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Es gibt kein Problem, das sie beim Spazierengehen nicht lösen kann. Ob sie sich ärgert, verliebt ist, nicht mehr ein noch aus weiß, die „Stadtstreicherin“ zieht ihre Wanderschuhe an, streift ihren olivgrünen Parka über und natürlich einen Kuschelschal. Dann bricht sie auf, geht zu Fuß durch Berliner Großstadtkieze, schaut auf Menschen, Tiere, Zeitgeister und in ihre eigene Seele. Wenn Sie mehr erfahren wollen über das „Zitzeln“, das „Muddeln“; was einen Loslassspaziergang von einem Brotspaziergang oder gar einem Spaziergang interruptus unterscheidet, dann finden Sie Antwort und Inspiration in diesen Texten und Gedichten.
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Seitenzahl: 139
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Wenn eine Literatin schreibt, dann merkt sie manchmal selbst nicht, an welchen Stellen Phantasie und Wirklichkeit verwischen, zusammenfließen und verschmelzen. Sie schnappt Dinge auf, vermengt sie mit dem eigenen Erleben tagsüber und im Traum. Am Ende ist sie in das eigene Werk verliebt und möchte nichts mehr streichen. Dann ist es allerdings bereits passiert: Fabelwesen streifen durch die Geschichten und ähneln tatsächlich existierenden Personen, die sich dann manchmal mehr, manchmal auch weniger geehrt fühlen möchten.
Darum ganz klar und ein für alle Mal: Die “Stadtstreicherin” setzt sich aus verschiedenen Spaziergängern und –gängerinnen zusammen. Wenn Sie meinen, handelnde Personen oder Umstände wiederzuerkennen, sind Sie ganz bestimmt auf dem Holzweg, denn nichts ist so, wie es zu sein scheint, und ich wollte ganz bestimmt keine lebenden oder verstorbenen Menschen absichtlich verletzen. Darum sind Ähnlichkeiten zufällig, nicht zu vermeiden, aber keineswegs gewollt.
Katrin Panier-Richter, im Sommer 2008 in Berlin
Katrin Panier-Richter lebt zurückgezogen in Berlin. Am liebsten spaziert sie unerkannt durch die Stadt und sitzt ansonsten in ihrer Schreibwerkstatt.
Bisher erschienen von ihr:
"Sex gehört dazu. Geschichten vom Erwachsenwerden”,
>Schwarzkopf & Schwarzkopf<, Berlin, 2003
"Zu Hause ist, wo ich verliebt bin. Ausländische Jugendliche in Deutschland erzählen”,
>Schwarzkopf & Schwarzkopf<, Berlin, 2004
"Die schlimmsten Gitter sitzen innen. Geschichten aus dem Frauenknast”,
>Schwarzkopf & Schwarzkopf<, Berlin, 2004
"Die dritte Haut. Geschichten von Wohnungslosigkeit in Deutschland” ,
>Schwarzkopf & Schwarzkopf<, Berlin, 2006
"Mit einem Bein auf der Couch. Therapeutengeschichten”,
>Books on Demand<, Norderstedt, 2007
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"Guten Morgen, Brad Pitt!”, rufe ich dem jungen Mann zu, der gerade an mir vorüber stürmt. Ich bin in so einer Laune, und er stutzt. Tatsächlich bleibt er stehen, dreht sich um, wohl, um abschätzen zu können, wer die verrückte Lady ist, die so etwas laut ausruft. Obwohl es längst nichts Ungewöhnliches mehr ist, durch die Stadt zu gehen, scheinbar in Selbstgespräche vertieft. Seit fast jeder ein Handy hat, liegt ein ständiges Gemurmel wie eine Klangwolke über Berlin. Was auch den Vorteil hat, dass ich manches spazierend los werde in die gleichgültige Luft, das sich sonst am Ende in mir aufstaute und von innen drückte. So weit lasse ich es nicht kommen. Lieber stimme ich in den Chor ein, als schimpfender, wehklagender, rumorender Mezzosopran; auch, wenn ich gar kein bewegliches Telefon besitze.
