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Wie der Nazi Heinz Felfe zum Spitzenagenten des KGB im BND wurde Die Skrupellosigkeit des Doppelspions Heinz Felfe erschütterte die BRD in ihren Grundfesten. Bis 1945 war der SS-Obersturmführer im Sicherheitsdienst tätig, unterwanderte danach als V-Mann von MI6 und dem Vorläufer des BND kommunistische Organisationen – um sich 1951 auch noch vom KGB anwerben zu lassen. Der Auftrag: Eindringen in die von der CIA geführte Organisation Gehlen. Ein Motiv: pure Geldgier. Im BND stieg er ironischerweise bis zum Leiter der Gegenspionage Sowjetunion auf und verriet alles und jeden an Moskau. 1961 wurde Felfe enttarnt und verhaftet, siedelte aber schon 1969 nach einem Agentenaustausch in die DDR über, wo er wieder Karriere machte: Er arbeitete für die Stasi, schrieb für den KGB ein Enthüllungsbuch und lehrte bis 1991 Kriminalistik an der Humboldt-Universität.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Cover & Impressum
Vorwort
Dresdener Ouvertüre (1918 – 1945)
Verwurzelung in Dresden
Im Sog des Nationalsozialismus
Als Kriminalkommissar im Geheimdienst der SS
Münchner Scharaden (1945–1969)
Neuorientierung in Kriegsgefangenschaft
Im Geheimdienst ihrer Majestät
Verspieltes Doppelspiel
Moskaus Maulwurf
Karlsruhe und weg
Pullacher Beschaulichkeit
»Lena«
Ein Spion mit »überdurchschnittlichen Leistungen«
Ein Heckenschütze treibt zur Maulwurfsjagd
Der »Meister-Spion« in der Enge
Besondere Bemühungen
Der BND will dem KGB ein »Schnippchen« schlagen
Finale in Ostberlin (1969–2008)
In fremder Heimat
Der Spion, der in der Wärme lebt
Ein außerordentlicher Professor
Am Ende strahlt ein roter Stern
Unter der Käseglocke
Reisesehnsucht eines Rentners
Aktion »Kurt«
Enttäuschte Hoffnungen
Der unvergessene Kundschafter
Danksagung
Anhang
Quellen- und Literaturverzeichnis
Bildteil
Anmerkungen
In die verschlossene Welt der Geheimdienste dringt immer wieder einmal ein Lichtstrahl, wenn Pannen und Skandale bekannt werden. Sie ziehen die Aufmerksamkeit auf sich und führen zu politischen Krisen. Und sie setzen sich im Gedächtnis einer Gesellschaft als typisch für das Gebaren der Nachrichtendienste fest. Ein Agent, der in einen feindlichen Dienst eindringt und Spionage betreibt, wird abwertend als »Maulwurf« bezeichnet. Die Ironie der Geschichte ist, dass allein die an die Oberfläche gezerrten Maulwürfe uns faszinieren und Berühmtheit erlangen – im Gegensatz zu der Legion namenloser Agenten, deren Wirken unerzählt bleibt.
Zu den berühmten Maulwürfen zählt der Dresdener Heinz Felfe. Als Protagonist des größten Spionagefalls im westdeutschen Auslandsnachrichtendienst, dem Bundesnachrichtendienst (BND), verursachte er mitten im Kalten Krieg einen Skandal, der Politik und Öffentlichkeit erschütterte und das Image des BND nachhaltig beschädigte. Für Reinhard Gehlen, erster BND-Präsident von 1956 bis 1968, gehörte der Verratsfall Felfe zu den »besonders einschneidenden und für den Dienst belastenden Geschehnissen«. Der BND-Mitarbeiter Felfe wurde Ende 1961 verhaftet, nachdem er jahrelang im Auftrag des sowjetischen Geheimdiensts (KGB) seinen eigenen Nachrichtendienst ausspioniert hatte. Der Schaden wog für den BND schwer, da Felfe ausgerechnet für die Gegenspionage verantwortlich war, die die KGB-Aktivitäten aufklären sollte – ein echter »Wolf im Schafspelz«. Zum Skandal wurde sein Fall aber erst, als durch seinen Strafprozess die Öffentlichkeit erfuhr, dass so mancher BND-Mitarbeiter eine nationalsozialistische Vergangenheit hatte.[1]
Doch Heinz Felfes Geheimnis- und Landesverrat hat eine lange Vor- und eine noch längere Nachgeschichte. Wie kein Zweiter bewegte sich Felfe in der Welt des Geheimen und der Geheimnisse. Für nicht weniger als sieben Nachrichten- bzw. Geheimdienste war er auf deutschem Boden tätig. Mit Schnelligkeit passte er sich wie ein Chamäleon den Zeitläuften an und erfüllte die Erwartungen seiner jeweiligen Umgebung. Er war überzeugter Nationalsozialist im Dritten Reich, Antikommunist in der Bundesrepublik Deutschland und »Kundschafter des Friedens« in der Deutschen Demokratischen Republik – ohne sein Loyalitätsempfinden als Widerspruch zu begreifen.
Im Jahr 1986 veröffentlichte Felfe seine Autobiografie »Im Dienst des Gegners«. Der Fokus darin liegt auf seiner BND-Zugehörigkeit. Verfasst wurde die Lebensgeschichte allerdings im Auftrag des KGB. Sie war also auch die Geschichte einer Bekehrung: geradewegs vom strammen Nazi zum »Kämpfer an der unsichtbaren Front« für die Sowjetunion.
Dieses Buch versucht sich dem Menschen Heinz Felfe anzunähern, seine Handlungen nachzuzeichnen und zu verstehen, was ihn angetrieben hat und die sonst im Dunkeln liegende Lebenswelt eines Agenten in seinen Möglichkeiten und Grenzen zu beleuchten. Felfes Biografie ist nicht nur eine Parabel für die Unwägbarkeiten eines Lebens im 20. Jahrhundert, bei dem sich die Geheimdienstarbeit wie ein roter Faden als eigentliche Lebenskonstante erweist. Sondern sie ist auch ein – allerdings extremes – Beispiel für das Ausbalancieren von moralischen und rechtlichen Ideen, von Loyalität und Verrat, in sich verändernden gegensätzlichen politischen Systemen und in der Schattenwelt der Geheimdienste. Felfe arbeitete als Agent für die Nazis, die Briten, die Amerikaner, die Sowjets und die West- ebenso wie die Ostdeutschen. Vor allem aber arbeitete er immer für sich selbst.
Bodo V. HechelhammerBerlin, im Juni 2019
Johannes Paul Heinz Felfe erblickte am 18. März 1918 in der elterlichen Wohnung das Licht der Welt. Eine Welt, in der seit vier Jahren Krieg herrschte und noch der Wettiner Friedrich August III. als sächsischer König regierte. Anfang November 1918 verbreitete sich die Revolution, die das ganze Deutsche Reich erfasste, auch in Sachsen. Am 10. November wurde in Dresden die Republik ausgerufen und der König zur Abdankung gezwungen. Damit brach nur wenige Monate nach der Geburt des kleinen Heinz, so sein Rufname, eine neue Epoche an, die durch gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Unruhen, Umbrüche und Unsicherheiten bestimmt werden sollte.[1]
Die Familie Felfe stammte ursprünglich aus der sächsischen Oberlausitz. Im 18. Jahrhundert lebten direkte Vorfahren namens Felve in dem zwischen Bautzen und Görlitz gelegenen Dorf Kittlitz. Wie viele Lausitzer waren auch die Felves sorbischer Abstammung, und der junge Heinz wuchs noch mit der sorbischen Sprache auf. Sein Urgroßvater Andreas Felfe arbeitete als Zimmermann in Särka, heute ein Stadtteil von Weißenberg. Dessen Sohn aus erster Ehe, der ebenfalls Andreas hieß, diente zunächst als Unteroffizier des 2. Infanterie-Bataillons in der königlich-sächsischen Armee, wurde nach Ende seiner Militärzeit Gendarm im Bezirk Bautzen und schließlich in Dresden. Er war der erste direkte Verwandte von Heinz Felfe, der einen Polizeiberuf ausübte – eine Traditionslinie, die ihm zeit seines Lebens sehr wichtig sein sollte und auf die er immer wieder hinwies. Sein Großvater Christoph Felfe, ein weiterer Sohn des Zimmermanns, bewirtschaftete Land und arbeitete als Schneidermeister in Särka. Mitte des 19. Jahrhunderts emigrierten zahlreiche sorbische Familien aus der Lausitz aus wirtschaftlichen Gründen in die USA, darunter sein Großvater, der im April 1884 nach Texas auswanderte und dort als Polizist wirkte. Bevor er seine Familie nachholen konnte, verstarb er in Warda, einem von Lausitzer Sorben gegründeten Ort, an Malaria. Eines seiner Kinder war Johann Felfe, der Vater von Heinz.[2]
Johann kam 1863 in Särka zur Welt, arbeitete zunächst als Müller und trat dann in die königlich-sächsische Armee ein. Nach Ende seiner mehrjährigen Militärzeit fing er Anfang der Neunzigerjahre bei der königlich-sächsischen Gendarmerie in Dresden an und wechselte kurz nach der Jahrhundertwende zur Kriminalpolizei. 1914 stieg er zum Polizeiwachtmeister auf. Offenbar leistete er vorbildlich seinen Dienst, wurde er doch mit dem sächsischen Ehrenkreuz für »außerordentliche Leistungen« ausgezeichnet. Unmittelbar nach seinem Dienstantritt hatte er die aus Bautzen stammende Bertha Elisabeth Karoline Peschek geheiratet, deren Vater Friseurmeister war. Das Paar bekam fünf Kinder, von denen nur die Drittgeborene Elsa Elisabeth überlebte. Im Jahr 1914 verstarb Bertha Elisabeth Felfe mit nur 53 Jahren. Nach einem Trauerjahr heiratete Johann Felfe, inzwischen 52 Jahre alt und mittlerweile zum Kriminaloberwachtmeister befördert, am 22. November 1915 die wie seine erste Frau aus Bautzen stammende, über 15 Jahre jüngere Elisabeth Ulbrich.[3]
Elisabeth Ulbrich wurde am 25. August 1880 in Bautzen geboren. Sie stammte aus einer alteingesessenen Hut- und Mützenmacherfamilie und war im Unterschied zu ihrem evangelischen Ehemann Johann Katholikin. Zum großen Unglück der jungen Familie hatte Elisabeth zwei Fehlgeburten, bevor im März 1918 ihr Sohn Heinz zur Welt kam. Der Rufname des Jungen kam Anfang des 20. Jahrhunderts in Mode, hatte keinerlei Tradition in der Familie, anders als seine ersten Vornamen, die auf seinen Vater und Großvater mütterlicherseits verweisen. Einer dieser Namen, Paul, sollte in späteren Jahren noch eine geheimdienstliche Bedeutung für ihn bekommen.[4]
Heinz Felfe, der evangelisch getauft wurde, war das einzige gemeinsame Kind seiner Eltern und noch dazu ein Sohn. So konzentrierte sich die elterliche Fürsorge und Aufmerksamkeit ganz auf ihn. Seine Halbschwester war zum Zeitpunkt seiner Geburt bereits erwachsen und heiratete drei Jahre später Robert Walther Opp, der bald der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) beitrat und Regierungsoberinspektor in Dresden wurde. Heinz’ Eltern waren bei seiner Geburt für damalige Verhältnisse bereits relativ alt: Sein Vater war 54 und seine Mutter 38 Jahre. Die elterliche Aufmerksamkeit ließ ihn ein starkes Ego ausbilden, und er war es offenbar gewohnt, seinen Interessen frei nachgehen zu können. Gleichzeitig fühlte er sich als Einzelkind oft einsam und wusste daher bereits in jungen Jahren, dass er früh eine eigene Familie gründen wollte. Felfe sagte dazu: »Ich glaube, es kommt daher, dass mein Vater für mich damals zu alt und zu fern war. […] und da ich keine Geschwister hatte, blieb ich daheim ziemlich einsam.«[5]
Johann Felfe wurde 1926 Kriminalinspektor und leitete am Ende seiner Dienstzeit, worauf Heinz Felfe besonders stolz war, das Sitten-Dezernat in der Schießgasse 7. Zwei Jahre später ging er mit 65 Jahren in Pension. Heinz Felfe war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal zehn Jahre alt. Trotz des großen Altersunterschieds fühlte er nach seinen eigenen Worten eine enge emotionale Verbundenheit mit seinem eher großväterlich wirkenden Vater, den er bewunderte. Dessen Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen hatten für ihn eine Vorbildfunktion, besonders für seine spätere Tätigkeit als Geheimdienstmitarbeiter. Johann war ein penibler Beamter und überzeugter Staatsdiener, der auf eine saubere Handschrift genauso Wert legte wie auf einen minutiös geplanten Tagesablauf. Disziplin und Ordnung waren ihm wichtig. Als Beamter war er zwar nicht Mitglied einer Partei, hatte aber eine klar deutschnationale Einstellung. Entsprechend erzog er seinen Sohn in nationaler Gesinnung, was eine strikt antikommunistische Haltung mit einschloss. Johann gab sich bürgerlich. Regelmäßig machte er Spaziergänge durch das malerische Dresden, gehörte einem Skat-Klub an, zeigte sich kulturinteressiert, besuchte einmal im Monat Aufführungen in der Semperoper.
