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Warum ziehen Städte Menschen in ihren Bann? Was kann die Kommunalpolitik von der Kognitionswissenschaft lernen? Wie kann die Verwaltung urbane Transformation aktiv gestalten? Diesen Fragen geht Sven Matis auf den Grund. Er zeigt, dass Kommunikation weit mehr als ein Mittel der Verwaltung ist, sondern Treib- und Klebstoff für urbanes Lebens. Kommunikation schafft Wissen, steuert menschliche Aufmerksamkeit und ermöglicht den Austausch von Meinungen und Erfahrungen. Das Buch bietet einen fundierten Überblick über die wachsende Bedeutung von Netzwerken - sei es im individuellen Bewusstsein oder in der Stadtentwicklung. Der Autor beleuchtet die Bewusstseinsbildung: von der Makroebene der Großstadt bis zur Mikroebene des Gehirns. Das Buch richtet sich an alle, die sich für Kommunikation, Sozialpsychologie und Transformation der Gesellschaft interessieren. Es bietet Interviews mit renommierten Expertinnen und Experten, die auch als Podcast abrufbar sind.
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Seitenzahl: 375
Veröffentlichungsjahr: 2024
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1. Auflage 2024
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-044450-8
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-044451-5
epub: ISBN 978-3-17-044452-2
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AUF’S GANZE:Kommunikation aus Sicht des Städtetages Baden-Württemberg
AUFRISS:Die Logik des Stadtgesprächs in Buchform
AUFWÄRTS:Was das Stadtgespräch und einen Vogelschwarm verbindet
AUFBAU:Die Logik der Städte
AUFSATZ:Die Logik der Kommunikation und ihrer Medien
AUFKLÄRUNG:Die Logik des Bewusstseins
AUFTRÄGE:Die Logik der Verwaltung
AUSFLUG:Das Wald-Gespräch
AUFZEICHNUNG:Die Interviews
Die Themen im Einzelnen
Über Wachstum.Städte als Erfolgsmodell? | Philipp Blom
Propaganda?Über Führen und Verführen von Menschen | Wolf Lotter
Machtspiele, Missverständnisse und Melodien: Was ist Kommunikation? | Katja Schleicher
Radikal emotional:Dieses Interview wird Ihr Gehirn verändern | Maren Urner
Ökoliberal – Welchen Preis hat Nachhaltigkeit? | Philipp Krohn
Ins Netz gegangen:Über das Ende des Zentralismus | Christoph Neuberger
KI: Wie gehen wir mit dem »neuen Junior« im Team um? | Andreas Berens
Aus Liebe zu Social Media:Behörden im Neuland | Wolfgang Ainetter
LinkedIn:Wenn die Person als Marke sichtbar wird | Christina Richter
»Frischzellenkur« für’s Münchner Kindl | Stefanie Nimmerfall
Eine Bühne bieten:die Verantwortung von Journalisten | Roman Deininger
PR: Wenn die Dressur zum Rodeo wird | Christof E. Ehrhart
»Die Qualität unseres Gemeinwesens entscheidet sich in den Kommunen« | Michael Blume
Helden im Amt:Wenn die Kleinstadt zur »Benchmark« wird | Julia Lupp
Neuausrichtung:Münsters Weg zum effektiven Crossmedia-Newsroom | Thomas Reisener
Agiles Verwalten:Agiert die Öffentliche Hand bald beidhändig? | Tosin Stifel
Auf Sendung:Über das Potential von Podcasts | Sarah Vortkamp
Die menschliche Dimension:Was Geschichten zugänglich macht | Katrin Poese
AUFSCHLUSS:Das Stadtgespräch und die Wertschätzung
Zum Autor
Dank
Anmerkungen
Dann also auf ein Wort … ein Vorwort, dessen Aufgabe es sein soll, den Blick auf das ganze Buch zu richten.
Stadtgespräche – darin geht es um die kleinen und großen Ereignisse in einer Stadt, in der Vergangenheit, hier und heute oder in Zukunft. Da reden Vertreterinnen und Vertreter von Institutionen miteinander, Nachbarn rufen sich übern Zaun die neuesten Infos zu, es sind geplante und spontane Gespräche, ein kurzes Schwätzle im Vorbeigehen oder ein organisierter Bürgerdialog über ein ganzes Wochenende. All das und noch viel mehr sind Gespräche in der Stadt und darüber, was vor Ort geschieht.
Sie verbindet der Kern, um den sich alles dreht: die eigene Stadt. Dialoge und Interaktion – egal, ob kurz oder lang, geplant oder kurzfristig, zwischen den Generationen oder mit Gleichaltrigen fördern das Miteinander innerhalb einer Gemeinschaft, können Fragen von gemeinsamem Interesse klären und helfen, Lösungen zu finden.
Aus dem klassischen Ort der öffentlichen städtischen Kommunikation – dem Marktplatz – ist längst ein digitaler Platz geworden. Auch auf den Marktplätzen früherer Zeiten ging es bekanntlich nicht nur wohlwollend und freundlich zu, da wurde geschimpft, getratscht, gelästert und beleidigt, lauthals oder hinter vorgehaltener Hand.
Auf den virtuellen Marktplätzen unserer Zeit auf den verschiedenen Online-Plattformen ist das nicht besser geworden, eher im Gegenteil. Die Klagen über den Umgang miteinander sind bekannt und werden lauter. Jeder und jede kann zu allen alles sagen, oft sogar im zweifelhaften Schutz der Anonymität, was früher nur schwer möglich war. Alles, was eine Stadt tut, und mit ihr die handelnden Personen wahllos zu kritisieren, ist längst »schick« geworden.
Kommunikation, also miteinander ins Gespräch zu kommen, ist aber etwas anderes als Beleidigungen herauszuschleudern oder gar Hass und Hetze zu verbreiten. Miteinander zu sprechen setzt voraus, das Gegenüber ernst zu nehmen, ihm Zeit zum Reden und sich selbst Zeit zum Zuhören zu geben.
Ein lebendiges Gespräch, von dem beide Seite profitieren, ist eins, das mit offenen Augen und Ohren geführt wird und vor allem – mit offenem Geist. Lebendige Gespräche bringen Menschen und ihre Ideen zusammen. Albert Camus hat es einmal so formuliert: »Das echte Gespräch bedeutet: aus dem Ich heraustreten und an die Tür des Du klopfen.«
[8]Mehr denn je muss die Politik heute erklären und begründen, was sie tut, auch die Kommunalpolitik, denn was vor Ort entschieden wird, betrifft das Leben der Menschen unmittelbar. Die Zeit von Hinterzimmer-Beschlüssen ist vorbei. Die Menschen sind kritischer geworden und stellen Entscheidungen immer öfter infrage, auch demokratisch gefällte Entscheidungen. Es braucht also professionelle Kommunikation, die sieht und weiß, was erklärungsbedürftig ist und wie es so in Worte gefasst wird, dass es möglichst viele Ziel- und Interessengruppen erreicht und dass die Menschen es verstehen und nachvollziehen können.
Die Verwaltung hat Informationen, die sonst niemand hat. Damit sie kein Herrschaftswissen bleiben, soll, ja, muss sie die sogar teilen, denn sie stehen den Menschen zu. Rechtzeitig, verständlich und ansprechend aufbereitet schafft das im besten Fall Vertrauen und Akzeptanz.
Informationen »in Worte zu fassen« ist das eine – auch Bilder und bewegte Bilder gehören heute selbstverständlich zur erklärenden, vermittelnden und inklusiven Kommunikation einer Kommune dazu.
Sein Gegenüber ernst zu nehmen, bedeutet schließlich auch Augenhöhe schaffen, Distanzen verringern, Verständnis zeigen. Die Wahl der richtigen Mittel für Kommunikation, die ankommt, gehört unbedingt dazu.
Diesen Anspruch haben die Menschen auch gegenüber der öffentlichen Verwaltung, die sie mit ihren Steuern bezahlen. Kommunale Kommunikation funktioniert deshalb etwas anders als die Kommunikation in anderen Bereichen.