Brad Pitt in meinem Kiez hat sich entschieden. Er hält mich keineswegs für verrückt und einer Antwort würdig. "Na ja, sein Auto hätte ich schon gern!" Lacht, winkt und eilt weiter Richtung Stadtbahn. Wieso das Auto?, denke ich. Und was für eine Marke fährt der Schauspieler überhaupt? Ich habe keine Ahnung. Warum hätte er nicht gern die anmutige Frau an der Seite des Hollywood-Mimen? Hat er vielleicht längst eine, die sein Herz besetzt? Und die weitaus bezaubernder ist in seinen Augen als noch die allerschönste Angelina?
Mag sein, der junge Mann ist viel zufriedener mit sei-„WARM LAUFEN“ nem Leben, so, wie es ist – abgesehen natürlich von Brads Nobelkarosse, klar. Zurückgezogen, unaufgeregt, ein so genanntes einfaches Dasein. Ich habe schon oft gedacht, ist es eigentlich Fluch oder Segen, dass einige von uns ganz nach oben gespült werden, ins Licht; andere dagegen unerkannt bleiben – und doch Teil des Lebens.
Mir fällt mein Freund Bruno ein. Bruno sieht aus wie ein Zwillingsbruder des berühmtesten lebenden deutschen Schriftstellers. Nobelpreisträger der eine, Bewohner einer betreuten Anlage für abgestürzte und wieder aufgefangene Menschen der andere. Bruno hat noch nie etwas Längeres geschrieben. Er ist stolz darauf, dass er als ehemaliger Analphabet seinen Namen malen und mir zu Weihnachten, zum Geburtstag, zu Ostern einen Gruß auf eine Karte meißeln kann. Und doch schaut er mich manchmal so an, als wüsste er genau Bescheid über kreatives Arbeiten, über die Qualen und den Jubel einer künstlerischen Existenz. Wenn er mir etwas schenkt, dann lässt er das erkennen: Er hat mir zugehört und mich verstanden. Vor mir, auf meinem Schreibtisch, steht eine acht Zentimeter große Yoghini im Lotussitz mit zum Gebet gefalteten Händen und einem Haarknoten. Sie blickt auf vier Kerzen und ein Räucherstäbchen wie der Steuermann in einem Ruderboot auf seine Ruderer. Bruno weiß, dass ich Yoga übe, und er weiß, dass ich mich gern beim Arbeiten von schönen Dingen inspirieren lasse. Bruno ist Bruno und nicht Günther Grass. Aber manchmal sieht der eine dem anderen zum Verwechseln ähnlich. Und was Bruno an sanfter Autorinnenunterstützung für mich tut, könnte der große Autor, wäre er mein Mentor, auch nicht liebevoller tun. Wäre ich den Weg ins Rampenlicht gegangen, hätte ich dem Prominenten begegnen können. So aber begegnete ich dem völlig unbekannten Bruno, und das nur, weil wir gemeinsam eine Gruppe des offenen Visiers besuchen.
Zum neuen Jahr bekam ich von Bruno einen schmalen roten Kalender, der bequem in die Tasche meiner Popeline-Jacke passt. Rechts das Büchlein, links ein Kugelschreiber. In die oberen Taschen meinen Wohnungsschlüssel und ein bisschen Geld. So marschiere ich los, wie ich immer wieder los marschiert bin. Schon beim Tagebuchschreiben am Morgen habe ich gesehen: Heute ist ein wunderbarer Tag. Frühling im Januar. Die Sonne ruft nach mir, es hält mich nichts am Sekretär. Ich ziehe Stiefel an aus einem wasserdichten Material, denn der Boden am Fluss ist matschig vom halb aufgetauten Eis der letzten Tage. Ich muss ein wenig balancieren. Dieser Weg hat mich schon oft gerettet. Eine Stunde Fußmarsch von S-Bahnhof zu S-Bahnhof, immer am Wasser entlang, bis zum Hafen. Ich ging ihn allein, zu zweit, früh am Morgen, mitten in der Nacht, mit Freunden, Kollegen, meinen Kindern, Müttern, Vätern, Geschwistern, Tieren. Hier fanden Arbeitsverhandlungen, Problemgespräche, Liebesschwüre statt. Und ich werde nicht müde, diese fünf, sechs Kilometer wieder und wieder abzulaufen; sie werden mir nie langweilig, sind immer neu. Eigentlich müssten im Sand der Wege schon tiefe Rinnen sein, die nur von meinen Füßen stammen. Ich freue mich darauf, auch heute wieder gehend hier Eingebungen zu suchen. Ich horche, schaue, rieche und erwarte nichts. Falls doch ein Gedanke kommt, habe ich ja Brunos Notizbuch in der Tasche und kann ihn aufschreiben. Falls keiner kommt, ist es auch nicht schlimm. Dann kommt er eben morgen oder übermorgen. Ich muss nur raus gehen, ein Bein vors andere setzen, spazieren.
