Spurversetzt - Sabine Ragna Müller - E-Book

Spurversetzt E-Book

Sabine Ragna Müller

0,0
7,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Gerade mein Leben mit chronischen Krankheiten hat mich sehr verändert. Hier besann ich mich auf meinen sozialen Rückhalt und meinen sozialen Hinterhalt. In der Ich-Perspektive erlebte ich die 1. einschneidenden Diagnose Multiple Sklerose und dann die Achterbahnfahrt mit meiner Psyche (und damit weitere Diagnosen: Depressionen, Manisch Depressiv und die Psychose). Weil ich die Außenperspektive meiner nahen Menschen interessant finde führte ich Interviews über meine Krankenstationen. Defizite, bzw. Krankheiten bedingen auch Kompetenzen, die sich bei mir ausbildeten. Zum Schluss kein Fazit, weil Spunk (Pippi Langstrumpfs Name für Krankheiten) noch da ist und auch körperlich das Speiseröhrenasthma hinzukam.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 226

Veröffentlichungsjahr: 2021

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1.

Mein Leben, also das Ich - im sozialen Hinterhalt und im sozialen Rückhalt

1.1 Mein Lebenslauf also das Ich mit meinen beruflichen Lernerfahrungen1.2 Meine beruflichen lebensrelevanten Lernerfahrungen1.3 Familiäre Biographie oder sozialer Hinterhalt1.4 Meine sozialen Netzwerke, mein sozialer Rückhalt1.5 Sicherheit in der Unsicherheit ein erstes Fazit

2.

Ich und meine Krankheiten – meine Krankenrolle als Hinterhalt und meine Lieben als Rückhalt

2.1 Die Diagnosezeit der Multiplen Sklerose
2.1.1 Die Augenärzte2.1.2 Mein erster Neurologe und die Diagnose Retrobärneuritits2.1.3 Die Klinik2.1.4 Mein zweiter Neurologe2.1.5 Meine Psychiaterinnen
2. 2 Die erste Reha2.3 Die Tagesklinik2. 4 Die Eskalation - die Psychose
2.4.1 Die manische Psychose2.4.2 Die Depression
2.5 Die zweite, psychosomatische Reha2.6 Der Unfall und dann kommt immer noch was nach2.7 Der Spunk oder jetzt was Neues2. 8 Resumee aus dieser Zeit

3.

Interviews und Kontrastierung meiner Sichtweise

3.1 Ich und meine Kankheiten – meine Krankenrolle, Interview A
3.1.1 Die Diagnosezeit der MS3.1.2 Die erste Reha3.1.3 Die Tagesklinik3.1.4 Die Psychose3.1.5 Die zweite Reha3.1.6 Der Unfall und dann kommt immer noch was nach
3.2 Ich und meine Kankheiten – meine Krankenrolle, Interview B
3.2.1 Die Diagnosezeit der MS3.2.1 Die erste Reha3.2.2 Die Tagesklinik3.2.3 Die Psychose3.2.4 Die zweite Reha3.2.5 Der Unfall
3.3 Ich und meine Kankheiten – meine Krankenrolle, Interview C
3.3.1 Die Tagesklinik3.3.2 Die Psychose3.3.3 Die zweite Reha3.3.4 Der Unfall
3.4 Ich und meine Kankheiten – meine Krankenrolle, Interview D
3.4.1 Die Diagnosezeit der MS3.4.2 Die erste Reha3.4.3 Die Tagesklinik3.4.4 Die Psychose3.4.5 Die zweite Reha3.4.6 Wie war der Unfall für dich?
3.5 Resumee aus den Interviews

4.

Der Vortrag auf der Tagung zur Psychose und in der Genesungsbegleiterausbildung

4. 1. Mein Vortrag zu meinen seelischen Krankheiten4. 2. Bipolar
4.2.1 Die Manie4.2.2 Die Depression4.2.3 Mein Lernertrag
4. 3. Die Psychose
4.3.1 Die Manie in der Psychose4.3.2 Die Depression in der Psychose4.3.3 Wachsamkeit - Achtsamkeit

5.

Der Hinterhalt führt zum Rückhalt und zu Kompetenzen

5.1 Hilfsangebotskompetenz (extern5.2 Antragskompetenz5.3 Wissenskompetenz5.4 Arzt-, Klinik- und Medizinkompetenz - Empowerment5.5 Emanzipierte Patientin oder eine gute Genesungsrolle oder der Peeransatz5.6 Tagesstrukturkompetenz5.7 Rentnerkompetenz oder die gute Rentenrolle5.8 Selbsthilfegruppen-kompetenz5.9 Neues Verständnis von sich selbst - Identitätskompetenz5.10 Beratungskompetenz5.11 Genesungsbegleiter- kompetenz5.12 Checkliste für die Genesungsrolle5.13 Welche pragmatischen Ziele kann ich mir selbst setzen?5.14 Gesunde Selbsteinschätzungskompetenz (intern), meine persönlichen Fragen an meine Gesundheit

6.

