Sporthelden - Karl-Heinrich Bette - E-Book

Sporthelden E-Book

Karl-Heinrich Bette

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Beschreibung

Gegenwartsdiagnosen zufolge sind wir Zeugen des Übergangs zu einer postheroischen Gesellschaft: Hat die Gesellschaft das Interesse an Helden wirklich komplett verloren?

Karl-Heinrich Bette zeigt, dass das zentrale Heldenreservat der Moderne in diesen Beschreibungen vergessen und unterschlagen wird: der Spitzensport mit seiner Dauerproduktion von Siegen und Niederlagen, von spektakulären Rekorden und nervenzehrender Spannung. Wettkämpfe erscheinen in einer alternativen Deutung als künstlich und seriell hergestellte Krisen- und Notsituationen, die Personen und Gruppen in die Lage versetzen, sich in postheroischen Zeiten vor einem Massenpublikum als Helden darzustellen.

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Veröffentlichungsjahr: 2019

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Karl-Heinrich Bette ist Professor für Sportwissenschaft an der Technischen Universität Darmstadt. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Sportsoziologie, der Soziologie des Körpers und der neueren soziologischen Systemtheorie.

KARL-HEINRICH BETTE

Sporthelden

Spitzensport in postheroischen Zeiten

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2019 transcript Verlag, Bielefeld

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwertung der Texte und Bilder ist ohne Zustimmung des Verlages urheberrechtswidrig und strafbar. Das gilt auch für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Verarbeitung mit elektronischen Systemen.

Umschlaggestaltung: Kordula Röckenhaus, Bielefeld Korrektorat: Mandy Fleer, Bielefeld Print-ISBN 978-3-8376-4633-7 PDF-ISBN 978-3-8394-4633-1 EPUB-ISBN 978-3-7328-4633-7https://doi.org/10.14361/9783839446331

Besuchen Sie uns im Internet: https://www.transcript-verlag.de

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Inhalt

Einleitung

1Spitzensport als Heldensystem

2Heldentypologie

3Heldengeschichten

4Mentoren und Gefährten

5Krisenbewältigung und Noterzeugung

6Heldenreise und Heldenpreisung

7Stellvertretung und Repräsentation

8Medialisierung und Inszenierung

9Memorierung und Sakralisierung

Schlussbetrachtungen

Siglen

Abbildungsverzeichnis

Literatur

Einleitung

Der Spitzensport ist mit seiner Dauerproduktion von Siegen und Niederlagen, von spektakulären Rekorden, nervenzehrender Spannung und virtuoser Körperlichkeit wie kein anderer Sozialbereich geeignet, Helden zu erzeugen. Diese spezifische Kompetenz hat sich in der kommunikativen Landschaft der modernen Gesellschaft entsprechend niedergeschlagen. Die häufige und explizite Rede von Helden und Heldentum findet man heute meist nur noch in der Kommentierung und Bewertung sportlicher Ereignisse und Akteure. Einzelne Athleten oder Mannschaften wachsen in Wettkampfsituationen über sich hinaus, verzaubern das Publikum mit außeralltäglichen physischen, psychischen und technisch-taktischen Leistungen und erhalten hierfür den öffentlichen Ritterschlag zum Helden. Falls ein entsprechender Überraschungseffekt vorliegt, werden die Taten der Sportler und Sportlerinnen sogar als »Wunder« wahrgenommen und in »Sommer-« und »Wintermärchen« memoriert und nacherzählt. Der sportbezogene Heldendiskurs entsteht dabei nicht aus dem Nichts. Er greift vielmehr auf Deutungsmuster, Semantiken und Narrationen zurück, die Beobachter seit der Zeit des magisch-religiösen Denkens nutzen, um herausragende Einzel- und Kollektivleistungen zu beschreiben, zu würdigen oder in Zeiten von Not und Krise herbeizuwünschen. Im Gegensatz zu den fiktiven Figuren, die in antiken Mythen, Sagen, Epen und Dramen sowie in modernen Romanen, Fantasy- und Science-Fiction-Filmen oder Comics zur heroischen Tat schreiten, sind die Helden des Sports Menschen aus Fleisch und Blut, die ihre Bewährungsproben im Rahmen formal organisierter Konkurrenzen vor einem physisch anwesenden und medial zugeschalteten Publikum erbringen, um ein profanes Gut, den sportlichen Sieg, zu erringen. Auch wenn es im sportlichen Wettstreit nicht um die Bewältigung gesellschaftsbedrohender Krisen, die Bekämpfung und Linderung von Krankheiten oder den Umgang mit Katastrophen, Unfällen und Terroranschlägen geht, exponieren sportliche Wettbewerbe in einzigartiger Weise Personen oder Personenkollektive, die das Erwartungsmuster von leistungsorientierten, hart an sich arbeitenden, risikobereiten, mutigen und opfer- und verausgabungswilligen Akteuren öffentlich inkarnieren und mit Leben füllen.

