Stadt der Lebenden - Nina Elisabeth Christ - E-Book

Stadt der Lebenden E-Book

Nina Elisabeth Christ

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Beschreibung

Die Stadt der Toten ist gefallen, die Infizierten sind frei. Vika und Shawn müssen sich neuen Herausforderungen stellen, nicht zuletzt, weil Shawns Vater sie immer noch trennen möchte. Während er Vika zu einer Jägerin gemacht hat, lebt Shawn als Grenzer in Sicherheit. Bei all der Zerstörung außerhalb der Stadt entdeckt Vika jedoch etwas, das niemand in der letzten Stadt für möglich gehalten hat. Auch Ilias bleibt nicht untätig und versucht alles, um Vika endlich zu besitzen. Einmal mehr scheint das Schicksal der letzten Überlebenden von Vika abzuhängen und dieses Mal scheint das, was in ihrem Herzen schlummert, keine Bedeutung mehr zu haben.

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Seitenzahl: 509

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Dieses Buch enthält Elemente und fiktive Ereignisse mit möglichem Auslösereiz. Für eine Liste davon blättere bitte zur letzten Seite.

Über die Autorin

Nina E. Christ, geboren 1995, verfiel dem geschriebenen Wort, noch bevor sie das Lesen lernte, zeichnete ihre »Romane« und ließ andere für sie schreiben. Sehr zur Erleichterung ihrer Familie entfloh sie später allein in fantastische Welten, und nicht selten schrieb sie – nur aus Vergnügung – Fortsetzungen ihrer liebsten Bücher. Auch eigene Geschichten schrieb sie mit Eifer, bis sie sich schließlich dazu entschied, ihre Leidenschaft zu ihrem Beruf zu machen. Mit ihrem Germanistik und Kunstgeschichte Studium erfüllt sie sich diesen Traum und möchte andere an ihren Welten teilhaben lassen.

WREADERS E-BOOK

Band 223

Dieser Titel ist auch als Taschenbuch erschienen

Vollständige E-Book-Ausgabe

Copyright © 2023 by Wreaders Verlag, Sassenberg

Verlagsleitung: Lena Weinert

Druck: epubli – Neopubli GmbH, Berlin

Umschlaggestaltung: Miriam Schwardt

Lektorat: Melanie Graff, Vanessa Janke

Satz: Elci J. Sagittarius

Kartenillustration: Ollosaurus (twitter.com/Ollosaurus)

www.wreaders.de

Ich wünsche jedem die Kraft, seinen eigenen Weg zu gehen.

Prolog

Sie starrte auf ihn hinab.

Ihr blaues Kleid wehte im Wind, genauso wie die leichten Locken, die sich langsam aus ihrer Frisur lösten. Sie war wunderschön, erhob sich über ihm wie ein Engel.

Er sehnte sich nach ihr, ihren Berührungen, ihren Augen. Doch da brodelte etwas in ihm, das namenlose Biest, das seine Sicht langsam rot färbte.

Er strich sich eine schwarze Strähne aus dem Gesicht und bückte sich zu der am Boden liegenden Leiche. Das verbliebene Auge der Frau war weit aufgerissen, genauso wie ihr Mund. Entsetzen hatte ihr Gesicht verzerrt. Ein Rinnsal Blut klebte an ihrer Stirn, direkt an ihrem Ansatz zog sich ein langer Schnitt entlang, und Scherben aus der Scheibe des Wagens steckten noch in ihrem Kopf. Sie war schön, lag vor ihm wie eine frisch erblühte Rose, deren Stiel er gewaltsam abgebrochen hatte.

Er hob ihren Körper hoch und legte ihn sich über die Schulter.

Auch wenn diese Frau ihm nichts bedeutete, er nicht mal ihren Namen kannte, war sie nun sehr kostbar für ihn.

Er sprang vom Wagen herunter und kommandierte seine Armee mit einer Handbewegung, ihm zu folgen. Tausend blinde Augenpaare waren auf ihn gerichtet, leises Grollen erfüllte die Luft, und ab und zu zuckte einer der Infizierten mit dem Kiefer, als wollte er die Frau packen.

Sie waren hungrig und verzehrten sich nach der Jagd.

Er konnte sie nicht verstehen. Ja, er war anders. Er war besser. Er war tödlicher und gerissener.

Langsam ging er los, zurück zu der Stadt, die seit Langem seine Heimat war.

Fürs Erste hatte er die Menschen in Angst und Schrecken versetzt. Ihnen einen Warnschuss gegeben, eine Kostprobe dessen, was sie erwarten würde, sobald er das Interesse an dem Spiel verlor. Noch badete er in ihrer Angst. Noch.

Was dann geschah, würde sich zeigen.

Kapitel 1.

Der Schock lähmte meine Glieder. Ich stand steif auf meinem Platz, starrte der Meute hinterher, die sich langsam zurückzog. Ich suchte nicht nach Ilias, ich suchte nicht nach einem Anzeichen. Ich musterte sie, als würde ein Fremder meine Augäpfel festhalten und mich zwingen hinzusehen.

Erst als sich eine Hand auf meine kühle Schulter legte, kaum gewärmt von den ersten Sonnenstrahlen, und ich erschauerte, schaffte ich es, den Blick abzuwenden. Aber ich konnte weder Shawn noch Diane in die Augen sehen. Ich fühlte mich schuldig, so schrecklich, dass ich am liebsten von der Mauer gesprungen wäre, um neben dem Skelett des Autos auf dem Boden zu zerschellen.

Ich wünschte, ich hätte Ilias nie provoziert.

In meinem Kopf formten sich Bilder, Unter- und Oberstädtler, gekleidet in der schwarzen Tracht der Wächter, bangend der Horde gegenübertretend. Leere Gesichter, verzerrt von Hunger, Schüsse, die die Stille zerschnitten und doch nichts bewirkten. Wenn man einen Infizierten nicht direkt in den Kopf schoss, dann starb er nicht. Der Schuss würde ihn nicht mal zurückhalten. Und dann würden sie sich auf die armen Menschen stürzen, die für ein Leben fochten, das schon längst besiegelt war.

Und vielleicht – und das wäre das wirklich Grausame – erkannten die Todgeweihten in diesem Moment ihre verstorbenen Geliebten, die ihnen in der nächsten Sekunde die Gesichter zerbissen. Infizierte töteten nicht bewusst. Sie fraßen ihre Opfer noch bei lebendigem Leibe.

Aus diesem Krieg würden nur Tode entstehen, weiteres Futter für die Meute der Infizierten, leere Hüllen vergangener Leben.

Aber nein, so ganz stimmte es nicht.

Ilias hatte ein Bewusstsein.

Und er hatte es genutzt, um die Infizierten gezielt zu steuern. Sie hatten eine unbändige Kraft, aber dadurch, dass sie weder kommunizierten noch gemeinsam arbeiteten, hatten wir sie in Schach halten können. Doch jetzt hatte Ilias es sich zur Aufgabe gemacht, ihr Kopf zu werden. Sie hatten sich zu einem furchterregenden, tödlichen Rattenkönig geformt.

Der Druck der Hand auf meiner Schulter wurde stärker und ich sah endlich auf.

Shawn stand hinter mir, seine Augen waren gerötet vor Anstrengung, und er wirkte nicht mehr wie der Zwanzigjährige, der er war, sondern wie ein uralter, kranker Mann. Seine freie Hand zitterte nervös, als er sich das rostbraune Haar aus der Stirn strich. Sein Anzug war zerknittert und seine Krawatte hatte er gelöst.

Es fühlte sich an, als hätte der Ball niemals stattgefunden.

Erst in diesem Moment wurde mir bewusst, warum sich seine Hand so wunderbar warm auf meiner Schulter anfühlte. Die Kälte brach über mich herein, als hätte Shawn einen Damm zerschlagen. Der Wind zog an meinen langen Haaren und löste meine Frisur, stach mit eisigen Nadeln in meine Haut, zerrte an dem dünnen Stoff meines Kleides. Meine Füße brannten, weil ich so viel mit Shawn getanzt hatte und dann mit den dünnen Absätzen auch noch zur Mauer gerannt war.

Ich taumelte langsam rückwärts, der Wind trieb mich förmlich in Shawns Arme und er schlang diese fest um mich. Der Stoff seines Anzuges fühlte sich zunächst kühl an, doch dann spürte ich allmählich seine Körperwärme. Ich seufzte, obwohl es keinen Grund zur Erleichterung gab.

Ich war für alles verantwortlich.

Ich war eine Wächterin. Meine Aufgabe war es, die letzte Stadt zu schützen, nicht ihren Untergang herbeizuführen. Nun, es stimmte nicht ganz. Wenn jemand zum Tode verurteilt wurde, mussten wir die Infizierten auf ihn hetzen. Ein Schauspiel, um die Bürger in einem ständigen Zustand der Angst zu halten. Nun war dies die grausame Realität geworden.

Ich hätte es verhindern können.

Ich hätte auf Ilias eingehen können, selbst wenn er von mir verlangt hätte, mich selbst aufzugeben. Dann wäre er nicht hierher marschiert.

Seine eisblauen Augen blitzten in meinen Gedanken auf. Wie schön sie doch waren. Doch das letzte Mal, als ich sie gesehen hatte, waren sie so hasserfüllt gewesen, dass ich den Mann nicht wiedererkannte, der in ihm schlummerte.

