Spuk Thriller Doppelband 2020 - Jonas Herlin - E-Book

Spuk Thriller Doppelband 2020 E-Book

Jonas Herlin

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Beschreibung

Dieser Band enthält folgende Romane: Unheimlicher Nordsturm (Jonas Herlin) Ein schwarzer Wagen in Hamburg (Jonas Herlin) Ist es wahr, dass in Hamburg ein schwarzer, fahrerloser Leichenwagen Menschen tötet? So jedenfalls stellt sich die Sachlage dar, als die Reporterin Sandra Düpree für die Zeitung über einen unglaublichen Todesfall berichten will. Doch was hat ihr Kollege Broland damit zu tun? Er taucht immer an den Tatorten auf und gibt sich sehr zugeknöpft. Zu allem Überfluss verliebt Sandra sich auch noch in den geheimnisvollen Mann…

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Jonas Herlin

Spuk Thriller Doppelband 2020

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Inhaltsverzeichnis

Spuk Thriller Doppelband 2020

Copyright

​Unheimlicher Nordsturm: Thriller

Ein schwarzer Wagen in Hamburg: Unheimlicher Thriller

Spuk Thriller Doppelband 2020

Jonas Herlin

Dieser Band enthält folgende Romane:

Unheimlicher Nordsturm (Jonas Herlin)

Ein schwarzer Wagen in Hamburg (Jonas Herlin)

Ist es wahr, dass in Hamburg ein schwarzer, fahrerloser Leichenwagen Menschen tötet? So jedenfalls stellt sich die Sachlage dar, als die Reporterin Sandra Düpree für die Zeitung über einen unglaublichen Todesfall berichten will. Doch was hat ihr Kollege Broland damit zu tun? Er taucht immer an den Tatorten auf und gibt sich sehr zugeknöpft. Zu allem Überfluss verliebt Sandra sich auch noch in den geheimnisvollen Mann…

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2023 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Alles rund um Belletristik!