Reflektion der gemachten Erfahrungen

6.1 Vulnerabilität/Verletzlichkeit6.2 Grad der Selbstbestimmung (Partizipation) und Autonomie in dem Genesungsweg finden

7.

Kein Fazit zum Abschluss

Einleitung

Mein Leben war ganz normal bis ich Mitte Dreißig Alt wurde. Nun katapultierte mich meine erste chronisch Krankheit aus dem Berufsleben heraus: die MS. Dies war eine Krankheit die meine gesamte Lebensplanung in Frage stellte. Ich war raus aus der Leistungsgesellschaft und hinein nur wohin?

Mein Leben ist geprägt von Hinterhalten. Dies fing im Sozialen an und ging weiter mit meinen Krankheiten. Zum Glück gibt es aber auch den Rückhalt. Meine lieben Menschen, die für mich da sind und mein Leben begleiten.

Wer ist mein Weggefährte in schlechten Zeiten? Wer ist für mich da? Diese Fragen stellte ich mir auf Grund meiner Krankheiten im Besonderen. Hier habe ich durch meine familiären Erfahrungen einige Hürden, aber da bin ich sicher nicht alleine.

Meine Wahlfamilie sind meine Omi, meine Freunde und meine Beziehung. Diese habe ich im Leben gesammelt, weil ich Sicherheit brauche. Ein gutes soziales Netz ist hier mein Nest.

Viele tolle Menschen begleiten mich. Dieses Buch ist für die großartigen Menschen an meiner Seite geschrieben und andere Interessierte.

Dieses Buch schreibe ich, da ich in den letzten Jahren sehr viel erlebt habe und ich hierdurch noch einmal eine vertiefte Reflexion anstrebe. Zwar habe ich eine Schreibleseschwäche und damit mache ich schon beim Schreiben Fehler, aber egal! Dieses Buch hat biographische Anteile, denn das Leben schreibt einfach die besten Geschichten. Mit diesen Beispielen möchte ich Sie zum Einen unterhalten und, falls Sie auch chronisch krank oder ein Angehöriger von einem kranken Menschen sind, aus der grauen Theorie durch Praxisgeschichten auch mit mir und meinen Lebensepisoden teilhaben und lernen lassen.

Ich bin noch nie in meinem Leben gescheitert und hab mich immer durchgekämpft. Eine Diagnose ist zwar kein Scheitern, aber es kann einen zur Verzweiflung bringen.

Aber Diagnosen können auch Halt geben. An diesem Scheitern und auch den Zugewinnen möchte ich Sie teilhaben lassen.

Im ersten Kapitel geht es um mich, meinen Lebenslauf, meine ersten beruflichen Erfahrungen und den sozialen Hinterhalt, den ich als Kind und Erwachsene von meiner Primärfamilie erlebt habe. Ein Teil meiner Familie, meine Omi und meine Wahlfamilie, mein sozialer Rückhalt sind meine Freunde und meine Beziehung.

Im zweiten Kapitel geht es um mich und meine Stationen mit meinen Krankheiten. Diese sind nicht nur physischer, sondern auch psychischer Natur. Die Krankenrolle und die Stationen meiner Ärzte und Klinikaufenthalte sind Teil meiner neuen, neu gebildeten Identität.

Im dritten Kapitel werden Interviews meiner Nächsten zu meinen Krankenstationen angeboten, da mir eine Außenperspektive von meinen lieben Menschen auf meine Krankenzeit wichtig ist.

Im vierten Kapitel geht es um den Vortrag zur Psychose, den ich auf einer Tagung und in meiner Ausbildung zur Genesungsbegleiterin gehalten habe.

Im fünften Kapitel geht es um die Kompetenzen, die ich erworben habe durch meinen Genesungsweg und was mich psychisch erweitert hat Im sechsten Kapitel gebe ich noch einmal eine Reflexion meiner Erfahrungen, die ich gesammelt habe.

Im siebten Kapitel kommt kein Fazit, denn die Geschichte meiner Krankheiten ist noch nicht zu Ende erzählt.

1.Mein Leben, also das Ich - im sozialen Hinterhalt und im sozialen Rückhalt

1.Biographie oder sozialer

Hinterhalt und sozialer Rückhalt

In diesem Kapitel werde ich Ihnen Einblicke in mein Leben anbieten.