In dieser verhängnisvollen Nacht hatte ich ihn als ein Monster beschimpft. Ich hatte ihm vorgeworfen, nicht menschlich genug zu sein. Und jetzt, nur ein paar Tage später, hatte er uns den Krieg erklärt.

Es musste wegen unserem Gespräch sein.

»Vika«, murmelte Shawn in mein Ohr.

Ich blickte zu ihm auf. Seine grünen Augen liefen über vor Sorge, und erst in diesem Moment wurde mir klar, dass er mich nicht im Arm hielt, um mich zu wärmen. Er brauchte mich, eine Stütze. Sein rasendes Herz an meinem Rücken verriet mir seine Angst.

Erst wollte ich meine Arme um ihn schlingen und ihn so halten wie er mich. Doch etwas in mir sträubte sich dagegen. Ich schämte mich dafür, dass ich so naiv auf den Ball gegangen war und keinen Gedanken mehr an meinen Streit mit Ilias verschwendet hatte.

Shawn interpretierte meine Zurückhaltung falsch und zog mich noch fester an sich. Er bebte, aber ich spürte, wie es abebbte, sobald wir uns hielten.

»Keine Angst, ich werde auf dich aufpassen, ja?«

»Der Anführer«, wisperte ich.

Shawn runzelte die Stirn. Er hatte Ilias offensichtlich nicht erkannt. Natürlich, er hatte nicht diese Verbindung zu ihm wie ich. Er hatte nur einmal mitbekommen, dass Ilias anders war. Danach fokussierte er sich für ein paar Tage auf ihn, bis Claires Unfall dieses Thema in den Hintergrund gerückt hatte.

Ich verzog die Augenbrauen, versuchte seine Erinnerung anzuregen, aber seine Angst hatte wahrscheinlich einen Kurzschluss verursacht. Shawn würde sich nicht erinnern.

»Nun, das ändert einiges«, schnarrte eine Stimme.

Shawn und ich zuckten zusammen, er zog mich enger an sich, als wollte er mich abschirmen.

Jack Harrison, Shawns Vater und Präsident unserer Stadt, hatte sich zu uns gesellt. Er ähnelte seinem Sohn, oder besser gesagt, Shawn sah seinem Vater ähnlich. Beide hatten dieses unverwechselbare, rostbraune Haar, wobei sich durch Jacks graue Strähnen zogen. Ebenfalls hatten beide meergrüne Augen, doch Jacks waren eiskalt und hart. Angst durchfuhr mich jedes Mal, wenn ich sie erblickte.

Jack fasste sich an die Nasenwurzel und massierte sie. Tiefe Furchen zogen sich auf seiner Stirn entlang und ließen ihn noch älter wirken. Auf seinen Schultern lastete die Organisation zweier Städte, die gut zweitausend Menschen beherbergte. Auch wenn ich seine Methoden nicht unterstützte, wollte ich nicht in seiner Haut stecken.

»Dad, was sollen wir jetzt machen? Die kommen wieder.«

»Das weiß ich. Aber hier oben können wir uns nicht besprechen. Meine Berater und ich werden uns unverzüglich zusammensetzen. Bleibt ihr hier. Ich schicke jemanden zu euch, der euch dann holt, sobald ich eine Entscheidung getroffen habe.«

Sein Ton ließ keinen Zweifel daran, dass er uns bestrafen würde, falls wir seinen Befehl nicht befolgen würden. Er straffte die Schultern und nickte den Grenzern zu, die ihre Helme ausgezogen hatten. Ihre Gesichter waren immer noch aschfahl.

Eine Böe erfasste meinen Rock, wirbelte ihn hoch und meine Beine begannen zu zittern. Diesmal war Shawn nicht so sehr auf mich fixiert, dass er mich nicht sofort zurückzog. Er starrte seinem Vater hinterher, der zusammen mit zwei Grenzern, die ihn flankierten, in den wackeligen Fahrstuhl einstieg und hinabfuhr.

Diesmal war es Diane, die an meine Seite trat.

»Charles macht sich bestimmt Sorgen, wo wir bleiben«, flüsterte sie so leise, dass ich sie fast nicht hören konnte.

Charles war Dianes Mann. Auch wenn ich sie mittlerweile als meine beste Freundin betrachtete, war die kleine Frau mit den rosa Backen und runden Kurven fast zehn Jahre älter als ich.

Diane fischte sich eine schwarze Haarsträhne aus dem Mund, die der Wind hereingeweht hatte, und sah mich aus ihren großen, grauen Augen verzweifelt an.

Ich löste mich von Shawn, wankte langsam zu ihr. Der Mörtel zwischen den Steinen unter mir knackte, jagte mir kalte Schauer den Rücken hinab. Ich spürte, wie die Angst Gänsehaut hinterließ, während sie über meine Haut kroch. Ohne Shawns Arme war ich der Höhe hilflos ausgesetzt. Ich musste zu Diane.

Ich schlang die Arme fest um ihren Hals und sie klammerte sich an mich. Ich hätte ihr gern gesagt, dass Charles sich bestimmt keine Sorgen machte, aber wir wussten beide, dass das gelogen wäre. Charles machte sich immer Sorgen. Und wir drei waren auf einmal vom Ball verschwunden.

Mit einem bitteren Geschmack im Mund wurde mir klar, wie ironisch es war, dass die Infizierten ausgerechnet heute ausgebrochen waren. Am Jahrestag unserer Stadtgründung.

Ich wusste nicht, warum Jack Harrison wollte, dass wir hier oben blieben – vielleicht eine weitere Demonstration seiner Macht –, aber mir war auch bewusst, dass ich nicht auf den Ball zurückkonnte. Und ich musste weder Diane noch Shawn in die Augen schauen, um zu wissen, dass es ihnen genauso ging. Die Menschen in der Halle verblendeten sich selbst und gaukelten einander vor, dass es keine Monster außerhalb dieser Wälle gäbe. Sie dachten nicht einmal an die armen Kreaturen, die in der Unterstadt langsam verhungerten.

Galle brannte in meinem Hals, aber mir wurde schmerzlich bewusst, dass die Verhungernden nun das kleinere Problem waren.

Irgendwo weiter hinten übergab sich ein Grenzer geräuschvoll über den Rand der Mauer. Ich konnte es gut nachempfinden. Auch ich wollte loswerden, was tief in mir schlummerte, den Ball an Emotionen, der mir die Luft abdrückte. Verrat und Angst hatten sich fest zusammen gewunden, zwischen ihnen strahlte jedoch immer noch meine Liebe für ihn. Ilias. Wie hatte er mir das antun können?

Diane und ich hielten uns weiter aneinander fest, bis Shawn zu uns kam und uns beide in seinen Armen barg. Irgendwann zog er seine Anzugjacke aus und legte sie mir um die Schultern. Diane drückte sich in meine Armbeuge, um auch etwas Wärme abzubekommen. Die Zeit verging schleppend, jeder beobachtete den Horizont, die Brandwüste vor uns, die ferne Mauer der toten Stadt. So weit hatte ich noch nie sehen können. Wenn ich mich nach links wandte, waren die Ruinen schemenhaft zu erkennen. Sie wirkten wie graue Spielklötze, die ein Kind unachtsam umgeworfen und liegen gelassen hatte. Das Tor konnte ich nicht erkennen. Die Mauer, zumindest das, was ich für die Mauer hielt, wirkte wie ein dünner Faden. Doch irgendwo dort drinnen war Ilias.

Der Himmel färbte sich langsam hellgrau, entflammte die Asche, bis sie zu glühen schien. Wie lange hatten wir schon hier oben gestanden? Ein paar Lichtstrahlen brachen durch die Wolkendecke und blendeten mich. Ich blinzelte und unterdrückte das Bedürfnis zu niesen.

Ich wandte mich nach rechts, dorthin waren wir noch nie gefahren. Shawn und ich hatten gemeinsam jede zweite Woche die Stadt verlassen, aber dann waren wir immer bei der Stadt der Toten angekommen. Es reizte mich trotz der Sorgen, die auf uns lasteten, zu wissen, was dort lag. An die Zeit vor der letzten Stadt erinnerte ich mich kaum. Etwas, was viele meines Alters berichteten. Meine Kindheit war überschattet von Feuer und Angst. Ruinen, daran konnte ich mich noch erinnern, eng zusammengedrängte Leiber. Doch etwas in der Ferne fing sofort mein Auge ein. Zuerst verstand ich es nicht. Es wirkte wie eine Herde Schafe, aufgespießt auf braunen Pfählen. Ich blinzelte.

Bäume!

Dort hinten standen Bäume, schwarz und verdorrt, doch sie waren nicht verbrannt. Ein Wald. Ich musste wohl einen Schritt nach vorn gemacht haben, denn eine Hand packte mich an der Armbeuge. Ich wandte mich um, mein Absatz verkeilte sich in einem Spalt, ich stolperte und schrie kurz auf, aber da hatte Shawn mich auch schon an der Hüfte gepackt und zu sich gezogen.

Seine Augen waren vor Schreck geweitet und durch den Schwung, den er nehmen musste, presste er mich so fest an sich, dass ich sein Herz gegen meinen Brustkorb hämmern spürte. Oder war es vielleicht meines?

