Staatsversagen - Hans-Jürgen Moritz - E-Book

Staatsversagen E-Book

Hans-Jürgen Moritz

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Beschreibung

Aus der Gütemarke »Made in Germany« ist »Blöd in Germany« geworden. Denn, was ist eigentlich los, dass wir nicht vor einer Flutkatastrophe früh genug warnen können? Eine Bundeswehr wie eine Dorfarmee haben und ein Konzern wie Wirecard jahrelang alle Aufsichtsbehörden verschaukeln kann? In seiner Streitschrift nimmt der Autor kein Blatt vor den Mund, redet Klartext, auch, wenn es manchmal weh tut: Verlässliche Mobilfunk- und Internetabdeckung bleibt in der Republik ein verzweifelter Wunsch frustrierter User, eine ungehemmt wuchernde Bürokratie verhindert ein halbwegs transparentes Steuersystem, beratungsresistente Politiker leiden an Gedächtnislücken, wenn es darauf ankommt usw. Doch, wie kommen wir da wieder raus? Der Autor bietet Antworten.

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Seitenzahl: 281

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber den AutorTitelImpressumEINLEITUNGTEIL EINS:Wie wir wurden, was wir (nicht mehr) sindKAPITEL 1KAPITEL 2KAPITEL 3TEIL ZWEI:»Die da oben« sind an allem schuld – was machen die da eigentlich so? Und warum sind sie dort?KAPITEL 4KAPITEL 5KAPITEL 6KAPITEL 7KAPITEL 8KAPITEL 9KAPITEL 10KAPITEL 11TEIL DREI:Beamten-Mikado – bloß keine Bewegung!KAPITEL 12KAPITEL 13KAPITEL 14KAPITEL 15KAPITEL 16TEIL VIER:Das Sicherheitsversprechen des Staats zerbrichtKAPITEL 17KAPITEL 18KAPITEL 19KAPITEL 20KAPITEL 21KAPITEL 22Ausblick: Was nun, Deutschland? Was tun, Deutschland?Quellen und Hinweise zum Weiterlesen

Über dieses Buch

Aus der Gütemarke »Made in Germany« ist »Blöd in Germany« geworden. Denn, was ist eigentlich los, dass wir nicht vor einer Flutkatastrophe früh genug warnen können? Eine Bundeswehr wie eine Dorfarmee haben und ein Konzern wie Wirecard jahrelang alle Aufsichtsbehörden verschaukeln kann? In seiner Streitschrift nimmt der Autor kein Blatt vor den Mund, redet Klartext, auch, wenn es manchmal weh tut: Verlässliche Mobilfunk- und Internetabdeckung bleibt in der Republik ein verzweifelter Wunsch frustrierter User, eine ungehemmt wuchernde Bürokratie verhindert ein halbwegs transparentes Steuersystem, beratungsresistente Politiker leiden an Gedächtnislücken, wenn es darauf ankommt usw. Doch, wie kommen wir da wieder raus? Der Autor bietet Antworten.

Über den Autor

Hans-Jürgen Moritz schreibt seit mehr als drei Jahrzehnten über das Zeitgeschehen. Nach dem Studium in Berlin und Amsterdam mit anschließender Ausbildung an der Hamburger Henri-Nannen-Schule arbeitete er unter anderem in Berlin, Bonn, Washington, D.C. und Brüssel. Er war Redakteur und Korrespondent für die Nachrichtenagenturen Associated Press und Reuters, die Voice of America sowie das Nachrichtenmagazin FOCUS. Er ist nunmehr als freier Journalist und Autor tätig.

HANS-JÜRGEN MORITZ

+++STAATS+++VERSAGEN

Wie unsere Politik Deutschlandvor die Wand fährt

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Originalausgabe

Copyright © 2023 by

Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln

Textredaktion: Ulrike Strerath-Bolz

Umschlaggestaltung: © Andrea Barth | Guter Punkt, München

Umschlagmotiv: © apugach/iStock/Getty Images Plus

eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7517-4853-7

quadriga-verlag.de

luebbe.de

lesejury.de

EINLEITUNG

»Wir leben nur noch von unserem Ruf«

Die Idee für dieses Buch entstand im Sommer 2022. Mein Schwager und ich saßen in unserem Ferienhaus in Siebenbürgen bei einem Schnaps beisammen. Es wurden dann mehrere, weil wir uns ein bisschen echauffierten. Wir redeten darüber, wie die Mobilfunk- und Internetabdeckung an unserem Rückzugsort, wo Ziegen- und Schafherden vorbeiziehen, die in Deutschland um Längen schlägt – in Rumänien, einem Land, das zu den ärmsten Europas zählt, von Korruption geschüttelt ist und bei der EU-Ost-Erweiterung 2007 eigentlich nicht beitrittsfähig war.

Unser Sommerdomizil befindet sich rund 15 Kilometer entfernt von Hermannstadt (Sibiu). Die 155 000-Einwohner-Ansiedlung in Transsilvanien, Gründung und früheres kulturelles sowie politisches Zentrum der deutschen Minderheit der Siebenbürger Sachsen in Rumänien, zählt heute nicht einmal mehr als zweitausend einheimische deutsche Muttersprachler. Schon unter dem Neostalinisten Ceaușescu hatte Bonn etliche ihrer Angehörigen mit Kopfgeld aus dessen Steinzeit-Kommunismus herausgekauft, darunter meine Frau. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs setzte der Exodus dann mit unaufhaltsamer Macht ein.

Dennoch bestimmen die wenigen verbliebenen Deutschen die Verwaltung Hermannstadts, unterhalten dort und anderswo im Land deutschsprachige Schulen, bei den Rumänen wegen ihrer Qualität beliebt. Der frühere Bürgermeister Hermannstadts, der deutschstämmige Klaus Johannis, wurde sogar Staatspräsident. Die Rumänen empfehlen die Geschicke Hermannstadts mehr oder weniger vollständig, die ihres Landes teilweise mit unerschütterlichem Vertrauen einer verschwindend kleinen deutschen ethnischen Minderheit an. Warum? Weil sie auf »deutsche« Tugenden setzen: Verlässlichkeit. Planungsgeschick. Korruptionsfreiheit. Deutsche Gründlichkeit eben.

