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Städte begeistern, sie schüren Emotionen und sind oftmals Teil der Identifikation und Selbstbeschreibung ihrer Einwohner. Müssten sie dann nicht auch zur politischen Mitgestaltung motivieren und Orte neuer Formen der Bürgerbeteiligung sein? Hermann Sottong zeigt anhand seiner Heimatstadt Regensburg einerseits, was politische Einmischung von Bürgern für ihre Heimatstadt zu leisten vermag, andererseits aber auch, wie deren Motivation, Intelligenz und Expertise verschwendet werden kann, indem ihre ganze Energie in der Abwehr von unsinnigen Stadtplanungsprojekten von Politik und Wirtschaft verpufft. Bürgersinn als Ressource bleibt so nicht nur brachliegen, sondern wird systematisch abgewehrt und abgewertet. Hermann Sottong ist überzeugt: Es mangelt nicht an stadtgesellschaftlichem Engagement und Mitgestaltungswille, sondern an Mut und Fantasie, zusätzliche Formen der Beteiligung und Mitgestaltung zuzulassen.
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Seitenzahl: 33
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Stadt. Ansichten.
Inhalt
Hermann Sottong | Stadt. Bürger. Sinn. Glanz und Elend von Stadtpolitik – der Fall Regensburg
Anhang
Der Autor
Impressum
Hermann Sottong Stadt. Bürger. Sinn Glanz und Elend von Stadtpolitik – der Fall Regensburg
Dass die Polis die Wiege des Politischen, des Bürgersinns, der demokratischen Teilhabe ist, gilt als Binsenweisheit. Dass Demokratie in den Kommunen beginne, dort in ihrer Funktionsweise unmittelbar beobachtet und sozusagen eingeübt werden könne, gilt als quasi selbstverständlich und wird gerne in Sonntagsreden über die Bedeutung der Kommunalpolitik wiederholt. Gleichzeitig gilt das politische Geschehen in den Städten – von den turbulenten Metropolen einmal abgesehen – als unsexy, langweilig, provinziell.
Die schwache Aufmerksamkeit, die den Äußerungsformen des Politischen in den Städten zuteilwird, steht dabei im Kontrast zu den energetischen und innovativen urbanen Potenzialen. Kommt sie in Ausnahmefällen doch zustande, etwa wenn irgendwo in tiefer Provinz ein Kandidat reüssiert, der die gewohnten Kriterien für den lokalen politischen Erfolg gerade nicht erfüllt – etwa nach dem Modell: 19-jährige lesbische Protestantin wird Bürgermeisterin in oberbayrischer Kleinstadt –, dann gilt das Interesse durchweg der Person, welche das politische Amt erringen konnte, nicht aber dem Zustandekommen eines solchen für unwahrscheinlich geltenden Erfolgs und erst recht nicht den Bürgern, die ihn letztlich erst ermöglicht haben. Gebetsmühlenhaft wird in solchen Fällen dann darauf verwiesen, dass man an solchen Ausrutschern sehen könne, dass »Kommunalpolitik« eben nach anderen Regeln funktioniere als die »große« Politik. Das Politische in der Polis wird damit in solchen Fällen also gerade dann als irrelevant für die Entwicklung des Politischen insgesamt klassifiziert, wenn dabei Relevantes, Neues, Außergewöhnliches, womöglich Innovatives geschieht.
»Der Mensch lernt vom Nahbereich seines Erlebens aus«, stellte Helmut Volkmann, Erfinder der Wissensstadt Xenia, bei unseren Begegnungen gerne fest. Dass jemand für die Bezeichnung von Lernräumen und Innovationslaboren die Stadt als Metapher nutzt, leuchtet spontan ein. Als Lebensraum ist sie immer auch Lernraum. Als Ort des Lernens ist die Stadt dann geradezu ideal, wenn sie groß genug ist, unterschiedliche Funktions- und Spielräume bereitzustellen, und gleichzeitig klein genug, um Orte der Begegnung zu schaffen, an denen die Akteure Wissen und Standpunkte persönlich austauschen oder sich zumindest unmittelbar beobachten können.
Die Stadt als Lebensraum bietet Vielfalt und Verschiedenheit innerhalb eines definierten Rahmens und damit wie kaum ein anderes soziales Biotop die Chance, Transformationen in Architektur, Mode, Habitus, Konsum, Alltagskommunikation unter anderem auch auf politische Akte zurückzuführen und die Wechselwirkungen zwischen politischen, kulturellen, ökonomischen, kommunikativen Operationen zu studieren. Wo sonst also ließen sich relevante Themen so gut entdecken, wo drängte sich Handlungsbedarf so unmittelbar auf, wo sonst wären die Folgen politischer Entscheidungen ohne große Mühe zu beobachten und spürbar zu erleben?
Nicht zuletzt kommt hinzu, dass Städte das Potenzial in sich tragen, uns zu emotionalisieren. Eigenart, Geschichte, Charakter, Flair, Pulsschlag, Antlitz – wenn wir über Städte sprechen, häufen sich anthropomorphisierende Metaphern und zeugen von unserer Neigung, ihnen Persönlichkeit und Individualität zuzusprechen. Man kann Städte hassen oder lieben, und eigentlich ist das Schlimmste, was einer Stadt passieren kann, dass sie ihre Bewohner kaltlässt. Eine »richtige« Stadt – das ist immer auch ein Angebot zur Identifikation und ein wesentliches Element unserer Identitätskonstruktion und Selbstbeschreibung.
Angesichts solcher Voraussetzungen müssten unsere Städte – vorneweg die Mittelzentren – weit über das derzeit beobachtbare Maß hinaus Inkubatoren von Bürgersinn, Keimzellen erkennbarer politischer Mitgestaltung, Pionierunternehmen zur Erprobung neuer Formen der Bürgerbeteiligung sein. Was aber hindert sie daran, diese Rolle erkennbar auszufüllen?
Regensburg oder die Verteidigung der Stadt
Was Bürgersinn vermag, was politische Einmischung von Bürgern leistet, kann man beispielsweise in Regensburg bestens beobachten, wo ich seit Jahren lebe.
Dabei ziele ich nicht auf die historische Phase, in der die Bürgerschaft den Dom erbauen ließ, die ehrwürdige Steinerne Brücke, all die Geschlechtertürme und Bürgerhäuser des Mittelalters, die bis heute das Bild der Altstadt prägen und denen Regensburg seinen Status als Weltkulturerbe verdankt. Ich beziehe mich auf die Jahrzehnte seit dem Zweiten Weltkrieg, in denen wiederholt Bürger außerhalb der Verwaltung und
