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Der ergreifende Bericht eines Überlebenden eines der schlimmsten Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Die männliche bosnische Bevölkerung der Stadt Srebrenica wurde 1995 Opfer eines Massakers, bei dem etwa 8000 Menschen zwischen 13 und 78 Jahren ermordet wurden. »Srebrenica überleben« ist der persönliche Bericht eines bosnischen Muslims, Hasan Hasanović, über die Zeit des Bosnienkrieges. Aufgewachsen in einem Dorf in der Nähe von Srebrenica schildert der Autor, wie durch den beginnenden Krieg Misstrauen, Hass und Gewalt in die örtliche Lebenswelt Einzug halten. Hasanović erzählt eindrücklich vom »Alltag« während der dreijährigen Belagerung Srebrenicas durch bosnisch-serbische Truppen unter Ratko Mladic: die Gefahr durch Bomben und Scharfschützen, die Angst, den Mangel, den Hunger, aber auch über die Solidarität untereinander, über Bildung und Kultur und über die später so bitter enttäuschten Hoffnungen auf die UN-Truppen. Mit vielen anderen Männern gerät Hasanović nach der Einnahme von Srebrenica in eine wilde Flucht, ständig unter Beschuss der serbischen Truppen. Erst nach mehreren Tagen erreicht Hasanović freies Gebiet. »Srebrenica überleben« ist die kraftvolle Schilderung eines Lebens – und eines schrecklichen Erlebens.
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Seitenzahl: 125
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Hasan Hasanović
Srebrenica überleben
Aus dem Englischen von Filip Radunović
Mit einem Vorwort von Keno Verseck
WALLSTEIN VERLAG
Vorwort von Keno Verseck
Den Genozid von Srebrenica überleben
Kapitel 1 Glückliche Zeiten vor dem Krieg
Kapitel 2 Vorbereitungen auf den Krieg
Kapitel 3 Der Kriegsausbruch und Umzug nach Srebrenica
Kapitel 4 Das Leben in Srebrenica
Kapitel 5 Das Leid geht weiter
Kapitel 6 Die Ankunft der Vereinten Nationen
Kapitel 7 Das Leben unter UN-Schutz
Kapitel 8 Der Fall Srebrenicas
Kapitel 9 Der Todesmarsch
Kapitel 10 Freiheit
Kapitel 11 Das Leben als Flüchtling geht weiter
Kapitel 12 Das Daytoner Friedensabkommen von 1995
Kapitel 13 Die Rückkehr nach Srebrenica
Kapitel 14 Und sie behaupten, es wäre nie passiert
Es gibt nicht viele Orte, deren Namen im kollektiven Gedächtnis Europas ihre geographische Dimension vollkommen verloren haben und die zu einem Synonym für unbegreifliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit geworden sind. Da wäre vor allem und als erstes Auschwitz zu nennen. Ebenso wären die Namen weiterer deutscher Vernichtungs- und Konzentrationslager zu nennen. Aber auch Namen wie Katyn und Workuta gehören dazu.
Und da ist Srebrenica.
Der Name des ostbosnischen Städtchens steht im Bewusstsein der europäischen Öffentlichkeit für die Schrecken der Jugoslawien-Kriege in den 1990er Jahren und für eines der schlimmsten Massaker an Zivilisten seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges: Im Juli 1995 ermordeten Soldaten der bosnisch-serbischen Armee und serbische Milizionäre in der Gegend um Srebrenica binnen weniger Tage mehr als 8.000 wehrlose bosniakische Jungen und Männer.
In scharfem Kontrast zur Bekanntheit des Namens Srebrenica steht jedoch, dass im europäischen Mehrheitsbewusstsein erschreckend wenig Konkretes bekannt ist über den Hergang des Verbrechens, über seine Hintergründe und seine wahre Dimension. Obwohl Srebrenica nicht einmal eine Generation her ist, zählt es in gewisser Weise zu den schon halb vergessenen Menschheitsverbrechen. In Europa wollte und will man überwiegend nicht wahrhaben, dass in Srebrenica ein Völkermord stattfand. Dass dort Menschen aus einem einzigen Grund ermordet wurden: Weil sie – erkennbar nur an ihren Namen – zur bosniakischen und damit zur muslimischen Volksgruppe des multiethnischen und multikonfessionellen Staates Bosnien und Herzegowina gehörten. Man wollte und will auch nicht wahrhaben, dass es ein Genozid war, der stattfand vor den sehenden Augen und unter mindestens ahnendem Mitwissen der internationalen Gemeinschaft. Jener Gemeinschaft, die damals in und um den Ort eine »UN-Schutzzone« für Kriegsflüchtlinge ausgerufen hatte.