Wir starrten uns an, bis ein nervöses, schiefes Lächeln an seinen Mundwinkeln zog. »Was machst du da?«

»D–dahinten ist e–ein Wald«, stotterte ich wie ein verwirrtes, kleines Kind, das zum ersten Mal den Schnee gesehen hatte.

»Ja«, sagte er, als wäre das allen bekannt, »aber wir gehen da nicht hin. Außerdem haben wir jetzt größere Probleme.«

Als ob es sein Stichwort war, klackte der Aufzug und hielt an. Ein neuer Grenzer stieg aus und trat zu uns. Er straffte seine Schultern und räusperte sich, erst dann merkte er, dass er noch seinen Helm trug und setzte ihn ab, damit seine Stimme nicht gedämpft wurde.

»Bitte unterbrechen Sie nun alle Ihre Wache und begleiten mich umgehend zum Anwesen von Jack Harrison. Natürlich ist dieses Treffen streng vertraulich und Sie können strafrechtlich verfolgt werden, wenn sie mit einem Außenstehenden darüber reden.«

Er nickte, stülpte sich wieder den Helm über und ging zurück zum Aufzug.

Shawn seufzte und entließ mich aus seinem schützenden Griff. Jeweils zu viert stiegen wir in den Fahrstuhl und fuhren zu Boden.

Erleichtert stellte ich fest, wie mir ein Berg der Anspannung von den Schultern fiel.

Shawn schob mich sanft voran, damit ich meinen Rock raffen konnte. Wir folgten dem Grenzer, der uns informiert hatte, aber ich hätte auch ohne seine Führung Shawns Heim gefunden.

Je näher wir dem Zentrum kamen, desto deutlicher dröhnte die Musik aus der großen, antik aussehenden Halle, in der noch immer einige Gäste tanzten und ausgelassen feierten, als hätten sie nicht den Aufbruch der Grenzer und Wächter mitbekommen. Sie ahnten nicht, was ihnen drohen könnte. Oder sie wollten es nicht wahrhaben, den Schein wahren, wie sie es mit all ihren Illusionen taten, die sie um sich selbst webten.

Bevor wir den Platz betraten, bogen wir ab und standen vor der großen Villa, die meine wie ein kleines Puppenhaus wirken ließ. Die meisten blieben betreten stehen, nur Shawn stieg selbstsicher die Stufen hinauf und zog mich mit.

Ich errötete. Shawn öffnete die Tür und ließ mich zuerst in den breiten Flur hinein. Dann stoppte er mich, drehte mich zu sich um und hob einen Mundwinkel.

»Eigentlich hatte ich gedacht, wenn du mich das erste Mal besuchst, würden wir wie normale Menschen oben in meinem Zimmer sitzen, Musik hören und –«

Er ließ den Rest des Satzes leise verklingen, doch ich kannte ihn. Ich spürte, wie sich meine Wangen genauso rosa verfärbten wie seine.

Shawn seufzte, drückte meine Finger und zog mich enger an sich. Anstatt die große Treppe hinaufzusteigen, wo wahrscheinlich die privaten Zimmer lagen, schlichen wir zu einer Wand in der Eingangshalle. Langsam füllte sich der Raum mit den übrigen Wächtern und Grenzern, die wohl nach und nach informiert worden waren. Diane blieb in unserer Nähe, aber sie hielt Abstand, als wollte sie mit ihren Gedanken allein bleiben. Shawn streichelte sanft über mein Haar, das mir gelöst den Rücken herabfloss.

Nun, da ich aus der Kälte raus war, schien sich der Schock ein zweites Mal zu legen. Die Bilder, die sich mir vor Stunden geboten hatten, sickerten tief in mein Bewusstsein und zogen meinen Magen zu Boden. Ich war zu weit oben gewesen, dennoch glaubte ich mich erinnern zu können, wie das Leben aus Alices Auge gewichen war. Würde der Tod jemals aufhören zu schmerzen?

»Erzähl mir etwas«, wisperte ich leise, aus Angst meine Worte könnten in dem großen Raum hallen. Shawn legte seine Lippen gegen meine Schläfe, mein Haar dämpfte seine Stimme.

»Wenn die Welt in Ordnung wäre, dann würden wir nun in meinem Zimmer sitzen. Du wärst ein wenig erschrocken, wie unordentlich ich bin, aber du würdest es charmant finden.«

»Sicherlich.«

Er lachte leise. Langsam zentrierte sich unsere kleine Welt nur noch auf uns beide. Vergessen, was um uns passierte.

»Dann würde ich dir das Lied vorspielen, an dem ich gerade schreibe.«

»Du schreibst deine eigenen Lieder?«

Ich hob den Blick. Seine meergrünen Augen waren dunkel geworden.

»Nur wenn ich inspiriert bin.«

Langsam beugte er sich mir entgegen. Mein Herz flatterte, meine Augen schlossen sich wie von selbst. Wie einfach es wäre, in seine Arme zu sinken und seine warmen Lippen auf meinen zu spüren.

Verdrehte Glieder, Blut, zerschlagene Scheiben.

Shawn stockte, bevor er mich erreichte. Er musste es nicht aussprechen. Ihn suchten dieselben Bilder heim. Als ich die Augen wieder öffnete, erkannte ich den Schmerz in seinem Blick. Schmerz und eine Frage. Warum?

Er sagte es nicht, doch ich hatte das Gefühl, dass er sie mir stellte.

Warum hast du diesen Infizierten auserwählt?

Ich schluckte, zwang mich, seinem Blick standzuhalten.

Es war keine Absicht. Es tut mir so leid.

Um ihn nicht länger ansehen zu müssen, ließ ich den Blick schweifen. Jeder Anwesende war tief in Gedanken versunken, hatte den Kopf gesenkt, als würde sich vor ihnen auf den polierten Fliesen erneut ein Mord entfalten.

Wir zuckten zusammen, als sich eine kleine Tür direkt neben der Treppe öffnete. Eine Haushälterin im adretten Kostüm linste hinaus. Sie huschte zwischen den vielen Grenzern und Wächtern umher, doch bevor sie etwas sagen konnte, öffneten sich die Flügeltüren zu Jack Harrisons Büro. Meine Nackenhaare stellten sich auf, während ich dem Strom hinein folgte. Der Berater, der uns die Tür öffnete, bezog wieder Stellung neben dem Platz des Präsidenten. Wir stellten uns in zwei Reihen nebeneinander auf.

Jack saß an seinem eleganten, großen Schreibtisch. Er hatte sich in seinen Stuhl zurückgelehnt, seine grünen Augen waren dunkel, und es kam mir so vor, als wären seine Schultern leicht gebeugt. Hinter ihm standen drei Personen: zwei Frauen und ein Mann mit Zetteln im Arm. Ich vermutete, dass sie seine Berater waren. Sie hatten sich besprochen. Unser Schicksal war besiegelt.

Jack wartete, bis wir das Büro betreten und der Letzte die Tür geschlossen hatte.

»Ich komme gleich zur Sache. Wir werden mehr Grenzer rekrutieren müssen. Jeder Person ab sechzehn Jahren bieten wir den Job an. Ihr bekommt eine Lohnerhöhung von zwölf Prozent. Nun das unerfreuliche Thema.«

Er blinzelte kein einziges Mal.

»Da wir nun keine Wächter mehr brauchen, werden Sie in eine neue Klasse eingestuft. Mangels eines besseren Begriffes nennen wir sie die Jäger. Das sollte die Aufgaben auch schon erklären. Die Jäger werden immer in Zweierteams mit dem verbliebenen Wagen rausfahren und versuchen, so viele Infizierte wie möglich auszuschalten. Ansonsten können Sie dort draußen machen, was Sie wollen. Sie haben keinen geregelten Zeitplan. Nur eines: Versuchen Sie herauszufinden, was wir unternehmen können, um sie möglichst schnell auszuschalten. Wir brauchen Informationen über ihren … Leitwolf.«

Ein Stich durchfuhr mich. Hatte ich wirklich das Bedürfnis, Ilias zu verteidigen, nachdem ich ihn selbst ein Monster genannt hatte? Aber er war kein Tier, er war ein kluger Mann. Zu klug.

»Wenn ein Jäger gebissen wird, bleiben ihm zwei Tage bis zur Verwandlung. Vorher wird er erschossen und entkleidet, da wir die Anzüge brauchen. Das wäre dann vorerst alles. Ich gebe Ihnen noch die Papiere, auf denen alle Einzelheiten stehen, die sie von nun an beachten müssen, sowie ihre neue Funktion. Es sind uns nun immerhin zwei Wächter verloren gegangen und wir brauchen Ersatz.«

Ich hörte ein Knirschen. Aus dem Augenwinkel erkannte ich Shawns verbissenen Kiefer, seine finstere Miene. Wütend starrte er seinen Vater an. Auch mir hatte es nicht gefallen, wie leicht er über Mars und Alices Tod gesprochen hatte. Alice, die niedliche und liebenswerte Person, wurde von Ilias gebissen und würde morgen Nacht eine Infizierte sein.

Meine Unterlippe zitterte. Es war so ungerecht und das Schuldgefühl ließ mich nicht los. Wenn Ilias und ich uns doch nur nicht gestritten hätten.

Harrison sprach unbeirrt weiter, listete neue Schutzmaßnahmen auf und stand schließlich auf. Der Berater, dem nur ein dünner Haarkranz rund um seine polierte Glatze geblieben war, reichte ihm einen Stapel Papiere. Jack Harrison befeuchtete die Spitze seines Daumens und Zeigefingers und löste das erste Papier.