​Unheimlicher Nordsturm: Thriller

von Jonas Herlin
In dem kleinen Ort Ravenhude bei Hamburg ereignen sich seltsame Dinge. Menschen werden vom Blitz erschlagen und es kommt zu eigenartigen, allen meteorologischen Erkenntnissen zuwider laufenden Stürmen. Als dort der Fotograf Jim Rönckendorff unter mysteriösen Umständen verschwindet, lässt das der Hamburger Reporterin Sandra Düpree keine Ruhe. Sie will dem Geheimnis auf den Grund gehen.
Wer ist die geheimnisvolle Frau, die immer wieder schemenhaft auftaucht? Welche Rolle spielt eine uralte Hexenlegende? Und welches Geheimnis umgibt das alte Landhaus von Wilfried Doorn, das Jim Rönckendorff als Kulisse für seine Fotos verwenden wollte?
Sandra Düpree und ihr Kollege Tom Broland setzen alles daran, Licht ins Dunkel zu bringen.
Copyright
Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von
Alfred Bekker
© Roman by Author
Jonas Herlin ist ein Pseudonym von Alfred Bekker.
© dieser Ausgabe 2023 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen
Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Alle Rechte vorbehalten.
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Alles rund um Belletristik!
1
Ravenhude bei Hamburg…
Der See war grau wie Spinnweben. Mit einem leeren, in sich gekehrten Blick stand Birte am Ufer, während der leichte Wind, der über die Hügel strich, ihr durch das Haar wehte. Sie fröstelte.
Eine leichte Gänsehaut überzog ihre Unterarme. Ihre Lippen flüsterten einen Namen.
„Alina.“
Immer wieder zog es sie an diesen trostlosen Ort. Die Vegetation schien sich von den umliegenden Hügeln aus irgendeinem Grund zurückgezogen zu haben. Es war kaum Gras auf dem steinigen Boden zu sehen. Die knorrigen Bäume wirkten morsch und tot. Wie Ruinen einstigen Lebens. Der Geruch von Moder und Fäulnis stieg aus dem trüben See empor, an dessen Rändern sich eine grauweiße Salzschicht abgelagert hatte. Ein Ort des Todes!
Ein Ort, von dem sich das Leben zurückgezogen und einer Aura des Verfalls Platz gemacht hatte.
Ein leichtes Donnergrollen ließ Birte zusammenzucken. Aus den Augenwinkel heraus glaubte sie, eine Gestalt zu sehen. Eine Bewegung …
Sie wirbelte herum und erstarrte.
Eine junge Frau mit goldblondem, schulterlangem Haar stand auf dem nahen Hügel. Und obwohl der Wind jetzt kräftiger wurde, bewegte sich ihr Haar nicht einen einzigen Millimeter. Die junge Frau kam näher. Birte blickte ihr entgegen, während ihr die Furcht wie eine kalte glitschige Hand den Rücken hinaufkroch.
„Alina“, flüsterte sie.
Alina war schön. So schön wie damals, an jenem Tag, als das Unglück geschehen war.
Es ist schon so lange her, und doch kommt es mir vor, als wäre es erst gestern gewesen.
Auf Alinas Gesicht stand ein teuflisches Lächeln, das einem das Blut in den Adern gefrieren lassen konnte. Ihre Augen leuchteten vor Hass. Ihre Bewegungen waren katzenhaft und geschmeidig und hatten beinahe etwas Tierhaftes an sich. Ihr Lächeln wurde breiter. Zwei Reihen makellos weißer Zähne entblößte sie. Ein Zischen ging über die vollen, aber etwas blassen Lippen. Ihre Züge waren feingeschnitten und von fast überirdischer Schönheit. Aber in diesem Moment schienen sie auf groteske Weise durch den Hass entstellt zu sein. Birte atmete tief durch.
Wie angewurzelt stand sie da, unfähig auch nur einen einzigen Schritt zu machen.
Das Herz schlug ihr bis zum Hals.
Das Donnergrollen wurde stärker.
Birte blickte kurz hinauf in den grauen Himmel. Der Wind riss jetzt heftig an Birtes Kleidern und Haaren. Ein wütender Sturm schien wie aus dem Nichts heraus ausgebrochen zu sein. Die wenigen, verkümmert wirkenden Sträucher und Bäume wurden heftig hin und her gebogen. Lediglich Alina schien von diesem Sturm völlig unberührt zu sein. Ihr Kleid hing schlaff an ihr herab. Das einzige, was den Stoff ein wenig bewegte, waren die anmutigen, katzenhaften Schritte, mit denen sie sich Birte näherte.
„Was willst du, Alina?“, rief Birte. Sie strich sich das Haar aus dem Gesicht, das ihr der Wind in die Augen geweht hatte.
Sie schauderte, als sie in die Augen ihres Gegenübers sah. Alinas Augen veränderten sich.
Zunächst waren sie leuchtend blau gewesen, aber nun begann sich Schwärze auszubreiten. Innerhalb eines einzigen Augenblicks waren ihre Augen nichts als dunkle Flecken, die aus purer Finsternis zu bestehen schienen.
Wieder grollte indessen der Donner, während es in Alinas Augen grell aufleuchtete. Blitze zuckten dort. Ein knallender Donner ließ Birte zusammenzucken und bis ins Mark erschrecken.
