Spritzen. Geschichte der weiblichen Ejakulation - Stephanie Haerdle - E-Book

Spritzen. Geschichte der weiblichen Ejakulation E-Book

Stephanie Haerdle

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Beschreibung

Die Geschichte weiblichen Spritzens ist auch eine Geschichte des weiblichen Körpers, seiner Abwertung und Bejahung Auch Frauen ejakulieren und squirten beim Sex? Aber ja doch! Bis zu 69 Prozent aller Frauen spritzen beim Kommen. Trotzdem werden weibliche Ejakulation und Squirting auch heute noch kontrovers diskutiert. Für die Einen sind die Flüssigkeiten ein Mythos, für die Anderen sexueller Alltag. Was weiß man wirklich über diesen Aspekt weiblicher Lust, welche Forschungsergebnisse gibt es und weshalb liegen noch immer so viele Details im Dunkeln? Die Suche nach Spuren und Zeugnissen führt bis weit in die vorchristliche Zeit und rund um den Erdball. Jahrtausendelang waren die Säfte ein selbstverständlicher Teil sexuellen Erlebens. In Europa wurde die weibliche Ejakulation überhaupt erst ab dem späten 19. Jahrhundert belächelt, tabuisiert und schließlich weitgehend vergessen – bis die Vorstellung einer spritzenden Frau geradezu obszön wurde. Feministinnen der zweiten Welle entdeckten den »Freudenfluss« begeistert wieder – oder attackierten ihn als frauenfeindliche Männerphantasie. Squirting-Performerinnen wie Shannon Bell, Annie Sprinkle oder Deborah Sundahl vermittelten ihre Kenntnisse rund um das weibliche Abspritzen via Video, Performance oder Workshop, bis das Squirten schließlich das Mainstream-Pornobusiness eroberte und dort für Milliardenumsätze sorgte. »Spritzen« ist eine lustvolle Reise: Stephanie Haerdle vermittelt ihre Erkenntnisse höchst interessant und unterhaltsam und zeigt, wie sehr der Wunsch nach Kontrolle der Weiblichkeit unsere Wahrnehmung und unser Wissen über die Jahrhunderte bis heute beeinflusst.

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Seitenzahl: 349

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Stephanie Haerdle, geboren in Freiburg, studierte Neuere deutsche Literatur, Kulturwissenschaft und Gender Studies (M.A.) in Berlin, wo sie auch heute lebt. 2007 erschien ihr Buch Keine Angst haben, das ist unser Beruf! Kunstreiterinnen, Dompteusen und andere Zirkusartistinnen (AvivA Verlag). Spritzen. Geschichte der weiblichen Ejakulation wurde ins Französische und ins Englische übersetzt.

Edition Nautilus GmbH

Schützenstraße 49 a

D-22761 Hamburg

www.edition-nautilus.de

Alle Rechte vorbehalten

© Edition Nautilus GmbH 2019

Dritte, überarbeitete und aktualisierte

Auflage Januar 2024

Satz: Jorghi Poll, Wien

Umschlaggestaltung:

Maja Bechert

www.majabechert.de

ePub ISBN 978-3-96054-355-8

INHALT

Anmerkung zur 3. Auflage

Vorwort

Ein Schritt vor, zwei zurück • Im Anfang war das Wort

Maulbeerbäume und Jadewasser – Vulvarische Ergüsse in Texten aus dem alten China

Das Spiel von Wolken und Regen • Milch-Frucht und Fließgeschehen – Die Bambustexte aus Mawangdui • Wie ein Karpfen im Schlamme schwelgt

Wollustsaft und Liebeswasser – Spritzen in altindischen Texten

Flüsse und Ergüsse – Weibliche Flüssigkeiten in den Kamashastra-Handbüchern • Ein »schwellendes Röhrchen«, eine »Flut von Wollustwasser« • Exkurs: Ejakulation und Squirting im Tantra, Teil I

Erst Lust, dann Fortpflanzung – Der weibliche Samen von Antike bis Neuzeit

Der weibliche Samen als Zeugungsstoff • Feuchte Träume und Samenstau • Mittelalter und Frühe Neuzeit • Exkurs: Der weibliche Samen in der arabischen Welt des Mittelalters • Zeugend und spritzend in die Neuzeit • Aus einem Körper werden zwei • Exkurs: Sprengopfer für die Venus – Pornografische Literatur

Ejakulation und Pollution, feuchte Träume und Freudenfluss

Gesunde Ejakulation, kranke Pollution • Fliegender Pfropfen oder doch nur Urin? • Exkurs: Die weibliche Prostata, Teil I • »Die Potenz der Frau« • Wiederentdeckungen – female ejaculation und Freudenfluss

Anatomie revisited – G-Spot, Vagina, Klitoris

Ein UFO landet. Gut beobachtet, schlecht erklärt – der G-Spot • Klitoris versus Vagina • Das Schweigen der Frauenbewegung • »Times have changed« – die Sexualwissenschaft entdeckt das Spritzen und forscht bis heute • Männliche Klitoris und weibliche Eichel – ein radikal neuer Blick auf die Anatomie der Geschlechter • Mythos, Cash Cow, P-Spot – der »G-Spot« bis heute • Exkurs: Die weibliche Prostata, Teil II • Vom Knopf zum Komplex – die Klitoris kommt groß raus • Exkurs: Stellt einen Eimer unter sie! kunyaza in Zentralafrika

»In control of ejaculation« – Spritzende Superheldinnen

»It feels fantastic« – Shannon Bell • »It’s worth learning« – Annie Sprinkle • »Ein wildes, zügelloses Erlebnis« – Deborah Sundahl • Exkurs: Ejakulation und Squirting im Tantra, Teil II • Squirting-Queens – Spritzpornos zwischen Aufklärung und Kommerz

Epilog

Dank

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

Bildnachweise

If I only had courage enuf to kill myself when you reach the climax then – then I would have known happiness, for then at that moment I had complete possession of you …

I cannot escape from the rhythmic spurt of your love juice. (…) my dear whose succulence is sweet and who dreeps with honey.

Liebesbrief von Almeda Sperry an die Anarchistin Emma Goldman1

ANMERKUNG ZUR 3. AUFLAGE

Seit ich Spritzen 2018/2019 geschrieben habe, hat sich etwas getan im Hinblick auf die geheimnisumwitterten Flüssigkeiten von Frauen und Menschen mit Vulva. Bis 2011 arbeitete die Forschung ausschließlich zur »weiblichen Ejakulation«. Allerdings zeigten sich Forschende ratlos ob der Vielfalt der untersuchten Flüssigkeiten. Warum spritzten manche Frauen große Mengen einer klaren, dünnen Flüssigkeit, während der Orgasmus anderer »nur« von einigen Tropfen weißen, dickflüssigen Sekrets begleitet wurde? Die Säfte unterschieden sich oft so stark, dass an dem Konzept einer weiblichen Ejakulation immer wieder gezweifelt wurde. 2011 stellten die Wissenschaftler:innen Alberto Rubio-Casillas und Emmanuele A. Jannini die These auf, dass es sich bei der Ejakulation um zwei unterschiedliche Flüssigkeiten aus zwei unterschiedlichen Organen handele: Ejakulat aus der Prostata und Squirtingflüssigkeit aus der Blase. Diese These, die ich in der Erstausgabe meines Buches bereits vorstellte, wurde in den letzten Jahren von weiteren Studien gestützt. Auch wenn nach wie vor zu wenig zum Thema geforscht wird, geht die Mehrheit der im Themenfeld publizierenden Wissenschaftler:innen heute davon aus, dass es zwei unterschiedliche Flüssigkeiten gibt, die vorher unter dem Label »weibliche Ejakulation« zusammengefasst wurden. »Beide Phänomene haben unterschiedliche Ätiologien, Mechanismen und Erscheinungsformen. Ihre Vermischung verursacht viel Verwirrung und verhindert die korrekte Identifizierung der beiden unterschiedlichen Phänomene«, schrieben 2022 die tschechischen Forscher Zlatko Pastor und Roman Chmel.2 Für die vorliegende Neuauflage meines Buches konnte ich diese Entwicklung berücksichtigen.