Zu Beginn meinen Lebenslauf und wichtige berufliche Erfahrungen, also das Ich. Dann kommt der soziale Hinterhalt und der soziale Rückhalt.

Und am Ende dieses Kapitels werde ich meine Erfahrungen im Kontext meines Erlebens kontrastieren, um klarer darzustellen, wie ich mit mir und meinen Krankheiten umgehen werde.

1.1Mein Lebenslauf also das Ich mit meinen beruflichen Lernerfahrungen

Sicherlich interessiert Sie auch mein Lebenslauf, denn da sind alle meine beruflichen Erfahrungen gesammelt. Wenn nicht, dann überspringen Sie ihn einfach.

Berufliche Tätigkeiten

Ehrenamtliche Tätigkeiten im Rahmen der Rentenzeit auf Grund von einer Gesundheitseinschränkung

Leitung einer Selbsthilfegruppe

Ausbildung zur Genesungsbegleiterin

Servicekraft im Gastronomieprojekt von der Caritas e.V. im Sinne eines Trainings für die Berufswelt

Coaching für Studierende

Beratung und Verkauf bei einem Kirchenladen

Filmfestivalmitarbeit

Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Konzeption, Durchführung und Weiterentwicklung fachspezifischer Schreibförderansätze.

Workshops und Seminare für Studierende in einigen Fachbereichen

Lehrtätigkeit für das Pädagogikinstitut

Seminare: Wissenschaftliches Schreiben und der produktive Dialog

Weitere Tätigkeiten:

Organisation und Begleitung von interdisziplinären SchreibgruppenKonzeption und Durchführung von Ausbildungen für Tutorinnen und TutorenAnleitung von wissenschaftlichen HilfskräftenVerfassen eines wissenschaftlichen ArtikelsBesuch von Konferenzen zu hochschuldidaktischen Themen

Wissenschaftliche Hilfskraft mit Abschluss

Folgende Tätigkeiten

Eigenständige wissenschaftliche Recherche des Bedingungsgefüges interkultureller HerausforderungenUnterstützung bei der Organisation und der Durchführung einer Tagung für den Austausch mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern anderer Universitäten

Studium

Universitätsstudium

Studienfach:

Erziehungswissenschaften

Vertiefung: Erwachsenenbildung, außerschulische Jugendbildung

Abschluss: Diplom

Gesamturteil: sehr gut

Pflege- und Gesundheitswissenschaften

Abschluss: Diplom

Gesamturteil: befriedigend

Schulbildung

Gymnasium

Abschluss: Allgemeine

Hochschulreife

Abschlussnote: 2,7

EDV- und Sprachkenntnisse

EDV-Kenntnisse: MS Office: Word,

Excel, Power-Point und Outlook

Latex,Visio 2003 und SPSS

Sprachen: Deutsch – Muttersprache

Englisch- gute Kenntnisse in Wort und Schrift

Französisch: Grundkenntnisse

1.2Meine beruflichen lebensrelevanten Lernerfahrungen

Hier möchte ich Sie einfach an einigen wichtigen positiven Lernerfahrungen teilhaben lassen.

Ich habe sehr lange studiert. Zwei Abschlüsse konnte ich in der Leistungsgesellschaft mein Eigen nennen. Zuerst studierte ich Pflegewissenschaft mit einer Freundin und meiner Schwester.

Dann legte ich aus Motivationsproblemen eine Ehrenrunde ein und ich fand Lernpartner für die Abschlussphase.

Das Pädagogikstudium habe ich ganz alleine ausgewählt und auch alleine an der Massenuniversität durchgezogen. Das Studium begann ich in meiner Heimatstadt und ich wechselte in die Großstadt, da es dort einen größeren Fachbereich gab. Die Angebote in der Großstadt fand ich interessanter. Im Grundstudium habe ich mein Sprunggelenk operieren lassen, in der Hoffnung, dass es sich dann verbessert. Leider habe ich immer noch eine Arthrose.

Am Ende des Grundstudiums wurde mir klar, dass ich mich im Vortragsstil verbessern musste, da habe ich ein Seminar gewählt, was dies zum Schwerpunkt hat. Hier bekam ich zum ersten Mal in meinem Leben konstruktive Kritik, wobei man sich nicht rechtfertigen soll. Mir war bis dahin nicht klar, dass ich bei Kritik gleich eine Rechtfertigung parat habe. Ich bin dann zu der Lösung gekommen, die Zähne zusammenzubeißen und es lächelnd über mich ergehen zu lassen. Hier habe ich gelernt konstruktive Kritik annehmen und geben zu können.