Sie machte einen Schritt zurück.
Das Grauen schüttelte sie.
Sie öffnete halb den Mund, wollte schreien, aber kein Laut kam über Birtes Lippen.
Der Wind wurde dermaßen stark, dass sich Birte nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Eine plötzliche Böe riss sie nach hinten. Sie taumelte zu Boden.
Birte wirbelte am Boden herum und blickte Alina entgegen.
„Nein“, flüsterte sie.
Alina lachte leise.
Und in der nächsten Sekunde blitzte es grell vom Himmel herab. Ein Strahl so weiß wie Platin zischte nur Zentimeter von Birte entfernt in den Boden hinein, ein weiterer dicht daneben. Der Donner war ohrenbetäubend und glich nicht mehr einem langen, dumpfen Grollen, sondern einem Kanonenschlag, der unmittelbar auf den Blitz folgte. Ein halbes Dutzend solcher Einschläge folgte kurz hintereinander. Sie alle brannten sich dicht neben der am Boden kauernden Birte in den Boden, versengten die letzten Grashalme und zerschmolzen das Erdreich zu etwas Formlosen.
Ein schwarzer Ring wurde um Birte herum sichtbar. Reglos kauerte sie am Boden.
Sie hatte erwartet, dass die unvorstellbar großen Energien dieser Entladung sie verbrennen würden.
Selbst in einer Entfernung von mehreren Metern konnte ein Blitzeinschlag noch zu schweren Verletzungen oder dem Tod führen.
Aber Birte war unversehrt.
Alina lachte schauderhaft.
Sie hob die Arme, öffnete die Hände …
Und dann fuhren die gewaltigen Energien, die gerade in den Boden eingedrungen waren, wieder aus dem Erdreich heraus. Grelle Strahlen schossen aus der schwarzen Linie hervor, die einen Kreis um Birte gebildet hatte.
Diese Strahlen trafen auf Alinas Fingerkuppen, und es machte den Eindruck, als würde die blonde Frau mit den abgrundtief dunklen Augen, mit ihren Händen all das an Energie aufnehmen, was noch Sekundenbruchteile zuvor in den Boden gefahren war.
Birte zitterte.
Sie kontrolliert alles!, ging es ihr fröstelnd durch den Kopf. Gewaltige Kräfte, die niemand sonst zu beherrschen wusste.
Birte öffnete die Lippen, sah ihr Gegenüber mit einem Blick an, der eine Mischung aus Hass und blanker Verzweiflung zeigte.
Das Grauen schüttelte sie.
„Alina! Warum tötest du mich nicht?“, rief sie. „Warum vollendest du es nicht?“
Alinas Blick ruhte auf ihr.
Die dunklen Augen verwandelten sich zurück. Sie schüttelte den Kopf.
„Nein, Birte“, murmelte sie. „Nein.“ Ihr Lachen wirkte wie irre. Alina drehte sich herum. Mit langsamen Schritten lief sie zurück zu dem Hügel, auf dem Birte sie zuerst gesehen hatte.
„Alina!“, rief Birte.
Sie schrie es beinahe.
Das dumpfe Grollen des Donners war die Antwort. Birte erhob sich.
Im selben Moment sah sie, wie Alina den Hügel erreichte. Ihre Gestalt wurde transparent und wirkte im nächsten Augenblick wie eine schwache, unscharfe Projektion. Aus dem Nichts heraus schoss ein greller, blauweißer Blitz dicht vor Birtes Fußspitzen.
Alinas Gestalt verblasste zur Gänze.
Regen setzte ein, und innerhalb von wenigen Augenblicken klebte Birte das Haar am Kopf.
Reglos stand sie da und blickte zu jener Stelle an der Alina verschwunden war.
Es wird nie aufhören!, dachte sie voller Verzweiflung. Nie …
2
Es war bereits Abend, als wir die Lichter Hamburgs in der Dämmerung sahen. Wie ein Spiegelbild des Sternenmeeres. Tom saß am Steuer des Volvo, und ich kämpfte mit meiner Müdigkeit. Ein wunderbares Wochenende an der Ostsee lag hinter uns. Morgen früh erwartete uns beide wieder unser Job als Reporter der HAMBURG EXPRESS NACHRICHTEN. Ein paar Tage hatten wir in der Nähe von Timmendorf ausgespannt, die unvergleichliche Landschaft und das Meer genossen.
Und unsere Liebe.
Tom Broland war Mitte dreißig, hochgewachsen und dunkelhaarig. Und der Blick seiner graugrünen Augen hatte immer etwas Geheimnisvolles an sich. Ich verband diese Augenfarbe immer mit der Weite des Meeres, mit dem Glitzern der Sonnenstrahlen auf der Wasseroberfläche und dem Geruch von Seetang und Salz.
Tom war Reporter einer großen Nachrichtenagentur gewesen, bevor er bei den NACHRICHTEN angeheuert hatte. Lange Jahre hatte er als Korrespondent in Übersee verbracht – vor allem in Asien.
