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Endlich scheint Leni auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen. Sie verlobt sich mit Adrian, den ihre Kinder ohne Probleme als neuen Papa akzeptieren. Die Hochzeit wird geplant und zu ihrer großen Freude haben sie auch ein neues Zuhause gefunden, in dem sie alle vier genügend Platz haben. Einer glücklichen Zukunft scheint nichts mehr im Wege zu stehen. Aber das Schicksal schlägt erneut zu und die Schatten der Vergangenheit lassen sie nicht los. Verzweifelt fragt sich Leni: „Warum?“
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Seitenzahl: 421
Veröffentlichungsjahr: 2026
Spring über den Schatten
Buch 2 – Warum?
Ulla Garden
Impressum
Copyright: Chiara-Verlag im vss-verlag
Jahr: 2026
Lektorat/ Korrektorat: Peter Altvater
Covergestaltung: Ursula Gadenne
Verlagsportal: www.vss-verlag.de
Gedruckt in Deutschland
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie
Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verfassers unzulässig.
Es war ein tränenreicher Abschied, und kaum war Adrian abgereist, fühlte Leni sich furchtbar einsam. Die bevorstehenden zwei Wochen kamen ihr vor wie eine Ewigkeit. Sie ging zunächst mit den Kindern auf den Spielplatz und spielte dann bis zum Abendessen Memory mit ihnen. Aber nachdem die Kinder im Bett waren, hatte sie Sehnsucht und rief Adrian an, der zunächst zu seinen Eltern nach Heidelberg gefahren war.
„Hallo Spatzi, na, ist die Rasselbande im Bett?“, begrüßte er sie liebevoll.
„Ja, das sind sie, und jetzt fühle ich mich wirklich einsam ohne dich“, gab sie zu.
„Hey Süße, du fehlst mir auch. Aber da müssen wir nun mal durch.“
„Ja, ich weiß“, seufzte sie.
„Sieh’s doch mal so, du bist jetzt zwei Wochen frei und kannst tun und lassen, was du willst“, versuchte er, sie aufzuheitern.
„Ja, okay, dann melde ich mich jetzt gleich bei einer Dating-App an“, neckte sie ihn.
„Untersteh dich!“, kam sofort ein massiver Protest.
„Ach so, da muss ich wohl was missverstanden haben“, meinte Leni lachend.
„Du wolltest dir doch was nähen, hast du gesagt. Jetzt hast du Zeit und ich bin dir nicht im Weg.“
„Hm, ja, stimmt, aber im Moment kann ich mich zu nichts aufraffen.“
Sie plauderten noch einige Minuten miteinander, bis Adrians Vater nach ihm rief.
„Du, Leni, ich muss jetzt mal Schluss machen. Ich ruf’ dich später vom Hotel aus noch einmal an. Pops fährt mit mir nach Frankfurt und bleibt bei mir im Hotel bis morgen früh. Da können wir uns in aller Ruhe unterhalten. Bis später, ich liebe dich, mein kleiner Spatz.“
„Ja, ich dich auch. Bis später.“
Nach dem Telefonat fühlte Leni sich etwas besser und suchte tatsächlich das Schnittmuster für den Rock, den sie sich nähen wollte, heraus. Sie schnitt die Teile für ihre Größe aus dem Papierschnitt aus, setzte sie mit Klebestreifen zusammen und hielt sie sich an. Zum Zuschneiden des Stoffs fühlte sie sich aber doch zu müde. Das wollte sie lieber mit klarem Kopf in Angriff nehmen. Sie überlegte, ihre Mutter um Hilfe zu fragen, damit sie den Stoff nicht versaute. Die Idee gefiel ihr, und sie rief spontan bei ihrer Mutter an.
„Ma puce, was gibt’s? Ist etwas passiert?“
„Nein, nein, ich dachte nur, also, ähm, Adrian ist doch heute für zwei Wochen weggefahren und ich wollte fragen, ob ich morgen zu dir kommen kann. Ich möchte mir einen Rock nähen und wollte fragen, ob du mir beim Zuschneiden helfen kannst.“
„Hm, ja schon, aber wir haben nichts fürs Mittagessen eingekauft“, gab Stéphanie zu bedenken.
„Kein Problem, Maman, ich esse mit den Kindern zu Hause und bring dann was zum Kaffee mit. Wäre das ok?“
„Ja klar, es freut uns, wenn ihr kommt.“
Die beiden Frauen verabschiedeten sich und Leni ging zu Bett. Sie versuchte zu lesen, aber es fiel ihr schwer, sich zu konzentrieren. Deshalb war sie froh, als Adrian anrief.
„Na Spatzi, wie viele Dates hast du schon vereinbart?“, fragte er scherzhaft.
„Bis jetzt erst eins“, antwortete sie gelassen.
„Wie jetzt?“ Im Ernst?“, fragte er verunsichert.
„Ja klar“, erwiderte Leni lachend und ergänzte nach einer kleinen Kunstpause: „Ich fahre morgen Nachmittag zu meiner Mutter.“ Sie konnte hören, wie er erleichtert aufatmete. „Sie hilft mir, den Rock zuzuschneiden, den ich mir nähen will. Ich bin etwas aus der Übung und habe Angst, dass ich den schönen Stoff versaue, der war nämlich nicht billig.“
„Na, da bin ich aber auf das Ergebnis gespannt. Ich hoffe, du ziehst ihn dann auch mal an. Meistens seh’ ich dich ja nur in Hosen.“
„Ja, ganz bestimmt, es wird ein luftiger Sommerrock. Wenn es heiß ist, dann trag’ ich gerne mal einen Rock, allerdings nicht bei der Arbeit. Ich kann ja kaum im Rock auf der Baustelle herumturnen.“
Sie redeten noch einige Minuten miteinander, bis Adrian meinte, dass er jetzt aber versuchen wolle, ein paar Stunden zu schlafen, da er morgens um vier wieder aufstehen müsste.
Leni konnte nicht schlafen und dachte über sich und Adrian nach. Und unweigerlich gingen auch die Gedanken zurück zu Johannes. Eigentlich gegen ihren Willen drängte sich ihr der Vergleich zwischen den beiden Männern auf. Sie hatte Johannes abgöttisch geliebt, das war keine Frage. Aber die Liebe zu Adrian fühlte sich so vertraut und richtig an. Es war nicht diese Vernarrtheit wie bei Johannes, sondern es war eine Liebe, die allmählich gewachsen war. Äußerlich wie auch charakterlich waren die beiden Männer grundverschieden. Johannes, blond, kräftig gebaut und sehr introvertiert. Adrian dagegen dunkelhaarig, schlank und offen für alles. Sie dachte daran, dass sie mit Adrian ohne große Scheu über alles reden konnte und er mit nichts hinter dem Berg hielt.Johannes war oft so wortkarg gewesen, dass sie es manchmal kaum ausgehalten hatte. Auch beim Sex waren die beiden Männer komplett verschieden. Während Johannes beim Liebesspiel in der Regel stumm geblieben war, sprach Adrian mit ihr, während er sie streichelte, und fragte manchmal, ob es ihr gefiele, was er machte. Dann fiel ihr auch ein, dass Johannes sie, abgesehen von der Fahrt in die Flitterwochen, immer nur im Bett geliebt hatte. Er hatte sie dorthin dirigiert oder sie oft einfach auf den Arm genommen und zum Bett getragen. Sie musste lächeln, als sie daran dachte, wie er im Laufe ihrer Schwangerschaft gestöhnt hatte, dass sie immer schwerer geworden war. Dann sprangen ihre Gedanken wieder zu Adrian, der sie nahm, wo sie gerade waren. Sie liebten sich in der ganzen Wohnung, wenn die Kinder nicht da waren oder schliefen. Leni seufzte und wünschte sich, dass es einfach Wusch machen würde und Adrian wieder da wäre. Sie hatte schon in der ersten Nacht große Sehnsucht nach ihm.
