Stadtführer Halle-Neustadt -  - E-Book

Stadtführer Halle-Neustadt E-Book

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Beschreibung

Eine Open-Air-Galerie mit mehr als 120 Kunstwerken, ein von Bauhaus-Visionen inspiriertes Wohnungsbauprojekt für einstmals bis zu 100.000 Menschen und ein Vogelparadies im Grünen – so ließe sich Halle-Neustadt beschreiben, die 1964 gegründete „Stadt der Chemiearbeiter“, die heute wie in ihren Anfängen wieder ein Teil von Halle (Saale) ist. Der handliche Stadtführer zeigt die fast 60 Jahre nach Baubeginn noch sichtbaren und neu entstandenen Facetten dieses längst nicht abgeschlossenen Experiments ebenso wie die verschwundenen, die verborgenen – und die nie gebauten.

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Seitenzahl: 205

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Vorwort

Aus Gleichheit wird Vielfalt

Essays

Die Stadt an Halles Nabelschnur

Perspektiven und Potenziale

Die nummerierte Stadt

Fünf Hochhäuser nach schwedischer Art

Freizeitsportler und Olympioniken unter einem Dach

Die Gleichgesinnten

Besonderheiten der Vogelwelt

Von Mensch zu Mensch

Die Köstlichkeiten des Orients im Einkaufskorb

Großstädtische Faszination: Halle-Neustadt bei Nacht

Stadtgeschichte

Zeitstrahl: Geschichte Halle-Neustadts

Stadtgeschichte und städtebauliche Situation

Die Wohnkomplexe

Passendorf: Von Rittern, Freigeistern und Naturprodukten

Nietleben: Das einstige Industriedorf am Rande der Neustadt

Wie Halle-Neustadt zur grünsten Großstadt der DDR wurde

Das Kinderdorf

Schalenmüller

Kunst, wohin man schaut

Leerstandskrise: Von null auf zwanzig Prozent

Sozialstruktureller Wandel: Wie aus der Neustadt drei neue Stadtteile wurden

Die nicht realisierten Projekte

Abrisse, Umbauten, Neubauten

Einzigartiges

Unsere Top Ten

Verschwundenes

Unsere Top Ten

Neues

Unsere Top Ten

Touren

Das Open-Air-Kunstmuseum für Flaneure

Nichts für Kalaunenknurrer! Kulinarischer Streifzug durch Halle-Neustadt

Checken, was geht: Lieblingsplätze für Kinder und Jugendliche

Frische Luft! Spielplätze in Halle-Neustadt

Mit dem Fahrrad von der Feuerwache am Rittergut und an Kiesseen vorbei zur Pferderennbahn

Praktische Seiten

Anhang

Aus Gleichheit wird Vielfalt

JANA KOZYK ist seit 2006 Geschäftsführerin der GWG Halle-Neustadt mbH. Das städtische Wohnungsunternehmen bietet rund 12.000 Mieterinnen und Mietern aller Generationen ein Zuhause.

Wer nach Halle-Neustadt kommt, taucht ein in ein Stück Bauhaus-Erbe – puristische, seriell gefertigte Wohngebäude treffen auf Kunst und Farbe. Erbaut wurde Halle-Neustadt ab 1964 als sozialistische Modellstadt. In der Stadt der Chemiearbeiter sollte alles gleich sein. Heute besteht unsere Aufgabe als Wohnungsunternehmen genau im Gegenteil: weg von Monotonie, hin zu mehr individuellem (Wohn-)Raum. Die Menschen haben sich verändert, deren Bedürfnisse sowieso und die einst eigenständige Stadt tut es auch.

Ich persönlich habe Halle-Neustadt 1991 kennengelernt. Es war die Zeit des Umbruchs und des Aufbruchs. Ich war überwältigt von der Größe und der Lebendigkeit. Es gab keinen Verfall, dafür unglaublich viel Grün. Vor allem die einzelnen Wohngebietszentren, in denen fast alle Wünsche erfüllt wurden, haben mich damals beeindruckt. Es gab eine durchdachte Infrastruktur, die Halle-Neustadt bis heute von anderen Großwohnsiedlungen abhebt.

