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Ein immer wieder kehrender Albtraum von einem schweren Autounfall, bei dem er seinen Bruder Stephan und dessen Frau Kyra lebensgefährlich verletzt bergen muss, reißt den leidenschaftlichen Feuerwehrmann Alex wieder einmal aus dem nächtlichen Schlaf. Der Traum ist eine Erinnerung, nachdem sich dieses vor mehr als zwei Jahren tatsächlich zugetragen hat. Kyra erlag noch in der gleichen Nacht ihren schweren Verletzungen, während Stephan überlebt, seitdem jedoch von der Hüfte abwärts querschnittsgelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen ist. Über zwei Jahre nach diesem Unfall sind die Brüder inmitten ihres neuen Lebens angekommen und versuchen auch jeweils, einer neuen Liebe eine Chance zu geben und die Vergangenheit hinter sich zu lassen.
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Veröffentlichungsjahr: 2018
Es war Freitagnachmittag und die Männer der Einheit 12 der Münchner Berufsfeuerwehr saßen am Tisch und spielten Karten. Es war bisher ein ruhiger Tag gewesen und Alex kaute lässig an einem Schokoriegel. Doch plötzlich schrillte ein durchdringender Ton durch die Feuerwache und alle sprangen von ihren Stühlen.
»Verdammt!« Alex warf die Karten auf den Tisch. »Und ich hatte so ein gutes Blatt«. Er eilte seinem Freund Dennis hinterher zu ihren Spinden.
»Wir brauchen die kleine Einheit«, rief der Einsatzleiter. »Schwerer Verkehrsunfall mit einem PKW auf der B2 Richtung Starnberger See.«
Alex und Dennis sprangen zu ihren Kollegen auf den Wagen und dieser brauste los. Nach einer gewissen Zeit näherten sie sich der Unfallstelle und konnten schon von weitem die Wagen ihrer Kollegen von der Polizei und des Rettungsdienstes sehen. Als sie das Wrack des PKW sahen, zog sich selbst bei den Hartgesottenen der Magen zusammen.
»Oh Shit, wen sollen wir denn da noch lebend rausholen?!«
Dennis und Alex sprangen aus dem Wagen und begannen die Ausrüstung für die Bergung auszuladen.
Voll bepackt liefen auch sie schließlich auf den völlig zerstörten Wagen zu. Er musste sich mehrfach überschlagen haben. Das Dach war eingedrückt und der Motorraum fast nicht mehr vorhanden. Ringsherum lagen unzählige Glassplitter von den zersprungenen Autoscheiben und Blechteile, die während des Überschlags von der Karosserie abgerissen wurden. Sie knirschten unter den schweren Feuerwehrstiefeln. Alex´ Blick fiel auf das Nummernschild, auf welches er soeben getreten war und das nun vor seinen Füßen lag. In diesem Moment stockte ihm der Atem und sein Herz begann zu rasen.
»Stephan…« Er ließ die Ausrüstung fallen und rannte los.
Als er am Auto angekommen war konnte er schließlich zwischen dem Notarzt und den Sanitätern einen Blick auf die Insassen erhaschen. Der Fahrer war völlig zwischen Lenkrad und Fahrersitz eingeklemmt. Es sah so aus, als habe sich sein Airbag bei dem Aufprall nicht geöffnet. Der Notarzt hatte ihm bereits eine Halskrause angelegt und war dabei ihn künstlich zu beatmen. Auf dem Beifahrersitz saß eine etwa dreißigjährige Frau mit dem Kopf an den geöffneten Airbag gedrückt. Auch sie wurde von einem zweiten Notarzt behandelt.
»Lasst mich zu ihm.«
Der Einsatzleiter sah Alex verwundert an.
»Wo ist deine Ausrüstung?«
»Hier«, meinte Dennis, der vollbepackt hinter Alex hergeeilt war.
»Was ist mit ihnen?«, fragte Alex mit zitternder Stimme einen der Notärzte.
»Es wird höchste Zeit, dass ihr sie hier rausbekommt. Der 2. Rettungshubschrauber ist unterwegs. Beeilt euch Jungs, es sieht nicht gut aus.«
Alex schlug die Hände vors Gesicht. Der Einsatzleiter sah ihn erneut verwundert an.
»Er ist mein Bruder«, murmelte Alex verzweifelt.
Alex schreckte hoch. Er brauchte einen Moment um sich zu orientieren. Wie jedes Mal, wenn er nach diesem Traum endlich aufwachte. Es war jedes Mal das Gleiche: Er wachte schweißgebadet auf, war im ersten Moment froh, wenn er merkte, dass er geträumt hatte, bis er dann wenige Sekunden später klar denken konnte und merkte, warum ihn dieser Traum immer wieder einholte. Weil es sich genau so zugetragen hatte. Zweieinhalb Jahre war dies nun her. Doch die Erinnerungen an diesen Tag waren für Alex so lebendig, als sei es erst gestern gewesen.
Alex begriff langsam auch wo er sich befand. Er war in einem Hotelzimmer auf Maui. Und im Bett neben ihm lag Stephan. Er schlief noch tief und fest. Alex beobachtete wie sich sein Brustkorb mit dem Atmen hob und senkte und er spürte wieder diese Dankbarkeit. Die Dankbarkeit, dass sein sechs Jahre älterer Bruder noch da war.
Schließlich stand Alex auf und ging ins Bad. In schwarzen Boxershorts stand er vor dem großen Badspiegel und wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser. Immer wieder verfolgten ihn diese Bilder im Schlaf. Immer wieder durchlebte er diese schreckliche Zeit aufs Neue. Er fuhr sich mit den nassen Händen durch das kurze schwarze Haar.
Es hatte lange Zeit gebraucht, bis er seinen Beruf als Feuerwehrmann wieder normal ausüben konnte, bis er das Schrillen der Sirene in der Wache wieder ertragen konnte.
Alex ging in den Wohnbereich des Appartements, machte sich einen starken Kaffee und ging hinaus auf den Balkon, von dem er direkt auf den Pazifik hinaus sehen konnte. Es war erst 6 Uhr morgens und eigentlich hätte er seinen Urlaub einmal nutzen können um auszuschlafen, aber wie so oft hatte dies der immer wiederkehrende Traum nicht zugelassen.
Er setzte sich auf einen Stuhl, lehnte die Füße gegen das Geländer und schaute gedankenverloren auf den Ozean.
Eine Stunde verging wie im Flug, als sich die Balkontür öffnete. Alex drehte sich um und sah die Vorderräder des Rollstuhls auf der Türschwelle.
»Hey Großer, auch schon wach?« Alex lächelte seinen Bruder liebevoll an.
»Ja, so langsam. Aber was ist denn mit dir los? Bist Du aus dem Bett gefallen?«
»Ach, ich konnte einfach nicht mehr schlafen. Du weißt ja, durch meinen Beruf habe ich einen sehr leichten Schlaf.«
Stephan hatte diesen schrecklichen Unfall damals überlebt. Doch der Preis, den er dafür gezahlt hatte war hoch, denn er war seitdem von der Hüfte abwärts querschnittsgelähmt.