Die monopolähnliche Verwendung der Heldenrhetorik zugunsten des Sports und seiner Hauptprotagonisten verweist nicht nur auf die spezifischen Möglichkeiten dieses Sozialbereichs, einzelne Personen oder Mannschaften als Besonderheiten auszuzeichnen und die Bewunderung und Verehrung eines Massenpublikums mit Hilfe moderner Verbreitungsmedien zu mobilisieren; sie deutet auch auf Umbauprozesse in der Wahrnehmung des Helden in der Gegenwartsgesellschaft hin. Im wissenschaftlichen Diskurs werden Postheroismen bereits in vielen Bereichen vermutet und durchaus kontrovers bewertet und diskutiert. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler (2015) spricht in einer militärhistorisch angelegten Gegenwartsdiagnose pauschal von der Existenz einer »postheroischen Gesellschaft«, der die Idee von Heldentum, Ehre und Aufopferung für eine nationale Sache abhanden gekommen sei. Aufgrund einer Präferenz für Frieden und gewaltfreie Konfliktlösungen und der Ausprägung korrespondierender Mentalitäten wäre eine solche Gesellschaft auf die Konfrontation mit ideologisch motivierten, religiös aufgeladenen und gewaltbereiten heroischen Gemeinschaften nur unzureichend vorbereitet. Demgegenüber sieht der Soziologe Dirk Baecker (1994: 18f., 2015) in Anlehnung an die Ausführungen von Charles Handy (1989) die Notwendigkeit eines »postheroischen Managements« und einer »postheroischen Führung« auf der Ebene von Unternehmen heraufziehen, um den Problemen einer globalisierten Ökonomie mit flachen Hierarchien und dynamisch-integrativen Führungsstilen begegnen zu können. Mit der alleinigen »Verfügung über Kapitalvermögen« und der »Inszenierung entsprechender Risikobereitschaften und Verantwortungen« oder der Zurschaustellung »grandioser Gesten« könne man als Unternehmensführer heute weder Mitarbeiter motivieren noch am Markt erfolgreich reüssieren. Martin Dornes (2012: 320ff., 350), ein im Schnittpunkt von Soziologie und Psychologie arbeitender Psychotherapeut, geht im Rahmen einer Analyse gegenwärtiger Sozialisationsbedingungen von der Entstehung »postheroischer Persönlichkeitstypen« aus. Die modernen zuwendungsorientierten demokratischen Erziehungsstile der Elterngeneration hätten im psychischen Haushalt des spätmodernen Subjekts ambivalente Wirkungen hervorgerufen. Eigene Impulse würden zwar nicht mehr heroisch unterdrückt, sondern flexibel ausgelebt. In einer pluralen Gesellschaft, die keinen festen Halt in einer verbindlichen Sozialordnung mehr geben könne, seien innere Freiheit und Beweglichkeit aber um den Preis einer größeren Labilisierung und Verletzlichkeit der Psyche gesteigert worden. Das »psychische Formierungspotential« hätte hierdurch eine nachhaltige Schwächung erfahren.

Postheroische Wandlungsprozesse, die sogar in einem expliziten Verbot des Heroischen kulminieren, werden zudem schon seit längerem in der virtuellen Realität von Filmen und Comic-Heften theatralisch zum Ausdruck gebracht. Die Superhelden sind nach der »Marvel-Revolution« Anfang der 1960er Jahre um Stan Lee, Jack Kirby, Steve Ditko und Bill Everett nicht mehr die geradlinig-aufrichtigen Retter, die das klar definierte Böse auf der Grundlage einer fest implementierten und unhinterfragten Wertebasis bekämpfen und für ihren selbstlosen Einsatz mit der Bewunderung und dem Dank der Hilfsbedürftigen rechnen können. Sie haben Schwächen wie Normalsterbliche, zweifeln an sich selbst, sind psychisch fragil, weisen Moraldefizite auf, verstecken sich vor der Öffentlichkeit oder werden im Rahmen eines staatlich verordneten »Superhero Relocation Program« dazu verurteilt, ihre Superheldenidentität zu verbergen und eine banale Vorstadtexistenz ohne die übliche »Heldenarbeit« zu führen. Sie dürfen ihre Superkräfte nicht mehr einsetzen, da die Kollateralschäden ihrer heroischen Taten Animositäten und Abwehrhaltungen bei ihren Zeitgenossen hervorgerufen haben.1 Aufgrund von sozialer Ausgrenzung und Stigmatisierung werden einige von ihnen zu Alkoholikern, entgleisen aufgrund ihres verordneten Nichtstuns in ihrer heroischen Körperlichkeit, drücken sich im Gossenslang aus und verachten Kinder ebenso wie Erwachsene. Heroismus erscheint in diesem fiktiven Universum der Übermenschen und Extraterrestrischen nicht nur als eine überholte Daseinsform, sondern als eine Gefahr für die Allgemeinheit, die das Mittelmäßige feiert und das Außergewöhnliche nicht mehr zu würdigen weiß.