Dieser Eindruck hat sich auch anderswo gehalten. Als ich 2020 meine möblierte Zweitwohnung in Brüssel aufgab, gingen meine belgischen Vermieter bei der Wohnungsabnahme mit anerkennendem Nicken durch die Räume. Sie versicherten einander, dass es eine gute Idee gewesen sei, die bei meinem Einzug gerade runderneuerte Wohnung in die Obhut eines Deutschen gegeben zu haben: Die halten den Laden eben in Ordnung.

Die schwäbische Kehrwoche hat den Status eines international bekannten Nimbus. Deutsche Gründlichkeit und Verlässlichkeit waren und sind ein im Ausland oft bewundernd, manchmal besorgt beobachtetes Alleinstellungsmerkmal. Doch wenn man genauer hinsieht, stellt man fest: In Hermannstadt und Brüssel mag sich das Klischee von den unverrückbaren deutschen Qualitäten noch gehalten haben. Doch in ihrem Ursprungsland sind sie verschüttet.

Von diesem Phänomen handelt dieses Buch. »Warum die Deutschen es besser machen« nannte der britische Autor John Kampfner eine Analyse, mit der er seiner lemminggleich in den Brexit-Abgrund taumelnden Nation vor Augen führen wollte, wie man ein Land viel besser organisieren könnte als den Exzentriker-Staat auf der Britischen Insel. Man muss Kampfner leider widersprechen: Wir Deutsche scheinen nur noch wenig auf die Reihe zu kriegen.

Wir haben unser eigenes Haus, im Urteil der Welt früher ein Bollwerk der Effizienz und Effektivität, nicht in Ordnung gehalten. Viele Kehrwochen, -monate und -jahre wären nötig, daran etwas zu ändern. »Wir leben nur noch von unserem Ruf«, sagte beim zweiten Glas Schnaps mein Schwager.

Die frühere Nation der Planer und Macher scheiterte zum Beispiel an Großprojekten wie dem berlin-brandenburgischen Hauptstadtflughafen BER und dem Bahnhofsdesaster Stuttgart 21, offenbarte erschreckende Mängel bei der Bekämpfung der Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz 2021 sowie der Abwehr der Corona-Pandemie.

Unsere Autobauer, Aushängeschild des Landes und immer noch dessen industrielle Stütze, verschliefen zunächst den Einstieg ins Elektro- und Wasserstoffzeitalter. Lieber setzten sie ihre Ingenieure, von denen wir inzwischen viel zu wenige haben, darauf an, neben Kinkerlitzchen wie beheizbaren Lenkrädern betrügerische Umgehungsmechanismen für Abgasnormen auszutüfteln.

Dieses Thema, obwohl symptomatisch für den Verlust früherer deutscher Alleinstellungsmerkmale, behandle ich hier nicht – wir haben trotz einiger Anzeichen dafür keine allgemein verstaatlichte Autoindustrie, und mein Thema ist nun mal das Staatsversagen.

Unsere »Energiewende« aber ist staatlich verordnet – und ein Witz. Im Internet kursierte er in folgender Fassung: »Was ist der Unterschied zwischen Deutschland und der Titanic? Auf der Titanic brannte noch Licht, als sie unterging.« Das Wall Street Journal machte sich über die »dümmste Energie-Politik der Welt« lustig.

Kopflos und rein umfragegesteuert übers Knie gebrochen, drehte sich das Energiewende-Manöver von Angela im Wunderland nur um sich selbst und ließ Bürger- und Wirtschaftsinteressen sträflich außer Acht. Bundeskanzlerin Angela Merkel leitete es unter dem Eindruck des japanischen Fukushima-Desasters in dem verfehlten Glauben ein, dass wir ungefährdet jede Menge Energie aus Russland beziehen könnten. Als dieses wenig verlässliche Russland sich als handfeste militärische Bedrohung herausstellte, stand unsere Bundeswehr dann »blank« da – kaputtgespart und bis zur Unkenntlichkeit entkernt.

Verlässliche, schnelle Mobilfunk- und Internetabdeckung bleibt in der Bundesrepublik ein verzweifelter Wunsch frustrierter User. Was gegen die Covid-Krise nach Ansicht von Fachleuten geholfen hätte – die elektronische Patientenakte – steckte zwei Jahrzehnte im Planungsstadium fest, ein BER der Gesundheitspolitik, und liegt bis heute nicht praktikabel vor. Wenn deutsche Lehrer tatsächlich mal ein Smart Board – eine interaktive High-Tech-Tafel – in ihrem Klassenraum stehen haben, können sie es entweder nicht bedienen oder stellen fest, dass es nicht funktioniert. Weshalb sie dann eine Folie darüber ziehen, auf der man wie früher mit Kreide schreiben kann.

Aus der alten Gütemarke »Made in Germany« ist »Blöd in Germany« geworden. Wellen von Bildungsreformen haben das Land überzogen. Das Ergebnis war der PISA-Schock. Selbst deutsche Abiturienten sind heute oft nicht in der Lage, die Weltozeane und Kontinente zu benennen oder Zagreb zutreffend dem EU-Mitgliedsland Kroatien als Hauptstadt zuzuordnen. Es könnte sich bei »Zagreb« ja auch um den Namen eines allmächtigen Magiers in einem interaktiven Rollenspiel handeln.

Eine ungehemmt wuchernde Bürokratie verhindert ein halbwegs transparentes Steuersystem, innovative Unternehmensgründungen und andere Eigeninitiative. Gedeihen konnte hingegen ein windiges Geschäftsmodell wie »Wirecard«. Gleichzeitig wuseln Heerscharen teurer Berater durch unsere Gesetzgebungsinstanzen, die offenbar aus eigener Kraft nicht zum Umsteuern fähig sind.