Am Sonntagnachmittag rief Adrian nochmals an, um ihr zu sagen, dass er gut in Eritrea angekommen war. Dann hörte Leni zwei lange Wochen nichts mehr von ihm. Erst als er den Rückflug antrat, rief er wieder an und versicherte ihr, dass er am nächsten Tag wieder zu Hause sein würde. Sie war vollkommen aufgelöst vor Freude und Erleichterung.
⁂ ⁂ ⁂ ⁂ ⁂
Leni konnte Adrians Ankunft kaum erwarten. Nach dem Frühstück duschte sie ausgiebig, föhnte ihr Haar sorgfältig in Form, entfernte die Achsel- und Beinhaare und rasierte die Bikinizone. Sie war so aufgeregt wie vor ihrem ersten Mal und war wirklich glücklich, als er vom Flughafen aus anrief, dass er in Frankfurt gelandet sei und mit dem Zug nach Heidelberg fahren würde, um sein Auto abzuholen. Er versicherte ihr, dass er nicht in Heidelberg übernachten, sondern sofort nach Hause kommen würde.
„Oh Adi, Liebster, ich freue mich so wahnsinnig auf dich“, beendete Leni lachend und weinend zugleich das Gespräch.
„Ja, mein Spatzilein, ich freue mich auch. Dann bis später.“
⁂ ⁂ ⁂ ⁂ ⁂
Adrian saß neben seinem Vater im Auto. Er hatte sich ausgiebig geduscht, frische Sachen angezogen und noch eine Kleinigkeit gegessen. Er wollte sich dann auf den Heimweg machen. Aber schon beim Essen fielen ihm die Augen fast zu und sein Vater meinte, dass er doch in seinem Zimmer übernachten und erst am Morgen weiterfahren sollte. Aber das lehnte Adrian ab, da er Leni versprochen hatte, gleich nach Hause zu kommen. Sie einigten sich dann darauf, dass der Vater ihn fuhr und bis Mittwochnachmittag in Freiburg blieb und dass Adrian ihn dann wieder zurückfuhr und sein Auto abholte.
Gerold merkte, dass sein Sohn mit ihm reden wollte, aber nicht den Anfang fand. Deshalb fragte er: „Was ist, Adrian, willst du mir etwas sagen?“
„Hm, ja, ich weiß nicht“, druckste Adrian herum. „Ich weiß nicht, wie ich mich Leni gegenüber verhalten soll.“
„Warum? Du bist doch wohl nicht fremdgegangen.“
Adrians Schweigen sagte genug.
„Sag mal, das war doch sicher nicht nötig. Ich dachte, sie ist so perfekt.“
„Das ist sie ja auch. Es war auch nicht beabsichtigt, aber es ist halt passiert.“
„Hm, dumme Sache. Und jetzt?“
„Ja eben. Ich weiß nicht, ob ich es ihr sagen soll oder lieber nicht. Sie hat mich gewarnt, dass sie rasend eifersüchtig ist, und zu Beginn unserer Beziehung haben wir uns versprochen, dass wir uns treu sind.“ Adrian schwieg einen Moment, bevor er nachdenklich fortfuhr: „Eigentlich wäre ich gerne ehrlich zu ihr, aber ich glaube, dann geht sie. Und ich möchte sie keinesfalls verlieren.“
„Dann halt den Mund und sitz dein schlechtes Gewissen aus. Es war doch hoffentlich keine Einheimische.“
„Nein, natürlich nicht. Es war Barbara, die italienische Krankenschwester, mit der ich schon seit Jahren zusammen in einem Team bin, und bis jetzt haben wir auch immer in den zwei Wochen, die wir zusammen im Einsatz waren, miteinander geschlafen. Aber ich habe ihr dieses Mal gleich bei meiner Ankunft gesagt, dass ich das nicht mehr möchte, weil ich eine Verlobte habe und dieses Jahr noch heiraten werde.“ Er seufzte und fuhr fort: „Aber sie wollte das einfach nicht akzeptieren, und irgendwann bin ich dann halt doch schwach geworden.“
„Vielleicht solltest du in Zukunft auf diese Einsätze verzichten, du hast ja schließlich bald eine Familie.“
Adrian nickte und murmelte: „Daran habe ich auch schon gedacht.“
Wie aufs Stichwort klingelte Adrians Handy und Barbara berichtete ihm, dass sie gut zu Hause angekommen sei und wie sehr sie ihn schon vermisse. Adrian bat sie kühl, ihn nie wieder anzurufen, und blockierte anschließend ihre Nummer. Er wollte ein für alle Mal einen Schlussstrich unter diese dumme Geschichte ziehen. Er liebte Leni und nahm sich fest vor, sie nie mehr zu betrügen. Ihm war ganz elend bei dem Gedanken, ihr bald in die Augen sehen zu müssen.
⁂ ⁂ ⁂ ⁂ ⁂
Da es für Anfang Mai relativ kühl war, hatte Leni ihr Strickkleid angezogen. Seit Adrian angerufen hatte, dass sie in Heidelberg losgefahren waren, stieg ihre Vorfreude auf ihn ins Unermessliche. Nervös tigerte sie durch die Wohnung und schaute immer wieder aus dem Fenster. Dabei wusste sie genau, dass sie sicher nicht innerhalb der nächsten zwei Stunden da sein würden. Als sie endlich den Schlüssel im Türschloss hörte, sprang sie vom Sofa auf und lief ihm in den Flur entgegen. Adrian ließ seine Reisetasche fallen und nahm Leni, die auf ihn zugestürzt kam, in den Arm.
„Oh Struppi, ich habe dich so sehr vermisst.“ Sie lachte und weinte gleichzeitig und küsste ihn liebevoll, bis Gerold sich bemerkbar machte und fragte, ob er denn auch hereinkommen könnte.
„Oh ja, sorry, wir blockieren den ganzen Flur.“ Sie begrüßte Adrians Vater und bat die Männer, hereinzukommen. „Wollt ihr noch etwas essen?“, fragte sie fürsorglich.
„Nein, Spatzi, ich bin zum Umfallen müde, ich möchte einfach nur schlafen. Könntest du Pops’ das Sofa herrichten?“
„Hab’ ich schon gemacht, nachdem du angerufen und gesagt hast, dass er mitkommt.“
„Prima, aber sei mir bitte nicht böse, ich gehe gleich schlafen. Gute Nacht.“
Leni war erstaunt und enttäuscht zugleich und schaute Gerold fragend an.
„Er ist bei uns zu Hause schon während des Essens eingeschlafen, deshalb bin ich mitgefahren. Lass ihn erst mal schlafen, du siehst ja, wie mitgenommen er aussieht.“
„Ja, sicher, dann gehe ich auch mal zu Bett, sonst störe ich ihn. Du kennst dich ja aus, oder? Ich habe dir ein frisches Handtuch auf die Waschmaschine gelegt.“
„Ja, sicher, Leni, mach dir bitte keine Sorgen, ich komme schon zurecht. Schlaf gut, meine Liebe.“
Leni sah den nachdenklichen Blick, der auf ihr ruhte, und fragte sich, was da wohl im Busch war.
Als sie ins Schlafzimmer kam, hatte Adrian sich schon zur Seite gedreht und schien zu schlafen. Vollkommen enttäuscht zog sie sich ihr Kleid alleine aus und kroch, nachdem sie sich ihr Nachthemd übergestreift hatte, vorsichtig ins Bett. Sie konnte es sich aber nicht verkneifen, sich an ihn zu kuscheln. Sie hörte ihn etwas murmeln, konnte aber nicht verstehen, was er meinte. Sie lag schlaflos da und verstand die Welt nicht mehr. Seit fast zwei Wochen hatte sie sich ausgemalt, wie es sein würde, wenn er wieder zurückkäme, und jetzt diese Enttäuschung. Unruhig wälzte sie sich hin und her, bis Adrian sich umdrehte und sie wie üblich in den Arm nahm. Er murmelte wieder etwas Unverständliches und schlief weiter. Irgendwann schlief sie dann auch endlich ein.