Für ihn war eine Stelle bei den HAMBURG EXPRESS NACHRICHTEN einer Boulevardzeitung! – eigentlich ein beruflicher Abstieg. Ich hatte mich lange gefragt, wie es dazu hatte kommen können. Besonders redselig war Tom nicht, was seine Vergangenheit anging. Aber inzwischen wusste ich, dass das Ende seiner Korrespondenten-Karriere mit einem mehrmonatigem Aufenthalt im Dschungel Südostasiens zusammenhing. In dem geheimnisvollen Tempel von Pa Tam Ran – irgendwo im Dreiländereck Thailand-Kambodscha-Laos gelegen, hatte er die besonderen Konzentrationstechniken der dortigen Mönche kennengelernt. Seit frühester Jugend hatte er unter seltsamen Träumen gelitten, die sich nun als Bilder aus früheren Leben entpuppten, zu denen Tom einen bewussten Zugang gewann. Erinnerungen an vergangene Leben waren für ihn mittlerweile selbstverständlich.
Kein Wunder, dass er über eine besondere Sensibilität verfügte, was übersinnliche Phänomene und dergleichen anging. Nie wäre er bei aller Skepsis zu einem vorschnellen Urteil auf diesem Gebiet gekommen.
Und so hatte ich ihm schließlich auch anvertraut, dass ich über eine leichte seherische Gabe verfügte, die ich vermutlich von meiner verstorbenen Mutter geerbt hatte. Außer meiner Großtante Elisabeth Düpree, die mich auf diese Gabe aufmerksam gemacht hatte, gab es niemanden sonst, der davon wusste.
Ein Beweis des unendlichen Vertrauens, das ich Tom Broland gegenüber empfand.
Mein Name ist übrigens Sandra Düpree. Eins können Sie mir jedenfalls glauben: Das Übernatürliche spielte bei uns schon immer eine besondere Rolle. In meinem Fall war es Fluch und Gabe zugleich.
„Ich liebe dich, Tom“, sagte ich plötzlich in die Stille hinein, während wir über eine mehrspurige Stadtautobahn direkt in das vor uns liegende Lichtermeer der Riesenstadt Hamburg hineinfuhren.
Ich sah ihn an.
Er blickte kurz zu mir hinüber.
„Ich liebe dich auch“, sagte er und lächelte.
„Ich dachte gerade daran, wie vertraut du mir bereits bist.“ Ich zuckte die Achseln und seufzte. „Es ist geradezu unheimlich.“
„Findest du?“
„Ja.“
„Sandra, wenn sich zwei verwandte Seelen finden, dann ist das nicht immer eine Frage der Zeit.“
„Vielleicht hast du recht.“ Ich machte eine Pause. Ich war hundemüde. Die Fahrt, bei der wir uns alle paar Stunden am Steuer abgelöst hatten, war sehr anstrengend gewesen. Aber ich war auch glücklich. Eine regelrechte Welle positiver Empfindungen durchströmte mich.
Ich hätte die ganze Welt in diesem Augenblick umarmen können.
„Wusstest du, dass ich außer mit meiner Großtante noch nie mit jemandem über meine Gabe gesprochen habe?“, fragte ich dann.
„Ich glaube, du erwähntest es mal“, sagte er.
„Es ist ein Beweis meines Vertrauens“, sagte ich.
„Ich weiß.“
„Tom, ich fühle mich dir so nah.“
„Sandra!“
„Ich möchte nicht, dass es jemals anders wird zwischen uns, Tom!“
„Das möchte ich auch nicht!“
Ich berührte ihn leicht am Ellbogen. Ich hätte ihn in dieser Sekunde gerne umarmt, mich an ihn geschmiegt und ihn voller Leidenschaft geküsst. Aber leider musste wir in diesem Moment den Erfordernissen des Straßenverkehrs einen gewissen Tribut zollen.
3
Tom brachte mich nach Hause. Zu Hause – das war die alte viktorianische Villa meiner Großtante Elisabeth Düpree, die von mir einfach nur Tante Elisabeth genannt wurde. Tom fuhr seinen Volvo in die Einfahrt der am Stadtrand gelegenen Villa. Wir küssten uns leidenschaftlich. Seine Hand strich mir über das Haar, und ich spürte ein eigentümliches Kribbeln in der Bauchgegend.
„Es ist spät“, sagte ich dann. „Morgen werde ich an meinem Schreibtisch einschlafen.“
„Wäre das so schlimm, Sandra?“
„Unglücklicherweise haben wir bei den NACHRICHTEN ja ein Großraumbüro. Da kann man nie sicher sein, dass der Chefredakteur nicht gerade zuschaut, wenn man sich eine Auszeit nimmt!“
Tom hob die Augenbrauen.
In seinen Augen blitzte es schelmisch.
„Hast du denn morgen nicht zufällig etwas im Archiv zu tun?“
Wir mussten beide lachen.
Dann stiegen wir aus.
Tom ging zum Kofferraum und holte mir meine Reisetasche heraus. Es war das erste Mal seit langem gewesen, dass ich verreiste, ohne meinen Laptop mitgenommen zu haben, um einen Artikel über meinen Aufenthalt zu schreiben. Ein ganz ungewohntes Gefühl.
Ich nahm ihm die Tasche aus der Hand, setzte sie auf dem Boden ab und schlang noch einmal meine Arme um seinen Hals.
„Bis morgen“, hauchte ich ihm ins Ohr.
„Bis morgen, Sandra!“
4
Ich steckte den Schlüssel in das Schloss der Haustür und drehte ihn herum. Bevor ich die Tür öffnete, drehte ich mich kurz herum und winkte Tom zu, dessen Volvo gerade die Straße entlangfuhr. Ich hoffte, dass er mich noch gesehen hatte. Dann ging ich in die Villa.
Es war bereits nach Mitternacht, und es war durchaus möglich, dass Tante Elisabeth schon schlief. In dem Fall wollte ich sie nach Möglichkeit nicht aufwecken, denn sie hatte ohnehin Schwierigkeiten einzuschlafen.
