Steingladiole. Erde vergisst nie - Liza Grimm - E-Book

Steingladiole. Erde vergisst nie E-Book

Liza Grimm

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Beschreibung

Nur die Wahrheit kann Licht ins Dunkel bringen – doch was ist, wenn sie tödlich ist? »Steingladiole« ist nach »Eislotus« und »Feuerlilie« der sehnlichst erwartete dritte Band der »Bücher der Macht«-Reihe von Liza Grimm und führt uns zurück in die mächtige Welt der Elementmagie! »Die Tribute von Panem« trifft auf »Avatar – Der Herr der Elemente« in dieser epischen High Fantasy-Fortsetzung mit tödlichem Wettkampf, politischen Intrigen und magischen Seelenbüchern. Als Elementgesandte des Wassers kämpft Nara im großen Wettkampf der Akademie, um die Buchbinder in ihre Heimat zu bringen. In der Auswahl hat sie es schon weit geschafft, doch der Wettkampf ist längst nicht mehr ihre einzige Sorge. Jemand hat es auf sie und ihr Seelenbuch abgesehen. Als Nara dann auch noch mit einer unglaublichen Enthüllung konfrontiert wird, stellt sie alles in Frage, was sie je zu wissen geglaubt hat. Ihre Suche nach der Wahrheit lässt sie zurück in die Vergangenheit blicken und führt sie auf eine Reise zu ihren Wurzeln. Währenddessen geht die Auswahl an der Akademie unerbittlich weiter und Nara ist hin und hergerissen zwischen der Treue zu ihrem Volk und der Suche nach der Wahrheit. Mitreißende High Fantasy um magische Bücher und die Macht von Wasser, Feuer, Erde und Luft Entdecke auch Liza Grimms Fantasy-Bestseller »Talus« und ihre anderen magischen Geschichten: - Eislotus. Wasser findet seinen Weg –  Die Bücher der Macht 1 - Feuerlilie. Asche spendet Leben –  Die Bücher der Macht 2 - Steingladiole. Erde vergisst nie – Die Bücher der Macht 3 - Talus – Die Hexen von Edinburgh - Talus – Die Magie des Würfels - Talus – Die Runen der Macht - Talus – Pen & Paper in der magischen Welt von Talus - Die Götter von Asgard (Romantasy mit nordischer Mythologie) - Die Helden von Midgard (Romantasy mit nordischer Mythologie) - Hinter den Spiegeln so kalt (schauriges Fantasy-Märchen, inspiriert von »Die Schneekönigin«) - Unfollow me. Vom Fluch gezeichnet, von Liebe verfolgt (romantische Fantasy meets Manga)

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Seitenzahl: 514

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Liza Grimm

Steingladiole

Erde vergisst nie

Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Nur die Wahrheit kann Licht ins Dunkel bringen – doch was ist, wenn sie tödlich ist?

Als Elementgesandte des Wassers kämpft Nara im großen Wettkampf der Akademie, um die Buchbinder in ihre Heimat zu bringen. In der Auswahl hat sie es schon weit geschafft, doch der Wettkampf ist längst nicht mehr ihre einzige Sorge. Jemand hat es auf sie und ihr Seelenbuch abgesehen. Als Nara dann auch noch mit einer unglaublichen Enthüllung konfrontiert wird, stellt sie alles in Frage, was sie je zu wissen geglaubt hat. Ihre Suche nach der Wahrheit lässt sie zurück in die Vergangenheit blicken und führt sie auf eine Reise zu ihren Wurzeln. Währenddessen geht die Auswahl an der Akademie unerbittlich weiter und Nara ist hin und hergerissen zwischen der Treue zu ihrem Volk und der Suche nach der Wahrheit.

Band 3 der mitreißenden High Fantasy um magische Bücher und die Macht von Wasser, Feuer, Erde und Luft

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de

Inhaltsübersicht

Widmung

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

54. Kapitel

55. Kapitel

56. Kapitel

57. Kapitel

58. Kapitel

59. Kapitel

60. Kapitel

61. Kapitel

62. Kapitel

63. Kapitel

Danksagung

Für alle, die Hoffnung in die Welt tragen.

1. Kapitel

Die Unruhe brannte in Katso wie ein Inferno. Er spürte die Blicke der Stadtwachen auf sich, hörte das Knistern der Kerzen, die den kleinen Raum erhellten.

»Was hast du ihr zugeflüstert?«, verlangte er ein weiteres Mal von dem Mann zu wissen, den er von Nara weggezerrt und zu Boden gedrückt hatte. Er saß in Fesseln gelegt vor ihm, ein überhebliches Grinsen auf den aufgeplatzten Lippen. Sie verhörten ihn bereits die halbe Nacht, aber der Mann schwieg beharrlich.

»Katso«, mahnte Sorena ein weiteres Mal und hob warnend das Kinn, was ihre scharfen Gesichtszüge betonte. »Ich führe das Verhör. Wenn du dich nicht zusammenreißt, musst du gehen.«

Mit großer Mühe unterdrückte Katso den Widerspruch, der sich bereits in seiner Kehle formte, denn er war Sorena unendlich dankbar, dass sie sein Flehen erhört und ihn mitgenommen hatte.

Direkt nach dem Vorfall am Hafen hatte er ihr seine Sicht der Ereignisse unter vier Augen geschildert und sie im Anschluss gebeten, dem Verhör beiwohnen zu dürfen. Zu seiner Überraschung hatte sie ihm zugestimmt und die anderen weggeschickt. Pals missbilligender Blick hatte ihm dabei willkommene Genugtuung geboten, die jedoch von Katsos Angst um Nara fast vollständig überlagert wurde.

Die Unterredung fand in einem kleinen Zimmer statt. Vor den hohen Fenstern flatterte heller Stoff in der kühlen Nachtbrise, um neugierige Blicke draußen zu halten. Die Kerzen tauchten die Szenerie in goldenes Licht, und der Geruch von Tee hing in der Luft. Katso wünschte, er könnte den Mann in seine Heimatstadt Sa schleppen, um ihn dort in eine dunkle Verhörkammer zu zwängen, bis er endlich die Wahrheit sagte.

»Genau, Katso«, raunte der Fremde, und seine Mundwinkel wanderten ein Stück weiter nach oben. Eine bewusste Provokation. »Akzeptiere einfach deine Niederlage.«

Die Wut rauschte durch Katsos Adern, und er ballte die Hände zu Fäusten. »Ich bin nicht derjenige, der gefesselt von der Stadtwache abgeführt wurde.«

Daraufhin zuckte der Mann mit den Schultern. »Und ich bin nicht derjenige, der Nara aus den Augen gelassen hat und sie jetzt nie wiedersehen wird.«

Hitze. Hass. Katso trat einen Schritt nach vorne, bereit, dem Mann den Schmerz zuzufügen, den er selbst im Inneren verspürte, aber Sorena war schneller und trat energisch zwischen sie. »Du gibst also zu, dass ihr Nara entführt habt?«

Ihre Frage drang ganz langsam durch das Rauschen, das in Katsos Ohren dröhnte, aber sobald er sie verstand, entspannte er sich ein wenig. Als dem Fremden dann auch noch das Grinsen aus dem Gesicht rutschte, überkam Katso das süße Gefühl des Triumphes.

»Das meinte ich nicht«, erwiderte er hastig, stolperte dabei über allzu viele Silben.

»Du hast gerade gesagt, dass Katso Nara nie wiedersehen wird. Ich habe das in Anwesenheit mehrerer Stadtwachen protokolliert«, fuhr Sorena unbarmherzig fort. Um sie herum standen fünf Wachen, die Speere warnend erhoben. Dabei wurde Katso das Gefühl nicht los, dass sie vor allem ein Auge auf ihn hatten. Außer Sorena verstand niemand, warum er hier sein durfte. Nicht einmal er selbst.

Der Fremde schluckte, leckte sich mit der Zungenspitze über die blutige Unterlippe. »Ich schweige.«

»Denkst du, dass die anderen das ebenfalls tun?« Sorena lehnte sich nach vorne. »Dir ist doch klar, dass wir ihnen dieselben Fragen stellen, oder? Und eine Person wird reden, um sich selbst zu retten. Also: Verrate mir, wo Nara ist, und ich sorge dafür, dass deine Strafe milder ausfällt.«

Katso runzelte die Stirn, denn der Gedanke, dass dieser Mann davonkam, gefiel ihm nicht.