Die beiden Brüder saßen einen Moment schweigend nebeneinander. Es war eine gute Idee gewesen nach Hawaii zu kommen und dem Alltag einmal für eine kurze Zeit zu entfliehen. Sie würden hier einfach nur faul am Pool liegen, abends gut essen gehen und den Tag mit einer Flasche Wein oder einem Bier am Meer ausklingen lassen. Früher hätte Alex andere Dinge im Sinn gehabt, wenn er einen Urlaub wie diesen geplant hätte. Da wäre er auf die Strandschönheiten aus gewesen und hätte den Tag damit verbracht ein Date für den Abend dingfest zu machen. Aber es hatte sich viel geändert. Er hatte sich verändert. Nicht, dass er mit seinen 30 Jahren bereits zum alten Eisen gehören würde, aber er hatte genug von seinem früher oftmals eher oberflächlichen Leben, dass er noch vor genau diesen zweieinhalb Jahren geführt hatte. Aber die Veränderungen in seinem Leben waren nichts gegen die Veränderungen im Leben seines Bruders…
Die Rotorblätter des Rettungshubschraubers begannen sich zu drehen und Dennis zog Alex zur Seite. Im Hintergrund hatte ein Abschleppfahrzeug mit der Bergung von Stephans Wagen begonnen. Die Kollegen der Feuerwehreinheit verstauten die letzten Utensilien der Ausrüstung im Einsatzfahrzeug.
Dennis legte Alex eine Hand auf die Schulter. »Komm jetzt, wir fahren zurück. Ich bring dich dann in die Klinik.«
Alex stand wie gelähmt auf dem freien Feld und starrte apathisch dem Hubschrauber hinterher, der sich langsam in die Höhe begab.
Dennis fasste Alex bei den Schultern und ging mit ihm zum Einsatzfahrzeug, wo die Kollegen bereits warteten. Die Fahrt zurück zur Feuerwache nahm er nur durch einen Schleier wahr. Er hatte das Bild von seinem Bruder vor Augen, wie sie ihn fast leblos aus dem Haufen Blech gezogen hatten und er hatte Angst, Angst, dass dies die letzten Bilder seines Bruders sein könnten, die ihm bleiben würden. Auch dass Dennis ihn anschließend in die Klinik fuhr, nahm Alex nur wie in Trance wahr. Sie erreichten schließlich den Wartebereich der Notaufnahme und Alex ließ sich auf einen der unbequemen Stühle fallen. Seine Beine zitterten noch immer und er fragte sich, wie er es überhaupt hierher geschafft hatte. Er vergrub sein Gesicht in den Händen und starrte auf den hellblauen Linoleumfußboden.
»Soll ich hier bleiben?«, fragte Dennis besorgt.
Alex sah ihn mit leerem Blick an. »Nein, ist schon okay. Ich kann jetzt sowieso nur warten.«
»Soll ich vielleicht noch jemanden anrufen? Vielleicht eure Eltern oder Larissa?«
»Oh Gott unsere Eltern! Sie sind auf Kreuzfahrt in der Karibik. Ich hab´ keine Ahnung, wann ich sie erreiche bzw. wann sie hier sein können.« Alex sprang panisch von seinem Stuhl auf. »Ich muss sie anrufen.«
»Willst du nicht wenigstens warten bis du irgendetwas weißt? Ich meine im Moment kannst du ihnen ja noch gar nichts sagen.«
Alex ließ sich wieder auf den Stuhl sinken. »Du hast Recht.«
»Ich hole dir jetzt erst einmal einen Kaffee und versuche Larissa zu erreichen. Ich bin gleich wieder da.«
Larissa war seit knapp zwei Jahren Alex´ Freundin. Die beiden hatten sich bei einem Einsatz kennen gelernt. Alex hatte eine Brandschutzübung in einem großen Bürogebäude und dabei waren sie sich zum ersten Mal begegnet. Larissa war ihm sofort aufgefallen. Sie hatte sich trotz ihres schwarzen Minirockes, der ihre einwandfreie schlanke Figur umspielte, und der aufwendig hochgesteckten blonden Haare freiwillig gemeldet aus dem 1. Stock in ein Sprungtuch zu springen und landete dabei quasi in seinen Armen. Anschließend hatten ihn ihre strahlend blauen Augen angezwinkert und gefragt, ob er sie am Abend für ihren Mut belohnen und mit ihr etwas trinken gehen würde. Von diesem Tag an waren sie auch mehr oder weniger schon ein Paar gewesen. Sie wohnten noch nicht zusammen und durch Alex´ unregelmäßige Arbeitszeiten sahen sie sich manchmal ein paar Tage gar nicht. Aber sie genossen diesen Freiraum und führten eine glückliche Beziehung.
Nach Dennis Anruf kam sie sofort in die Klinik geeilt. Sie rannte auf Alex zu und ihr blondes langes Haar hing ein wenig zerzaust an ihr herunter. Sie trug eine blaue Jeans und ein weites weißes T-Shirt, welches eigentlich nicht ihrem gewohnten Stil entsprach. Sie musste direkt von zu Hause in die Klinik gefahren sein ohne sich noch Gedanken um ihr Äußeres zu machen. Larissa sah schon von weitem die Tränen in Alex´ Augen. Larissa nahm ihn schweigend in die Arme. Dann fragte sie vorsichtig wie es aussähe.
»Er hat schwerste Verletzungen am Brustkorb und der Wirbelsäule und seine Lunge ist gequetscht. Sie haben ihn sofort in den OP gebracht.«
Er schaute Larissa durch einen Tränenschleier in die Augen. »Wir können nur warten und beten.«
Stephan hatte das gehabt, was man sich unter einem perfekten Leben vorstellte. Er war ein erfolgreicher Rechtsanwalt mit einer eigenen Kanzlei mitten in München. Er hatte Kyra, die große Liebe seines Lebens, geheiratet und mit ihr gerade ein wundervolles Haus in Grünwald gekauft. Er war Anfang 30, sehr erfolgreich und mit seinen schwarzen Haaren und den braunen Augen auch nicht gerade unattraktiv. Für die körperliche Fitness ging er jeden Morgen joggen, meistens gemeinsam mit Kyra. Nach dem Joggen frühstückten sie und fuhren anschließend in die Stadt. Er in seine Kanzlei und Kyra in ein großes Hotel, in dem sie als Managerin arbeitete. Dort hatten sie sich auch während eines Kongresses den Stephan dort besucht hatte kennengelernt. In der Mittagspause trafen sie sich zum Essen und gingen in ein kleines italienisches Restaurant oder dem Chinesen um die Ecke. Am Abend sahen sie sich dann zu Hause wieder und im Sommer saßen sie oft noch lange auf der Terrasse ihres Hauses und tranken eine Flasche Wein.
Und nun? Nun war dies alles vorbei. Von einem Moment auf den anderen war plötzlich nichts mehr so wie es einmal gewesen war. Seit jenem Freitagnachmittag, als sie sich auf den Weg zum Starnberger See gemacht hatten, um dort den Abend zu verbringen. Plötzlich tauchte vor ihnen auf der Straße dieser Van auf, der an einer absolut uneinsehbaren Stelle seinen Vordermann überholte. Stephan hatte für den Bruchteil einer Sekunde die Wahl zwischen einem Frontalzusammenstoß oder einem Ausweichen abseits der Straße. Instinktiv entschied er sich für Letzteres und so schoss ihr Wagen eine Böschung hinunter und überschlug sich mehrmals.
Mehr Erinnerungen an diesen Tag hatte Stephan nicht mehr. Er hatte anschließend über fünf Wochen im künstlichen Koma gelegen.
Nach einem ausgiebigen Frühstück machten sich Alex und Stephan auf den Weg zum Hotelpool. Da Stephan mit dem Rollstuhl nicht durch den Sand am Strand fahren konnte, beschränkte sich ihr Sonnenbad auf diesen Bereich. Er fuhr dicht neben eine der Sonnenliegen und stellte die Bremsen des Rollstuhls fest. Dann hob er zunächst ein Bein, dann das andere von der Fußraste auf die Liege. Anschließend stemmte er sich mit den Armen aus dem Sitz und schwang mit einer gekonnten Bewegung den Rest seines Körpers auf die Liege.