Genauso gut war es allerdings möglich, dass sie noch immer über dicken, von einer feinen Staubschicht bedeckten Folianten gebeugt in der Bibliothek saß, völlig vertieft in ihre okkultistischen Studien. Tante Elisabeth war nämlich eine Expertin auf diesem Gebiet. Und ihre Villa glich einer Mischung aus Museum und Bibliothek, in dem sich alle nur erdenklichen Bücher, Geheimschriften und Presseartikel befanden, die sich mit unerklärlichen Phänomenen beschäftigten. Tante Elisabeth war dabei keine leichtgläubige alte Dame, die in ihren späten Jahren etwas wunderlich geworden war. Ihr war wohl bewusst, dass sich im Bereich des Okkultismus und der Parapsychologie überwiegend Scharlatane tummelten, die nichts weiter im Sinn hatten, als Aufmerksamkeit zu erregen und Ahnungslosen möglichst viel Geld aus der Tasche zu ziehen. Aber es gab einen Rest an Geschehnissen, für die es mit den Methoden der modernen Wissenschaft keine hinreichende Erklärung gab. Bis heute zumindest. Tante Elisabeth hatte sich ganz der Aufgabe gewidmet, diese Fälle zu dokumentieren. So war ihre Sammlung zu einem der größten Privatarchive auf diesem Gebiet in ganz Europa geworden.
Nächtelang saß sie oft in der Bibliothek, wo sich allerdings nur der wichtigste Teil ihrer Sammlung befand. Überall in der Villa gab es überfüllte Bücherregale, in denen sich die dicken, staubigen Lederbände nur so drängelten. Sehr seltene, zum Teil uralte Schriften waren darunter. Tante Elisabeth besuchte regelmäßig Versteigerungen nach Haushaltsauflösungen und war auch schon auf Flohmärkten fündig geworden. So manchen Schatz hatte sie da gehoben, der ansonsten vielleicht unrettbar verloren gewesen wäre.
Unterbrochen wurden die langen Reihen der Bücher hin und wieder durch okkulte Gegenstände, Pendel, Glaskugeln, Geistermasken und Ähnliches. Aber es waren auch archaische Kultgegenstände darunter, die aus der Hinterlassenschaft ihres Mannes stammten. Friedrich Düpree war ein berühmter Archäologe gewesen, bevor er von einer Forschungsreise in den Regenwald Südamerikas nicht zurückkehrte. Seitdem war er verschollen.
Ich schloss die Tür so leise hinter mir, wie es möglich war. Aber sie knarrte ein wenig. Wie oft hatte ich sie schon eigenhändig geölt, aber es schien zum Charakter dieses verwinkelten und für Außenstehende vielleicht etwas unheimlich wirkenden Hauses zu gehören, dass die Tür knarrte. Vorsichtig ging ich durch den langgezogenen Flur. Die Tür zur Bibliothek stand einen Spalt offen. Aber es brannte kein Licht.
Tante Elisabeth war also nicht mehr in ihre Archivarbeit vertieft.
Ich machte kein Licht. Das Mondlicht fiel durch eines der Fenster, und ich hätte den Weg vermutlich auch gefunden, wenn ich gar nichts gesehen hätte. Eine etwa einen Meter durchmessende afrikanische Geistermaske hing als unheimlicher Schatten an der Wand. Tante Elisabeth hatte sie vor Kurzem aus dem Keller geholt. Diese Maske gehörte auch zu Onkel Friedrichs Hinterlassenschaft, und Tante Elisabeth brauchte sie für irgendeine ihrer Studien. Sie hatte mir auch erläutert, worum es dabei ging, aber ich war wohl gedanklich zu sehr mit dem bevorstehenden Wochenende beschäftigt gewesen.
Dem unvergleichlich schönen Wochenende, das ich mit Tom Broland in Cornwall verbracht hatte.
Allein bei dem Gedanken daran glaubte ich das Meeresrauschen zu hören.
Ich ging die Treppe hinauf, die ins obere Stockwerk führte. Dort befanden sich meine Räume – die einzigen im ganzen Haus, die nicht von Tante Elisabeths Okkultismus-Archiv belegt waren. Ich nannte meine Räume daher auch manchmal scherzhaft okkultfreie Zone.
Ohne allzu viel Krach zu machen, brachte ich die Treppe hinter mich. Ich machte Licht, durchquerte mein Wohnzimmer und ließ die Reisetasche auf dem Fußboden liegen, bevor ich das Schlafzimmer betrat. Ich zog die Schuhe aus. Ich wollte gerade nach dem Lichtschalter fassen, da hielt ich plötzlich inne.
Ich weiß nicht, was es war, das mich auf einmal erstarren ließ.
Eine eigenartige Empfindung, für die ich keine Worte hatte. Ich blickte zum Fenster, sah, dass sich draußen im Garten die Baumwipfel und Sträucher ziemlich heftig bewegten. Der Wind heulte um die Villa. Ein eigenartiger, stöhnender Laut.
Im nächsten Moment zuckte ich zusammen.
Ein Blitz zuckte dicht vor meinen Augen durch die Dunkelheit. Seine blauweiße Helligkeit war derart grell, dass ich einige Augenblicke blind war. Namenlose Dunkelheit umgab mich. Der Donner war wie ein Kanonenschlag. Bis ins Mark erschreckte mich dieser furchtbare Knall.