Der Fremde schnaubte belustigt. »Welch alte Taktik. Als ob ich darauf reinfalle. Wir werden alle schweigen.«

Das reichte. Katso packte den Mann an seinem dreckigen Hemd und zog ihn nach oben. »Rede endlich.«

Der Mann sah ihn zunächst mit aufgerissenen Augen an, aber als Sorena eine Hand auf Katsos Schulter legte, verwandelte sich seine Panik in ein süffisantes Grinsen.

»Wir gehen.« Sorena wandte sich an die Stadtwachen und deutete auf den Gefangenen. »Ihr bleibt hier und passt auf ihn auf. Ich kehre schnellstmöglich zurück.«

Damit lief sie los, und Katso folgte ihr, spürte dabei den Blick des Fremden in seinem Rücken und die Scham in seinem Nacken. Einmal mehr hatte er die Beherrschung verloren, und es hatte keinen Sinn, Sorena um Nachsicht zu bitten, denn ihre Warnung war deutlich gewesen.

Draußen empfingen ihn eine angenehm warme Nacht und eine Mondsichel am sternenübersäten Himmel. In der Ferne tanzten Menschenstimmen durch die Straßen, und Katso war sich sicher, dass der Vorfall am Hafen sich bis zum Morgen überall rumgesprochen haben würde. Sie befanden sich noch ganz in der Nähe, die Verhaftung war schnell und routiniert abgelaufen. Das Tor war nur zwei Wegbiegungen entfernt.

Sorena schnaubte. »Das hättest du nicht tun sollen.«

»Ich weiß«, erwiderte Katso. »Verzeih.«

Das entlockte Sorena ein anerkennendes Nicken. »Er ist nicht gerade erfahren, denn es war sehr undurchdacht von ihm, mein Angebot abzulehnen. Irgendjemand wird reden.«

»Und eine mildere Strafe dafür bekommen?«, hakte Katso nach und machte sich nicht die Mühe, seine Geringschätzung dieser Methode zu verbergen. Sorena kreuzte die Arme vor der Brust.

»Du klingst, als würdest du das ablehnen.«

»Ich finde es absolut verwerflich«, stimmte Katso zu. »Wer einen Fehler begeht und der Gesellschaft schadet, sollte dafür angemessen bestraft werden.«

Sorena legte den Kopf leicht schief. »Auch wenn die Person gesteht und bereut?«

»Das sind zwei verschiedene Dinge. Wenn sie gestehen, um der Strafe zu entgehen, heißt das nicht, dass sie Reue empfinden. Es heißt nur, dass sie bereit sind, ihre Verbündeten zu verraten, um selbst einen Vorteil zu erhalten. Ihr belohnt damit Verräter.«

»Wir erhalten auf diese Weise Informationen, mit denen wir die Sicherheit unserer Stadt und Unschuldiger sicherstellen«, entgegnete Sorena kühl. »Außerdem können sie danach nicht zurück. Ihresgleichen weiß, dass sie geredet haben, und glaub mir, dass die meisten nicht gut darauf reagieren.«

Das brachte Katsos Entschlossenheit ins Wanken, und er schluckte. »Ihr setzt also darauf, dass sie für ihren Verrat von ihren einstmaligen Verbündeten bestraft werden.«

»Das, oder sie müssen Lort verlassen. Wir schenken ihnen Freiheit, aber keine Sicherheit.«

»Dann war es vielleicht doch nicht so undurchdacht von ihm, dein Angebot abzulehnen«, gab Katso zu bedenken. »Denn die Menschen, mit denen er zusammenarbeitet, wirken …« Sein Satz verlor sich in der Nacht, denn er traute sich nicht, eines der unzähligen Worte auszusprechen, die ihm in den Sinn kamen. Übermächtig. Unbesiegbar. Allwissend.

»Gnadenlos«, schlug Sorena vor. »So gesehen hast du natürlich recht. Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass sie ihn sowieso beseitigen werden.«

Die Leichtigkeit, mit der sie über den bevorstehenden Tod des Mannes sprach, jagte Katso einen Schauer über den Rücken, und er lenkte seinen Blick in die leere Gasse. Die Häuser Lorts waren so vielfältig wie die Menschen, die in ihnen lebten. Vereinzelt brannten Flammen in kleinen Laternen und warfen ihr warmes Licht auf die Mosaike aus bunten Glassteinen.

»Ich sollte zurück«, sagte Katso schließlich, auch wenn er nicht so richtig wusste, wohin er gehen sollte. Ein Teil von ihm wollte zum Hafen, um dort nach Spuren zu suchen, auch wenn Sorena bereits mehrere Wachen für genau diese Tätigkeit abgestellt hatte.

Dann gab es da noch die Akademie, den Ort, für den er nach Lort gekommen war und an dem er eigentlich um die Buchbinder kämpfen sollte. Immerhin waren Kaya und Pulta dorthin zurückgekehrt, um den nächsten Teil des Auswahlprozesses nicht zu verpassen.

Eine weitere Alternative bot das von Yami zur Verfügung gestellte Versteck. Die alte Frau regierte den Ort, an dem das Leben lebt, einen Treffpunkt für die Menschen dieser Stadt, an dem es Essen und Musik gab. In dem Unterschlupf warteten Pal und Zura, die hoffentlich bereits einen Plan schmiedeten.

»Was hast du vor?«, fragte Sorena und zwang ihn so zu einer schnelleren Entscheidung.

»Ich versuche mein Glück am Hafen.«

Daraufhin schüttelte Sorena den Kopf. »Davon rate ich dir dringend ab. Ich habe die besten Leute dort auf die Suche geschickt, und die Gefahr, dass dir etwas zustößt, ist zu groß.«

Katso lachte trocken auf. »Als ob Angst mich aufhält.«

»Das war ein Befehl«, entgegnete Sorena ungerührt. »Im Namen meiner Tätigkeit als hochrangige Stadtwache Lorts verbiete ich es dir, in dieser Nacht den Hafen zu besuchen.«

»Aber …«, begehrte Katso auf, da hob Sorena bereits eine Hand und brachte ihn zum Schweigen.

»Katso, ich verstehe deinen Wunsch, aber du bist nach wie vor ein Verdächtiger, und allein die Tatsache, dass ich dich einfach ziehen lasse, könnte mich in Schwierigkeiten bringen. Es war ohnehin riskant, dich zum Verhör mitzunehmen. Du warst zu oft in seltsame Ereignisse verwickelt, und der Vorfall heute ist noch immer nicht ganz geklärt. Ich bin mir sicher, dass eine andere Stadtwache dich festnehmen würde. Also tu dir selbst einen Gefallen und gerate in keine weitere Konfrontation.«

Daraufhin senkte Katso den Blick. Ein seltsamer Knoten bildete sich in seiner Kehle. »Ich danke dir sehr für deine Hilfe. Das ist nicht selbstverständlich.«

»Das stimmt.« Sorena nickte ihm zu. »Sorg dafür, dass ich meine Großzügigkeit nicht bereue.«

Damit wandte sie sich ab und schritt davon, hinein in die Gassen Lorts. Katso war sich sicher, dass sie zum Hafen ging, und er wünschte, er könnte ihren gut gemeinten Ratschlag ignorieren und ihr folgen. Aber so ungern er es zugab, hatte sie doch recht: Er konnte es sich nicht erlauben, erneut festgenommen zu werden. Denn wenn er irgendwo festgehalten wurde, wäre es ihm unmöglich, Nara zu finden.

2. Kapitel

Nara fühlte sich, als hätte sie den größten Fehler ihres Lebens begangen. Die Worte des Fremden hallten noch immer in ihrem Verstand nach, ein unausweichliches Echo.

»Ach, Nara … deine Mutter wird sich wirklich freuen, dich wiederzusehen.«

Ein Satz wie ein Tsunami, der alles niederriss, woran sie geglaubt hatte. Also rannte sie, weg von diesem Mann mit dem hämischen Grinsen, hin zu der Sicherheit, die sie schon ihr ganzes Leben lang begleitete.