Am frühen Morgen wurde Leni wach, weil Adrian sie zärtlich streichelte. Sie schmiegte sich enger an ihn und er schob seine Hände unter ihr Nachthemd und begann, sie zu liebkosen. Leni war zwar noch im Halbschlaf, aber ihr Körper reagierte trotzdem blitzartig auf die Berührungen. Zu lange hatte sie sich auf diesen Moment gefreut.
„Oh, Adi“, murmelte sie. „Das habe ich so sehr vermisst“, was ihm ein kleines Lachen entlockte.
„So hast du das, mein kleiner Spatz.“
„Und wie“, gestand sie. „Du etwa nicht?“
„Ja, klar, und ob.“
Nach dem Höhepunkt klammerte Leni sich fest an Adrian und sagte: „Ich lasse dich nie wieder fort.“
Adrian legte seinen Kopf auf ihren und murmelte: „Musst du auch nicht.“
Bevor sie wieder einschlief, sagte sie noch: „Übrigens, der Mietvertrag ist gekommen, wir können zum ersten Juli einziehen. Du musst nur noch unterschreiben. Die Kaution habe ich schon überwiesen.“
„Hm, ja, das ist prima.“
Als Leni wieder erwachte, sah sie, dass Adrian sich auf einen Ellbogen gestützt hatte und sie aufmerksam betrachtete. Sie lächelte ihn glücklich an und sie begannen ein neues Liebesspiel. Danach kuschelte sie sich glücklich an ihn und er streichelte sie zärtlich.
„Ich glaube, ich sollte mal Frühstück machen. Gehst du heute schon in die Praxis oder hast du noch freigenommen?“
„Ich gehe arbeiten.“
„Hm, ja, schade, aber unterschreibst du bitte noch den Mietvertrag, bevor du gehst? Ich habe ihn auf den Esstisch gelegt.“
„Ja klar, mach’ ich.“ Sie blieben noch ein paar Minuten eng aneinandergeschmiegt liegen, bis Adrian plötzlich fragte: „Sag mal Leni, was wäre, wenn ich dir gestehen würde, dass ich fremdgegangen bin?“
„Was ist das denn jetzt für eine blöde Frage? Das weißt du ganz genau, was ich machen würde. Ich würde auf der Stelle meine Sachen packen.“
„Es war nur eine rein hypothetische Frage“, erklärte Adrian beschwichtigend.
„Was soll das, wieso fragst du das? Bist du etwa fremdgegangen?“
„Nein natürlich nicht.“
„Aber warum fragst du dann?“
„Einfach so.“
War sie vor wenigen Momenten noch restlos glücklich gewesen, schrillten bei ihr jetzt sämtliche Alarmglocken.
„Einfach nur so?“ Ihr Ton war schärfer geworden. „Adrian, das glaubst du doch selbst nicht. Ich frag’ dich doch auch nicht einfach nur so, was du tun würdest, wenn ich untreu geworden wäre, weil ich nie auf die Idee käme, es zu tun.“
„Mann, Leni, jetzt mach doch nicht gleich so einen Aufstand. Es kam mir einfach nur so in den Sinn.“
Sie hatte Mühe, ihm das zu glauben, und rückte von ihm ab, aber er zog sie wieder an sich.
„Hey Spatzilein, da war nichts, glaub mir doch.“
„Das will dir aber auch geraten haben!“, sagte sie drohend. „Aber wenn da nichts war, warum fragst du dann?“, bohrte sie nach.
Adrian wurde sauer: „Ich hab’ dir doch gesagt, es war einfach so ein Gedanke.“ Er stand abrupt auf und ging ins Badezimmer.
„Na Leni, so nachdenklich?“, fragte Gerold, als sie später zu zweit am Frühstückstisch saßen. Er war schon früh aufgewacht und hatte sowohl das Liebesspiel als auch die spätere Diskussion und den halbherzigen Abschied mitbekommen.
„Hm, ich weiß nicht. Sag mal, redet Adrian mit dir eigentlich über alles?“
Gerold lachte verlegen und antwortete: „Wir reden über vieles miteinander, aber ob das alles ist, weiß ich natürlich nicht. Warum, was plagt dich?“
„Ich habe das Gefühl, dass Adrian nicht ehrlich zu mir ist.“
„Aber warum sollte er nicht ehrlich zu dir sein?“
„Er hat mich gefragt, was ich tun würde, wenn er fremdgegangen wäre. Das ist doch eine blöde Frage. Er weiß ganz genau, dass ich das nicht akzeptieren würde“, erwiderte sie aufgebracht.
„Du bist aber hart“, versuchte Gerold sie zu beruhigen.
„Nein, warum? Das war von vornherein klar. Und er hat mir versprochen, dass er in einer Beziehung absolut treu ist.“
„Dann wird das doch auch so sein. Mach dir doch nicht so viele Gedanken und interpretiere seine dumme Frage nicht falsch.“ Gerold wusste nicht mehr, wie er diese Klippe umschiffen sollte. Er wollte seinen Sohn nicht verraten, sah aber auch die berechtigten Zweifel seiner zukünftigen Schwiegertochter.
Leni zuckte die Schultern und murmelte: „Ich weiß wirklich nicht, was ich davon halten soll.“ Sie seufzte tief und verließ das Esszimmer, um die schmutzige Wäsche, die Adrian mitgebracht hatte, zu waschen. Obwohl sie es selbst absolut blöd fand, konnte sie sich nicht beherrschen und kontrollierte zunächst jedes Teil auf verräterische Spuren. Aber die Wäsche war so schmutzig und stank absolut widerlich, dass sie dieses Vorhaben schnell wieder aufgab. Ihre Gefühle fuhren Achterbahn. Einerseits würde sie ihm gerne glauben, aber andererseits nagte der Zweifel an ihr.
Sie ging einkaufen, während Gerold sich mit den Kindern beschäftigte. Während des Kochens beruhigte sie sich etwas. Aber als Adrian dann heimkam, hatte sie das Gefühl, dass er ihrem Blick auswich. Er hatte sie zwar zärtlich begrüßt, dann aber gleich gesagt, wie fein es nach Mittagessen duftete. Die Unterhaltung während des Essens bestritten vor allem die Kinder.
„Hört mal, macht es euch etwas aus, wenn ich mich noch einmal aufs Ohr lege? Ich bin immer noch vollkommen geschafft“, sprach Adrian nach dem Essen seinen Vater und Leni an.
Leni zuckte die Schultern und murmelte: „Nee, mach nur, wir gehen mit den beiden zum Spielplatz, damit du deine Ruhe hast.“
Adrian stand vom Tisch auf, stellte die Teller auf die Spüle, umarmte Leni, die noch am Tisch saß, von hinten, gab ihr einen kleinen Kuss und verschwand dann im Schlafzimmer.
Während der nächsten Tage war die Stimmung ziemlich angespannt. Leni belauerte Adrian, der sich zärtlich und zuvorkommend zeigte. Aber sie hatte den Eindruck, dass er ihrem Blick auswich, wenn sie ihn direkt ansah. Sie schliefen zwar miteinander, aber Leni war so angespannt, dass sie nicht zum Höhepunkt kam.
Als Gerold dann am Mittwochnachmittag mit Adrian im Auto nach Heidelberg fuhr, sprach er seinen Sohn an: „Hör mal, mein Lieber, das hast du aber ganz schön verbockt. Leni ist doch nicht dumm. Warum konntest du deinen Mund nicht halten?“
„Wieso? Was meinst du?“
„Na ja, sie kann doch eins und eins zusammenzählen, wenn du sie fragst, was wäre, wenn.“
„Hm, ja, ich weiß auch nicht“, druckste Adrian herum. „Ich würde es ihr ja gerne sagen, diese Lügerei schafft mich, aber ich habe solche Angst, dass sie es wahr macht und geht.“
„Da musst du durch, Adrian. So wie die Situation jetzt ist, hilft dir wohl nur noch die Wahrheit. Wer A sagt, muss auch B sagen. Warum hast du denn nicht geschwiegen?“
„Ich weiß doch auch nicht. Als ich sie so glücklich daliegen sah, wurde mir bewusst, wie sehr ich sie liebe. Eigentlich wollte ich es ihr gestehen, um reinen Tisch zu machen. Dann hab’ ich aber irgendwie nicht die Kurve gekriegt.“
Einige Minuten später wechselten sie das Thema und der Vater berichtete, dass er die Scheidung eingereicht habe, dass sich seine Frau aber weigere, aus der Villa auszuziehen.