»Ich hab´ uns erst einmal eine kleine Erfrischung besorgt.« Alex kam mit zwei Cocktails in der Hand auf ihn zu.
»Na du hast es ja gut vor. Hast du mal auf die Uhr gesehen?«
»Ach, erstens haben wir Urlaub und zweitens doch eine gute Grundlage – nach dem Frühstück!«
Alex reichte Stephan den Cocktail und setzte sich auf die Liege daneben.
»Ist alles okay? Brauchst du irgendetwas?«
Es war der erste Urlaub für Stephan nach dem Unfall und es hatte eine ganze Weile gedauert, bis Alex ihn von dieser Reise hatte überzeugen können. Gerade auch die Sache mit dem Fliegen und weil er nicht wusste, was ihn im Hotel erwarten würde. Wie er dort zurechtkommen würde. Auch wenn sie bei der Auswahl des Hotels natürlich darauf geachtet hatten, dass es rollstuhlgerecht war.
Die Beiden lagen nebeneinander auf ihren Liegen, nippten lässig an einem Ananas-Malibu und schauten sich die umwerfende Aussicht direkt auf den Ozean an, der sich nur wenige Meter vom Hotel entfernt vor ihnen erstreckte und auf dessen hohen Wellen die meist einheimischen Surfer ihre wahren Kunststücke vollbrachten.
»Wie sieht´ s aus? Lust auf eine Abkühlung?«
Stephan nahm seinen Blick nicht von den Wellen. »Ich glaube nicht, dass ich das hinbekomme.«
Alex verdrehte die Augen. »Ich hatte auch eher an den Pool gedacht.«
»Alex ich weiß nicht. Es sind mir etwas viele Leute hier drumherum.«
»Ach was, die sind doch alles mit sich selbst beschäftigt oder schauen auf die knackigen Surfer da draußen.«
Stephan gab sich schließlich geschlagen. Er setzte sich von der Liege zurück in seinen Rollstuhl und fuhr zum Rand des Pools. Er stellte die Bremsen fest und schwang sich auf die erste Stufe des Pools so wie zuvor auf die Sonnenliege. Von dort aus konnte er schließlich los schwimmen. Durch die enorm trainierte Arm- und Brustmuskulatur, die sich im Laufe der Zeit aufgebaut hatte, konnte Stephan sehr gut nur durch die Bewegung seiner Arme und des Oberkörpers schwimmen. Seine gefühllosen Beine bekamen im Wasser Auftrieb und so fiel dies gar nicht sofort auf.
»Siehst du, hat doch wunderbar geklappt. Und die hier drum herum haben doch gar keine Zeit zum Gaffen.«
Dies entsprach natürlich nicht ganz der Wirklichkeit, denn Alex hatte durchaus den einen oder anderen Blick auf seinen Bruder bemerkt. Sie reichten von mitleidig über einfach nur interessiert bis hin zu schockiert.
Die Beiden drehten einige Runden im Pool. Das kühle Wasser war eine angenehme Erfrischung bei den mehr als dreißig Grad Lufttemperatur. Immer mal wieder mussten sie ein paar Kindern auf ihren Luftmatratzen ausweichen, die damit ausgelassen im Wasser tobten, aber ansonsten konnten sie in Ruhe ihre Runden drehen. Ab und an lehnten sie sich lässig an den Beckenrand und plauderten ein wenig.
»Und hast du es bereut, dass wir diesen ewigen Flug auf uns genommen haben?«
»Auf keinen Fall! Das ist schon echt der Hammer hier. Ach und Kleiner…«
»Ja?«
»Danke.«
»Wofür?«
»Naja in unserem Alter ist es nicht selbstverständlich, dass man mit seinem ollen Bruder in den Urlaub fährt…«
Alex musste schmunzeln. »Gerne. Und falls es dich beruhigt, so ein großes Opfer war es gar nicht.«
Auch Stephan lachte. »Na dann.«
Er drehte sich um und schwamm Richtung Pooltreppe. Er setzte sich auf die Stufen, Alex hängte ein Handtuch über den Rollstuhl und Stephan zog sich hinein. Dann fuhr er zurück zu ihrem Platz und setzte sich wieder auf die Liege. Den Rollstuhl schubste er erneut in den Schatten hinter der Liege. Dies hatte zugleich den Vorteil, dass man ihn nicht sofort sah und er sich so wenigstens beim Entspannen auf der Sonnenliege den ein oder anderen gaffenden Blick ersparen konnte. Er nahm sich ein Buch und lehnte sich zurück. Alex kramte einen Kugelschreiber hervor und machte sich wie ein Besessener über eine Sudoku-Zeitschrift her.
Nach einer Weile sah Alex zu seinem Bruder hinüber und meinte grinsend:
»Und ich hatte schon Angst du würdest Gerichtsakten als Lektüre mitnehmen…«
Stephan schielte zu ihm herüber. »Ich hatte mit dem Gedanken gespielt…«
»Dachte ich mir. Ich kenne dich doch. Willst du noch was trinken?«
»Gern. Irgendwas Erfrischendes.«
»Okay, ich werde mal sehen was die hier außer den leckeren Cocktails noch zu bieten haben. Bis gleich.«
Alex schlüpfte in seine Flip-Flops und machte sich lässig auf den Weg zur Bar.
Stephan versank wieder in seinem Buch. Er war gerade in eine sehr spannende Stelle seines Thrillers vertieft, als ihm plötzlich ein nasser Ball in den Schoß platschte.
Er erschrak und blickte irritiert auf. Vor ihm im Pool stand eine junge Frau mit einem etwa 4 Jahre alten Kind auf dem Arm, die ihm ein verlegenes »Oh, I´m sorry« zurief.
Ihr weißer Bikini mit den leuchtend türkisfarbenen Streifen strahlte auf ihrer sonnengebräunten Haut. Ihr schwarzes Haar hatte sie locker hochgesteckt und das kleine Mädchen auf ihrem Arm hatte die gleichen funkelnden blauen Augen wie sie.
»No problem mam«, rief er und warf ihr den Ball zurück.
Sie lächelte ihn an und ihre Blicke hielten für einen Moment aneinander fest. Dann forderte die Kleine wieder die Aufmerksamkeit der jungen Frau und Stephan blickte wieder in sein Buch. So sehr er es jedoch versuchte, er konnte sich einfach nicht mehr so darauf konzentrieren wie vor der Ballattacke. Immer wieder schweifte sein Blick hinüber zum Pool und durch den Schutz seiner Sonnenbrille ertappte er sich dabei, wie er die Beiden beobachtete. Unbewusst wartete er ständig darauf, dass der vermeintliche Vater des Kindes mit im Wasser auftauchte.
Nach einer Weile kam Alex mit zwei Cocktails zurück.
»Sorry, hat einen Moment länger gedauert, aber das Mädel an der Bar ist auch zu süß.«
Stephan lächelte verständnisvoll. »Kein Problem, man muss sich immer auf die wesentlichen Dinge konzentrieren.«
Beim nächsten Aufblicken waren die Beiden verschwunden. Stephan versuchte sich erneute auf den Thriller zu konzentrieren den er in den Händen hielt und der bis eben seine volle Aufmerksamkeit gefordert hatte, aber seine Gedanken schweiften in die Vergangenheit und zu einer anderen Frau…
Larissa setzte sich neben Alex und hielt schweigend seine Hand.
