Bitte, diesen an möglichst viele Freunde, Bekannte, Unbekannte, an die Oma oder die Kinder weiterzuleiten.
Die Reaktionen waren verblüffend. Kaum hatte ich die letzten E-Mails in den Cyberspace gesandt, kamen auch schon die ersten Antworten zurück. Das Thema lag anscheinend ganz vielen Menschen am Herzen und wurde heftig diskutiert. Einige haben sich sogar bei mir bedankt, weil ich Ihnen mit meinen Fragen einen Anstoß gegeben habe, mal wieder quer zu denken und das Spinnen in den Alltag zurückzuholen. Eine andere Antwort war, dass ich spinnen würde, wenn ich ein Buch über Spinner schreiben wolle und glaube, dass das jemand freiwillig kauft. Leider kann ich im Rahmen dieses Buches die Antworten nicht eins zu eins wiedergeben, sondern nur in komprimierter Form zusammenfassen, einzelne spezielle Spinnereien herausgreifen und einen Trend aufzeigen.
Geantwortet haben innerhalb von zwei Monaten insgesamt 93 Personen, davon 51 Frauen und 42 Männer. Die jüngste Teilnehmerin ist zehn, der älteste 65 Jahre alt, das Durchschnittsalter liegt bei 32 Jahren. Die Befragten stammen aus den unterschiedlichsten Berufsgruppen, beteiligt haben sich zum Beispiel Schüler, Studenten, Handwerker, Kosmetikerinnen, Geschäftsführer, Steuerberater, Grafiker, Marketingmanager, Designer, Rentner, Künstler, Autoren, Informatiker, Unternehmensberater, Hausfrauen, Controller, Vertriebsverantwortliche, Journalisten oder Investmentmanager.
1. Was ist für Sie ein Spinner?
2. In welcher Situation könnte Spinnen positiv sein? In welcher eher negativ?
3. Halten Sie sich selbst für einen Spinner? Warum?
4. Wann hat das letzte Mal jemand »Du spinnst!« zu Ihnen gesagt? Und warum?
5. Welcher berühmte Mensch ist für Sie ein Spinner und warum?
6. Spontane Ideen, Assoziationen, Sprüche, Anmerkungen zum Begriff »Spinnen«
Für mich ist ein Spinner absolut/eher positiv: 19
Für mich ist ein Spinner absolut/eher negativ: 13
Kann positiv und negativ sein: 61
Ja, ich halte mich selbst für einen Spinner: 37
Nein, ich halte mich nicht für einen Spinner: 24
Ich kann mich nicht entscheiden, mal ja, mal nein: 32
Das Interessante an diesem Ergebnis ist für mich, dass sich die meisten Befragten nicht zwischen positiv und negativ entscheiden konnten und bei der Beantwortung dieser sechs Fragen große Stimmungsschwankungen – von totaler Ablehnung, über Bewunderung, Naserümpfen bis hin zu freudigem Lachen – auftraten. Ein Teil derjenigen, die Spinnen spontan für absolut/eher negativ hielten, bezeichnete sich aber im weiteren Verlauf der Befragung selbst als Spinner. Das zeigt mir, dass sie ihre erste negative Reaktion auf das Wort bei genauerer Betrachtung und der Überlegung, was daran möglicherweise positiv sein könnte, bereits ein Stück weit revidiert hatten.
Aus allen Antworten habe ich eine Art von Klassifizierung, eine Typologie der Spinner entwickelt, bei der sich sechs Hauptgruppen herausgebildet haben. Natürlich verallgemeinert eine solche Typologie stellenweise sehr stark, polarisiert und wird nicht allen Einzelaspekten gerecht. Doch das kann und soll sie auch gar nicht. Vielmehr geht es darum, einen Trend aufzuzeigen und deutlich zu machen, wie unterschiedlich die Facetten des Spinnens sind.
Gruppe 1: Die auffälligen Regelbrecher
Gruppe 2: Die kreativen Querdenker
Gruppe 3: Die Netzwerker
Gruppe 4: Die Unberechenbaren
Gruppe 5: Die Wahrnehmungs-Autisten
Gruppe 6: Die unheimlich Ver-rückten
Die Gruppen 1 bis 5 wurden von den Befragten weitgehend als positiv bewertet, Gruppe 6 fast einstimmig als negativ. Die unheimlich Ver-rückten sind auch genau die Art von Spinnern, die ich nicht meine, die für den schlechten Ruf der gesamten Gattung verantwortlich sind und bei den meisten ihrer Zeitgenossen auf gnadenlose Ablehnung stoßen. Sie haben deshalb eine Sonderstellung und werden in meiner Typologie als Erste abgehandelt.