Die Rede vom Bedeutungsverlust des Heroischen in der Moderne und von der Entstehung postheroischer Dispositionen und Mentalitäten ist jenseits der genannten militärhistorischen, ökonomischen, sozialisationstheoretischen und populärkulturellen Einsichten und Begründungen inhaltlich zu präzisieren, da real existierende Personen auch in komplexen Gesellschaften den Status außeralltäglicher Sozialfiguren erreichen können, wenn sie soziale Erwartungen übererfüllen, dadurch geschätzte gesellschaftliche Werte in ihrem Handeln konkret sichtbar machen und hierfür durch Beobachter und Leistungsbeglaubiger eine entsprechende Würdigung erfahren. So haben Personen in der Politik, wie Winston Churchill, Charles de Gaulle, Konrad Adenauer, John F. Kennedy, Mahatma Gandhi, Martin Luther King oder Nelson Mandela gezeigt haben, durchaus heroische Narrationen zu Lebzeiten und posthum auf sich ziehen können, weil sie entweder kollektiv bindende Entscheidungen erfolgreich im Medium der Macht einsetzten, um ihre politischen Ziele zu erreichen und Krisen abzuwenden, oder gegen bestehende Machtverhältnisse erfolgreich protestierten und Massen für ihre Sache zu mobilisieren verstanden. Die einen glänzten in der Anti-Hitler-Koalition und in der Wiederversöhnung mit einem ehemaligen Kriegsgegner, ermöglichten die Westbindung einer Nation, verhielten sich geschickt in Verhandlungen und holten die letzten Kriegsgefangenen nach Hause; die anderen handelten für das Gemeinwesen Vorteile aus, zeigten Rückgrat in politischen Großmachtkonfrontationen oder saßen Jahrzehnte für ihre Überzeugungen und ihr Engagement im Gefängnis und setzten dennoch ohne Hass und Ressentiment politische und pazifistische Reformprogramme mit vormaligen Gegnern durch. Manche bezahlten ihren Einsatz für das Gemeinwohl mit dem Leben. Einen Volksheldenstatus erhielten auch jene Akteure, die sich im Kontext politischen Handelns als Sozialfiguren der Auflehnung, Befreiung und nationalen Vereinigung profilieren konnten. Zu nennen wären in diesem Zusammenhang historische Figuren wie Simón Bolívar für Bolivien, Giuseppe Garibaldi für Italien oder José Rizal für die Philippinen.2

Skandale haben in den letzten Jahren allerdings immer wieder zu desillusionierenden Erfahrungen mit der politischen Prominenz geführt. Für den Fall der Bundesrepublik Deutschland denke man nur an die zahlreichen Schwarzgeld- und Parteispendenaffären, in die selbst diejenigen verstrickt waren, die sich vorher einen durchaus guten Namen bei der Wiedervereinigung zweier Staaten erworben hatten. In anderen Ländern haben sich gewählte Volksvertreter unter fingierter Gemeinwohlorientierung illegitim bereichert. Auch Wortbrüche und programmatische Kehrtwendungen nach Wahlen, die eine Disparität zwischen Reden und Tun offenbaren, sind nicht dazu angetan, Vertrauen in die Glaubwürdigkeit von Politikern zu schaffen. Außeralltägliche Kompetenzen zu beweisen ist in demokratisch verfassten Nationalstaaten ohnehin schwierig, da mit den Wählern ein Prinzipal über den Politikern lauert, der offene Worte und handlungskräftige Entscheidungen häufig nur dann belohnt, wenn eigene Interessen hierdurch nicht allzu stark tangiert werden. Opportunistische Verhaltensweisen vor anstehenden Wahlen zur Beruhigung und Beeinflussung der eigenen Klientel sind dadurch zur Regel geworden. In der Politik fällt es einzelnen Akteuren auch deshalb schwer, individuelle Duftmarken zu setzen und heroische Handlungsspuren zu hinterlassen, weil die Parteien sie in eine straffe Gremien- und Proporzlandschaft einbinden, in der es oft nicht nach Leistung, sondern nach regionaler Herkunft, Geschlecht, Religionszugehörigkeit, Parteidisziplin und bewiesener Loyalität geht. Nicht umsonst werden viele Politiker abschätzig als »Parteisoldaten« bezeichnet, also als Figuren dargestellt, die im Gleichschritt marschieren und ihre individuellen Handlungsleistungen als Befehlsempfänger übergeordneter Instanzen erbringen. Selbst das an der Hierarchiespitze eines Staates mit Weisungsbefugnis nach unten stehende politische Personen- und Figurentableau kann eigene Programmideen oft nicht punktgenau umsetzen, da die Demokratie als ein auf Kompromisse ausgerichtetes Entscheidungsfindungsprinzip Sollbruchstellen vorsieht und unhintergehbare Gestaltungsgrenzen setzt. So werden die in Gesetzesform gegossenen Ergebnisse politischen Handelns immer wieder durch übergeordnete Instanzen, Verfassungsgerichte oder anderweitige Institutionen überprüft (Willke 2016: 34) und verworfen. In nicht wenigen Fällen mussten Gesetze überarbeitet, revidiert oder gänzlich zurückgenommen werden, was die betreffenden Politiker in der Regel als unerwünschte Intervention wahrnahmen, und nicht als strukturell vorgesehene Kontrolle im Rahmen der grundgesetzlich verankerten Gewaltenteilung.

Reputationsverluste haben nationale Politiker insgesamt hinzunehmen, weil der Umgang mit der Dynamik einer funktional differenzierten Gesellschaft unbarmherzig Wissens- und Kompetenzdefizite aufzeigt, die politische Akteure auch durch eine Ressortspezialisierung nicht auffangen können. Jeder sichtbare Rückgriff auf externe Experten und deren Sonderwissen reduziert die Möglichkeit, dass Handlungseffekte, die das Wahlpublikum als heroisch attribuieren könnte, ausschließlich den politischen Auftraggebern zugeschrieben werden. Kluges Management des eigenen Ressorts beziehungsweise Ministeriums wird wertgeschätzt, aber nicht prinzipiell im Heldenschema beobachtet. Als äußere Limitierungen für das Erreichen eines Heldenstatus im Kontext politischen Handelns treten, last but not least, die Fremdinteressen externer Staaten bei der Bewältigung globaler Krisen wie Überbevölkerung, Migration, Klimawandel, Übermilitarisierung, Weltwirtschaft und Terrorismus in Erscheinung. Sie stehen dem Steuerungs- und Gestaltungswillen nationaler Politikakteure oft diametral entgegen und verhindern, dass sich anschließend individuell attribuierbare Heldengeschichten erzählen lassen.3 Politiker, die die eigene Herkunftsnation mit einem heroischen Tigersprung verändern wollten, haben ihre vollmundigen Wahlversprechen oft nicht einhalten können, weil sie nach Bekanntschaft mit der Realität unsanft im Inkrementalismus des politischen Tagesgeschäfts landeten.