Was im Sport »höher, schneller, weiter« ist, wird auf Social Media immer mehr zu »kürzer, cooler, witziger« – aber brauchen wir nicht (auch) ein »verlässlicher, verständlicher, verbindlicher«? In Zeiten von Fake News und KI-generierten Texten und Bildern brauchen die Bürgerinnen und Bürger vertrauensvolle Quellen für die tägliche Information.
Im Gespräch bleiben – so oder so gelesen – sollte unser Ziel sein. Vernetzen, auszutauschen, zuhören und gehört werden, das macht uns als Kommunen stark. Wir brauchen den lebendigen Austausch mit der Bürgerschaft – persönlich und virtuell.
Das Schlimmste, was einer Stadt kommunikativ passieren kann, ist das Desinteresse der Menschen, die dort leben. Wer sich nicht oder nicht mehr für seine Umgebung interessiert, steckt auch nicht mehr viel Energie in ihr Wohlergehen – etwa in Form von ehrenamtlichem Engagement in Politik oder Vereinen. Kritische Nachfragen sind also auch immer Anregungen und Kommunikationsideen.
Ich wünsche diesem Buch eine interessierte Leserschaft – möge es die kommunale Kommunikation weiter voranbringen.
Ralf BroßGeschäftsführendes Vorstandsmitglied des Städtetags Baden-Württemberg
Die Wahlen im Juni 2024 machen überraschend deutlich: Zuspruch entsteht durch die richtige Ansprache. Die Erkenntnis ist nicht neu, wird aber Vielen nun umso bewusster. Die Auseinandersetzung mit wirkmächtiger Ansprache ist umso dringlicher, weil der gesellschaftliche Zusammenhalt auf dem Spiel steht. In diesem Zusammenhang stellen sich grundlegende Fragen: Wie agieren Menschen in ihrem Umfeld? Was bringt sie zum Sprechen? Was zum Nachdenken? Wie kann man Akzeptanz und Toleranz fördern? Was setzt sich durch und bewährt sich? Das Stadtgespräch liefert hierzu wichtige Anstöße.
Darum habe ich dieses Buch geschrieben. Es soll zeigen, welch ein Impulsgeber das Stadtgespräch ist, warum es Aspekte des Kommunalen und des Kommunikativen vereint und so gemeinschaftsbildend wirkt. Das Stadtgespräch lotet aus, was machbar, sagbar und denkbar ist. Es ist die Vorproduktion der realen Welt. Was sich hier als mächtig oder konsensfähig durchsetzt, ist dann im städtischen Raum sichtbar. Diese Wechselwirkungen machen die Stadt zu dem Erfolgsmodell der Moderne, das trotz krasser Probleme, wie hoher Lebenshaltungskosten, schlechter Luftqualität, Lärm, Kriminalität, Staus und zunehmender Einsamkeit weiter Milliarden Menschen in seinen Bann zieht.
Die Stadt lockt mit drei großen Versprechen: Kurze Wege, individuelle Entfaltung und soziales Wohlergehen. Diese Vorstellungen bilden einen Sog. Städte sind heute Lebensmittelpunkt für vier Milliarden Menschen weltweit. Tendenz steigend. Setzt sich der Trend fort, dann leben bald zwei von drei Menschen in einer Stadt. Auch deutschlandweit ist dies zu beobachten: Die 50 größten Städte haben zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein enormes Wachstum verzeichnet, vor allem im Süden des Landes. Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung prognostiziert, dass vor allem die Großen noch größer werden. Und damit werden die skizzierten Probleme wohl auch größer.
Das Wechselspiel von Problemen und Lösungen steht im Fokus dieses Buches. Ganz grundsätzlich zeigen sich Probleme als Fragen, die die Umwelt an ihre Teilsysteme stellt. Bewusst werden sie Gesellschaften oder Individuen durch Beobachtung, Erkennen und Benennen. Welche Schlüsse sie daraus ziehen und welche Antworten sie geben, hängt von vielen Faktoren ab. Das Glück pluralistischer Gesellschaften ist ihre Offenheit, die auf der Unbestimmtheit von Antworten gründet. Wenn es keine Eindeutigkeiten gibt, sind Antworten diskursiv zu erarbeiten. Dieses Aushandeln ist prägend für die zwischenmenschliche Kommunikation, die nirgends konzentrierter und verbindlicher geführt wird als auf dem Markt – [10]denn der Markt ist die Keimzelle der Kommune. Hier kommt die Stadt im wahrsten Sinne des Wortes zu sich.
So einzigartig die Städte sind, so einzigartig sind die Menschen, die in ihr leben. Dennoch handelt es sich um aufeinander abgestimmte Systeme, die in einem fortlaufenden Austausch stehen, der mal kooperativ, mal konfrontativ ist. Dies ist gut vergleichbar mit dem Treiben auf einem Markt, wo es darum geht, Informationen und Werte systematisch zu verarbeiten. Deswegen ist der rote Faden, der durch dieses Buch führen soll, die Deutung von Signalen (Kognition), ihre sprichwörtliche Verarbeitung (Kommunikation) und die entsprechende Umgestaltung der Lebenswelt (Städtebau). Städte sind von jeher ein Ausdruck von Macht und der damit verbundenen Kontrolle über die Umwelt. Diese Macht zeigt sich in Artefakten, Worten und Aufmerksamkeit. Das gilt für die Realität wie für die Idealwelt. Einfach auf den Punkt gebracht: »Wer das Wort hat, hat das Sagen.«
Das Stadtgespräch ist daher die Brücke zu einem bewussten Umgang mit den Mitmenschen und der Gestaltung des Umfelds. Kernpunkt der Argumentation ist, dass die Kommunalpolitik diskursive Infrastrukturen1 prägen und Mikroöffentlichkeiten schaffen kann. Vereinfacht gesagt kommen an diesen Orten Menschen zusammen, lernen voneinander und wachsen miteinander. Es sind Reallabore, Werkstätten oder Foren – im Sinne eines Speaker’s Corner – an denen echte Begegnung zu einem kreativen und produktiven Durcheinander führen. Innovationen werden gefördert durch Diskussion, Experimente und Reproduktion.
Diese neue Form der Öffentlichkeitsarbeit ist durchaus vergleichbar mit traditioneller Presse- oder Medienarbeit, berücksichtigt aber den Trend, dass sich Öffentlichkeiten situativ und entlang von Themen bilden, weniger anhand von Routinen wie etwa der synchronen Lektüre der Zeitung am Morgen. Ziel von Mikroöffentlichkeiten ist es, zentrale Argumente in Bezug auf politische Maßnahmen zugänglich und verständlich zu machen. Die Bewertung und Einordnung der Argumente wird Foren überlassen, die unterschiedliche Perspektiven und Wissenstände in Einklang bringen, was sie zu Resonanzräumen macht.2
Städte wie gewohnt zu betrachten, hilft nicht weiter. Sie sind neu zu interpretieren als Möglichkeitsräume – physische, soziale wie mentale Räume, in denen künftige Entwicklungen angelegt sind, die durch Imagination, Kreativität und Mut zu Fortschritt führen. Möglichkeiten sind nicht gottgegeben, sie sind zu erkennen und zu ergreifen. Räume sind zu erschließen. Sie brauchen Grenzen und Öffnungen, müssen an ihre Umgebung (stets neu) angepasst werden und sind innen wie außen zu pflegen. Ihre Ver- und Entsorgung erfordert eine Infrastruktur, die Stabilität verschafft und das Fortbestehen begründet.
Wie dies gelingen kann, stellt sich die aktuelle Stadtforschung so vor: »Die dynamische Koproduktion und Übermittlung von Ideen und Informationen bestimmt Beziehungen innerhalb und über die städtischen Initiativen hinaus und trägt zur Entstehung und Umgestaltung von Kollaborationsnetzwerken bei.«3 Was akademisch daherkommt, meint einfach ausgedrückt: Durch Austausch entstehen neue Wirklichkeiten. Der Austausch von Ideen und Informationen in städtischen Netzwerken stiftet kommunales Miteinander. Diese Kommunikation formt die Ge[11]sellschaft, indem sie die Zusammenarbeit fördert und die Menschen einander näherbringt.