„Ich hoffe, du hast einen guten Anwalt, Pops“, sagte Adrian. „Das Haus steht ihr ganz sicher nicht zu.“
„Ich habe dieses ganze Affentheater so satt. Ich hatte so sehr gehofft, dass wir uns in Güte trennen könnten.“
„Das kann ich verstehen, allerdings fürchte ich, dass ich dir gar nicht helfen kann. Aber ich versichere dir, dass ich voll auf deiner Seite stehe und, soviel ich weiß, Kati auch.“
Den Rest der Fahrt waren die beiden Männer jeweils in ihre eigenen Gedanken vertieft.
⁂ ⁂ ⁂ ⁂ ⁂
Einige Tage nach Adrians Rückkehr spürte Leni ein heftiges Brennen im Genitalbereich und hatte auch etwas Ausfluss. Zum Glück konnte sie noch am selben Vormittag kurz vor der Mittagspause einen Termin bei Sarah, ihrer Gynäkologin, bekommen, die einen Abstrich machte und unter dem Mikroskop untersuchte.
„Sag mal, Leni, bist du etwa fremdgegangen?“, fragte Sarah ungläubig.
„Nein, ganz sicher nicht!“, antwortete sie zunächst voller Überzeugung und fügte wütend hinzu: „Also doch!“
„Tja Leni, wenn du es nicht warst, dann doch wohl dein Sexy-Boy.“
„Oh verdammt, Sarah. Er war doch zwei Wochen in Afrika zum Auslandseinsatz. „Kannst du mich bitte auf sämtliche Geschlechtskrankheiten und auf Aids testen?“, bat Leni, was Sarah bejahte. „Dem werde ich etwas erzählen!“ Sie hatte mittlerweile angefangen zu weinen und hatte Mühe, den Arm für die Blutabnahme stillzuhalten.
Sarah verschrieb ihr Scheidenzäpfchen und eine Salbe, die Adrian auf sein Glied auftragen sollte.
„Lenilein, jetzt beruhig dich doch erst mal“, tröstete Sarah sie. „Ich rufe dich an, sobald alle Ergebnisse vorliegen. Und sollte es in den nächsten Tagen nicht besser werden, kommst du noch mal vorbei.“
Nachdem Leni die Praxis verlassen hatte, rief sie noch immer weinend ihre Großmutter an und fragte, ob sie vorbeikommen könnte. Dann ging sie zur Apotheke und anschließend nach Hause. Dort führte sie gleich eins der Zäpfchen ein. Dann zog sie ihren Verlobungsring vom Finger, steckte ihn in die zugehörige Ringschachtel und legte das Schächtelchen zusammen mit der Salbe auf Adrians Platz auf den Esstisch. Sie blieb noch einen Moment nachdenklich am Tisch sitzen. Adrians Untreue hatte sie schwer getroffen, und sie wusste nicht, was sie tun sollte. Immer noch in Gedanken versunken, raffte sie sich dann aber seufzend auf und fuhr zu ihren Großeltern.
„Leni. Mädchen, was ist passiert?“
„Oh Omi, kann ich mit den Kindern wieder zu euch ziehen, bis ich etwas anderes gefunden habe?“, fragte sie schluchzend.
„Na komm, Mädle, erzähl doch erst mal, was los ist, bevor du so eine schwerwiegende Entscheidung triffst.“ Hannelore Kaiser führte ihre Enkeltochter in die Küche und bat sie, am Tisch Platz zu nehmen.
„Omi, er ist fremdgegangen“, schniefte sie. „Aber er gibt es nicht zu.“ Sie weinte einen Moment still vor sich hin, bevor sie weitersprechen konnte. „Ich hatte plötzlich Probleme im Intimbereich und war deshalb gerade bei Sarah.“ Schniefend erzählte sie weiter: „Seit er zurück ist, ist er so komisch. Er kann mir nicht in die Augen sehen und hat mich doch tatsächlich gefragt, was ich tun würde, wenn er fremdgegangen wäre. So etwas würde er doch nicht fragen, wenn da nichts gewesen wäre. Oder?“ Sie schluchzte erneut heftig und ihre Großmutter wusste gar nicht, wie sie sie beruhigen sollte. Sie nahm sie erst mal fest in den Arm und kochte ihr dann einen Tee.
Als Leni sich einigermaßen beruhigt hatte, sprach sie eindringlich mit ihr: „Hör zu, Leni, das ist sicher keine schöne Sache, und vor allem sollte er ehrlich sein. Aber im Leben passieren nun mal Fehler. Du solltest das nicht dramatisieren.“ Leni wollte aufgebracht widersprechen, aber ihre Großmutter legte ihr die Hand auf den Arm und sprach beruhigend weiter: „Denk doch auch mal an deine Kinder. Sie haben sich an ihn gewöhnt und akzeptieren ihn als Papa. Willst du den beiden wirklich schon wieder eine Trennung und einen Umzug zumuten? Sprich in Ruhe mit ihm, er muss ja von deiner Krankheit wissen, damit er sich auch behandeln kann. Vielleicht gibt es ja auch eine andere Ursache dafür.“
„Aber Omi, ich spür’ doch, dass etwas nicht stimmt!“, erwiderte Leni heftig. „So gut kenne ich ihn mittlerweile.“
„Das kann ja sein, aber sprich in Ruhe mit ihm. Mit Vorwürfen und Aggressivität erreichst du gar nichts.“
Die beiden Frauen redeten noch weiter, als Lenis Handy klingelte. Es war ihr Geschäftshandy, denn ihr privates hatte sie auf stumm geschaltet, als sie in der Arztpraxis war, und danach hatte sie vergessen, es wieder umzustellen. Sie sah auf dem Display, das es Adrian war, und drückte das Gespräch weg. Einige Minuten später klingelte das Telefon bei Familie Kaiser und Lenis Großvater nahm das Gespräch an, sodass die beiden Frauen weiter keine Notiz davon nahmen. Im selben Moment klingelte auch wieder Lenis Geschäftshandy, und sie wollte das Gespräch schon wegdrücken, als sie sah, dass es ihr Chef war.
„Hallo Florian“, meldete sie sich mit verweinter Stimme.
„Hallo Leni, sag mal, wo treibst du dich rum? Ich denke, du hast heute einen Arbeitstag?“, kam die barsche Frage.
„Ja, sorry, Florian, es geht mir heute nicht so gut und ich hatte einen Arzttermin. Ich mache jetzt noch Pause und arbeite dann später weiter.“
„Das will ich aber auch hoffen“, knurrte Florian Heimberger ins Telefon und legte wieder auf.
Leni wunderte sich über den Ton ihres Chefs. Ärger mit ihm konnte sie jetzt absolut nicht auch noch gebrauchen. Dann wanderten ihre Gedanken wieder zurück zu ihrem Problem in ihrer Beziehung zu Adrian. Sie war immer noch hin- und hergerissen und konnte sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, nach einem Fehltritt Adrians trotzdem bei ihm zu bleiben.