Überlastete und nicht im 21. Jahrhundert angekommene deutsche Polizei und Justiz kommen mit der Ergreifung und Aburteilung dreister Gewohnheitskrimineller nicht hinterher. Aus dem Berliner Brennpunkt-Bezirk Neukölln berichtete der dortige CDU-Kommunalpolitiker Falko Liecke 2022 über das ermittlungstechnische Vorgehen gegen Clan-Kriminalität: »Während die Verbrecher Kryptohandys benutzen, überwachen Polizisten Festnetztelefone und wundern sich, dass keiner anruft.«

Wir haben uns wohl zu lange darauf verlassen, dass schon auf ewig stimmen würde, was die anderen und auch wir selbst gern von uns dachten: Die Deutschen, nach denen kannst du die Uhr stellen. Doch nicht nur der beklagenswerte Zustand der Deutschen Bahn beweist, dass davon keine Rede mehr sein kann und dass die Zeiger für uns vielmehr auf fünf vor zwölf stehen. Unser einst allenthalben bewundertes, gut funktionierendes Staatswesen produziert Staatsversagen, zerbröselt wie unsere vernachlässigte Infrastruktur, während wir nur allzu oft schulterzuckend zusehen und uns Diskussionen darüber aufzwingen lassen, wie viele tatsächliche oder vermeintliche Geschlechter unsere behäbige staatliche Verwaltung bei der Feststellung des Personenstands wohl anerkennen sollte.

Statt uns auf wesentliche Zukunftsaufgaben wie etwa die Digitalisierung zu konzentrieren, verzetteln wir uns auf Nebenkriegsschauplätzen. Wahre Glaubenskämpfe toben um die Frage, wie viele Doppelpunkte und Sternchen die deutsche Sprache wohl braucht, um zu einem herrschaftsfreien Kommunikationsmittel zu werden. Es regiert das kleine Karo. Eine strategische Vorausschau ist für die meisten wirklich zukunftsentscheidenden Handlungsfelder nicht erkennbar. Das nenne nicht nur ich Staatsversagen.

Warum sind wir so kaputt, einer politischen Führungsschicht ausgeliefert, die Attentismus statt Zupacken als Nicht-Handlungsprämisse hat? In einem Staat, der nach der »Stunde Null« als Phönix aus der Asche stieg, Paradebeispiel für die Wiedergeburt einer Nation, die aus der größten Finsternis der Nazi-Barbarei demokratisch gefestigt, wirtschaftlich robust und, ja, auch »der Zukunft zugewandt« neu erstand? Sie geriet zum Staunen der Welt – »Stupor Mundi« (einst der Beiname des von seinen Zeitgenossen bewunderten Stauferkaisers Friedrich II.) Warum ist davon nur noch der pathologische »Stupor« übrig geblieben, den die medizinische Fachlektüre als vollständigen Aktivitätsverlust bei ansonsten wachem Bewusstseinszustand beschreibt?

Schon bevor der mörderische Putin-Imperialismus 2022 schlagartig härtere Zeiten am Horizont aufziehen ließ, hatte ein klammheimlicher Abschied von einer der Grundkonstanten unserer früher so erfolgreichen sozialen Marktwirtschaft stattgefunden, nämlich vom Glauben daran, dass es unseren Kindern einmal besser gehen würde als uns – und dass sie auf hohem Niveau aufbauen könnten. Heute spricht das Centrum für Europäische Politik (CEP) von einer deutschen »Generation Abstieg«. In der Trendstudie Jugend in Deutschland – Winter 2022/23 von Simon Schnetzer und Klaus Hurrelmann hieß es, in dieser Generation entstehe die »unbequeme Gewissheit, dass die Wohlstandsjahre in Deutschland vorbei sind«.

Nicht nur Krieg, Inflation und Klimakrise haben einst unerschütterliche Hoffnungen ins Wanken gebracht. Wir haben sie teils selbst verantwortungslos verspielt, auch tatenlos dem Treiben von gewissenlosen Zockern zugesehen, die die Schere zwischen Arm und Reich hartherzig immer weiter öffneten, ihre Börsen-Kasinos skrupellos vom tatsächlichen Wirtschaftsgeschehen abkoppelten und als Internet- und High-Tech-Zaren die Marktkräfte frech aushebelten, um sie mit persönlichen Allmachtsansprüchen zu ersetzen.

Dies ist auch globalen Entwicklungen geschuldet, in die wir uns ungern einmischen, was der Bedeutung Deutschlands eigentlich nicht angemessen ist. Unsere historische Erfahrung mit Irrwegen und Verfehlungen bei der Standortbestimmung unseres Landes in der Welt hat uns andererseits zu Recht demütig gemacht, beschämt und geläutert. Anders als andere große Mächte, die den Zweiten Weltkrieg im Gegensatz zu uns und völlig zu Recht gewannen, haben wir die Lektion der Abrechnung mit Hegemonismus und Militarismus gelernt. Das war gut.

Schlecht ist, dass wir uns dadurch in ein Schneckenhäuschen zurückgezogen haben, von dem wir annahmen, dass wir uns auf ewig darin einrichten könnten, fern der Fährnisse der Welt dem Zug der Zeit hinterherzuckelnd. Irgendwie haben wir uns einem Trugschluss hingegeben: dass wir einen quasi genetisch verankerten Anspruch darauf hätten, unser Land als Erfolgsmodell betrachten zu können.

Wie konnte es dazu kommen? Wie entstand eigentlich der Ruf, von dem wir heute noch leben? Und können wir uns wirklich noch an ihm messen, diesem verstummenden Nachklang von Wirtschaftswunder und Turniermannschaft?

+++ TEIL EINS: +++

WIE WIR WURDEN, WAS WIR (NICHT MEHR) SIND

These: Die Überzeugung vom Hang der Deutschen zur Perfektion ist zur mythisch überhöhten Lebenslüge geworden.

Heinrich August Winkler setzt sich in seinem Werk Wie wir wurden, was wir sind mit historischen Fakten auseinander. Hier geht es um deutsche Mythen. Man muss sie kennen, weil man sie meist ganz unausgesprochen in sich trägt, wenn man sich mal wieder über dies und das aufregt, was nicht unserem »Ruf« entspricht, von »Rumpelfußball« der Männernationalmannschaft bis hin zu deutschen Panzerhaubitzen, die nach einem Monat Dauerbetrieb in der Ukraine schon reparaturbedürftig sind.