Das Stadtgespräch befeuert die Dynamik innerhalb sozialer Netzwerke. Wenn Anspruchsgruppen – sogenannte Stakeholder – in unterschiedlichen Konstellationen und Kontexten kommunizieren, reproduzieren sie Wissen und verwandeln urbane Güter wie Informationen, Wissen, Kultur, Kontakte, Netzwerke oder Zeit in Gemeingüter.4 Wenn zivilgesellschaftliche, unternehmerische oder staatliche Organisationen diese Prozesse fördern, sorgen sie für Wertschöpfung und initiieren Transformation. Das wirkt sich positiv auf die Bürgerschaft aus und wird in der Anschlusskommunikation spürbar.
Diese Argumentation vereinigt Aspekte der Soziologie, der Kommunikationswissenschaften und der Kognitionswissenschaften. Daher ist dieses Werk auch interdisziplinär angelegt und will die Stärken der jeweiligen Perspektiven auf den folgenden Seiten zusammenführen.
Die Kapitel geben Einblicke in die klassische Literatur, neueste wissenschaftliche Forschung und das Erfahrungswissen von Expertinnen und Experten. Sie können für sich gelesen werden, sind aber mehr wie ein Gang durch eine Ausstellung, die zwar logisch kuratiert ist, aber deren Erkundung dem Publikum offensteht. So ist dieses Buch als Verstehensreise mit einem unbestimmten Ziel angelegt. Wichtiger als das Ankommen sind Erfahrungen, die durch Wissen neue Erkenntnisse und Geschichten schaffen. Diese Reise soll bestärken, kommunale Public Relations neu zu denken, die transformatorische Kraft des Stadtgesprächs zu erkennen und es aktiv mitzugestalten.
Zwischenstationen sind Modelle, die menschliches Handeln, Wirken und Kommunizieren auf einen Nenner bringen. Warum aber Modelle – jede Stadt, jeder Mensch, jedes Gespräch ist doch einmalig? Von Originalen können wir uns ein Bild machen. Zum Beispiel, indem wir uns vor Ort umschauen oder in den Medien recherchieren. Zwar können wir in ihren Kosmos eindringen, ihre Komplexität aber nur in Ausschnitten erfassen. Wir sind also gezwungen, zu vereinfachen und unsere Vorstellungen in Annahmen oder Analogien zu kleiden. Individuell geht dies sehr schnell im Unterbewusstsein. Diese Schlüsse erweisen sich manchmal als Trugschlüsse. Empirisch belastbare Aussagen liefern wissenschaftliche Modelle. Zur Modellierung ist es wichtig, die Funktionen des Originals korrekt und vollständig zu erfassen, um dadurch Relationen beschreiben zu können. Damit ist ein Modell niemals originalgetreu – sondern ein Kalkül, das als vereinfachtes Abbild der Wirklichkeit nebensächliche Komponenten außer Acht lässt. So entstehen Denkfiguren, die neue Bezüge herstellen, Prognosen möglich machen und damit helfen, das Original zu optimieren. Allerdings besitzen Modelle auch Schwachstellen: Sie vergröbern, abstrahieren und formalisieren – und simulieren nur das Original und seine Beziehungen zur Realität. So haben sich Menschen Modelle als Auseinandersetzung (mit) ihrer Umwelt geschaffen. Dazu haben sie sich spezielle Aspekte angesehen, durch Fokussierung andere Aspekte ausgeblendet, sie hinterfragt, in Einzelteile gegliedert und die Welt neu zusammengesetzt. Das hat Lösungen eröffnet, zu Feedback, Kritik und Updates geführt – ein Sinnbild für den [12]iterativen Prozess der Meinungsbildung. Die Akzeptanz, dass Wahrheiten auszuhandeln sind, ist Fundament liberaler Demokratien.
Dieses Aushandeln braucht Aufmerksamkeit, die ein knappes Gut ist. Die grundlegende Abhandlung der Ökonomie der Aufmerksamkeit stammt – wie könnte es für dieses Buch anders sein – aus der Feder eines Stadtplaners.5 Der Österreicher Georg Franck schreibt Ende des 20. Jahrhunderts von einem mentalen Kapitalismus, der sich von einer Fixierung auf materielle Produktion und Konsum gelöst hat. Er erkennt früh eine zunehmende Vernetzung und die Bedeutung neuer Medien, die die Kosten für Information und Unterhaltung reduzieren. Aufmerksamkeit wird zur Ressource: ein begehrtes Einkommen, ökonomisches Kapital und soziale Währung zugleich. Diese Melange zeigt sich in seiner Urfassung auf dem Markt des antiken Griechenlands. Das Verhandeln auf der Agora und der Imperativ der Mitgestaltung der Polis sind Marksteine für das kommunalpolitische Verständnis. Der deutsche Soziologe Max Weber hat mit seiner undogmatischen und wirtschaftshistorischen Analyse gezeigt, wie der freie Austausch von Gütern, Waren und Ideen zu einer gesellschaftlichen Transformation und einer individuellen Spezialisierung führt. Dies Entwicklung ist besonders gut in Chicago untersucht – dem Geburtsort der Stadtsoziologie. Ihre Säulen Dichte, Größe und Heterogenität tragen erheblich zum Verständnis moderner Metropolen bei. Um Einheit zu erreichen, braucht es verbindende Elemente – diese können technischer oder gesellschaftlicher Art sein. Somit sind Infrastrukturen die Lebensadern unsere Gesellschaft: Straßen, Brücken oder Parks legen den Grund für den individuellen Alltag im Stadtleben. Die deutsche Stadtforschung leitet daraus ab, dass Kommunen menschliche Züge und sogar eine Eigenlogik aufweisen. So wie Menschen den Vergleich brauchen, suchen ihn auch Städte. Die dazu erforderlichen Daten werden aber nicht nur zum Zwecke der Selbstbespiegelung erhoben, sondern auch zur zielgenauen Fortentwicklung, die bis hinaus in virtuelle Welten reicht. Wie aus Ideen Wirklichkeit wird und wie Menschen künftig Städte formen sollten wird mit realutopischen Vorstellungen veranschaulicht. Auch hier zeigt sich, welche Formen der politischen Ansprache effektiv sind.
Die Sprache steht in der Logik dieses Buches zwischen Städtebau und Kognition. Kommunikation ist schon vom Wortstamm (Kommune) ein verbindendes Element der Stadtgesellschaft. Ausgehend von der Idee, dass Nachrichten Statusmeldungen von Systemen sind, will ich zeigen, wer diese Meldungen verbreitet und unter welchen Rahmenbedingungen verarbeitet. Jede Meldung zeigt eine Veränderung der Umwelt oder der eigenen Handlungsmöglichkeiten, daher verlangt sie selbst nach Veränderung. Diese ist mit der eigenen Lebenswelt abzustimmen – dazu müssen Teilsysteme mit ihr in den Austausch treten oder eben mit ihr kommunizieren. Lohnenswert ist der Rückgriff auf ein klassisches Modell. Aristoteles Dreiklang von Ethos, Pathos, Logos sorgt auch heute noch für stimmige, unmittelbare Kommunikation. Die moderne Lebenswelt wird aber viel stärker durch vermittelte Kommunikation geprägt. Medien verbinden und trennen uns, sie filtern und verstärken, sie sorgen für Unterhaltung, Bestätigung und auch Verstörung. Nur wer ihre Logiken kennt, kann sie für sich nutzen. Das zeigt die mathematische Infor[13]mationstheorie von Claude Shannon und Warren Weaver, sie ist die »Magna Charta des digitalen Zeitalters«. Da uns Informationen über immer mehr Kanäle erreichen, sind die richtigen Fragen oft hilfreicher als Antworten, wie Harold Dwight Lasswell pointiert fragt: »Wer sagt was zu wem über welchen Kanal?« Und dass keine Antwort auch eine Antwort sein kann, hat Paul Watzlawick mit seinen konstruktivistischen Analysen ausgeführt, die von Friedemann Schulz von Thun kongenial weiter verarbeitet werden zum berühmten Kommunikationsquadrat. Rund geht es dann mit dem Goldenen Kreis. Simon Sinek empfiehlt, die Frage nach dem Warum in den Mittelpunkt zu rücken und strategische wie praktische Aspekte hintanzustellen. Warum sich politische Kommunikation so von der Alltagssprache unterscheidet, wird anschließend mittels des wissenschaftlichen Ansatzes des Framings – also der kognitiven Rahmung – dargestellt. Auch im Privatleben schaffen Worte neue Welten, warum dies seit Erfindung des Feuers so ist, zeigt Yuval Noah Harari mit seinen drei Ebenen der Kommunikation eindrucksvoll. Und da es im Wesentlichen Medien sind, die uns in neue Lebenswelten führen, sei ihnen und den Wortführen anschließend viel Raum gegeben. Im Fokus stehen dabei der Journalismus, die sogenannten sozialen Medien, die Public Relations und das neue Feld des Corporate Listening.