Bei diesem Seminar konnte ich dann auch zum ersten Mal die Leitung übernehmen, was eine wichtige Erfahrung als Pädagogin für mich war. Das Seminar ist so aufgebaut, dass man zuerst teilnimmt, dann hospitiert und letztendlich leitet, so dass ich im Hauptstudium zum ersten Mal die Erfahrung als Leitung eines Seminars hatte.

Im Hauptstudium wählte ich aktiv das Thema Coaching, da mich Beratung schon immer fasziniert hatte. Ich machte die Coachingausbildung, da meine Abschlussarbeit sich auch mit Coaching beschäftigte. So habe ich das Thema Coaching aktiv theoretisch und praktisch kennen gelernt. Dies war ein wichtiger Schritt in die Entwicklung eines Coachingprofils für mich.

An der Universität machte ich meine ersten Berufserfahrungen.

Ich arbeitete in Projekten und konnte meine Themen relativ frei wählen. Hier lernte ich Kooperationspartner kennen und lernte auch viel über das wissenschaftliche Schreiben in verschiedenen Fachbereichen. Ich lernte Projektanträge zu schreiben und das Schreiben von Projektberichten. Dies kann ich für mein Vorhaben, ein eigenes Projekt ins Leben zu rufen, nutzen. Leider hatte mein Chef eine Nähe- Distanzstörung und so war er nur eine gewisse Zeit ein wohlwollender Chef. Irgendwann kippte unsere Beziehung völlig und es wurde gruselig.

Ich wurde krank und meine Projektstelle lief gleichzeitig aus.

Meine Krankenzeit begann und ich durchlief viele Institutionen, um dies besser reflektieren zu können, habe ich dieses Buch geschrieben.

Ich habe physische und psychische Krankheiten, die mich und meine Identität neu geprägt haben. In dem Buch reflektierte ich meine Krankenzeit, die in die Rentenzeit mündete. Durch das Buchprojekt habe ich mich immer besser mit meiner Rentenrolle auseinandersetzen können und für mich einen Weg in der Rente gefunden. Für mich ist Gesundheit ein relativer Zustand. Rein biologisch gesehen werde ich nie wieder gesund. Dies ist aber die falsche Sichtweise, denn ich habe Phasen in denen es mir gut geht und Phasen in denen es mir weniger gut geht. Mein alltägliches Bestreben ist eine Art prozessuale Stabilität. Mir ist es möglich, wieder genesen zu werden. Um dies zu bleiben benötige ich herausfordernde, anregende und sinnvolle Beschäftigung. Hier mache ich viele nette Begegnungen, um meinen Tag zu strukturieren. Ich bin kein Leistungsmensch mehr. Als Rentnerin gestalte ich mir meinen Tag mit einer Beschäftigung am Tag (Kaffee trinken einmal am Tag mit einem netten Menschen).

Nun kommen meine familiären Geschichten.

1.3Familiäre Biographie oder sozialer Hinterhalt

Nun kommt die familiäre Biographie, mein Hinterhalt in meiner Kernfamilie, die ich mit dem Erfahrungsschatz meiner kindlichen Episoden und zeitnahen innerfarmiliären Gespräche darstellen möchte.

Hierbei nenne ich einfach immer meine primäre Bezugspersonen, da ich meine Familienmitglieder nicht vorwurfsvoll oder stigmatisierend darstellen möchte.

Hier werden Episoden dargestellt, um auch meinen sozialen Hinterhalt würdigend darzustellen, denn auch meine Familienmitglieder können sehr schwierig werden. Jetzt bitte nicht falsch verstehen, denn ich weiß, dass viele Familien nicht einfach sind. Mit diesen Geschichten möchte ich zum einen meine eigenen Entwicklungsmomente und zum anderen meine Pausenzeiten mit manchen Familienmitgliedern verdeutlichen.

Nun kommen einige Episoden, wie ich sie wahrgenommen habe.

Kindesalter

Im frühen Alter war ich sehr ängstlich und sehr sensibel.

Früher hätte ich Ihnen erzählt, dass ich ein dummes Kind war.

Eine Situationen, die ich als Kind erlebte: Ich ging mit meiner Primärbezugsperson einkaufen und habe gedankenverloren eine Kiwi eingesteckt. Dies stellte ich erst zu Hause fest und das war mir sehr peinlich. Mir wurde nun die Aufgabe gestellt, dass ich diese Frucht zurückbringen und bezahlen soll. Hiermit musste ich wohl oder übel den Diebstahl offerieren. Ich weinte mir die Seele aus dem Leib, weil das für mich schlimm war. Trotzdem ging ich los und erklärte der Kassiererin unter Tränen, was mir passiert ist.