Das Verhältnis zu seiner Mutter hingegen war eher kühl. Überhaupt habe er sich nie zu ihr hingezogen gefühlt, schrieb Heinz Felfe später in seiner Autobiografie. Doch dies ist zweifelhaft, da sie ihren einzigen Sohn regelmäßig von Dresden aus in der BRD, gerade in München, besuchte. Auch in ihren Briefwechseln deutet nichts auf eine Distanz hin. Im Gegenteil sollte die Beziehung zwischen Mutter und Sohn in den Sechzigerjahren, als er im Gefängnis saß und sie für ihn eine emotionale Stütze wurde, eine andere Qualität bekommen. Offenbar bemühte Felfe sich im Nachhinein, die Bedeutung, die seine Mutter für ihn hatte, herunterzuspielen, lief doch über sie während seiner Haft wegen Spionage für Moskau der Kontakt zum KGB. Zudem erhielt sie jahrelang Geld vom sowjetischen Geheimdienst, allerdings ohne dass ihr Sohn sie darüber aufgeklärt hätte, von wem die Zahlungen tatsächlich stammten. Da seine Großeltern väterlicherseits bereits bei seiner Geburt gestorben waren, hatten für den jungen Heinz die Eltern seiner Mutter, Paul und Christiane Ulbrich, die nur wenig älter als sein Vater waren, einen wichtigen Stellenwert. Oft besuchte er sie als Kind und Jugendlicher in Bautzen, wodurch zeitlebens die kleine ostsächsische Stadt an der Spree eine besondere Bedeutung für ihn hatte.[6]
Heinz Felfe war mit Leib und Seele Dresdener und stolz auf seine Herkunft, vor allem auf das architektonische und kulturelle Erbe seiner Heimatstadt. Noch 1991 bekannte er in einem Interview mit einem amerikanischen Journalisten: »Ich habe Dresden geliebt, wie man nur seine Heimat lieben kann. Wenn ich von Berlin nach Dresden fuhr, da habe ich immer im Zug im Gang gestanden und habe mir die herrliche Stadtsilhouette angesehen.« Felfe wuchs auf in Striesen, einem zentral gelegenen Stadtteil Dresdens, das Anfang der Zwanzigerjahre bereits weit über eine halbe Million Einwohner zählte und die drittgrößte Stadt im Deutschen Reich war. Die Familie Felfe lebte in der Borsbergstraße 24 in der dritten Etage eines viergeschossigen Mehrfamilienmiethauses. Die Hausgemeinschaft der Felfes war mit Ärzten, Studienräten und Polizisten durchgängig bürgerlich. In der beidseitig baumgesäumten Straße herrschte reger Verkehr, überall waren Ladengeschäfte, und direkt vor der Haustür der Felfes verkehrten die Wagen der Dresdener Straßenbahn AG.[7]
Über Heinz Felfes erste sechs Lebensjahre ist so gut wie nichts überliefert. Ab dem Frühsommer 1924 besuchte er für vier Jahre die 24. Volksschule in der Haydnstraße 49, die nur 350 Meter von der elterlichen Wohnung entfernt lag. Es war eine moderne Bildungseinrichtung mit einer Aula, Turnsälen und Schulbibliothek, die wenige Jahre zuvor, von 1916 bis 1921, auch Herbert Wehner, später Politiker der KPD, in der Bundesrepublik dann der SPD, besucht hatte. Wehner, ebenfalls in Striesen geboren und in den Sechzigerjahren Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, sollte sich später für die Freilassung des verurteilten Spions Heinz Felfe einsetzen, wodurch dieser 1969 überhaupt erst in die DDR ausgetauscht werden konnte.
Der bildungsorientierte Johann Felfe wollte, dass sein Sohn Abitur machte. Doch der Besuch einer höheren Bildungsanstalt war teuer, und die schulischen Leistungen von Heinz entsprachen nicht den Erwartungen. Nach seiner Verhaftung behauptete er, seit frühester Kindheit ein schlechtes Gedächtnis zu haben. Dafür würde sprechen, dass er später im Berufsleben sämtliche Informationen akribisch notierte, etwa in Taschenkalendern. Das galt selbst für die Aufträge des KGB, wenngleich verschlüsselt. Gegenüber seinem Lektor Christian von Ditfurth prahlte er dagegen Mitte der Achtzigerjahre mit seinem Erinnerungsvermögen. Auch unter Kollegen beim Bundesnachrichtendienst war bekannt, dass Felfe über ein ausgezeichnetes Gedächtnis verfüge. So konnte er sich problemlos die Autokennzeichen der Mitarbeiter merken. Ob der Schüler Heinz Felfe tatsächlich über ein schlechtes Merkvermögen verfügte oder schlicht faul war, muss offenbleiben. Sicher dagegen ist, dass er oft kränklich war. Er hatte Masern und Scharlach, aber auch Erkrankungen der Atemwege wie Diphtherie, und er litt zeitweise unter Keuchhusten. So konnte er oft am Schulsport nicht teilnehmen. Ein mit der Familie befreundeter Pädagogikprofessor empfahl für den zehnjährigen Heinz schließlich eine neue Bildungseinrichtung, bei der es auf Zensuren nicht zwingend ankam: die reformpädagogische Dürerschule. Nach der bestandenen Aufnahmeprüfung wurde Heinz im Sommer 1928 dort Schüler, wofür seine Eltern monatlich 30 Pfennig Schulgeld zu zahlen hatten.[8]
Die Dürerschule war sechs Jahre zuvor als staatliche höhere Versuchsschule mit reformpädagogischer, humanistischer Ausrichtung gegründet worden. Seit 1923 befand sie sich in der Silbermannstraße 5. Sie war gleichzeitig die 51. Volksschule, nahe dem Dürerplatz, rund 20 Minuten zu Fuß von der Wohnung der Familie Felfe entfernt. Schülern sollte unabhängig von sozialer Herkunft und politischer Anschauung hier eine Gymnasialbildung ermöglicht werden. Wesentliche Inhalte des Schulprofils waren die fächerübergreifenden Wechsel von Gesamt- und Projektunterricht, ein begleitendes Kurssystem sowie eine auf Völkerverständigung ausgerichtete Erziehung. Außerdem gehörten der gemeinsame Unterricht von Jungen und Mädchen, Schülermitbestimmung sowie das Arbeiten im eigenen Schulgarten und in der Natur zu dem modernen Erziehungsmodell. 1929 gab es bereits 14 Klassen mit 370 Schülern an der Schule. Heinz Felfe kam als Fünftklässler in die Sexta Ost. Sein Klassenlehrer wurde Studienrat Georg E. Bahner, der Deutsch, Geschichte und Englisch unterrichtete. Zu ihm sollte er noch bis in die Sechzigerjahre Kontakt haben. In seiner Klasse waren insgesamt 27 Kinder, 13 Mädchen und 14 Jungen, deren Eltern Professoren, Kunsthistoriker und Ärzte, aber ebenso Kellner oder Verpacker waren. Der Anteil an Arbeiterkindern war an dieser Schule mit rund 33 Prozent im Vergleich zu anderen höheren Schulen groß. Eine Freundschaft verband ihn mit seiner Klassenkameradin Eva Margarethe Mertens, die eine bekannte Opernsängerin in Berlin wurde. Zu ihr hielt er bis in die Fünfzigerjahre sowie nach seiner Haftentlassung in die DDR den Kontakt und besuchte sie einige Male.[9]
Sein erster Winter auf der Dürerschule 1928/29 blieb Heinz Felfe besonders in Erinnerung, weil so viel Schnee fiel und es so bitterkalt war, dass die Elbe zufror. Noch Jahre später blieb ihm das Bild lebhaft vor Augen, wie er zusammen mit seinem Freund Herbert Preiss auf der Elbe schlitterte und sie sich danach in der nahen Wohnung der Familie Preiss in der Pfotenhauerstraße aufwärmten. Diese Zeit war für Felfe vor allem von solch unbeschwerten Kindheits- und Jugenderinnerungen geprägt. Doch ganz so unbekümmert war die Schule für ihn nicht. Heinz war kein guter Schüler und hat, wie er selbst berichtete, mitunter auch »blaue Briefe« nach Hause erhalten. Während er im Kunstunterricht beim Malen und Zeichnen nur wenig Talent zeigte, legte er eine gewisse musische Ader an den Tag. Er erhielt Klavier- und Cellounterricht, und sein Können reichte immerhin, um im Schulorchester als Cellist oder Kontrabassist mitzuspielen. Vier Jahrzehnte später bedauerte Felfe, dass er seit seiner Schulzeit nicht mehr musiziert hatte. Was ihm dagegen immer Freude an der Schule bereitete, war der projektbezogene Unterricht in der freien Natur und vor allem die gemeinsamen Wanderungen und Ausflüge, die ihn häufig in das nahe Erzgebirge führten.