Bei einigen Spinnern sind die Grenzen zwischen Genie und Wahnsinn fließend, ihre verrückten Ideen sind oft hart am Limit des Zumutbaren und sie bewegen sich, im eigentlichen Sinn des Wortes ver-rückt, konstant ein Stück neben der Spur. Manche von ihnen sind so besessen von ihren Ideen und ihrer Person, dass sie sich, und damit meist auch andere, wirtschaftlich, gesundheitlich oder gesellschaftlich zugrunde richten. Sie werden im Sprachgebrauch der »Normalen« als irre, total daneben, plemplem, nicht ganz klar im Kopf, gaga oder ähnlich bezeichnet. In der schlimmsten Vorstellung der Befragten ist ein Spinner ein verrückter Psychopath.
Prototypen der unheimlich Ver-rückten finden Sie vor allem in den Geschichtsbüchern unter der Rubrik böse Buben, Tyrannen oder Diktatoren. Manche von ihnen erweckten anfangs den Eindruck, ein Retter oder ein Genie zu sein. Ihr ganzer Wahnsinn und die Auswirkungen für den Rest der Menschheit wurden meist erst rückwirkend in vollem Ausmaß sichtbar. Die noch unbekannten unheimlich Ver-rückten der Gegenwart sind überall. Manche von ihnen finden Sie in der Wohnung nebenan, in der Fußgängerzone oder im Bus. Menschen, die gerne mit sich selbst sprechen, wild schimpfend mit dem Zeigefinger nach oben deuten oder andere Menschen spontan mit überraschenden, aber meist unverständlichen Äußerungen beglücken. Wohin ihre Verrücktheit führt, ist ungewiss. Vielleicht wird eines Tages über sie in Zeitungsartikeln oder TV-Reportagen berichtet und dann schreiben auch diese Menschen Geschichte. Wenn die Verrücktheit Einzelner allerdings zur Gefahr für sie selbst und für die Menschen in ihrem Umfeld wird, hat das mit Spinnen nichts mehr zu tun, sondern fällt unter die Rubriken Krankheit, Fanatismus oder Straftat.
Berühmte Vertreter von unheimlich Ver-rückten:
Nero, Adolf Hitler, Hannibal Lecter, Max Mustermann von nebenan
Die unheimlich Ver-rückten betrachte ich als Teil unserer Gesellschaft, sie sind die schwarzen Schafe unter den Spinnern, die dem Begriff eine falsche Bedeutung geben. Prinzipiell habe ich nichts gegen schwarze Schafe, aber in diesem Fall mache ich eine Ausnahme und verbanne sie aus meinem Buch.
Doch widmen wir uns nun den Spinnern, die das Neue in die Welt und die Welt somit nach vorn bringen werden. Während Sie die folgenden Seiten lesen, werden Sie das ein oder andere Aha-Erlebnis haben, sich an manchen Stellen selbst wiedererkennen oder an Menschen in Ihrem Umfeld erinnert werden. Die Typologie ist eine Beschreibung, sie wertet nicht, sie unterteilt nicht in gut oder schlecht. Sie soll Ihnen vielmehr die verschiedenen Aspekte, Eigenarten und Chancen des Spinnens aufzeigen und für mehr Verständnis sorgen. Und auch mehr Toleranz schaffen für eigene quere Gedanken und Menschen in Ihrem Umfeld, die anders denken und handeln als Sie. Vielleicht helfen Ihnen die Beschreibungen, das Verhalten Ihres Gegenübers besser einzuschätzen, Reaktionen zu verstehen und großzügiger damit umzugehen. Wer zum Beispiel seinen Kollegen als Wahrnehmungs-Autisten identifizieren wird, erkennt aber zugleich das Potenzial, das in ihm steckt. Es muss nur an der richtigen Stelle zur richtigen Gelegenheit eingesetzt werden und könnte dadurch viel Gutes bewirken. Lassen Sie die fünf Typen, die Ihnen gleich begegnen werden, möglichst unvoreingenommen auf sich wirken. Versuchen Sie, neutral zu bleiben, und geben Sie jedem von ihnen eine Chance. Manchmal sind die Grenzen hier fließend, manche Eigenschaften überschneiden sich, sodass Sie sich selbst vielleicht als Mosaik aus verschiedenen Typen erkennen. Kein Grund zur Beunruhigung, das ist für Spinner Teil der Normalität.