„Aber Omi, was ist, wenn ich ihm dieses Mal verzeihe und es dann immer wieder vorkommt? Ich weiß doch, wie beschissen es Susanne jedes Mal geht, wenn Paul wieder eine Affäre hat.“ Sie schwieg einen Moment nachdenklich und sprach dann leise weiter: „Bis jetzt sind wir nicht verheiratet und ich könnte die Vermieter fragen, ob sie das Haus auch an mich alleine vermieten würden. Dann müsste ich zwar mein Arbeitspensum erhöhen, um die Miete bezahlen zu können, aber das wäre sicher irgendwie machbar.“
„Leni, Kindchen, überleg dir das gut. Ich bitte dich, treffe keine voreiligen Entscheidungen“, bat die Großmutter ihre Enkelin nochmals eindringlich. „Vielleicht klärt sich das alles auf.“
Leni schüttelte den Kopf und meinte: „Wie soll ich ihm denn je wieder vertrauen können?“
„Leni, ihr liebt euch doch. Mach nicht alles kaputt, bloß wegen eines dummen Fehlers oder vielleicht sogar nur eines Missverständnisses. Jeder macht Fehler in seinem Leben oder kommt mal aus der Spur. Meinst du, unser Leben ist immer nur geradeausgegangen? Man muss auch verzeihen können.“
⁂ ⁂ ⁂ ⁂ ⁂
Als Adrian in der Mittagspause nach Hause kam, dachte er sich zunächst nichts dabei, dass Leni nicht da war. Sie war öfter im Büro oder auf irgendeiner Baustelle unterwegs. Als er dann aber in die Küche kam und den Ring und die Tube mit der Salbe auf dem Tisch fand, fuhr ihm der Schreck durch sämtliche Glieder.
„Ach du Scheiße!“, rief er laut aus und überlegte, was er tun sollte. Zunächst versuchte er, Leni anzurufen, aber das Telefon klingelte durch, bis es dann auf die Sprachbox umschaltete. Dann probierte er es auf ihrem Geschäftshandy, wo sie aber das Gespräch nicht annahm. Er rief in ihrem Büro an, aber dort war sie nicht und man konnte ihm auch nicht sagen, wo sie sein könnte. Die Assistentin schaute in Lenis Kalender und meinte nur, dass ein Arzttermin eingetragen wäre, aber sonst keine Handwerkertermine. Adrian bedankte sich höflich und überlegte, wohin Leni wohl gegangen sein könnte. Was würde sie tun, wenn sie unglücklich ist, überlegte er. Den Gedanken an ihre Mutter verwarf er wieder, da sie sicher arbeitete. Dann fielen ihm plötzlich die Großeltern ein. Ja klar, ihre Omi, das ist ihre Vertraute. Er hoffte, dass die Leute im Telefonbuch standen, und fand zum Glück die Nummer. Der Großvater nahm das Telefon ab und bestätigte ihm, dass Leni da wäre.
„Gott sei Dank, ich habe mir schon Sorgen gemacht.“
„Was ist los, Adrian? Habt ihr Streit? Die Kleine ist komplett durch den Wind, es wundert mich, dass sie überhaupt heil hier angekommen ist.“
„Ja, na ja, es gibt da wohl etwas zu klären. Ich komme vorbei, können Sie sie bitte aufhalten, bis ich da bin?“
„Ja, gut, mach’ ich. Die beiden Frauen sind ohnehin immer noch heftig am Diskutieren.“
Leni erschrak, als Adrian plötzlich vor ihr stand. Sie hatte zwar das Klingeln an der Haustür gehört, aber da ihr Großvater die Tür geöffnet hatte, kümmerte sie sich nicht weiter darum. Adrian beugte sich zu ihr runter und versuchte, sie zu umarmen, aber sie entwand sich ihm.
„Lass mich in Ruhe“, herrschte sie ihn an, wobei ihr schon wieder Tränen in die Augen traten.
„Leni, komm, lass uns reden“, bat er sie sanft.
„Nein, ich will jetzt nicht mit dir reden“, erwiderte sie bockig.
„Ich denke aber schon, dass wir reden müssen. Entweder wir reden hier, oder du kommst mit nach Hause.“
Sie schüttelte nur weinend den Kopf und fragte: „Was gibt es da noch zu reden? Ich habe Probleme und musste zu Sarah. Und jetzt erzähl mir bloß nicht wieder Märchen.“ Leni regte sich schon wieder auf und ihre Oma bat Adrian, erst mal zu warten, bis sie sich wieder beruhigt hatte. Sie saßen sich einige Minuten stumm gegenüber.
„Komm, Leni, wir setzen uns jetzt in den Garten, und dann erzählst du mir erst mal, was du für Probleme hast.“ Adrian sprach mit ihr wie mit einem kleinen Kind und zog sie vom Stuhl hoch. Er führte sie am Arm in den Garten, wo er sich mit ihr in die Hollywoodschaukel setzte.
Er hatte sanft den Arm um sie gelegt, schaukelte leicht, in der Hoffnung, dass sie das etwas beruhigte, und fragte: „So komm, Spatzi, was fehlt dir?“
Leni erwiderte schniefend: „Es brennt plötzlich so heftig und ich habe Ausfluss. Deshalb bin ich zu Sarah gegangen und sie hat gesagt, dass ich eine Kandidose habe. Sie meinte: „Wenn ich nicht fremdgegangen bin, dann musst du es gewesen sein."
„So ein Quatsch!“, entfuhr es Adrian. „Hör zu, Leni, so eine Pilzinfektion kann man sich überall holen. Diese Pilze sind auch im Darm und können dann in die Scheide gelangen.“ Er schwieg einen Moment und suchte auf seinem Smartphone einen entsprechenden Eintrag im Internet, den er ihr zu lesen gab.
Während sie noch las, sagte er leise: „Hör zu, Leni, es ist durchaus möglich, dass ich das aus Afrika mitgebracht habe, die hygienischen Verhältnisse dort waren katastrophal. Aber deswegen muss ich nicht fremdgegangen sein. Meinst du wirklich, ich bin so blöd und schlafe ohne Kondom mit einer anderen Frau?“
Nachdem sie einige Zeit weiterdiskutiert hatten, beruhigte Leni sich etwas, aber so ganz waren ihre Zweifel noch nicht ausgeräumt.
Adrian schlug ihr vor: „Komm, lass uns zurückfahren und irgendwo etwas essen gehen.“
Sie schüttelte erneut den Kopf: „Ich muss arbeiten, mein Chef hat mich schon zusammengeschissen.“
„Dann lass uns nach Hause fahren, du arbeitest und ich besorge uns was zu essen“, sagte er sanft. Als Leni nicht reagierte, fragte er mit etwas mehr Nachdruck: „Wollen wir das jetzt so machen?“
Sie nickte und erhob sich seufzend. Sie ging nochmals zu ihrer Großmutter und bedankte sich dafür, dass sie ihr zugehört hatte, verabschiedete sich dann liebevoll von ihren Großeltern und fuhr hinter Adrian her nach Hause.
Den Rest der Mittagspause schwiegen sie sich an. Leni versuchte zu arbeiten, konnte sich aber nicht konzentrieren.
Am Abend kam Adrian mit einer kleinen Tüte voller Medikamente nach Hause. Er ging auf Leni zu und bat sie, den Mund zu öffnen, was sie zunächst verweigerte.
„Komm schon, Leni, ich habe den Pilz auch im Mund und ich fürchte, ich hab’ dich damit angesteckt.“ Er schaute ihre Zunge an und sagte: „Ich hab’ es befürchtet. Du hast es auch.“ Er gab ihr eine Schachtel mit Tabletten und eine Packung mit einer Mundspülung und erklärte ihr, wie sie die Tabletten nehmen und die Lösung anwenden musste.“
„Hoffentlich haben wir die Kinder nicht auch noch angesteckt“, jammerte Leni.