Zu dieser Zeit kam ich das erste Mal mit den Blocknummern in Kontakt – eine kleine Herausforderung zu Beginn meiner Tätigkeit. Für die damals fast 600 Mitarbeiter*innen (rund fünfmal so viele wie heute) der GWG gehörten die Nummern zum Alltag. Schließlich galt es, 21.300 Wohnungen (mehr als doppelt so viele wie heute) zu bewirtschaften. Sie waren zugleich für die Fernwärmeversorgung, das Antennennetz, die Aufzugstechnik und bestimmte Instandhaltungsarbeiten in ganz Halle-Neustadt zuständig. Die komplexe Struktur wurde binnen kurzer Zeit bis auf das Kerngeschäft – die Bewirtschaftung und Vermietung von Wohnungen – entflochten. Für die Mitarbeiter*innen waren Umbrüche allein deshalb schon fast alltäglich – neben zahlreichen Führungswechseln, der Einführung von Computern, neuen gesetzlichen Vorschriften und einer missglückten Fusion. Die Bewältigung der Leerstandskrise zur Jahrtausendwende, für die es keine Blaupause gab, wurde zur besonderen Bewährungsprobe für das Team. Weil die Halle-Neustädter individuelle Wohnräume suchten, begannen wir, unseren Bestand auf die Ansprüche von Senioren, Familien und Studenten zuzuschneiden. Jede vierte GWG-Wohnung bietet heute veränderte Grundrisse. Vergrößerte oder zusätzliche Räume, großzügige Bäder mit Dusche und Wanne finden Mieter*innen bei uns ebenso wie praktische Kleinwohnungen oder WGZimmer für Alt und Jung. Es entstanden neue Aufzugsanlagen, vielerorts vergrößerte Balkone, Mietergärten und Dachterrassen.

Bis heute beschreiten wir dabei immer wieder unausgetretene Pfade. So wie mit dem komplexen Umbau eines Wohnblocks im Oleanderweg zur Internationalen Bauausstellung 2010, der mit einer Anerkennung des Deutschen Bauherrenpreises geehrt wurde, oder wie mit der ersten Seniorenbetreuerin aller halleschen Wohnungsunternehmen, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Die vergangenen 60 Jahre haben natürlich Spuren hinterlassen. Doch das macht Halle-Neustadt aus. Es war immer etwas Besonderes und ist es für mich noch heute. All das fasst der Neustadtführer zusammen. Er entführt in die Vergangenheit und führt durch den heutigen Stadtteil. Und ja: Halle-Neustadt muss auch heute seinen Weg in die Zukunft finden. Das einstige Prestige, hier eine Wohnung zu bekommen, ist schon lange verblasst. Es ist jetzt die Aufgabe der verschiedenen Akteure, diesen Wandel aktiv zu gestalten und auch mit Publikationen wie diesem Buch dem größten Stadtteil Halles eine positive Stimme zu verleihen.

Die ehemalige Chemiearbeiterstadt gibt es nicht mehr. Von Perspektivlosigkeit ist Halle-Neustadt dennoch weit entfernt. Junge Familien und Menschen wollen wir mit unseren bezahlbaren Mieten davon überzeugen, hierherzuziehen. Allerdings muss sich dazu noch mehr „Leben“ außerhalb der eigenen vier Wände entwickeln. Hippe Treffpunkte, Cafés und Läden fehlen zum Teil nach wie vor.

Jana Kozyk ist seit 2006 Geschäftsführerin der GWG Halle-Neustadt

Der große Skatepark an der Magistrale, die verschiedenen Jugendtreffs, spannende Spielplätze und viel Kunst im öffentlichen Raum verwandeln jedoch bereits heute soziale Tristesse punktuell in spürbare Vitalität. Aber es gibt natürlich auch soziale und kulturelle Probleme – etwas ganz Natürliches, wenn so viele verschiedene Menschen auf engem Raum zusammenleben. Rund 20 Prozent der Hallenser*innen leben hier.

Vor allem die funktionierende Netzwerkarbeit macht Lust auf einen Blick in die Zukunft. Wo wir in weiteren 60 Jahren stehen, weiß heute niemand. Aber ich glaube an das Potenzial von Halle-Neustadt und wünsche mir sehr, dass Sie es nach den 200 Seiten des Buches auch tun.

Perfekt geplant. Aber das Leben hält sich nicht an Pläne.

Essays

Der Bau Halle-Neustadts hat auch Halle verändert. Die Hochstraße ist das sichtbarste Symbol dafür.

Die Stadt an Halles Nabelschnur

Dipl.-Architekt THOMAS DIETZSCH lebt und arbeitet in Halle. Er ist Mitautor des „Architekturführers Halle an der Saale“.

Halle-Neustadt gilt als größte Planstadt Deutschlands, deren am Reißbrett entstandene Gestalt weitestgehend verwirklicht wurde. Auch heute noch entstammt der überwiegende Teil der vorhandenen Bebauung den ursprünglichen Planungen. Deren Urheberschaft lag im Wesentlichen beim Planungsstab unter Leitung von Chefarchitekt Richard Paulick. Ausgangspunkt für die Arbeit des Gremiums war ein städtebaulicher Wettbewerb, an dem sich 17 Kollektive beteiligt hatten.