»Verdammt, ich kann doch nicht einfach hier sitzen und nichts tun.«
»Was ist mit Kyras Eltern? Hast du sie erreicht?«
»Ja, sie sind auf dem Weg. Aber die haben über 400 km zu fahren. Es kann noch ewig dauern bis sie hier sind.« Alex Blick fiel erneut auf die große Flügeltür mit der Aufschrift: OP – Kein Zutritt. »Seit zwei Stunden sind sie jetzt da drin...«
»Aber du hast doch gehört was der Arzt gesagt hat, es kann noch dauern.«
Plötzlich öffnete sich die Tür vom OP und ein Arzt kam heraus. Jedoch ein anderer als der, der Alex zuvor über Stephans Zustand informiert hatte.
»Herr Haffner?«
Alex sah den ernsten Blick und er konnte sein Herz an der Halsschlagader klopfen spüren.
»Ja.«
»Es geht um Frau Haffner. Sind noch irgendwelche Angehörigen hier?«
»Nein noch nicht. Ihre Eltern sind auf dem Weg, aber sie haben eine lange Anfahrt. Was ist denn los? Ich meine, ich bin ihr Schwager, sie können doch auch mit mir reden.«
Der Mann mit der grünen OP-Kleidung und dem an den Schläfen bereits etwas ergrauten Haar schaute Alex tief in die Augen. »Es tut mir wirklich sehr leid. Wir konnten nichts mehr für sie tun.«
Alex spürte wie der Boden unter seinen Füßen weicher wurde, fast als würde er auf Treibsand stehen.
»Was? Wie meinen sie das? Was wollen sie damit sagen?«
»Wir haben sie eben während der Operation verloren. Wir haben versucht sie wiederzubeleben, aber leider ohne Erfolg. Ihre Schwägerin ist tot.«
Larissa schlug die Hände vors Gesicht und stieß einen verzweifelten Schrei aus. Alex stand fassungslos auf dem kargen Krankenhausflur, geblendet vom Licht der Neonröhren und spürte wie seine Beine endgültig nachgaben.
»Nein, das, das kann nicht sein. Kyra ist nicht, sie darf nicht…«
»Es tut mir sehr leid. Wir haben getan was wir konnten. Aber sie hatte so starke innere Blutungen. Wir hatten keine Chance.«
Alex ließ sich auf einen Stuhl sinken und ließ seinen Tränen freien Lauf. Larissa drückte sich an ihn und schluchzte wie ein kleines Kind.
»Wie soll ich ihm das beibringen?«, fragte Alex verzweifelt. »Sie war die Liebe seines Lebens.«
»Ich weiß«, sagte Larissa leise. »Ich weiß…«
Am Abend saßen Alex und Stephan nach dem Abendessen noch in der Hotelbar und nahmen den einen oder anderen Longdrink zu sich.
»Verdammt, jetzt hab ich unterwegs die Strohhalme verloren«, stellte Alex fest, als er an ihrem Tisch ankam.
»Kein Problem, ich hole noch welche.«
Stephan machte sich auf den Weg Richtung Theke, als plötzlich jemand sehr schwungvoll um eine Ecke geschossen kam und ehe er sich versah, hatte er ein Glas Pina Colada inklusive Eiswürfel auf seinem Schoß verteilt.
»Oh nein. Oh Gott, es… es tut mir leid«, hörte er eine junge Frau stammeln. Als er aufblickte sah er, dass es die braungebrannte Frau aus dem Pool war.
»Da hat es wohl jemand auf mich abgesehen«, meine Stephan lächelnd.
Das hübsche Gesicht der schwarzhaarigen Frau war puterrot verfärbt.
»Es tut mir wirklich sehr leid. Ich… ich habe sie einfach nicht kommen sehen. Ich hole ein Tuch, ich… ich bezahle selbstverständlich die Reinigung und…«
»Es ist doch nichts weiter passiert. Das trocknet schon wieder. Nur gut, dass sie keinen Rotwein trinken.«
»Wieso?«
»Naja, die Flecken wären schlimmer gewesen«, meinte Stephan lächelnd und schaute auf seine beigefarbene Leinenhose.
»Mir ist das so unangenehm. Und heute Mittag schon die Attacke meiner Tochter. Aber da wusste ich ja auch noch nicht das …« Sie schaute beschämt auf den Rollstuhl.
»Naja jemand anderen hätten die Eiswürfel im Schoß wahrscheinlich mehr gestört«, versuchte Stephan die Situation zu lockern.
Man konnte an dem Gesicht der jungen Frau förmlich den Wunsch ablesen, der Erdboden solle sich vor ihr auftun. »Darf ich sie wenigstens auf einen Cocktail einladen?«
»Das ist wirklich nicht nötig.«
»Aber ich würde mich besser fühlen.«
»Na wenn das so ist. Dann muss ich allerdings kurz meinem Bruder Bescheid sagen. Der wartet da drüben.«
»Das trifft sich sehr gut. Meine Schwester wartet nämlich auch auf mich.«
»Na dann holen sie doch einfach ihre Schwester und wir trinken gemeinsam etwas.«
Cecile hatte die Reise nach Hawaii zu ihrem 30. Geburtstag bekommen. Ihre 4 Jahre ältere Schwester Dana arbeitete bei einer großen Fluggesellschaft und so konnten sie günstig fliegen und sich die Reise ermöglichen. Sie waren beide Single und Cecile Mutter einer kleinen Tochter.
Cecile kam immer noch ziemlich verwirrt am Tisch ihrer Schwester an.
»Sag mal wo bleibst du denn so lange? Ich dachte schon du bist durchgebrannt.«
»Durchgebrannt nicht, aber fast im Erdboden versunken«, erwiderte Cecile.
»Wieso? Was ist denn passiert?«
»Ich habe dir doch heute Nachmittag von Lara´s Aktion mit dem Ball erzählt.«
»Dass der genau bei so einem schnuckeligen Kerl auf der Liege gelandet ist ja.«
»Ja. Und eben habe ich ihm meinen Piña Colada in den Schoß gekippt!«
»Das ist nicht dein Ernst. Wie das denn? Bist du gestolpert?«
»Nein, ich bin nur so schwungvoll um die Ecke gekommen und habe ihn nicht gesehen, weil…« Cecile stockte.
»Weil was?«
»Er sitzt im Rollstuhl.«
»Oh.«
»Ja oh. Und ich renne ihn über den Haufen und schütte ihm meinen Drink in den Schoß. Dana das war so was von peinlich!«
»Und wie hat er reagiert?«
»Er war total nett und locker. Richtig charmant. Ach ja und er wartet übrigens mit seinem Bruder zusammen auf uns, weil ich ihn zu einem Drink eingeladen habe.«
»Oh, okay. Und ist der Bruder auch so schnuckelig?«, fragte Dana grinsend.
»Weiß ich nicht. Den hab ich noch nicht gesehen. Und überhaupt, das ist doch jetzt alles einfach nur peinlich. Aber ich muss das doch irgendwie wieder gut machen.«
Dana griff nach ihrer weißen Lederhandtasche und erhob sich aus ihrem Loungesessel.
»Na komm, dann schauen wir einfach mal. Wir müssen bei denen ja keine Wurzeln schlagen. Und wenn es ganz doof ist, dann müssen wir eben nach Lara schauen, weil wir dem Babyphone nicht vertrauen.«
»Ich bin dann nochmal kurz oben mich umziehen«, meinte Stephan als er zu Alex an den kleinen runden Bartisch zurückkam.