Zuhören, Zuschauen und Mitfühlen sind wichtige Teile menschlicher Wahrnehmung – die Brutstätte unseres Bewusstseins. Wie grundlegend Emotionen individuelles Bewusstsein6 oder politische Entscheidungen7 beeinflussen, zeigt die Neurowissenschaft eindrücklich. Kenntnisse neuronaler Informationsverarbeitung sind auch für die Kommunalpolitik zweckdienlich. Daher wird beleuchtet, welches Bild wir uns von der Welt machen, wo die Quelle unseres Bewusstseins versteckt liegt, welche Wegeführung im Gehirn vermutet wird und welche Bewusstseinsmodelle sich gerade ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern. Anschließend will ich zeigen, wie Menschen zu Entscheidungen kommen und warum sie dafür gern auf Erzählungen zurückgreifen. Zwar mag der rationale Austausch von Fakten wünschenswert erscheinen, aber Bedeutung erlangen Informationen erst, wenn sie in eine Geschichte eingebettet werden.
Dies klingt einleuchtend und herrlich unbürokratisch. Storytelling scheint ungeeignet für Behörden, die dem Sachlichkeitsgebot unterliegen. Allerdings haben sie auch einen Informationsauftrag. Ihn zu erfüllen, wird immer mehr zur Herausforderung: Die gesellschaftliche Transformation macht vor Verwaltungen nicht Halt. Daher kommt der Bürokratie ein gesonderter Blick zu. Den Ausgang bilden auch hier die klassischen Modelle. Den Zweck moderner, rationaler Bürokratie hat niemand so nachhaltig verfasst wie Max Weber. Seine liberalen Überlegungen sind heute teilweise überholt. Agilität und Digitalisierung sind Treiber eines Wandels, den innovativen Behörden zur Frischzellenkur nutzen und Mitarbeitende als »Intrapreneure« in einer vernetzten Gesellschaft befähigen.
Dem Aktenstudium folgt ein Spaziergang an der frischen Luft. Der Ausflug in den Wald zeigt, dass die Logiken des Netzwerks keinesfalls menschengemacht sind. Es lässt sich von Flora und Fauna viel lernen. Vielleicht sind Menschen die mächtigsten Baumeister auf diesem Planeten. Die Gestalt ihrer Siedlungen ist [14]zwar durchlässig, aber auch auf Abgrenzung ausgerichtet – wie eine semipermeable Membran, die in der Natur Durchdringung und Abdichtung gewährleistet. Dennoch: Menschen sind wie alle Teile eines Ökosystems nur unter bestimmten Voraussetzungen überlebensfähig. Sie bedürfen einer Nische, die ihnen Schutz bietet, und müssen zugleich in Austauschbeziehungen mit ihrer Umwelt treten. Dies gelingt am besten über eine organisch gewachsene Vernetzung – was abstrakt klingt, wird am Beispiel der Pilze sichtbar. Sie zeigen wie Funktionalität, Verwurzelung und Anpassung ganze Ökosysteme zusammenhalten.
Weil dieses Buch unkonventionell voranschreitet, ist auch der Rückweg kein gewöhnlicher. Wegmarken sind nicht meine Antworten, es sind die Fragen, die zurück zum Stadtgespräch führen. So richte ich im umfangreichsten Kapitel des Buchs Fragen an Menschen, die Wissen vermitteln. Ihre Vorstellungen vom Stadtgespräch, seinen Formen und Ausprägungen, sind im Wortlaut wiedergegeben. Es würde weder ihrem Fachwissen noch ihrer Persönlichkeit gerecht, die Ansichten zu subsummieren und in einen Fließtext zu integrieren. Wer die Worte akustisch auf sich wirken lassen möchte: Alle Gespräche sind als Podcast abrufbar auf der Website https://dl.kohlhammer.de/978-3-17-044450-8.
Zum Schluss versuche ich all die Geistesblitze, Gedankenschnipsel und Ideenkonstrukte zusammenzuführen. Damit soll die Vorstellung eines individuellen und gesellschaftlichen Wachstums begründet, der Wert der Zuversicht bemessen und die Macht der kollaborativen Fortentwicklung gezeigt werden.
Festzuhalten ist: Kommunen haben mehr technische Anlagen als jede Generation zuvor, ihre Bewohnerinnen und Bewohner verfügen über mehr Wissen, sind mobiler und medial global vernetzt – dennoch gleicht unser Umgang mit der Umwelt und die Gestaltung der Zukunft einem Stochern im Nebel. Dieses Buch vermittelt ein Gespür fürs Gelingen, für Gespräche und für Gemeinschaften. Es zeigt, dass Botschaften – egal um im politischen oder im privaten Umfeld – nur unter bestimmten Voraussetzungen ankommen. Sie wirken, wenn Öffentlichkeit als Geflecht von Beziehungen wahrgenommen wird, Kommunikation als Wechselspiel von Reiz und Reaktion und Kognition als Wegbereiter rationaler Entscheidungen.
Liebe Leserin, lieber Leser, es wird Ihnen manches bekannt vorkommen, einiges wird Sie überraschen, Sie werden neues erfahren und sich – hoffentlich – gut unterhalten fühlen. Dies alles sind kognitive Prozesse: Erinnern als Besinnung auf Bewährtes, Entdecken von Anschlussfähigem, Befriedigung der Neugier und Unterhaltung als Konsolidierung oder Entspannung. Daher regt dieses Buch dazu an, ein neues Bewusstsein für moderne Kommunen und zeitgemäße Kommunikation zu entwickeln – und zielt augenzwinkernd auf einen eng umrissenen Kreis an Interessierten. (► Dar. 1).
Dar. 1:Bemerkenswertes Schild im Merkel’schen Bad in Esslingen/Neckar [zurück]
Das Stadtgespräch ist in aller Munde. Jeder weiß etwas davon, spricht darüber und erfährt, was gerade Sache ist. Das macht das Stadtgespräch einfach phänomenal. Betrachtet man es nüchtern, so umfasst es alles, was »in der Stadt immer wieder als Gesprächsthema aufgegriffen, besprochen, erörtert«8 wird. Oder man rückt das Stadtgespräch als »Unterhaltungsthema in einer Stadt« in die Nähe von »Gerede, Gerüchteküche, Klatsch und Tratsch«9. Wer das Stadtgespräch aber aus der Vogelperspektive betrachtet, kann dabei ins Schwärmen geraten, wie nun zu zeigen sein wird.