Mir kommt eine Frau entgegen. Je näher sie ist, um so klarer kann ich sie erkennen. Julia Roberts, die vorn in ihrem dicken Mantel eine Miniatur ihrer selbst stecken hat. Die junge Frau mit den langen dunklen Locken trägt ihr Baby mit dem Gesicht voran, und sie spricht mit dem Kind. "Na, alles in Ordnung da vorn bei dir?", fragt sie gerade, als sie auf meiner Höhe ist. "Ja", antwortet laut und deutlich die Mini-Julia, die eigentlich noch gar nicht sprechen kann.
Ich muss lachen und bin angesteckt von der Lebensfreude dieser im selben Rhythmus sich wiegenden Mutter-Kind-Harmonie. Die beiden müssen keine Paparazzi fürchten; sie wandern ungestört auf meinem Weg.
Spazieren gehen ist ein Menschliches. Es kostet nichts, und alles, was man dafür braucht, hat Gott – oder wer auch immer - uns bereits von Natur aus angebracht. Für mich gibt es nichts, das durch einen Spaziergang, eine Wanderung, nicht besser wird; milder und erträglicher. Seit vielen Jahren bin ich eine Stadtstreicherin, zu jeder Jahreszeit, bei jedem Wetter.
Darum stelle ich dieses Buch auch unter den Gedanken des Spazierengehens; jede Kapitelüberschrift soll Sie als Leser daran erinnern. Ich nehme das sehr oft ganz wörtlich: Es kommt tatsächlich vor, dass ich weiß, zu welcher Art Spaziergang ich heute aufbreche. Zu einem Dankbarkeits-, Loslass-, Gebetsspaziergang etwa. Dass sich dieses Büchlein mit seinen Geschichten und Gedichten auf diese Weise gliedert, habe ich übrigens eines Nachts geträumt. Ich sah es deutlich vor mir und dachte noch: "Ach, so einfach!" Nun setze ich den Traum in die Tat um, lade Sie ein, mit mir ein wenig zu gehen und hoffe, ich kann Sie in meinen Spazier-Takt locken.
Weiterfahren, schnell weitergehn,
und dabei die klaren Konturen nicht sehn.
Sie versucht, mitzuhalten
und weiß doch schon lang,
alle Feen ziehn an ihr: Stop. Halt an. Sei nicht bang.
Sie sitzt schon so lange in diesem Zug,
umklammert ihr Ticket.
Jetzt ist es genug.
"Beim nächsten Halt. Nur noch eine Station .."–
Wie lange – zu lange – betäubt sie so schon
die Stimme, die warnt. Die Helfer, sanft, unsichtbar.
Jetzt muss sie aussteigen, sie fühlt es so klar.
Im Weiterrasen, im Vorwärtsrennen
wird sie den nächsten Schritt nicht erkennen.
(Juni 2002)
Welcher Hollywood-Schauspieler war das gleich, von dem ich mal zitiert gelesen habe, er sei dermaßen sensibel, dass er glatt bei einer Supermarkteröffnung weinen könnte...? Ich glaube mich an Bruce Willis zu erinnern, als er sich auf eine Rolle vorbereitet hatte, die besondere Empfindsamkeit von ihm verlangte. "Aha", dachte ich damals. "Diese Künstler und ihre Reklamesprüche."