Dieser schaute entsetzt auf die nasse Hose seines Bruders.
»Was hast du denn gemacht? Wie, also wieso …?«
»Es ist nicht das wonach es aussieht.« Daraufhin erzählte er seinem Bruder von dem Ereignis und machte sich anschließend auf den Weg zum Zimmer.
Dort angekommen nahm er sich eine frische Hose aus dem Schrank und setzte sich aus dem Rollstuhl auf das Bett. Er legte sich zurück, öffnete die nasse Hose und zog sie sich über den Po. Dann setzte er sich wieder auf und streifte sich anschließend die Hose über seine leblosen Beine. Auf die gleiche mühsame Art zog er die frische Hose an. Trotz des unnötigen Aufwandes konnte er sich über das Missgeschick jedoch nicht wirklich ärgern. Er ertappte sich immer wieder dabei, wie er an die strahlend blauen Augen der jungen Frau dachte. Er trug noch einen Hauch Eau de Toilette auf und machte sich anschließend auf den Weg zurück zur Bar.
Kurze Zeit später kamen auch Cecile und Dana an ihren Tisch. Alle Vier machten sich kurz miteinander bekannt und bestellten neue Drinks.
Cecile schaute verlegen auf Stephans frische Hose.
»Ich hoffe die Flecken gehen wieder raus.«
»Bestimmt. Wie gesagt, zum Glück war es ja kein Rotwein.«
Während die Gespräche zwischen Stephan und Cecile eher zurückhaltend, ja fast schüchtern waren, plauderten Alex und Dana munter drauf los.
»Und ihr seid also zu dritt hier?«, fragte Alex und zog lässig an seinem Strohhalm.
»Ja, meine Schwester, meine kleine Nichte und ich. Und ihr seid zu zweit oder habt ihr eure Freundinnen irgendwo versteckt?« Dana warf Alex dabei einen aufreizenden Blick zu, denn sie konnte nicht leugnen, dass er ihr gefiel und sie so gar nicht mehr daran dachte den Abend vorzeitig zu beenden und Lara als Alibi zu gebrauchen.
»Nein, nein, die haben wir nicht oben auf dem Zimmer im Kleiderschrank eingesperrt, die müssen erst noch gefunden werden«, entgegnete Alex mit einem ebenso deutlichen Grinsen.
Cecile war hin und hergerissen. Sie fand Stephan als Mann wahnsinnig interessant und anziehend, auf der anderen Seite hatte sie jedoch Angst, er könnte denken, dass sie ihn wegen seiner Behinderung die ganze Zeit anschauen würde.
Genauso ging es Cecile am nächsten Tag am Pool. Sie hatten sich fünf nebeneinanderstehende Liegen gesucht, da sie am Vorabend noch lange zusammengesessen und eine Menge Spaß gehabt hatten.
Cecile beobachtete Stephan heimlich durch ihre Sonnenbrille. Noch immer brannte in ihr die Frage, was ihm wohl passiert war, warum er auf den Rollstuhl angewiesen war. Sie sah die große Narbe entlang seines Brustbeines. Es schien nicht nur seine Beine, bzw. seinen Rücken betroffen zu haben.
»Mama, ich mag jetzt aber baden«, riss es Cecile aus ihren Gedanken. Lara zupfte ungeduldig an ihrem Handtuch.
»Ist okay Spatz, wir gehen jetzt baden.«
»Super Idee«, meinte Alex und sprang von seiner Liege auf. »Was ist mit dir? Kommst du auch mit?«
Stephan schaute von seinem Buch auf. »Ich weiß nicht, ich… Okay, ich komme mit«, sagte er schließlich nach einem kurzen Zögern.
Er zog den Rollstuhl näher an seine Liege. In dem Moment als er sich hineinsetzte meinte Lara mit kindlicher Unvoreingenommenheit:
»Ich mag da auch mitfahren.«
Cecile dachte erneut der Erdboden müsse sich vor ihr auftun und sie augenblicklich darin versinken.
»Lara nein, das geht nicht«, herrschte sie sie mehr an, als sie das beabsichtigt hatte.
»Wieso denn nicht? Ist doch kein Problem.« Stephan schmunzelte und meinte zu Lara:
»Na dann komm mal her.«
Lara strahlte ihn an. Doch Cecile beäugte das Ganze kritisch. Stephan nahm Lara und setzte sie auf seinen Schoß. Cecile ermahnte Lara:
»Und nicht herumturnen hörst du? Schön sitzenbleiben. Du darfst Stephan nicht weh tun.«
»Es ist wirklich okay. Sie kann mir nicht wehtun, keine Angst.«
Cecile lächelte ihn schüchtern an.
»Danke.«
»Wofür?«
»Dass du sie lässt. Sie hat generell sehr wenig Berührungsängste.«
»Das ist doch auch gut so. Ich wünschte es würden mehr Menschen so unbefangen damit umgehen.« Dann rollte er mit Lara zur Pooltreppe.
Cecile schaute ihnen kurz hinterher. Vielleicht hatte er damit ja auch ein wenig sie gemeint. Sie hatte sich noch immer nicht getraut ihn zu fragen, was ihm passiert war.
Dana und Alex nahmen Lara im Wasser in Empfang und fingen an mit ihr zu spielen. Stephan fuhr direkt bis zur Pooltreppe.
»Brauchst du Hilfe?«, hörte er Cecile fragen, die plötzlich hinter ihm stand.
»Nein, nein, das geht schon. Danke.«
Er hob ein Bein nach dem anderen von der Fußleiste des Rollstuhls und stemmte sich schließlich mit der Kraft seiner Arme auf die Pooltreppe.
Auch Cecile folgte den Anderen ins Wasser.
»Wir gehen mit Lara rutschen«, rief Dana nur noch, dann war sie mit Alex und der Kleinen verschwunden.
»Schwimmen wir eine Runde?« Stephan hoffte, dass sich die Lage im Pool etwas entspannen würde.
»Ja sehr gerne.«
Als Cecile schließlich sah, dass Stephan lediglich durch die Schwimmbewegungen seiner Arme schwamm und seine Beine sich auch im Wasser nicht bewegten sagte sie schließlich:
»Du bist gelähmt oder?«
»Ja. Unterhalb des Bauchnabels.«
»Darf ich fragen wodurch?«
»Natürlich darfst du fragen. Es war ein Autounfall. Ein ziemlich schwerer«, fügte er hinzu.
»Ist das schon lange her?«
»Knapp drei Jahre. Manchmal denke ich, dass das ja schon eine lange Zeit ist, aber manchmal kommt es mir auch noch vor als wäre es erst gestern gewesen.«
Cecile´s Blick schweifte in die Ferne auf das offene Meer, welches man vom Hotelpool sehen konnte.
»Was ist?«, fragte Stephan nachdem sie eine Weile geschwiegen hatte.
Cecile sah ihn an.
»Ach es ist nur, es hat mich so nachdenklich gemacht. Wie schnell so etwas gehen kann. Von einem Moment auf den anderen.«
»Mama, Mama ich bin drei Mal die große Rutsche gerutscht. Das war so toll!«, riss Lara Cecile aus ihren Gedanken.
»Super mein Schatz.«
Lara setzte sich auf die Stufen der Pooltreppe und begann mit ihren Gummischildkröten zu spielen. Cecile und Stephan saßen bei ihr.
»Möchtest du auch eine?«, fragte Lara Stephan und drückte ihm auch schon die Größte der Fünf in die Hand. »Das ist der Papa«, erklärte sie.