Paulick hatte 1927/28 im Büro des Bauhausdirektors Walter Gropius mitgearbeitet und zuvor mit Georg Muche das Stahlhaus in Dessau-Törten entworfen. Bei diesen Projekten sammelte der gebürtige Roßlauer erste Erfahrungen bei der Entwicklung der industriellen Vorfertigung. 1933 emigrierte er nach China, wurde später in Shanghai zum Professor berufen und leitete das dortige Stadtplanungsamt. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland war Paulick am Wiederaufbau unter anderem Berlins und Dresdens beteiligt. Entwerferisch und organisatorisch zeichnete er zum Beispiel verantwortlich für den Bau eines Abschnittes der neu errichteten Stalinallee. Er übernahm die Leitung der Planung der neuen Chemiearbeiterstadt, nachdem er als Chefarchitekt in Hoyerswerda und Schwedt/Oder gearbeitet hatte. Unterstützt wurde Richard Paulick unter anderem von Joachim Bach, Horst Siegel, Karlheinz Schlesier, Sigbert Fliegel und Harald Zaglmaier als Stellvertreter oder Leiter von Entwurfsgruppen. Viele seiner Mitstreiter bekleideten später leitende Positionen im Hochschulbetrieb der DDR sowie in Baubehörden.

Das leitende Konzept Halle-Neustadts beruht auf der zentralen Achse der „Magistrale“, die die gesamte Stadt als eine Art Rückgrat in Ost-West-Richtung durchquert. Dieser vielspurigen Straße sind zu beiden Seiten die einzelnen Wohnkomplexe sowie der zentrale Bereich angelagert. Ohne die Magistrale ist Halle-Neustadt ebenso wenig denkbar wie ohne die Stadt Halle. Nicht nur im Namen ist dieser Bezug fest verankert, sondern die gesamte Struktur darauf aufgebaut. Die ersten Jahrzehnte des Aufbaus waren die prägenden Jahre für die heutige Stadtgestalt.

Der für die Stadt Halle mindestens seit der Gründerzeit zentrale Verkehrsknoten Riebeckplatz bildet den eigentlichen Auftakt nach Neustadt. Dieser ist heute kaum noch nachvollziehbar, da die in den 1960er Jahren angelegte Torsituation nicht mehr vorhanden ist. Der damalige Thälmannplatz wurde als zweiter Schwerpunkt der 1960er-Jahre-Stadtplanung als reiner Verkehrsknoten angelegt. Die Verkehrsteilnehmer waren in drei Ebenen unterwegs: Kreisverkehr und Brücken waren überwiegend dem Autoverkehr vorbehalten, die Straßenbahnen kreuzten den Verkehrsfluss im Kreisel. Die Mitte des weitläufigen Areals unter den Hochstraßen war den Fußgängern als Umsteigepunkt vorbehalten; der charakteristische Sombrero aus Stahlbeton diente als Schutzdach zwischen den Bahnen und den Ausgängen aus dem trostlosen Fußgängertunnel zwischen Bahnhofsvorbereich und Leipziger Straße. Die umgebende Bebauung war weiträumig um den Kreisverkehr arrangiert. Die beiden damals dort stehenden Hochhäuser bildeten zum einen eine weit sichtbare Landmarke, zum anderen im Zusammenspiel mit der die Franckestraße querenden Fußgängerbrücke das Eingangstor zur Neustadt. Deren Mittelpfeiler in Form von vier Benzolringen formulierten einen dezenten Hinweis auf die Chemiearbeiterstadt am Ende der Straße. Die anschließende Hochstraße, ebenfalls ein städtebauliches Element aus dieser Epoche, stellt die Verbindung zwischen den beiden zentralen Punkten der Stadtentwicklung her und schafft ein großstädtisches Vorspiel auf das Kommende, die neue Stadt, bei gleichzeitiger Überwindung des Vergangenen. Während die Magistrale das Rückgrat der Neustadt bildet, ist deren Verlängerung nach Osten zum Riebeckplatz die nie unterbrochene Nabelschnur zur Altstadt.