Die älteste Kaufhalle in meinem Kiez wurde letztes Jahr geschlossen und dem Erdboden gleich gemacht. Sie war immerhin ein Teil meiner Geschichte. Zu ihr hinauf führten breite Showtreppen mit doppelten runden Eisengeländern, wie abgemessen der Abstand zwischen ihnen für die Achselhöhlen von Kindern. Es gab gar keine andere Möglichkeit als nach dem Kindergarten diesen Platz anzusteuern. Die Mütter und Väter gingen Einkaufen oder hielten ihre müden Gesichter einfach ein bisschen in die Sonne, während die Lütten kreischend wieder und wieder jene Stufen erklommen, die Arme ins Geländer einhakten und hinunter rutschten. Kein Spielplatz hätte mehr Spaß bringen können. Das Metall der langen abschüssigen Rohre war schon glänzend glatt von Kinderanoraks und -pullis. Hier, damals schon sinnend über das rechte Tempo in meinem Leben, saß ich beinahe jeden Tag und schaute meinen beiden ausgelassenen Ablegern zu. “Mama, heute musst du keinen Beitrag machen.”, entschieden sie oft für mich, die “Rasende Reporterin”. Sie wollten mich für sich haben und hatten schnell heraus-„Ebekommen, was Freiberuflichkeit ist. “Wenn man sich selbst aussuchen kann, ob man arbeiten möchte oder nicht.” Klar!
Es gab einige Gelegenheiten, in denen wohlmeinende Kollegen mir signalisierten, jetzt wäre eine Bewerbung fürs Festangestelltwerden günstig. Doch kaum hatte ich so einen Plan im Familienrat vorgestellt, da schüttelten Anne und Jan ihre Köpfe: "Lieber weniger Geld, aber dafür bist du da." Tja, was sollte ich mich dagegen wehren. Es war ja auch genau das, was mein Innerstes mir riet. Ganz egal, welcher Zeitgeist gerade herrschte. Ohne Rücksicht auf meinen Kontostand.
Es ging mir nahe, als Geländer, Showtreppen, die gesamte Kaufhalle einfach abgerissen wurden. Anne und Jan sind erwachsen. Längst studieren sie und wohnen nicht mehr hier, bei mir. Trotzdem tat es eigenartig weh. Bis dahin war mir gar nicht klar gewesen, wieviel die alte Halle mit meinem Leben zu tun gehabt hatte. Allein der Tag, an dem wir alles, was wir bis dahin nur westgeldlos in Intershops bewundern konnten, plötzlich in unserem Konsum kriegen konnten. Für eigenes, selbst verdientes, neu glänzendes Geld, das aus dem Portemonnaie! Gestern noch Zetti-Schokolade und "Im Nu"-Kaffee, heute Sarotti und Jacobs Krönung. Das war verrückt, und ich irrte durch die bunten, schreienden, überquellenden Gänge; glaubte, zu träumen.
In dieser Kaufhalle lernte ich eines Tages, die hochprozentigen Regale zu meiden. Es war ein anderes Einkaufen seitdem. Genau hinschauen, das Kleingedruckte lesen, für das ich später eine Brille brauchte. Sogar in Joghurts, Kuchen, Süßigkeiten, Soßen oder Dosensuppen können Liköre, Brände, Weine gemischt sein, und dann kaufe ich das nicht. Auch das Kapitel – länger als 14 Jahre her – verbindet mich mit diesen Räumen.