Für den Bruchteil eines Augenblicks sah ich ein Gesicht vor meinem inneren Auge.
Das Gesicht einer jungen Frau. Ihr Gesicht war von blondem, schulterlangem Haar umrahmt. Die Züge waren feingeschnitten. Die hohen Wangenknochen gaben ihnen einen Ausdruck, der irgendwo zwischen Stolz und Hochmut zu liegen schien. Eine überirdisch schöne Frau …
Ein Gesicht von beinahe perfektem Ebenmaß. Aber ihre Augen!
Mit ihnen stimmte etwas nicht.
Sie waren dunkel wie die Nacht. Nur Schwärze schien in ihnen zu sein. Keine Pupillen, keine Iris, nicht einmal ein einziger weißer Fleck!
Blitze sah ich in diesen Augen. Grell zuckten sie durch die Dunkelheit, die das gesamte Innere ihres hübschen Kopfes auf geheimnisvolle Weise auszufüllen schien. Die vollen, aber etwas blassen Lippen öffneten sich zu einem spöttischen Lächeln. Zwei Reihen makellos weißer Zähne blitzen auf. Und das Lachen, das dann erscholl, war schauderhaft. Es war dermaßen von Hass durchtränkt, dass einem kalte Schauder den Rücken hinunterjagen konnten.
Das alles dauerte kaum länger als einen Augenaufschlag. Dann war es vorbei.
Nur Schwärze war für mehrere Sekunden um mich herum. Ein Gefühl der Panik stieg in mir auf. Schwindel erfasste mich, und ich glaubte zu fallen. Ich tastete mit den Händen und berührte etwas Glattes, Hölzernes. Die lackierte Oberkante einer Kommode aus Kiefernholz. Ich hielt mich daran fest. Das Herz schlug mir bis zum Hals.
Eine Vision!, schoss es mir durch den Kopf. Ich wusste es.
Es musste sich um eine jener Traumvisionen handeln, für die meine Gabe verantwortlich war.
Langsam begannen sich vor meinen Augen wieder Konturen zu bilden. Ich griff nach dem Lichtschalter. Die Helligkeit schmerzte.
Ich schauderte noch immer angesichts dessen, was ich gesehen hatte. Es war eine Vision von schier unglaublicher Intensität gewesen.
Ich war verwirrt.
Mit wenigen Schritten bewegte ich mich auf einen der Sessel zu, die im Raum standen, und ließ mich hineinfallen. Ich atmete tief durch.
Eine Vision – aber was hat sie zu bedeuten?, fragte ich mich.
Verstört streifte ich die Schuhe ab.
Ich war hundemüde, noch vor wenigen Minuten wäre ich beinahe im Stehen eingeschlafen. Aber ich wusste, dass ich dennoch in dieser Nacht kaum Ruhe finden würde.
5
Immer wieder erwachte ich schweißgebadet und sah dann für Bruchteile von Sekunden jenes Gesicht vor mir, das mir in meiner Vision zum ersten Mal begegnet war. Immer dieselben pechschwarzen Augen, die zuckenden, grellen Blitze, das Donnergrollen …
Und das Lachen.
Verzweifelt zermarterte ich mir das Hirn darüber, was diese Traumbilder wohl bedeuten mochten. Sie standen in irgendeinem Zusammenhang mit mir, mit der Zukunft, mit meinem Schicksal. Aber es war so, als hätte mir jemand lediglich einen winzigen Ausschnitt von einem gewaltigen Gemälde gezeigt. Es war beinahe unmöglich, von diesem Ausschnitt auf die Szenerie zu schließen, die das gesamte Gemälde darstellte.
Immer wieder schlief ich dann vor Erschöpfung ein, wälzte mich dann erneut unruhig hin und her, um wieder schweißgebadet zu erwachen.
Am Morgen fühlte ich mich wie gerädert.
Ich hatte das Gefühl, überhaupt nicht geschlafen zu haben. Wie in Trance ging ich hinunter in die Küche. Tante Elisabeth war bereits auf den Beinen und hatte den Tee aufgesetzt.
„Guten Morgen, mein Kind“, sagte sie lächelnd. Ich antwortete ihr zunächst mit einem Gähnen. Dann versuchte ich das Lächeln zu erwidern.
Seit dem frühen Tod meiner Eltern hatte Tante Elisabeth mich wie ihre eigene Tochter erzogen. Sie hatte mir die Mutter ersetzt und mich auf das hingewiesen, was sie meine Gabe genannt hatte. Eine Fähigkeit, die ich nicht selten als Fluch empfunden hatte. Nur langsam hatte ich mich damit arrangieren können.
„Du siehst nicht gerade glücklich aus“, stellte Tante Elisabeth fest. „War dein Wochenende nicht schön?“
„Es war wunderschön“, erwiderte ich. „Einfach wunderbar.“
„Dann verstehe ich nicht …“
„Es hat nichts damit zu tun!“
„Womit dann?“ Sie sah mich an.
Tante Elisabeth kannte mich einfach zu gut, als dass ich ihr etwas vormachen konnte.
„Du hattest eine Vision“, sagte Tante Elisabeth, und ihre Augen musterten mich dabei aufmerksam. Was sie gesagt hatte, war keine Frage, sondern eine Feststellung.
Ich nickte.
„Ja“, flüsterte ich.
Und mich schauderte allein bei dem Gedanken an die Bilder, die ich gesehen hatte.
Ich zuckte unwillkürlich zusammen, als ich das abgrundtief schwarze Augenpaar dieser geheimnisvollen blonden Frau für einen Sekundenbruchteil vor mir sah.