Zu wissen, warum wir inzwischen regelmäßig an unseren Selbstansprüchen scheitern, bedeutet, sich kritisch mit deutschen Mythen zu befassen. Sie sind keine Märchen, haben einen wahren Kern, aber sie wurden überhöht. Genau deshalb sind sie Mythen. Weshalb also denken wir, dass bei uns sowieso immer alles klappt? Und warum ist das zu einer Lebenslüge geworden?

KAPITEL 1

Made in Germany – mit stumpfen Messern zur schneidigen Weltgeltung

Made in Germany« war ursprünglich kein Qualitätsmerkmal, sondern ein Warnhinweis. Wenn wir nicht aufpassen, sind wir bald wieder so weit. Deutschland gerät in Gefahr, so etwas wie das Blackberry unter den Industrienationen zu werden: einst als Nonplusultra bewundert und begehrt, dann vom Zug der Zeit abgehängt.

1887 wehrte sich Großbritannien, damals die führende Wirtschaftsmacht der Welt, mit einer Kennzeichnungspflicht gegen importierten deutschen Ramsch. »Made in Germany« war also eigentlich als Kainsmal gedacht. Clevere Markenpiraten in der neuen Industrienation Deutschland hatten den britischen Markt mit Nachbildungen der hochwertigen Messer aus Sheffield überschwemmt, die den Originalen zwar an Qualität in keiner Weise gleichkamen, aber täuschend echt aussahen. Nur eben leider nicht lange schnitten.

Die Folge war ein von London verordneter Warn-Schriftzug für einheimische Käufer auf den ausländischen Produkten: Achtung! »Made in Germany« – billig, aber schnell stumpf. Die britische Regierung schnitt sich damit ins eigene Fleisch. Denn die massenhaft anlandenden deutschen Erzeugnisse, und das waren beileibe nicht nur Messer, legten schnell an Qualität zu. »Made in Germany« avancierte in den Augen der Konsumenten irgendwann zur Kaufempfehlung.

Davon zehren wir noch heute. Es entstand ein Mythos: Die Deutschen können alles, dies meistens schnell und zuverlässig, obwohl sie ein bisschen merkwürdig sind – und sehr humorlos.

Das Erstaunen der Welt über Ausmaß und Qualität der Leistungen des gerade erst unter preußischer Vorherrschaft zu staatlicher Einheit gelangten Deutschlands bildete sich Ende des 19. Jahrhunderts vor dem scharfen Kontrast ab, in dem die rapide Modernisierung in Wissenschaft und Industrie des Kaiserreichs zum archaischen Regierungssystem des Landes stand. Das Deutsche Reich verband unter Wilhelm II. rückwärtsgewandte, fast zaristische gesellschaftliche Zustände mit Progressivität in Forschung und Technik, während ein dünkelhafter deutscher Adel, vor allem das ostelbische Junkertum, den gesellschaftlichen, stark nationalistischen Ton auch für das aufstrebende Bürgertum vorgab.

In der Gründerzeit paarten sich also wirtschaftlicher Aufbruch und politische Beharrung. Der Gründerboom versprach wirtschaftliche Freiheit für die, die sie sich leisten konnten – etliche vom Spekulationsfieber Erfasste hätten freilich die Finger davon lassen sollen. Deshalb folgte dem Gründerboom auch schnell ein Gründerkrach. Ab 1890 aber begann ein rasanter, nachhaltiger wirtschaftlicher Aufstieg Deutschlands, in dem Dresdner, Deutsche und Commerzbank ebenso zu Geltung gelangten wie Eisenhütten und Maschinenfabriken, später Elektrotechnik und Großchemie.

Siemens, Borsig, AEG, Bayer, BASF und Krupp schwangen sich zu internationalen Markenzeichen auf. Deutsche erfanden die Schallplatte und die Grundlagen der Telefonie, den ersten elektrischen Generator, das Haber-Bosch-Verfahren zur synthetischen Herstellung von Ammoniak, Basis für die großindustrielle Herstellung von Düngemitteln, Sprengstoff (von dem machten sie dann reichlich Gebrauch) und – später – Plastik. Und dann war da natürlich noch dieser verrückte Tüftler Carl Benz aus dem Badischen, der 1886 ein automobiles Gefährt zum Patent anmeldete, das die Welt eroberte.

Wohin man damals sah, hinter vielen Errungenschaften steckten Deutsche. Diese Beobachtung nahm im Urteil des Auslands geradezu unheimliche Züge an und gebar dort Erschauern über den automatenhaft präzisen, effizienten und effektiven Germanen. 1896 veröffentlichte Ernest Edwin Williams in London eine als Warnung für seine britischen Landsleute gedachte Schrift mit dem Titel: Made in Germany. Eingangs des Buches ließ er den Premierminister der Jahre 1894 und 1895 zu Wort kommen, Archibald Primrose, Fünfter Earl of Rosebery: »Ich fürchte mich vor Deutschland. Warum fürchte ich die Deutschen? Weil ich sie so sehr bewundere und schätze. Sie sind eine fleißige Nation, sie sind vor allem eine systematische Nation; sie sind eine wissenschaftliche Nation, und was immer sie anpacken, seien es Friedens- oder Kriegswerke, sie treiben sie zu größtmöglicher Perfektion voran, mit dieser Strebsamkeit, dieser Systematik, dieser Wissenschaftlichkeit, die Teil ihres Charakters sind.«

Im Inland führte dieser Ruf wie Donnerhall zu nationaler Selbstüberhöhung einer in Untertanengeist und Militarismus gepressten Gesellschaft, die als Ventil für ihren Geltungsdrang nach Überflüglung anderer Nationen gierte. Dies war die Zeit, in der die Nation der »Dichter und Denker« zusätzlich zu ihrem Ansehen in Literatur und Philosophie noch jede Menge naturwissenschaftliche Nobelpreise einheimste.

Unter den Nationalsozialisten, als die »Richter und Henker« übernahmen, folgten andere gespenstische Hochleistungen, unter anderem der »Blitzkrieg« mit einer hochmobilen Panzerwaffe. Gleichzeitig tüftelte man in deutschen Labors am nächsten High-Tech-Level der Kriegsführung: Grundlagenforschung in Atomphysik und Raketentechnik, Anfänge der Computerentwicklung.