Die Dürerschule stand in engem Kontakt zu bündischen Jugendorganisationen wie dem Wandervogel. Heinz begeisterte sich für diese Bewegung und freute sich auf die regelmäßig im Monat stattfindenden Wandertage an der Schule. Aufenthalte in einer Villa im Kurort Gohrisch bei Königstein, dem seit 1924 der Schule gehörenden Schullandheim in der Sächsischen Schweiz, waren eine besondere Abwechslung. Jede Klasse fuhr einmal im Jahr für zwei Wochen dorthin. Ebenso standen Reise- und Austauschprogramme auf dem Lehrplan. So nahm Heinz als Elfjähriger 1929 an einem zehntägigen Klassenaustausch mit einer Oberschule in Plauen teil. Ein Jahr später fuhr der Zwölfjährige im Juli für drei Wochen auf Klassenfahrt in den kleinen Badeort Neuendorf (poln. Wisełka) bei Wollin an die Ostsee. Die Klasse erwanderte den Jordansee (poln. Gardno), unternahm eine Fahrt nach Swinemünde (poln. Świnoujście) und schwamm in der Ostsee. Eine andere Klassenfahrt führte 1931 mit Studienrat Bahner ins 200 Kilometer entfernte Riesengebirge. Dort wanderte die Klasse vom Jugendkammerhaus »Rübezahl« auf die Schneekoppe, zur Elbquelle oder entlang verschiedener Talabschnitte der Elbe. Und bereits zu Schulzeiten fuhr Felfe häufig in das nahe Tschechien, das er auch nach seiner Übersiedlung in die DDR als Erholungsgebiet und als Kulturraum schätzte.[10]
In seiner Kindheit und frühen Jugend suchte Heinz Felfe in verschiedenen Organisationen Orientierung und Halt. Bis 1928 engagierte er sich in der evangelischen, wechselte aber 1930 in die bündische Jugend. Damit unterschied er sich nicht von anderen Jungen seiner Zeit, die während ihrer Pubertät und noch dazu in einer unsicheren politischen Welt im organisierten Gruppenerlebnis Abenteuer und Selbstverwirklichung suchten. Anfangs zeigte er sich noch offen für unterschiedliche Ausrichtungen. Offenbar fand er jeweils für eine Zeit neben der evangelischen Jugend Anschluss auch in dem antisemitischen Jungdeutschen Orden (Jungdo) sowie bei der »dj 1.11«, der Deutschen Jungenschaft vom 1. November 1929, die sich in der Tradition des Wandervogels verstand. Über seine schulischen Kontakte erhielt er schließlich auch Zugang zu den Pfadfindern und trat diesen bei, weil das, wie er erklärte, »zum guten Ton« für einen Jungen gehörte. Er schloss sich der »Ringgemeinschaft freier Pfadfinder« an, die ihren Schwerpunkt in Sachsen hatte und innerhalb des Pfadfinderwesens ein eher elitäres Denken vertrat und eine strenge Mitgliederauslese praktizierte. Zur Pfadfindergruppe kam er über Heinz Schulze, mit dem er befreundet war und dessen Onkel Leiter der freien Pfadfinder war. Befreundet war Heinz Felfe in der bündischen Jugend auch mit Gerhard Penzel, der 1947 in Erfurt denunziert und wegen angeblicher Spionage zu 25 Jahren Haft verurteilt wurde, aus der er 1956 vorzeitig in die BRD entlassen werden sollte. Felfe ordnete diese Pfadfindergruppe später politisch als links ein, was historisch nicht klar zu belegen ist. Ohnehin löste sich seine Pfadfindergruppe bald wieder auf, weshalb er nach einer neuen organisatorischen Heimat für sich suchte.[11]
Hatte die NSDAP bei den Reichstagswahlen am 20. Mai 1928 noch bei 1,8 Prozent gelegen, so errang sie am 31. Juli 1932 bereits 29,2 Prozent und wurde stärkste politische Kraft. Die Anzahl sächsischer Parteigenossen stieg von 8500 in den Jahren 1929/30 auf über 22 600 im Januar 1931. Es war die Zeit, in der in Dresden die Massenarbeitslosigkeit ihren Höchststand erreichte, der wirtschaftliche Druck immer größer wurde und von der Polizeipension Johann Felfes immer weniger Geld übrig blieb. Damals begann auch Heinz Felfes Weg in den Nationalsozialismus.[12]
Voller Stolz teilte Felfe dem Rasse- und Siedlungshauptamt (RuSHA) im Mai 1941 mit: »Der Bewegung gehöre ich aktiv seit zehn Jahren an.« Somit markierte das Jahr 1931 den Beginn seiner NS-Karriere, während der er zahlreiche NS-Organisationen durchlief und sich immer aktiver in ihnen engagierte und das nationalsozialistische Weltbild verinnerlichte.[13]
Noch während Felfe an der »roten« Dürerschule reformpädagogisch unterrichtet wurde, trat er am 15. Juli 1931 mit zwölf Jahren dem nationalsozialistischen Schülerbund (NSS) bei. Die Schülerorganisation der NSDAP war 1929 von Gottfried Neeße, dem späteren HJ-Oberbannführer, in Dresden gegründet worden. Der junge Heinz schloss sich aber nicht einfach einer bereits bestehenden Gruppe an. Vielmehr gründete er zusammen mit anderen an seiner Schule eine neue Gruppe, da die NSS dort verboten war. Dagegen erhoben seine obrigkeitshörigen Eltern allerdings Einwände. Später, in der DDR, bemühte sich Felfe, seine Entscheidung, sich früh dem Nationalsozialismus anzuschließen, als typisch für seine Generation zu relativieren und als pubertäre Trotzreaktion kollektiv zu entschuldigen. Mit der beginnenden Überführung des NSS in die Hitlerjugend (HJ) wurde Felfe im Januar 1932 als 13-Jähriger Mitglied der Dresdener HJ, der er bis zum 1. März 1936, bis kurz vor seinem 18. Geburtstag, angehörte. Neben der Bildung einer Schülergruppe lässt sich sein wachsendes Engagement in der nationalsozialistischen Jugendorganisation an einem weiteren Moment festmachen. Im Wehrkreis IV wurden Grenzschutz- und Landesverteidigungsverbände aufgestellt, bei denen auch Freiwillige aus den nationalen Organisationen und aus der bündischen Jugend mitmachten. Außerdem beteiligte sich Felfe von Januar 1932 bis Juli 1933 an vormilitärischen Ausbildungslehrgängen, wie sie illegale paramilitärische Organisationen, die sogenannte Schwarze Reichswehr, auf dem Truppenübungsplatz Königsbrück im Lager Schmorkau unweit von Dresden abhielt, um die deutsch-tschechische Grenze zu überwachen.[14]
Heinz Felfe gehörte zum HJ-Bann 100, Ortsgruppe Dresden, deren Dienststelle sich bei der Kreuzkirche in der Altstadt befand, zusammen mit der des Bundes deutscher Mädel (BdM). Zu den Aktivitäten der HJ gehörten Werbefahrten, Aufmärsche, Feldlager, aber ebenso Fahrten zu den Reichsparteitagen der NSDAP. Von Beginn an beteiligte sich Felfe an diesen Kundgebungen und Aufmärschen. Bereits als 14-Jähriger nahm er an einem der Höhepunkte der NS-Jugendorganisationen vor der sogenannten Machtergreifung teil, dem legendären ersten Reichsjugendtreffen am 1. und 2. Oktober 1932 in Potsdam. Etwa 80 000 Teilnehmer zogen in Marschkolonnen an Reichsjugendführer Baldur von Schirach und Adolf Hitler vorbei und hörten am zweiten Tag die Rede des zukünftigen Reichskanzlers. Auch in den beiden folgenden Jahren besuchte Felfe die Reichsparteitage. Zum festen Programmpunkt der Veranstaltung gehörten die Aufmärsche der NS-Organisationen, also auch der HJ. So wird der junge Heinz unter den rund 60 000 Hitlerjungen gewesen sein, die in Nürnberg vor Adolf Hitler aufmarschierten. Für seinen frühen Einsatz für die Ziele der NSDAP wurde Felfe später mit dem Goldenen HJ-Ehrenzeichen und dem Ehrenwinkel ausgezeichnet. Dass Felfe zu den »Alten Kämpfern« zählte, erfüllte ihn mit Stolz.[15]
Im Zuge einer Umorganisation Ende 1932 stieg Felfe in den Rang eines HJ-Scharführers auf. Damit unterstanden ihm rund 50 bis 60 Jungen aus seinem Dresdener Bann. 1934 gelang es ihm sogar, Adjutant seines Bannführers, des aus Freiberg stammenden Hans Abt, zu werden. Abt war für die Jugendarbeit in seinem Dresdener Organisationsbereich verantwortlich und der fast 16-jährige Heinz Felfe seine rechte Hand. Innerhalb des Banns brachte es Felfe schließlich bis zum Personalleiter.[16]
Felfe ging in der Jugendarbeit auf. So verwundert es kaum, dass sich sein Freundes- und Bekanntenkreis mehrheitlich aus Angehörigen der NS-Jugendorganisation zusammensetzte. Da sich die Geschäftsräume der HJ und des BdM im selben Gebäude befanden, lernte der HJ-Adjutant Felfe einige der Mädchen kennen, die in seinem Leben noch eine Rolle spielen sollten. Beispielsweise die Dresdenerin Irmgard Händel, BdM-Untergauführerin von 1933 bis 1938, die 1938 den ehemaligen HJ-Oberbannführer Herbert Loose heiratete. Felfe und Loose kannten sich, doch mit Irmgard, die ebenfalls die Dürerschule besuchte, unterhielt er eine besondere und langjährige Freundschaft. Während Felfes Zeit in der BRD war der Kontakt zwar eine Zeit lang unterbrochen, doch während seiner Inhaftierung in den Sechzigerjahren und nach seiner Umsiedlung in die DDR nahmen sie die Freundschaft wieder auf.[17]
Mit der HJ reiste Heinz Felfe häufig hinaus ins Erzgebirge, nach Schellerhau, Altenberg oder Rehefeld in die Sächsische Schweiz. Auch fuhr er von 1931 bis 1933 oft zum Wandern und Skifahren in das von Dresden rund 50 Kilometer entfernt liegende Moldau (tschech. Moldava) im Osterzgebirge. Hier verbrachte die HJ gemeinsam mit dem BdM auch den Jahreswechsel 1932/33, bei dem Heinz Felfe und Irmgard Händel zusammen Silvester feierten. Felfe war seit seiner HJ-Zeit ein begeisterter Skifahrer und Wanderer und beklagte sich während seiner Haft bei seiner Jugendfreundin Irmgard, wie sehr er diese Aktivitäten vermisse. In alten Jugenderinnerungen schwelgend, schrieb sie ihm in einem Brief: »Lieber Heinz, ich kann Dir sehr wohl nachfühlen, wie Dir Dein Skilaufen fehlt und das Wandern.« Doch nicht nur für die Berge konnte sich Felfe begeistern, er fuhr genauso gerne ans Meer. So organisierte er einige Gruppenfahrten auf die Nordseeinsel Pellworm mit.[18]
Im März 1934 wurde Heinz Felfe sechzehn Jahre alt. Mit Erreichen der Obersekundarreife galt es, zu entscheiden, ob er die Oberschule besuchen wollte oder nicht. An der Dürerschule konnte er nicht länger bleiben, denn nachdem sie an die Macht gelangt waren, hatten die Nationalsozialisten diese in eine Normalschule überführt und kurz danach ihre Schließung angeordnet. Die Schüler wurden auf andere Bildungseinrichtungen verteilt und die Dürerschule am 31. März 1936 endgültig geschlossen. Das war auch das Ende des Schulbesuchs von Heinz Felfe. Seiner Schilderung zufolge war seine »Schulmüdigkeit« übergroß geworden, weshalb er seinen Vater mühsam überzeugt habe, die Schule, trotz guter Noten in Mathematik und musischen Fächern, zu verlassen. Mit Sicherheit wird diese Entscheidung aber auch aus finanziellen Gründen erfolgt sein, da für den Besuch der Oberschule ein höheres Schulgeld fällig geworden wäre. Im Elternhaus Felfe herrschten wegen der Wirtschaftskrise Geldsorgen. Ganz zu schweigen davon, dass Felfe an einer neuen Schule mehr hätte leisten müssen als an einer Reformschule, um das Abitur zu schaffen. Zudem spielte sicherlich auch eine wichtige Rolle, dass Heinz Felfe sich immer stärker in der zeitaufwendigen HJ-Bannführung engagierte. Daher entschied er sich, im Herbst eine Lehre anzutreten.