Dann bezahlte ich die Kiwi. Ich musste den Kassenbon wieder zu Hause vorzeigen.

Eine alternative Handlung fiel mir damals nicht ein.

Ein kluges Kind hätte aus seiner Spardose einfach Geld genommen und hätte damit eine andere Kiwi gekauft.

Im Grunde denke ich heutzutage, dass ich mir gewünscht hätte, dass ich nicht alleine, sondern mit einer primären Bezugsperson begleitet diese Situation gemeistert hätte.

Die Annahme, dass ich ein dummes Kind gewesen sei, ist zu kritisch. Heute bin ich froh, dass ich mich nicht mehr für dumm halte, sondern mir einfach klar geworden ist, dass ich mich damals hilflos und einsam fühlte.

Ein anderes Mal hatte ich einen Wutanfall in der Stadt und dann haben sich zwei Mitglieder meiner Primärfamilie versteckt. Als ich sie nicht mehr sah und begriff, dass ich nun irgendwo in der Stadt alleine war, fing ich an zu weinen, denn ich wusste gar nicht, wie ich wieder nach Hause komme. Dann kamen die beiden lachend aus ihrem Versteck heraus. Seitdem hatte ich oft Alpträume, dass ich nicht mehr nach Hause finde. Das war zwar ziemlich hart und die Alpträume waren nicht schön, aber dadurch habe ich diesen Jähzorn nicht mehr (noch andere und sinnvolle Aktionen meiner Primärbezugsperson. Früher hat eine primäre Bezugsperson gelacht, wenn ich jähzornig war und da wurde ich nur noch zorniger. Eine andere Bezugsperson trieb mir das zum Glück aus!)

Als ich vom Kindergarten nicht pünktlich abgeholt wurde, habe ich so geweint bei der Betreuerin, dass ich davon Fieber bekam (diese Geschichte wurde mir Jahre danach erzählt). Überdies musste ich den Kindergarten oft wechseln, da ich dort z.B. verprügelt wurde von anderen Kindern o.ä.

Ich war sehr vorsichtig als Kind.

Irgendwann beschloss ich in der Pubertät einfach drauf los zu gehen und zu reden, denn Fehler kann man sowieso immer machen, aber wenn man sich nicht traut, dann verpasst man viel zu viel!

Das habe ich geändert.

Diese Geschichten sollen einfach deutlich machen, wie ängstlich und schüchtern ich als Kind war.

Meine Primärbezugspersonen waren nicht besonders böse oder gemein, sie verhielten sich jedoch nicht förderlich für mein existenzielles Bedürfnis nach Sicherheit.

Erwachsenenalter

Ich hielt mich lange für einen egoistischen und nicht einfühlsamen Menschen. Diese Haltung musste ich jedoch einnehmen, um in meiner Familie überleben zu können. Lange konnte ich mir nicht eingestehen, dass ich ein ängstlicher und einfühlsamer Mensch bin.

Meine Angst spüre ich nicht mehr, denn ich lernte, dass Angst meiner primären Bezugsperson Angst machte und sie nicht gut damit umgehen konnte und kann. Um sie nicht damit belasten zu müssen, verdrängte ich meine Angst. Heute spüre ich meine Angst nicht mehr, aber ich kann an Symptomen erkennen und kognitiv reflektieren, dass ich Angst habe.

Sensibilität für andere Menschen, oder einfach Empathie musste ich kognitiv reflektieren, dass ich sensibel und emphatisch bin, um meiner eigenen Sensibilität eine Sprache geben zu können.

Meine Familie war nicht und ist nicht einfach, aber ich möchte eher typische Gespräche vor einigen Jahren darstellen (habe auch schon überlegt, ein Kabarett daraus zu machen). Nun kommen drei prägnante Beispiele, weshalb ich mal mehr oder weniger eine Pause brauche von der Familie.