Die sprachliche Herausforderung, ein Buch über die Geschichte dieser Flüssigkeiten zu schreiben, wird durch die veränderte Terminologie allerdings nicht kleiner. Ein Beispiel: Die in diesem Buch porträtierte Shannon Bell war als feministische Künstlerin in den 1980er Jahren wesentlich an der Wiederentdeckung weiblichen Spritzens beteiligt. »The Ejaculator«, so nannte ihre Weggefährtin Annie Sprinkle sie scherzhaft, machte Filme und publizierte zum Spritzen. Bell verwendete den Begriff der »female ejaculation« und baute auf Fähigkeit und Terminus eine ganze Theorie weiblichen Ejakulierens auf. Aus heutiger Perspektive sind die von Bell gezeigten und beschriebenen Ejakulationen allerdings als Squirting zu verstehen. Ich bitte deshalb darum, beim Lesen im Blick zu behalten, dass squirten (engl. für »spritzen«, »bespritzen«) erst seit wenigen Jahren als Begriff die Bühne betreten hat und Diskrepanzen zwischen Beschriebenem und Bezeichnung Teil der und auch dieser Geschichte des Spritzens sind, auch wenn ich einiges sprachlich angepasst habe.

In Spritzen zeichne ich die Geschichte orgiastischer Flüssigkeiten von Frauen und Menschen mit Vulva nach. Die Konzepte dieser Säfte und auch die für sie verwendeten Termini haben sich dabei stetig verändert. Der Begriff der »weiblichen Ejakulation« hat sich vor über hundert Jahren in der westlichen Welt durchgesetzt, um eruptive sexuelle Flüssigkeiten von Frauen zu benennen. Heute steht im Zentrum der nicht-wissenschaftlichen Debatten das »Squirten«. Die Bezeichnung hat in den letzten Jahren eine enorme Popularisierung erfahren und ist vom Porno-Genre zum (beinahe) Allerweltsthema avanciert. »I am a squirter«3, identifiziert sich 2021 denn auch folgerichtig eine Schülerin der Moordale Secondary, Handlungsort einer populären britischen Coming Of Age-Serie, nicht etwa »I am an ejaculator«, wie ihre Spritz-Ahninnen rund 40 Jahre zuvor. Dass die weibliche Ejakulation heute seltener beschrieben und thematisiert wird, liegt sicherlich auch an der von einigen als problematisch wahrgenommen Bezeichnung. Folgt man den jüngeren Forschungsergebnissen, müssen wir allerdings mit beiden Begriffen, Ejakulation und Squirten, arbeiten.

Die Aufteilung von Menschen in genau zwei Kategorien, Mann und Frau, und die Klassifizierung von Fähigkeiten, Eigenschaften und Verhaltensweisen in »männlich« und »weiblich« hat eine lange Tradition – und ist wissenschaftlich überholt. Das Konzept der Binarität beschneidet Identitäten, verhindert Vielfalt, erzeugt und erhält Hierarchien. In der vorliegenden Geschichte der genitalen sexuellen Flüssigkeiten von als Frauen gelesenen Menschen werde ich allerdings mit diesen Kategorien arbeiten und arbeiten müssen. Denn mit ihnen wurde die Welt jahrtausendelang gesehen, verstanden und erklärt. Die im Zuge meiner Recherchen gemachten Funde, die über das Konzept der Zweigeschlechtlichkeit hinausweisen wie beispielsweise der Zusammenhang zwischen weiblichem Samen und den inter- oder transgeschlechtlichen Hijras, sind selbstverständlich Teil meines Buches geworden.

Der Begriff der »weiblichen Ejakulation« verbindet Anatomie und soziales Geschlecht. Das ist problematisch. Ich bin von geschlechtlicher Vielfalt überzeugt und davon, dass Anatomie und geschlechtliche Identität nicht in eins fallen müssen. Dem Begriff der »weiblichen Ejakulation« gelingt allerdings etwas, was bei Wortneuschöpfungen wie z. B. »vulvarische Ejakulation« verloren geht: Wer »weibliche Ejakulation« hört, denkt sofort an »männliche Ejakulation« – und findet sich damit stante pede im Spannungsfeld von Unsichtbarkeit und Sichtbarkeit, nie gehört und altbekannt und all den wichtigen Fragen, die damit einhergehen. »Weibliche Ejakulation« oder auch »weibliche Prostata«, die von einem patriarchalen Blick auf Körper lange Zeit unsichtbar gemacht und nicht benannt wurden, beziehen sich sprachlich unmittelbar auf ihr »männliches« Pendant und verweisen so auf die physische Ähnlichkeit menschlicher Körper. Einem Neologismus wie »vulvarische Ejakulation« steht kein Begriff für die Ejakulation von Menschen mit Penis zur Seite. Damit reproduziert der Begriff einen Vorgang, der typisch ist für einen patriarchalen Blick auf »die Frau«: die Ejakulation von Menschen mit Vulva wird zum (sprachlichen) Sonderfall (»vulvarische Ejakulation«), während die Ejakulation von Menschen mit Penis das Allgemeine, Normale bleibt (»Ejakulation«). Für mich ist der Begriff deshalb keine überzeugende Alternative. Das Begriffspaar »Vulva-Ejakulation« und »Penis-Ejakulation« ist eine naheliegende und wie ich finde zweckmäßige Option, die ich gelegentlich auch in diesem Buch verwende. In einer Welt, in der die Fluidität von sex und gender allgegenwärtig und allen vertraut sein wird, werden wir nur noch von Ejakulation sprechen. Und wissen, dass sie eine Flüssigkeit von Menschen aller Geschlechter ist.

Den Leser:innen meines Buches danke ich für die vielen Rückmeldungen zu Spritzen und den Austausch über eine körperliche Möglichkeit, die besorgen und ängstigen, aber auch begeistern und euphorisieren kann. Den Forschenden und Aktivist:innen im Themenfeld danke ich für ihr Engagement und ihre Hartnäckigkeit. Und der Edition Nautilus mein großes Dankeschön für den verlegerischen Mut und die wunderbare Begleitung in den vergangenen Jahren.

Stephanie Haerdle, November 2023, Berlin

VORWORT

Is it so frightening to believe that woman can,in a sense, ejaculate too?

Juliet Richters, Bodies, Pleasure and Displeasure1

Die Gesellschaft kann die weibliche Ejakulation genau deswegen nicht anerkennen,weil sie Männer und Frauen gleich macht.