Dann schlug landesweit ein Ereignis hohe Wellen, und seine Auswirkungen bekam auch Heinz Felfe zu spüren. Erstmals sollte er am eigenen Leib erfahren, was es bedeuten konnte, auf der falschen Seite zu stehen. Ende Juni/Anfang Juli 1934 ereignete sich der sogenannte Röhm-Putsch, bei dem im Rahmen politischer Säuberungsaktionen auf Befehl Adolf Hitlers die Führung der SA mit ihrem Stabschef Ernst Röhm liquidiert wurde, um einen angeblich geplanten Staatsstreich der SA zu verhindern. Ermordet wurden ebenfalls Mitglieder der Schwarzen Front, einer Gruppierung um die Brüder Gregor und Otto Strasser, die für das neue Regime den Weg eines nationalen Sozialismus forderten. In diesem Kontext geriet besonders die sächsische HJ in den Fokus, da sie bis 1932 formal der SA unterstellt und seit ihrer Gründung stark sozialrevolutionär ausgerichtet war. Zahlreiche HJ-Angehörige mit bündischem Hintergrund gerieten in Verdacht, Anhänger der Schwarzen Front zu sein, und fast der gesamte Gebietsstab wurde in Gewahrsam genommen. Auch Hans Abt, der Bannführer Heinz Felfes, wurde im Juli 1934 in Berlin inhaftiert. Er wurde zwar bald darauf wieder entlassen, kehrte aber nicht zu seinem Bann in Dresden zurück, sondern wurde in das Vogtland versetzt. Während seiner Kriegsgefangenschaft gab Felfe später an, dass er um 1933 ebenfalls für wenige Tage im Gefängnis gesessen hätte, angeblich im Zusammenhang mit einem Fall von Unterschlagung. Weitaus wahrscheinlicher dürfte sein, dass er bei den Säuberungsmaßnahmen von 1934 kurzzeitig Probleme bekommen hat, da er aus der bündischen Jugend kam und der Adjutant von Abt war. Mit Abts Nachfolger, Georg Segel, geriet Heinz Felfe schnell in Konflikt. So musste auch Felfe den Bann wechseln und gehörte, obwohl in Dresden wohnhaft, für ein kurzes Gastspiel zum Stab des Oberbanns 5 in Bautzen. Zur dortigen HJ hatte er seit 1933 Kontakt. Aber bereits zum Herbst 1934 wurde die Bautzener Dienststelle aufgelöst, weil dem Oberbannführer Homosexualität vorgeworfen wurde. Im Zuge der Umorganisation wurde Heinz Felfe formal innerhalb des Gebietsstabs 16 »zur besonderen Verwendung« in die Dresdener Dienstelle versetzt. Deren Büroräume befanden sich bis 1937 am Bismarckplatz 7. Felfe bekleidete nun eine Position außerhalb der üblichen Hierarchien und Funktionsebenen. Das bedeutete, dass er von nun an in der Dresdener HJ faktisch nichts mehr zu tun hatte, und er fühlte sich aufs Abstellgleis geschoben. Felfes Engagement in der nationalsozialistischen Jugendorganisation kam nach der Säuberungswelle von 1934 zum Erliegen. Bezeichnenderweise nahm er 1935 nicht am Reichsparteitag teil. Dennoch äußerte er sich 1964 mit Bezug auf seine Tätigkeit bei der Hitlerjugend wehmütig gegenüber seiner Freundin Irmgard: »Die Zeit bis zum Krieg in Dresden war doch zu schön.«[19]
Anfang 1935 begann Felfe sich militärisch bei der Landespolizei weiter zu schulen. Hatte er in den Jahren zuvor schon dem Grenzschutz angehört, nahm er nun an einer ersten Reserveübung teil. Als ungedienter Freiwilliger fuhr er zu dem rund 25 Kilometer von Dresden entfernten Truppenübungsplatz Königsbrück, ins Lager Schmorkau. Hier absolvierte der 17-Jährige vom 24. Januar bis zum 31. März 1935 als Freiwilliger im Polizeidienst einen Ausbildungslehrgang für Ergänzungsmannschaften bei der 14. Hundertschaft der sächsischen Landespolizeigruppe Leipzig und wurde am 24. Januar 1935 zum Ergänzungswachtmeister ernannt.[20]
Rund vier Monate zuvor, im Herbst 1934, nachdem er von seinem kurzen Zwischenspiel in Bautzen in seine Heimatstadt zurückgekehrt war, hatte Felfe eine dreijährige Lehre als Feinmechaniker bei Müller & Wetzig begonnen. Müller & Wetzig war eine Spezialfabrik für Projektions- und Vergrößerungsapparate, die sich in der Dürerstraße 100 im Stadtteil Johannstadt befand, nur wenige Gehminuten von der elterlichen Wohnung entfernt. In den folgenden Jahren entwickelte Felfe eine Leidenschaft für die Fotografie, und die Erfahrungen aus seiner Lehrzeit waren ihm später während seiner nachrichtendienstlichen Tätigkeit von Nutzen, etwa beim Abfotografieren von Geheimdokumenten. Neben seiner Lehre besuchte er den Abendunterricht an den technischen Lehranstalten. Ein Halbjahreszeugnis für das Winterhalbjahr 1934/35 ist erhalten geblieben. In den Fächern Algebra, Chemie und Physik hatte Felfe jeweils die Note »genügend« und in Maßskizzieren, Fachzeichnen und Werkstattkunde ein »gut« bekommen. Seine Kopfnoten unterschieden sich auffällig von seinen fachlichen Noten: Sowohl sein Fleiß wie sein Verhalten wurde als »sehr gut« beurteilt. Deutlich zeichnet sich hier bereits die spätere Persönlichkeit Heinz Felfes ab: zwar durchschnittlich begabt, aber gut erzogen, detailbesessen und strebsam. Typisch war auch die hohe Zahl von krankheitsbedingt versäumten Unterrichtsstunden; in diesem Halbjahr waren es 32. Zeit seines Lebens war Heinz Felfe kränklich und war besonders für psychosomatische Erkrankungen anfällig.[21]
Mit dem Einstieg in das Berufsleben begann für den Jugendlichen ein neuer Abschnitt. Er wurde wirtschaftlich unabhängiger vom Elternhaus, sein Bekanntenkreis änderte sich, und sein Freiraum wuchs. Noch 1935 plante er, Ingenieur zu werden und nach seiner Lehrzeit einige Semester an der Dresdener Maschinenbauanstalt zu studieren. Er absolvierte bereits ein Abendstudium an einer Ingenieurschule und lernte Stenografie. An dieser Schule sollte er Kontakte knüpfen, die seinen Lebensweg in eine andere Richtung verlaufen ließen.
Wie viele Gleichaltrige interessierte sich der junge Heinz Felfe für Autos und mehr noch für Motorräder und besuchte auch Motorradrennen in der Dresdener Umgebung. Bei einem Rennen sprach ihn ein SS-Mann an, der Angehöriger der Motoreinheit war. Von ihm erfuhr Heinz, dass man bei der SS-Motoreinheit nicht nur den Führerschein machen, sondern auch Motorrad fahren konnte. Der junge Mann war begeistert.