Das Meer.

Es umschloss Lort in einer liebevollen Umarmung, breitete sich zu allen Seiten hin aus, und sein Anblick brachte Nara dazu, endlich innezuhalten. Atemlos starrte sie auf das dunkle Wasser, über dem die Sichel des Mondes glänzte. Gischt wirbelte zu ihr empor, getragen von Wind und Wellen.

Ihre Schritte hatten sie über den Rand des Hafens geführt, einen kleinen Abhang empor, der zu ihrer rechten Seite hin steil abfiel. Hinter ihr erklangen unruhige Stimmen, der natürliche Klang einer Stadt, die gerade einen Kampf erlebt hatte.

Naras Kopf glühte, und nach einem weiteren tiefen Atemzug erkannte sie das Gefühl, das ihr so heiß in der Kehle brannte. Scham. Statt besonnen innezuhalten und die Situation zu klären, war sie davongelaufen. Vor den Menschen, die alles gegeben hatten, um sie zu befreien. Vor Zura, Pal, Kaya, Pulta. Vor Katso.

Die Vorstellung, dass ausgerechnet sie sahen, wie überfordert Nara sich fühlte, hatte sie zum Meer getrieben. Eine Reaktion, die sie nicht von sich kannte und die sie über alle Maßen verwirrte. Als Beschützerin Koris hatte sie bereits viele außergewöhnliche Situationen gemeistert, aber diese überstieg jeden Familienstreit, jede wilde Bestie, jeden Sturm1.

Nara presste die flache Hand gegen ihre Brust, hoffte, so ihr rasendes Herz zu beruhigen.

Deine Mutter.

Tausend Gedanken tobten in ihr wie die wilde See, doch ein Wort war lauter als alle anderen.

Lüge.

Der Mann musste gelogen haben. Naras Mutter war tot, lag unter Wasser begraben. Das Gewicht ihres Seelenbuches an ihrer Seite war Nara Beweis genug. Die Aussage des Hüters war deutlich gewesen: Nara war an Eurinis Seelenbuch gebunden.

Bei diesen Gedanken brannte ihr Gesicht noch heißer, denn sie war nicht nur davongelaufen, sondern hatte zudem grundlos einem Fremden geglaubt, der sie zuvor angegriffen hatte. Beides einer Beschützerin unwürdig.

Sie musste zurück, um die Sache aufzuklären und sich bei den anderen zu entschuldigen, die ihr Leben riskiert hatten, um sie zu finden.

Da erklangen Schritte, direkt hinter ihr. Nara wirbelte atemlos herum, bereit, erneut zu kämpfen. Ein schwarzer Umhang, kaum sichtbar in der Nacht, aber vom Hafen her fiel Licht zu ihnen herüber, und so erkannte Nara zumindest die Umrisse. Ein dunkler Mantel wie jene, die ihre Entführer trugen.

»Vorsicht«, sagte sie und deutete mit einer Hand auf das Meer, um zu verdeutlichen, dass sie im Vorteil war.

»Nur reden«, erklang die Antwort. Eine sanfte Stimme, viel zu freundlich für jemanden, der ihr etwas antun wollte. »Ich möchte nur reden.«

»Aber ich möchte deine Lügen nicht hören«, erwiderte Nara und machte sich bereit, das erste Zeichen in die Luft zu schreiben.

»Keine Lügen.« Die fremde Person wich ganz langsam zurück, signalisierte, dass sie keine Bedrohung darstellte. »Nur die Wahrheit. Du verdienst sie, Nara, Tochter von Eurini und Faris.«

Nara schluckte. »Es ist nicht schwer, die Namen meiner Eltern herauszufinden. Du musst dir schon etwas anderes einfallen lassen, um mich zu beeindrucken.« Die Worte klangen hart und unnachgiebig. Eine Seite, die Nara kaum an sich kannte. Aber in ihr regierte das Chaos, und sie wünschte sich, dieser Situation zu entkommen.

»Was ist, wenn ich dir sage, dass ich dich zu ihr bringen kann?«

Die Verlockung war übermächtig. Nara atmete tief ein und ging ihre Möglichkeiten durch.

Wenn die Fremde log und sie mit ihr ginge, wäre sie erneut in den Fängen der Bronzemasken und riskierte ihr Leben, gäbe es wahrscheinlich sogar auf.

Wenn sie allerdings die Wahrheit sagte, würde sie ihre Mutter wiedersehen und Antworten auf die unzähligen Fragen erhalten, die in ihr tobten. So lange hatte sie ihre Mutter für tot gehalten, und nun stand bereits die zweite Person vor ihr, die behauptete, dass Eurini lebte.

Wenn sie also ablehnte, würde sie sich für immer fragen, ob sie die Gelegenheit hatte verstreichen lassen, ihre Mutter zu treffen.

Letztendlich galt es für Nara, sich zu entscheiden, ob eine unwahrscheinliche Möglichkeit es wert war, sich selbst aufzugeben.

»Ich glaube dir nicht«, schleuderte Nara der Fremden entgegen. »Wenn das so wäre, hättet ihr von Anfang an ehrlich mit mir gesprochen und nicht versucht, mich zu entführen. Ich denke, dass das nur ein weiterer Versuch ist, mein Seelenbuch zu stehlen.« Daraufhin schrieb Nara mit fließenden Bewegungen ein Wort in die Luft.

Umschließen.

Eine Welle schoss empor, hüllte ihre Gegnerin vollkommen ein, und Nara nutzte den Moment, um davonzulaufen. Sie hastete den Hang wieder hinab, zurück zum Hafen. Sie wollte der Fremden nicht schaden, sondern sie lediglich kurz aus dem Konzept bringen, doch als Nara schnelle Schritte hinter sich hörte, bereute sie ihr Mitgefühl.

»Warte!« Die Fremde kam immer näher, und der Hafen war nicht mehr weit entfernt. Sicherheit. Dort warteten die Menschen, denen Nara vertraute.

»Bitte.« Das herzzerreißende Flehen brachte Nara ins Straucheln. Allein die kleine Wahrscheinlichkeit, dass diese Person die Wahrheit sagte, reichte, damit Nara etwas langsamer lief. »Ich kann es beweisen.«

Das genügte, damit sie stehen blieb und sich kampfbereit umdrehte.

»Wie?« Nara legte all ihre Skepsis in dieses kleine Wort. »Wie möchtest du mir etwas so … so … Absurdes beweisen? Meine Eltern sind tot. Du kennst ihre Namen und damit sicherlich auch ihre Geschichte. Ihr Schiff sank. Sie starben.«

»Zwei Mondgebundene, die bei einem Schiffsunglück sterben?«, hakte die Person nach. »Hörst du nicht selbst, wie unwahrscheinlich das klingt?«

»Du klingst wie mein Bruder.« Nara kniff die Augen zusammen. »Ihr Tod mag seltsam und ungerecht sein, aber denkst du wirklich, dass meine Mutter noch lebt und sich all die Zeit nie bei mir meldete, klingt wahrscheinlicher?«

»Also …«

»Und dann schickt sie Menschen mit Bronzemasken, die erst mein Seelenbuch stehlen und mich dann entführen? Statt … einen Brief oder so?« Wütend ballte Nara die Hände zu Fäusten. »Das soll für mich logischer klingen als alles andere?«

»Eurini hatte Gründe«, erwiderte die Fremde langsam, doch Nara schüttelte den Kopf.

»Ich glaube dir kein Wort.«

»Das stimmt nicht. Du bist bereit, mir zuzuhören, und das allein spricht dafür, dass ein kleiner Teil von dir hören will, was ich zu sagen habe.«

»Dann sprich«, forderte Nara voller Ungeduld. »Zeig mir den Beweis, der mich davon überzeugen soll, dass meine Mutter noch lebt.«

»Nara, du …«

Am Abhang neben ihr raschelte etwas. Das Geräusch durchdrang kaum das Rauschen der Wellen, aber Nara kannte den Klang des Meeres und hörte sofort, dass etwas nicht stimmte. Da rückte Verstärkung an.

»Du hast mich hingehalten«, stellte Nara fest und schrieb in einer ausholenden Bewegung ein Wort in die Luft.