Stephan schmunzelte.
»Ah, okay. Weißt du auch was der Papa kann?« Stephan tauchte die Schildkröte unter Wasser und ließ sie dort volllaufen.
Anschließend spritzte er Lara damit auf den Bauch. Diese kicherte wie verrückt.
»Nochmal!«, rief sie jauchzend.
»Na da hast du jetzt was angefangen«, meinte Cecile als Stephan die Prozedur nun schon zum 5. Mal wiederholen musste.
Er lachte. »Abkühlung gefällig?« und spritzte nun auf Cecile.
»Oh na warte!« Cecile schnappte sich auch eine der Schildkröten und eine heitere Wasserschlacht begann.
Lara saß laut kichernd in der Mitte und schaute von einem zum anderen.
»Ach schau mal, die kleine glückliche Familie«, scherzte Dana zu Alex, als sie vom Schwimmen zurückkamen. »Na wenn sich da mal nichts anbahnt…«
Alex schaute sie ernst an.
»Wir werden sehen…«
Sie stiegen schließlich alle wieder aus dem Wasser und näherten sich ihren Liegen.
»Wir werden mal für `ne Stunde Surfen gehen«, verkündete Dana und nahm sich ihr Handtuch.
»Das ist doch okay, oder?« Alex schaute Stephan fragend an.
»Natürlich ist das okay, was ist das denn für eine Frage? Viel Spaß.«
Dana und Alex liefen hinunter zum Strand.
Cecile kramte in ihrer großen bunten Strandtasche.
»Könntest du mir vielleicht den Rücken eincremen bevor du dich auf deine Liege legst?«
»Ja sicher.«
Cecile legte sich bäuchlings auf ihre Liege und Stephan nahm nervös die Tube mit der Sonnencreme. Seit Kyras Tod war er keiner Frau mehr so nahe gewesen. Auch wenn er ihr nur den Rücken eincremte, aber Ceciles Nähe machte Stephan nervös.
Er gab ein wenig Creme in seine Hände und verteilte sie zuerst auf seinen Handflächen. Dann rieb er sanft Ceciles Rücken ein, welcher gleichmäßig gebräunt war und ihre Haut fühlte sich unter seinen Fingern samtig weich an.
Cecile schloss die Augen, als sie Stephans Hände auf ihrer nackten Haut spürte.
`Verdammt fühlt sich das gut an´, dachte sie und kostete den kurzen Moment genüsslich aus. Sie spürte, wie sie eine Gänsehaut bekam und das war ihr doch ein wenig peinlich. Aber sie sagte nichts. Keiner von beiden sagte etwas. Beide waren sie in diesem Moment in ihre ganz eigenen Gedanken versunken.
»So, fertig«, sagte Stephan schließlich.
»Vielen Dank.«
»Nichts zu danken. Gern geschehen.«
Stephan rollte zu seiner Liege. Cecile, die noch immer auf dem Bauch lag, beobachtet ihn heimlich. Sie betrachtete seinen muskulösen Oberkörper und sie spürte erneut einen Schauer auf ihrem Rücken. Sie hätte ihm zu gerne die Frage gestellt, die sie schon eine Weile beschäftigte. Was das für ein Ring ist, den er trägt, aber sie traute sich nicht. Sie ahnte die Antwort und deshalb schwieg sie.
Lara hatte sich auf ihre Liege gelegt und Cecile sah, dass sie eingeschlafen war. Sie stand auf, legte ein Handtuch über sie und prüfte noch einmal, ob sie auch genügend Schatten hatte. Anschließend legte sie sich wieder auf ihre Liege und schaute zu Stephan, nachdem sie bemerkt hatte, dass dieser sie betrachtete.
»Darf ich dich etwas fragen«, sagte er zu ihrem Erstaunen.
»Ja sicher, nur zu.«
»Was ist mit Laras Vater?«
Cecile lächelte. »Der geht seinen eigenen Weg. Eigentlich wussten wir von Anfang an, dass es nicht für die Ewigkeit sein würde - das mit uns. Lara war nicht geplant. Es war eine lockere Affäre, mehr nicht. Und dann ist uns dieses berühmte »Missgeschick« passiert und dann erfuhr ich, dass ich schwanger bin.«
Cecile machte eine kurze Pause.
»Und dann«, fragte Stephan vorsichtig.
»Für mich war vom ersten Moment an klar, dass ich dieses Kind bekommen werde. Wir redeten darüber und waren uns einig, dass wir nicht die perfekte Familie sein werden und es auch gar nicht erst versuchen sollten. Wir regelten das Finanzielle und kurz darauf nahm er ein Jobangebot in Sydney an.«
Stephan schaute sie schweigend an.
»Nicht sehr romantisch, ich weiß«, entschuldigte sich Cecile.
»Und das war okay für dich?«, fragte er verwundert.
»Naja, sicher hatte man sich das eigentlich immer anders vorgestellt, aber was will man machen? Es läuft nun mal nicht immer alles nach Plan im Leben.«
»Wem sagst du das«, sagte Stephan leise.
Dana und Alex unternahmen nach dem Surfen noch einen kleinen Strandspaziergang.
»Was machst du eigentlich so beruflich«, fragte Alex, nachdem sie ein Stück gegangen waren.
»Ich arbeite bei der Lufthansa.«
»Du bist Stewardess?«, fragte Alex.
Dana lachte. »Nein, deswegen muss ich ja nicht gleich Stewardess sein. Ich bin im Management tätig. Und du?«
»Ich bin Feuerwehrmann.«
Dana schaute ihn mit leuchtenden Augen an. »Echt? So richtig?«
Alex schaute sie fragend an. »Wie kann man denn unrichtig Feuerwehrmann sein?«
»Naja, ich meine so richtig hauptberuflich.«
»Ja, so richtig hauptberuflich.«
»Wow, ein richtiger Feuerwehrmann.«
Alex schaute sie von der Seite an.
»Sag mal, machst du dich über mich lustig?«
»Nein überhaupt nicht. Ich habe das ernst gemeint. Ich steh auf Männer in Uniform…«
Alex lachte. »Bist du deshalb zur Lufthansa gegangen? Wegen den Piloten in ihren Uniformen?«
»Genau. Es war nicht der einzige Grund, aber ein sehr Entscheidender.«
Dana lächelte Alex kess an.
»Und, was war das Aufregendste was du bisher in deinem Beruf erlebt hast?«
»Hm, das Aufregendste… Ich weiß nicht so genau. Mein Job ist eigentlich immer aufregend. Und sehr abwechslungsreich.«
Dana schaute ihn neugierig an.
»Und was war das Schlimmste?«
Alex´ Gesicht wurde mit einem Mal sehr ernst. Er zögerte einen Moment. Dann sagte er leise:
»Als ich meinen Bruder aus dem völlig zerstörten Wrack seines Autos herausschneiden musste…«
Dana schaute ihn schockiert an.
»Du hast ihn da rausgeholt?«
»Ja, ich war an diesem Tag im Dienst und ich glaubte es sei ein Einsatz wie jeder andere. Auch wenn es das in meinem Beruf eigentlich nie gibt. Und dann habe ich gesehen, dass es Stephans Wagen war, der da völlig zerstört auf der Wiese lag.«
Dana sah ihn schweigend an. Alex machte eine kurze Pause, fuhr dann aber fort:
»Er war zwischen dem Lenkrad und dem Sitz völlig eingeklemmt. Aus einem Grund, der nie geklärt wurde, war der Airbag nicht aufgegangen.«
»Mein Gott«, Dana legte die Hand auf ihren Mund.