Hasan Hasanović, ein Junge aus einem abgelegenen Dorf südlich von Srebrenica, das heute nicht mehr existiert, überlebte diesen Völkermord als 19-Jähriger. Er war Teil jener Kolonne von schätzungsweise 15.000 Jungen und Männern, die sich am 11. Juli 1995 auf den sechstägigen »Todesmarsch von Srebrenica« begaben – einen Marsch, der zu einer erbarmungslosen Menschenjagd wurde und den die meisten nicht überlebten.
Es hat viele Jahre gedauert, bis Hasan Hasanović den Bericht seines Überlebens aufschreiben konnte. Sein Buch »Srebrenica überleben« ist ein eher knappes, streckenweise fast protokollarisches Zeugnis vom Leben, Überleben und Sterben in Srebrenica. Die Geschichte eines Jungen und Jugendlichen, der im Geist eines friedlichen Miteinanders aufwächst und sich plötzlich in einem Krieg wiederfindet, in dem Menschen Nachbarn bestialisch ermorden und abschlachten, zu denen sie kurz vorher noch ein freundschaftliches Verhältnis gepflegt hatten. Eine Geschichte, geschrieben in einfachen und unprätentiösen Worten. So einfach, dass man manchmal erschüttert und versteinert innehalten muss beim Lesen.
»Die Erfahrungen des Überlebens«, schreibt Hasan Hasanović, »verfolgen mich jeden Tag, vom Moment des Aufwachens bis ich wieder schlafen gehe. Ich werde sie einfach nicht los. Das Schlimmste ist der Schmerz, wenn ich darüber nachdenke, wie mein Bruder Husein und mein Vater Aziz umgebracht wurden: Wurden sie gefoltert, wie lange hat es gedauert, bis sie schließlich tot waren? Dieser Schmerz ist kaum zu ertragen.«
Im europäischen Mehrheitsbewusstsein sind die Jugoslawien-Kriege heute vage als Bürgerkriege mit kompliziertem, schwer verständlichen Hintergrund präsent, als blutiger, aber undurchschaubarer Streit zwischen verfeindeten Volksgruppen und ihren politischen Führungen. Das ist ein Irrtum.
In den Jugoslawien-Kriegen, die nahezu ausnahmslos vom Regime des Diktators Slobodan Milošević und seinen Verbündeten initiiert und entfesselt wurden, ging es für Serbien (teil- und zeitweise auch für Kroatien) letztlich um die Schaffung eines zusammenhängenden und ethnisch homogenen Raumes, eines Groß-Serbiens, weit über seine damaligen Grenzen hinaus, bis tief in bosnisches und kroatisches Staatsgebiet. Die Bedingung dafür und die Konsequenz aus diesem Vorhaben waren systematische ethnische Säuberungen in multiethnisch besiedelten Gebieten, von denen hauptsächlich die bosniakische Volksgruppe in Bosnien und Herzegowina betroffen war. Auf dem Höhepunkt und zugleich in der Endphase dieser blutigen Säuberungspolitik wurde das Verbrechen von Srebrenica begangen.
Es war nicht einfach das Massaker, als das es im europäischen Mehrheitsdenken präsent ist und so wie es im Titel von Wikipedia-Artikeln in nahezu allen Sprachen steht (Ausnahmen sind der albanische, bosnische und kroatische Eintrag). In Srebrenica, das muss noch einmal betont werden, wurde ein Völkermord verübt. Dokumente und Forschungen dazu belegen, dass der Genozid lange und sorgsam vorbereitet wurde. Im Gegensatz zu allen anderen ethnischen Säuberungsaktionen in Bosnien und Herzegowina in den Jahren 1992 bis 1995 wurde dieses Verbrechen vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) juristisch als Völkermord eingestuft. Zweifellos hat keine andere ethnische Säuberungsaktion in dieser Zeit die Dimension von Srebrenica erreicht. Dennoch ordnen viele Experten auch alle anderen derartigen Verbrechen der bosnisch-serbischen Armee und serbischer Milizen in den Jahren 1992 bis 1995 einem geplanten Völkermord zu.