Auch die Religion ist im Medium des Glaubens prinzipiell heldenfähig. Ihre Heroen findet man traditionellerweise in den Reihen der Religionsstifter, Apostel, Missionare, Täufer, Propheten und deren Nachfolger und Repräsentanten. Nicht wenige religiöse Gemeinschaften haben aus Gründen moralischer Erbauung und Vorbildwirkung ausgeklügelte Heldenhierarchien geschaffen und genaue Zutrittsregeln und Verfahrensabläufe für die Zugehörigkeit zum eigenen Heldenkader definiert. Wer sein Leben für den eigenen Glauben opferte, landete im religiösen Heldenranking in der Sonderkategorie der Märtyrer. Und wer seine Mitmenschen durch spektakuläre Wohltaten beeindruckte oder gar »Wunder« bewirkte, indem er Kranke heilte, scheinbar Naturgesetze außer Kraft setzte, Visionen und ekstatische Rauschzustände vorweisen konnte, spontane Wundmerkmale aufwies oder den Glauben mit der Waffe in der Hand gegen Andersgläubige verteidigte, wurde nach seinem Tode selig gesprochen oder in den Adelsstand der Heiligen aufgenommen. Heroische Taten und Wunder werden dann verfahrensmäßig von einer kirchlichen Kongregation bewertet und nach erfolgreicher Evaluation öffentlich vom Papst mitgeteilt und textförmig in Legenden festgehalten, um in Messen von der Kanzel verkündigt oder in religiösen Organisationen, beispielsweise Klöstern, als Motivationshilfe verbreitet zu werden.4

Religionshelden sind aber im Gefolge der gesellschaftlichen Modernisierung, insbesondere nach der Entzauberung religiöser Weltdeutungen durch die Wissenschaft und in Folge der negativen Erfahrungen mit religiös motivierten Kriegen und Auseinandersetzungen, auch nicht mehr das, was sie in der vormodernen Gesellschaft einmal waren. Wenn Religion, wie Karl Marx 1844 in der Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie bemerkte, »Opium des Volkes« sei, kann es mit den Helden der Religion zumindest aus der Sicht dieses soziologischen Theoretikers nicht weit her sein. Zudem haben die in den letzten Jahren an die Öffentlichkeit gedrungenen Missbrauchsfälle von Priestern gegenüber Kindern und Jugendlichen mit nachfolgenden Vertuschungs- und Verheimlichungsaktionen übergeordneter Instanzen das Vertrauen in die traditionellen Amtskirchen nachhaltig erschüttert. Wenn die Kluft zwischen religiösem Anspruch und profaner Lebenswirklichkeit sichtbar auseinanderdriftet und sich der Eindruck in der Öffentlichkeit festsetzt, dass der Alltag vieler Priester jenseits der Kanzel offensichtlich nicht ohne Verstöße gegen religiöse und andere gesellschaftliche Normen auskommt, schnellen die Austrittsquoten von Kirchenmitgliedern in die Höhe und der Lobklatsch gegenüber Amtsinhabern wird allmählich durch Schimpfklatsch über Verfehlungen und Fehltritte verdrängt.5 Heroische Narrative im Kontext religiöser Kommunikation haben unter diesen Bedingungen nur begrenzte Karrierechancen.

Ein ähnlicher Bedeutungsverlust von Heldenfiguren ist gegenwärtig in der Wirtschaft zu beobachten. Hier sind es erfolgreiche Unternehmer, Konzernführer und Manager, die prinzipiell im Heldenhimmel landen könnten. Aber die Heroen des Gelderwerbs, der Bedürfnisbefriedigung und Unternehmenssteuerung fallen im Zeitalter der Globalisierung eher dadurch auf, dass sie den »shareholder value« ihrer Firmen zu steigern trachten und Arbeitsplätze trotz hoher Rendite abbauen oder ins Ausland verlegen. Wenn zudem Manager in Zusammenarbeit mit Aufsichtsräten eine eklatante Selbstbedienungsmentalität zu Lasten der Aktionäre kultivieren, sich bei Firmenzusammenschlüssen wechselseitig »goldene Handschläge« verabreichen oder sogar nach wirtschaftlichen Misserfolgen hohe Boni einstreichen, sind dies keine Maßnahmen, die bei der eigenen Belegschaft und in der Öffentlichkeit als heroisch gewürdigt werden. Die Aufgabe, das wirtschaftlich Mögliche unter den Konkurrenzbedingungen einer weltweit ausgreifenden Ökonomie zu steigern, führt in vielen Branchen zu Handlungsstrategien, die einer ambivalenten Einschätzung des wirtschaftlichen Führungspersonals Vorschub leisten. Die in den letzten Jahren aufgekommene Rede von einem »postheroischen Management« und einer »postheroischen Führung« deutet darauf hin, dass die Implementation flacher Hierarchien und netzwerkbasierter Führungsstile in Unternehmen traditionell agierende, allmächtig von oben nach unten durchgreifende Führungspersönlichkeiten nachhaltig verdrängt und entheroisiert hat.