Um das Stadtgespräch zu ergründen, hilft systemisches Denken. Abstraktionen sind wichtig, um konkrete Phänomene des urbanen Alltags zu verstehen. Städte, Kommunikation, Bewusstsein, Verwaltungen sind allesamt Konstrukte aus einer Vielzahl eigensinniger Subsysteme, die ihrem Wesen nach Ordnung ins Chaos bringen und das eigene Umfeld stabil halten wollen. Die jeweiligen Handlungen sind wie ein Doppelpendel: Ihre Bewegungen scheinen zufällig und ihre Dynamik ergründbar, wenn auch schwer berechenbar.
Grundsätzlich braucht ein Stadtgespräch Lokalbezug. Das Lokale umfasst dabei
die Routinekontakte der Bevölkerung, die in Städten, Gemeinden oder Nachbarschaften ablaufen,
Begegnungsräume wie Wochenmärkte oder Stammtische,
Orte der Stimmabgabe (Wahllokal) und
einen Habitus, der aus der Zusammenführung dieser Komponenten ersichtlich wird.
Das Stadtgespräch ist eine »Ordnungsbegrifflichkeit«.10 Menschliche Gemeinschaften entstehen durch Austausch, in materieller und ideeller Hinsicht. Wir sind auf die Waren und Leistungen anderer angewiesen und auf Entlohnung im Sinne von Anerkennung, Prestige und Wertschätzung. Dazu bilden wir Tauschgemeinschaften, um Güter, Erfahrungen oder Hinweise zu handeln. Der deutsche Soziologe Niklas Luhmann schreibt, dass im antiken Griechenland das »tatsächliche Leben der Menschen in Gemeinschaften eingeteilt war; und dies nicht nur in eine Vielzahl von politischen Gemeinschaften, sondern überall in die der Art nach unterschiedlichen Gemeinschaften von Haushalten und politischen Gemeinschaften.« Im Übrigen stamme aus einer »nicht mehr greifbare(n) Vergangenheit (die) Gepflogenheit, ja, die Notwendigkeit, sich an Meinungen anderer zu orientieren.«11 Diese [17]Orientierung bietet das Stadtgespräch. Und zwar als Form des kommunikativen Handelns. Der deutsche Philosoph Jürgen Habermas würde hier von einer Verständigung sprechen, die eine ergebnisoffene Diskussion und Deutung bestimmter Situationen ist und um Geltungsansprüche kreist. Dieser Prozess verläuft zwanglos, trägt zur Koordination von Handlungen bei, zielt auf höhere Einsicht und erreicht bestenfalls einen rationalen Konsens.12
Fest steht: Es gibt ein Stadtgespräch. Die im Zuge der Recherche befragten Expertinnen und Experten vertreten einhellig diese Auffassung (dazu ausführlich das Kapitel AUFZEICHNUNG). Eine wichtige Erkenntnis aus den Interviews ist, dass Gespräche von Impulsen ausgelöst werden, die sich in lokalen Netzwerken verteilen. Ihre Ausbreitung korreliert mit dem Grad an Intensität: Je mehr Nachrichtenwerte der Impuls entfaltet, desto mehr Multiplikatoren werden erreicht.
Durch die Effekte der Vervielfältigung und der subjektiven Verarbeitung erklären sich sozialpsychologische Unterschiede in der Wahrnehmung des Themas. Der Diskurs ist nicht vorbestimmt. Er lebt vom Engagement, von gezielten Impulsen und der Verarbeitung der Resonanz. Die 22 Interviews zeigen, wie dynamisch Kommunikation wirkt. Kommunikation hat das Vermögen, Gemeinschaften zu formen, Interaktion zu erzeugen, die Teilnehmenden zu beeinflussen, zu bestärken und zu verändern. Voraussetzung ist eine kognitive Eingängigkeit des Themas und eine thematische Verbundenheit der Teilnehmenden. Der Diskurs selbst verläuft kontigent: Ansichten können sich ändern, vorherrschende Trends einander ablösen, bestimmte Ereignisse neue Einsichten zu Tage fördern. Kommunikation bedeutet auch Exposition, die angreifbar macht. Kommunikation führt zu Reaktion, diese ist vor der Äußerung einzuschätzen. Daher wirkt Öffentlichkeit disziplinierend und bestenfalls inspirierend, wenn Formen des zivilen Umgangs eingehalten werden.
Daher liegt die Analogie des Lagerfeuers nahe. Durch Feuer entsteht Licht (im Sinne der Aufklärung) und Wärme (im Sinne der Anziehung). Mit der Entdeckung des Feuers rücken Menschen wie Geschichtenerzähler oder Schamanen in die Mitte der Gemeinschaft, die bislang nichts Materielles beigetragen haben. Es ist daher kein Zufall, dass man Feuer – sprachlich betrachtet – unterhalten kann. So ist Feuer ähnlich voraussetzungsvoll wie Kommunikation. Es bedarf eines brennbaren Stoffes, einer bestimmten Verbrennungstemperatur und Sauerstoff. Fehlt eine dieser Komponenten, sprengt der Funke nicht über oder das Feuer erlischt. Kommunikation braucht, um in diesem Bild zu bleiben, ein Thema (Stoff), ein Vorverständnis (Temperatur) und Publikum (Sauerstoff).
Was der kommunikative Brand bewirkt, hängt im Wesentlichen vom Publikum ab. Was fängt es mit dem Feuer an und was nimmt es mit? Und wie blickt die Gemeinschaft auf das Feuer bzw. wie managt sie den Funkenflug? Das Feuer ist unter ständige Beobachtung zu stellen. Diese Brandwache ist Aufgabe der Medien. Durch Einordnung verleihen sie Normen und Werten erst Sinn, sie erweitern durch Übertragung den individuellen Erfahrungskreis und schränken ihn gleichzeitig durch Filterung ein. Ihre Zuschreibungen schaffen Verständnis, führen zu Erkenntnis und bilden Meinung.
[18]Daher ist es interessant, wie das Stadtgespräch von Lokalmedien wahrgenommen wird: Dieser Begriff wird regelmäßig, vor allem samstags, deutschlandweit verwendet, was eine besondere Aufnahmefähigkeit der Gesellschaft vermuten lässt. Entsprechende Rubriken haben etwa die taz, die Berliner Zeitung, der Trierische Volksfreund und WDR 5 hat eine Hörfunk-Reihe. Der Konstanzer Südkurier organisiert: »Lokalredaktion im Stadtgespräch – Der Mittagstreff im Theater«. Dies trägt der Annahme Rechnung, dass Nahes mehr Aufmerksamkeit findet als Fernes. Zudem soll die Identifikation mit der Lokalität gefestigt werden, weil verlässliche Informationen Handlungsfähigkeit vermitteln.
Ziel ist eine Verständigung, die ein ständiges Aushandeln und Neubewerten der sozialen Realität ist. Jedes Gespräch lässt eine neue Wirklichkeit entstehen, macht im besten Fall Vorstellungen greifbar und rückt sie von der Mikroebene der Kognition über die Mesoebene der Kommunikation auf die Makroebene der Interaktion.
Führt man alle Hauptthesen des Buches zusammen, nämlich:
Kommunikation ist soziales Verhalten,
die Stadt fordert auf Grund ihrer Dichte rationales, berechenbares Verhalten,
Systeme müssen kommunizieren, um in ihrer Nische überlebensfähig zu sein, und
die Abstimmung vernetzter Systeme erzeugt Emergenz – eine sichtbare und kaum vorauszubestimmende Dynamik,
dann zeigt sich das Stadtgespräch als idealtypisches Schwarmverhalten (► Dar. 2). Allen Beteiligten des Schwarms gelingt es durch Kommunikation, ihre Aktionen so aufeinander abzustimmen, dass eine sichtbare kollektive und vielfältige Einheit entsteht.13 Die Eigenlogik dieser Schwärme ergibt ein Schauspiel, das sich in neuen und unerwarteten Formen wiederholt. Durch eine wissenschaftliche oder journalistische Beobachtung und Auswertung dieses Phänomens entsteht ein Bewusstsein für Wechselwirkungen. Dieses erlaubt Rückschlüsse auf den Zusammenhalt der Gruppe.