385 Meter langer Koloss mit 880 heißbegehrten Wohnungen: Block 10 im Bau, 1967

Auch die Verkehrsplanung von Halle-Neustadt zeigt die Unentschiedenheit zwischen Autonomie von und Teilhabe an der historischen Stadt. Der motorisierte Individualverkehr spielte aufgrund der spezifischen Situation in der DDR eine untergeordnete Rolle, so dass der öffentliche Verkehr die Beförderung der Bevölkerung zu großen Teilen übernehmen musste. Die Magistrale als Hauptschlagader des Neustädter Stadtorganismus war tagsüber beherrscht von Gelenkbussen des Halle-Neustädter Kraftverkehrsbetriebes und zunächst wenig Individualverkehr. Fast sämtliche Linien des Neustädter Nahverkehrs hatten ihren Ausgangspunkt an einem schäbigen Provisorium von Busbahnhof am Moritzzwinger in der halleschen Altstadt. Mit Anbindung an die seit den 1880er Jahren in Halle verkehrende Straßenbahn um die Jahrtausendwende verschwand der Neustädter Busbahnhof und es erfolgte eine weitreichende Umgestaltung der Magistrale. Die neue Straßenbahntrasse in dem seit Entstehung der Magistrale dafür vorgesehenen Mittelstreifen wird von großkronigen Bäumen flankiert, die dem Straßenraum eine freundliche Struktur geben.

Während sich die ersten 25 Jahre von Halle-Neustadt als überwiegend fortwährender Aufbau charakterisieren lassen, endete mit dem Ende der DDR die Kontinuität: Der Aufbau setzte sich in Funktion und Organisation anders, als es die ursprünglichen Planungen vorgesehen hatten, fort. Die ersten Gebäude waren in die Jahre gekommen und benötigten erneute Aufmerksamkeit für ihr Fortbestehen.

Der einsetzende demografische Wandel und die stärkere Besinnung auf die Qualitäten der historischen, nun zunehmend instandgesetzten und renovierten Altstadt reduzierten die Nachfrage nach den vormals heißbegehrten modernen Neubauwohnungen. Relativ kurz nach den gesellschaftlichen Veränderungen um 1990 begann eine neue Phase in der baulichen Entwicklung der Neustadt. Bis dahin herrschte gemeinschaftliches Eigentum an Grund und Boden sowie der Bausubstanz mit wenigen Eigentümern vor. Aufgrund des nun einsetzenden Bevölkerungsrückgangs und des notwendigen Schuldenabbaus der Wohnungsunternehmen wurden Gebäude verkauft; damit begann eine Diversifizierung des Eigentums. Gleichzeitig setzte eine neuerliche Bautätigkeit ein, die einen Kontrapunkt, wenn auch keinen Ausgleich bildete zu dem 2003 beginnenden systematischen Abriss von Gebäuden.

Bereits Anfang der 1990er Jahre wurden erste Fehlstellen an der Magistrale mit neuen Gebäuden gefüllt. Eine erste Landmarke setzte das international renommierte Architekturbüro Hermann & Valentiny mit dem Hotel und Dienstleistungszentrum (heute Tryp-Hotel). Das ziegelrote Gebäude mit liegenden Bändern und auffälligem Flugdach bringt baulich neue Proportionen und eine bis dahin in Neustadt nicht erlebbare bauliche Dynamik ein. Ein auffällig tiefblauer Glasbausteinzylinder über die komplette Gebäudehöhe markiert den Eingang zum winkelförmigen Hotelbau, der ein würfelförmiges Gebäude zweiseitig umschließt und eine geschützte Passage bildet.

Der Gebäudekomplex bindet die parallel zur Magistrale verlaufende, als Fußgängerzone organisierte Neustädter Passage nach Osten an die zentrale Verkehrsader Magistrale an. Der westliche Abschluss des zentralen Bereiches wurde wenige Jahre später durch das gleiche Büro in noch gesteigerter Form entworfen: Mit expressiver Geste, einem mächtigen Schiffsbug gleich, stößt das winkelförmige Einkaufszentrum „Neustadt Centrum“ in den breiten Straßenraum der Magistrale hinein; es beherbergt zudem ein Multiplexkino und große Parkplatzflächen. Die mit dunkelviolettem Klinker verkleidete organische Großform bildet gleichzeitig eine wirksame Raumkante an der Magistrale und einen Freiraum in Nord-Süd-Richtung über dem Tunnelbahnhof. Eine bogenförmige Wohnbebauung in Gestalt von fünf Wohntürmen, ebenfalls von Hermann & Valentiny entworfen, schließt die Lücke zwischen Neustädter Zentrum und westlich angrenzendem Bildungszentrum. Allesamt gelungene städtebauliche und architektonische Interventionen an vormaligen Leerstellen im städtischen Zentrum.

Die Neustadt prägenden Punkthochhäuser, welche den Zugang aus Richtung Halle, das Zentrum und den Abschluss der Magistrale markieren, wurden nach teilweiser Privatisierung in den 1990er Jahren aufwändig saniert und weisen noch immer einen guten Vermietungsstand auf. Andere Teile der Bebauung wurden jedoch an weniger langfristig orientierte Käufer veräußert, die kaum Erhaltungsaufwand betreiben; die inzwischen überwiegend heruntergekommenen Wohnungen sind trotzdem bewohnt, mit entsprechenden Auswirkungen auf ihr Umfeld.