Schutz.

Das Meer antwortete, schoss in die Höhe und bildete einen wirbelnden Kreis um Nara. Tosendes Wasser, das sich um sie drehte und ihr die Sicht nahm, sie aber gleichzeitig vor allem bewahrte, was zu ihr durchdringen wollte. Dann setzte sie sich in Bewegung, strebte auf den Hafen und die dortigen Stadtwachen zu.

Der Boden unter ihr war nass und rutschig, und die Mondsichel spendete nur wenig Licht, aber Nara hatte vor ihrer Ankunft in Lort in der Nacht gelebt, und ihre Augen gewöhnten sich schnell an das kühle Leuchten der Sterne.

So setzte sie einen Fuß vor den anderen, stets bedacht, den Halt nicht zu verlieren, und eilte in die Richtung, in der sie den Hafen vermutete. Ihr Herz klopfte verräterisch schnell, und der Stolz darüber, dieser Situation entkommen zu sein, wärmte ihre Fingerspitzen.

Sie würde sich nicht noch einmal gefangen nehmen lassen.

Da zog etwas an ihr.

Nicht körperlich. Vielmehr fühlte es sich an, als würde jemand an ihrem Inneren zerren. Ein schmerzhaftes Gefühl wie tausend heiße Haken in ihren Eingeweiden. Die Qual überkam sie schnell und heftig, und vor Überraschung verlor sie die Verbindung zu ihrem Seelenbuch.

Das Wasser um sie herum fiel in einem Schwall zu Boden, ergoss sich plätschernd in die Dunkelheit.

Nara keuchte, presste ihre Hand auf ihr Herz, das sich anfühlte, als wäre es zersplittert. Tränen standen in ihren Augen.

»Es tut mir leid«, raunte die Verfolgerin. »Ich wollte nicht, dass wir so aufeinandertreffen. Das musst du mir glauben.«

Irritiert drehte Nara sich um. Die silberne Sichel am Himmel. Das rauschende Meer zu ihren Füßen.

Und vor ihr, beschienen vom sanften Sternenlicht, ein Gesicht, das sie sonst nur aus Träumen und verblassten Erinnerungen kannte.

3. Kapitel

Katso wählte den Weg in den Schatten. Die kleinen Seitengassen ohne Lichter, zwischen Häusern hindurch. Beinahe fühlte er sich an seine Zeit in Sa erinnert, als er die Wagen reicher Kaufleute überfiel, um das Schutzgeld der Pira-Zwillinge zu bezahlen. Die Erinnerung daran erschien ihm befremdlich weit entfernt.

Die Zeit in Lort hatte ihn verändert, hatte ihn zu einem Menschen gemacht, der sich um das Wohlergehen anderer sorgte und nicht nur die Ehre seiner Familie im Sinn hatte. Zu einem Elementgesandten, der nicht nur dem Sieg nachjagte, sondern Freundschaften wertschätzte. Der Gedanke an Kaya trieb ihn zur Akademie. Ein Gespräch mit seinem besten Freund erschien ihm in dieser Situation wie das Richtige. Katso sehnte sich nach Kayas aufmunterndem Lächeln und dem Klopfen seiner Pranke auf der Schulter.

Die bunten Bänder in der Baumkrone wirkten im Licht der Nacht grau, die Tierstatuen standen wie immer unbewegt um ihn herum. Dahinter erhob sich das Gebäude der Akademie in den Nachthimmel. Die Scheiben der Schlafzimmer spiegelten die Lichter der Fackeln und die ernsten Mienen der Stadtwachen, sodass Katso zwischen zwei Gebäuden verharrte und zählte.

Vor jedem Fenster standen zwei Wachen, vor dem Eingang sogar vier. Über den Platz patrouillierten fünf weitere, die Speere fest in der Hand und die Umgebung genau im Blick.

Da begriff Katso, dass sein Unterfangen aussichtslos war und er Kaya heute nicht mehr sehen würde.

Sorenas Warnung hallte deutlich durch seinen Kopf. Er durfte nicht riskieren, in einer weiteren verräterischen Lage erwischt zu werden. Nachts um die Akademie herumzuschleichen, war nicht gerade das Verhalten eines Menschen, der nichts zu verbergen hatte.

Frustriert zog er sich zurück und unterdrückte dabei den Groll, der heiß durch seine Adern strömte. Er war wütend auf alles. Auf Hira und den Pakt, zu dem sie ihn genötigt hatte. Auf die Akademie, die sich weigerte, ihn wieder aufzunehmen. Auf die Menschen, die Nara entführt hatten.

Aber am allermeisten auf sich selbst, weil er so nutzlos war.

Nach all der Zeit war Lort für ihn noch immer ein fremder Ort mit Eigenheiten, die er nicht ganz verstand. In Sa hätte er einen Weg gefunden, Nara zu retten und mit Kaya zu sprechen. Dort war ihm jeder Winkel und Geheimweg vertraut, doch obwohl er zumindest den Bereich unter der Akademie kannte, in dem der alte Buchbinder Urah wohnte, wusste er weder um einen unbewachten Eingang noch um Stadtwachen, die mit der Zeit nachlässig wurden.

Er war es gewohnt, sich die Hände schmutzig zu machen, um sein Ziel zu erreichen. Aber auch wenn er nicht davor zurückschreckte, Regeln und Gesetze zu brechen, um seine Familie zu retten, so war er doch nicht naiv genug, einfach an einen Ort zu spazieren, an dem unzählige Stadtwachen ihn jederzeit erneut als Verdächtigen in eine Zelle sperren könnten. Vor allem, da er nicht davon ausging, dass Hira ihn ein weiteres Mal befreien würde.

Unruhig schlich er durch die Gassen und überlegte. Ohne nützliche Hinweise konnte er nicht zu Pal und Zura zurückkehren. Die Schmach wäre ebenso groß wie Pals Arroganz.

Allerdings gab es jemanden, der sich in Lort so gut auskannte wie Katso in Sa.

Seinem Impuls folgend, steuerte Katso einen ihm mittlerweile vertrauten Platz an: den Ort, an dem das Leben lebt.

Eine Ansammlung mehrerer Essens- und Getränkestände, in deren Mitte sich Tische befanden, an denen die Bevölkerung Lorts zusammenkam.

Obwohl es bereits mitten in der Nacht war, erklang noch immer lebhafte Musik, sobald Katso sich dem Gebäude näherte. Es tanzten wenige Menschen vor dem Gebäude, aber diejenigen, die noch wach waren, wirkten, als stände die Sonne hoch am Himmel. Sie lachten ausgiebig, während sie sich immer wieder beieinander unterhakten und umeinander herumwirbelten. Ihre bunte Kleidung schimmerte im Licht der Laternen.

Katso drängte sich schnell an ihnen vorbei, damit niemand auf die Idee kam, ihn in das Treiben zu involvieren. Die Essensdüfte schlichen sich ihm verlockend in die Nase, und Katsos Magen meldete sich gierig zu Wort.

Es waren nicht alle Stände besetzt, und die Tische, die tagsüber vollkommen überfüllt waren, lagen zum Großteil verlassen da. Dennoch aßen hier mehr Menschen, als Katso erwartet hatte. Rund ein Drittel der Sitzplätze war mit Leuten gefüllt, die interessiert die Köpfe zusammensteckten und aufgeregt diskutierten. Die an Fäden aufgezogenen Glasscherben, die unter der hohen Decke hingen, brachen das Licht unzähliger kleiner Kerzen auf den Tischen.

Hin und wieder schnappte Katso Wortfetzen auf, und es wunderte ihn nicht, dass die meisten sich über die große Auswahl und den Kampf am Hafen unterhielten. Also zog Katso die Kapuze noch etwas tiefer ins Gesicht, während er sich nach Yami umsah.

Zu seiner Überraschung saß die alte Frau tatsächlich an einem der Tische. Ihr Stock lehnte neben ihr an der Kante, und die silbernen Haarstäbe mit den kunstvoll geformten Schmetterlingen glänzten im Feuerschein golden. Sie saß nach vorne gebeugt und lauschte aufmerksam einem Mann, der wild gestikulierte, während er gleichzeitig redete und sich hin und wieder ein Stück Brot in den Mund schob.