Die Wissenschaft als ein weiteres Funktionssystem der modernen Gesellschaft ist ebenfalls nicht generell heldenaversiv, sondern lässt heroische Attributionen im Medium intersubjektiver Wahrheit durchaus zu, beispielsweise wenn Forschende mit Hilfe bordeigener Mittel – sprich: wissenschaftlicher Theorien und Methoden – in einer nachvollziehbaren Weise Erkenntnisgewinne produziert haben. Artikel und Bücher sind dann jene in Schriftform abgelegten kommunikativen Akte, mit denen die Wissenschaft ihre Selbstorganisation und Selbstbeobachtung auf Dauer stellt. Publikationen führen zu Publikationen, die wiederum Folgepublikationen anregen. Und Zitationen zeigen, wie die diversen Kommunikationsketten verlaufen und das Wissenschaftssystem Reputation als Zweitcodierung zuordnet. Der binäre Code der Wissenschaft ermöglicht dabei zwei Anschlusskommunikationen: Entweder werden die Aussagen einer Publikation von späteren Analysen als wahr eingestuft und dann der eigenen Beweisführung oder empirischen Überprüfung zugrundegelegt; oder eine Publikation wird als Irrtum wahrgenommen und nur noch dann zitiert, wenn man ein illustratives Belegbeispiel für wissenschaftliche Fehlinterpretationen und Sackgassen benötigt oder Paradigmenwechsel im historischen Verlauf der wissenschaftlichen Forschung beschreibt. Wissenschaftler werden dadurch untereinander in ein Konkurrenzverhältnis versetzt, wer zu welchem Thema wann und an welchem Publikationsort intersubjektiv anschlussfähige Erkenntnisse publizierte und damit zum Wissenschaftsdiskurs beigetragen hat. Um Streitigkeiten über Pioniergewinne aus der Welt zu schaffen, gibt es das Instrument der präzisen Zitation, in der eine Verbindung zwischen Person, Inhalt, Publikationszeit und Veröffentlichungsorgan hergestellt wird.

Die Scientific Community schätzt jene Akteure hoch ein, die als Grundlagenforscher dabei helfen, die belebte und unbelebte Welt neu zu erklären, oder die als Anwender Pioniergewinne bei der Neuentwicklung von Medikamenten oder technischen Geräten erzielen. Wissenschaftler bevölkern den Heldenkosmos dann als Nobelpreisträger, namhafte und publikationsstarke Theoretiker, gefeierte Erfinder, wagemutige Entdecker oder als Operateure, die riskante Eingriffe »auf Messers Schneide« durchführten. Von den Helden der Wissenschaft und ihrer Arbeit bekommt das breite Publikum aber nicht viel mit, weil wissenschaftliche Leistungen jenseits der Öffentlichkeit in Studierzimmern, Bibliotheken, Laboren, OP-Sälen oder in fernen Regionen erbracht werden, oft in einer Welt der reinen Abstraktion angesiedelt sind und – wenn überhaupt – meist erst nach Jahren der Leistungserbringung durch Sonderkomitees in langen und durchaus kontroversen Evaluierungsprozessen auf Vorschlag oder Selbstantrag gewürdigt werden.6 Lediglich Insider sind in der Lage, wissenschaftliche Leistungen inhaltlich angemessen einzuschätzen. Erschwerend bei der Würdigung von Wissenschaftshelden kommt hinzu, dass sich viele wissenschaftliche Erkenntnisse einer plakativen Umsetzung in die Sprache der Bilder widersetzen. Wer aber in einer medienorientierten Gesellschaft mit seinen Leistungen nicht gesehen wird und »newsworthiness« beweist, hat geringe Chancen, heroische Narrationen auf sich zu ziehen und in den Heldenhimmel aufgenommen zu werden. Wissenschaftler kommen deshalb in der Regel nicht über den Status einer sektoralen Prominenz hinaus. Nur Fachleute kennen die Namen der letzten Nobelpreisträger in Medizin, Physik und Chemie oder sind in der Lage, die Träger der alle vier Jahre verliehenen Fieldsmedaille oder der Leibniz-Laureaten zu benennen.

Letztlich hat auch das traditionelle Heldenrefugium der Nationalstaaten einen enormen Reputationsverlust hinnehmen müssen: Das im Kontext der Politik angesiedelte Militärsystem mit seinen soldatischen Akteuren. Spätestens nach den kriegerischen Auseinandersetzungen des letzten Jahrhunderts besitzen Militärhelden in vielen Ländern keinen sonderlich hohen Status mehr. Militärische Leistungen haben schließlich nicht mit der »Leichtigkeit des Seins«, sondern mit Tod und Zerstörung zu tun. Das Ende nationalistischer Erzählungen in Deutschland führte deshalb zu einem Ende heroischer Narrationen, die mit Begriffen wie Ehre, Tod und Aufopferung für Volk und Vaterland Millionen begeistert, aber letztlich in den Untergang getrieben hatten. In Zeiten pazifistischer Grundstimmungen weisen militärische Heroismen auf die Konsequenzen eines bellizistischen Seins hin, das die Majorität der Gesellschaftsmitglieder strikt ablehnt. Zusätzlich haben die Erfahrungen mit den Kollateralschäden einer asymmetrischen Kriegsführung weitverbreitete Desillusionierungseffekte selbst in jenen Nationen hervorgerufen, die als Siegermächte des Zweiten Weltkriegs in postkoloniale Konflikte oder Stellvertreter- und Sezessionskriege verstrickt waren. Auseinandersetzungen mit militärisch Schwächeren, die auf einen zermürbenden Klein- und Partisanenkrieg setzen und sich hierdurch der direkten Konfrontation und der offenen Feldschlacht mit dem militärisch Stärkeren entziehen, zwingen die letzteren nämlich dazu, auf traditionelle Formen der militärischen Kriegsführung zu verzichten und sich der Kampfesweise der Schwächeren um den Preis der Verrohung der eigenen Soldaten anzupassen – und dies in einer Welt, in der über bekannt gewordene militärische Entgleisungen im Herkunftsland der Soldaten medial berichtet und gerichtet wird (Heuser 2013). Um eine schlechte Presse zu vermeiden, ist deshalb, wie Mazzetti (2013) bemerkte, an die Stelle der offiziell verkündeten Auseinandersetzung zwischen Staaten der von Geheimdienstlern und Söldnern getragene »geheime Krieg« getreten, der unterhalb der Schwelle des offiziell Bekannten und Verkündeten stattfindet.