»Marson!«, rief er und einer der Grenzer löste sich aus der Gruppe.

Der große Mann zitterte und stolperte fast über seine eigenen Füße, während er vortrat und sein Papier entgegennahm. Er verneigte kurz den Kopf und errötete, vielleicht weil er nicht wusste, wie er sich verhalten sollte. Dann huschte er zurück auf seinen Platz, während der nächste aufgerufen wurde.

»Bain«, schnarrte Jack und ich wand mich zwischen den breiten Schultern der Männer vor mir entlang.

Ich fühlte mich merkwürdig fehl am Platz, immer noch gekleidet wie eine griechische Adlige. Einer der Männer lachte verhalten, als würde ihm die Aussicht auf meinen Po gefallen.

So schnell ich auf meinen wunden Füßen konnte, schritt ich zu Harrison und nahm meinen Zettel entgegen. Ich wagte es nicht, mich nach ihm umzusehen, sondern konzentrierte mich auf die kalten Augen vor mir. Harrison verzog keine Miene, gab mir kein Zeichen der Genugtuung oder des Hasses. Vielleicht hatte ich mir wirklich nur eingebildet, dass er etwas gegen mich hatte. Es war einfach seine Art. Kalt und abgestumpft.

Ich hatte es eilig, zurück auf meinen Platz zu kommen, und wartete, bis alle an der Reihe gewesen waren.

»Harrison«, rief Jack am Ende und Shawn trat vor. Noch während er bei seinem Vater stand, schweifte sein Blick über den Zettel.

»Lesen Sie sich ihre neuen Instruktionen durch und bringen Sie die unterschriebenen Unterlagen im Laufe der Tage wieder hierher. Sie können nun nach Hause gehen und sich erholen. Der Beginn Ihrer Schichten ist ebenfalls angeführt. Gemeinsam werden wir die letzte Stadt schützen. Bis zu unserem Ende.«

Kapitel 2.

Langsam strömten wir aus dem großen Raum, doch als ich auf die Haustür zusteuerte, hielt Shawn mich auf. Er hatte mich eingeholt, seine Augenbrauen waren sorgenvoll zusammengezogen. Diane neben mir hielt ebenfalls inne. Ihre Augen waren leicht gerötet und sie verlagerte unruhig ihr Gewicht von einem aufs andere Bein, wurde erst ruhiger, als Shawn ihre Hand nahm und sie drückte.

»Was ist los?«, fragte sie und beobachtete die Grenzer, die sich an uns vorbeischoben. Anhand ihres Blickes erkannte ich den Wunsch, mit ihnen gehen zu können.

»Was seid ihr geworden?«, fragte Shawn.

Als wir nicht antworteten, wedelte er mit seinem Papier herum. Erst jetzt überflog ich die Zeilen. Ganz oben stand mein Name in einer Ecke, zusammen mit dem Stempel des Präsidenten. Darunter war eine dicke Überschrift im Zentrum der Zeile. Sie lautete Jäger. Harrison hatte gesagt, alle Wächter würden Jäger werden. Also, wieso fragte Shawn?

»Ich bin eine Jägerin«, flüsterte Diane.

Sie zerknitterte leicht ihren Zettel, und in mir stieg der Wunsch auf, sie in den Arm zu nehmen und fest an mich zu drücken.

»Bei mir auch«, sagte ich stattdessen, »aber wieso fragst du? Bist du kein Jäger?«

Er schüttelte den Kopf. Ich spürte, wie mein Magen sank. Was sollte ich ohne ihn machen? Shawn war mein Partner. Ohne ihn konnte ich nicht nach draußen gehen. Shawn beruhigte mich, er gab mir das Gefühl, dass alles gut war. Ich war schon eine unfähige Wächterin gewesen und jetzt sollte ich gezielt Infizierte jagen?

»Ich bin jetzt ein Grenzer«, murmelte Shawn leise.

Es war, als würden sich feine Risse durch die Mauer ziehen, die seine freundliche Fassade aufrechterhielt, und nun den melancholischen Mann dahinter preisgeben. Vorsichtig zog er mich in seine Arme. Ich spürte seinen Atem an der empfindlichen Stelle hinter meinem Ohr, spürte das verzweifelte Schlagen seines Herzens, während seine Arme meine Schultern wärmten.

»Wir schaffen das schon«, murmelte Diane hinter meinem Rücken. »Vika und ich sind Teampartner, das steht hier direkt unter der Überschrift. Ich passe schon auf sie auf.«

Ich spürte, wie Shawn nickte, seine leichten Stoppeln rieben über meine Schläfe. Er gab mich wieder frei und ich wankte zurück zu meiner Freundin. Dabei wuschelte er sich durch die Haare. Wir sahen ihm an, dass er nicht wollte, dass wir gingen. Er rang sichtlich mit sich, ob er seine Bitte aussprechen sollte oder nicht. Doch die Entscheidung wurde ihm abgenommen, in der Gestalt seines Vaters, der auf uns zukam. Neben Shawn hielt er an und beäugte uns misstrauisch.

»Gibt es irgendwelche Probleme?«, fragte er.

»Nein«, piepste Diane, und ich spürte ihre Fingerkuppen an meinem Handgelenk.

»Wir haben nur kurz geredet«, erklärte ich.

»Dazu haben Sie später noch Zeit. Bitte verlassen Sie jetzt mein Haus. Mein Sohn«, er warf Shawn einen Seitenblick zu, »und ich brauchen nun Erholung. Einen guten Tag.«

Mit gesenkten Köpfen huschten wir aus der Tür hinaus und standen auf den weißen Marmorstufen. Die Sonnenstrahlen waren durch die Wolkendecke am Horizont gebrochen und kitzelten unsere Nasenspitzen. Es war ein schöner Tag, wie ich ihn schon lange nicht mehr erlebt hatte. Der kleine Sturm, der in der Nacht getobt hatte, war abgeflaut, und eine wohlriechende Brise spielte mit unseren Haaren. Heute wäre ein Tag gewesen, an dem ich gern mit Shawn zu den Feldern gegangen wäre.

Weit außerhalb der Stadt, die wie ein Wagenrad aufgebaut war, gab es Felder, auf denen Getreide, Obst und Gemüse angebaut wurde und auch Weiden für Tiere. Vielleicht wären wir zu einer Koppel gegangen und hätten die Pferde angelockt. Danach hätten wir uns in das angeblich genmanipulierte Gras gelegt und in den Himmel gestarrt. Wir wären stumm geblieben oder hätten leise über Musik und Bücher geredet. Lügen und Gefahr wären uns ferngeblieben.

Aber ich stand hier. Ausgesperrt aus Shawns Haus, sah aus wie ein gerupftes Huhn und würde bald auf Monsterjagd gehen. Diane neben mir begann zu beben und ich fuhr erschrocken zu ihr herum. Sie wirkte, als würde sie jeden Moment zu weinen beginnen.

»Nicht«, begann ich, doch ich wusste nicht, wie ich sie trösten konnte. Sie wusste ja, was um uns herum geschah. Langsam, als wäre sie in Trance, stieg sie die wenigen Stufen hinab und blickte sich um. Ich folgte ihr, sprach sie aber nicht mehr an. Diane führte mich zurück auf den großen Platz vor der Halle, in der unser Ball stattgefunden hatte. Hier hatten wir Charles zurücklassen müssen. Sicherlich machte er sich Sorgen. Es fühlte sich an, als wäre es Jahre her, dass ich dort mit Shawn getanzt hatte. Als ob wir das nie gewesen wären. Ich hatte für einen kurzen Moment einen Blick auf das Leben einer anderen Person erhascht.

Nun war der Platz leer und die großen Türen waren verschlossen.

Diane drehte sich mehrmals um, trippelte unentschlossen von links nach rechts, schien aber nicht das zu finden, was sie suchte. Vorsichtig wankte auch ich über die Pflastersteine, meine Absätze fühlten sich wie Nägel in meinen Fersen an, aber je schneller wir Charles fanden, desto eher würden wir uns nach Hause zurückziehen können. Unsere Suche blieb jedoch erfolglos. Während ich mich am Eingang umgesehen hatte, war Diane einmal um die Festhalle herumgelaufen, hob jedoch ratlos die Schultern, als sie bei mir ankam.

»Komm«, murmelte sie und nahm meine Hand. Ihre zitterte.

Diane musste mich noch ein wenig führen. Obwohl ich bereits ein paar Monate hier lebte, hatte ich stets dieselben Wege genutzt. Die Stadt war aufgebaut wie ein Wagenrad, was die Orientierung erleichterte, dennoch war jedes der weißen Häuser nur eine leicht veränderte Kopie seines Nachbarn. Deswegen dauerte es, bis ich erkannte, vor wessen Haus Diane stoppte. Meinem. Nun übernahm ich die Führung und zog Diane vorsichtig die Stufen hoch, um sie reinzulassen.

Sie torkelte wie eine Seekranke und blieb im Türrahmen stehen. Sie wandte sich noch einmal um, betrachtete die ordentlichen, symmetrischen Wege und die weißen Bauten, die sich links und rechts neben uns befanden.

»Er kommt bestimmt hierher. Na los, wir ziehen uns um und packen deine Sachen«, sagte ich.