Im von der Nazi-Propaganda befeuerten kindlichen Glauben an eine neue »Wunderwaffe«, die den längst verlorenen Krieg noch drehen würde, spiegelte sich neben Vertrauen zu deutschen Ingenieursleistungen wider, was die Deutschen über sich selbst gelernt zu haben glaubten: Egal, wie ungünstig die Ausgangsbedingungen auch sein mögen – wir schaffen das.

Dieses geflügelte Wort, das Bundeskanzlerin Angela Merkel in aller Unschuld für die zivile Herausforderung der Flüchtlingsintegration in die Welt setzte, hat auch militärische historische Entsprechungen. Der implizierte Wunderglaube speiste sich unter anderem aus dem von den Nazis weidlich ausgeschlachteten »Mirakel des Hauses Brandenburg« im Siebenjährigen Krieg gegen europäische Großmächte und dem trotzigen Anspruch des Kaiserreichs, im Ersten Weltkrieg auch »einer Welt von Feinden« die Stirn bieten zu können.

Solche Großmannssucht ist vorbei. Doch irgendwie hielt sich im kollektiven Gedächtnis die Überzeugung: Wir Deutsche, wir sind schon was ganz Besonderes, das macht uns keiner nach. Das fanden nicht nur wir selbst. »In Deutschland, so sieht man es im Ausland, werden eben nicht nur zuverlässige Produkte hergestellt, sondern auch Verwaltungsprozesse und Politik so gestaltet, dass sie funktionieren. Deutschlands Systeme und seine Institutionen gelten als solide«, bilanzierte die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in ihrer Deutschlandstudie 2017/18, einer Befragung von Menschen rund um die Welt über ihr Deutschlandbild.

Ins gleiche Horn stieß der belgische Deutschlandkenner Dirk Rochtus, als er 2013 in seiner Analyse Dominantes Deutschland – ökonomischer Riese, politischer Zwerg? schrieb: »Die Bewunderung für Deutschland gilt nicht nur bestimmten Tugenden wie Fleiß und Disziplin, sondern auch sehr konkreten Maßnahmen und Amtsführung.« Im Ansehen der Deutschen in der Welt hatte offenbar eine Übertragung von technologischer und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit auf Verlässlichkeit des Regierungs- und Verwaltungshandelns in ihrem Land stattgefunden: alles Knüller, oder was?

In der GIZ-Studie hieß es freilich auch: »Geläufig ist dem Ausland zudem das Bild von einer leistungsorientierten Wirtschaft mit starken Marken, die man bewundert und schätzt. Qualität wird großgeschrieben. Der Wirtschaftsstandort gilt weiterhin als top, auch wegen des dualen Bildungssystems und der anwendungsorientierten Forschung. Doch fragt man sich andernorts, ob Deutschland nicht zu sehr und zu ausschließlich von seinen Leistungen der Vergangenheit zehrt. Ob es in Zeiten der Digitalisierung nicht den Anschluss verliert.«

Man fragt sich als Deutscher selbst: Was haben wir in den vergangenen dreißig Jahren eigentlich wirklich gepackt, das das Gütesiegel »Made in Germany« noch verdienen würde? Die Wiedervereinigung vielleicht, aber auch über deren Ergebnisse darf man im Detail geteilter Meinung sein. Die Energiewende? Die quasi-religiöse Mülltrennung bis hin zu Debatten darüber, in welche Tonne nun eigentlich das Backpapier gehört? Das Gender-Sternchen? Alles andernorts eher belächelt. Die Entwicklung eines Corona-Impfstoffs – ja, das war mehr als nur »okay« und nutzte der ganzen Welt. Aber sonst?

Der besorgte Brite Williams warnte seine Landsleute angesichts des rasanten Aufstiegs Deutschlands zur Weltgeltung einst davor, ihrerseits den Anschluss zu verlieren. Hauptursache des deutschen Erfolgs, so befand er, sei eine alerte Aufgeschlossenheit für Neuerungen. Die Briten verharrten seinem Urteil zufolge hingegen träge im Bewährten, statt mit der Zeit zu gehen.

Dieses Manko weisen heute, rund 125 Jahre später, in erschreckendem Maße die Deutschen auf. Die Stiftung Familienunternehmen urteilte Anfang 2023: »Deutschland kann mit Spitzenstandorten in Nordamerika, Westeuropa und Skandinavien kaum noch mithalten. Während andere Staaten in Infrastruktur investieren oder ihr Steuersystem reformieren, kommt Deutschland nicht voran. Der einzige klare Aktivposten ist die vergleichsweise geringe Verschuldung des Staates und der privaten Haushalte: Deutschland als relativ solides Land kann es sich leisten, auf Krisen zu reagieren.«

Es kann sie sich allerdings auch ganz gut selbst basteln.

Die Staatsverschuldung steigt unter der Sprachregelung eines Neusprechs, das sie als »Sondervermögen« tarnt. Die privaten Haushalte ächzen unter lange nicht mehr gekannten Preisanstiegen, hundert Jahre nach der Hyperinflation des Jahres 1923 (80 Milliarden Mark für ein Brot), die bei den Deutschen eine Urangst hinterließ. 2022 waren für sie steigende Lebenshaltungskosten laut einer Umfrage im Auftrag der R+V Versicherung die größte Sorge. Das Übel Inflation – ein altes, gebannt gewähntes Gespenst – war wieder da.

Galoppierende Geldentwertung ist eine der sichersten Methoden, den Bürgern das Vertrauen zu ihrem Staat zu nehmen. Der britische Autor Simon Winder weist in seiner »Spritztour« durch die deutsche Geschichte namens Germany, oh Germany auf das historische Trauma hin: »Viele hatten einfach nicht mehr das Gefühl, dass ihr Staat überhaupt noch funktionierte. Es gibt in ganz Deutschland kein einziges noch so kleines städtisches Museum, das keine Exponate über die furchtbaren Folgen der Inflation für den Ort zeigt. Wie die Iridiumschicht, die den Übergang von der Kreide- zur Tertiärzeit markiert, markiert die Hyperinflation einen Wandel, der vielleicht noch tiefgreifender ist als der durch den Krieg.«

KAPITEL 2

Wir sind wieder wer – auferstanden aus Ruinen

Nachdem der Glaube an militärische deutsche Superkräfte 1945 final gescheitert war und in deutschen Stadtruinen Trümmerfrauen als Heldinnen des Wiederaufbaus schufteten, entstand eine deutsche Sage, die die Ausstellung Deutsche Mythen seit 1945 im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland 2016 näher untersuchte: Deutschland erfand die »Stunde Null«, die das »Wirtschaftswunder« einläutete. »Remade in Germany« war die neue Selbsterklärung.