Kirchliches Ehrenamt

Einmal kam ein Familienmitglied zu meinem kirchlichen Ehrenamt, da sie darüber nachdachte, etwas Ähnliches in ihrem beruflichen Kontext aufzubauen. Da ich diese Motivation kannte, habe ich sie an einem Dienst mit einem Hauptamtlichen (hier gibt es Festangestellte, die Hauptamtlichen und ehrenamtliche Helfer) gewählt, den ich schon länger kannte und wusste, dass er am besten die Antworten geben konnte. Wir hatten keine einfache Beziehung, denn mir wurde noch nie das Du angeboten, was ich schade fand, denn mit den Anderen war ich per du. Sie erschien und sie war extrem unterinformiert. Weder die konfessionelle noch die grundsätzlichen Informationen hatte sie, was durch die eindeutigen Fragen diesbezüglich deutlich wurde. Die Situation war mir total peinlich, denn ich hatte gehofft, dass sie sich wenigstens grob vorbereitet hätte. Sie erhöhte die Peinlichkeit, indem sie sich lustig darüber machte, ob ich Seelsorge betreiben würde oder nicht. Hierdurch wurde ich wieder in die Gesprächssituation eingebunden, was es mir noch unangenehmer machte. Diese Erhöhung der Peinlichkeit machte mich sprachlos und ich wollte nur noch lachen, was ich am liebsten getan hätte. Oder mich einfach in die Tiefe des Niveaus zu begeben, also in ein tiefes Loch, dass sich bitte jetzt auftun sollte. Leider war ich weder transparent, noch konnte ich aus der Situation fliehen, denn ich hatte ja diesen Dienst zu leisten. Ich musste da durch. Dann war zum Glück auch dieses Ende der Schicht da. Ich war dankbar, denn dann kam ich hier raus. Sie ging mit, da wir auf ein Familientreffen gingen und ich war sehr schweigsam. Irgendwann spiegelte ich ihr wütend die Situation wieder, in die sie mich gebracht hatte. Sie kam als externe an meinen ehrenamtlichen Arbeitsplatz und hat sich so unterirdisch benommen. Die einzige Einsicht in die Situation ihrerseits war, hoffentlich erzählt es der Hauptamtliche nicht seinen Kollegen weiter, denn die kennen sich ja alle untereinander. Ich war fassungslos, denn die einzige Sorge galt ihr selbst und sonst interessierte sie sich scheinbar nicht für meine Situation. Ich überlegte frustriert, ob ich da überhaupt noch einen Dienst machen sollte?! Dann dachte ich mir einfach, naja für meine Familie kann ich eben nichts.

Augen zu und durch! Mir wurde niemals das Du angeboten, was mich nach diesem Höllentrip auch nicht mehr wunderte, denn ich fremdschäme mich immer noch, wenn ich Jahre danach an diese Situation zurückdenke.

Die Notfallseelsorge

Das Interesse an dieser Ausbildung offerierte ein anderes mal ein Mitglied meiner Familie.

Wir diskutierten dann die Brisanz dieser Beratungssituation. Falls Sie diese anspruchsvolle und ehrenamtliche Tätigkeit nicht kennen, dann gebe ich Ihnen gerne ein Beispiel hierfür: Angenommen ein Mensch nimmt sich das Leben, in dem dieser z.B. aus dem Fenster springt. Dann ist die Aufgabe eines Notfallseelsorgers das Trösten der Mutter, die in derselben Wohnung lebt und alles mitbekommen hat.

Hier die richtigen Worte zu finden oder adäquate Unterstützung zu bieten, halte ich fast schon für eine der schwierigsten Aufgaben, die es gibt. Hierfür bedarf es eines guten Standings oder einen festen Glauben. Weder das Eine noch das Andere hatte dieses Familienmitglied. Wir besprachen die Relevanz von Unterstützungssystemen (Supervision oder Ähnliches) bei dieser Tätigkeit. Darüber wusste unser Familienmitglied wenig.

Zum Schluss gestand unser Familienmitglied einfach ein, dass sie nur die Ausbildung machen wollte, da sie nichts kostet. Ich war wirklich entsetzt, wie ein Mensch auf so eine egoistische Idee kommen kann.

Wie kann ich vor mir selbst vertreten einen solchen Platz in der Ausbildung zu belegen?

Einfach nur ein Telefonat am 'Sonntag

An einem Sonntag fiel mir ein, dass ich mich mal wieder an ein Familienmitglied wenden könnte, um es an meinem Leben teilhaben zu lassen. So rief ich an und erzählte davon, dass ich einer Freundin beim Kochen geholfen habe. Wir kochten eine Salatsuppe. Dies war ein erzählwürdiges Ereignis, denn dass man aus Salat eine Suppe kochen kann, war mir vorher nicht klar gewesen.

Darauf wurde mir geantwortet: „Mhh, also im Salat sind ja auch nicht so gesunde Stoffe drin.