Fanny Fanzine2

Auch Frauen spritzen beim Sex? Aber ja doch! Bis zu 69 Prozent3 aller Frauen ejakulieren und/oder squirten beim Kommen. Egal ob Frauen einen Teelöffel voll Flüssigkeit verspritzen oder ihrem Höhepunkt das Auswringen der Bettlaken folgt – Frauen und ihre Partner:innen lieben diesen Aspekt weiblicher Sexualität. Eine 2013 veröffentlichte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass 78,8 Prozent der Femmes-Fontaines, wie die spritzenden Frauen in Frankreich genannt werden,4 und 90 Prozent ihrer Partner:innen die Ejakulation als »Bereicherung ihres Sexuallebens«5 erleben. Trotzdem werden Ejakulation und Squirting auch heute noch kontrovers diskutiert. Für die Einen sind sie ein Mythos, für die Anderen sexueller Alltag. Was weiß man wirklich über diesen Aspekt weiblicher Lust, welche Forschungsergebnisse gibt es und weshalb liegen noch immer so viele Details im Dunkeln? Gibt es eine »Geschichte der weiblichen Ejakulation«? Wie dachte man, was wusste man zu anderen Zeiten über das Fließen und Spritzen der Frau? Was wurde wieder vergessen und warum? Wie wurde das Phänomen interpretiert und instrumentalisiert? Wie erklärte man sich in früheren Kulturen die Ergüsse, in welche Vorstellungen von Körper, Lust, Sex und Zeugung fügten sich die vulvarischen Säfte zum Beispiel in erotischen Schriften Chinas oder Indiens ein? Kannte die griechische und römische Antike den Freudenfluss und wie interpretierten die nahezu ausschließlich männlichen Ärzte, Philosophen und Dichter die Flüssigkeiten in Mittelalter und Früher Neuzeit? Wie und von wem wurde das weibliche Spritzen wiederentdeckt und von welchen Vorstellungen, Fantasien und Ängsten war die Rückeroberung begleitet? Wie also sieht die Kulturgeschichte dieser expressiven genitalen Flüssigkeiten aus?

Die Suche nach Spuren und Zeugnissen weiblicher Säfte führt bis weit in die vorchristliche Zeit und rund um den Erdball. Und die Funde überraschen: Jahrtausendelang war die Ejakulation sowohl für den Mann als auch für die Frau ein selbstverständlicher Teil sexuellen Erlebens. In Europa wurde die weibliche Ejakulation überhaupt erst ab dem späten 19. Jahrhundert geleugnet, bekämpft, verdrängt, tabuisiert und schließlich weitgehend vergessen.

Interessant an ihrer Geschichte ist aber nicht nur, in welchen Kulturen, wann und warum sie selbstverständlicher Ausdruck weiblicher Sexualität gewesen ist. Spannend ist auch, warum die Vulva-Ejakulation immer wieder vergessen, abgelehnt oder als »männliche Sexfantasie«6 ins Reich des Fantastischen verbannt wurde, bis die Vorstellung einer spritzenden Frau geradezu obszön schien.

Ein japanischer Holzschnitt zeigt einen Mann, der die orgasmische Flüssigkeit einer Frau auffängt

Die Geschichte der vulvarischen Säfte ist auch eine Geschichte der Frau und ihrer Lust, des weiblichen Körpers, seiner Verehrung und Abwertung. In vielen Kulturen entsprach das Ejakulat dem männlichen Erguss. Beide Flüssigkeiten wurden als manchmal gleichrangige, manchmal unterschiedlich wertvolle, immer aber als einander ergänzende »Zeugungsstoffe« gedeutet. Insbesondere in den Kulturen, in denen der weibliche Körper als ein dem männlichen Körper sehr ähnlicher interpretiert wurde und in denen Sex und weibliche Lust einen hohen Stellenwert hatten, spritzte auch die Frau. Als Ei- und Samenzelle unter dem Mikroskop sichtbar und die menschlichen Zeugungsvorgänge verstanden wurden, verschwand die weibliche Ejakulation zwar nicht aus den Betten, wohl aber aus dem medizinischen Diskurs, der jetzt die Deutung dieser Flüssigkeit prägte. Nun, da in der Eizelle der weibliche Beitrag zur Zeugung erkannt worden war, war der »weibliche Samen« bedeutungslos. »Was nicht auf Zeugung gerichtet oder von ihr überformt ist, hat weder Heimat noch Gesetz. Und auch kein Wort. Es wird gleichzeitig gejagt, verleugnet und zum Schweigen gebracht. Es existiert nicht nur nicht, es darf nicht existieren (…)«, schreibt Michel Foucault.7

Aber auch die Unterdrückung weiblicher Lust – empfand die Frau überhaupt Lust?, fragten sich Ärzte im 19. und frühen 20. Jahrhundert –, die Tabuisierung von Sex, der Entwurf des weiblichen Körpers als explizites Gegenstück zum männlichen, das »Dogma des komplementären Geschlechts« (Laura Méritt)8 sowie die Vaginafeindlichkeit eines Teiles der Zweiten Frauenbewegung trugen dazu bei, dass die weibliche Ejakulation zum Mythos erklärt wurde.

Für unzählige Frauen und Menschen mit Vulva aber ist das Abspritzen auch heute ein selbstverständlicher Aspekt ihrer Sexualität. Warum wird Ejakulation und Squirting mit solcher Skepsis begegnet?

EIN SCHRITT VOR, ZWEI ZURÜCK

Seit den 1980er Jahren erschienen etliche Untersuchungen und Studien zur weiblichen Ejakulation, seit 2011 ergänzt durch Forschungen zum Squirting. Mediziner:innen untersuchten die Phänomene anatomisch, biochemisch, endoskopisch und radiologisch, sie gingen ihnen mit Ultraschall und Kernspintomografie auf den Grund. Und trotzdem sind sich Sexualwissenschaftler:innen, Urolog:innen, Patholog:innen, Anatom:innen und Gynäkolog:innen bis heute nicht einig, wo und wie genau die Flüssigkeiten entstehen und wie und wohin Frauen ejakulieren und squirten. Irritierenderweise wurden und werden neue Erkenntnisse zum Spritzen und zu den Teilen der weiblichen Anatomie – weibliche Prostata, Klitoriskomplex, Harnröhre (Urethra) –, die mit ihm in engster Verbindung stehen, immer wieder »vergessen«. So hat zum Beispiel das Federative International Committee for Anatomical Terminology (FICAT), dessen Ziel die Festlegung einer international einheitlichen, verbindlichen medizinischen Terminologie ist, 2001 beschlossen, den Begriff »weibliche Prostata« (»female prostate«) in die nächste Ausgabe der weltweit geltenden Terminologia Histologica aufzunehmen. In der 2019 veröffentlichten Ausgabe der Terminologia Anatomica des Federative International Programme for Anatomical Terminology (FIPAT), einer Nachfolgeinstitution der FICAT, werden als Standardbegriffe »para-urethral glands of female urethra« bzw. »para-urethral ducts of female urethra« verwendet und »female prostate« nur als ein weiterer Terminus aufgeführt. Ein Rückschritt. Sucht man heute in aktuellen medizinischen Standardwerken und Lehrbüchern nach Informationen über die weibliche Prostata oder konsultiert populäre Online-Portale, wird man enttäuscht: Falls die weibliche Prostata erwähnt wird, dann vereinfachend und ohne eine einheitliche Terminologie zu verwenden.9 Dass die weibliche Prostata ein funktionierendes Organ ist und das Homolog (also auf die gleiche embryologische Anlage zurückzuführen) der männlichen Prostata, bleibt meist unerwähnt.10 Die Prostata und die Ejakulation werden in der Regel ausschließlich im Zusammenhang mit dem männlichen Körper beschrieben und erklärt.11 Die Artikel zur »Prostata« in der deutschen Wikipedia oder auf NetDoktor sind Beiträge zur männlichen Vorsteherdrüse.