Alex schaute vor sich in den Sand. Er schien gar nicht mehr anwesend zu sein. Wie in Trance fuhr er fort.
»Sein Brustkorb und ein Teil seiner Wirbelsäule wurden zertrümmert, seine Lunge schwer verletzt. Der Notarzt hat ihn noch in dem Wrack künstlich beatmet, dann haben wir ihn irgendwann endlich rausbekommen.«
Dana sah Alex an. Sie wusste nicht, ob er weiterreden wollte.
»Ich hab seine Hand gehalten, während sie ihn zum Rettungshubschrauber gebracht haben und ihn gebeten, dass er mich nicht alleine lassen soll.«
Dana stiegen bei diesen Worten Tränen in die Augen. Als Dana merkte, dass Alex nicht weiter sprach, sagte sie leise:
»Und er hat auf dich gehört.«
Alex starrte weiter in den Sand.
»Ja. Er hat gekämpft. Fünf Wochen lag er im künstlichen Koma und wurde von einer Maschine beatmet. Fünf lange Wochen in ständiger Angst.«
Dana griff instinktiv nach Alex` Hand.
»Ich hab jeden Tag stundenlang an seinem Bett gesessen und mit ihm geredet. Ich habe einfach so getan, als würde er nicht im Koma liegen.«
»Das war bestimmt genau richtig.«
Alex schien langsam wieder zu sich zu kommen. Er schaute Dana an.
»Ach, entschuldige bitte. Ich wollte nicht so ausholen.«
»Aber nein. Du brauchst dich doch nicht zu entschuldigen. Das ist wirklich eine furchtbare Geschichte.«
»Ja, das ist es…«
»Habt ihr euch schon immer so nah gestanden?«
»Ja. Schon als Kinder. Er ist eben mein großer Bruder und er war immer für mich da.«
Dana schaute Alex an.
»Und jetzt bist du für ihn da.«
»Naja, ich versuche es so gut es geht.«
Als Dana und Alex schließlich wieder zurück an ihrem Platz waren und Alex gerade mit einem Tablett voller Getränke von der Poolbar kam fragte Dana in die Runde:
»Wie sieht es aus, gehen wir heute Abend gemeinsam essen? Hier um die Ecke ist so ein herrliches Fischrestaurant direkt am Pier, kennt ihr das?«
»Ach, und wie nennt man das dann, wenn man mit so zwei flotten jungen Damen ausgeht?«, fragte Alex, als sie am späten Nachmittag auf dem Weg zu ihrem Zimmer waren. »Also jetzt komm schon, die Beiden sind ja wohl echt heiß, oder?«
»Also für mich ist es jedenfalls kein Date, okay?« Stephan warf Alex einen wütenden Blick zu und bewegte seinen Rollstuhl so schnell vorwärts, dass er seinen Bruder hinter sich ließ. Alex rannte ihm nach.
»Stephan warte. Das war nicht so gemeint.«
Vor der Zimmertür blieb Stephan stehen und wartete auf Alex. Dieser legte ihm die Hand auf die Schulter und meinte mit leiser Stimme:
»Bitte entschuldige. Ich wollte dir nicht zu nahe treten.«
Stephan war seit Kyras Tod nicht mehr mit einer Frau aus gewesen. Und er sagte auch immer wieder, dass er sich dies nicht vorstellen könne. Nur weil das Schicksal sie ihm damals weggenommen hatte, habe er deshalb ja nicht aufgehört sie zu lieben. Er fuhr mindestens einmal in der Woche zum Friedhof und legte frische Blumen auf ihr Grab. Oft blieb er dort über eine Stunde und redete mit ihr. Die Wohnung war voll mit Bildern von Kyra und er trug noch immer seinen Ehering.
»Also dafür, dass es kein Date ist, hast du dich aber ganz schön in Schale geworfen meine Liebe.« Dana schaute ihre Schwester bewundernd an.
Diese schmunzelte nur und meinte: »Naja, man tut was man kann…«
Als Dana dann auch ins Badezimmer ging und Cecile genau wusste, dass es bei ihrer Schwester durchaus auch länger dauern konnte, widmete sie sich Lara.
Sie hatte dunkelblondes, langes Haar, welches im unteren Teil in großen Locken aushing. Sie war vom vielen Planschen im Wasser schon sehr gebräunt und ihre blauen Augen strahlten aus einem fast immer fröhlichen Gesicht. Lara war vor kurzem vier Jahre alt geworden und mächtig stolz darauf. Cecile zog ihr ein geblümtes leichtes Sommerkleidchen und Sandalen an. Die blonden Haare ließ sie offen und steckte ihr seitlich übers Ohr die gleiche hawaiianische Blüte ins Haar wie sie trug.
Nach einer kühlen Dusche und einem Kaffee hatte sich Stephan dann auch wieder gefangen und musste, wenn er ehrlich war, sogar zugeben, dass er sich auf den Abend mit den beiden Frauen und der Kleinen freute. Er trug eine beigefarbene Stoffhose und ein schwarzes Hemd, welches er am Kragen ein wenig offen ließ. Stephan hatte sich extra noch einmal frisch rasiert und der Duft seines Aftershaves zog durch den Raum. Er setzte sich gerade vom Bett in seinen Rollstuhl, als Alex aus dem Bad kam.
»Was meinst du, ob mich das rosa Hemd zu jung macht?«
Stephan hielt mitten in einer Bewegung inne und schaute seinen Bruder irritiert an.
»Bitte was?« Er musste lachen. »Was soll die Frage?«
»Naja, ich meine, also ich glaube, dass Dana schon die Ältere der beiden ist, oder?«
Stephan setzte sich in seinem Rollstuhl zurecht und lachte.
»Du hast Sorgen. Also ich denke zwar auch, dass sie die Ältere von den beiden ist, aber so alt, dass du ihr zu jung bist, wird sie schon nicht sein.«
Alex entschied sich schließlich für das rosafarbene Hemd und eine blaue Jeans. Er schwenkte lässig die Zimmerkarte und fragte schließlich:
»Na, wie sieht´s aus? Wollen wir?«
Sie trafen sich in der Hotellobby. Stephan konnte seinen Blick nicht von Cecile nehmen. Sie trug einen knielangen schwarzen Rock mit einem weißen Seidentop und weiße Pumps. Ihre Haare trug sie offen, nur an der Seite etwas hochgesteckt mit einer typisch hawaiianischen Blüte. Cecile gefiel Stephan, das spürte er deutlich. Aber konnte er dies auch zulassen?
Alex begann schließlich die Damen mit zwei Küsschen auf die Wange zu begrüßen. Als Cecile sich zu Stephan hinunter beugte, um auch ihn zu begrüßen, umhüllte sie der dezente Duft seines Aftershaves und Cecile spürte wieder diese Wärme in sich aufsteigen. Er berührte bei der Begrüßung ihren Arm und sie musste daran denken, wie seine starken Hände ihre nackte Haut berührt hatten, als er sie am Pool eingecremt hatte. Sie trat schließlich einen Schritt zurück und versuchte ihre Gedanken zu verdrängen.
Sie verließen schließlich die Hotelanlage und gingen ein Stück die Strandpromenade entlang.
Alex und Dana liefen mit Lara an der Hand vorweg und machten immer wieder mit ihr »Engelchen flieg«.
»Was machst du eigentlich so, wenn du nicht gerade mit deinem Bruder auf Hawaii bist?«, versuchte Cecile ein Gespräch zu beginnen.