Nach dem Rückbau einzelner Gebäude und der insbesondere anfangs erfolgten eher oberflächlichen Instandsetzung wurden die bestehenden Gebäude in der Folge qualitätvoller saniert und der Umbau einzelner Wohngebäude damit ein neues, spannendes Thema.

Das Gebäude Oleanderweg 21–45 nimmt hierbei eine Sonderstellung ein: Im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) 2010 und mit dem Einsatz umfangreicher Fördermittel wurde das 1971 errichtete Gebäude zu Teilen rückgebaut und umfassend neu strukturiert; die Zahl der Wohnungen reduzierte sich von 125 auf 81, die Zahl der Treppenhäuser von elf auf sechs; im Gegenzug erhöhte sich jedoch die Qualität der Wohnungen mit großzügigen Loggien und Dachterrassen. Von der Bauherrin, der GWG, beauftragt wurde dafür das im Umbau von Plattenbauten bewährte Architekturbüro Stefan Forster Architekten aus Frankfurt am Main. Weitere Umbauten folgten, jedoch war der Umfang mit dem Projekt Oleanderweg nicht vergleichbar.

Als Beitrag zur IBA 2010 verlieh die GWG Halle-Neustadt einem bis dahin schwer vermietbaren Plattenbauriegel im Oleanderweg 21–45 ein neues Gesicht und eine neue Seele

Aus 125 gleichförmigen Dreiraumwohnungen entstanden 71 bei Mietern begehrte Wohnungen mit 18 verschiedenen Grundrissen, darunter auch Townhäuser

Vieleck statt Viereck: Mit terrassierten Gebäuden setzt die Erfurter Wohngroup neue Akzente

Gegenwärtig werden in Halle-Neustadt wieder Wohnungsneubauten errichtet, wie die Eigentumswohnanlage aus terrassenförmigen Einzelgebäuden im Bereich Begonien- und Pleißestraße. Die lange überfällige Sanierung der zweiten von fünf Hochhausscheiben im Zentrum mit dem anschließenden Einzug von Teilen der Stadtverwaltung setzten 2021 wichtige Zeichen für den Fortbestand des Stadtteils – umso mehr, als diese Investition durch den zweiten Bürgerentscheid der halleschen Stadtgeschichte legitimiert wurde.

Halle-Neustadt hat in den inzwischen sechs Jahrzehnten seines Bestehens eine spannende Entwicklung genommen. Die ersten knapp 30 Jahre als Musterstadt des sozialistischen Städtebaus sind freilich nicht ganz unabhängig von zeitgenössischen Bezügen zu ähnlichen Neugründungen wie Brasilia oder Wiederaufbauten wie Le Havre. Inzwischen hat sich jedoch eine Kontinuität in der Stadtentwicklung eingestellt, die noch zu füllende Lücken bereithält und offen ist für Überraschendes.

Perspektiven und Potenziale

ANDREAS FRITSCH lebt und arbeitet in und bei der Stadt Halle im sozialpädagogischen Umfeld.

Wer, wenn nicht mein Vater, kann mir etwas zu Halle-Neustadt sagen? Immerhin ist er ja verantwortlich dafür, dass ich in Halle-Neustadt aufgewachsen bin. Er erzählte mir, dass er bei der Grundsteinlegung Halle-Neustadts 1964 neben Horst Sindermann, dem Ersten Sekretär der SED-Bezirksleitung Halle, stand. Aber warum stand er da? Mein Vater war als Vertreter des Generaldirektors der Buna-Werke geladen. So war das in den 1960er Jahren. In dieser Zeit wollten viele junge Leute im Norden des Landes nach der Schule oder dem Abitur keinen landwirtschaftlichen Beruf erlernen. Es zog sie in die Fabriken und somit in den Großraum Halle. Mein Vater war einer von ihnen. Als Übergangsquartiere für damalige Neuankömmlinge standen zunächst Wohnbaracken in Großkorbetha, gleich in Sichtweite der Buna-Werke, zur Verfügung. Aber es war schon beschlossen, dass die Stadt der Chemiearbeiter, dass Halle-Neustadt entstehen sollte. Als Bauland für zunächst nur vier geplante Wohnkomplexe stand das Gebiet in Halles Westen fest. Mein Vater erhielt seine erste Wohnung in Halle-Neustadt. Ab 1970 wohnten wir zu dritt in der Zweiraumwohnung meines Vaters. Meine Mutter hatte erst nach meiner Geburt schweren Herzens entschieden, aus der Heimat nach Süden zu ziehen. Anfang 1971 zogen wir in eine neue Dreiraumwohnung, kaum 1.000 Meter von der alten entfernt. Unser Haus lag im III. WK, dem Wohngebiet um den Tulpenbrunnen. Der Brunnen steht im Zentrum des Wohngebietes und hier befand sich alles, was das Herz begehrte: eine Kaufhalle, ein Ambulatorium und ein Dienstleistungszentrum. Unser Haus hieß „Haus 2 im Block 216“, es wurde zusammen mit fünf weiteren Häusern gebaut. So eine Einheit wurde Block genannt. Seit Anfang der 1990er Jahre heißt das Haus Azaleenstraße 26. Bis dahin hatten Halle-Neustädter die Möglichkeit, sich im Absender Postleitzahl und Stadt zu sparen. Und genauso erreichten uns damals Postkarten und Briefe, auf denen nur Fritsch, Block 216/2 stand. Eine republikweit einmalige Adresse, die aber bei vielen, die Halle-Neustadt nicht kannten, Kasernenassoziationen auslösten.