„Möchtest du darüber reden, Sandra?“
„Ja … Es war nicht viel, was ich sehen konnte. Das Gesicht einer jungen Frau, deren Augen vollkommen schwarz waren. Blitze zuckten darin. Und sie lachte … Es war schauderhaft. Sie wirkte voller Hass.“
„Du hast diese Frau nie gesehen?“ Ich schüttelte den Kopf.
„Nein, bislang nicht. Aber ich fürchte, dass ihr noch begegnen werde.“
6
Als ich meinen roten Mercedes 190 auf den Parkplatz vor dem Verlagsgebäude der HAMBURG EXPRESS NACHRICHTEN fuhr, war ich ziemlich spät dran.
Ich parkte den Wagen – ein Geschenk von Tante Elisabeth – in eine der wenigen Parklücken, die um diese Zeit noch zu finden waren, stieg aus und beeilte mich, durch den aufkommenden Nieselregen ins Gebäude zu kommen.
Die Redaktion der HAMBURG EXPRESS NACHRICHTEN nahm eine ganze Etage in dem riesigen Betonklotz ein, in dem unser Verlag seinen Sitz hatte.
Als ich das Großraumbüro unserer Redaktion betrat, erwartete mich dort die übliche Hektik. Ein ständiges Kommen und Gehen herrschte zwischen den Schreibtischen. Hin und wieder schrillte ein Telefon.
Michael T. Schwanemeier, unser Chefredakteur, hatte selbstverständlich ein separates Büro. Die Tür stand offen. Schwanemeier stand davor, hatte die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt und die Krawatte gelockert, so dass sie ihm wie ein Strick um den Hals hing. Schwanemeier hatte sich ganz und gar der Aufgabe gewidmet, die Auflage der HAMBURG EXPRESS NACHRICHTEN oben zu halten. Oft war er der Erste in der Redaktion und abends nicht selten der Letzte. So etwas wie ein Privatleben schien er nicht zu kennen. Zum Leidwesen so manches Kollegen erwartete er diesen Einsatz allerdings auch von seinen Mitarbeitern.
„Guten Morgen, Sandra!“, begrüßte er mich. „Auf Ihrem Schreibtisch liegen ein paar Meldungen. Machen Sie doch bitte so schnell wie möglich einen Artikel daraus. Fünfzig Zeilen. Und sehen Sie im Archiv nach, ob wir nicht ein paar passende Bilder dazu in den Katakomben schlummern haben.“
„Und wenn nicht?“, seufzte ich.
„Dann müssen Sie mehr schreiben.“ Ich sah Herr Schwanemeier an, sah dessen hochroten Kopf und gab den Gedanken auf, ihn danach zu fragen, ob es heute nicht auch eine größere Überschrift tun würde.
Auf dem Weg zum Schreibtisch nahm ich mir einen Becher des dünnen Redaktionskaffees aus der Maschine. Ich sah mich kurz um, bevor ich mich setzte. Von Tom Broland war nirgends etwas zu sehen.
Vielleicht war er bereits mit irgendeinem irrsinnig wichtigen Auftrag unterwegs.
Ich nahm einen Schluck des Kaffees und schloss für einen Moment die Augen.
„Hallo, Sandra“, sagte eine mir nur allzu vertraute Stimme.
„Ich glaube nicht, dass das die Arbeitshaltung ist, die unser geschätzter Herr Schwanemeier gerne sieht!“
Ich blickte auf und sah einen blonden Haarschopf, einen Drei-Tage-Bart und ein ziemlich zerknittertes Jackett, dessen Revers vom Riemen einer Kameratasche völlig ruiniert war.
„Hallo, Jim“, sagte ich.
Jim Rönckendorff war als Fotograf bei den HAMBURG EXPRESS NACHRICHTEN angestellt. Wir hatten schon oft zusammengearbeitet und so manche Story zusammen bearbeitet. Jim war mehr als nur ein guter Kollege. Er war auch ein Freund.
„Ein schönes Wochenende gehabt?“, fragte er.
„Ich kann nicht klagen“, erwiderte ich. Ich wusste nicht genau, worauf er eigentlich hinaus wollte. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass er nicht nur einfach so um meinen Schreibtisch herumstrich.
„Sandra, ich möchte dich um einen Gefallen bitten“, begann er dann. Jim kratzte sich im Nacken. Sein Gesicht wirkte viel nachdenklicher als sonst. Eigentlich war er eher der Typ des Sonnyboys, der immer gutgelaunt und witzig war. Aber im Augenblick schien ihn irgendetwas stark zu beschäftigen.
„Worum geht es?“, fragte ich.
„Um dein Spezialgebiet, Sandra.“
„Ach, ja …“
„Ich möchte dir etwas zeigen, Sandra.“ Er griff in die Innentasche seines Jacketts. Einen Moment später hielt er einige Fotoabzüge in der Hand.
„Worum geht es?“, fragte ich.
Er breitete die Fotos auf meinem Schreibtisch aus. Es waren unverkennbar Modefotos. Hinreißend schöne Models posierten in extravaganten Kleidern vor einem ebenso extravaganten Hintergrund, der durch die grauen Mauern eines altehrwürdigen englischen Landhauses gebildet wurde. Dahinter erstreckte sich eine eigenartige, karge Landschaft, die in einem reizvollen Kontrast zu den Models und ihren Kleidern stand.
„Wie ich sehe, warst du mal wieder ziemlich fleißig in deiner freien Zeit“, meinte ich.
Er zuckte die Schultern.