Bei dem Gedanken an Srebrencia ist diese Dimension des Verbrechens dem größten Teil der europäischen Öffentlichkeit bislang nicht nur nicht bewusst. Srebrenica gehört in einigen Teilen Europas heute auch zu den am meisten verleugneten und relativierten Menschheitsverbrechen. In Serbien und der Republika Srpska, dem serbischen Landesteil des Staates Bosnien und Herzegowina, wird die Völkermordabsicht von Srebrenica von den Staatsführungen geleugnet und das Verbrechen stark heruntergespielt.
In der moderaten Leugnungsvariante sprechen serbische Politiker davon, dass es in Srebrenica zwar Verbrechen, aber keinen Völkermord gegeben habe. Sie ziehen die Zahl der Opfer und den Hergang des Verbrechens stark in Zweifel; so etwa behaupten sie, dass viele oder sogar die meisten Opfer in Kampfhandlungen zwischen bosniakischen und bosnisch-serbischen Armeeeinheiten fielen. Zudem wird den bosniakischen Opfern in Srebrenica ein vermeintlicher Völker- oder Massenmord an den Serben gegenübergestellt. Die radikaleren Leugner bestreiten den Völkermord von Srebrenica absurderweise einerseits vollständig und sehen ihn als bosnische und ausländische Inszenierung, andererseits feiern und verherrlichen sie ihn oder gebrauchen den Namen Srebrenica als Drohparole.
Die Mehrheit der Serben in Serbien, Bosnien und Herzegowina, aber auch anderswo, weiß wenig oder gar nichts über Srebrenica. An Schulen und anderen Bildungseinrichtungen in Serbien und der Republika Srpska wird entweder nichts oder nur die offizielle Leugnungsvariante gelehrt. In den meisten serbischen Medien, nicht nur offiziösen, sondern auch unabhängigen, werden zu Srebrenica keine oder nur falsche Darstellungen publiziert. Häufig sieht man in Serbien oder der Republika Srpska Bilder, Inschriften oder Gedenktafeln, die Kriegsverbrecher und Völkermord-Architekten wie den ehemaligen bosnischen Serbenführer Radovan Karadžić oder den General Ratko Mladić als Helden feiern.
In Serbien steht die Leugnung oder Relativierung des Völkermordes von Srebrenica nicht unter Strafe. Mehr noch: Die Verfolgung ehemaliger Kriegsverbrecher durch die einheimische Justiz wird systematisch verschleppt, vom Jugoslawien-Tribunal ICTY verurteilte Kriegsverbrecher haben politische oder öffentliche Ämter inne. In Bosnien und Herzegowina dagegen gibt es zwar seit 2021 ein Gesetz, das die Leugnung des Völkermordes von Srebrenica und die Verherrlichung von Kriegsverbrechen während des Bosnien-Krieges unter Strafe stellt. Umgesetzt wird es jedoch zumindest im Landesteil Republika Srpska nicht. Obwohl beide Länder, Serbien und Bosnien und Herzegowina, EU-Mitglieder werden wollen und Serbien seit 2012 ein offizielles EU-Kandidatenland ist, führt die dortige systematische Leugnung des Völkermordes von Srebrenica nirgendwo in Europa zu einem Aufschrei, weder in der Öffentlichkeit noch in der Politik.
Ostbosnien ist ein schöner, pittoresker Landstrich. Doch kein aufmerksamer Zeitgenosse könnte dort einen Urlaub verbringen oder auch nur Stunden der Ruhe und Entspannung inmitten der bergigen und waldreichen Natur genießen. Denn es ist ein nahezu überall blutgetränkter Landstrich.
Allenthalben stehen noch Ruinen, zerschossene Häuser oder Reste zerstörter Moscheen. In vielen Dörfern erinnern Heldendenkmäler an die Soldaten einer bosnisch-serbischen Armee, die für systematische Kriegsverbrechen verantwortlich ist. Oft findet man Plakate mit den Konterfeis von Ratko Mladić oder an Wände und Mauern geschmierte Symbole serbischer Nationalisten. Häufig ist an Ortseingangsschildern unter den kyrillischen Namen die Variante in lateinischer Schrift übersprüht, ein chauvinistisches Signal an alle Nicht-Serben, da Bosniaken, Kroaten und Montenegriner für ihre Sprachvariante des einstigen Serbo-Kroatischen (heute: Bosnisch, Kroatisch, Montenegrinisch) das lateinische Alphabet benutzen.