„Das denke ich nicht, wir küssen sie ja nicht auf den Mund, aber ich schau’ sie mir gleich mal an.“
Das Abendessen verbrachten sie überwiegend schweigend. Viktor, der spürte, dass etwas nicht in Ordnung war, kuschelte sich an seine Mutter und versuchte, sie zu trösten. Als sie die Kinder zu Bett brachte, umarmte er sie heftig und bat sie eindringlich: „Bitte Mama, nicht weinen. Wir sind doch ganz lieb.“
Sie lächelte ihren Sohn an, auch wenn sie schon wieder mit den Tränen kämpfte. Sie drückte ihn fest an sich und sagte: „Ja, mein Schatz, ihr seid ganz, ganz liebe Kinder.“ Dann fragte sie aus einer Eingebung heraus: „Sagt mal, Kinder, habt ihr den Papa Adrian lieb?“
Beide sagten voller Überzeugung: „Ja.“
„Wollt ihr wirklich, dass er euer Papa wird, oder sollen wir lieber wieder ohne ihn zu Omi und Opi ziehen?“ Ihr war bewusst, dass sie die beiden Vierjährigen mit dieser Frage überforderte, aber sie fühlte sich vollkommen ratlos und dachte daran, dass ihre Oma ihr gesagt hatte, sie solle an die Kinder denken.
„Mama, wir wollen bei Papa bleiben, aber du sollst nicht mehr weinen“, erwiderte Viktor ernsthaft.
„Ich will auch bei Papa bleiben“, bekräftigte Cora.
Leni seufzte und las den Kindern dann eine Gutenachtgeschichte vor. Sie drückte die beiden liebevoll an sich und sagte ihnen, dass sie sie ganz, ganz lieb habe. Dann wünschte sie ihnen eine gute Nacht und ging zu Adrian ins Wohnzimmer, wo sie sich beide anschwiegen.
Als sie zu Bett gegangen waren, zog Adrian Leni an sich und begann, sie zu streicheln.
„Adrian, lass das, wir können jetzt nicht miteinander schlafen“, versuchte Leni ihn abzuwehren.
„Ja, das weiß ich doch, aber ich kann doch trotzdem zärtlich zu dir sein“, murmelte er in ihr Ohr.
„Adrian, hör zu, es gibt zwei Dinge, die mir in einer Beziehung wichtig sind, das sind Treue und Ehrlichkeit.“
„Ja sicher, das weiß ich doch. Was willst du mir damit sagen?“, fragte er vorsichtig.
„Dass ich momentan in beiden Punkten meine Zweifel an dir habe. Du kannst mir doch nicht mal in die Augen schauen.“
Er legte seine Wange auf ihren Kopf und seufzte: „Ach, Leni.“
„Adrian, willst du wirklich unsere Zukunft auf einer Lüge aufbauen?“
„Nein, das will ich natürlich nicht“, sagte er seufzend. Dann nickte er ein und sprach leise mit ihr: „Also, das ist eine lange Geschichte. Ich bitte dich mir zuzuhören, bis ich dir alles erzählt habe.“
„Ich höre.“
„Also, es ist so: Seit ich mit dem Studium fertig bin, verrichte ich jedes Jahr in der dritten und vierten Aprilwoche meinen Einsatz. Wir sind dann in der Regel immer dasselbe Team. Dabei ist auch eine Krankenschwester aus Italien, und wir haben eigentlich von Anfang an immer miteinander geschlafen. Aber ich habe ihr letztes Jahr schon gesagt, dass ich jemanden kennengelernt habe und ich das nicht mehr möchte. Deshalb habe ich dieses Jahr meinen Einsatz um zwei Wochen verschoben, um in ein anderes Team zu kommen. Aber als sie ihren Einsatzplan erhalten hat und gesehen hat, dass ich nicht mehr im Team bin, hat sie Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um wieder mit mir in ein Team zu kommen. Ich habe ihr gleich am ersten Tag gesagt, dass da nichts mehr läuft, weil ich verlobt bin und noch dieses Jahr heiraten möchte. Sie wollte das einfach nicht akzeptieren, aber ich bin standhaft geblieben.“ Er schwieg einen Moment und sprach nachdenklich weiter: „Der Krankenpfleger, der mir dieses Mal assistiert hat, ist ein Schotte und hat es irgendwie geschafft, eine ganze Ladung Whisky mitzubringen, und wir haben uns abends immer mal einen Schluck genehmigt. Du musst wissen, die Zustände in diesem Lager waren absolut katastrophal, wir hatten dann plötzlich nicht einmal mehr Trinkwasser und die Leute sind uns unter den Händen weggestorben. Nach einem besonders schweren Tag haben Sean und ich uns wohl doch etwas zu viel mit dem Whisky getröstet, jedenfalls war ich ziemlich angesäuselt, wir hatten ja auch kaum etwas zu essen, und dann der Alkohol, das war nicht so gut.“ Er hielt nochmals inne, um sich zu sammeln, und sprach dann mit Bedauern in der Stimme weiter: „Leni, ich weiß, es war wirklich dumm von mir, aber als sie dann plötzlich bei mir an der Pritsche stand und mich wieder bezirzt hat, bin ich leider doch schwach geworden. Aber es hat sich vollkommen falsch angefühlt und ich habe mittendrin wieder aufgehört und sie weggescheucht.“ Er schwieg und wartete auf eine Reaktion, aber Leni blieb erst mal stumm. „Leni, mein süßer Spatz, ich liebe dich und bitte dich um Verzeihung.“ Er zog sie noch fester an sich und bat sie eindringlich: „Bitte verzeih mir.“
Leni weinte und sagte unter Tränen: „Und warum hast du gesagt, da war nichts? Ich habe dich mehrmals gefragt, aber du warst nicht ehrlich zu mir.“
„Ja, ich weiß, das war falsch. Aber ich hatte solche Angst, dich zu verlieren, dass ich es dir nicht sagen wollte.“ Nach einigen Minuten des Schweigens bat Adrian nochmals: „Bitte, Leni, kannst du mir verzeihen?“
„Und wer garantiert mir, dass du bei der nächsten Gelegenheit nicht wieder schwach wirst?“
„Leni, ich verspreche es dir. Wenn wir heiraten und ein Kind bekommen, dann werde ich auch für die nächsten Jahre keine Einsätze mehr machen. Ich hab’ das der Verwaltung schon mitgeteilt und mich nur noch für Einsätze im Katastrophenfall bereit erklärt.“
„Hör zu, Adrian, ich muss das jetzt erst mal verdauen. Du hast mich wirklich sehr, sehr enttäuscht. Du kannst nicht erwarten, dass jetzt gleich wieder Friede, Freude, Eierkuchen herrscht, nur weil du endlich mit der Wahrheit herausgerückt bist. Du hast mich erstens betrogen und zweitens warst du nicht ehrlich. Und beides wäre eigentlich ein Grund für mich, zu gehen.
„Ich weiß“, sagte er bedrückt. „Ich kann dich wirklich nur um Verzeihung bitten.“
Beide schwiegen einen Augenblick und in Leni arbeitete es. Die Sache ließ ihr noch keine Ruhe und plötzlich sagte sie: „Du hast mir doch beteuert, dass du absolut treu bist, wenn du eine Beziehung hast.“
„Ja und?“
„Aber wenn du jedes Jahr mit dieser Krankenschwester geschlafen hast, dann warst du deinen jeweiligen Partnerinnen doch auch nicht treu.“
„Hm, ja, na ja“, druckste Adrian rum. „So gesehen hast du natürlich recht, aber diese Beziehungen waren nicht so eng wie jetzt mit dir.“
„Oh Mann, Adrian! Du machst mich kirre. Wie soll ich dir jemals wieder vertrauen?“, fragte sie gereizt. Es ließ ihr keine Ruhe und sie fragte: „Und letztes Jahr, als wir uns schon kannten, hast du da auch mit ihr geschlafen?“
„Hm, ja, aber kaum noch, nur zwei oder drei Mal, nicht so wie früher“, gab Adrian zögernd zu und fuhr fort: „Du bist mir einfach nicht aus dem Kopf gegangen. Aber ich wusste ja noch gar nicht, ob es mit uns was wird. Ich habe dich erst nach meiner Rückkehr gefragt, ob du dir eine Beziehung mit mir vorstellen kannst.“
„Verdammt Adrian, du hast wohl für alles eine Ausrede!“, sagte sie genervt und rückte etwas von ihm ab.