Medizin und Anatomie waren und sind keine stable sciences, sondern geprägt von sozialen, kulturellen, politischen und ökonomischen Faktoren. Lange lagen sie in der Hand von Männern und wurden so von männlichen Perspektiven, Wünschen und Bedürfnissen geformt. Strukturen des weiblichen Körpers, die nicht in ein bestimmtes Konzept von Weiblichkeit passten, wurden nicht wahrgenommen oder ignoriert. Gesellschaftlich verankerte Frauenverachtung spiegelte sich auch im Desinteresse am weiblichen Körper, seiner Anatomie, sexuellen Reaktion und Lust. Frauenkörper wurden lange als minderwertige Ausgaben des männlichen Körpers verstanden. Selbst heute lesen sich einige Formulierungen in Standardwerken der Medizin noch wie ein schwaches Echo dieser Sichtweise: Die weibliche Urethra sei »nur« drei bis fünf Zentimeter lang, die Muskelschicht der Scheide »nur«12 schwach entwickelt, die Klitoris entspreche »entwicklungsgeschichtlich dem Penis«13 (dass das männliche Genitale auch als »Abweichung von der grundsätzlich weiblichen Strukturierung« verstanden werden kann, wird Mary Jane Sherfey zeigen, die den Penis als »wuchernde Klitoris«14 interpretiert).

Männer sahen, was sie sehen wollten, und Männer erforschten oder finanzierten, was sie interessierte, auch deshalb, weil Frauen der Zugang zu Wissenschaft und Forschung so lange verschlossen war. Anna Fischer-Dückelmann, eine der ersten Frauen, die Medizin studierten, bedauert in ihrem 1900 veröffentlichten Bestseller Das Geschlechtsleben des Weibes: »Untersuchungen über das Geschlechtsleben existierten bis jetzt nur von dem Manne und in wissenschaftlich ernster Form nur für den Mann. Er allein erforschte es, er allein machte auch das Weib zum Gegenstand des Studiums.«15

Der weiblichen Sexualanatomie und Lust wurde überraschend lange nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt und selbst heute gelten Sexualität und Anatomie der Frau als »partie obscure et inconnue de la médecine«16. Das weibliche Geschlechtsorgan wurde lange insbesondere im Hinblick auf seine reproduktiven Aufgaben und seine sexuelle Funktion für den Mann (vaginale Penetration) beschrieben, erklärt und definiert. »Der Eingang der Mutterscheide hat eine dem männlichen Glied angemessene Größe«17 heißt es beispielhaft in einer Publikation von 1800.

Das weibliche Genitale wurde in Anatomiebüchern jahrhundertelang unvollständig dargestellt. Sein Verschwinden-Lassen aus dem medizinischen Diskurs und der öffentlichen Wahrnehmung ist für die androzentrische »Erforschung« des Frauenkörpers exemplarisch und wurde jüngst als »einer der größten Diebstähle der Geschichte«18 bezeichnet. Dass die Klitorisperle nur der sichtbare Teil eines viel größeren, komplex agierenden, bei Erregung anschwellenden Organs ist, wurde im 20. Jahrhundert immer wieder erklärt: Alfred Benninghoff und Kurt Goerttler zeigen in ihrem Lehrbuch der Anatomie des Menschen (1957) eine präzise Zeichnung und Beschreibung der Klitoris des Menschen, die u. a. 1974 in der DDR in der dreibändigen Ausgabe Sexuologie. Geschlecht, Mensch, Gesellschaft (1974) reproduziert wird,19 die US-amerikanische Psychiaterin Mary Jane Sherfey beschreibt die tief in den Körper reichenden Strukturen der Klitoris in den 1960er Jahren, die feministische Frauengesundheitsbewegung verbreitet die neue Darstellung der Klitoris in den 1980er Jahren u. a. über den Bestseller Frauenkörper – neu gesehen, die australische Urologin Helen O’Connell »entdeckt« Ende der 1990er Jahre die innere Klitoris und vermarktet diese »revolutionäre« Entdeckung medienwirksam. Trotzdem ist es heute alles andere als Allgemeinwissen, dass das sichtbare Stück der Klitoris nicht »die Klitoris« ist. Die Klitoris umfasst neben Perle und Kapuze noch Schaft, Körper (bis zu 4 cm lang), zwei Schenkel von bis zu 9 cm Länge und zwei Schwellkörper. Der sichtbare Kopf weist mit mehreren Tausend Nerven- und Sinneszellen »die höchste bekannte Versorgung mit sensorischen Nervenendigungen«20 auf. Und ist doch nur die Spitze des Eisbergs.

Zeichnung aus

Sexuologie. Geschlecht, Mensch, Gesellschaft

(1974). 10

Glans clitoridis

/Eichel des Kitzlers; 11

Crus clitoridis

/Schwellkörperschenkel des Kitzlers; 12 äußere Harnröhrenmündung; 13 Vorhofschwellkörper; 14 Scheideneingang; 15 Bartolinische Drüse

Sylvia Groth und Kerstin Pirker resümieren 2009 in clio, der vom Berliner Feministischen Frauen Gesundheits Zentrum herausgegebenen Zeitschrift für Frauengesundheit: »Diese Erfahrungen und das durch Selbstuntersuchungen erworbene Wissen über Klitoris, Vulva und Vagina der Frauengesundheitsbewegung der 70er Jahre schlugen sich nicht in den sexualpädagogischen Materialien nieder, sie fanden und finden sich nicht in der medialen Berichterstattung, nicht in Schulbüchern, in Literatur oder Film. Die neue Sicht der Klitoris und der weiblichen Sexualität hat bisher auch kaum Eingang gefunden in die Ausbildung der Gesundheits- und Bildungsberufe, z. B. der Ärztinnen.«21

Nicht nur der Transfer bedeutender Forschungsergebnisse aus der Wissenschaft in die Öffentlichkeit ist oft missglückt, auch Expert:innen wissen häufig zu wenig. Der Wiener Urologe Florian Wimpissinger, der zu weiblicher Prostata und Ejakulation geforscht und publiziert hat, wundert sich: »Interessant ist, dass selbst anatomisch und chirurgisch versierte Spezialisten aus den Reihen der Fachärzte für Urologie und Gynäkologie sowie Anatomie die Frage nach der Existenz einer Prostata der Frau meist nicht sicher beantworten können.«22 Oder, um eine US-amerikanische, auf Vaginalschmerzen (Vulvodynie) spezialisierte Ärztin und Therapeutin zu zitieren: »Was die medizinische Versorgung und das Wissen um den Bereich der Vagina betrifft, befinden wir uns absolut im Mittelalter.«23 Wer hätte gedacht, dass die Anatomie und Physiologie von Vagina, Klitoris und Harnröhre auch im 21. Jahrhundert noch zu Teilen unerforscht ist? Die disparaten Sichtweisen auf Ejakulation, Squirting und die Prostata der Frau spiegeln dieses fehlende Wissen und das mangelhafte oder widersprüchliche Verständnis weiblicher Sexualphysiologie.

Ein weiteres Hindernis in der Erforschung der Vulva-Säfte war und ist die medizinische Trennung des weiblichen Harn- und Genitalsystems. Beide werden als »funktionell vollständig voneinander getrennt«24 beschrieben und erforscht. Damit sind zum einen die Urolog:innen, zum anderen die Gynäkolog:innen für die Organe und die sie umgebenden Strukturen »zuständig«. Dabei haben sich beide Organsysteme aus einer gemeinsamen embryologischen Anlage, dem Sinus urogenitalis, entwickelt und Gebärmutter, Vagina und Harnröhre sind eng miteinander verbunden. So ist beispielsweise die Harnröhre fast über ihre ganze Länge in das Bindegewebe der vorderen Vaginalwand eingebettet. Um Ejakulation und Squirting zu verstehen, müssen Ergebnisse aus urologischer und gynäkologischer Forschung zusammengebracht, müssen Klitoriskomplex25, Harnröhre, Prostata und Vagina als anatomische und funktionale Einheit begriffen werden. Daraus folgt zum Beispiel auch, wie u. a. die Psychologin Josephine Lowndes Sevely nachgewiesen hat, dass die weibliche Harnröhre ein Sexualorgan ist.