Auch daran erinnerte – diesmal gewollt – Angela Merkel, als sie ihre Flüchtlingspolitik 2015 damit rechtfertigte, dass es »zur Identität unseres Landes gehört, Größtes zu leisten, aus Trümmern ein Land des Wirtschaftswunders zu machen, nach der Teilung ein in der Welt hochgeachtetes Land«.

Die Wiederaufbauleistung nach der »Stunde Null« hatte schon einmal als historisches Vermächtnis Pate gestanden, als Bundeskanzler Helmut Kohl nach der Wiedervereinigung »blühende Landschaften« in Ostdeutschland vorhersagte. »Ich führe euch herrlichen Zeiten entgegen«, sagte er nicht, aber die Parallele zu Kaiser Wilhelms haltlosen Versprechungen an sein Volk drängt sich auf.

Der wesentliche Unterschied zwischen Merkels und Kohls Appellen an vermeintliche urdeutsche Tugenden wie Aufbauwille, Gemeinsinn sowie Opferbereitschaft und der haltlosen Großmäuligkeit früherer deutscher Staatsführer (»Gebt mir vier Jahre Zeit«, Adolf Hitler) bestand darin, dass die deutschen Nachkriegskanzler zu keinem Zeitpunkt auch nur im Entferntesten daran dachten, ihr Volk erneut für Kriegsabenteuer moralisch aufzurüsten. Vielmehr luden sie eine friedliche Ersatzidentität auf, die die Deutschen sich nach ihren militärischen Bauchlandungen als wiedererstandene Wirtschafts-Musterknaben zurechtlegten: Wir sind wieder wer.

Das Wirtschaftswunder war »ein an jeden Einzelnen adressiertes Wohlstandsversprechen, das an die Stelle eines kollektiven Versprechens der Aussicht auf Macht und Größe getreten ist«, schrieb Herfried Münkler im Katalog zur Ausstellung des Hauses der Geschichte.

»Was ist eigentlich aus unserem Wirtschaftswunder geworden?«, fragte mich während der Arbeit am Manuskript dieses Buches eine Gesprächspartnerin, mit der ich mich über den Niedergang von Wesensmerkmalen unseres Heimatlandes unterhielt, die wir beide mal für Selbstverständlichkeiten gehalten hatten. Man kann allerdings auch ketzerisch die Frage stellen, wie wundervoll dieses Wirtschaftswunder eigentlich wirklich war, jener Sammelbegriff für vieles, woraus wir Selbstachtung und Prestige ziehen zu können glaubten.

Eine scharfzüngige und kundige Zertrümmer-Frau dieses nationalen Mythos der Bundesrepublik ist die Journalistin Ulrike Herrmann. In ihrem Buch Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen knöpft sich die erfolgreiche Sachbuchautorin den ihrer Meinung nach nur vermeintlichen Urheber des ebenso zweifelhaften »Wunders« vor. Sie arbeitet sich mit fehdetauglicher Unerbittlichkeit an Ludwig Erhard ab, der als Bundeswirtschaftsminister zur Legende wurde, als Kanzler aber schnell scheiterte. Die langjährige Mitarbeiterin der linksalternativen Tageszeitung fällt über ihn das vernichtende Urteil: »Erhard war ein naiver Ökonom, ein Opportunist und NS-Profiteur, der sich hinterher eine Widerstandslegende zusammengedichtet hat.«

Erhard – Vater der D-Mark? Laut Herrmann ist das ein von ihm selbst in die Welt gesetztes Märchen. »Obwohl Erhard keinerlei Verantwortung für die Währungsreform trug, heimste er später ungeniert das Lob ein, indem er sich als Schöpfer der D-Mark inszenierte.« Diese sei aber keine westdeutsche Erfindung gewesen, sondern »wurde von den Amerikanern durchgesetzt«. Dennoch habe Erhard stets den Eindruck erweckt, »als habe ›seine‹ Währungsreform ein einzigartiges Wirtschaftswunder ausgelöst. Auch das war falsch«.

Nach dieser Reform habe es durch statistische Verzerrungen nur so ausgesehen, als hätte sie phänomenale Wachstumssprünge ausgelöst, argumentiert Herrmann. »Vor der Währungsreform war das offizielle Wachstum scheinbar eingebrochen, weil Fabriken und Bauern ihre Waren lieber horteten, statt die Geschäfte zu beliefern.« Zudem sei ein Großteil des wirtschaftlichen Geschehens statistisch nicht erfassbar gewesen, weil es auf Tauschhandel und Kompensationsgeschäften beruht habe.

Herrmann vertritt hier zwar eine Minderheitsmeinung, aber ganz allein steht sie damit nicht. Auch der britische Germanist James Hawes bietet in seiner viel gelesenen Kürzesten Geschichte Deutschlands die Deutung an: »Nie hatte es irgendein geheimnisvolles westdeutsches Rezept für ein Wirtschaftswunder gegeben, sondern nur die brutale Medizin des freien Markts, die Erhard den Deutschen unter den einmalig günstigen Voraussetzungen des Jahres 1948 verordnet hatte.«

Das Wirtschaftswunder, so befindet Herrmann barsch, sei wie die angeblich so vorteilhafte soziale Marktwirtschaft ein irreführender nationaler Mythos: »Stets wird der Eindruck erzeugt, als wäre es allein der deutschen Raffinesse zu verdanken, dass die Bundesrepublik reich wurde.« Die Deutschen hätten sich aber mitnichten alles selbst zu verdanken, sondern heftige Hilfe von außen bekommen.