Gerade in den Außenblättern. Da ist Chlorophyll drin!“. Ich erwiederte: „Chlorophyll?“ „Bist du Dir da sicher und meinst Du nicht, dass es eher die Nitrate sind?“ „Nein Chlorophyll!“

Irgendwie wechselten wir dann das Thema und dann kam der Kommentar: „Wir können ohne Atomstrom nicht auskommen.“ Ich erwiederte: „Bitte?!? Du redest gerade mit mir, die auf Antiatomstrom-Demos war und immer noch dagegen ist.“

Daraufhin kam der Kommentar: „Das hab ich so im Fernsehen gesehen!“ Meine Erwiderung: „Na, bevor ich so ein Statement raushaue, wäre eine weitere Recherche sinnvoll, vielleicht ist da das Internet hilfreich.“ Dann: „Ach ich wusste das einfach nicht“. Ich: „Dann wäre ich vorsichtiger mit solchen Aussagen“. Daraufhin wurde das Gespräch immer schwieriger.

Dann kam der Kommentar: „Du bist wie die Stasi!“ Ich: „Bitte wie kannst Du mich mit dieser demokratie- und menschenverachtenden Institution vergleichen?“ Dann: „Ach, das hab ich doch nicht besser ausdrücken können“. Mein Bedürfnis nach einem Feedback, in Bezug auf mich und meine emotionalen Konsequenzen, wuchs an. Ich äußerte dies. Mit einigen Beispielen versuchte ich, dies zu verdeutlichen. Dann kam mittendrin der Kommentar: „Ich geh mal zum Computer“. Dies war für mich eine nebensächliche Information, denn ein Ortswechsel an den PC hielt ich für nicht so wichtig. Ich erzählte weiter über meine emotionalen Wirkweisen bei diesem Telefonat. Auf einmal hörte ich von meinem Gegenüber: „ C...h...l, jetzt helfe mir doch, wie es weiter geschrieben wird!“ Ich: „Wie kannst du das denn jetzt mitten im Gespräch googlen?“

Mein Gegenüber:“ Ich hab dir doch gesagt ich geh an den PC!“ Ich: „Und jetzt versuchst Du mir auch noch die Verantwortung von Deinem Verhalten zuzuschieben, dass ist doch nicht dein Ernst!“

Dann versuchte ich das Gespräch in andere und bessere Bahnen zu lenken, damit das Telefonat nicht so schlimm endet. Daraufhin kam der Kommentar: „Hast du da jetzt einen Feedbackbogen?“ Ich antwortete:“ Nein?!“ Dann beendeten wir irgendwann zum Glück dieses „einfache“ Gespräch am Sonntag....

Die Party

Wir feierten unseren 90.

Geburtstag mein Freund und ich.

Wir hatten alle viel Spaß und alle meine Freunde waren da und ein Familienmitglied. Irgendwann ging ich zu ihr und wir sprachen.

Irgendwann sagte sie zu mir: „Ich möchte etwas sagen, aber dass ist gemein“. Ich dann zu ihr, dann sag es halt nicht. „Doch“ sagte sie.

Dann deine Haare sind schön, aber du solltest Sie ab und an auch waschen. Ich sagte Danke und ging weg. Die Party war für mich gelaufen. Ich war fassungslos, wie kann man bloß so gemein sein. Ich weinte und war unglücklich, denn sie ist doch meine Familie

Das Gartengespräch mit Krankheit

Wir hatten einen Termin im Garten, da hier eine gemeinsame Klärung zwischen den drei Gartenparteien das Ziel war. Ich hatte eine Sehnerventzündung, wo Bettruhe und Dunkelheit wichtig sind. Hier muss das Gehirn das Gesehene (auf einem Auge sieht man falsche Farben) aktiv kompensieren, was anstrengend ist und sehr müde macht. Zudem hatte ich auch noch schlimme Kopfweh. Trotzdem schleppte ich mich an diesem „schönen sonnigen“ Tag in den Garten, damit das endlich geklärt werden konnte.

Wir fingen an. Dann kam das Gespräch auf einen gewissen Punkt (komische diffuse Ängste meiner Primärbezugsperson) und ich wunderte mich, da wir im Vorfeld besprochen hatten, gerade dieses Thema nicht aufkommen zu lassen. Na gut, auch egal. Dann war alles fertig. Nun der Kommentar: „Du musst jetzt übrigens gehen, da ich mit einer Freundin hier verabredet bin!“ Ich kam mir störend vor. Ich: „Bitte?!

Wieso hast du mich denn nicht angerufen, dann hätte ich das Treffen verschoben, denn ich bin krank“. „Dich erreicht man sowieso nie!“. Dann kam die Freundin mit ihrer Tochter. Ich nutzte die Situation, um die Freundin zu begrüßen und Small Talk zu halten und mich im Schatten auszuruhen. Ich hatte meine Sonnenbrille vergessen, was wirklich schlecht war. Dann: „Du musst jetzt gehen!“. Ich zog beleidigt von dannen.