Diane seufzte und strich sich eine wirre Locke aus dem Gesicht. Für den Ball hatte sie sich Lockenwickler in die Haare gedreht, und sie hatte wirklich wunderschön ausgesehen, doch nachdem sie oben auf der Mauer gewesen war, wirkten sie eher wie ein verlassenes Vogelnest. Sie folgte mir und ich lehnte die Tür nur an, damit Charles hineinkommen konnte.

Wir schlurften in mein Wohnzimmer, in dem ein Berg an Tuben, Lidschattendöschen und die nur halb zugedrehte Wimperntusche auf uns warteten. Dianes Rolle voller Schminkpinsel lag entfaltet da und hing über die Kante, drei Pinsel waren auf den Boden gefallen. Puder war auf den Tisch gebröselt wie eine dicke Staubschicht, als wären wir wirklich schon so lange weg, wie es sich anfühlte. Der Kleidersack für Dianes Kleid und Charles’ Anzug lag auf dem Sofa ausgebreitet, genauso wie die Lockenwickler. In einer Steckdose in der Ecke neben den Fenstern steckte noch der ausgeschaltete Föhn.

Wir hatten das Zimmer in Eile verlassen und uns vorgenommen, es heute Morgen aufzuräumen. Doch jetzt starrten wir nur wie betäubt auf das Chaos. Es war so nebensächlich, nun aufräumen zu müssen.

Wir gingen um das Sofa herum, fegten die Lockenwickler und den Kleidersack herunter und ließen uns fallen. Diane rutschte aus ihren Pumps und zog die Beine an, um sie zu umarmen.

Ich hätte mich gern an sie gekuschelt, traute mich aber nicht. Sie wirkte so angespannt. Würden mir doch nur die richtigen Worte einfallen. Beschämt senkte ich den Blick und entdeckte den Zettel in meiner Hand.

Die ersten Punkte behandelten unser Verhalten in der Brandwüste. Infizierte hatten wir zu töten, angesteckte Jäger zu exekutieren. Das Auto würde unser Lebensraum für die Woche sein, die wir draußen verbrachten. Ich verzog verbittert die Lippen. Ilias hatte uns mit Alice bewiesen, wie sicher der Wagen war. Unsere Lebensmittel sollten nun in Metallkisten gelagert werden, um keinem Virus ausgesetzt zu sein. Uns wurde erneut die Bedienung von Waffen erklärt. Der intelligente Infizierte sollte unter allen Umständen getötet werden, sollten sich unsere Wege kreuzen. Ich zupfte an einer Locke, die mir über die Schulter hing, als könnte das mein rasendes Herz beruhigen. Harrison war ein praktisch veranlagter Mann. War er nicht neugierig, was Ilias’ Existenz zu bedeuten hatte? Es erging wohl nur mir so. Mein verräterisches Herz flatterte.

Als ich das Blatt umdrehte, war nur angeführt, was wir in einer Woche alles im Wagen lagern durften. Die Anzahl unserer Munition hatte sich erhöht. Aber es standen jeder Person nur zwei Anzüge und ausreichend Nahrung und Wasser für eine Woche zur Verfügung. Hygieneartikel standen ebenfalls noch auf der Liste.

Mir war zum Schreien zumute und vor Wut zerknitterte ich das Papier. Doch auf wen war ich wütend? Ilias? Jack Harrison? Oder nur auf mich selbst?

Ich wollte den Zettel von mir werfen, als plötzlich die Tür aufdonnerte, so laut, dass sie gegen die Wand schlug. Diane und ich fuhren herum und lugten über die Lehne des Sofas.

Charles stand in dem Bogen, der den Rand meines Wohnzimmers markierte. Sein Jackett war offen, sein Krawattenknoten nach unten gerutscht.

Er atmete schwer und seine blassen Wangen hatten sich vor Anstrengung rot gefärbt. Plötzlich schrie er kurz auf und begann erst zu sprechen, als er seinen Frust losgeworden war: »Wo wart ihr? Warum seid ihr einfach verschwunden? Könnt ihr euch vorstellen, was für Sorgen ich mir gemacht habe?«

»Charles, bitte beruhige dich. Grenzer haben uns befohlen, mit ihnen zu kommen. Hast du sie nicht gesehen?«

»D–doch«, stotterte er, »aber ihr wolltet nur kurz weg.«

»Wir wussten auch nicht, dass das Thema nicht in ein paar Worten geklärt wird. Wir werden es dir noch erzählen, aber bitte hör auf rumzuschreien«, murmelte Diane. Ihre Anspannung schien verraucht zu sein und Erschöpfung ließ sie tiefer in die Polster sinken.

Charles grummelte und fluchte, aber als er sich in den Sessel neben uns fallen ließ, wusste ich, dass er uns zuhören würde.

Diane hielt den Blick gesenkt, als wären selbst ihre Augen zu schwer, um sie aufrecht zu halten. Charles streckte ihr langsam seine große Hand entgegen und sie schob ihre kleinen Finger hinein. Was musste er geglaubt haben, als seine vorbestrafte Frau nicht mehr zurückkam? Seine Angst musste ihn wahnsinnig gemacht haben. Ich senkte den Blick. Selbst wenn sie einander nicht ansahen, schienen sie stumm zu kommunizieren. Ich war der Eindringling in ihrer Zweisamkeit.

Der Sessel seufzte auf und ich guckte zu ihm. Charles war bis zur Kante nach vorn gerutscht und hatte den Ellenbogen auf die Lehne gelegt. Mit der freien Hand streichelte er Dianes Wange. Er legte den Daumen unter ihr Kinn und bat sie damit leise, ihn anzublicken.

»Diane. Bitte erzähle es jetzt. Alles.«

Er zog verunsichert die Augenbrauen zusammen.

Tränen brachen endlich aus Diane heraus und sie warf sich in seine Arme. Sie schluchzte lange an seiner Brust. Charles schwieg respektvoll und strich nur über ihren Rücken. Als Diane sich endlich so weit beruhigt hatte, dass sie sich selbst die Tränen und verschmiertes Mascara von der Wange wischen konnte, hob Charles sie auf seinen Schoß und wiegte sie wie ein kleines Kind.

»Und jetzt erklärt ihr mir endlich, was passiert ist.«

Ich schluckte. Ich hatte Angst vor seiner Reaktion.

»Wir dürfen es dir eigentlich nicht sagen.« Ich atmete tief durch. »Die Infizierten sind ausgebrochen und Diane und ich –«

»Nein!«

Charles sprang auf, Diane an seiner Brust geborgen. Er starrte mich mit so viel Hass an, dass es mir die Kehle zuschnürte, und ich rutschte unwillkürlich in meine Ecke zurück.

»Das ist nicht lustig, Vika. Dieser Arsch kann doch kein Selbstmordkommando starten wollen, das kann nicht dein Ernst sein.«

Ich öffnete den Mund, doch kein Wort verließ meine Zunge. Charles’ Augen flackerten auf, seine breiten Schultern sanken hinab. Er seufzte.

»Meine Wut ist nicht gegen dich gerichtet.«

Das wusste ich. Doch es half nicht.

»Er gibt uns Waffen«, begann ich. Charles lachte laut und humorlos auf.

»O ja, jetzt kann euch nie wieder etwas passieren. Das ich daran nicht gedacht habe, ich bin ja so ein Dummkopf. Er gibt der Liebe meines Lebens eine Waffe und hat dadurch einen Schutzschild um sie herum aktiviert.«

»Harrison hat recht«, wisperte ich. Charles verharrte. »Wenn niemand etwas unternimmt, werden wir alle in einem sehr hübschen Grab sterben.«

»Aber doch nicht –«

Ein Wimmern drang aus Charles’ Kehle, es war dunkel und brummte in seinem Hals, war aber trotzdem genauso angsteinflößend wie ein Todesschrei. Diane schlang die Arme um seinen Hals, er barg das Gesicht an ihrer Schulter.

»Wir fliehen«, flüsterte er, seine Stimme klang erstickt von dem roten Stoff über Dianes Bauch. »Wir fliehen in die Unterstadt.«

Es hatte eine Stunde gedauert, bis Charles erneut mit sich sprechen ließ. Mittlerweile färbte sich der Himmel hinter den Fenstern wieder dunkel und wir saßen in meiner Küche. Ich brühte Charles und Diane einen Kaffee, nahm mir aber selbst nur ein Wasser.

Charles leerte die erste Tasse in einem Zug. Da er nichts sagte, aber immer noch aufgewühlt zu sein schien, zog ich ihm die Tasse aus seinen Fingern und füllte sie erneut. Kaffee ging für ihn immer. Er nahm wieder einen Schluck und stellte die Tasse dann seufzend ab.

»Das war übrigens mein Ernst«, sagte er mit ruhigerer Stimme.

»Charles, wir können nicht in die Unterstadt fliehen. Dort vermuten sie uns zuerst. Außerdem habe ich jetzt eine Aufgabe.«

Diane strich ihm beruhigend über den Arm, ihre Stimme hielt sie gesenkt, als würde sie zu einem gestressten Tier sprechen.

»Du wirst nicht nach da draußen gehen.«

»O doch, das werde ich. Ich weiß, wie gefährlich es ist, aber ich kann damit Menschenleben retten. Das ist mir wichtig und das weißt du.«

»Und du bist mir wichtig, ist dir das egal?«

Diane zog die Augenbrauen zusammen, aber wirklich wütend oder bedrohlich sah sie nicht aus.