1936, im vorletzten Ausbildungsjahr, wurde Felfe 18 Jahre alt. Entsprechend den Richtlinien der HJ musste er diese nun verlassen und sollte eigentlich Mitglied der SA werden, was er jedoch vehement ablehnte. Vielmehr wollte er in die Allgemeine SS eintreten, die ihm »honoriger und gediegener« und überhaupt elitärer erschien als die »brutalere« und »proletarische« SA. Daneben gab es pragmatische Gründe, in den SS-Motorsturm zu wechseln: Er konnte umsonst die Führerscheine der Klasse 1 und 3 machen und seiner Leidenschaft, dem Motorradfahren, nachgehen.[22]
Felfes Entscheidung, freiwillig in die Allgemeine SS einzutreten, brachte ihn nach 1945 immer wieder in Erklärungsnot. Alle seine autobiografischen Angaben dazu fälschte er. Gegenüber der Organisation Gehlen (OG), der Vorgängerorganisation des BND, behauptete er, dass er erst nach abgelegter Prüfung zum Kriminalkommissar 1941 einen SS-Dienstgrad automatisch erhalten habe. Als er nach 1969 in der DDR lebte, wurde seine SS-Zugehörigkeit aus politischen Gründen stark relativiert. So besagt ein Vermerk des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) von 1972: »Die Mitgliedschaft in der SS war durch seine Tätigkeit bedingt, da beides miteinander verkoppelt war. Angehörige der Kripo wurden automatisch in die SS übernommen.«[23]
Noch als 17-Jähriger reichte Felfe seinen Anmelde- und Verpflichtungsschein bei der zuständigen SS-Standarte ein. Eigentlich musste ein Bewerber mindestens 18 Jahre alt sein, es konnten in Ausnahmefälle aber auch 17-Jährige aufgenommen werden. Dazu musste dem Freiwilligenschein eine schriftliche Einverständniserklärung des Erziehungsberechtigten beigefügt werden. Johann Felfe sprach sich für einen Eintritt seines Sohnes in die SS aus. Heinz wurde am 11. Februar 1936 als Staffel-Bewerber einer Sondereinheit der Allgemeinen SS zugeordnet, die zum SS-Oberabschnitt Elbe gehörte. Felfe wurde Angehöriger der SS-Motoreinheit (1/Mo6), die ab 1938 SS-Kraftfahreinheit (1/K6) und später als SS-Motorsturm bezeichnet wurde. Sein Interesse für den Motorsport verband ihn mit seinem späteren SD-Kameraden, BND-Kollegen und KGB-Spion Hans Clemens, der 1931 bei der SA einen Motorsturm gegründet hatte. Felfe wurde kraftfahrttechnisch ausgebildet, wobei der Schwerpunkt auf der Fahrausbildung auf der Straße und im Gelände sowie Orientierungs- und Kolonnenfahrten lag – Vorbereitungen auf Wehrsport und Kriegsdienst.[24]
Zum Abschluss des Schuljahrs Ende März 1936 fanden in Dresden für die Abschlussjahrgänge und oberen Klassen Schulbälle statt. Beim Besuch des Balls der Staatlichen höheren Mädchenbildungsanstalt in der Johannstadt lernte der 18-jährige Felfe die 16-jährige Ingeborg Conrad kennen, die gerade ihren Schulabschluss gemacht hatte. Aus dieser Bekanntschaft wurde zu Kriegsbeginn Liebe, und beide heirateten drei Jahre später.
Margarethe Ingeborg Conrad, eine zierliche Person, war das einzige Kind des Dölzschener Amtsrates Heinrich Hermann Conrad und dessen Frau Erna Margarethe, geborene Röder. Sie besuchte bis 1936 die Staatliche höhere Mädchenbildungsanstalt und war zwei Jahre zuvor in den BdM eingetreten. Die Familie Conrad stammte aus dem Erzgebirge, und ihre Vorfahren waren seit Generationen Revierjäger und Förster gewesen.
Nur wenige Wochen vor dem Abschlussball hatte Heinz Felfe am 18. März 1936 seinen 18. Geburtstag gefeiert, womit er nun endlich vollwertiges Mitglied der SS werden konnte. Gleichzeitig strebte er die Parteimitgliedschaft an, was ihm als ehemaligem Hitlerjungen trotz offizieller Aufnahmesperre zu dieser Zeit möglich war. Wenige Wochen nach seinem Geburtstag, am 1. Mai 1936, wurde Felfe Mitglied der NSDAP (Nr. 3.710.348) und beschritt konsequent weiter den Weg eines überzeugten Nationalsozialisten.
Es passte gut in Felfes Weltbild, dass im Sommer 1936 die Welt auf Deutschland und Berlin schaute, wo vom 1. bis zum 16. August die XI. Olympischen Sommerspiele ausgetragen wurden. Erstmals bei Olympischen Spielen wurde das in Athen entzündete olympische Feuer in einem Fackellauf zum Austragungsort gebracht. Am 31. Juli 1936 erreichte die olympische Flamme Dresden. Felfe bestätigte später, dass er die Sommerspiele in Berlin besucht habe. Zahlreiche Angehörige der HJ oder des BdM aus Dresden erhielten über ihre Organisationen die Möglichkeiten, die Spiele zu besuchen, darunter Irmgard Händel. Felfe hingegen wurde von einem Bekannten seiner Familie eingeladen, fuhr nach Berlin und besuchte einige Sportveranstaltungen. Ihn beeindruckte das »internationale Flair jener Tage und die offene Sympathie des Auslandes für das Deutschland von 1936«, was vermutlich dazu beitrug, dass sein Interesse an anderen Ländern geweckt wurde.[25]
Nur wenige Wochen nachdem Felfe aus Berlin zurückgekehrt war, reiste er nach Nürnberg, wo vom 8. bis 14. September 1936 der Reichsparteitag der NSDAP abgehalten wurde. Nach 1933 und 1934 besuchte er damit zum dritten Mal den Parteitag, doch im Rahmen welcher Partei- oder Staatsorganisation er diesmal teilnahm, ist unbekannt.
Felfes künftige Ehefrau Ingeborg Conrad war ebenfalls eine überzeugte Nationalsozialistin. Sie bildete sich zu dieser Zeit beruflich weiter, besuchte bei der Deutschen Arbeitsfront (DAF) in Dresden Kurse für Maschinenschreiben und Kurzschrift, eine nationalsozialistische Ausbildungsmaßnahme für Sekretärinnen. Im September 1938 trat auch sie in die NSDAP (Nr. 6.963.141) ein. Ihre Qualifikationen und ihr politisches Engagement zahlten sich aus. Am 1. Dezember 1936 fing sie in der sächsischen Staatskanzlei in Dresden in der Personalabteilung als Stenotypistin an. Ihr Chef war Curt Robert Lahr.[26]
Felfe, der so frühzeitig seine NS-Karriere geplant hatte, war nach einem Jahr in seinem SS-Bewerbungsverfahren nicht weitergekommen. Am 15. März 1937 teilte das RuSHA dem Staffel-Anwärter mit, dass er Unterlagen wie die Erbgesundheitsdokumente und weitere Fragebögen nachreichen müsse. SS-Mann konnte zu dieser Zeit nur werden, wer die ärztliche und »rassische« Musterung bestanden und entsprechende Nachweise vorgelegt hatte: den Aufnahme- und Verpflichtungsschein (AV-Schein), die Mannschafts-Untersuchungsliste (Mula), je ein polizeiliches und politisches Führungszeugnis, den SS-Erbgesundheitsbogen und den »großen Abstammungsnachweis« mit allen Urkunden. Zwar reagierte Felfe unverzüglich und übermittelte in einer Sammelsendung am 24. März die geforderten Unterlagen. Diese frühe Episode zeigt, was sich später regelmäßig wiederholen sollte: dass es für Felfe, obgleich er zur Pedanterie neigte, offenkundig ein Problem darstellte, seine Unterlagen fristgerecht vollständig und korrekt einzureichen. Immer wieder hatte Felfe das Gefühl, sich absichern zu müssen, dass auch nur die »richtigen«, also die für ihn vorteilhaften Informationen den Instanzen vorgelegt wurden.[27]
Felfes nächste Station auf dem Weg zum SS-Mann war Berne, eine Gemeinde in der Nähe von Bremen. Dort absolvierte er vom 25. April bis zum 15. Mai 1937 eine KfZ-Ausbildung bei der SS-Motorschule und erwarb die Führerscheine für Kraftfahrzeuge und Krafträder sowie den Geländeführerschein als Kradfahrer. Dabei konnte er sich, wie er es später formulierte, so »richtig austoben«. Am 1. Juli 1937 wurde Heinz Felfe als Anwärter zum Staffel-Mann ernannt. Es begann für ihn eine sechsmonatige Bewährungszeit, in der er seine Eignung für die Organisation beweisen musste.[28]
Kurz darauf schloss Felfe seine Lehre zum Feinmechaniker ab und zog im September zusammen mit seiner Familie von der Borsbergstraße 24 ein Nachbarhaus weiter, in die erste Etage der Nummer 26. Trotz erfolgreicher Ausbildung hatte Felfe mittlerweile nicht mehr die Absicht, als Feinmechaniker zu arbeiten. Die berufliche Neuorientierung hing vor allem mit seiner stärkeren Einbindung in das nationalsozialistische System als SS-Anwärter und mehr noch als sächsisches NSDAP-Mitglied zusammen, wobei auch die Tätigkeit von Ingeborg Conrad in der sächsischen Staatskanzlei keine unwesentliche Rolle gespielt haben dürfte. Ab September 1937 arbeitete Felfe bei der NSDAP-Gauleitung Sachsens unter Martin Mutschmann, und zwar als hauptamtlicher Registerführer beim Gaugericht in Dresden. Das Verzeichnis entsprach dem Strafregister nach der Strafprozessordnung und beschäftigte sich mit Parteistrafen, die bei Verstößen gegen Parteigesetze im Gau Sachsen verhängt wurden. Die Parteigerichte dienten der Staatspartei als Organ zur Disziplinierung der Mitglieder. Als Registerführer hatte Felfe Zugang zu den Gerichtsakten der sächsischen NSDAP. Dabei erhielt er tiefgehende Einblicke auch in die Lebenssituation von NSDAP-Mitgliedern im Gau Sachsen. Hier lernte Felfe das akribische Aktenstudium, was ihm bei seinen nachrichtendienstlichen Verwendungen hilfreich sein sollte.[29]
Immer stärker verinnerlichte Heinz Felfe die Ideale von Partei und SS. Am 27. Dezember 1937 trat er aus der evangelischen Kirche aus und bezeichnete sich seitdem als »gottgläubig«. Am 30. Januar 1938 endete seine sechsmonatige Probezeit. Felfe wurde zum SS-Staffel-Sturmmann ernannt und erhielt seinen vorläufigen SS-Ausweis (SS-Nr. 286.288).