Katso beschloss abzuwarten, auch wenn er den starken Drang verspürte, sofort zu ihr zu gehen. Allerdings saßen mehrere Menschen um sie herum, und er wollte nicht, dass irgendjemand den Stadtwachen von seiner Verbindung zu Yami berichtete. Sie und ihre Kontakte stellten einen großen Vorteil dar, von dem weder die Akademie noch Hira erfahren sollten.

Also setzte er sich an einen der Tische und wartete. Wann immer sich jemand zu ihm setzte, um ein Gespräch zu beginnen, schwieg er, bis die Person wieder ging. Das tat er ganze vier Mal, ehe jemand zu Yami huschte und ihr etwas zuflüsterte, woraufhin sie sich zu Katso umdrehte.

Dann nickte sie, nahm ihren Stock, erhob sich und kam direkt auf ihn zu. Das war nicht gerade die unauffällige Begegnung, die er sich gewünscht hatte.

»Wenn ich mir die Geschichten über dich anhöre, weiß ich nicht, ob es sonderlich durchdacht von mir war, dich aufzunehmen«, begann sie das Gespräch und klang dabei wie eine Lehrerin, die ihren Schüler tadelt.

»Ich möchte keinen Ärger«, sagte er schnell.

»Und doch hängt er an dir wie der Rat an seinen Bräuchen«, erwiderte die alte Frau und lachte leise. »Das erinnert mich an meine eigene Jugend. Keine Sorge, du bist bei mir sicher.«

»Das weiß ich sehr zu schätzen.« Aufrichtige Dankbarkeit durchflutete ihn, und mit ihr kamen die Gewissensbisse, weil er Yamis Freundlichkeit zu seinem Vorteil ausnutzen wollte.

»Was kann ich für dich tun?«, fragte sie, als hätte sie seine Gedanken gelesen.

Verblüfft hob Katso die Augenbrauen, woraufhin Yamis Grinsen noch breiter wurde.

»Ich habe in meinem langen Leben einige Menschen getroffen, die Gefallen von mir erbeten haben«, erklärte sie. »Abgesehen davon, habe ich gerade von deinem Kampf am Hafen gehört, und du bist mitten in der Nacht hier aufgetaucht. Weder Hunger noch der Durst nach Tratsch werden dich an diesen Ort geführt haben.«

»Eine Freundin ist verschwunden«, begann Katso, und es überraschte ihn, wie schnell er sich Yami öffnete. Aber die alte Frau hatte ihm bisher nichts als Freundlichkeit entgegengebracht, und auch wenn er viele Informationen vor ihr verschweigen musste, um sie und andere zu schützen, so war sie seine einzige Möglichkeit, mehr über gewisse Dinge zu erfahren. »Nach dem Kampf.«

»Das ist Sache der Stadtwache.« Interessiert lehnte Yami sich nach vorne. »Warum kommst du damit zu mir?«

»Weil ich der Stadtwache nicht vertraue«, gab Katso unumwunden zu.

»Das wundert mich nicht. Immerhin versuchst du ja auch, deine Unschuld zu beweisen, um an die Akademie zurückzukehren.« Ihre Mundwinkel rutschten ein Stück nach unten, und sie lehnte sich nach hinten. »Aber ich fürchte, Kämpfe am Hafen tragen nicht gerade dazu bei, dass du in der Gunst des Rats steigst, nicht wahr?«

»Könnte man so sagen«, erwiderte Katso und sah sich verstohlen um, ob sie jemand belauschte. Zu seiner Erleichterung schenkte ihnen niemand Aufmerksamkeit. »Wirst du mir helfen?«

»Interessante Formulierung.« Jetzt kam Yami wieder ein Stück näher, die Falten um ihre Augen vertieften sich. »Wieso fragst du nicht, ob ich dir helfen kann?«

»Weil ich mir sicher bin, dass es im Rahmen deiner Möglichkeiten liegt.« Katso hielt den Blickkontakt. »Das sage ich nicht, um dir zu schmeicheln, sondern weil ich deinen Einfluss und deine Kontakte sehe, wann auch immer ich diesen Ort betrete. Du hältst die Menschen hier zusammen.«

»Ach.« Yami winkte ab, aber das Funkeln in ihren Augen verriet Katso, dass sie ihm insgeheim zustimmte. »Die Menschen suchen immer nach einem Ort, an dem sie zusammenkommen können. Ich biete ihnen lediglich etwas, das sie brauchen. Wenn ich nicht wäre, würden sie sich woanders treffen. Aber in einer Sache hast du recht: Ich kann dir helfen.«

»Wirst du es auch tun?« So langsam ermüdete ihn dieser mentale Kampf. Yami testete ihn, aber er verstand nicht genau, auf welche Weise und was sie damit bezweckte. Er hoffte lediglich, dass er bestand.

Die aufgereihten Glasscherben über ihnen drehten sich in einem Windzug, den Katso unten am Tisch nicht bemerkte. Ganz sanft schwangen sie hin und her, fingen das Licht der Kerzen und verteilten es im Raum, der von aufgeregten Stimmen und Essensduft gefüllt war.

Yami saß einfach nur da und musterte Katso eindringlich, während er sich zwang, ruhig zu verharren. Die Menschen, die an ihnen vorbeiliefen, warfen Yami immer wieder fragende Blicke zu, die sie geflissentlich ignorierte. Als ein Mann mit langen weißen Haaren auf sie zutrat, hob sie lediglich kurz die Hand, um ihm zu signalisieren, dass sie beschäftigt war. Er runzelte kurz die Stirn, dann zog er davon.

Als Yami schließlich sprach, zuckte Katso vor Schreck zusammen. »Was brauchst du?«

»Informationen darüber, was mit Nara geschehen ist. Sie ist eine Elementgesandte aus Kori. Eine Mondgebundene. Weißes Haar, viele silberne Perlen darin.«

»Ich habe bereits von ihr gehört«, erklärte Yami. »Die Ereignisse der Auswahl werden hier oft diskutiert. Ist das wirklich alles?«

Yami runzelte die Stirn, und Katso legte fragend den Kopf schief. »Für mich ist das schon ein riesiger Gefallen.«

Da lachte Yami herzlich auf und klopfte mit der flachen Hand auf den Tisch. Einige Menschen drehten sich zu ihnen um und grinsten, als sie die Freude der alten Frau sahen. Katso hingegen wünschte, er könnte noch tiefer in seinem Umhang versinken.

»Ach, Katso«, murmelte Yami und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. »Du bist wirklich ein Einzelkämpfer. Dabei ist es total menschlich, nach Hilfe zu fragen.«

4. Kapitel

Da stand sie.

Nara starrte Eurini fassungslos an. Sie sah aus wie in ihrer Erinnerung und gleichzeitig nicht. Hochgewachsen mit dunklen Haaren, die Falten in ihrem Gesicht waren tiefer, und der Ausdruck ihrer Augen war nicht liebevoll, sondern von Kummer getrübt. Die silbernen Perlen in ihren Haaren glänzten, erinnerten an ihre Zeit als Beschützerin Koris. Es versetzte Nara einen Stich, dass sie diese Wertschätzung ihrer Heimat noch immer trug, obwohl sie die Stadt zurückgelassen hatte.

»Mein Kind.« Eurini breitete die Arme aus, bot Nara eine Umarmung an.

Stattdessen stand Nara einfach nur dort, während ein Wort immer wieder durch ihren Verstand dröhnte.

Warum?

Warum hast du Menschen geschickt, die mein Seelenbuch stehlen und mich entführen sollen?

Warum hast du mich angelogen?

Warum hast du dich all die Zeit nicht gemeldet?

Warum hast du mich verlassen?

»Sicherlich hast du viele Fragen«, fuhr Eurini fort. »Und es gibt einen passenden Ort und eine gute Zeit, um sie alle zu beantworten. Aber hier, an der Küste Lorts mit den Stadtwachen, die sicher bald nach uns suchen, erscheint es mir doch recht ungünstig. Komm mit mir.«

»Mit dir«, echote Nara und starrte auf Eurinis dargebotene Hand.