Die Entschuldigung und die Pause

Einige Zeit später wurde ich angerufen und mir wurde eine Entschuldigung angeboten. Da es mir wichtig war, herauszufinden, worauf sich die Entschuldigung gründete, stellte ich Fragen. Dann kam: „Ich will mich doch entschuldigen, jetzt nimm sie an!“

Dann ich: „Eine Entschuldigung kann man doch nicht einfordern.

Eher sollte man sich diese respektvoll verdienen.“ Dann: „Ach es ist schon wieder so schwierig...Vielleicht wäre eine Pause sinnvoll“. Den Gedanken griff ich auf: „Das ist eine gute Idee! Und solange ich eine chronische Krankheit habe werde ich eine Pause machen!“ (Hier ist zu erwähnen, dass ich da bereits einige chronische Krankheiten besaß, aber es stand eine schlimme Diagnose einer chronischen Krankheit im Raum, denn eine Sehnervkrankheit ist eine Einsteigerkrankheit für Multiple Sklerose).

Die Pause habe ich immer noch, aber das ist nicht böse gemeint.

Ich ziehe mich zurück, wenn es momentan schwierig ist, da ich meine Energie selbst brauche.

Dies als sozialen Hinterhalt zu benennen, wollte ich als provokanten Gegenpart zu meinem sozialen Rückhalt darstellen, denn meine Kernfamilie ist gerade nicht so gut für mich.

Die bisherigen Episoden sind ohne Zuordnungen der Person geschehen und sind sicherlich nicht alles, denn es gibt natürlich auch gute Seiten an meiner Familie, aber die möchte ich in diesem Buch nicht darstellen, denn es geht ja um den Hinterhalt und den gab es oft.

Meine Haltung ist, dass ich nur mit Menschen etwas zu tun haben möchte, die meine guten Saiten zum Klingen bringen.

Bei meiner Familie sind vor allem Ratschläge wichtig. Was helfen mir momentan Ratschläge? Darüber hinaus war unsere Streitkultur sehr schlecht und ich möchte ungern in alte Muster zurückfallen.

1.4Meine sozialen Netzwerke, mein sozialer Rückhalt

Nun lernen Sie meine Omi, meine Primärbezugsperson und mein soziales Netzwerk, meinen Rückhalt, meine Wahlfamilie kennen, was mir Trost und Zuspruch gibt.

Mein erster Teil meines sozialen Netwerks, das eine Hilfe statt ein Hinterhalt war, war meine Omi.

Sie war immer für mich da. Sie stand vor mir, wie der Fels in der Brandung. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich abends statt einem „Gutenachtkuss“ einen warmen Waschlappen übers Gesicht gefahren bekam (lang fand ich diesen Duft sehr angenehm).

Sie war großartig, später hat sie Englischvokabeltests mit uns gemacht (bis wir lernten wo sie die Lösung versteckte) und uns bei vielem geholfen. Als Kind bekam meine Primärbezugsperson mit, dass ich zu Wutanfällen neigte, wenn nicht alles so lief, wie ich es wollte. Da ich hier erwischt worden bin, wurde mir das sehr schnell abgewöhnt (wie das Stadtbeispiel von oben zeigt).

Für meine emotionale Entwicklung war meine Mutter zuständig. Sie verstand zwar nicht, wieso ich so verkuschelt war als Kind, aber das konnte mir Omi nicht bieten. War dies nicht offensichtlich, dass meine Omi fundamentale Probleme mit Nähe hatte? Früher behandelte ich meine Omi nicht immer gut und schrie sie oft an. Dies lernte ich von ihrem Sohn. Als ich in die Pubertät kam, reflektierte ich zum ersten Mal in meinem Leben (glaube ich) und veränderte mein Verhalten ihr gegenüber. Sie war sehr störrisch.

Sie ist die einzige Person, die eine Salmonellenallergie hat. Das konnte ich mit ihr durchdiskutieren, so oft ich wollte.

Dann resignierte ich und dann hat sie eben in ihrer Welt eine Salmonellenallergie.

Omi kochte (eher experimentell) und sie führte zur Hälfte den Haushalt. Relativ früh lernten wir zu kochen und unsere eigene Wäsche zu waschen, da uns unsere Primärbezugsperson vor die Waschmaschine stellte und sie uns erklärte (da war ich 15 Jahre alt und es war eine gute Zeit, dies zu lernen).