Nachdem im März 1938 der »Anschluss« Österreichs an das Deutsche Reich erfolgt war, richteten sich Hitlers Begehrlichkeiten auf die sudetendeutschen Gebiete in der Tschechoslowakei. Das sollte auch für Felfe Folgen haben. Knapp einen Monat später am 20. April 1938, anlässlich des »Führergeburtstages«, schwor er den SS-Treueeid auf Adolf Hitler. Eine wichtige Station für ihn, da er nun die SS-Uniform mit Kragenspiel tragen durfte. Stolz ließ er sich noch am selben Tag in Uniform fotografieren. Nach dem Treueschwur standen aber noch weitere Prüfungen an. In den folgenden Monaten lernte Felfe den »SS-Katechismus« und machte, wie von der SS gefordert, das SA-Sportabzeichen sowie das Reichssportabzeichen (jeweils in Bronze). Dabei standen neben Leichtathletik-Disziplinen militärische Grundübungen wie Handgranatenzielwurf oder Geländeorientierung auf dem Programm.[30]
Wenige Tage nach dem »Anschluss« feierte Heinz Felfe seinen 20. Geburtstag. Er wurde wehrpflichtig. Am 22. Juni 1938 musste er sich beim Wehrbezirkskommando Dresden I zur Musterung einfinden, bei der er als »tauglich« befunden wurde. Nun wartete auf ihn eine zweijährige Wehrdienstzeit. Freiwillig bemühte er sich sogleich um eine erste Ausbildung an der Waffe, die er, aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit beim Gaugericht, bei einer Übung im »Beurlaubtenstande« absolvierte, und zwar vom 20. September bis zum 26. Oktober 1938 bei der SS-Verfügungstruppe (SSVT) Dresden, beim motorisierten Pioniersturm. Die SSVT war eine kasernierte paramilitärische Sondereinheit der Allgemeinen SS. Sie bildete neben der Leibstandarte Adolf Hitler und den SS-Totenkopfverbänden den Kern der späteren Waffen-SS und stand unter dem Kommando von SS-Obersturmbannführer Karl Blumberg.
Schon bald sollte die Militärübung für Heinz Felfe konkrete Bedeutung bekommen. Am 30. September 1938 wurde im »Münchner Abkommen« die Abtretung des Sudetengebietes an das Deutsche Reich beschlossen. Schon am nächsten Tag begann der Einmarsch deutscher Truppen, darunter die SS-Verfügungstruppe. Dafür wurde Felfe am 22. Mai 1939 die »Sudentenland-Medaille« verliehen, mit der Personen ausgezeichnet wurden, die sich um die »Rückholung« des Sudetengebietes verdient gemacht hatten. Eine Ehrung, die Heinz Felfe in sämtlichen Lebensläufen, erst recht in seiner Autobiografie, unterschlug.[31]
Nach seiner Rückkehr und dem Ende seiner Übung wurde Felfe am 9. November 1938 bei der NS-Feier zum Jahrestag des Hitler-Putsches 1923 erneut auf den »Führer« vereidigt und damit zum Staffel-Vollanwärter. Aber noch immer hatte er nicht alle notwendigen Unterlagen eingereicht, noch immer fehlte der »Ariernachweis« (Sippenr. 108.504), das heißt der bis zum Jahr 1800 zurückreichende Nachweis, dass unter seinen Vorfahren keine Juden waren. Das Rasse- und Siedlungshauptamt setzte ihm schließlich eine Frist bis zum 15. Februar 1939, dann gewährte es eine Verlängerung bis zum 1. Juni 1939. Im März 1939 bat Felfe um weitere drei Jahre Aufschub. Als Begründung führte er an, dass er ab Frühjahr 1939 zunächst seinen Reichsarbeitsdienst (RAD) und im Anschluss daran seinen zweijährigen Wehrdienst ableisten werde. Daher könne er die kostspielige Ahnenforschung in der geforderten Zeit nicht vornehmen.
Sein Engagement in der HJ, der SS und der NSDAP beim Gaugericht hatte Felfes Persönlichkeit verändert. War er als Schüler nicht gerade von Ehrgeiz gepackt, hatte er nun seine Karriere fest im Blick. Nicht ohne Grund stieg er zum Leiter der Geschäftsstelle des Gaugerichts auf. Heinz Felfe wollte jetzt Jurist werden – seiner Ansicht nach galt »eine juristische Ausbildung als Schlüssel zu vielen beruflichen Möglichkeiten: Richter, Staatsanwalt, Bürgermeister, Diplomat, Syndikus, Rechtsanwalt«. Mehr denn je war es sein Ziel, auf der Karriereleiter nach oben zu klettern. Dafür musste er jedoch ein Studium absolvieren, und dafür wiederum musste er sein Abitur nachholen. Jetzt zahlten sich sein NS-Engagement und vor allem die im Dresdener Gaugericht geknüpften Kontakte aus. Denn der motivierte Felfe hatte in seinem Vorgesetzten, dem Vorsitzenden des Gaugerichts Otto Eckhardt, einen Gönner gefunden. Eckhardt schlug ihn für das »Langemarck-Studium« vor, das bewährten Nationalsozialisten ohne höheren Schulabschluss ermöglichte, sich durch eine Sonderausbildung für ein Hochschulstudium zu qualifizieren. Gezielt sollten diejenigen Kandidaten von NSDAP-Institutionen oder der Wehrmacht zum Studium vorgeschlagen und gefördert werden, die entsprechend der NS-Ideologie als »rassisch wertvoll« und »politisch verlässlich« galten: so wie Heinz Felfe.[32]
Zunächst aber musste Felfe seinen sechsmonatigen Arbeitsdienst ableisten, welcher vom 1. April bis Ende Oktober 1939 dauern sollte. Seinen Posten beim Gaugericht musste er darum Ende März 1939 aufgeben. Seit 1935 musste jeder Mann zwischen 18 und 24 Jahren vor dem zweijährigen Wehrdienst zum Reichsarbeitsdienst. In dieser Zeit lebten die »Arbeitsmänner« kaserniert in RAD-Lagern. Der 21-jährige Felfe trat seinen Dienst im Arbeitsgau Sachsen im RAD-Lager Niederrödern bei Radeburg an. Es trug den schönen Namen »Wolfgang A. Mozart«. Felfe diente in der elften Abteilung, wobei jede Abteilung aus 216 Mann bestand, der Arbeitsgruppe 150, also in der RAD-Abteilung 11/150. Drei Wochen nach Arbeitsbeginn wurde er am 20. April 1939 wieder einmal auf den »Führer« vereidigt: diesmal als Arbeitsmann. Im RAD-Lagern bestand der Tagesablauf aus Arbeit, Exerzieren mit und ohne Spaten, staatspolitischem Unterricht und Freizeitgestaltung. Mit seiner Einheit baute Felfe vor allem den Stausee in Radeburg und die nahe Autobahn aus.[33]
Während Felfe seinen Arbeitsdienst ableistete, schritt das Auswahlverfahren des Langemarck-Studiums voran. Aus der Masse der Bewerbungen wurden die geeigneten Kandidaten zu mehrtägigen Ausleselagern eingeladen, welches für Felfe in der Zeit vom 24. Juli bis 26. August 1939 stattfand. Man wollte von den Bewerbern einen persönlichen Eindruck gewinnen, ihr Allgemeinwissen, ihre Eignung für ein Studium und ihre körperliche Verfassung, aber vor allem ihre charakterliche und politische Grundhaltung prüfen. Der überzeugte Nationalsozialist Felfe absolvierte sein Ausleselager in Bielatal bei Königstein, rund 45 Kilometer südöstlich von Dresden, und zwar äußerst erfolgreich. Mit nur vier weiteren Bewerbern wurde er für das Langemarck-Studium ausgewählt. Sein Vorstudium sollte schon im November 1939 beginnen und Ostern 1940 enden. Bei Bestehen durfte Felfe studieren. So sah er sich schon als Jurastudenten, als sein Traum jäh platzte. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im September 1939 verhinderte, dass er das Langemarck-Studium später aufnehmen konnte. Statt einer Immatrikulation musste Felfe nun in den Krieg ziehen.[34]
Felfe blieb nur knapp drei Monate beim RAD. Mit der Generalmobilmachung wurde er am 26. August 1939 zum Militär eingezogen. Die RAD-Abteilungen sollten als Sondereinheiten der Wehrmacht am Polenfeldzug teilnehmen, wozu sie in Bau-Bataillone umgewandelt und hinter der Front eingesetzt wurden. Ihre Aufgabe bestand darin, beschädigte Wege, Straßen und Brücken instand zu setzen oder provisorisch zu errichten, Flugplätze anzulegen, Aufräumungsarbeiten auszuführen, aber auch Gefangenentransporte zu bewachen. Felfe wurde dem 3. Bau-Bataillon 120 zugeteilt, das anfangs in Westpolen eingesetzt wurde, um die in Richtung Warschau vorstoßende 10. Armee unter dem Oberbefehlshaber Walther von Reichenau zu unterstützen. Vier Tage nach dem Beginn seiner Militärzeit wurde er abermals auf den »Führer« vereidigt: diesmal als Soldat.[35]
Der Angriff der deutschen Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939 markierte den Anfang des Zweiten Weltkriegs. Die 10. Armee begann ihren Vormarsch unterhalb von Kreuzberg, vor Oppeln, an der polnischen Grenze. Am 2. September setzte sich auch das Bau-Bataillon Heinz Felfes in Richtung Polen in Bewegung. Seine Einheit gehörte nicht zu den kämpfenden Verbänden, sondern war im »rückwärtigen Operationsgebiet« eingesetzt. Nach der polnischen Kapitulation gehörte seine Einheit vom 8. Oktober bis zum 10. November 1939 zu den Besatzungstruppen. Nicht jedoch Heinz Felfe, dessen Kriegseinsatz nur zehn Tage währte. Wegen einer schweren Lungen- und Rippenfellentzündung (Pneumonie) wurde er ins Lazarett verlegt, und in seinen Fieberträumen war er davon überzeugt, sterben zu müssen. Als letzte Diagnose nennt ein Schreiben des Fürsorge- und Versorgungsamtes von 1941 das letzte Stadium einer Rippenfellentzündung (Pleuritis) mit Schwartenbildung, konkret war sein rechter Lungenflügel mit dem Brustkorb zusammengewachsen. Die Leistungsfähigkeit seiner Lunge sollte nie mehr vollständig wiederhergestellt werden. Am 6. Oktober wurde er für rund drei Wochen zunächst ins Lazarett ins schlesische Beuten (poln. Bytom) gebracht, wo er bis zum 30. Oktober blieb. Eine weitere Behandlung führte ihn ins Reservelazarett nach Bad Landeck in Schlesien. Aufgrund der besseren Genesungsaussichten erfolgte schließlich am 23. November 1939 seine Verlegung zurück in das Reservelazarett Dresden I. Da seine Lungenerkrankung aber auch im Februar 1940 noch nicht ausgeheilt war, wurde Felfe am 29. Februar 1940 als »g. v. Heimat« (garnisonsverwendungsfähig Heimat) entlassen. Er war damit weder »kriegsverwendungsfähig« (k. v.), noch »garnisonsverwendungsfähig im Feld« (g. v. F.) und wurde für über ein Jahr bis zum 26. Mai 1941 zurückgestellt und in die Ersatz Reserve II überführt.[36]