Wäre da nicht die kühle Gischt, die ihr Gesicht in unregelmäßigen Abständen benetzte, hätte Nara geglaubt, dass sie träumte. Doch es war zweifelsohne Eurini, die vor ihr stand.

Ihre Mutter, die vor so langer Zeit verschwunden war.

»Ich dachte, du wärst tot«, flüsterte Nara, und ihre Kehle brannte. Sie räusperte sich, schluckte die aufsteigenden Tränen hinunter. »Du bist einfach verschwunden.«

»Nara«, drängte Eurini. »Wir müssen hier weg.«

Hinter Nara erklangen schwere Schritte. Sie wirbelte herum und erkannte das Glänzen der Lanzen in der Dunkelheit. Stadtwachen.

»Bitte.« Eurini kam einen Schritt näher, und instinktiv wich Nara zurück. Diese ablehnende Reaktion vertiefte den Schmerz im Gesicht ihrer Mutter, und sie zog ihre Kapuze wieder nach oben. »Ich verstehe dich. Das muss alles furchtbar verwirrend für dich sein. Deswegen wollte ich, dass es anders abläuft, aber der Mond hatte wohl Pläne für uns.«

Der Sturm in Nara tobte unerbittlich. Sie fühlte sich hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, die Geschichte ihrer Mutter zu hören, und dem Drang, zurück in die Sicherheit ihres bisherigen Lebens zu flüchten. Dorthin, wo Kori auf sie wartete. Sie war noch immer eine Elementgesandte, kämpfte gegen Zerdaya und die anderen um das Recht, die Buchbinder in die eigene Heimat zu bringen. Wenn sie jetzt davonlief, ließ sie ihre Heimat im Stich.

»Halt!« Eine durchdringende Stimme. Die Stadtwachen waren angekommen. Zehn Menschen, deren bunte Röcke in der Nacht grau und farblos wirkten. Die Spitzen ihrer Speere glänzten, als sie diese auf Eurini richteten. Ein Mann mit vollem Bart trat nach vorne. »Nara steht unter dem Schutz Lorts. Weg von ihr.«

Einen Wimpernschlag später schoss eine Welle empor und drückte die Stadtwachen gegen den Felsen.

»Nein!« Nara schrieb Zurück in die Luft, und erneut war da dieser Schmerz, der sich durch ihr Innerstes bohrte und sie panisch nach Luft schnappen ließ. Ihr Blick trübte sich, und sie sah verschwommen, wie das Meer zurückschwappte und die Stadtwachen sich prustend aufrichteten.

»Das reicht!«, rief der Bärtige, und auf sein Zeichen hin stürmten sie alle mit wildem Gebrüll nach vorne, direkt auf Eurini zu.

Nara rieb sich die Augen, und ihre Sicht stellte sich scharf, sodass sie das Wort erkannte, das Eurini wählte. Ihre Bewegungen waren fließend wie das Wasser selbst, geübt und elegant.

Schutz.

Kurz darauf rollte die nächste Welle heran, dieses Mal mit weniger Wucht, aber dennoch eindrücklich. Sie blockierte den Weg zwischen den Stadtwachen und Nara, bildete eine Wand aus tosendem Wasser.

»Komm mit mir!«, rief Eurini ihr zu, und ihre Blicke verhakten sich ineinander. Die Augen ihrer Mutter flehend, ängstlich. »Bitte, Nara.«

Da war sie wieder, die ausgestreckte Hand. Die Verheißung auf die Wahrheit und Antworten auf die Fragen, die in Naras Verstand tobten.

Ihr Leben lang war sie vor ihrer Vergangenheit geflüchtet. Es war an der Zeit, sich ihr zu stellen2. Also griff sie nach der Hand ihrer Mutter, und dann sprangen sie gemeinsam in die Fluten.

5. Kapitel

Du bist wirklich ein Einzelkämpfer.

Yamis Worte begleiteten ihn auf seinem Weg zu dem Unterschlupf, den sie ihnen zur Verfügung gestellt hatte. Der alte Katso aus Sa hätte darin ein Kompliment gesehen. Ein Zeichen dafür, dass er stark und unabhängig war.

Doch jetzt nagte es an ihm, immerhin hatte er in Lort Menschen gefunden, die ihm am Herzen lagen und für die er bereit war, vieles zu riskieren, während sein eigenes Leben gerade voller Herausforderungen war.

Unter anderem musste er nach wie vor beweisen, dass er nicht in die seltsamen Vorfälle in Lort verwickelt war, um wieder an die Akademie zurückzudürfen. Dort galt es, die große Auswahl zu gewinnen, um die Buchbinder nach Sa zu bringen und seinem Vater zu zeigen, dass er des Familiennamens Sano durchaus würdig war.

Dann war da noch seine Abmachung mit einer der Bronzemasken namens Hira, die ihn einzig unter der Bedingung freigelassen hatte, dass er ihre Anweisungen erfüllte. Ihre seltsamen Experimente mit ihm im Schatten des roten Baumes verdrängte er zwar die meiste Zeit über, aber er war sicher, dass sie erneut mit etwas Ähnlichem auf ihn zukommen würde.

Seine erzwungene Loyalität war ein schwelender Brand, der ihn langsam von innen heraus verzehrte. Allerdings blieb ihm nichts anderes übrig, denn ihre Drohung war deutlich gewesen: Wenn Katso nicht tat, was sie verlangte, würde sein Vater die Konsequenzen tragen.

All diese Last lag auf seinen Schultern, während er sich vollkommen übermüdet durch den Tunnel schleppte, den Yami ihm ein weiteres Mal geöffnet hatte, damit er keinen Stadtwachen begegnete. Sein einziger Trost war Yamis Versprechen, Informationen über Nara zu sammeln. So kehrte er wenigstens nicht mit vollkommen leeren Händen zu Pal und Zura zurück.

Über Katsos rechter Hand schwebte eine kleine Feuerkugel, die angenehm warmes Licht verteilte, und als er schließlich die Leiter erklomm und in dem Unterschlupf ankam, atmete er erleichtert auf.

Im Licht der Lampen verlor der Raum, der am Tag durch die Fenster aus grünen und gelben Glasstücken wie eine Waldlichtung wirkte, sämtlichen Glanz. Es blieben die schäbigen Holzmöbel, deren abgenutzte Oberflächen im Halbschatten noch erbärmlicher wirkten.

Drei der Stühle waren besetzt.

In einer fließenden Bewegung ließ Katso das Feuer über seiner Hand erlöschen und zog die Kapuze von seinem Kopf. »Ihr seid noch wach.«

Pal wandte sich nicht zu ihm um, sondern zuckte lediglich mit den Schultern. Der hochgewachsene Mondgebundene zählte zu den Menschen, denen Katso unter anderen Umständen aus dem Weg gegangen wäre. Er hasste seine arrogante Art und die Selbstgefälligkeit, die er ausstrahlte.

Seine enge Vertraute, Zura, lächelte Katso hingegen freundlich an.

Neben ihr saß Maestra, und Katso schluckte.

In der Akademie hatte Maestra sie in der Kunst des Kampfes unterwiesen. Die kampferprobte Sonnengebundene saß dort in ihrer üblichen Lederkleidung, die für Auseinandersetzungen mit Waffen und nicht für den alltäglichen Gebrauch geschneidert war.

Bei ihrem letzten Aufeinandertreffen hatte Maestra ihn dazu aufgefordert, seine Unschuld zu beweisen, damit er wieder an der Auswahl teilnehmen durfte. Ihren forschenden Blick auf sich zu spüren, löste in Katso das Gefühl des Versagens aus, denn in diesem Punkt hatte er keinerlei Fortschritte erzielt.

Schnell senkte er den Kopf und verneigte sich kurz, dann blieb er zögernd stehen.

»Wir haben Maestra gerade vollständig eingeweiht«, durchbrach Zura die schwere Stille. Das überraschte Katso nicht, immerhin hatten sie vor ihrem Aufbruch zum Hafen genau das beschlossen.