Nach Meinung seiner Bewunderer setzte Erhard sich aber sehr wohl gegen erhebliche deutsche und alliierte Widerstände durch, schaffte damit Preisdiktate ab und verhalf dem freien Spiel von Angebot und Nachfrage zur Geltung.

Für die Wirkmächtigkeit eines Mythos ist es im Übrigen ohnehin bedeutungslos, auf wie vielen oder wenigen Fakten er beruht. Er muss nicht »wahr« sein. Entscheidend ist, dass möglichst viele Leute möglichst inbrünstig an ihn glauben. Es gab ja auch keine wirkliche »Stunde Null« (Wirtschaftsgrößen der NS-Zeit blieben auf Chefsesseln, ehemalige Funktionsträger des Dritten Reichs im Verwaltungsapparat), und die berühmten Trümmerfrauen hätten das ganze in Schutt und Asche liegende Land niemals händisch freiräumen können (dafür brauchte man schon auch schweres Gerät). Beide Begriffe haben aber bis heute ihren festen Platz im Fundus der deutschen Nachkriegsmythen. Es ist insofern egal, ob Erhard wirklich ein unfähiger Hochstapler war, wie Herrmann behauptet. Auf ewig wird mit ihm neben der dicken Zigarre mit Mundstück das Versprechen seines 1957 erschienenen Buchs Wohlstand für alle verbunden bleiben.

Selbst die DDR, von der Sowjetunion zunächst weitgehend kaputtdemontiert und dann vom ineffizienten Zwangssystem der Kollektivwirtschaft gefesselt, pflegte ihren eigenen Wohlstandsmythos. Im aussichtslosen Systemwettbewerb mit ihrem größeren, kapitalistischen deutschen Gegenstück tröstete ihre Bevölkerung sich über Versorgungsengpässe damit hinweg, dass es den sozialistischen »Brudervölkern« noch schlechter ging – deutsche Tüchtigkeit zahlte sich in dieser Selbstdefinition unter verschärften Bedingungen und ganz ohne Marshall-Plan aus. Für die Westdeutschen hingegen hob sich ihr materieller Wiederaufstieg vor der Nachkriegsmangelwirtschaft des naheliegenden Vergleichsmodells DDR umso verheißungsvoller ab.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Deutschen hüben wie drüben so gut wie nichts mehr gehabt, worauf sie stolz sein konnten. Nicht nur lag ihr Land geschlagen und zertrümmert am Boden, auch hatten sie sich mit einer langen Reihe von Gräueltaten aus dem Kreis zivilisierter Völker an den Pranger der Verfemten gebombt, gefoltert und gegast. Mit ihrer neu gewonnenen wirtschaftlichen Stärke gelang der jungen Bundesrepublik Deutschland – als selbsterklärte Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reichs ein Rumpfstaat, der um Selbstanerkennung rang – dann die Entsorgung früherer militaristisch aufgeladener Nationalsymbole zugunsten von neuen Identifikationsangeboten: VW-Käfer statt KdF-Wagen und Panzern.

Wiederaufbau und Konsum hatten dabei einen größeren Stellenwert als die selbstquälerische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Diese »Unfähigkeit zu trauern« (Alexander und Margarete Mitscherlich) zu überwinden, forderte erst die Studentenbewegung ein. Ihr Aufkommen ging nicht nur mit dem Vietnam-Krieg einher, sondern auch mit den Frankfurter Auschwitz-Prozessen sowie der ersten Rezession in der Bundesrepublik. Neue Begriffe gelangten in den westdeutschen Sprachschatz: »Erinnerungskultur« und »Vergangenheitsbewältigung«.

Als Ende des Wirtschaftwunders gilt allgemein die Ölkrise des Jahres 1973. Mit ihr griff Verunsicherung um sich, wurden die »Grenzen des Wachstums« (Club of Rome 1972) ein neues Thema. Eine Allensbach-Umfrage für den Spiegel sondierte wachsendes Unbehagen: »Überall in der westdeutschen Gesellschaft breitet sich Furcht aus, dass es bald schlechter gehe, und es wächst das Mißtrauen an der Fähigkeit dieser Regierung, Unheil abzuwenden.«

Der Historiker Frank Biess setzt bei solchen Befunden in seinem Buch Republik der Angst an und zieht eine Linie bis zur »bleiernen Zeit« der Gewaltexzesse der »Roten Armee Fraktion« sowie der Staatsreaktion darauf: »Sowohl die Angst um als auch die Angst vor dem Staat erreichte im deutschen Herbst 1977 ihren vorläufigen Höhepunkt.«

Doch noch bis 1978 rollte in der Bundesrepublik das unverwüstliche Buckel-Auto aus Wolfsburg (einer NS-Stadtgründung) vom Band, ein Sinnbild der Verlässlichkeit, das lief und lief und lief. Es ist das Symbol der frühen guten, fetten Jahre der jungen Republik, die sich als Erfolgsmodell präsentierte. Sie sind bis heute prägend für das Selbstverständnis der Westdeutschen, selbst derer, die viel zu jung sind, diese Periode selbst erlebt zu haben.

Und während die Zahl der gebauten Käfer sich der Eine-Million-Marke näherte, geschah 1954 auch noch das »Wunder von Bern«. Das deutsche Wunderauto und die deutschen Wunder-Fußballer standen für dieselben Werte: Fleiß. Verlässlichkeit. Ausdauer. Bescheidenheit – gepaart mit der stillen und manchmal auch lauten Genugtuung: Wir sind wieder wer.

Auf dieser vermeintlichen Gewissheit haben wir uns auf vielen Feldern etwas zu lange ausgeruht. VW und andere deutsche Autobauer haben mit einem selbst verschuldeten Abgasskandal internationale Reputation eingebüßt und erst nach langem Schlummer den Anschluss an die E-Mobility erreicht. Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Manuskripts war der vierfache Fußball-Weltmeister Deutschland in der FIFA-Weltrangliste der Männer auf Platz 14 abgerutscht, hinter die USA, wo American Football viel bedeutet, »soccer« hingegen wenig, zumal bei den Jungs.