Die Intensität der Interaktion hängt von der Nähe ab. Außerhalb des Familienkreises sind es Nachbarn, Vereinskameraden oder Kollegen, die soziales Verhalten nachhaltig beeinflussen. Wenn wir Mitmenschen auf der Straße, am Gartenzaun oder via Smartphone beobachten, entdecken wir Entsprechungen, Gleichklänge und Normverstöße. All diese Einsichten führen zu Anschlusskommunikation und weiterer Abstimmung. Wir reagieren so auf äußere Einflüsse, Trends und Strömungen. Jede Äußerung ist Teil eines kollektiven, alltäglichen Manövers, das soziale Struktur und Flexibilität offenbart. Es gibt Orientierungspunkte (Regeln und Leitfiguren), aber die wesentlichen Entscheidungen werden im Kollektiv getroffen. Dazu erforderlich ist Synchronisation14, wodurch individuelles Verhalten erkennbar auf das Kollektiv einzahlt und das Gemeinwesen dem Individuum das gewähren kann, was es zum Fortbestand zwingend braucht: Sicherheit vor Isolation und Achtung seiner Würde.
Dar. 2:Der Schwarm ist der Star (© Hendrik Bogaard) [zurück]
Menschliches Schwarmverhalten äußert sich über Moden, Techniken und Sprachbilder. Es ist mit einem geflügelten Wort: ›der Zeitgeist‹. Dieser erscheint flüchtig, ist aber greifbar, nämlich in gebauten Umwelten. Die Sinnbilder, die unser Leben kennzeichnen, werden manifest in den Strukturen unsere Städte. Ihre Gebäude, ihre Verbundenheit wie auch ihre Abgrenzung zur Umwelt zeigen menschliche Bedürfnisse, die seit Jahrhunderten unverändert sind.
Städte sind modellierte Gespräche. Daher bilden Modelle die Grundlage für den weiteren Diskurs über das Stadtgespräch – hin zu einem besseren Bewusstsein für eine zeitgemäße Kommunikation und den Einflussmöglichkeiten von kommunalen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern.
Was macht einen begrenzten Raum zur Stadt? Dazu fünf steckbriefartige Überlegungen:
Die Stadt manifestiert eine gesellschaftliche Ambition, autonom die Umwelt zu bestimmen.
Die Stadt ist die Summe aus: Markt + Mauer + Stadtrecht + Kultur.
Die Stadt ist republikanisch – als res publica ist sie Angelegenheit der Öffentlichkeit.
Die Stadt zivilisiert. Dichte und Austausch erfordern saubere Anlagen: technische (Straßen oder Parks) wie menschliche (Sprache). Verunreinigung führt zu Krankheiten oder Kränkungen.
Die Stadt verknotet neuronale Punkte im Netzwerk der Gesellschaft – sei es durch technische Bauwerke, Insignien sozialer Macht oder kulturelle Feste.
Hinter diesen Überlegungen steckt die Idee eines Schutzraums, der die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse garantiert, der den Austausch von Waren und Gedanken ermöglicht und eine Plattform für Innovation, Darstellung und Aufstieg bietet. Jeder Möglichkeitsraum braucht normative Systeme und Institutionen. Diese sogenannten »soziale Tatsachen«15 zivilisieren Personen und stabilisieren das Gemeinwesen.
Lokale Gemeinschaften entstehen bereits um 7.000 v. Chr. zwischen der Türkei und Ägypten. Im fruchtbaren Halbmond treiben die herrschenden Eliten Bauern durch Waffengewalt zusammen und bereiten dem nomadischen Leben ein Ende. Sie sichern und weiten ihre Einflusszone. Das ermöglicht der Elite die Umgestaltung der Umwelt. Es ist ein mühsamer, langsamer Prozess. Ihre Dynamik verdankt die Stadt im Wesentlichen der Aufklärung und der anschließenden Industrialisierung. Die Globalisierung, die fortschreitende Beschleunigung und die stete Neuvermessung der Welt beeinflussen die moderne Stadtgestaltung maßgeblich.
Damit starten wir einen Parforceritt durch die Geschichte der Stadt mit dem Ziel, markante Eckpunkte für Metropolen der Zukunft zu benennen. Der oben aufgeführte Steckbrief wird in den folgenden acht Unterkapiteln ausgeführt: Die zur Diskussion gestellten Modelle haben unterschiedliche Baumeister und sind steingewordene Verkleidungen des Zeitgeists. Diese Systematik des Kapitelaufbaus liefert den Schlüssel für ein Bewusstsein, wie Städte soziologisch verfasst sind und woher ihre wirtschaftliche Prosperität rührt. Im Kern geht es um die Frage, wie [21]Städte die Probleme lösen können, die sie selbst verursachen. Es ist ein iterativer, öffentlicher und diskursiver Wettstreit um die besten Ideen.
Wenn es stimmt, dass »Städte nicht in der Natur des Menschen, aber sehr wohl in seiner Geschichte«16 liegen, wie der Politikwissenschaftler Benjamin Barber schreibt, muss die Reise zur modernen Stadt auf dem Marktplatz des antiken Griechenlands beginnen: Die Agora schafft Öffentlichkeiten und ist heute noch Referenzpunkt, wenn es um das Ideal einer Stadt geht.
Die griechischen Metropolen bringen »Glanz und Elend, Eilte und Masse, und in alldem Faszination und Schauder« zusammen.17 Metropolen sind wörtlich Mutterstädte, also Städte, die Kolonien (Tochterstädte) ausgebracht haben. Ihr Gegensatz ist die Provinz. Heute versteht man unter der Metropole den zentralen Ort oder die Hauptstadt. Markenzeichen sind Weltläufigkeit, Urbanität, Anziehungskraft und Ausstrahlung.
Die Stadtstaaten im antiken Griechenland – vor allem Athen und Sparta – sind Motoren der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung. Sie stehen idealtypisch für eine deliberative Demokratie, also einen zivilisierten Meinungsaustausch, der verbindliche Entscheidungen auf Basis eines öffentlichen Diskurses herbeiführt. Der Ausgangspunkt ist ein »unermüdliches Experiment«, in das die Athener Bürgerschaft »verstrickt war: als Träger von Ämtern, als Träger von Verantwortung. So entstand in der Stadt, deren repräsentative Sphäre den Namen Polis trug, jener Kompetenzbereich, den man seither Politik nennt«, schreibt der Kunsthistoriker Rainer Metzger.18
Polis meint ursprünglich die »auf einer Anhöhe befindliche Burg«. Sie hat nicht immer ein städtisches Zentrum (Sparta etwa ist dörflich geprägt) und umfasst oft auch das Umland. Die Polis wird zum Zentrum des Kantons, in dem sie Menschen und Wohlstand konzentriert und ihre Macht über das Umland ausbreitet. Die Sozialstruktur der Polis ist komplex, wesentlich ist der Unterschied zwischen freien Griechen und der Urbevölkerung. Nur erstere genießt das volle Bürgerrecht. In Athen, dem »Muster der höchstentwickelten Polis«19, leben etwa 200.000 Menschen, 30.000 Männer kommen in den Genuss des Rechts auf Mitgestaltung.
Was Griechen begeistert, ist Auseinandersetzung, Diskurs, ein »vitales Vis-à-Vis von Kontrahenten«. Es geht »nichts ohne Wettbewerb, kein Theater ohne Konkurrenz der Dramatiker, keine Spiele ohne Sieger, und auch der Krieg, den sie in den Schlachtreihen der Phalanx führten, hatte seine sportive Seite«.20 Er nennt die rhetorischen Diskurse eines Sokrates (»taxiert von einem Publikum«) in einem Atemzug mit den panhellenischen Kampfspielen. Mit ihrem kultisch-sakralen Charakter sichern sie den Landfrieden zwischen den Städten, sorgen für einen sozialen Wettkampf und vermitteln kulturelle Gemeinsamkeit. Berühmtestes Beispiel sind die Olympischen Spiele (776 v. Chr. bis 393 n. Chr.). Die Siegerlisten sind die ersten [22]schriftlichen Zeugnisse des archaischen Griechenlands und dank der Buchstabenschrift auch heute noch interessant. Die Bedeutung der olympischen Spiele in der Neuzeit wird noch thematisiert.