Moderne Massenvernichtungs- und Distanzwaffen haben zudem das Töten und Zerstören weitgehend entpersonalisiert. Die Entwicklung der Militärtechnologie hat den Soldatenkörper – wie der riskante Einsatz von Sondereinheiten zeigt – zwar keineswegs völlig ins Irrelevante verdrängt, wohl aber als konfliktentscheidende und potentiell heroische Größe stark beschnitten. Um die Verluste der eigenen Soldaten kleinzuhalten und die Akzeptanz der eigenen Bevölkerung in den asymmetrischen Kriegen des 21. Jahrhunderts nicht überzustrapazieren, ist der riskante persönliche Einsatz der Soldaten vor Ort immer mehr durch das Drücken von Knöpfen und das Dirigieren von Tötungsmaschinen auf entfernt liegenden Bildschirmen ersetzt worden. Drohnen- und Cyberkrieger, die ihr zerstörerisches Kriegshandwerk aus der Vogelperspektive mit lasergelenkten Raketen verrichten, werden in der Regel nicht als Kriegshelden gefeiert und mit den ansonsten üblichen Ehrenmedaillen dekoriert, weil sie ihr Leben im Einsatz nicht unmittelbar aufs Spiel setzen. Wo Maschinen Menschen in der Kriegsführung substituieren und der Staat sich durch die Inanspruchnahme privater Sicherheitsfirmen immer mehr aus dem Kampfeinsatz zurückzieht und das Ziel insgesamt darin besteht, das Gefechtsfeld vom personenbasierten Einsatz auf Digitalisierung und Robotisierung umzustellen, fällt es schwer, den regulären Soldaten einen öffentlich akzeptierten heroischen Status zu verleihen. Und wenn sogar die Guten auf schädigende oder gar todbringende Mittel zurückgreifen müssen, um Vorstellungen von Moralität und Zivilgesellschaft durchzusetzen, fällt auch auf das Heroische dieser Taten ein dauerhaft dunkler Schatten.

Selbst die im öffentlichen Diskurs des Öfteren genannten »Helden des Alltags«, die ungeplant und spontan Menschenleben retten oder durch andere prosoziale Aktionen auffallen, lösen nur ein punktuelles Interesse aus, weil die Ursachen für die gezeigten Hilfs- und Rettungsmaßnahmen entweder auf strukturelle Defizite des Wohlfahrtsstaates hinweisen oder in Gestalt unerwünschter, plötzlich hereingebrochener Unfälle und Katastrophen virulent geworden sind. So führte der Angriff auf das Worldtrade Center in den USA zu einer Wiederkehr der öffentlichen Heldenrhetorik. Feuerwehrleute, Polizisten, Passanten und Journalisten hatten Kopf und Kragen riskiert, um Menschen aus den beiden brennenden und einstürzenden Hochhäusern zu retten oder darüber hautnah zu berichten. Sie wurden anschließend für ihren Einsatz und ihre Opferbereitschaft explizit als Helden oder Heldinnen gefeiert – ebenso wie die Passagiere eines gekaperten Flugzeuges, die ihre Maschine zum Absturz brachten, um die gezielte Umfunktionierung ihres Fluggeräts in eine Lenkwaffe zu verhindern. In der Kategorie der Alltagshelden tauchen weiterhin auch jene Personen auf, die im Nationalsozialismus oder in anderen totalitären politischen Systemen Zivilcourage und Hilfsbereitschaft für unbekannte Verfolgte und Todgeweihte zeigten und diese trotz eigener Lebensgefahr zu retten versuchten. Aber selbst Situationen dieser Art oder großformatige Ereignisse wie Terroranschläge, Erdbeben und Sturmfluten mit nachfolgenden Hilfsaktionen können einzelne Alltagshelden in der Hierarchie der Aufmerksamkeit nicht dauerhaft nach oben katapultieren. Im typischen »issue attention cycle« (Downs 1972) der Medien verschwinden sie nach einem kurzen Aufblitzen schnell wieder im Orkus des Vergessens. Helden sind, wie die genannten Beispiele verdeutlichen, Sozialfiguren, an die außeralltägliche Erwartungen und Hoffnungen adressiert werden. In Krisen- und Notzeiten, die in den einzelnen gesellschaftlichen Sozialbereichen unterschiedlich ausfallen und dadurch entsprechend konturierte Retterprofile erforderlich machen, ist der Ruf nach Heldentaten besonders laut zu vernehmen. Heldentum entsteht dann in jenen seltenen Momenten, in denen individuelle Akteure die symbolisch generalisierten Steuerungs- und Hilfsmedien gesellschaftlicher Funktionssysteme nutzen, um Probleme und Krisen zu bereinigen, und hierfür die Anerkennung und Wertschätzung durch Beobachter und Beglaubiger auf sich ziehen.7 Helden sind sozial konstruiert, weil das Milieu, in dem sie Grenzen überschreiten und sich durch außeralltägliche Leistungen profilieren, sozialen Konstruktionsprinzipien und Regeln gehorcht. Der soziale Kontext bestimmt demnach in maßgeblicher Weise, wer für welche Leistungen als heroisch ausgeflaggt wird. Konsequenterweise werden in der Sozialfigur des Helden sowohl Ansprüche gegenüber Personen geltend gemacht als auch Handlungs- und Belohnungsofferten unterbreitet. Helden, die systemische Werte in ihrem Handeln sichtbar und erlebbar machen, sind weniger in ihrer physisch-organischen Existenz und psychischen Motivlage relevant; sie erlangen ihre Bedeutung vielmehr als Thema gesellschaftlicher Kommunikation – und dies nicht erst nach ihrem Ableben. Die physischen, psychischen und technisch-taktischen Fähigkeiten von Personen werden dadurch nicht abgewertet, sondern einem sozialen Kontext zugeordnet, der außeralltägliches Handeln anregt, ermöglicht, belohnt, aber auch demotivieren kann.8 In Ergänzung einer Denkofferte von Erving Goffman (1986: 8), der in seiner Studie über Interaktionsrituale von »Situationen und ihre(n) Menschen« sprach, ist festzuhalten, dass auf der Mesoebene angesiedelte organisierte Sozialsysteme Situationen auf der Mikroebene des Geschehens oftmals präfigurieren. Dies gilt auch für die Auslösung und Bewertung außeralltäglichen Handelns.