Der Vergleich der Leistungsfähigkeit der Männer-Nationalelf mit der des ganzen Landes ist in der deutschen Publizistik beliebt. Nachdem die Bundeskicker 2022 zum zweiten Mal in Folge bei einer Weltmeisterschaft nicht in der Lage gewesen waren, wenigstens das Achtelfinale zu erreichen – früher eine pure Selbstverständlichkeit –, ätzte der Welt-Kolumnist Hans Zippert: »Deutsche Waffen sind in ähnlich schlechter Verfassung wie die deutsche Nationalmannschaft … In einem Weltkrieg kämen wir über die Gruppenphase nicht hinaus.«

Ein geschmackloser Vergleich? Durchaus. Das hat jemand schon mal besser formuliert. Der Soziologe Norbert Seitz veröffentlichte 1987 ein Buch unter dem Titel Bananenrepublik und Gurkentruppe. Die arme Gurke muss in der deutschen Sprache für vieles herhalten, weil sie die einzige Gartenfrucht ist, die unreif gegessen wird. Unausgegorenes gilt deshalb als »vergurkt«. Die Bezeichnung »Gurkentruppe« kam für die deutsche Nationalelf bei der Männer-WM 1986 auf, erweiterte dann aber den politischen Wortschatz. CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt bezeichnete den Koalitionspartner FDP 2010 als »gesundheitspolitische Gurkentruppe«. Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt kam wesentlich später zu der Einschätzung: »Deutscher Fußball und deutsche Politik haben ein zentrales Problem gemeinsam: Es werden Zeichen gesetzt, die Ansprüche sind hoch, aber wenn es darauf ankommt, sind wir nur mittelmäßig.«

Im Sommer 2022, das gefühlte Ewigkeits-Fußball-Idol Uwe Seeler, der Mann mit dem legendären Hinterkopf-Tor, war gerade gestorben, bemühte Neu-Kanzler Olaf Scholz, der Mann aus der HSV-Stadt Hamburg, die politische Adaption eines Wohlfühl-Stadion-Gesangs: »You’ll never walk alone!« Statt »Uns Uwe« nun »Uns Olaf« (Spott der Neuen Zürcher Zeitung): Der Klassenunterschied war unverkennbar.

KAPITEL 3

Vorbild für die Welt, Melkkuh Europas

2016 erhob sich ein großes Rauschen im deutschen Blätterwald: Deutschland, das beste Land der Welt! Das legte eine Erhebung der Zeitschrift US News and World Report nahe, die sechzig Länder in Kategorien wie Lebensqualität, Macht, Unternehmertum und Zukunftsfähigkeit verglich. Zuvor schon hatte die BBC die Bundesrepublik ebenfalls umfragebasiert zum »Land mit dem größten positiven Einfluss auf die Weltgemeinschaft« ausgerufen.

Na, das war doch mal was! Anfang des 21. Jahrhunderts hatte Deutschland schließlich auch mal als »kranker Mann Europas« gegolten. Vorbei, erledigt, die Deutschen waren zurück, und diesmal ganz, ganz vorne! Und wir wurden sogar gemocht. Daran musste man sich zwar gewöhnen, aber irgendwie berechtigt fanden wir es schon.

Die BBC befragte 25 000 Teilnehmer in aller Welt, US News and World Report 16 000. Es handelte sich in beiden Fällen also nicht um harte Fakten, sondern um persönliche Meinungen. Und nur allzu gern wollen wir uns in solchen Urteilen aus dem Ausland wiedererkennen, denn wir haben in puncto Anerkennung Nachholbedarf. Vor allem die Partnerländer in der Europäischen Union könnten von uns lernen, finden wir insgeheim oder fordern es auch schon mal lauthals, in der Euro-Krise etwa – und machen uns schon wieder unbeliebt. Das verstehen wir nicht, fühlen uns gründlich missverstanden. War Leitgedanke unserer neuerlichen Staatsgründung nicht geradezu der Slogan: »Europa über alles?«

In der Präambel des Grundgesetzes heißt es, das »Deutsche Volk« sei »von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen«. Artikel 23 führt in Absatz 1 das Nähere aus: »Zur Verwirklichung eines vereinten Europas wirkt die Bundesrepublik Deutschland bei der Entwicklung der Europäischen Union mit, die demokratischen, rechtsstaatlichen, sozialen und föderativen Grundsätzen und dem Grundsatz der Subsidiarität verpflichtet ist und einen diesem Grundgesetz im wesentlichen vergleichbaren Grundrechtsschutz gewährleistet.« Dieser sogenannte »Europa-Artikel« ersetzte nach der Wiedervereinigung den Beitritts-Passus, mit dem die DDR sich nach dem überwältigenden Votum ihrer ersten und einzigen frei gewählten Volkskammer dem Geltungsbereich der bundesrepublikanischen Verfassung anschloss.

Wie tragisch: Wir wollten den Nationalismus überwinden und in Europa aufgehen, es nahezu zu unserem neuen Ersatz-Vaterland machen – doch insbesondere nach der Euro-Krise vermuteten etliche unserer EU-Verbündeten einen deutschen Trick, um diesmal mit anderen als kriegerischen Mitteln in Europa zu Vorherrschaft zu gelangen.

Ungerecht fanden wir das, waren gleichwohl innerlich irgendwie schon davon überzeugt: Ohne uns, die viel beschworene leistungsfähigste Volkswirtschaft Europas, könnte die EU doch zumachen, oder? Größter Nettozahler, »Melkkuh« für alle, die uns dann auch noch beschimpfen! Dies ist die Erzählung, aus der ursprünglich die AfD entstand: Der »Club Med«, angeführt von Paris, Rom und Athen, frisst uns die Haare vom Kopf; deutschlandfeindliche Demokratie-Verächter in Warschau und Budapest langen am tiefsten in die Brüsseler Fördertöpfe, in die wir bußfertigen Deutschen am meisten hineinkippen.

Diese Einschätzung ließ gerne außer Acht, wie sehr Deutschland als Exportnation vom europäischen Binnenmarkt und ja, auch vom Euro profitiert. Die EU-Kommission stellt explizite Nettoempfänger- und -bezahlerstatistiken lieber nicht mehr offiziell auf – offenbar aus Furcht vor zu viel bösem Blut in der stets zankbereiten europäischen Familie. Die Deutsche Presseagentur (dpa) machte für den EU