Im Fall seiner Gesundung drohte, immer noch zur kämpfenden Truppe versetzt zu werden, wenn er nicht einem kriegswichtigen Beruf oder einer unentbehrlichen Tätigkeit in der Verwaltung nachging. Daher forderte er umgehend seinen Platz im Langemarck-Studium ein. Doch dies war nicht möglich, und so konnte er nur auf den Beginn eines weiteren Vorstudiums im November 1940 hoffen. Die Bewerbungsfrist endete am 15. Mai 1940. In diesem Sommer begann der arbeitslose Heinz Felfe seine Arbeit für den Sicherheitsdienst des Reichsführers SS (SD), den Geheimdienst der SS. Er verpflichtete sich am 31. Juli 1940 für den SD, wurde »Vertrauensmann« (V-Mann) und fing an, Informationen zu beschaffen. Gerade die Beziehung zum SD sollte Felfe in der Nachkriegszeit vehement abstreiten und damit maßgeblich dazu beitragen, dass an seiner Glaubwürdigkeit von verschiedenen Seiten gezweifelt wurde. Als übergeordnete Dienststelle war für ihn der SD-Leitabschnitt Dresden zuständig, dessen Hauptdienststelle sich in der Gerhart-Hauptmann-Straße 1 befand. Ihr stand SS-Sturmbannführer Karl Tschierschky vor. Verantwortlich für die Leitung der regionalen Netzwerke war seit 1936 der Chef der SD-Hauptaußenstelle Dresden-Stadt, die sich in der Zirkusstraße 13 befand. Den SS-Hauptsturmführer Hans Clemens lernte Felfe Monate später kennen, und er sollte sein Leben maßgeblich beeinflussen.[37]
Felfe hatte sich bereit erklärt, dem SD Informationen zuzutragen, womit er aber keineswegs ein vollwertiger SD-Mitarbeiter war. Er arbeitete zwar »für« den, aber nicht »im« SD. Dem SD war es über Informanten möglich, andere nationalsozialistische Organisationen und Institutionen zu unterwandern. Warum der arbeitslose und zur Reserve II versetzte Felfe Mitte Mai 1940 für den SD als V-Mann von Interesse war, kann nur mit seiner künftigen Teilnahme am Langemarck-Studium erklärt werden. So wurde Felfe in das Netz der V-Männer in Sachsen eingegliedert und dürfte von Beginn an den Auftrag erhalten haben, seine Lehrgangskameraden und den Lehrkörper auszuforschen.[38]
Endlich konnte er sein Vorstudium antreten, welches von November 1940 bis März 1941 dauern sollte. Zu Beginn des Studiengangs nannte er als sein Ziel, im Anschluss Rechts- und Staatswissenschaften sowie Kriminologie studieren zu wollen.[39]
Alle angehenden Studenten des Langemarck-Studiums wurden militärischer Disziplin sowie nationalsozialistischer Indoktrination ausgesetzt und dazu in Radebeul bei Dresden bis Ostern 1941 »kaserniert«. Das Studentenheim war allerdings eine große, schicke Villa; zudem kam der Staat für Essen, Trinken, Kleidung, Taschengeld, Bücher und Freizeitaktivitäten auf. Lehrgangsleiter in Dresden und Lehrkraft für Deutsch und Erdkunde war Rudolf Brückner, der von 1947 bis 1949 der Organisation Gehlen angehörte und zu dem Heinz Felfe bis in die Sechzigerjahre Kontakt halten sollte. Felfe war einer der älteren der insgesamt 33 Teilnehmer. Zu einigen pflegte Felfe engeren Kontakt, wie zu dem in Dresden geborenen Gottfried Fährmann, der Maschinenbau studieren wollte. Mit »Friedo«, so sein Spitzname, verband ihn eine lebenslange Freundschaft, zumal Felfe dafür sorgte, dass auch er ab 1958 beim BND, unter dem Dienstnamen »Fronhoff«, arbeiten konnte.[40]
Als das Vorstudium begann, war Felfes Zurückstellung zur Hälfte abgelaufen. Nun bemühte er sich um die endgültige Anerkennung als Wehrdienstbeschädigter und sogar um eine finanzielle Entschädigung für seinen kurzen Kriegseinsatz. Am 26. November 1940 beantragte er die Feststellung seiner Wehrdienstbeschädigung nach dem Wehrmachtsfürsorge- und Versorgungsgesetz (WFVG) und dem Einsatzfürsorge- und Versorgungsgesetz (EWFVG). Am 12. März 1941 teilte ihm das zuständige Fürsorge- und Versorgungsamt mit, dass sein Körperschaden, sein »Zustand nach Lungenentzündung rechts (Schwarte) und Beschädigung bei besonderem Einsatz nach BWFVG § 2/c […] als Wehrdienstbeschädigung anerkannt [wird]«. Allerdings bekam er keine Entschädigung zugesprochen. Zudem wurde ihm mitgeteilt, dass eine Arbeitsverwendungsunfähigkeit und Versehrtheit nicht vorliege.
Noch bevor Felfe sein Begabtenabitur in der Tasche und damit Zugang zu einem Universitätsstudium erlangt hatte, bemühte er sich um die Zulassung zum Kriegsnotexamen, um die Studienzeit zu verkürzen. Dabei hatte er keine Hemmungen, und das war durchaus symptomatisch für ihn, zur Begründung auch »alternative Fakten« ins Feld zu führen. Am 2. Januar 1941 schrieb er als Langemarck-Student an das Reichsministerium der Justiz. Er bat um Auskunft, ob Rechtsstudenten zur vereinfachten ersten juristischen Staatsprüfung bereits nach vier Studiensemestern zugelassen werden könnten, wenn sie während des Kriegs sechs Monate Wehrdienst geleistet hätten. Und ob der Anspruch auch bei Rechtsstudenten Anwendung finde, die bei ihrer Einberufung noch keine immatrikulierten Studenten waren, sondern das Studium erst nach Entlassung aus dem Wehrdienst aufgenommen und nicht länger als sechs Monate im Krieg gedient hätten. Von der Antwort des Ministeriums dürfte sich Felfe mehr erhofft haben: Am 10. Februar 1941 wurde er aufgefordert, mitzuteilen, in welchem Studiensemester er sich befinde, weshalb er aus dem Wehrdienst entlassen worden sei und welche Studienzeit er durch den Kriegs- und Wehrdienst verloren habe. Jetzt musste Felfe ein wenig zurückrudern. Am 17. Februar präzisierte er, dass er im Januar 1935 seinen Wehrdienst bei der Landespolizeigruppe Leipzig und im September/Oktober 1938 beim Pioniersturmbann der SS-Verfügungstruppe abgeleistet habe. Für seinen aktiven Kriegsdienst nannte er den Zeitraum vom 26. August 1939 bis zum 28. Februar 1940. Vor allem musste er eingestehen, dass er ein rechtswissenschaftliches Studium noch nicht aufgenommen hat.[41]
Den Abschluss des Vorstudiums bildeten im Frühjahr 1941 schriftliche und mündliche Prüfungen. Alle 33 Kandidaten bestanden. Heinz Felfe schloss mit der Gesamtnote »gut« ab und war damit nicht Lehrgangsbester. Während er in den schriftlichen Prüfungen eine 2 bzw. sogar eine 3 als Note erreichte, wurden seine Leistungen in den mündlichen Prüfungen durchweg mit der Bestnote bewertet. Interessant ist seine charakterliche Beurteilung. Seine Prüfer fanden ihn »aufgeschlossen, dennoch kompliziert […], strebsam, einsatzfreudig«. Am 24. März 1941 erhielt Felfe sein Abschlusszeugnis und damit die Berechtigung für das Studium der Rechts- und Staatswissenschaften an deutschen Hochschulen.[42]
Langemarck-Absolventen wie Heinz Felfe wurde nicht ohne Hintergedanken der Zugang zu einem Universitätsstudium gewährt. Die Stiftungsmodalitäten sorgten dafür, dass die Geförderten eng in den NS-Staat eingebunden wurden, denn sie waren verpflichtet, nach Abschluss ihres Studiums für mindestens fünf Jahre Funktionen in parteilichen oder staatlichen Institutionen auszuüben. Ab Ende 1940 hatten Behördenvertreter vor den Teilnehmern des Dresdener Vorstudiums Anwerbevorträge gehalten. Auch ein Mitarbeiter des SD und der Sicherheitspolizei (SiPo) referierte zu den Laufbahnmöglichkeiten im leitenden Dienst: der SS-Hauptsturmführer Helmut Proebsting, Leiter des SD-Unterabschnitts Dresden, mit dem Felfe später freundschaftlich verbunden war. Besonders Proebstings Schilderung der elitären Funktion, die einem Polizei-Attaché zukam, machte auf Felfe Eindruck. Die Vorstellung reizte ihn außerordentlich, »im Ausland leben […] und zugleich einen qualifizierten Beruf im diplomatischen Dienst finden zu können«. Er träumte von einer Verwendung in Tokio, in Vichy, Madrid oder Lissabon. Wie viele andere Deutsche war auch er überzeugt, dass der Krieg schnell beendet sein werde. Er hielt es realistisch, bald schon im Ausland leben zu können. Da er ohnehin bereits als V-Mann für den SD arbeitete, war es naheliegend, sich als »Anwärter für den leitenden Dienst« der SiPo und im SD im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) zu bewerben. Bereits am 7. Februar 1941 wurde Felfe »in« den SD übernommen und zum SS-Unterscharführer befördert. Es war der niedrigste Rang der Unteroffiziere. Im April 1941 bestand er den Eignungstest für die Laufbahn des leitenden Dienstes in der SiPo und im SD. Nun sollte er in den Polizeidienst eintreten und im Rahmen seiner Ausbildung Jura studieren. Felfes Vater, der staatstreue sächsische Kriminalbeamte, war ungemein stolz auf seinen Sohn, kaufte ihm zu Beginn seiner Ausbildung eine Schreibmaschine der Marke Olympia und forderte ihn auf, stets an ihn zu denken, wenn er darauf schrieb. Seine Olympia hielt Heinz Felfe lange Zeit in Ehren.[43]
Mit Wirkung zum 1. Mai 1941 erfolgte die Einberufung Heinz Felfes als Anwärter des leitenden Dienstes der SiPo und des SD zum RSHA. Zunächst musste er einen zehntägigen Lehrgang zum SS-Untersturmführer absolvieren, was dem Offiziersrang eines Leutnants entsprach. Diese Schulung fand im Mai 1941 im ehemaligen Franziskanerkloster in Frauenberg statt. Im Unterschied zu den Angehörigen des »geschlossenen Kurses« des leitenden Dienstes, welche aus der Polizei oder der SS stammten und schon Offiziersdienstgrade besaßen, galt Felfe als »Bewerber aus den freien Berufen« ohne Berufserfahrungen. Sein direkter Vorgesetzter als Bereichsleiter war der SS-Sturmbannführer Rudolf Hotzel, ein langjähriger SD-Mitarbeiter, der seit April 1941 Gruppenleiter im RSHA (Erziehung und Ausbildung) war und ein Jahr später Leiter der Führerschule der SiPo und des SD in Berlin-Charlottenburg werden sollte. Auch nach dem Krieg hielten beide Kontakt, so als etwa Felfe von Hotzel 1950 eine Empfehlung für eine Bewerbung beim Bundeskriminalamt (BKA) benötigte.[44]
Zurück in Berlin hatte sich Felfe am 26. Mai 1941 einer neuerlichen Musterung unterzogen. Weiterhin wurde er als »kriegsverwendungsfähig« (k. v.) eingestuft. Damit blieb ihm zu seiner Erleichterung der Kampfeinsatz erspart. Ein weiteres Mal wurde er am 2. September 1941 gemustert, um wiederum für einige Monate, diesmal bis zum 31. März 1942, zurückgestellt zu werden.[45]
Angesichts der Versetzung ins RSHA war Felfe von einer glänzenden beruflichen Karriere überzeugt und ordnete nun auch sein Privatleben. Seine langjährige Freundin Ingeborg Conrad arbeitete nicht mehr in der sächsischen Staatskanzlei, sondern seit dem 28. April 1941 im besetzten Krakau als Sekretärin in der Hauptabteilung Wirtschaft für die Verwaltung des Generalgouvernements. So war es für Felfe eine angenehme Fügung, dass er in den kommenden Monaten dienstlich nicht nur nach Prag, sondern auch nach Warschau reiste und so bequem seine Freundin in Krakau besuchen konnte.