»Wenn ich dir wirklich so viel bedeute, dann hättest du dich nicht mit den Rebellen zusammentun sollen! Es ist deine Schuld, dass ich in dieser Klemme stecke!«

Ich keuchte auf.

Rebellen. Auch Shawn hatte sie erwähnt. Als er meinte, dass Ilias ihnen ein Trumpf sein könnte. Als ich nachgefragt hatte, war er mir ausgewichen. Charles hatte also mit dem Widerstand zusammengearbeitet. Endlich konnte ich etwas über sie erfahren.

»Charles war ein Rebell?«, fragte ich und beide drehten sich zu mir um.

Diane versuchte immer noch böse auszusehen, Charles war am Boden zerstört. Ich konnte durch seine Augen sein zersplittertes Herz sehen. Dianes Worte hatten ihn sehr getroffen.

»Bitte erzählt mir davon.«

Charles verzog die Lippen und kniff die Augen zusammen. Schmerz zeichnete sich in seinem Gesicht ab und für eine Sekunde dachte ich, er würde einfach aufstehen und gehen. Diane seufzte und meine Hoffnung sank bereits, doch dann fing sie an zu reden: »Viele Bürger sind nicht damit zufrieden, wie Jack Harrison regiert. Sie wollen Gerechtigkeit für die Unterstadt. Ich weiß nicht, was sie alles angestellt haben, ich habe immer versucht, mich aus dem Thema rauszuhalten. Ich finde es zwar auch nicht in Ordnung, wie sie behandelt werden, aber ich wollte keine Rebellin werden. Charles hingegen hat sie unterstützt. Er hat seine Bar für Treffen zur Verfügung gestellt. Irgendwann sind sie aufgeflogen. Ich weiß nur noch, dass drei Grenzer vor meiner Tür standen und mir mitteilten, dass mein Mann verhaftet wurde. Sie kamen in eine Verwahrungszelle, solange man entschied, was mit ihnen passieren sollte. Jack Harrison wollte sie nicht alle rausjagen, dazu waren es zu viele. Also verbannte er nur die aktiveren Rebellen. Andere wurden Wächter.

Leute, die weniger engagiert gewesen waren oder von denen Jack wusste, dass er sie nun kontrollieren konnte. Charles wollte er auch rausjagen. Jack erkannte ihn als Bedrohung an und glaubte, er würde alles organisieren. Aber so war es ja nicht! Ich war vollkommen verzweifelt, weil ich nicht wusste, wie ich ohne meinen Mann überleben sollte. Also suchte ich Rat bei Doktor Lewis. Er unterstützt ebenfalls die Rebellen, ohne einer zu sein. Und er half mir. Er fälschte einen Ausweis und bewies so, dass Charles krank war. Wir glaubten, dass damit die Gefahr gebannt war, aber Jack lässt sich nicht so einfach hinters Licht führen. Er verliert nicht gern. Deswegen machte er mich aus Rache zur Wächterin.«

Als Diane endete, herrschte eine bedrückende Stille in der Küche. Nur mein Herz hämmerte laut in meiner Brust. Die Rebellen gab es nicht mehr? All die Wochen hatte ich die Hoffnung gehabt, eine Gruppe würde sich für meine Stadt behaupten, nur um zu erfahren, dass sie zerschlagen und gebrochen waren?

»Und was haben sie unternommen?«

Charles wirkte immer noch bestürzt und schüttelte den Kopf.

»Bitte sagt es mir.«

»Vika, meinst du nicht, dass es im Moment Wichtigeres gibt? Alice und Mar sind gestern Nacht gestorben, die Infizierten haben vor, uns anzugreifen. Jeder Aufständische, der noch existieren könnte, würde keine Sekunde mehr an die Spanne zwischen Unter- und Oberstadt denken. Jetzt müssen wir an uns als Ganzes denken. Wir müssen diejenigen aus der Stadt bringen, die nicht helfen können, und die Übrigen müssen kämpfen.«

Ich seufzte. Warum waren alle um mich herum so klug und besonnen?

Ich ließ die Schultern hängen, um den beiden zu zeigen, dass ich aufgab. Das schien Diane zu erleichtern und wir hingen schweigend unseren eigenen Gedanken nach.

Charles verzweifelte wahrscheinlich daran, dass Diane sich bald in Gefahr begeben würde.

Diane verzweifelte bestimmt daran, dass sie die Welt nicht retten konnte.

Und ich verzweifelte an allem.

Nach ein paar Minuten setzte Charles wieder seinen lauwarmen Kaffee an und trank ihn aus. Diesmal verzog er den Mund. Dann stand er auf. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Ich wollte nicht, dass die beiden gingen. Diane schien es ähnlich zu ergehen. Sie ergriff Charles’ Hand und hielt ihn auf.

»Wir lassen Vika besser nicht allein«, murmelte sie, dann wandte sie sich an mich, »ist es okay, wenn wir hierbleiben?«

Ich nickte ihnen mit einem Lächeln zu. Erst als ich ihnen versicherte, nicht mehr lange aufzubleiben, verschwanden sie in das Gästezimmer. Erst nach einer Weile schaffte ich es, mich zu einem Bad zu überreden. Das Wasser stach an meiner wunden Haut, aber es fühlte sich angenehm an, verglichen mit dem, was in meinem Herzen passierte.

Ich musste immer wieder daran denken, dass die Infizierten uns umbringen wollten. Sie hatten Alice getötet. Und Mar. Mar kannte ich nicht gut, trotzdem bedauerte ich seinen Verlust. Alices Verlust hingegen brannte in meinem Herzen.

Die sanfte, zierliche Alice. Eine helfende Seele mit einer großen Schwäche für einen gewissen Grenzer. Ausgelöscht. Sollte ich sie jemals wieder treffen, würden ihre Augen blind und ihre Zähne scharf sein.

Wie viele meiner neuen Freunde würden ihr folgen? Claires Gesicht spukte durch meine Gedanken. Nicht die strengen Augen und feuerrot geschminkten Lippen, sondern das blasse, blutleere Gesicht, ihre matten Haare, ihre fehlende Körperhälfte. Vor ein paar Wochen hatte die Wächterin durch herabstürzende Trümmer ihren rechten Arm verloren. Ihr Bein wurde nur noch von Schrauben und Streben gehalten. Eines der Gesetze der letzten Stadt war, dass jeder arbeiten musste. Wenn er nicht konnte, durfte er kein Ballast sein, sonst würde er sich allein durch die Brandwildnis schlagen müssen. Ob Claire eine Familie besaß, die sie pflegen konnte, wusste ich nicht. Aber Shawn hatte bereits die Sorge geäußert, dass sie hinausgeschickt werden könnte. Nun würden sie Claire bei uns behalten, da war ich mir sicher. Einen weiteren Infizierten, den wir töten mussten, würden wir nicht erschaffen. Trotzdem war das Schicksal der beiden Frauen, mit denen ich am liebsten noch mehr Zeit verbracht hätte, grausam.

An Entspannung war für mich nicht zu denken, deswegen fiel mein Bad kürzer aus. Noch mit nassen Haaren warf ich mich auf die Matratze und legte den Kopf auf mein weiches Kissen.

Mein Körper wurde schwer, meine Augenlider träge und schlossen sich langsam, aber mein Hirn arbeitete.

Meine Gedanken drehten sich nur noch langsam um die Rebellen, Jack Harrison und Infizierte.

Und allmählich kristallisierte sich ein neuer Gedanke heraus.

Ilias.

Alles würde mit Ilias stehen oder fallen.

Kapitel 3.

Als ich aufwachte, leuchtete die Sonne durch die Vorhänge hindurch und malte Schatten auf den Boden. Meine Haare fühlten sich klamm an.

Ich setzte mich auf und sofort begann die Welt sich zu drehen. Ich fasste mir an die Stirn und kniff die Augen zusammen, sperrte das gesamte Licht aus. Genauso wie mein Herz aussperren musste, was wir gestern erfahren hatten. Was die Zukunft uns bringen könnte. Was, wenn Ilias uns angriff, wenn die Stadt fiel? Nein, ich musste dieses Karussell unterbrechen. Nach ein paar Sekunden hatte ich mich ein wenig erholt und war bereit aufzustehen.

Als ich hinunter in die Küche kam, saßen die beiden bereits dort. Charles lehnte mit der Hüfte an der Küchenanrichte und schaute Diane zu, wie sie versuchte zu kochen. Laut Charles war sie nicht besonders talentiert darin. Ich rückte näher und guckte ihr über die Schultern. Sie briet gerade Gemüse. Zumindest glaubte ich, dass alles in der Pfanne Gemüse war, denn ein paar Stücke waren bereits verkohlt, schwarz und rochen beißend.

»Sieht ja lecker aus«, log ich, ohne rot zu werden.

Diane seufzte und stellte den Herd aus.

»Ich kann nicht kochen. Dafür bin ich wenigstens niedlich.«

Ich schmunzelte und zog die Pfanne zu mir. Nachdem ich die Kohlestücke entfernt hatte, kippte ich etwas Sahne und Gewürze hinzu und setzte Kartoffeln dazu auf. Hoffentlich schmeckte es.