»Sehr gut«, sagte er deshalb und zog sich einen der freien Stühle heran. »Ich habe Yami gebeten, Informationen zu Naras Verbleib zu suchen.«

»Das war nicht abgesprochen.« Pal kniff die Augen zusammen und musterte Katso. »Sie mag uns eine Unterkunft gegeben haben, aber das heißt noch lange nicht, dass wir ihr bedingungslos vertrauen können.«

»Naras Verschwinden wird sich ohnehin schnell herumsprechen«, erwiderte Katso und bemühte sich, ruhig zu bleiben, obwohl er Pal am liebsten anbrüllen würde. »Immerhin ist sie offiziell noch eine Elementgesandte und nimmt an der Auswahl teil.«

»Der Rat sucht bereits nach einer passenden Begründung, um die Gemüter der Bevölkerung zu beruhigen«, erklärte Maestra und seufzte. »Aber du hast recht: Der Umstand, dass Nara fort ist, wird nicht lange verborgen bleiben. Neuigkeiten verbreiten sich in Lort schneller als jede Krankheit.« Ihre Miene verfinsterte sich. »Die Auswahl war nie leicht, aber diesen Zyklus ist sie vollkommen außer Kontrolle geraten. Der Rat wird das alles nicht ewig verheimlichen können. Es sind zu viele Menschen involviert, und es gibt zu viele Augenzeugen. Sicherlich wurdet ihr heute beim Kampf am Hafen erkannt, und auch wenn ihr offiziell euren Status als Elementgesandte verloren habt, so werfen eure Handlungen Fragen auf. Zudem sind Kaya und Pulta noch immer an der Akademie und stehen deshalb in einem besonderen Fokus.« Sie legte den Kopf in den Nacken, schloss die Augen. »Es ist schon spät, und ich sollte eigentlich gar nicht hier sein. Gerade ist die Stadtwache in höchster Alarmbereitschaft, und in solchen Ausnahmesituationen Entscheidungen zu treffen, zählt zu meinen wichtigsten Aufgaben. Ich habe bereits so viele Stadtwachen wie möglich mit der Suche nach Nara betraut und den Schiffsverkehr am Hafen stillgelegt. Wir werden sie finden, da bin ich sicher.« Damit richtete sie sich wieder auf.

Die Tatsache, dass die ganze Stadt nach Nara suchte, gab Katso etwas Hoffnung. Ihr Verschwinden war ihnen nicht gleichgültig.

»Gibt es noch weitere Dinge, die wir zu besprechen haben? Ansonsten würde ich mich auf den Weg zur Akademie machen.«

Da kam Katso eine Idee. »Könntest du Kaya ausrichten, dass ich ihn besuchen wollte?«

»Mehr soll ich ihm nicht sagen?«, hakte Maestra nach, und Katso schüttelte den Kopf.

»Er soll bloß wissen, dass er mir wichtig ist«, erklärte Katso und ignorierte das brennende Gefühl der Scham, das sein Gesicht zum Glühen brachte. Daraufhin nickte Maestra verständnisvoll und verabschiedete sich in die Nacht.

Mit Zura und Pal zurückzubleiben, war nicht gerade die angenehme Situation, die Katso sich gewünscht hatte, aber nach allem, was geschehen war, zählte dieser Umstand zu den kleineren Übeln.

»Wir hatten sie gerade gefunden«, flüsterte Katso und bettete den Kopf in seine Hände. »Nara. Sie war dort. Am Hafen. Wir waren so kurz davor, sie zu retten. Was ist, wenn sie Lort verlassen hat?«

»Katso.« Eine warme Hand landete auf seiner Schulter. Als er den Blick hob, begegnete er Zuras mitleidsvoller Miene. »Wir haben sie bereits einmal gefunden. Sicher wird uns das wieder gelingen. Ich glaube nicht, dass sie Nara unbemerkt aus dem Hafen gebracht haben, bevor er gesperrt wurde. Dafür waren dort zu viele Stadtwachen.«

»Ich hätte nicht gedacht, dass du so emotional sein kannst«, mischte Pal sich ein, und obwohl sonst jedes seiner Worte wie ein Angriff klang, wirkte er in diesem Moment aufrichtig interessiert.

»Freundschaft ist wichtig«, erwiderte Katso und fixierte ihn herausfordernd. Er war sicher, dass Pal im nächsten Satz einen Streit beginnen würde.

Stattdessen sagte er: »Da stimme ich dir zu.«

Katso seufzte. »Yami hatte leider noch keine Informationen für uns.«

»Dann sollten wir uns jetzt ausruhen«, schlug Zura vor. »Unsere Kräfte schonen.«

»Du hast recht.« Katso rieb sich erschöpft die Stirn. »Wir haben das Schlimmste verhindert und dafür gesorgt, dass Nara zumindest auf der Insel bleibt. Wir werden sie finden.«

6. Kapitel

Kori versank in den Fluten des Meeres, und es gab nichts, was Nara dagegen tun konnte. Ganz gleich, wie sehr sie den Mond anflehte und wie viele Wörter sie schrieb, das Wasser zerrte ihre Heimat in die unendliche Tiefe.

Schweißgebadet wachte Nara auf und starrte auf das dunkle Holz der Decke, das unter den zahlreichen Schritten der Besatzung knarzte. Irgendwo dort oben wartete ihre Mutter auf sie.

Allein der Gedanke brachte ihr Herz zum Rasen. Nara lag in der Hängematte, die sanft zum Takt des Meeres schaukelte, und dachte an den gestrigen Abend. Mit Eurini und zwei Unbekannten an ihrer Seite hatte sie die Wellen durchquert. Das Schiff, das draußen auf dem Meer auf sie gewartet hatte, war größer als jene, die Nara aus Kori kannte, und kleiner als die meisten, die in Lort vor Anker gingen. Eurini und sie waren vollkommen erschöpft angekommen und mit heißen Getränken und warmen Decken in Empfang genommen worden.

Nach wenigen Worten ihrer Mutter hatte die Besatzung die protestierende Nara in eine Hängematte unter Deck verfrachtet, und obwohl ihr Verstand keine Ruhe gab, zwang ihr Körper sie zum Schlafen. Die Konsequenz waren wilde Albträume, die ihr noch immer in den Knochen steckten.

Unter Ächzen kämpfte sie sich hoch und inspizierte den Raum, dem sie vor dem Einschlafen keinerlei Beachtung geschenkt hatte. Die Fässer waren gut vertäut, um sie vor starkem Seegang zu schützen, und es spannten sich einige Hängematten zwischen den Balken. Neben der Treppe, die nach oben führte, hing eine Lampe voller Glimmerlibellen, die ihr sanftes blaues Licht verströmten.

Nara kletterte an ihnen vorbei nach oben, hinauf in die salzige Meeresbrise.

Der Anblick ihrer Mutter am Steuer wirkte vollkommen surreal. Eurini trug die Haare zu einem engen Zopf geflochten, dennoch zerrte der Wind an ihnen und lockerte einige Strähnen, die sie sich immer wieder aus dem Gesicht wischte. Sie trug weite Kleidung, und das Einzige, was an ihre Herkunft erinnerte, waren die silbernen Perlen.

Eurini war eine Seefrau und nicht länger die Beschützerin Koris. Eine Fremde mit einem neuen Leben, zu dem Nara nicht gehörte.

Als sie ihre Tochter erblickte, schlich sich eine Mischung aus Freude und Sorge auf ihr Gesicht. Nara gähnte. Ihre Glieder fühlten sich schwer an, als sie zu Eurini hinüberwankte. Die Besatzung wich Nara geflissentlich aus und warf ihr gleichzeitig verstohlene Seitenblicke zu. Diese Menschen erinnerten sie an Lort. Eine wilde Ansammlung verschiedener Herkünfte, die ein ihr unbekannter Grund vereinte. Nara würde sich später mit ihnen befassen, ihr Interesse galt in erster Linie Eurini.

Ihrer Mutter.

Dieses Wort mit der Frau am Steuerrad in Einklang zu bringen, bereitete Nara Schwierigkeiten, und sie fragte sich kurz, ob sie nicht doch in den Händen der Entführer zu Tinte geworden war und nun in ihrem Seelenbuch weiterlebte.

»Es ist schön, wieder auf dem Meer zu sein«, sagte Nara, als sie bei Eurini ankam.