Unsere Wohnung war eine richtige Neubauwohnung mit dem damals unglaublichen Luxus eines Bades und einer Einbauküche sowie cleveren Schranklösungen als Raumteiler. Ein junges Haus, ein junger Block, was nicht nur für den Bau, sondern auch für die Bewohner galt. Denn es zogen lauter junge Leute und Kinder ein. An den Wochenenden im Sommer konnte man gemütlich auf dem Balkon frühstücken. Die Magistrale war noch im Bau, ab der heutigen Haltestelle Feuerwache existierte sie noch gar nicht.

Eine Planstadt für 100.000 Menschen aus dem Boden zu stampfen, verlangte der DDR-Wirtschaft viel ab. Auch Raritäten wie Badewannen (1974).

Mein Kindergarten befand sich gegenüber der heutigen Humboldtschule, die damals 11. POS, also Polytechnische Oberschule, hieß. Meine Mutter fand später Arbeit in dieser Schule. Für meinen Vater wiederholte sich in den nächsten 30 Jahren immer der gleiche Tagesablauf. Nachdem er 5 Uhr aufstand, kurz frühstückte, verließ er 5.30 Uhr die Wohnung und erreichte den Buna-Zug im Zentrum Neustadts, der 5.40 Uhr abfuhr. Gegen 17 Uhr war mein Vater dann wieder zu Hause.

Im September 1976 wurde ich in die 11. POS eingeschult. Ich erinnere mich noch an die große Baugrube des Punkthochhauses nahe der Schule. Vielleicht ist die Erinnerung so stark, weil ich heute noch den erfolglosen Versuch eines Klassenkameraden vor Augen habe, sein mit schlechten Noten bestücktes Matheheft in der Baugrube zu versenken. Die Wohnungen des Punkthochhauses waren bei den Erwachsenen begehrt, denn ihr Zuschnitt wich erheblich von dem des verbreiteten P 2-Ratio-Types ab, vor allem aber besaßen sie Küchenfenster. Im Erdgeschoss zog später das Standesamt ein, was wiederum uns Kindern wichtig war, denn es war üblich, dass die Brautpaare Unmengen von Kleingeld in die Menge warfen. Die Fangergebnisse konnten wir sofort nebenan in der Kaufhalle umsetzen. Die Blöcke um uns herum vermittelten den Eindruck eines größeren Innenhofes, den wir Kinder selten verlassen haben. Unsere Eltern hatten uns gut im Blick und man hat toleriert, dass wir die Wäschestangen auf der Wiese als Fußballtore benutzten.

Nach der zehnten Klasse wurde mein Schulweg länger, ich begab mich unter die Fittiche von Direktor Kämpf an der Erweiterten Oberschule „Karl Marx“. Nach 1990 wurde die Schule in „Gymnasium am Bildungszentrum“ umbenannt, etwa zu dieser Zeit suchte ich auch nach einer eigenen Wohnung in Halle-Neustadt. Wohnungen waren heiß begehrt und es war bis zu dieser Zeit kaum möglich, in Neustadt eine Wohnung zu bekommen. In der Altstadt habe ich dann eine regelrechte Abrissbude gefunden, aber immerhin: Es war mein Dach über dem Kopf. Ich gewöhnte mich recht schnell an die neue Wohnlage und die Bude wurde zur Wohnung. Mit Neustadt blieb ich verbunden durch meine Eltern, meine Arbeit und mein Interesse am fortlaufenden Wandel des Stadtgebietes.