Die Ideologie der SS sah für ihre Mitglieder die totale Kontrolle der Familienplanung vor. Wer heiraten wollte, musste dafür bei dem zuständigen Rasse- und Siedlungshauptamt eine Erlaubnis einholen. Am 27. Mai 1941, am Tag nach seiner erneuten Musterung, bat SS-Unterscharführer Heinz Felfe das Amt um Übersendung der notwendigen Formulare für ein Verlobungs- und Heiratsgesuch. Einen Monat später gab sein Vorgesetzter Hotzel seine Zustimmung zu Felfes Heiratsabsichten, und der Antrag konnte beim zuständigen SS-Hauptamt eingereicht werden. Der 23-jährige Felfe folgte strikt dem »Verlobungs- und Heiratserlass« von 1931 und unterwarf sich der Rassenideologie der SS und deren Kontrolle über Ehe und Fortpflanzung. Als Leumundszeugen nannte er stramme Nationalsozialisten: Hermann Taurat, den er seit Jahren kannte, sowie den NSDAP-Geschäftsführer Dresdens, den SA-Standartenführer Willy Koske, der in Felfes Nachbarschaft wohnte. Voller Zuversicht teilte Felfe dem Rasse- und Siedlungshauptamt mit, dass er derzeit als Anwärter zwar noch kein hauptamtlicher SD-Mitarbeiter sei, jedoch mit Ablegung der Referendarprüfung eine Beförderung zum SS-Obersturmführer erfolge. Daher habe er die Absicht, erst nach bestandener Referendarprüfung im Herbst 1942 oder Ostern 1943 zu heiraten. Zugleich beantragte er schon einmal ein Ehestands-Darlehen, ein 1933 eingeführter zinsloser Kredit, ausgezahlt an den zukünftigen Ehemann, für Mobiliar und Hausrat im Wert von maximal 1000 Reichsmark. Das Darlehen sollte es Ingeborg Conrad nach der Eheschließung ermöglichen, nur noch Hausfrau zu sein und Kinder zu gebären. Am 31. Juli 1941 erteilte das Heiratsamt im Rasse- und Siedlungshauptamt die Heiratserlaubnis. Dreißig Jahre später sollte er die gleiche Unterwürfigkeit an den Tag legen, als er im Einvernehmen mit dem Ministerium für Staatssicherheit seine zweite Ehefrau heiratete.[46]
Nun fing für Felfe seine eigentliche Ausbildung an. Nach den Vorschriften des RSHA begann die Grundausbildung mit einer weltanschaulichen Schulung, der berufspraktische, auch sportliche Lerneinheiten folgten. Fachlicher Schwerpunkt war Jura. Das Reichsstudentenwerk hatte ihm auch einen Platz an der Universität Königsberg angeboten, doch Felfe entschied sich für die Friedrich-Wilhelms-Universität (heute Humboldt-Universität) in Berlin, nicht zuletzt, weil er hier bei seinem Onkel Erich Conrad wohnen konnte. Felfe wurde Berliner, bezog ein Zimmer in der zweiten Etage in der Kaiserin-Augusta-Straße 51 in Tempelhof und erhielt für seinen Lebensunterhalt ein monatliches Stipendium in Höhe von 180 Reichsmark, vollen Gebührenersatz bei der Einschreibung an der Universität, ein Büchergeld und sogar einen Freifahrtschein für die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Drei Semester, vom Sommer 1941 bis zum Sommer 1942, sollte Felfe in Berlin studieren. Das letzte Semester konnte er nicht mehr beenden.[47]
Felfe hatte ein großes Ziel erreicht und war Jurastudent. Voller Stolz träumte er schon vom Titel des »Doctor jurisprudentiae«. Das Thema der Promotion, Jugendkriminalität, hatte er auch schon gewählt. Nach eigenen Angaben besuchte er auch fachübergreifende Veranstaltungen über Kriminologie, Gerichtsmedizin oder Psychologie. Als Angehöriger des RSHA musste er zudem an Sondervorlesungen und den von SS-Juristen geleiteten »Mittwochs-Kolloquien« teilnehmen und Pflichtsport, wie zum Beispiel Reiten, Schießen und Fechten, belegen. Jahre später erinnerte er sich in seiner Autobiografie: »An jene Zeit denke ich gern zurück. Frei von jedem äußeren und inneren Zwang bot das Leben als Student in Berlin unendlich viele Möglichkeiten, sich zu entfalten und seinen Interessen nachzugehen.« Dieser idyllische Rückblick unterschlägt, dass der eigentliche Zweck der Grundausbildung darin bestand, alle für den SD an der Universität spionierenden Studenten für ihre Tätigkeit zu schulen. Felfe war an der Berliner Universität keineswegs frei von politischen Zwängen, sondern im Gegenteil fest eingebunden in den Rahmen der SS-Ideologie, welche er längst verinnerlicht hatte.[48]
Das von der Ausbildungsabteilung des RSHA vorgeschriebene und überwachte Programm umfasste Lehrgänge und Praktika, in Felfes Fall an Berliner und Dresdener Sicherheitspolizeidienststellen. Weiterhin gab es gleichzeitig eine berufspraktische Ausbildung in allen Arbeitsbereichen der SiPo und des SD. Diese dauerte zwischen 36 und 40 Monate, vorgeschaltet war ein Vorbereitungslehrgang von 9 bis 18 Monaten, je nachdem, welche Vorkenntnisse vorhanden waren. Ein ernsthaftes Universitätsstudium war so kaum möglich, und tatsächlich hat Felfe nur wenige Vorlesungen intensiv besucht.[49]
Während ihrer Ausbildung wurden die SS-Studenten Polizeidienststellen als Kriminalanwärter zugeteilt: für Felfe war es das Polizeipräsidium (PP) Berlin, genauer die Kriminalpolizeileitstelle (KPLSt) unter SS-Standartenführer Max Haertel. Bis Sommer 1942 wurde er vor allem in den Semesterferien Polizeibehörden zur praxisorientierten Ausbildung zugewiesen. Nach dem PP Berlin arbeitete er unter anderem in dem von Arthur Nebe geführten Reichskriminalpolizeiamt (RKPA) und in den Leitstellen in Berlin und Dresden. Außerdem wurde Felfe in der Stapo-Leitstelle der geheimen Staatspolizei (Gestapo) in Dresden und im Kriminaltechnischen Institut (KTI) der SiPo im RSHA am Werderschen Markt eingesetzt, wo unter der Leitung von Walter Heeß nicht zuletzt die technischen Möglichkeiten der massenhaften Vergasung erprobt wurden.[50]
Vor allem in diesen Einsätzen seiner Ausbildung machte Felfe die Bekanntschaft von Angehörigen der Kriminalpolizei, der SS und des SD. Besonders Letztere sollten in seinem Leben eine entscheidende Rolle spielen. Über den Leiter des Sittendezernats Karl Wohlrab lernte er Hans Clemens kennen; der langjährige Leiter der Außenstelle Dresden-Stadt würde zehn Jahre später mit ihm zusammen im Auftrag der Sowjets den westdeutschen Geheimdienst ausspionieren. Clemens war Mitglied eines Stammtischs, der sich dienstags im Weinlokal »Englischer Garten« in der Dresdener Altstadt traf. Er führte Felfe in diese Runde ein, der neben dem NSDAP-Kreisleiter Schuster, dem SD-Mitarbeiter Max Kaaden, dem Unternehmer Ernst Biesolt-Sergler auch der Jurist und SD-Zuträger Erwin Tiebel aus Radeberg angehörte. Neben Felfe und Clemens sollte auch er später als sowjetischer Spion tätig sein. Wann immer Felfe in Dresden war, bemühte er sich, am Stammtisch teilzunehmen, Kontakte zu pflegen und neue aufzubauen. Das Sammeln von Informationen über Personen war zeit seines Lebens für ihn von Bedeutung, denn jede Information konnte einmal wichtig werden. Clemens, Tiebel und Felfe hielten ihren Kontakt auch in den kommenden Jahren aufrecht.[51]