IM ANFANG WAR DAS WORT

Benennungen sind unerlässlich, um das, worüber gesprochen wird, zu identifizieren, sich darüber auszutauschen und um »das Bewußtsein für die einzelnen, unterschiedlichen Teile zu schärfen«.26 Ejakulation kommt von eiaculari, lateinisch für »auswerfen«, »herausschleudern«, und bezeichnet das Ausstoßen von Flüssigkeit, oft, aber nicht immer, während des Orgasmus. Obwohl der Anteil an Spermien im männlichen Ejakulat weniger als ein Prozent am Gesamtvolumen beträgt und der Begriff »Ejakulation« auch beim samenlosen Ejakulat (zum Beispiel beim präpubertären Jungen) verwendet wird, wird er umgangssprachlich mit »Samenerguss« gleichgesetzt und das Ejakulat auch als »Sperma« bezeichnet. Aber ejakulieren nicht auch sterilisierte Männer? Niemand würde »auf die Idee kommen, einem Mann, dessen Samenleiter durchtrennt sind, die Ejakulation abzusprechen«.27 Die Orgasmen von Mann und Frau entsprechen einander in fast jedem physiologischen Detail. Was spricht also dagegen, die homologen Vorgänge bei beiden als Ejakulation zu bezeichnen? Verwendet man den Begriff der »Ejakulation« im Sinne einer »Entleerung der Sexualstoffe«, lässt er sich sowohl auf Männer als auch auf Frauen anwenden.

Folgt man historischen Quellen zu expressiven, genitalen Flüssigkeiten der Frau, stößt man auf das Problem der Übersetzung. Nur selten kannten und kennen die Übersetzer:innen die weibliche Ejakulation, das Squirten wird überhaupt erst seit kurzem unter diesem Begriff bezeichnet und beschrieben, Vorgänge und Flüssigkeiten, die wir heute als Ejakulation und Squirting verstehen, verschwinden bei der Übertragung aus dem Originaltext. So wird lustvolles Spritzen zu »vaginaler Flüssigkeit«, »vaginaler Lubrikation«, »Ausfluss«, »Gonorrhoe«, »Leukorrhoe«, »Schleim« oder »Saft«. Und »was nicht benannt ist, wird mit der Zeit auch nicht mehr wahrgenommen und erlebt«, schreibt Sabine zur Nieden in ihrer Untersuchung zur weiblichen Ejakulation, die den schönen Untertitel »Variationen zu einem uralten Streit der Geschlechter« trägt28 (Allerdings gibt es unter den Ejakulations-Skeptiker:innen auch Frauen, dazu später mehr …).

Einige wenige Wissenschaftler:innen haben alte erotische oder sexualwissenschaftliche Texte mit dem Wissen um weibliche Prostata und weibliche Ejakulation übersetzt. So zum Beispiel der Sinologe Rudolf Pfister, die Indologin Renate Syed oder der Mediziner Karl F. Stifter. Wie können Ejakulation und Squirting in den Flüssigkeitsbeschreibungen alter Texte »identifiziert« werden, wenn die Terminologie nicht eindeutig ist? Um sie von anderen sexuellen Flüssigkeiten unterscheiden zu können, sollten die beschrieben Säfte mindestens eine der folgenden Eigenschaften haben: Die Flüssigkeit tritt beim Sex aus Harnröhre oder Vulva aus, ist aber kein Urin,29 der Erguss tritt kurz vor, nach oder parallel zum Höhepunkt aus und wird von einem intensiven Lusterlebnis begleitet, die Flüssigkeit unterscheidet sich quantitativ deutlich von »normaler« Scheidenflüssigkeit, sie ergießt sich schneller, spritzender oder mit mehr Druck als die vaginale Lubrikation.

Die in der Literatur angegebene Zahl der Frauen, die beim Sex spritzen, schwankt erheblich und liegt zwischen 10 und den bereits erwähnten 69 Prozent.30 Bei einer Umfrage unter 5000 Nutzerinnen des Erotik- und Datingportals JOYclub geben knapp 70 Prozent der befragten Frauen an, schon einmal »gesquirtet« zu haben.31 Trotz dieser hohen Zahl ist es wahrscheinlich, dass viele Frauen nicht wissen, dass sie ejakulieren und/oder squirten. Sie halten jede ihrer Sexualflüssigkeiten für Vaginalflüssigkeit und für größere Flecken im Bett ist der Mann »verantwortlich«. Ist sie doch ganz sicher, beim Sex Flüssigkeit verspritzt zu haben, muss es – meinen viele peinlich berührt – Urin sein. Auch dazu später mehr.

Details der urogenitalen Anatomie unterscheiden sich oft deutlich von Frau zu Frau. Auch Spritzen und Prostata überraschen mit beeindruckender Varianz und Vielfalt. Es variieren nicht nur Größe, Form und Lage der Prostata, auch die Vulvasäfte sind mal so, mal so: durchsichtig oder milchig, dünnflüssig oder cremig, mal werden Teelöffelmengen beschrieben, mal ein halber Liter aufgefangen und auch Duft und Geschmack verändern sich. Manche Frauen erkennen und beschreiben, wie Zyklus, Ernährung und Stress die Menge und Beschaffenheit ihres Ejakulats beeinflussen. Jüngere Studien erklären die große Variabilität damit, dass beim weiblichen Spritzen zwei unterschiedliche Säfte parallel oder kurz nacheinander ausgestoßen werden: das weißliche, dickflüssige Prostatasekret und eine zweite, klare und wässrige Flüssigkeit, die aus der Blase stamme, aber kein Urin sei. Da sich die Flüssigkeiten deutlich unterscheiden, solle im ersten Fall von »weiblicher Ejakulation«, beim zweiten von »Squirting« gesprochen werden, empfehlen Alberto Rubio-Casillas und Emmanuele A. Jannini 2011.32 Die These der Forschenden wird in den Folgejahren vielfach aufgegriffen und setzt sich langsam durch. Die expressiven, genitalen Säfte von Frauen und Menschen mit Vulva sind entweder Ejakulation oder Squirting oder eine Mischung aus beidem.

Wo Frauen und Menschen mit Vulva sich stimulieren oder stimuliert werden, ist für Ejakulation und Squirting unerheblich. Sie spritzen bei vaginaler Stimulation, Stimulation der Klitorisperle oder beim Analverkehr.33 Auch Frauen haben »feuchte Träume«. 13 von 320 Befragten haben, so eine 2013 publizierte Studie,34 schon eine Ejakulation im Schlaf erlebt. Die Femmes-Fontaines und ihre Partner:innen stehen dem wet sex ganz klar positiv gegenüber. »Weibliche Ejakulation ist im Paarbetrieb ein Feieranlass für jeden Mann. Als konkretes Zeugnis weiblicher Lust und Hingabe zeigt es an, dass Mann irgendetwas richtig gemacht haben muss. High Five!«,35 schreibt ein glücklich Betroffener im Online-Forum JOYclub.

Trotzdem: Bald 40 Jahre nachdem die feministische Frauengesundheitsbewegung und der US-amerikanische Weltbestseller Der G-punkt. Das stärkste erotische Zentrum der Frauen die weibliche Ejakulation popularisiert und ins Bewusstsein Vieler gerückt haben, enden noch immer etliche Forschungsarbeiten zum Thema mit dem eindringlichen Appell, weiter zu forschen. Was in den letzten Jahrtausenden über die vulvarischen Ergüsse gewusst, geschrieben und gedichtet wurde, zeigt dieses Buch. Rollen wir den roten Teppich aus für nasse Betten, weibliche Säfte, feuchte Orgasmen und die Femmes-Fontaines.