Mieter helfen bei der Auspflanzung

Das erste von sechs Punkthochhäusern entstand 1976/77 am Tulpenbrunnen

Die nummerierte Stadt

STEFFEN KÖNAU hat viele Leidenschaften: Heimatgeschichte, DDR, Zeitgeschichte, Musik … und vieles kann man in der „Mitteldeutschen Zeitung“ nachlesen.

Als einziger Ort in der DDR besaß Halle-Neustadt (fast) keine Straßennamen, sondern Blocknummern. Ein für Außenstehende rätselhaftes System.

Dass sich der Block mit der Nummer 491 nur ein paar Meter neben der 391 befand, die 324 dafür aber direkt gegenüber der 253 und die 617 neben der 499, war ein Rätsel. Aber keines, das die Menschen beschäftigte, die in Halle-Neustadt wohnten. Die Plattenbausiedlung, ab 1963 als Halle-West errichtet, um Arbeitskräfte für die schnell wachsenden Chemieunternehmen in Buna und Leuna unterzubringen, hatte eben, was keine Stadt sonst hatte, abgesehen von New York. Keine Straßennamen, jedenfalls beinahe. Dafür aber ein System von Blocknummern, das sich Besuchern nicht erschloss, Einwohnern aber auch ohne tieferes Verständnis der zugrundeliegenden Systematik eine Orientierung zwischen Häusern, Blocks und Wohnkomplexen erlaubte.

Wer längere Zeit hier zubrachte, wusste automatisch, wie das vermeintliche Zahlenchaos zu ordnen war. Vom Stadtzentrum aus wurden die Zahlen im Uhrzeigersinn vergeben. Allerdings entsprachen die Nummern der Wohnkomplexe den Blocknummern damit nun ausgerechnet nie, weil die Stadtviertel ihre Nummern nach dem Datum der Fertigstellung erhalten hatten. Das I. WK bekam Blocknummern von 600 aufwärts, das VIII. WK hatte die 300er Blocks und das VI. WK alle von 900 an. Wenig zur Klarheit trug bei, dass sich die Zehnerstelle in jeder Blocknummer auf die Entfernung von einem gedachten Schnittpunkt zwischen zentraler Magistrale-Straße und S-Bahn-Trasse in der Stadtmitte bezog. Und das auch noch nur theoretisch, weil ein Teil der Blocks dann doch eher nach dem Datum der Fertigstellung nummeriert worden war.

Höchst unverständlich, aber hochmodern. Richard Paulick, als Chefarchitekt der Chemiearbeiterstadt Vater des Gesamtplanes des entscheidenden Schrittes der Stadt Halle „in das sozialistische Jahrtausend“, wie es eine Schrift vom Anfang der 60er Jahre nannte, wollte mehr als nur eine neue Stadt bauen. Halle-Neustadt war der Versuch, mit dem Städtebau der Vergangenheit zu brechen. Statt in engen Innenstadtquartieren mit Hinterhof und einem Klo auf halber Treppe sollte der neue Mensch in breiten Straßen gehen, hinter lichten Fenstern leben, mit Balkonen und warmem Wasser aus der Wand. Das Zeitalter der Kybernetik war angebrochen. Die Idee, eine moderne Stadt zu errichten, die industriell gebaut wird, aber in der Lage ist, die „pulsierenden Kräfte breiter Massen zusammenzufassen und ihnen eine Richtung zu geben“, wie der französische Architekturerneuerer Le Corbusier schon in den Zwanzigerjahren geträumt hatte, schien in einem kühnen Experiment realisierbar.

Die System der Blocknummern blieb Nicht-Halle-Neustädtern ein Zahlenrätsel

Wolfgang Kirchner, der damals als junger Ingenieur das Plattenwerk mit aufbaute, das über ein Vierteljahrhundert Tausende Wände und Bodenplatten für die größte deutsche Stadtneugründung des 20. Jahrhunderts lieferte, betrachtet „Ha-Neu“, wie es später zumindest in den DDR-Medien oft genannt wurde, nicht als ostdeutschen Sonderfall. Vorbilder habe es in der Bundesrepublik und in Schweden gegeben. „Industrielles Bauen versprach warme, bequeme und bezahlbare Wohnungen für alle“, sagt er. In seiner Fantasie habe er zwischen den weißen Blöcken von Anfang an Bäume gesehen, 30 Jahre alt und leuchtend grün, erinnert sich Kirchner. „Wenn man sich Parks zwischen die Häuser gedacht hat, war das alles richtig schön.“

Für die, die in den Blöcken und den weiten Hinterhöfen aufwuchsen, sowieso. Kaum einer aus der zwischen 1970 und 1990 geborenen Generation der Neustadt-Kinder hätte das Prinzip der Blocknummerierung korrekt erklären können. Wie in anderen Städten die Straßen eben irgendwie hießen, hießen sie hier eben irgendwie nicht. Dafür trugen sie ja ihre Nummern.