Diane setzte sich und kräuselte leicht die Lippen. Vermutlich, weil es nun etwas Besseres zu essen gab. Charles sah uns nicht an, sein stoischer Blick war in eine andere Zeit gerichtet. Erst langsam setzte er sich und lehnte sich beschützend zu seiner kleinen Frau.

Ich brachte nicht wieder das Rebellen-Thema auf. Zwar war es für mich noch nicht vergessen, aber ich wollte, dass Diane und ich unsere letzten Tage in der Oberstadt in Frieden verbrachten. Während ich die Kartoffeln abschüttete, plante ich meine Tage genau durch.

Ich würde das Krankenhaus aufsuchen. Nach meiner Mutter fragen und Claire besuchen. Vielleicht könnte ich ihr erzählen, was passiert war, da sie eine ehemalige Wächterin war.

Danach wollte ich Shawn suchen gehen. Leider hatte er uns nicht gesagt, ab wann seine Schichten begannen, aber ich war mir sicher, dass er sich frei machen würde, um Diane und mich noch einmal zu sehen, bevor wir die Stadt verließen.

Ich stocherte lustlos in meinem Essen herum. Langsam aß ich und konzentrierte mich dabei voll und ganz auf meinen Teller. Erst als ich fertig war, sah ich auf und bemerkte, dass Diane und Charles sich fest umschlungen hielten. Sie küssten sich, zumindest glaubte ich es, seine breiten Arme hatten sie vollkommen in sich geborgen.

Ich wandte mich diskret ab und tat so, als müsste ich meinen leeren Teller schnell abspülen. Als ich fertig war und das Wasser abstellte, schob Charles mich sanft beiseite.

»Lass mich das machen. Du und Diane solltet euch noch ein paar schöne Tage machen. Wenn wir dürfen, bleiben wir solange hier.« Er wusste wohl bereits, was in mir vorging.

Ich nickte und lächelte dankbar.

»Du bist ein Schatz.«

»Ich weiß, deswegen bin ich auch so schnell unter die Haube gekommen.« Er stupste mich leicht mit seiner Hüfte an.

Da er aber gut das Dreifache von mir wog, bedeutete leicht, dass er mich einen halben Meter weit schubste und ich mich an der Ecke der Spüle festhalten musste, um nicht hinzufallen. Ich grinste schwach und gab ihm einen Klaps auf den Arm.

Nach dem Essen kümmerte ich mich endlich um meine Haare. Ich saß allein auf meinem Bett und lauschte dem monotonen Geräusch der Borsten, die durch die Strähnen fuhren. Erst als Diane in meinem Sichtfeld auftauchte, bemerkte ich, dass sie eingetreten war.

»Alles gut bei dir?«, fragte ich und hielt inne.

»Ja, der Situation zumindest angemessen.«

Sie nahm eine meiner langen Strähnen zwischen die Finger und zwirbelte sie um ihre Hand. Seufzend nahm ich sie in den Arm und hielt sie, bis sie ausatmete und die Anspannung von ihren Schultern fiel. Erst dann griff ich nach meinem Haargummi und band mir die Haare zusammen.

»Na komm. Claire wartet bestimmt auf uns«, sagte ich und versuchte motiviert auszusehen.

Als wir das Krankenhaus erreichten, wusste ich nicht recht, womit ich gerechnet hatte.

Vielleicht damit, dass sich Verwundete bis unter die Decke stapelten, wir von allen Seiten Stöhnen hören konnten, das Piepen der Monitore und das Saugen von Pumpen die Luft erfüllen würden. Ich wusste nicht, wie ich auf diese Gedanken kam.

Das Krankenhaus war wie leer gefegt. Nicht einmal eine Empfangsdame saß hinter dem hohen Tisch. Diane und ich traten vorsichtig durch die Tür. Unsere Schuhe gaben lautes Tappen und Klacken von sich. Ich bereute sofort, dass ich Pumps angezogen hatte. Heute fühlte sich jeder Schritt besonders laut an, obwohl ich diese Schuhe liebte. Ich versuchte auf Zehenspitzen durch den Korridor zu schleichen, damit die Absätze den Boden nicht berührten.

»Wo sind denn alle?«, fragte Diane.

Ich zuckte mit den Schultern. Am Ende des Ganges öffnete sich eine Tür, weitere Schritte hallten auf dem Korridor. Jack Harrison richtete sich im Gehen sein Jackett und marschierte wortlos in unsere Richtung. Er beachtete uns nicht, ging um uns herum und verschwand aus dem Gebäude. Ich war zuerst verwirrt, da ich ihn noch nie hier gesehen hatte, aber bestimmt unterrichtete er Doktor Lewis. Er gehörte zu den Personen, die auf jeden Fall Bescheid wissen mussten, dass die Infizierten ausgebrochen waren.

Genau in dem Moment schwangen die Türen, die hinter Harrison zugefallen waren, erneut auf und Doktor Lewis kam zu uns. Sein schwarzes Haar stand an einer Seite leicht ab, als hätte er es zerwühlt, und seine Brille war ihm bis auf die Nasenspitze gerutscht. Der Kittel war zerknittert und halb offen, sodass sein weißes Hemd darunter zu erkennen war.

Er räusperte sich und schob sich mit dem Mittelfinger die Brille auf die Spitze der Nasenwurzel. Er rang sichtlich um Fassung, seine Nasenflügel waren aufgebläht.

»Miss Bain, Ihre Mutter ist noch nicht aufgewacht«, sagte er mit müder Stimme.

Mein Herz sank, obwohl ich es schon vermutet hatte. Seit ich in der Oberstadt war, kümmerten sich die Ärzte um meine Mum. Ich konnte sie seitdem noch nicht besuchen, weil sie mir gesagt hatten, dass sie besonders wichtige Vorkehrungen zu treffen hatten und ich mich dem fügen musste. Trotzdem keimte jedes Mal die Hoffnung in mir auf, wenn ich das Krankenhaus betrat.

»Deswegen sind wir nicht hier«, sprang Diane schnell für mich ein. Ihr Blick war stoisch, als wollte sie ihm nicht die Genugtuung geben, ins Schwarze getroffen zu haben.

»Wir wollen nach unserer Freundin sehen.«

»Eigentlich wollten wir heute keine Besucher mehr empfangen, aber bei Ihnen ist das eine Ausnahme. Verraten Sie es bitte nicht.«

Doktor Lewis nickte knapp und trat einen Schritt beiseite. Diane erwiderte es, strahlte und trippelte voraus. Ich war nicht ganz so schnell, betrachtete noch einmal das von Sorgenfalten zerfurchte Gesicht des Arztes und fragte mich, ob er uns auch durchgelassen hätte, wenn er nicht Dianes Mann und die anderen Rebellen unterstützt hätte.

Ich schenkte ihm ein Lächeln und folgte meiner Freundin. Diane war bereits in Claires Zimmer, als ich bei der dicken Tür ankam und im Rahmen verharrte.

Claire lag auf der Seite, den Rücken zu mir gewandt, und sprach leise mit Diane, die um das Bett herum gegangen war. Ihre verletzte, nach oben gerichtete Seite hatte man abgedeckt und offensichtlich vor wenigen Minuten behandelt. Ihr Bein erinnerte noch immer an ein Schlachtfeld, die Wunde wuchs langsam zu und umschloss die Schrauben und das Metall, das ihren Knochen stützen sollte. Ihre Haut war orangefarbig wegen des Desinfektionsmittels und färbte die weiße Socke, die sie trug. Sie wirkte so merkwürdig fehl am Platz, als würde man einem von Metall durchzogenen Bein etwas Bequemlichkeit schenken wollen.

Claires Haare waren nass, bestimmt wurde sie eben gewaschen, und als sie meine Absätze hörte, drehte sie so weit sie konnte den Kopf über ihre Schulter. Als sie mich erkannte, lächelte sie erschöpft und hob ihren Stumpf an, als wollte sie mir zuwinken.

»Vika«, flüsterte sie leise, »komm her, wir unterhalten uns gerade so gut.«

Ich folgte ihrer Aufforderung und setzte mich neben Claires Knie auf das Bett. Nun erkannte ich auch ihr Gesicht, in dem die kleinen Schnitte bereits verheilt waren. Die großen würden ein paar Narben geben, aber ich war zuversichtlich, dass es sie nicht stören würde. Claire war eine praktische, keine eitle Person.

»Diane hat mir gerade von dem Ball erzählt. Aber jetzt will ich auch was von dir wissen. Diane und Charles sind ein alter Hut, ihre Geschichten werden langsam langweilig.«

»Hey!«, empörte sich Diane.

»Was meinst du denn?«, wich ich aus.

»Na ich meine dich und Shawn. Seid ihr endlich zusammen?«

Ich spürte, wie ich rot anlief.

Auf dem Ball waren Shawn und ich in der Tat wieder auf das Thema Beziehung zu sprechen gekommen. Allerdings verlief das Gespräch in eine völlig andere Richtung. Ich hatte ihm gebeichtet, dass ich auch noch Gefühle für Ilias hatte.

Ich schüttelte den Kopf.

»Nein, sind wir nicht. Aber wir haben darüber gesprochen«, fügte ich hinzu, als ich ihren traurigen Blick registrierte.

»Das ist schade. Ihr seid süß zusammen, das solltet ihr endlich einsehen. Es ist sinnlos, sich ewig zu zieren. Damit tust du nur euch beiden weh.«

»Das ist komplizierter, als du denkst.«

»Ach papperlapapp. Schnapp ihn dir einfach, küss ihn und sei glücklich, solange du noch kannst. So was kann schneller vorbei sein, als du denkst.«

»Ach ja?«

Sie verkniff die Lippen.