Zugang haben die Griechen zu drei öffentlichen Bereichen: die Nekropolen (Bereich für die Toten), die Orte für die Heiligtümer und die Agora, den Platz der Politik. Die öffentliche Zusammenkunft wird hier zum Ritus. Die Agora als antiker Marktplatz wird etwa 560 v. Chr. von Peisistratos errichtet, dem »Prototyp des volkstümlichen Tyrannen.«21 Gelegen zwischen der Akropolis und zwei Hügeln finden sich dort Monumente, Denkmäler, Tempel und politisch-funktionale Gebäude. Im Nordwesten findet sich ein Marmorpfosten mit der Inschrift »Ich bin der Grenzstein der Agora«, unweit vom Staatsgefängnis, in dem Sokrates hingerichtet wurde.
Dar. 3:So stellt sich KI (Dall-E) die Agora vor (Februar 2024)
Die Agora ist der Ort für das kulturelle und religiöse Leben der Gemeinschaft. Hier treffen sich »Gleichen unter Gleichen«, so Hannah Arendt. Es ist ein Zusammenkommen auf Augenhöhe, herrschaftsbefreit. Arendt schreibt: »Das Politische, in diesem griechischen Sinne verstanden, ist also um die Freiheit zentriert, (es ist) ein nur von Vielen zu erstellender Raum, in welchem jeder sich unter seinesgleichen bewegt.«22 Die Griechen sind sich bewusst, dass es neben dem öffentlichen Raum auch einen privaten Bereich des Rückzugs geben muss. Im Haushalt befriedigen Menschen ihre »eigentlichen physisch-natürlichen Bedürfnisse«, so Arendt.23 Das Private legt den Grund der Ökonomie: Der Haushalt ist im Griechischen oikos.
Privates und öffentliches Leben sind demnach streng zu trennen. Das Private schafft das Refugium und damit den erforderlichen Spielraum für einen Auftritt in der Agora. Dieser Auftritt ist unerlässlich, will man mehr als die Existenz absi[23]chern, also etwa Spuren für die Nachwelt hinterlassen. Das Privatleben ›idion‹ hat auch heute keinen guten Beiklang. Denn als Einzelner (idiòtes) lässt sich das Überleben nicht sichern. Dies geht nur über die Zusammenführung der Haushalte in der »Sphäre der Politik«24 und das ist der öffentliche Raum.
Öffentlichkeit – abgeleitet von publicus – ist Gegenbegriff zum Geheimen oder Privaten. Dass Menschen zusammenkommen, ist das »allgemeine Öffentlichkeitsprinzip der Demokratie«, wie es das Bundesverfassungsgericht vorschreibt.25 Öffentlichkeit zu definieren, gelingt durch die Zusammenführung von sprachlichen, soziologischen und rechtlichen Vorstellungen. Sprachlich ist die Sache einfach. Für den Duden ist Öffentlichkeit der »als Gesamtheit gesehener Bereich von Menschen, in dem etwas allgemein bekannt [geworden] und allen zugänglich ist«26. Philosophisch spricht man dort von Öffentlichkeit, »wo Menschen an die Grenzen direkter Beziehungen untereinander stoßen und es notwendig wird, nicht allein dem Eigenen zu trauen, sondern auch mit nicht bekannten Anderen eine Umgangs- und Verkehrsform zu finden.«27
Wichtigste Referenz für Fragen, die die Öffentlichkeit betreffen, ist der Philosoph Jürgen Habermas, der die Idee der sichtbaren Sphäre kommunikativen Handelns umrissen hat.28 Hier verläuft der Diskurs zwanglos, Ziel ist ein rationaler Konsens, Verständigungsprozesse dienen einer einvernehmlichen Koordinierung von Handlungen. Der Austausch von Argumenten zielt perspektivisch auf höhere Einsicht und wirkt integrativ. Der Diskurs ist durch Sitten, Normen und Prinzipien gekennzeichnet wie etwa die Gleichheit aller Teilnehmer – also ein fair verteiltes Recht auf Rede und Aufmerksamkeit des Publikums, die Problematisierbarkeit aller Themen, also die Möglichkeit, jedwede Angelegenheit öffentlich zu verhandeln, und eine Unabgeschlossenheit des Publikums. Wer das Wort ergreift, muss sich verständlich machen können und erhebt letztlich einen Anspruch auf Wahrheit, Wahrhaftigkeit und Richtigkeit – seine Aussagen müssen Entsprechungen in der Wirklichkeit finden.29 Die Öffentlichkeit wird zur zentralen Legitimationsinstanz der Republik – die Res publica ist eine Herrschaft, die sich des Wandels der Öffentlichkeit bewusst ist und eine fortwährende, egalitäre Debatte einfordert.
Allerdings: Die Öffentlichkeit ist selten ein aufgeschlossener Raum mit unvoreingenommener Beratschlagung und wechselseitiger Anerkennung. Wahrgenommen zu werden, bleibt oft ein frommer Wunsch. Geht er in Erfüllung ist oft kritisches Feedback die Folge. Fraglich scheint, ob eine moderne Gesellschaft in der Arena tatsächlich zu sich selbst finden kann. Denn: Erstens ist die Macht der Aufmerksamkeit durch Traditionen oder Konventionen ungleich verteilt. Durch öffentliche Positionierung machen Menschen sich angreifbar. Sie laufen Gefahr, ihr Gesicht zu verlieren. Es wächst die Angst vor der Meinung anderer Menschen, die der Psychologe Michael Gervais auf die Formel FOPO (Fear Of People’s Opinions) bringt. Sie kann davon abhalten, individuelles Potenzial auszuschöpfen. Diese Angst sei zu einer irrationalen Obsession geworden, die weitreichende negative Auswirkungen hat. »Indem wir uns immer weniger darauf konzentrieren, was uns einzigartig macht – unsere Talente, Überzeugungen und Werte – und stattdessen versuchen, den Erwartungen anderer zu entsprechen, schränken wir uns ein.« [24]Gervais Ausführungen erinnern stark an die Forschung von Elisabeth Noelle-Neumann über menschliche Vorsicht, die zu Furcht und einer Schweigespirale führt. Die öffentliche Meinung sei jene, die man ohne Gefahr von Sanktionen öffentlich aussprechen kann. Das macht sie zur vorherrschenden Meinung, die zu beachten ist, weil sie Zuwiderhandeln mit Isolation bedroht.30 Um die Angst vor den Meinungen anderer zu überwinden, empfiehlt Gervais Selbstbewusstsein. »Wir sollten eine tiefere Verbindung zu unseren inneren Überzeugungen und Werten aufbauen. Ein erster Schritt dazu ist die Entwicklung einer persönlichen Philosophie, die als Kompass für unsere Handlungen, Gedanken und Entscheidungen dient.«31
Das kann aber nicht im luftleeren Raum geschehen. Um im öffentlichen Diskurs zu bestehen, ist es vorteilhaft, seine aktuellen Spielregeln zu kennen und zu beherrschen. Tonangebend sind Meinungsführer – die die Politologen Thomas Friemel und Christoph Neuberger als »konstitutive Knotenpunkte der Netzwerköffentlichkeit« bezeichnen. Sie übernehmen Rollen, die weder vorbestimmt noch statisch sind. Öffentliche Kommunikation ist mehr ein »sinnhaftes Handeln, das wechselseitig aufeinander bezogen ist«. Sie befördert Varianz und Dynamik. Weil die Relationen der Knotenpunkte so wichtig sind, hängen ihre kommunikativen Handlungen von einem lokalen, für sie beobachtbaren Umfeld ab. Äußerungen dienen dem Ziel, Aufmerksamkeit zu gewinnen, die Reputation zu pflegen und die Meinungsbildung im Netzwerk zu beeinflussen. Weil die Rollen in einem dynamischen Netzwerk nicht festgelegt sind, ergeben sie sich aus den jeweiligen Handlungen. Der Prozess der öffentlichen Meinungsbildung ist dynamisch, Themen nehmen Karrieren entlang eines volatilen öffentlichen Interesses. Öffentliche Kommunikation entwickelt sich folglich von einem »kontrollierten, periodischen, linearen und abgeschlossenen zu einem offenen, kontinuierlichen, interaktiven und zyklischen Prozess«.32