Leni verbrachte eine schlaflose Nacht, während Adrian, der endlich sein Gewissen erleichtert hatte, selig schlief. Morgens stand sie vollkommen gerädert auf und schnauzte ihre Kinder wegen jeder Kleinigkeit an. Die beiden wussten gar nicht, was los war, und schauten sie ganz betroffen an. Als sie sie dann später an der Kita absetzte, nahm sie sie fest in den Arm und entschuldigte sich bei ihnen: „Es tut mir leid, Kinder, ich bin heute nicht gut drauf. Ich habe schlecht geschlafen.“ Viktor nickte und drückte seine Mutter, während Cora schon in das Gebäude stürmte.
Kaum war Leni wieder an ihrem Auto angekommen, rief ihr Chef sie an: „Leni, wo bist du?“
„Ich habe meine Kinder gerade an der Kita abgesetzt und fahre jetzt zur Baustelle, weil ich einen Termin mit dem Elektriker habe. Warum?“
„Vergiss es und komm sofort zu mir ins Büro!“, befahl er ihr.
„Ja, aber ich kann doch den Elektriker nicht einfach versetzen“, widersprach Leni pflichtbewusst.
„Sag dem Elektriker ab.“
„Ja gut, ich hoffe, ich erreiche ihn noch rechtzeitig, nicht, dass er umsonst den weiten Weg fährt.“
Leni sah ihren Chef fragend an, als sie im Büro ankam.
„Hör zu, Leni, der Kunde aus Heitersheim hat den Auftrag storniert. Was hast du da nur angerichtet?“
„Ich? Wieso? Ich hab’ dir alle Pläne vorgelegt und du warst bei den meisten Besprechungen mit dem Kunden dabei“, wehrte sie sich. „Aber warum hat er storniert? So einfach kann er doch den Vertrag nicht kündigen.“
„Tja Leni, er klagt über mangelndes Vertrauen in unsere Zusammenarbeit, außerdem würden deine Berechnungen nicht stimmen.“
Sie war wie vor den Kopf geschlagen und dachte daran, wie viel Arbeit und Herzblut sie in dieses Projekt investiert hatte,
„Das kann nicht sein. Er hat immer betont, wie zufrieden er sei und wie ihm die Pläne gefallen. Allerdings ist er ziemlich blass geworden, als ich ihm den Kostenvoranschlag vorgelegt habe. Ich befürchte, er hat einfach das Geld nicht.“
„Egal, jedenfalls will er nicht weiter mit uns arbeiten. Das hast du ganz schön vermasselt.“
„Aber kann er wirklich so einfach aus dem Vertrag aussteigen?“, fragte sie nochmals. So etwas hatte sie noch nie erlebt.
„Nein, so einfach nicht, aber es bringt uns auch nichts, wenn ich prozessiere. Wenn er keine Mäuse hat, dann bekommen wir das Geld trotzdem nicht. Ich werde die Stornierung akzeptieren und ihm eine saftige Rechnung für unsere bisherige Arbeit ausstellen.“
„Hoffentlich kann er den Maurer bezahlen, der hat ja schon angefangen. Das heißt, ich werde jetzt sofort alles stoppen?“, fragte sie nach, um ja nichts falsch zu machen.
„Ja, sicher, mach das, aber schleunigst. Zack, zack“, meinte ihr Chef ungehalten.
Leni seufzte: „Schade, dass ich nicht Lotto spiele. Mit einem saftigen Gewinn würde ich das Haus sofort kaufen.“
Florian wurde jetzt doch etwas freundlicher: „Ja, ich weiß, Leni, das Haus gefällt dir, darum hast du dich wohl auch so reingehängt.“
„Ja, genau so ist es. Schade, dass ich das Projekt nicht zu Ende führen kann. Hast du denn was anderes für mich?“
Florian zuckte die Schultern und meinte: „Mal sehen, du hast ja noch den Umbau in Landwasser in Arbeit.“
„Aber damit bin ich praktisch fertig.“
„Jetzt kümmere dich erst mal um die ganzen Handwerker und wir sprechen uns dann nächste Woche“, wich er ihr aus.
⁂ ⁂ ⁂ ⁂ ⁂
Beim Abendessen merkte Adrian, dass Leni etwas bedrückt war. „Was ist, Spatzi, bist du mir immer noch böse?“
„Das auch, aber der Kunde mit der schönen Villa in Heitersheim hat den Vertrag storniert und Florian gibt mir die Schuld daran.“
„Schade, du hast doch so für dieses Projekt gebrannt, du hast ja fast Tag und Nacht daran gearbeitet.“
„Ich denke, der Bauherr hat einfach das Geld für die Sanierung nicht. Aber es nervt mich, dass Florian mir die Schuld in die Schuhe schiebt. Er hat alle Pläne gesehen und war meistens bei den Besprechungen dabei. Ich habe nichts falsch gemacht.“ Sie sah auf die Uhr. „Hör zu, Adrian, ich geh’ jetzt ins Pilates, kannst du die Rasselbande zu Bett bringen?“
„Ja klar, geh nur. Das tut dir vielleicht gut, dann kommst du auf andere Gedanken.“
Als sie nach dem Pilates zurück war und unter der Dusche stand, kam Adrian dazu, aber Leni wollte das nicht: „Adrian, das geht doch nicht, ich bin noch nicht wieder fit.“
Aber er blieb in der Dusche stehen und seifte sie liebevoll ein. „Spatzi, ich habe nachgedacht und habe festgestellt, dass ich ein furchtbarer Idiot bin.“
„Und was machen wir jetzt mit dieser Erkenntnis?“
Er lachte leise: „Zumindest hast du deinen Humor wiedergefunden.“ Ernst sprach er weiter und sah ihr tief in die Augen, während er ihren Rücken und Po einseifte: „Leni, ich liebe dich, wie ich noch nie zuvor eine Frau geliebt habe, und ich frage dich jetzt allen Ernstes: Kannst du mir verzeihen und wollen wir einen Neuanfang wagen?“
Sie seufzte: „Adrian, du machst es mir wirklich schwer, dir ernsthaft böse zu sein, aber ich bin noch zu verletzt. Gib mir etwas Zeit.“
„Na ja, aber nur, wenn es nicht wieder ein Jahr dauert.“
Sie duschten sich gemeinsam ab und Adrian reichte Leni ihr Handtuch. Leni war kurz in Versuchung, ihn zu befriedigen, da seine Erregung nicht zu übersehen war, ließ es dann aber bleiben und dachte: Strafe muss sein.
Als sie dann zusammen auf dem Sofa saßen, meinte Adrian plötzlich: „Mir ist eingefallen, wo ich mir den Pilz geholt haben könnte.“ Leni sah ihn fragend an und er erzählte weiter: „Ich habe dir doch erzählt, dass wir kein Trinkwasser mehr hatten. Als dann endlich der Tankwagen kam, da haben die Leute sich fast umgebracht, nur um an einen Eimer Wasser zu gelangen. Ich habe die Wasserverteilung in die Hand genommen und hab’ mir einfach eine Trillerpfeife genommen, die da rumlag, um die Leute zur Raison zu bringen.“ Er atmete tief durch und sprach weiter: „Bei mir hat es nämlich im Mund angefangen, der Whisky hat wohl nicht ausreichend desinfiziert. Und als ich dich dann nach meiner Rückkehr verwöhnt habe, hab’ ich es dir natürlich sowohl in den Mund als auch in die Vagina verteilt. Es tut mir echt leid, dass ich dich angesteckt habe. Ich habe leider nicht gleich bemerkt, dass ich den Pilz habe. Andererseits bin ich heilfroh, wenn ich wirklich nur einen Pilz mitgebracht habe.“ Er schwieg einen Moment nachdenklich und begann dann zögernd zu erzählen: „So etwas Furchtbares wie dieses Mal habe ich noch nie erlebt. Die Menschen flüchten vor dem Krieg und müssen dann in diesen Lagern verhungern und verdursten. Wir konnten ihnen kaum helfen, denn auch wir hatten nichts. Ich verstehe nicht, warum man uns dorthin schickt, ohne ausreichende Medikamente. Dieser Einsatz war dermaßen sinnlos und vollkommen frustrierend.“
Leni rückte näher zu ihm und streichelte ihn sanft. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, um ihn diese Erinnerungen vergessen zu lassen. Er tat ihr leid, aber sie war immer noch zu gekränkt. Und so kuschelte sie sich schweigend an ihn, und er nahm sie sanft in den Arm.