MAULBEERBÄUME UND JADEWASSER – VULVARISCHE ERGÜSSE IN TEXTEN AUS DEM ALTEN CHINA

DAS SPIEL VON WOLKEN UND REGEN

Im alten China ist Sex hoch angesehen. Die erotische Begegnung und die sexuelle Vereinigung von Mann und Frau sind Kulturtechnik, Körperkunst, medizinische Anwendung und beglückende Lusterfüllung in einem. In der sexuellen Begegnung von Mann und Frau spiegeln sich universale, kosmische Kräfte. Schläft ein Paar miteinander, vereinigen sich Himmel und Erde. Yün-yü, das Spiel von Wolken und Regen, ist ein jahrtausendealter und bis heute geläufiger Begriff für das Liebesspiel, und die Vermischung der sexuellen Säfte wird sowohl in den alten Sexhandbüchern vorchristlicher Zeit als auch in der mittelalterlichen erotischen Literatur gefeiert.1 Sex ist viel mehr als nur ein Akt der Reproduktion. Sex erhält die Gesundheit beider und harmonisiert das Verhältnis der Geschlechter. Die körperliche Lust ist zugleich eine spirituelle, Sex ist physische und spirituelle Therapie und kann Erleuchtung und ein langes Leben schenken.

Die Welt gründet auf zwei komplementären Aspekten: yang und yin. Yang ist das positive, yin das negative Prinzip, yang steht für Himmel, Sonne, Feuer, Licht, Sommer und den Mann, yin für Erde, Mond, Wasser, Dunkelheit, Winter und die Frau. Yin und yang beziehen sich aufeinander, sie ergänzen sich und stellen so ein lebendiges, fließendes Gleichgewicht her. In der körperlichen Begegnung von Mann und Frau wiederholt sich dies. Miteinander vervollständigt man sich, im fließenden Spiel wird aus zwei Gegensätzen ein Ganzes. Flüssigkeiten wie Speichel, Schweiß, Milch und sexuelle Säfte zirkulieren zwischen den Körpern. Man trinkt einander, atmet den Atem und den Duft des Liebsten, nimmt die Energie und die Kraft des Geliebten über alle Öffnungen des Körpers auf. Sex ist essenziell, um die Kraft und Gesundheit zu erhalten, den Fluss der ch’i-Energie anzukurbeln und vielleicht sogar unsterblich zu werden. Bekommt ein Mann zu wenig yin, kann er sterben.2 Mann und Frau begegnen sich im Sex als Ebenbürtige, kein Körper ist dem anderen überlegen. In einem wichtigen Punkt unterscheiden sich Mann und Frau allerdings erheblich: Dem Mann steht sein Samen nur in begrenzter Menge zur Verfügung, während die genitalen Säfte der Frau aus unerschöpflichen Quellen fließen und nie versiegen. Während der Mann seine Ejakulation deshalb kontrollieren muss, der Verlust seines Samens ihn schwächt und wertvolle Lebenskraft kostet, kommt die Frau mehrmals zum Orgasmus und ejakuliert so häufig wie möglich. In diesem Konzept von Sex und Erotik ist die Frau potent. Sie spendet ihre wertvolle Flüssigkeit großzügig und genießt ihre unbegrenzte Lust. Als idealer Sex gilt häufiger, langsamer und abwechslungsreicher Sex, bei dem die Frau kommt und ejakuliert, der Mann seine Energien genussvoll auffrischt und nur dann ejakuliert, wenn eine Schwangerschaft erwünscht ist (als fruchtbare Zeitspanne gelten die fünf Tage nach dem Ende der Menstruation).

Wie genau sieht dieser »ideale« Sex aus? Wie berührt und küsst man sich, um die weiblichen Säfte zum Fließen zu bringen? Wie feiert man die gemeinsame Lust und die körperliche Vereinigung? Und wie hütet man sich vor »falschem« Sex, Sex, bei dem der Mann ejakuliert, die Frau aber nicht auf ihre Kosten kommt? All das erklären die chinesischen Sexhandbücher, die ältesten unter ihnen vor mehr als 2000 Jahren geschrieben. Sie sind die Aufklärungs- und Ratgeberliteratur der chinesischen Oberschicht und werden zum Beispiel zur Hochzeit verschenkt. Texte wie das Sexhandbuch von Master Wu-Ch’eng (Wu-ch’eng-tzu-yin-tao) oder Über das Vereinen von Yin und Yang (Hé yīn yáng) beschreiben den menschlichen Körper, die sexuelle Reaktion und den Höhepunkt präzise und erläutern die gesundheitlichen Auswirkungen körperlicher Erregung und Vereinigung. In Diskussion der optimalen Methode unter den Himmeln (Tiān xià zhì dào tán), einem über 2200 Jahre alten Text, heißt es erklärend:

»der mensch wird geboren und hat zweierlei nicht zu lernen:

zum einen das atmen und zum andern das essen.

ausser diesen zweien gibt es nichts,

was nicht zu erlernen und einzuüben wäre.

darum ist, was das leben reproduziert, das essen,

was das leben mindert, die sinneslust;

für weise personen ist es darum

beim vereinen von mann und frau unumgänglich

über verhaltensrichtlinien zu verfügen.«3

Jīng, der »Seim«, ist eine der wichtigsten Körperflüssigkeiten. Der Begriff umfasst alle Säfte, die weißlich oder halbdurchsichtig, zähflüssig oder schleimig sind. Speichel, Schweiß und Milch sind jīng, die männlichen und weiblichen Sexflüssigkeiten sind jīng. Das Ejakulat des Mannes wird auch als yīng jīng bezeichnet, »Seim der verborgenen Partien«4. Die jīng-Essenz der Frau umfasst all ihre genitalen, sexuellen Flüssigkeiten: Die Feuchtigkeit der Vagina, die gleich zu Anfang des Vorspiels einsetzt, und eine zweite, quantitativ weit darüber hinausgehende Flüssigkeit, die kurz vor oder parallel zum Höhepunkt aus der Vulva oder Harnröhrenöffnung fließt oder spritzt – die weibliche Ejakulation. Dieser Saft hat viele Namen: yīng jīng, ch’i5, Brunnensaft, Ambrosia, Mondblumenwasser, Pfirsich- oder Melonensaft.6 Der Mann kann ihn mit seinem Penis »trinken« (he), »konsumieren« (shih) oder »inhalieren« (hsi).7

Von der vorchristlichen Zeit bis ins 17. Jahrhundert gibt es kein chinesisches Handbuch über Sex, das nicht diesen wesentlichen Unterschied zwischen den Geschlechtern thematisiert. Der Seim des Mannes, Quelle seiner Gesundheit und Lebenskraft, muss mit größter Umsicht »verwaltet« werden. Jede sexuelle Begegnung kann ihn schwächen, krank werden und vor der Zeit altern lassen. Ein Mann zieht seinen größten gesundheitlichen Vorteil deshalb aus dem coitus reservatus und ejakuliert nur dann, wenn eine Schwangerschaft erwünscht ist. Der Verzicht auf den Samenerguss wird mit Gesundheit und Verjüngung belohnt. Eine gelungene sexuelle Begegnung kann weißes Haar wieder schwarz werden, ausgefallene Zähne nachwachsen lassen. Hält der Mann seinen Samen beim Orgasmus zurück, kann dieser über die Wirbelsäule ins Gehirn steigen und zu »geistiger Erhellung« und Erleuchtung führen. Der Mann, der