Um zu erkennen, was Karrieren befördert, ist die Textur der Öffentlichkeit zu beschreiben. Sie als Gegensatz des Privatlebens zu begreifen, scheint zu einfach, dient aber als Bezugspunkt, da der Mensch in der arbeitsteiligen Gesellschaft nicht als Selbstversorger durchkommt, sondern auf die Zusammenarbeit, die Akzeptanz und die Wertschätzung anderer angewiesen ist. Anerkennung macht Menschen zum Knotenpunkt im sozialen Netz. Diese hängt ganz wesentlich mit seiner Bekanntheit zusammen, die durch sichtbares, öffentlich wahrnehmbares Handeln erlangt wird. Es geht um Repräsentation, also darum, dass stellvertretend »im Namen von Anderen« und »im Angesicht von Anderen« das Wort ergriffen und gehandelt wird.33 Das erfordert Sichtbarkeit, die im öffentlichen Raum zu erlangen ist. Dazu gibt es Voraussetzungen, Gesetzmäßigkeiten und Spielregeln. Was öffentlich be- und verhandelt wird, folgt bestimmten Interessen, daher ist auch die Begrifflichkeit »öffentliches Interesse« rechtlich unterlegt. Dabei handelt es sich um einen nicht normativ festgelegten Begriff, sowohl Verwaltungen wie auch die Staatsanwaltschaft können im Einzelfall »öffentliches Interesse« geltend machen. Im Verwaltungsrecht sind damit Belange des Gemeinwohls gemeint, also entweder die Handlungsfähigkeit der Kommunen oder auch schützenswerte Interessen größerer sozialer Gruppen. Wenn es beispielsweise um die Errichtung einer Unter[25]kunft für Geflüchtete geht, können Anwohner schützenswerte private Interessen geltend machen, die Kommunen pochen auf ihre gesetzliche Pflichtaufgabe zur Unterbringung. Was nun überwiegt, liegt im Ermessen des Betrachters, egal ob Journalist oder Richterin.
Ob und was öffentlich verhandelt wird, entscheiden oft die Gesetzmäßigkeiten des Marktes. Sie bilden sich im Übergang zur Moderne heraus, wie der deutsche Soziologe Max Weber zu Beginn des 20. Jahrhunderts anschaulich beschrieben hat.
Städte sind Siedlungen, die an günstigen Lagen entstehen. Etwa an Flussfurten oder Bergpässen, die Anlaufstelle sind für Händler und Reisende. Eine Nutzung als Rast- oder Umschlagsplatz bzw. die Passage ist zu vergüten. Häufig befestigen geistliche oder weltliche Herrscher zusätzlich Orte, die Handwerker für ihren Haushalt nutzen können. Zur Versorgung der Handwerker und zum Austausch mit den durchziehenden Händlern entsteht ein Markt, der rechtliche Privilegien genießt, etwa dass in Nachbardörfern kein Markt eingerichtet werden darf.34 Privilegien sind nicht nur zu gewähren, sondern auch abzusichern. Daher werden die Siedlungen befestigt und durch Wälle oder Mauern umschlossen. Dass viele Städte heute noch die Burg im Namen tragen, zeugt davon. Im Hoch- und Spätmittelalter erkämpfen sich Städte Freiräume und knüpfen weiträumige Handelsnetze wie etwa die Hanse. Dominiert werden sie von einem Logistikzentrum; eine solche Gateway-City verfügt über einen Zugang zum Meer. Venedig, Genua oder London verbinden ihr Hinterland und die Weltwirtschaft, indem sie Produkte wie Wissen schaffen, bündeln und verteilen.
Dieser historische Schnelldurchgang umreißt die Grundsätze, die Max Weber am Phänomen Stadt ausgeführt hat. Sein Kerngedanke ist: Aufklärung und Fortschritt entstehen durch freien Austausch von Gütern, Waren und Ideen. Dies erfordert eine individuelle Spezialisierung. Für den Einzelnen ist es nur vernünftig, aus einer Nische heraus die Stadtgesellschaft zu bereichern, um von ihr zu profitieren. Die Marktwirtschaft ist Triebkraft einer florierenden, modernen Stadt.35
Max Weber weist die These anhand der Struktur und Dynamik der Städte im Mittelalter nach. Die Stadt wandle sich zum Gebilde, das »die Einheit von politischer Souveränität, religiöser Moral und geldvermittelteter Tauschwirtschaft« gewährleiste.36 Mit seiner kulturvergleichenden Forschung hebt er sich von den ideologischen Debatten zwischen Sozialismus und Konservatismus ab. Als Modernist will er historische Wahrheiten, Gesetzmäßigkeiten und Beziehungen ergründen.37
Der »Verband der Stadtgemeinde« formt den Ausgangspunkt der abendländischen Demokratie. Die Urbanisierung erschafft eine Psychostruktur, deren Rationalität sich in der Steigerung von Prozessen, der Beherrschung der inneren und [26]äußeren Natur und der Berechenbarkeit sozialer Handlungsabläufe zeigt. Es geht im Konkreten darum, was Politik im Ganzen ausmacht, also »soziales Handeln, das auf Entscheidungen und Steuerungsmechanismen ausgerichtet ist, die allgemein verbindlich sind und das Zusammenleben von Menschen regeln.«38 Die Stadtgemeinde wird getragen von einer spezifischen Rechtsordnung. Kernelement ist das Bürgerrecht, geprägt von rationalen und formalen Normen. Das erhebt die Bürger in einen eigenen Stand, stattet sie mit Privilegien und Pflichten aus. Ein »stadtratlicher« Verwaltungsstab konstituiert und stabilisiert die Ordnung nach außen und setzt nach innen den Gehorsam der Bürger durch. Kraft schöpft die Gemeinschaft aus einer religiös kultischen Ordnung: Einem »asketischen Protestantismus«39. Die sakrale und bürgerliche Rechtsgleichheit manifestiert sich durch einen Schwur, in dem sich jeder von anderen Zugehörigkeiten lossagt und für eine Selbstermächtigung ausspricht. Dieser Eid macht den Einzelnen zu einem handlungsmächtigen Akteur, der sich bereiterklärt, Teil einer neuen Gemeinschaft zu werden.
Ökonomisch getragen wird die Kommune vom Markt – einer Ordnung, die am Bedarf orientiert ist und durch Tauschbeziehungen, Dynamik und rationales Erwerbsstreben gekennzeichnet ist. Dies sei eine neue Sphäre der Menschheit, weil der Lebensunterhalt individuell zu erwirtschaften sei und nicht mehr aus einer Sippe oder Verwandtschaft erwachse, so Weber.
An die Stelle des Privathaushalts tritt der Markt als ökonomisches Organisationsprinzip, das einen neuen Menschenschlag herausbildet. Der Homo oeconomicus achtet auf Nutzenmaximierung, Zugewinn und Konkurrenzfähigkeit. Der Markt schafft durch Auswahl und Wettbewerb eine neue Form des Miteinanders. Er ist die »unpersönlichste praktische Lebensbeziehung, in welche Menschen miteinander treten können. Nicht, weil der Markt einen Kampf unter den Interessenten einschließt […]. Sondern, weil er spezifisch sachlich, am Interesse an den Tauschgütern und nur an diesen, orientiert ist. Wo der Markt seiner Eigengesetzlichkeit überlassen ist, kennt er nur Ansehen der Sache, kein Ansehen der Person, keine Brüderlichkeits- und Pietätspflichten.«40