Ich schwieg. Seit ich in der Oberstadt war, hatte ich nie viel nach Claires Leben gefragt. Nun war nicht der richtige Zeitpunkt, damit zu beginnen. Nicht, wenn sie in ihrem eigenen Körper gefangen war.

Diane übernahm das Ruder, aus ihr blubberten die übrigen Ereignisse des Balles heraus. Während sie die Dekoration der kleinen Desserts beschrieb, zuckten Claires Mundwinkel.

Langsam senkte ich den Blick, streifte dabei kurz ihr zerrissenes Bein. Meine Finger zitterten in meinem Schoß. In diesem Moment wünschte ich mir, Shawn wäre an meiner Seite, um sie zu halten, bis sie ruhig wurden. Ich bemerkte überrascht, dass Claire mich musterte, während Diane bei der Auswahl der Musik angelangte, die auf dem Ball gespielt worden war. Ihre prüfenden Augen schienen mir zu sagen, dass ich meinem Bedürfnis nachkommen sollte. Ich atmete zittrig ein.

»Entschuldigt mich, ich muss noch etwas erledigen«, sagte ich leise, umarmte Diane und drückte Claires übrig gebliebene Hand.

»J-ja, viel Glück«, murmelte Diane, überrumpelt von meinem plötzlichen Aufbruch. Als ich die Tür hinter mir zuzog, hörte ich noch, wie Claire »junge Liebe« murmelte. Ein Lächeln stahl sich auf meine Lippen. Das Krankenhaus lag noch immer leer vor mir und so hastete ich eilig auf die Ausgangstür zu. Doch bevor ich sie aufziehen konnte, sauste sie mir entgegen. Ich sprang nach hinten und legte eine Hand auf mein pochendes Herz. Dem anderen erging es wohl genauso, denn es dauerte ein paar Sekunden, bis die Tür wieder aufging und ein Grenzer vor mir stand. Ich erstarrte. Wir hatten nur durch Lewis’ Großzügigkeit hier sein dürfen, doch das wusste nicht jeder.

Der Grenzer zog seinen Helm herunter und rostbraunes Haar fiel dem Mann über die Stirn. Ich atmete erleichtert aus.

Langsam erhellte sich seine Miene. Shawn trat einen zögerlichen Schritt auf mich zu. Ich schluckte, mein Herz begann noch schneller zu pochen. Er wand sich den Helm um den Arm, ehe er mich zu sich zog. Ich schlang die Arme um seinen kräftigen Hals und schmiegte mich an seine Schulter. Wie oft hatten wir uns in den letzten Stunden gehalten? Es erschien mir nicht oft genug. Vor allem nicht jetzt, da ich hinausmusste. Diesmal war es keine Scharade, diesmal würden wir auf freie Infizierte treffen können. Ein Schauer kitzelte meinen Rücken.

Wir standen lange so da und hielten uns. Shawns Brustpanzer verhinderte, dass ich mich völlig gegen ihn sinken lassen konnte, so wie ich es gern gewollt hätte. Die Uniform der Grenzer war rot und bestand aus dünnen Platten auf den Schultern, der Brust, dem Rücken und den Knien, die an dem roten Leder des eng anliegenden Anzugs angebracht waren.

Irgendwann seufzte Shawn in meinen Nacken und lockerte seinen Griff, sodass wir uns ansehen konnten. Seine Hände ruhten immer noch auf meinem Rücken.

»Du hast also schon angefangen?«, fragte ich.

Er nickte. »Ja. Es ist grausam. Es tut mir mittlerweile leid, dass ich Samuel ausgelacht habe. Er sagte, dass es anstrengend sei. Er ist jetzt ein Jäger, das ist natürlich noch schlimmer. Ich schlafe jetzt oben auf der Mauer und halte neun Stunden lang Wache. Ich patrouilliere die ganze Mauer ab und beobachte die herumwandernden Infizierten. Sie ignorieren uns noch und sind nur einzeln unterwegs, aber das ändert sich bestimmt.«

Er unterbrach sich, schluckte, war sich wahrscheinlich nicht ganz sicher, ob er das Folgende aussprechen sollte.

»Und dann habe ich endlich die Unterstadt gesehen. Es ist noch furchtbarer, als du es erzählt hattest. Ich glaube, wir existieren nicht einmal unter demselben Himmel.«

Meine Brust zog sich zusammen. Ich blinzelte, musste die Erinnerungen aus meinem Geist verbannen. An die Unterstadt hatte ich lange nicht mehr gedacht. An den Dreck und die Menschen, die sich nur mit ein paar Tüchern vor den Witterungen schützen konnten. Könnte ich dort noch überleben, würde ich zurückkehren?

»Jetzt weißt du, was für einen Kulturschock ich erlitten habe.«

Ich versuchte zu schmunzeln, doch der Situation war nichts Lustiges abzugewinnen. Auch Shawn schien den Humor nicht teilen zu können.

»Es ist alles so dreckig, die Leute ertrinken förmlich in Matsch. Ein Glück hast du nicht in einem dieser Zelte gelebt. Obwohl Zelt noch schmeichelhaft ausgedrückt ist.«

»Nein, ich habe in einem der alten Hochhäuser gewohnt. Du bist bestimmt daran vorbeigelaufen. Es ist direkt neben der Mauer. Ich hoffe, da ist mittlerweile eine große Gruppe von Leuten eingezogen.«

Er nickte, aber ich war mir sicher, dass er den letzten Satz nicht mehr mitbekommen hatte. Konnte Shawn sich vorstellen, wie es war, mit einem Dutzend Fremder auf so engem Raum zusammenzuleben? Ich selbst konnte es nicht.

Kurz lachte ich auf, wollte die Stimmung auflockern. »Aber gut zu wissen, dass du direkt davon ausgegangen bist, dass ich in einem der Häuser gelebt habe.«

Hastig sah er von mir weg. Argwöhnisch zog ich eine Augenbraue hoch, doch er wich mir immer noch aus.

»Shawn?«

Ich bemerkte, dass er schluckte. Erst dann begegnete sein Blick meinem. Mit gesenkter Stimme beantwortete er endlich die ungestellte Frage.

»Deine Haut hat es mir verraten.«

»Meine Haut?«

Verblüfft kam ich näher. Er wurde immer leiser. Ich wusste, was das zu bedeuten hatte. Ein weiteres Geheimnis der Oberstadt.

»Mein Vater hat es entwickelt. Damit niemand freiwillig die Stadt verlassen will, weil es draußen keinen Schutz geben würde.«

»Was entwickelt?«

»Den Regen.«

Sein Körper verhärtete sich, wappnete sich für seine folgenden Worte.

»Es gibt keinen Regen, der die Haut verbrennt. Mein Vater hatte zu Beginn schnell die höchste Position erringen können, weil sein Wissen essentiell war. Aber er wusste, er würde abgelöst werden, sobald sich eine Art Normalität einstellen würde. Also verhinderte er es. Er und ein paar seiner Arschkriecher entwickelten ein Serum, dass sie in das Trinkwasser derer gaben, die keine Wasseranschlüsse besitzen. Die Obdachlosen der Unterstadt. Er behauptete, der Regen würde sie verbrennen und präsentierte gleichzeitig einen Stoff, der die Privilegierten retten würde. Und daran glauben die Leute. Und an meinen Vater.«

Meine Zunge fühlte sich zu trocken an, um zu sprechen. Erinnerungen stolperten durch meinen Kopf. Momente, in denen ich zu große Angst hatte, das Haus zu verlassen, der Anblick der Schlange vor Doktor Philis’ Praxis. Das Ziehen in meiner Brust war nicht so stark, wie es hätte sein sollen. Eine weitere Lüge der Macht.

In diesem Moment verstand ich beinahe, warum Ilias uns hasste.

»Shawn«, begann ich und rang noch mal um Atem, weil ich nicht wusste, wie ich meinen Gedanken richtig aussprechen konnte. Die letzten Stunden hatten für mein Herz die Zeit gestoppt. Doch nun lief sie weiter und ich spürte, wie meine Emotionen mich überspülen würden, wenn ich nicht darüber sprach. Ich brauchte einen klaren Kopf.

Shawn trat nervös von einem Bein auf das andere, als wüsste er nicht, womit er rechnen sollte. Ich wusste selbst nicht, welcher Gedanke aus dem Orkan in meinem Kopf hervorbrechen und auf meiner Zunge landen würde.

»Was ich auf dem Ball gesagt habe, über Ilias … Dir ist klar, dass das mittlerweile unwichtig ist?«, wisperte ich.

Shawn blinzelte verblüfft. Kurz leckte er sich über die Lippen, eine Unruhe in ihm, als hätte er nicht mit dem Gesagten gerechnet. Ich hatte es selbst nicht. Und wie sollte ich ihm die Taten seines Vaters vorhalten, die er nicht zu verantworten hatte, wenn ich doch selbst keine reine Weste trug?

»Aber ich möchte auch nicht einfach mit dir zusammen sein, nur weil du als einzige Wahl übrig geblieben bist. Das wäre nicht fair. Ich möchte mich Hals über Kopf und ganz und gar für dich entscheiden, denn das hast du verdient.«