An den meisten konkreten Orten von Kriegsverbrechen oder Völkermord erinnert keine Gedenktafel und kein Hinweisschild an das Grauen von einst. So auch nicht in Kravica, einem Dorf eine knappe halbe Autostunde nördlich von Srebrenica. Dort wurden im Juli 1995 rund 1.500 wehrlose Männer und Jungen ermordet, unter anderem in landwirtschaftlichen Lagerhallen, in die Soldaten wahllos hineinschossen und Handgranaten warfen. Die Spuren der Einschüsse sind in den Lagerhallen bis heute zu sehen. Doch diese werden längst wieder als Unterstand für landwirtschaftliches Gerät genutzt; eine Gedenktafel an das Massaker gibt es nicht.
Die großen Massengräber sind zwar alle längst entdeckt und die Opfer in ihnen exhumiert worden. Dennoch werden in der Gegend um Srebrenica bis heute jedes Jahr noch immer Leichen oder ihre Überreste gefunden. So etwa findet man auf der Route des einstigen Todesmarsches von Srebrenica in bestimmten Waldabschnitten, in denen die Flüchtenden in Hinterhalte gerieten, nach wie vor Knochen von Ermordeten, alte Schuhe, Kleidungsstücke, Taschen, Konservendosen oder Trinkbecher.
Auch Srebrenica, einst ein wohlhabendes Bergarbeiter-Städtchen, ist bis heute ein trostloser Ort voller Ruinen. Dort sind Überlebende gezwungen, neben mutmaßlichen Mittätern und Helfern des Völkermordes zu wohnen. Gegenüber den zurückgekehrten Bosniaken herrscht eine feindselige Atmosphäre der Leugnung oder Verharmlosung des Genozids, angestachelt durch den langjährigen serbischen Bürgermeister des Ortes, Mladen Grujičić, der die Verbrechen von Srebrenica systematisch kleinredet und sich gern mit Symbolen des serbischen Nationalismus schmückt. Einen würdigen Ort des Gedenkens an den Völkermord sucht man in Srebrenica vergebens.
Diesen würdigen Ort gibt es acht Kilometer nördlich von Srebrenica im Dorf Potočari. Dort befindet sich das Srebrenica Genocide Memorial, in und um die Gebäude einer ehemaligen Batteriefabrik, in denen während des Krieges die UN-Friedenstruppen für die Schutzzone Srebrenica untergebracht waren. Darunter war auch jenes hilflose Dutchbat, das im Juli 1995 angesichts der Untätigkeit der internationalen Gemeinschaft kampflos abzog und die Menschen in der Schutzzone den Häschern und Mördern des Generals Ratko Mladić schutzlos überließ.
In den Hallen und Räumen der Batteriefabrik befindet sich heute ein Museum, das mit vielen Fotografien, Filmen und persönlichen Gegenständen der Opfer das Leben in der ehemaligen Schutzzone Srebrenica, den Völkermord und das Versagen der internationalen Gemeinschaft auf bedrückende Weise dokumentiert. Gegenüber dieses Museums liegt das eigentliche Memorial – ein mehrere Hektar großes Gelände, auf dem bislang etwa 7.000 Opfer des Völkermordes begraben wurden und in dessen Mitte sich zu einem Kreis angeordnete Marmortafeln mit den Namen der mehr als 8.000 bekannten Opfer befinden.
Hier in der Nähe trat Hasan Hasanović am 11. Juli 1995 den Todesmarsch von Srebrenica an. Und hier, in der Gedenkstätte, arbeitet er heute. Er baut für das Memorial ein Filmarchiv auf, für das er Interviews mit Überlebenden führt. Sie erzählen darin – wie er selbst in seinem Buch – vom Leben, Sterben und Überleben in Srebrenica. Es ist ein einzigartiges Projekt, das bereits jetzt hunderte Interviews umfasst und das sich zum Ziel setzt, die Geschichte so vieler Überlebender wie möglich für die Nachwelt festzuhalten, für eine Zeit, in der niemand mehr persönlich Zeugnis ablegen kann. Die Interviews sind auch deshalb einzigartig, weil Hasan Hasanović selbst Überlebender ist und ihm seine Gesprächspartner ein Vertrauen entgegenbringen und mit einer Vertrautheit erzählen, die sie bei jenen, die Srebrenica nicht durch- und überlebten, unmöglich haben könnten.
Ich habe Hasan Hasanović vor einigen Jahren bei Dreharbeiten für einen Film über den Völkermord von Srebrenica kennengelernt. Anfänglich spürte ich seine Skepsis gegenüber mir, dem Journalisten. Wieder nur einer derjenigen, die eine gute, eindrückliche Story suchen und, wenn sie sie haben, auf Nimmerwiedersehen verschwinden?