»Du meinst beruflich?«
»Ja, zum Beispiel.«
»Ich bin Rechtsanwalt. Und ich habe einen leichten Hang zum Workaholic, da bleibt nicht so viel Zeit für Anderes.«
Cecile lächelte. »Verstehe. Rechtsanwalt. Hast du eine eigene Kanzlei oder arbeitest du für eine Firma oder so?«
»Nein, ich bin mein eigener Chef.«
»Und wie viele Verbrecher hast du schon rausgehauen?«, fragte Cecile mit einem frechen Grinsen.
Stephan lachte.
»Da muss ich dich enttäuschen. Ich bin kein Strafverteidiger. Ich mache Zivilrecht. So mit Nachbarschaftsstreit am Maschendrahtzaun und so.«
Cecile konnte ein lautes Lachen nicht unterdrücken.
»Und du? Arbeitest du auch oder bist du durch Lara zu Hause?«
»Ich arbeite halbtags im Büro eines großen Autokonzerns. Der mit den vier Ringen.«
»Verstehe. Schade, ich dachte der mit den drei Buchstaben, der steht nämlich bei mir in der Garage.«
»Wirklich?«
»Ja. Ist doch als Münchner Anwalt nicht so abwegig oder?« Stephan grinste.
»Nein, das nicht. Ich dachte nur wegen, also ich wusste nicht…«
»Du wusstest nicht, dass ich in der Lage bin Auto zu fahren wegen meiner Behinderung«, brachte Stephan Ceciles Satz zu Ende.
Cecile schaute ihn verlegen an.
»Hey, das ist wirklich kein Problem. Wenn du etwas wissen möchtest, dann frag einfach okay? Ich fahre ein Automatikauto, dessen Gas und Bremse ich über einen Hebel neben dem Lenkrad mit der Hand betätige. Ansonsten ist es ein ganz normales Auto.«
»Okay verstehe.«
Nach dem anschließenden Abendessen gingen sie erneut an der Strandpromenade zurück. Lara war inzwischen sehr müde und Cecile trug sie auf dem Arm.
»Wird sie dir nicht langsam ein wenig schwer?«, fragte Stephan, als er sah, dass Lara sich immer mehr hängen ließ.
»Naja so langsam schon. Aber sie ist müde, was soll ich machen. Normalerweise ist sie um diese Zeit bereits im Bett.«
»Dann gib sie doch her.«
»Wirklich?«
»Ja klar.«
Cecile streichelte Lara über den Kopf.
»Möchtest du noch mal zu Stephan auf seinen Schoß?«
Lara nickte mit dem Daumen im Mund und ihrem Stoffhund unter dem Arm. Ungestört davon, dass sie Stephan kaum kannte, legte sie ihren Kopf an seine Brust und war kurze Zeit später eingeschlafen.
Stephan schaute erstaunt an sich herunter.
»Das gibt es doch nicht.«
Cecile schmunzelte. »Sie scheint sich wohl zu fühlen.«
»Offensichtlich.«
Erst als sie am Hotel angekommen waren drehte Alex sich zu den Dreien um und meinte dabei scherzhaft:
»Na, noch alle wach?«
»Naja alle nicht mehr«, entgegnete Stephan und zeigte auf seinen Schoß.
Cecile schaute Stephan von der Seite an und spürte plötzlich ein Kribbeln im Bauch. Er war etwas Besonderes, dessen war sie sich sicher.
»Na bei der Kleinen hast du aber mächtig Eindruck gemacht«, meinte Alex später auf dem Zimmer während er zwischen Badezimmer und Kleiderschrank hin und her lief.
»Wie meinst du das denn schon wieder?«
»Naja, sich gleich am ersten Abend an dich schmiegen und in deinen Armen einzuschlafen…«
»Ach du meinst Lara!«
Alex lachte. »Ja, ich meinte Lara. Wieso? Hast du bei der Mama auch Eindruck hinterlassen?«
»Keine Ahnung. Wir haben uns einfach sehr gut unterhalten. Sie hat eine sehr nette Art.«
Alex grinste seinen Bruder an. »Ja, und ein sehr hübsches Gesicht und eine gute Figur…«
Stephan setzte sich aufs Bett und zog sich mühsam die Hose aus.
»Ja, auch das. Aber was spielt das schon für eine Rolle.«
»Wie meinst du das?«
»Ach verdammt, welche Frau wird sich das hier denn bitte freiwillig antun?« Er schlug sich mit den Händen wütend auf die leblosen Beine.
Alex erschrak. So kannte er Stephan gar nicht.
»Hey Großer, was ist denn los?«
Er setzte sich neben Stephan auf das Bett. Dieser hatte sich zurückgelegt und starte an die Decke.
»Ach, ich weiß auch nicht.« Er machte eine kurze Pause. »Es tut mir leid. Manchmal kommt es einfach hoch und,« er schluckte »und dann ist es fast unerträglich.«
Alex sah, dass Stephan mit den Tränen kämpfte.
»Ist schon gut«, meinte er leise und drückte seine Hand.
Nach sechs endlosen Stunden öffnete sich endlich die Tür vom OP und der Arzt, der Alex vor der OP über Stephans Zustand aufgeklärt hatte kam heraus. Alex sprang von seinem Stuhl auf und lief auf ihn zu.
»Wie geht es ihm?«
»Er lebt«, meinte er mit ernstem Gesichtsausdruck. »Aber es war eine sehr schwere OP und…«
»Und was?«
»Es kam während der Operation zu einem Herzstillstand. Wir mussten ihren Bruder wiederbeleben.«
Alex wurde kreidebleich und starrte Dr. Mertens, so hatte er sich vorhin vorgestellt, fassungslos an.
»Ich möchte ganz offen zu ihnen sein. Ihr Bruder hat schwerste Verletzungen erlitten und die OP hat ihn zusätzlich geschwächt. Wir haben ihn in ein künstliches Koma versetzt und hoffen, dass er so die Chance hat, sich von den schweren Verletzungen und dieser OP zu erholen.«
»Was heißt `sie hoffen es´?«
»Herr Haffner, wie gesagt, ich möchte ganz offen zu ihnen sein. Wir wissen nicht, ob er die Nacht überleben wird.«
Alex schossen erneut Tränen in die Augen. Er stand fassungslos auf dem kargen Krankenhausflur und hoffe so sehr endlich aufzuwachen und zu merken, dass dies alles nur ein böser Traum war. »Kann ich ihn sehen?«, stammelte er.
»Kommen sie. Er wird gerade auf die Intensivstation gebracht.« Dr. Mertens ging mit Alex ans Ende des Ganges.
»Warten sie hier. Die Schwester wird sie reinholen, sobald sie mit ihm so weit sind.« Wenig später öffnete sich die Tür und eine Schwester in blauer Kleidung rief Alex hinein.
»Ich bin Schwester Verena. Ich werde sie erst einmal begleiten. Sie müssten sich noch solch einen Kittel anziehen.«
Mit zitternden Händen griff Alex nach dem blauen Kittel, den ihm die Schwester reichte. Er hatte Mühe die Ärmelöffnung zu treffen.
»Waren sie schon einmal auf einer Intensivstation?«
»Nein, bisher noch nicht.«
»Es ist beim ersten Mal sehr schwer. Die Eindrücke sind nicht leicht zu verkraften.«
Alex folgte ihr schweigend. Der Geruch nach Desinfektionsmittel stieg ihm in die Nase und die permanenten Alarmtöne von allen Seiten machten ihm schon jetzt Angst. Obwohl er Stephan noch gar nicht gesehen hatte.