Wenn es zutrifft, dass Heldenfiguren in erster Linie soziale Konstruktionen sind, in denen soziale Systeme, vornehmlich Organisationen, nicht nur Leistungserwartungen gegenüber Personen zum Ausdruck bringen, sondern diesen auch die Möglichkeit verschaffen, sich in funktionsspezifischen Rollen als Übererfüller zu bewähren und sichtbar zu machen, dann sind in einer differenzierten Gesellschaft gleichzeitig ablaufende Auf- und Abwärtsbewegungen in der Heldennachfrage erwartbar. So kann das Heroische an Bedeutung verlieren und sogar kontraproduktive Wirkungen hervorrufen, wenn krisen- und notminimierende Interventionen und Wandlungsprozesse den Bedarf an supererogatorischen9 personalen Leistungen in den gesellschaftlichen Funktionsbereichen reduziert haben. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn organisatorische Netzwerke Probleme professionell-arbeitsteilig kleinarbeiten, technologische Innovationen den außeralltäglichen Einsatz von Personen überflüssig machen, der Held sein erworbenes Charisma durch Normbrüche und Entgleisungen selbst denunziert und skandalisiert und der Neubeginn nach einem anderen, weniger heroischen Personenprofil verlangt. Organisationen erzeugen Deheroisierungseffekte, wenn Entscheidungen über Programme und formalisierte Kommunikationswege zustande kommen, und weniger über qualifizierte Personen mit breiten Entscheidungsbefugnissen. In Bürokratien dominieren traditionellerweise heldenaversive Sozialfiguren, da die dortigen Entscheidungen auf den Gleisen vorgegebener Arbeitspläne erfolgen. Handlungsfreiräume mit Gestaltungsmöglichkeiten für die abhängig beschäftigten Mitglieder dieser Einrichtungen sind nur begrenzt vorhanden. Heroismus ist deshalb in der Welt der Angestellten und der penibel festgelegten Dienstvorschriften weder vorgesehen noch notwendig.10 Die Anmeldung eines Autos beim Straßenverkehrsamt oder die Bearbeitung einer Einkommenssteuererklärung beim Finanzamt läuft routinemäßig ab und erfordert keine außeralltägliche Kompetenz aufseiten der Sachbearbeiter.

Deheroisierungswirkungen treten typischerweise in gesellschaftlichen Sozialbereichen auf, die das Außeralltägliche auf der Ebene von Person und Körper aus Funktionsüberlegungen marginalisieren. Dies zeigt sich nicht nur im Arbeitsalltag von Bürokratien oder in der personen- und muskelverdrängenden Nutzung von Hightech-Waffen beim Militär. Besonders deutlich wird dies in Industriebetrieben, in denen die menschliche Arbeitskraft durch Automatisierung, Digitalisierung und Robotisierung aus Kosten- und Effektivitätsgründen nahezu vollständig ersetzt wurde. Im Zeitalter künstlicher Körper, die ihre Leistungen schweiß- und ermüdungsfrei in immergleichen Bewegungsvollzügen erbringen und untereinander sogar kommunizieren, sind die »Helden der Arbeit« nicht mehr Menschen wie Alexei Stachanow11, sondern Maschinen, die rund um die Uhr Produkte herstellen, nie krank werden, ohne Urlaubsgeld und Rentenansprüche auskommen und bei Arbeitgebern auch keine Mitsprache durch Arbeitsverweigerung einfordern.