Ich glaube, Hasan spürte schnell, dass ich ihn und andere Überlebende nicht als »Story« sah. Und so erzählte er mir offen und mit großem Vertrauen seine Geschichte. Wir besuchten zusammen das Dorf seiner Kindheit, Sulice, das im Krieg völlig zerstört wurde und in dem heute nur noch von Gestrüpp überwucherte Ruinen stehen, ein Ort, der wohl nie mehr zum Leben erwachen wird. Hasan zeigte mir die Erdlöcher im Wald, in denen er und seine Familie eine Zeit lang hausten wie Tiere. Wir gingen durch ein Waldstück, in dem er während des Todesmarsches von Srebrenica bei einem Bombenangriff aus dem Hinterhalt fast sein Leben verloren hätte. Wir trafen zusammen andere Überlebende. Ich lernte einen Teil seiner Familie kennen. Und wir waren zusammen am Podrinje Identification Project in der ostbosnischen Großstadt Tuzla, jener Einrichtung, in der seit vielen Jahren die Opfer des Völkermordes anhand von Knochen-DNA identifiziert werden, die mit der DNA der überlebenden Familienangehörigen verglichen wird. Auch die Überreste von Hasans Vater und Zwillingsbruder wurden dort identifiziert.
Ich habe die Überlebenden des Völkermordes von Srebrencia ausnahmslos als sehr bescheidene Menschen kennengelernt, die sich freuen und zutiefst dankbar sind, wenn jemand ihnen mit aufrichtigem Interesse zuhört und nach ihrer Geschichte fragt. Denn sie fühlen sich selten mit solchem Interesse gesehen und wahrgenommen. Da ist nicht nur die scham- und straflose Leugnung des Unleugbaren in Serbien und der Republika Srpska, die sie bedrückt und fassungslos macht. Auch im bosnischen Staat gibt keine wirklich würdige Gedenkkultur und keinen wirklich würdigen Platz für sie.
Im bosnischen Staat ist der Völkermord von Srebrenica und die Erinnerung an ihn zwar eines der herausragenden Elemente der nationalen Identität. Doch das äußert sich auch mehr als zweieinhalb Jahrzehnte nach dem Verbrechen nicht in einem angemessenen Umgang mit den Überlebenden. Bosnische und auch ausländische Politiker kommen anlässlich von Gedenktagen pflichtschuldig zum Srebrenica Genocide Memorial und lassen sich gern mit Überlebenden ablichten. Doch die meisten von ihnen leben heute in äußerst bescheidenen Verhältnissen oder sogar in großer Armut und haben nie Unterstützung erfahren, weder materiell noch psychologisch. Lediglich überlebende Witwen, die keinerlei männliche Angehörigen mehr haben, bekommen eine kleine staatliche Rente. Die bosnischen Politiker interessieren sich nur wenig für die Überlebenden – diese sind meistens nur ein Instrument bei politischen Anlässen.
Diese Situation ist eine traurige Tatsache. Doch Hasan Hasanović würde niemals darüber klagen. So wie er generell kein Mensch ist, der klagt. Wenn er von seiner Geschichte erzählt, dann strahlt er dabei immer eine große Würde aus – eine Würde, die angesichts dessen, was ihm widerfuhr, schwer zu begreifen, eigentlich unfassbar ist. Eine Würde, von der man sich fragt, wie es ihm gelungen ist, sie nach dem Überleben des Todesmarsches zu erlangen. Diese Würde ist Hasan Hasanovićs Sieg über die Völkermörder, sein Sieg über das Böse.
Und wie war es überhaupt möglich, dass dieses Böse, das Verbrechen von Srebrenica, geschehen konnte? Dass es zugelassen wurde? Im Europa nach dem Zweiten Weltkrieg und nach dem Holocaust. Nachdem es jahrzehntelang doch immer geheißen hatte: »Nie wieder!«
Ich habe Hasan Hasanović gefragt. Er hatte keine Antwort. Auch in seinem Buch beantwortet er diese Frage nicht. Wahrscheinlich gibt es letztlich, jenseits aller plausiblen Erklärungsversuche, keine Antwort auf diese Frage. Aber man stellt sie sich nach der Lektüre dieses Buches mit tiefem, unbeschreiblichem Entsetzen. Und vielleicht ist es besser, hilfreicher, sich immer wieder diese Frage zu stellen, anstatt einfach formelhaft zu sagen: »Nie wieder!«