⁂ ⁂ ⁂ ⁂ ⁂
Während der nächsten Tage ließen die Spannungen allmählich nach und sie gingen wieder einigermaßen normal miteinander um, auch wenn Leni noch keine Bereitschaft zur endgültigen Versöhnung signalisierte. Sie hatte ihre Großmutter am Sonntagnachmittag besucht, während Adrian im Fitnessstudio war. Hannelore Kaiser redete nochmals beruhigend mit ihr und bat sie, die Sache auf sich beruhen zu lassen und Adrian nicht zu sehr zu bestrafen. „Du willst ihn doch nicht vergraulen, Kindchen“, meinte sie besänftigend.
„Nein, Omi, das möchte ich nicht. Aber er muss wissen, dass er so nicht mit mir umgehen kann. Und solange wir diesen doofen Pilz haben, können wir uns weder küssen noch miteinander schlafen, also bleibe ich etwas auf Distanz“, sagte Leni mit Entschiedenheit in der Stimme.
„Übertreib es aber nicht, Leni, nicht, dass du dir ein Eigentor schießt“, warnte die Oma sie.
„Ja, Omi, es fällt mir ja selbst so langsam schwer. Ich liebe ihn trotzdem, auch wenn ich enttäuscht bin.“
„Das kann ich gut verstehen, Leni, er hat einen Fehler gemacht, aber davon geht die Welt nicht unter. Verzeih ihm, er hat doch sicher eine zweite Chance verdient.“
„Hm, ja, ich denke schon.“
⁂ ⁂ ⁂ ⁂ ⁂
Ihr Chef hatte Leni für Mittwochmorgen einen Besprechungstermin in den Kalender gesetzt und sie hoffte, dass er einen neuen Auftrag für sie hätte. Nachdem sie die Kinder an der Kita abgesetzt hatte, fuhr sie erwartungsvoll ins Büro. Sie wunderte sich, dass die Assistentin sie so mitleidvoll ansah und Florian die Bürotür schloss, nachdem sie eingetreten war und er sie gebeten hatte, sich hinzusetzen. Normalerweise besprach er alles bei offener Tür, da die meisten Mitarbeiter ohnehin im Homeoffice oder auf Baustellen waren.
„Wo hast du denn deinen schönen Ring?“, fragte Florian, um Zeit zu schinden, und deutete auf ihre Hand.“
Leni sah auf ihre linke Hand und murmelte: „Zuhause.“ Dann nahm sie ihren ganzen Mut zusammen, sah Florian ins Gesicht und fragte: „Was ist los, Florian? Du hast mir ja sicher keinen Termin gemacht, um mich nach meinem Ring zu fragen.“
„Ja, also, Leni, es ist so“, begann er zögerlich und fuhr dann fort: „Ich muss mich leider von dir trennen.“ Mit diesen Worten legte er einen Brief vor sie hin.
Sie verstand gar nicht, was er meinte, und sah ihn ungläubig mit offenem Mund an. „Was soll das heißen?“
Florian räusperte sich und erklärte ihr dann: „Dass ich dir hiermit kündige.“ Er zeigte auf den Brief und sagte: „Ich habe geschrieben, dass die Kündigung aus organisatorischen Gründen erfolgt. Aber sieh es mal so, Leni: Du hast so oft gefehlt und deinen letzten Auftrag hast du vollkommen in den Sand gesetzt. So etwas kann ich nicht gebrauchen.“
Sie war wie vor den Kopf gestoßen. Das kann doch nicht wahr sein, träume ich das jetzt oder ist das Wirklichkeit, dachte sie. Sie war nicht fähig zu sprechen. Damit hatte sie absolut nicht gerechnet. Florian war zwar kein besonders angenehmer Chef, aber im Großen und Ganzen waren sie gut miteinander klargekommen. Sie brauchte einige Sekunden, um sich klar darüber zu werden, dass sie soeben entlassen worden war.
„Aber warum denn?“, fragte sie leise. Dann versuchte sie sich zu wehren: „Aber dafür, dass der Bauherr in Heitersheim den Auftrag storniert hat, kann ich absolut nichts, und so oft habe ich wirklich nicht gefehlt. Nur letztes Jahr wegen der Schulteroperation.“
„Leni, ich möchte jetzt gar nicht lange rumdiskutieren, es ist eben so, dass ich keine Verwendung mehr für dich habe. Und damit basta.“
Sie zuckte die Schultern und verließ wortlos mit Tränen in den Augen das Büro ihres Chefs. Kopfschüttelnd setzte sie sich an ihren Arbeitsplatz und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen, aber es wollte ihr nicht gelingen. Mit zitternden Fingern öffnete sie den Brief und las nun schwarz auf weiß, dass ihr Arbeitsverhältnis zum 31. August aus organisatorischen Gründen gekündigt war. So eine Scheiße, erst das Problem mit Adrian und jetzt auch das noch“, dachte sie. Sie blieb stumm sitzen und ihre Gedanken gingen weiter: Warum immer ich? Kann bei mir denn nichts geradeausgehen? Was habe ich nur verbrochen? Nachdem sie einige Minuten ihren Gedanken nachgehangen war, verließ sie seufzend und grußlos das Büro. Sie setzte sich in ihr Auto und wusste plötzlich nichts mit sich anzufangen. In Gedanken versunken fuhr sie nach Hause. Sie war sich nicht sicher, ob sie wie üblich mit Adrian zum Mittagessen verabredet war, und versuchte ihn anzurufen, erreichte aber nur die Sprachbox. Sie sprach kurz darauf und fragte, ob sie sich wie üblich beim Asiaten treffen würden. Dann rief sie ihre Oma an und weinte sich so richtig aus. Frau Kaiser versuchte sie zu trösten, so gut es übers Telefon eben ging, und empfahl ihr, doch Kontakt mit Ralf Steiner aufzunehmen, der ja viele Architekturbüros in Freiburg kannte.
„Ja, Omi, das ist eine gute Idee“, schniefte Leni. Noch während sie mit ihrer Großmutter sprach, kam eine Nachricht von Adrian, der ihr bestätigte, dass er gerne mit ihr zum Mittagessen gehen würde.
Als er Leni so versunken an ihrem Stammplatz im Restaurant sitzen sah, wusste Adrian sofort, dass etwas nicht stimmte. „Was ist los, Spatzi, hab’ ich mir schon wieder etwas zuschulden kommen lassen?“, fragte er sanft.
Sie schüttelte zunächst nur den Kopf. Dann sah sie ihn mit verweinten Augen an: „Florian hat mir gekündigt. Ich habe keinen Job mehr.“
„Aber warum das denn?“, fragte er mitfühlend.
„In der Kündigung steht aus organisatorischen Gründen, und im Gespräch hat Florian mir gesagt, weil ich zu oft fehle und weil ich den Auftrag in Heitersheim in den Sand gesetzt habe.“
„Leni, das musst du dir nicht gefallen lassen. Zahlt er dir wenigstens eine Abfindung?“
„Nein. Davon hat er nichts gesagt.“
„Dann geh vors Arbeitsgericht, das ist dein gutes Recht.“
Leni zuckte die Schultern: „Hm, ich weiß nicht recht.“
„Das musst du machen. Frag doch Fabian, ob er dir einen guten Kollegen empfehlen kann.“
„Ja, gut, das kann ich machen.“