»sämigfeinen geist [den männlichen Samen; S. H.] hochschlürft,

vermag erst dauerhaft zu sehen

und mit himmel und erde gleichgestellt zu bestehen.«8

Ein hundertfaches Anwachsen seiner Kräfte verspricht der mittelalterliche Text Xuang Nü Chin (Lehrbuch des einfachen Mädchens oder Klassiker des einfachen Mädchens) dem Mann, der nicht ejakuliert:

»Sobald das Weib Freude verspürt, wird sie selbst anfangen, sich zu bewegen, und ihre Säfte werden frei zu fließen beginnen. Alsdann kann er so weit eindringen, wie es möglich ist. Wenn sie ihren Orgasmus erreicht hat, halten sie ein. Praktiziere dies, ohne [dein Sperma] zu verlieren, und deine Kräfte werden um das Hundertfache anwachsen.«9 Die unerschöpfliche yin-Essenz der Frau ist von anderer Qualität. Ihre Säfte sind für den Mann Nahrung und Medizin. Eine Frau darf ungestraft masturbieren oder mit anderen Frauen schlafen, denn es gilt: Je häufiger sie Sex hat, umso energiereicher werden ihre Säfte. Und davon profitiert wiederum ihr männlicher Partner. Der Mann setzt deshalb alles daran, seiner Partnerin sexuelles Vergnügen zu schenken, ihre Säfte zum Fließen zu bringen und den Koitus zu verlängern, damit er lange und reichlich »trinken« und »saugen« kann. Auch andere weibliche Substanzen wie Atem, Schweiß, Speichel oder Milch kräftigen ihn. Nichts aber schenkt ihm so viel Energie wie ihre yin-Essenz.10 Beim Sex kommt es zu einer Umkehrung der sozialen Rollen: Der Penis wird zum »Gast« in der Vagina der Frau. »Seimbedürftige« Männer, die die Frau um ihr yin beneiden, treffen beim Sex auf verschwenderische »Lebensspenderinnen«11.

Frauen erhitzen beim Sex nur langsam, kühlen aber, vergleichbar dem Wasser, auch nur langsam wieder ab. Deshalb lieben Frauen »Langsamkeit« (hsü) und »Dauer« (chiu) und verabscheuen »Hast« (chi) oder »Gewalt« (pao).12 Ein ausgedehntes Vorspiel gilt in den chinesischen Texten als unverzichtbar und Männer penetrieren ihre Partnerinnen erst spät, dann variantenreich. Flache und tiefe, schnelle und langsame Stöße wechseln einander ab. Alte Sexhandbücher beschreiben für die Penetration bis zu 30 Positionen wie »der Weg des Tigers«, »die kämpfenden Affen« oder »der umgekehrte Drache«. Chinesische Texte inszenieren den Geschlechtsverkehr als trickreiches Spiel um die lebensverlängernde Energie des jeweils anderen.13 Da nämlich auch Frauen vom Seim ihres Partners profitieren, versuchen sie, ihn zu »stehlen«. Verführt sie ihn zum unbeabsichtigten Samenerguss, ist sie Siegerin. Nichts ist gefährlicher als unkontrollierte Lust: »Wenn sich der Samen anzukündigen beginnt, verlasse schnell das Land! Mit einem Weib zu schlafen, ist wie auf ein galoppierendes Pferd mit morschen Zügeln aufzusitzen, wie am Rande eines tiefen Abgrunds zu wandeln, dessen Grund mit Schwertern gespickt ist, und in den zu fallen man sich fürchtet. Spare mit deinem Samen, damit dein Leben nicht ein Ende nimmt!«14 Eine unbefriedigte Frau ist nicht »zu halten« und Frauen, die beim ehelichen Sex nicht auf ihre Kosten kommen, setzen ihrem Ehemann beim Beischlaf mit fähigeren Liebhabern Hörner auf – das wissen schon vorchristliche Texte. Ist eine Frau sexuell hingegen erfüllt, beglückt das Zusammenleben in vielerlei Hinsicht. Für den Mann lohnt es sich unbedingt, ein guter Liebhaber zu sein und Ausdauer, Körperbeherrschung, Beobachtungsgabe, Empathie und »Technik« zu üben und zu vervollkommnen.

Damit sich Mann und Frau in Harmonie vereinigen können, soll der Mann lernen, die Lust der Frau zu »lesen«. Die alten chinesischen Texte zeichnen ihre sexuelle Reaktion lückenlos nach und geben präzise Anleitung, wie er auf welches Zeichen von ihr reagieren soll. Wie rötet sich das Gesicht der Liebsten, wie stöhnt und seufzt sie, wie krümmen sich ihre Zehen, wie hebt sich ihr Becken, wie duften und fließen ihre Säfte? Ist jetzt das Streicheln ihrer Arme angebracht, wünscht sie tiefes oder flaches Stoßen, schnelle oder langsame Bewegungen, einen Wechsel der Position oder ein Innehalten? Der weibliche Körper wird genau beobachtet, Farbe, Größe, Tiefe und Flüssigkeiten ihres Genitales mit Detailfreude und Poesie beschrieben. Die Texte kartografieren Teile der Vagina, für die wir heute höchstens Fachbegriffe kennen. Aber ein erotisches Wort, für die Fläche links und rechts neben dem Gebärmutterhals? Eine Wahrnehmung von und ein Wort für die Wände des Vaginalkanals, die G-Fläche ausgenommen?

Zwei über 2200 Jahre alte chinesische Texte, die »weltweit zu den frühesten erhaltenen zeugnissen eines solch detaillierten sexualwissens zählen«15, zeugen von diesem Blick auf Körper und Sex: die Bambustexte aus Mawangdui. Der Schweizer Sinologe Rudolf Pfister hat die Texte übertragen und kommentiert. Und er entdeckt in den uralten Aufzeichnungen zwei Phänomene, die mehr als zwei Jahrtausende später heftig debattiert werden: die Ejakulation und die G-Fläche der Frau.

MILCH-FRUCHT UND FLIESSGESCHEHEN – DIE BAMBUSTEXTE AUS MAWANGDUI

1973 werden in der chinesischen Provinz Hunan drei Grabstätten aus vorchristlicher Zeit entdeckt. Die luxuriösen Gräber der Familie Li enthalten Seidenkleider, Musikinstrumente, Kosmetika, Esskörbe, Lackgeschirr – und eine Bibliothek. Unter den 20 erhaltenen Texten sind heilkundliche Schriften und zwei über Sex. Die auf Bambusplättchen gepinselten Handschriften sind die ältesten erhaltenen chinesischen Zeugnisse, die den »weiblichen leib mit einer solchen ausführlichkeit zum thema machen«16. Die anonymen Autoren, zu denen vielleicht auch Frauen gehörten, beschreiben verdichtet und zärtlich Positionen, Bewegungen, Geräusche und Flüssigkeiten. Auch weibliche Ejakulation und Squirting sind Thema der Texte, die damit zu den frühesten heute bekannten Darstellungen der Phänomene gehören.