„Man tut, was man kann.“
Ich wusste, dass sich Jim über seine Arbeit bei den HAMBURG EXPRESS NACHRICHTEN hinaus hin und wieder ein paar Euro dazu verdiente. Landschaftsaufnahmen für Bildkalender gehörten ebenso dazu wie Modefotografien. Michael T. Schwanemeier, unser allgewaltiger Chefredakteur, drückte beide Augen zu, solange Jims Arbeit für die NACHRICHTEN nicht darunter litt. Außerdem wusste er Jims außergewöhnliche Arbeit durchaus zu schätzen. Schwanemeier war ein Profi.
Er konnte sich an fünf Fingern einer Hand abzählen, dass ein Kamera-Ass wie Jim Rönckendorff nicht ewig bei den HAMBURG EXPRESS NACHRICHTEN bleiben würde. Er war zu gut, um nicht den Ehrgeiz zu haben, seine Bilder auf den Hochglanz-Seiten großer Magazine zu sehen, statt in vergleichsweise bescheidener Bildauflösung auf billigem Zeitungspapier. VOGUE, ELLE oder PLAYBOY – in eine dieser Richtungen würde Jims Weg unweigerlich gehen. Und je später das geschah, desto besser für die Qualität der Bilder, die in den HAMBURG EXPRESS NACHRICHTEN erschienen.
Schwanemeier wusste das nur zu gut.
Und deshalb zeigte er in diesem Fall auch etwas, was ihn sonst nicht unbedingt auszeichnete: Nachsicht mit jemandem, der vielleicht nur 98 Prozent seiner Kraft in den Dienst unseres Blattes stellte.
„Hervorragende Aufnahmen“, stellte ich fest, nachdem ich sie oberflächlich angesehen hatte. „Ich hoffe, man hat dich gut genug bezahlt, damit du dir endlich mal ein neues Jackett leisten kannst.“
„Das ist keine Frage des Geldes, sondern des Stils“, erwiderte er in einem leicht pikierten Tonfall und setzte dann hinzu. „Außerdem ist es mir sehr ernst. Sieh mal genau hin.“
Ich stutzte, nahm eines der Bilder hoch und runzelte die Stirn.
Im Vordergrund waren die posierenden Models in ihren fließenden Gewändern zu sehen. Perfekt gestylt und inszeniert, wie man es aus den teuren Magazinen kannte. Aber im Hintergrund, verloren in der düsteren Landschaft war noch etwas anderes.
Ein Gesicht, eine Gestalt.
Oder vielmehr nur die Ahnung davon.
Die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag vor den Kopf. Der Puls schlug mir bis zum Hals.
Nein!, dachte ich. Das kann nicht wahr sein! Die transparente Erscheinung im Hintergrund war jene blonde Frau, die ich in meiner Vision gesehen hatte. Nur ihre Augen …
Sie waren nicht schwarz, so wie ich sie gesehen hatte. Leuchtend blau waren sie, umgeben von reinstem Weiß. Ausdrucksstarke Augen, die den Betrachter des Bildes intensiv anzusehen schienen. Ein Blick, wie keines der Models ihn besser hätte inszenieren können. Eine Mischung aus Geheimnis, Sehnsucht und Melancholie schien darin zu liegen. Ich schluckte.
„Sieht aus wie eine Doppelbelichtung“, murmelte ich.
„Hältst du mich für einen Anfänger, Sandra?“
„Nein, so war das nicht gemeint!“
„Diese Frau ist auf all diesen Bildern zu sehen. Manchmal nur ganz schwach, wie eine verblassende Projektion. Auf anderen wirkt es so, als wäre sie wirklich dagewesen.“
Ich sah Jim an. „Wer ist sie?“
„Wenn ich das wüsste!“
„Jim, wie kommen diese Aufnahmen zu Stande?“
Jim atmete tief durch. Sein Blick wirkte sehr ernst. Er schien wirklich ein wenig verstört zu sein. „Alles der Reihe nach“, sagte er dann. „Ich habe das Wochenende mit Modeaufnahmen verbracht, die auf dem Landsitz der Familie Doorn aufgenommen wurden. Das Anwesen liegt eine halbe Stunde außerhalb von Hamburg. Vielleicht sind die heutigen Besitzer etwas verarmt und auf solche zusätzlichen Einnahmen angewiesen – ich weiß es nicht. Heute morgen habe ich dann die Abzüge gemacht und auf allen ist diese Frau zu sehen … Ich bin mir sicher, sie nicht gesehen zu haben, als die Aufnahmen gemacht wurden.“
„Bist du dir sicher?“
„Völlig. Es ist mir ganz und gar unerklärlich, wie diese …“, er suchte nach dem richtigen Wort, „… diese Erscheinung auf die Bilder gekommen ist. Es kann keine Doppelbelichtung sein, denn diese Frau war überhaupt nicht dort! Dass die Aufnahmen im Eimer sind, ist eine Sache – die andere ist, dass ich gerne wüsste, was hier geschehen ist. Sandra – du bist doch anerkanntermaßen eine Spezialistin für das Übersinnliche!“
„Wie kommst du darauf, dass diese Aufnahmen einen übersinnlichen Hintergrund haben könnten?“, fragte ich, in Gedanken versunken. Ich nahm mir einige der anderen Abzüge, betrachtete sie eingehend und fühlte wachsendes Unbehagen in mir. Das kann kein Zufall sein!, ging es mir durch den Kopf. Diese Frau … Sie muss einen Namen haben …
„Darf ich diese Abzüge behalten?“, fragte ich.