Gesellschaftliche Wandlungsprozesse, die das Außergewöhnliche auf der personalen Ebene durch Bürokratisierung, Formalisierung, Professionalisierung und Technisierung verdrängen oder sogar überflüssig machen, erhöhen die Ausdifferenzierungschance von Sozialbereichen, in denen individuelle Akteure oder Gruppen gezielt die Aufgabe zugewiesen bekommen, mit körperlichen Kompetenzen und psychischen Fähigkeiten Tatkraft zu beweisen und den alles entscheidenden Unterschied auszumachen.12 In diesen sozialen Enklaven wird das Verdrängte nicht im Verhältnis Eins zu Eins in das Gegenwärtige der Gesellschaft hineinkopiert. Im Sinne einer Inklusion des Exkludierten handelt es sich vielmehr um Konzepte, die das Marginalisierte und Überflüssig-Gewordene selektiv im Rahmen einer eigenständigen systemischen Programmatik aufgreifen, bearbeiten und neuartig in Szene setzen.13 Im Kontext einer gesellschaftlichen Dynamik, die moderne Subjekte nachhaltig mit der Erwartung konfrontiert, sich zu individualisieren und einzigartig zu sein, sind reaktive Heroisierungsprozesse per se erwartbar.14 Denn nichts individualisiert mehr als eine Tat, die Beobachter als außeralltäglich, spektakulär und opferbereit, eben heroisch, wahrnehmen und beglaubigen. Die Verdrängung oder Exkludierung des Heroischen bedeutet demnach nicht, dass das Heroische gänzlich und ein für allemal aus der Gesellschaft verschwindet. Es kann vielmehr simultan zu den nach wie vor ablaufenden Prozessen der Deheroisierung an anderen Stellen und in anderer Gestalt auftauchen und dadurch wiederum eine gesellschaftliche Relevanz erlangen, und zwar real und auch fiktional.15 Zu einer Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen im Verhältnis von Heroisierung und Deheroisierung kommt es besonders dann, wenn der Bedeutungsverlust des Heroischen im gesellschaftlichen Diskurs kommunikativ beobachtet und als Beweis für die Verdrängung von Subjekt und Körper, für die »Degeneration« traditioneller Geschlechtsrollen, die Eliminierung von Abenteuer, Risiko und Spannung sowie für die Heraufkunft von Langeweile, Leere, Routine und Anonymität kritisiert wird. Sozialbereiche, die Menschen mit Vorsatz in künstlich erzeugte Krisen-, Not- und Bewährungssituationen hineinversetzen und zugleich Beobachter- und Beglaubigerbedürfnisse anregen und dauerhaft zu befriedigen verstehen, sind in besonderer Weise geeignet, Sonderformen der Heroik in postheroischen Zeiten hervorzubringen und mit Hilfe der Massenmedien gesellschaftsweit zu verbreiten.

Vor dem Hintergrund postheroischer Entwicklungen in Politik, Wirtschaft, Religion, Wissenschaft und Militär konnte der Spitzensport im letzten Jahrhundert zum zentralen Heldensystem der modernen Gesellschaft aufsteigen. Der Spitzensport ist ein Sozialbereich, der real existierende Figuren der Außeralltäglichkeit noch in einer unterhaltsamen und sozial harmlosen Weise hervorbringen kann. Für Millionen von Menschen ist er aufgrund dieser Kompetenz zu einem wichtigen Lebensbegleiter geworden, dessen Fehlen als gravierender Verlust gewertet würde. Dadurch, dass er einem unterhaltungs- und spaßorientierten Publikum die Möglichkeit verschafft, an individuellen oder auch kleingruppenbasierten Strategien zur Bewältigung artifizieller Krisen- und Bewährungssituationen teilzuhaben, ohne hierfür selbst Leistungen erbringen zu müssen, konnte er einen gesellschaftlichen Sonderstatus erlangen und sich zu einem Teilsystem der Weltgesellschaft ausdifferenzieren. Die Marginalisierung traditioneller Heldenfiguren hat offensichtlich eine Lücke hinterlassen, in die der Sport mit seiner Personen- und Körperorientierung, seiner Sichtbarkeit und Theatralität, seinen agonalen Konfliktinszenierungen, der Serialität seiner Ereignisse und seinen Stellvertretungsofferten mit Erfolg hineinstoßen konnte – wohl auch deshalb, weil virtuelle Roman-, Film-, Fantasy- oder Comic-Helden, die ansonsten viele Menschen mit ihren Aktionen in postheroischen Zeiten unterhalten und begeistern, diese Leerstelle nicht beliebig füllen können. Personen, die ihre Heldentaten wie im Sport mit motivationaler Ausdauer und hoher Körperkompetenz nach klar definierten Leistungskriterien vor einem erlebnisorientierten Publikum in Echtzeit in einer Welt des »Als ob« erbringen, dabei auch Funktionsinteressen von Wirtschaft, Politik und Massenmedien mitbefriedigen, Spaß und unbedenkliche Formen des Spannungserlebens für das Publikum ermöglichen und anschließend eventuell noch für Selfies, Autogramme und öffentliche Auftritte zur Verfügung stehen, sind aufgrund ihrer lebensweltnahen Einbettung offensichtlich besser für heroische Narrationen geeignet, als Personen, die als Schauspieler auf der Leinwand oder im Theater in Rollen schlüpfen und andere Personen in wiederkehrenden, immer gleichen Handlungsplots spielen, ohne für die Konsequenzen ihrer Handlungen im realen Leben geradestehen zu müssen. Gleiches gilt für fiktionale Helden, die Probleme mit Superkräften in einer imaginierten Realität bereinigen, aber definitiv verschwinden, wenn Leser ihre Bücher, Comic-Hefte und Schmöker zuschlagen oder Zuschauer ihre Fernsehapparate, Videorekorder oder Smartphones ausschalten. Menschen aus Fleisch und Blut sind anschlussfähiger an die Alltagsontologie der Zuschauer, weil diese selbst aus Fleisch und Blut bestehen.