Wer sich tatsächlich schwertat mit dem vermeintlich logisch aufgebauten System, das sich im Grunde genommen an das der DDR-weit vergebenen Postleitzahlen anlehnte, war die Deutsche Post der DDR. Vor allem am Anfang, als die Blocknummernvergabe mehrfach korrigiert und geändert wurde, weil sie „EDV-gerecht nicht zu erfassen waren“, wie es in einem Brief des Stadtbaudirektors an das Hauptpostamt von 1975 heißt. Zusteller standen vor Rätseln, weil eine neue Zahl an einem Block keinen Hinweis darauf lieferte, unter welchem Namen das Gebäude bisher geführt worden war.

Wie Unterlagen verraten, die im halleschen Stadtarchiv liegen, blieb die in der westdeutschen Quadratestadt Mannheim bereits Ende des 17. Jahrhunderts eingeführte Nummerierung auch für die Neustädter Stadtverwaltung über ein Vierteljahrhundert hinweg ein Problem. Die Vorstellung der Planer um Paulick, dass der Arbeiter der Zukunft keine altertümlichen Straßennamen mehr brauche, galt weiterhin als gut. Doch die Umsetzung krankte daran, dass viele Blocks ihre Zahl nirgendwo deutlich sichtbar zeigten.

Die „Einheit des gesellschaftlichen Lebens und Wohnens“, die das SEDPolitbüro mit seinem Baubeschluss im Jahr 1963 beschworen hatte, drohte in der Praxis an ein paar Schildern zu scheitern. Und das trotz der „bildkünstlerischen Mittel“, die als Plastiken, Wandmalereien und Brunnen zwischen die Fünfgeschosser und Hochhäuser gesetzt worden waren, um keine Monotonie aufkommen zu lassen.

Schon 1973 erging vom Stadtbauamt deshalb ein erster Auftrag zur Erarbeitung eines „Orientierungssystems“ an das Büro für Städtebau und Architektur. Halle-Neustadts Wohnkomplexe, weniger der vom Schriftsteller Jan Koplowitz in einer Großreportage gerühmte „Aufbruch in das Wohnen von Morgen“ als eine Bienenwabe aus Betonfertigteilen, die mit Wohngebietskneipen, Arztblock, Kaufhalle und Schule dörfliche Strukturen nachbildete, sollten sich Besuchern und Einheimischen besser zu erkennen geben. Größere „Blockkennzeichnungsnummern“, standardisiert an stets derselben Stelle angebracht, dazu ein neues „Bezeichnungs- und Informationssystem“, das 1977 in Auftrag gegeben wurde, weckten Hoffnung darauf, die Verwirrung auswärtiger Besucher zu beseitigen.

Ein weiterer Irrtum. Anwohner kamen gut klar, je länger sie in Neustadt wohnten, desto besser. Fremde aber scheiterten zuverlässig. 1982 wurde mit „Blockkennzahlen“ nachgearbeitet, die wegen fehlender Produktionskapazitäten von einer Feierabendbrigade hergestellt werden mussten. Um zu verhindern, dass sich Kinder verliefen, die noch keine Zahlen lesen konnten, verpflichteten die Stadtplaner schließlich sogar zwei Gebrauchsgrafiker, die auf Bürgerwunsch, wie es im Briefverkehr der Behörden heißt, „Wohngebietssymbole zur weiteren Kenntlichmachung der Standorte der Wohnblocks“ in Form von Baummotiven entwarfen, die an Müllhäuschen angebracht wurden.

So passten sich die kühnen Träume vom neuen Wohnen kleinteilig an die Möglichkeiten an. Paulicks erträumte „Zweckform von Technik und Industrie“ aus Wohnzimmer, Schlafzimmer, Bad, Kinderzimmer und Küche mit Durchreiche auf 52 Quadratmetern musste in zähen Kämpfen alltagstauglich gemacht werden. Ein erster Versuch mit Plaketten aus Buna-Plastik scheiterte, weil das Material sich im Sommer verzog. Der zweite Anlauf glückte: Mit Schablonen wurden nun Symbole aufgemalt. Doch als nachgestrichen werden sollte, weil die Farbe schnell verblasste, waren die Pappvorlagen nicht mehr brauchbar – aus „Schuhsohlengummi“, so ein zeitgenössischer Bericht, mussten neue gefertigt werden.

Blocknummern: ein Zahlenrätsel