Der erste Text diskussion der optimalen methode unter den himmeln besteht aus 56 Bambusplättchen, der zweite, über das vereinen von yīn und yáng, ist mit 32 Schreibplättchen etwas kürzer.17 Beide erzählen vom Sex als Fest der Körper. Woran der Mann die Erregung seiner Liebhaberin ablesen kann und was dann zu tun ist, wird en détail erläutert:

»das fliessgeschehen steigt auf, ihr gesicht erhitzt sich:

gemächliches sich anhauchen.

die brustnippelchen härten sich, ihre nase schwitzt:

gemächliches umarmen.

die zunge wird wässrig und schlüpfrig:

gemächliches näherrücken.

die säfte senken sich, ihre schenkel befeuchten sich:

gemächliches betasten.

die kehle trocknet, sie schluckt speichel:

gemächliches anregen.

diese werden die fünf nachweise genannt.

diese werden die fünf begehren genannt.

besteigt sie erst, sind die nachweise komplett!«18

Die Vulva und die Vagina werden ähnlich präzise beschrieben wie die »fünf Nachweise«, die der Penetration vorangehen sollen. diskussion der optimalen methode unter den himmeln listet allein zwölf Stellen der weiblichen Genitalanatomie auf, die heute größtenteils nicht mehr zugeordnet werden können. Wer errät, was unter Haarnadel-Glanz, Wulst-Marke, Kürbis, Assel oder Mäusin, Korn-Frucht oder Milch-Frucht, Weizen-Zähnen, Gegen-Lauf oder Wider-Lauf, Trage-Stelle oder Traglast-Verengung, Rotes Fetzenkleid, Rote Öffnung, Stein oder Bollen-Stein zu verstehen ist?19 Gemeint sind u. a. Klitorisperle, innere und äußere Vulvalippen20, Fourchette (die Stelle, an der die inneren Vulvalippen unten zusammentreffen), Muttermund und Hymenalsaum. Beide Texte beschreiben die erotische Annäherung, das »Behauchen«, Küssen, Berühren, Betasten und »Anregen«, die Zeichen und Töne weiblicher Erregung – keuchen, jammern, stöhnen – ihre Bewegungen beim Sex und die vaginale Penetration in all ihren Variationen. Über den weiblichen Höhepunkt heißt es: »nachweise für das ›grosse finale‹:

nasen-schweiss, lippen-blässe,

hände und füsse stellen sich auf,

das gesäss haftet nicht mehr auf der matte,

[sondern] steigt empor und verlässt sie!

ein reifen und absterben, ein ausbilden und entfalten

der blüte.

gerade zu diesem zeitpunkt

dehnt sich am mittleren pol das fliessgeschehen aus,

dringt sämigfeiner geist in die speicher,

nunmehr entsteht geistige erhellung.«21

Das weibliche Ejakulat, hier das Fließgeschehen am mittleren Pol, seine Konsistenz und Farbe, sein Geruch und sein Geschmack, werden genau beschrieben. Es ist »rein und frisch«, grützeartig, cremig, sämig oder zähflüssig, es riecht nach Fischen oder Getreide und schmeckt »brackig«.22 Kurioserweise begegnet uns in den Texten aus Mawangdui und in weiteren altchinesischen Texten eine erogene Zone, die im 20. Jahrhundert zu den umstrittensten Quadratzentimetern weiblicher Anatomie zählen wird: Die Gräfenberg-Fläche, der legendäre »G-Spot«. Zur Darstellung und Bezeichnung dieses Bereichs in der Vagina wählen die chinesischen Autoren die kugelförmigen, orangeroten Blütenstände des Papiermaulbeerbaums (Broussonetia papyrifera). Rudolf Pfister erklärt:

»Mit der ›Milch-Frucht‹, jenem orangeroten Ball, der aus zahlreichen von einer fleischigen Hülle umgebenen Nussfrüchten gebildet wird, wählte man eine überaus treffende florale Vergleichsform. Auf Fotografien der oberen Vaginalwand zeigen sich feine Fleisch-Ausstülpungen, die sich bei Erregung vergrössern und dabei eine dunklere Farbe annehmen. Diese werden mit Himbeeren (Rubus idaeus) verglichen, eine weitere häufig zu findende Form hingegen sei eher knopfartig. Der reife Fruchtstand des Papiermaulbeerbaumes weist dieselbe Gliederungsart und Saftigkeit wie die Himbeere auf, beide haben eine kräftige rote Färbung: Genau diese Merkmale sind es, die sprachlich auf die Gräfenberg-Fläche übertragen wurden.«23 Das Bild der anschwellenden, spritzenden Milch-Frucht wird auch in chinesischen Texten verwendet, die deutlich jünger sind als die Bambustexte aus Mawangdui. Im mittelalterlichen Meister des Grotten-Dunkels (Dong Xuan Zi) stimuliert der Mann seine Partnerin »bis zum Beben« und bearbeitet »mit der Yáng-Spitze ihre Milch-Frucht«.24 Der spätkaiserliche Text Wundersame Abhandlung der Blanken Frau (Su Nü Miao Lun) veranschaulicht, wie »ihr roter Ball« gereizt wird: »Lasst die weibliche Person den linken Oberschenkel gerade und locker gestreckt halten, während sie den [rechten; S. H.] Oberschenkel beugt. Der Mann kauere hinter sie und egge die Jade [Vagina] nach Belieben; er klopfe ihre rote Perle und vollziehe das Verfahren siebenmal tief und achtmal flach. Hat sich ihr roter Ball (…) stark vergrößert, bewegt er sich flink und spritzt (…).« Der Mann nimmt das Ejakulat dann mit seinem Penis auf: »Die Methode ähnelt der Gold-Zikade, die sich an einen Baum klammert und Tau einsaugt; während des reinen Zirpens hält sie ihn im Mund gespeichert und spuckt ihn nicht mehr aus.«25

Nicht nur Darstellungen der G-Fläche, auch Beschreibungen der weiblichen Sexflüssigkeiten ziehen sich wie ein roter Faden von den altchinesischen Handbüchern bis zu jüngeren Handbüchern der Erotik. Diese Texte dokumentieren weibliche Ergüsse mit großer Selbstverständlichkeit. Ein Handbuch aus der Sui-Dynastie (581–618 n. u. Z.) erklärt, wie Sex als Pingpong-Spiel von Aktion und Reaktion richtig gespielt wird und Feuchtes sich in Nasses wandelt: Wird ihre Vagina feucht, kann er seine Partnerin langsam tiefer penetrieren. Tropft ihr Saft die Hinterbacken entlang, weiß er, dass sie seine Liebeskunst genießt.26 Auch das Hsiu-chen-yen-i, ein am Ende der Ming-Dynastie (1368–1644) populärer Text, schildert die gesundheitlichen Vorzüge der weiblichen Flüssigkeiten ausführlich. Hier sind es drei: Speichel, eine Flüssigkeit der Brüste und vaginale Sekretionen. Beim Sex soll der Mann diese »großartige Medizin der drei Hügel« trinken. Die Säfte stärken seine Sinne, vervielfachen die Lebenskraft und erneuern sein Blut. Die Medizin des unteren Hügels, der Vulva, komme aus dem Inneren der Vagina. Wenn die Frau erregt ist und sich ihre Wangen röten, öffnet sich das Tor in der Vagina und ihre Säfte fließen. Sammeln sich ihre Säfte im Innern der Vagina, nimmt der Mann die Medizin dort mit seinem Penis auf.27

Auch jenseits des Diskurses der Aufklärungs- und Sexhandbücher wird die ejakulierende Frau beschrieben. Ihr Saft ist nicht nur Nahrung und Medizin, er ist klares Indiz ihrer Lust und Entspannung. Was und wie erzählen literarische, erotische Texte von Milchfrucht, Jadewasser und Melonensaft?

WIE EIN KARPFEN IM SCHLAMME SCHWELGT

Die großen Romane der Ming-Zeit bestätigen den hohen Stellenwert von Erotik und Sex im alten China. Jin Ping Mei (Die Pflaumenblüte in der goldenen Vase) oder Li Yus Rou Pu Tuan (Andachtsmatten aus Fleisch