Sie existiert nur noch in meiner Erinnerung, die alte Halle. Zwölf Monate lang gab es an ihrer Stelle zuerst einen großen Platz mit Sand, dann ragende Eisengeflechte für das neue Betonfundament. Wie alle im Kiez staunte auch ich darüber, wie schnell der Bau voranging. Ein Ärztehaus sollte entstehen, in seiner untersten Etage wieder ein Supermarkt. Heute Morgen wurde er feierlich eröffnet. Der Liebste war schon vor Ort und schien begeistert. Viele der früheren Verkäuferinnen seien wieder da; die prominenten, allgegenwärtigen Gesichter an den Kassen. Alle wären guter Laune. Der Kiez hat wieder seinen Dorfplatz, den Mittelpunkt, an dem sich alles trifft.
Da muss ich natürlich auch mal gucken, schon aus Neugier. Ich sehe Luftballons, höre "Time of my life" aus Lautsprechern, und ich ahne Schlimmes. Eine Völkerwanderung ist im Gange, und ich kann doch nicht vor all den Leuten Tränen fließen lassen. Also atme ich tief durch, schniefe einmal, stürze mich dann tapfer in den Edel-Tempel, wo es einfach alles gibt. Die feinsten Salate, zwanzig Sorten Kartoffeln, auch Kosmetika. Ich hatte eigentlich etwas für mein Mittagessen aussuchen wollen, aber es geht nicht. Woher kommt die Rührung? Noch ein Schritt, und ich werde wirklich weinen. Bruce, komm, lass uns einen Kaffee trinken. Ich verstehe dich so gut!
Aber wir hätten nicht mal Platz im winzigen Bistro der Halle. Sämtliche Stühle unter den überflüssigen Sonnenschirmen sind besetzt. Die Koffein-Dealer haben alle Kannen voll zu tun. Ernste Kaffeetrinker sitzen da und schauen auf die anderen, die Hastenden, als wollten sie sagen: "Ja-haha, wir wissen schon Bescheid, ihr noch nicht. Aber seht euch ruhig um, ihr kommt schon auch noch da hin, wo wir bereits sind."
Ich verlasse fast fluchtartig den neuen Markt. "Ups, I did it again", schluchzt draußen gerade Britney Spears. Jetzt könnte ich weinen, wenn ich noch wollte, aber der Kloß in meinem Hals hat sich aufgelöst. Britney bewirkt auch eher eine Ernüchterung. Was sie einwirft, bietet kein Supermarkt an.
Zum Einkaufen bin ich nicht imstande. Ich wende mich meinem Heimweg zu. An mir vorüber eilt ein Mann mit einem Tragekörbchen im Arm. Beim näheren Hinsehen liegen da weder Gurken noch Tomaten drin, sondern sein Enkel. "Gibt´s die auch hier?", frage ich. "Nein, ich glaube nicht." Spricht er und bringt seinen Schatz in Sicherheit.
Alles dran, sagen die Erleichterten.
Ein gesunder Säugling, die Mediziner.
Das Kindchenschema! Runde Stirn, große Augen, winziger Mund.
Muß uns ja nahe gehen, wie sollten wir sonst per Instinkt unseren Nachwuchs beschützen.
Alles Evolution, meinen die Biologen.
Ganz nett, aber teuer, stöhnen die Gestressten.
Anerkennung der Vaterschaft interessiert die Gestrengen im Amt.
Nur die Langsamen sehen den Blick in die Unendlichkeit
durch die Augen eines kleinen Kindes.
Blauer Samt, wissen die Poeten.
(November 2004)
Zum neuen Jahr habe ich mir ein Kleidchen gekauft. Himmelblau mit rot-braunen Aufdrucken. "Ein Baumkleid" sagt der Liebste, weil es für ihn lauter kleine Apfelbäume sind. "Ein Fliegenpilzkleid", sage ich. Fliegenpilze oder vielleicht Fabel-Bäume aus Erdbeeren mit Stielen hatte ich darin gesehen. Was aber noch viel wichtiger für mich war, als ich durch den Menschenrummel ausgerechnet vor dem Jahreswechsel-Fest am größten Boulevard der Stadt wieselte – die falsche Person zur falschen Zeit am falschen Ort! -, das war die innere zwingende Notwendigkeit, zur neuen Lebensrolle eine neue Haut anzulegen. Ein Kleid als Symbol für eine nächste Aufgabe.