»Du bist dort, wo du hingehörst«, entgegnete ihre Mutter, und Nara war sich sehr sicher, dass sie damit nicht die See meinte. »Hast du gut geschlafen?«

»Den Umständen entsprechend«, wich Nara aus und ließ ihren Blick über den Horizont schweifen. Meer und Himmel, sonst nichts. »Wohin fahren wir?«

Als Nara sich ihrer Mutter zuwandte, begegnete sie einem forschen Blick aus eisgrauen Augen. »Das ist die erste Frage, die du mir stellst?«

»Irgendwo muss ich ja anfangen«, entgegnete Nara ruhig. Es war seltsam, wie vertraut ihr diese Fremde erschien. Denn genau genommen war Eurini das für sie: eine Frau, mit der sie lediglich in ihrer Kindheit Zeit verbracht hatte, an die sie sich kaum erinnerte. Gleichzeitig hatte sie unzählige Geschichten über die ehemalige Beschützerin Koris gehört und trug ihr Seelenbuch an ihrer Seite. Mehr als Blut verband sie miteinander.

Nara unterdrückte den Drang, über ihr Seelenbuch zu streichen. Sie spürte sein vertrautes Gewicht und wollte nicht offenbaren, wo genau sie es aufbewahrte.

»Warum wolltest du das Seelenbuch stehlen?«, fragte Nara geradeheraus. »Warum hast du mir nie einen Brief geschrieben?« Sie stockte, leckte sich über die vom Salzwasser spröden Lippen. »Warum wolltest du mich töten lassen?«

Bei der letzten Frage senkte Eurini den Blick, und Nara bemerkte, wie ihre Hände auf dem Steuerrad zitterten. »Pora, übernimm bitte kurz!«

Auf ihre Anweisung hin kam eine Frau in Eurinis Alter heran und trat an das Steuer. Ihre Haut war wettergegerbt, und der Blick aus ihren dunklen Augen sagte Nara eindeutig, dass sie mit irgendetwas nicht einverstanden war. In ihren Ohren glitzerten mehrere goldene Ringe, und ihre Haare verbarg sie unter einem abgewetzten grünen Stofftuch.

Sobald Pora am Steuerrad stand, bedeutete Eurini Nara mit einem kurzen Winken, ihr zu folgen. Schnellen Schrittes überquerte sie das Deck und steuerte eine Kabine an. Auch hier hing eine Hängematte, ansonsten gab es eine ziemlich lädierte Truhe sowie ein kleines Fenster, durch das Tageslicht hereinfiel. Auf dem Boden lag ein weicher Teppich, und ein helles Gemälde hing an der Wand. Als Nara es näher betrachtete, erkannte sie vage vertraute Gebäude.

»Das ist Kori«, bestätigte Eurini ihren Verdacht. »Ich fand das Bild vor langer Zeit in einem Hafen. Es ist nicht ganz akkurat, aber ich musste es dennoch haben.«

Der Gedanke, dass Eurini jede Nacht mit Blick auf ihre verlassene Heimat schlief, schnürte Nara die Kehle zu.

»Du hast uns also nicht vergessen«, murmelte sie. »Und dennoch bist du nicht zurückgekehrt.«

»Es ist nicht so einfach.« Nara presste die Lippen zusammen und wünschte, ihre Mutter würde endlich mehr preisgeben. Stattdessen seufzte Eurini und trat neben ihre Tochter. Die plötzliche körperliche Nähe verunsicherte Nara. Sie standen beinahe Schulter an Schulter vor dem Bildnis Koris und starrten auf die Pinselstriche aus Weiß und hellem Blau. Allein der Anblick löste Sehnsucht in Nara aus, aber dieses Gefühl wurde von etwas Stärkerem überlagert. Schuld.

Sie hatte Kori im Stich gelassen, um mit ihrer Mutter zu gehen. Mit einer Frau, von der sie verlassen worden war. Schnell schob Nara diesen Gedanken beiseite, konzentrierte sich stattdessen auf das, was direkt vor ihr lag. Auf die unzähligen Fragen, die in ihr tobten. Noch konnte sie an die Akademie zurückkehren, versicherte sie sich selbst. Sobald sie wieder in Lort war, würde sie an der Auswahl teilnehmen und Kori retten, doch zuvor musste sie endlich die Wahrheit hören.

»Dann erklär es mir«, verlangte Nara leise. »Alles. Denn dass es nicht einfach ist, sagtest du bereits gestern.«

»Ich wollte nicht, dass dir etwas zustößt«, erklärte Eurini. Ihre Stimme klang seltsam belegt. »Und ich hatte keine Ahnung, wie du reagieren würdest, wenn du erfährst, dass ich noch lebe.«

Nara wusste nicht, ob es das Rauschen des Meeres oder ihres eigenen Blutes war, das sie so überdeutlich hörte.

»Du wolltest nicht, dass mir etwas zustößt?« Ein bitteres Lachen entrang sich ihrer Kehle. »Mein Seelenbuch wurde gestohlen. Ich wurde entführt.« Ihre Gedanken wanderten zu den Bronzefratzen. Zu Zerdaya. »Sie wollten irgendetwas mit meinem Seelenbuch machen. Und es klang nicht gerade harmlos.«

»Es ist auch mein Seelenbuch.«

Da war sie. Die Wahrheit, die sie beide gekannt hatten, aber deren Klang sich dennoch wie ein Donnerschlag über ihnen entlud. Stumm standen sie nebeneinander, das verblasste Bild Koris vor Augen, das Gewicht des Buches an Naras Hüfte.

»Nara, ich wollte wirklich nie, dass dir etwas passiert«, wiederholte Eurini eindringlich und griff nach der Hand ihrer Tochter, aber Nara zuckte zurück, brachte Abstand zwischen sich und ihre Mutter. »Wirklich, ich …« Verzweifelt rang Eurini die Hände. »Am Anfang hatte ich vor, zu euch zurückzukommen, doch je mehr Zeit verstrich, desto mehr schämte ich mich. Irgendwann war ich eine Gefangene meiner Schuld.«

Obwohl Nara dieses Gefühl verstand, weigerte sie sich, es ihrer Mutter allzu leicht zu machen. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Und die Entführung?«

»Das war alles … anders geplant. Ich brauchte mein Seelenbuch. Du solltest dabei nie zu Schaden kommen. Das alles lag außerhalb meines Einflussbereichs. Wenn ich davon gewusst hätte …« Eurini schluckte. »Nara, das musst du mir glauben. Ich habe sie angefleht, dich zu verschonen. Uns ging es nur um das Seelenbuch, und man sagte mir, dass sie es holen, ohne dich zu verletzen. Was wollten sie dir denn Schreckliches antun?«

Eurini griff erneut nach Naras Händen, und dieses Mal ließ sie es zu. Die Wärme ihrer Berührung hatte beinah etwas Tröstliches. Nara kämpfte mit den richtigen Worten. »Das weiß ich nicht genau. Ich weiß nur, dass es nicht so klang, als würden sie mich am Leben lassen.«

»Vielleicht hast du es falsch verstanden?« Ganz sanft strich Eurini ihr mit dem Daumen über die Finger. »Das muss eine furchtbar aufwühlende Situation für dich gewesen sein. Aber mir wurde deine Unversehrtheit zugesichert. Ich glaube nicht, dass …«

Energisch riss Nara sich los. Obgleich sie sich kaum an die Geschehnisse erinnerte, so wusste sie noch genau, was sie gefühlt hatte, und sie erinnerte sich auch an die klaren Drohungen, die Zerdaya ihr in der Arena und darüber hinaus ins Ohr geraunt hatte.

»Wer seid ihr eigentlich?«, wollte Nara wissen. »Mit euren Bronzemasken und Geheimverstecken unterhalb der Stadt. Was ist euer Ziel? Wo bist du da reingeraten?«

»Darauf gibt es keine einfache Antwort.«

»Irgendeine wirst du mir geben müssen«, forderte Nara und deutete auf das Gemälde. »Eine Begründung, die rechtfertigt, wieso du uns alle im Stich gelassen hast.« Heiße Tränen stiegen in ihr auf. »Wieso du mich zurückgelassen hast. Ich war noch ein Kind.«

Eurini zuckte zurück, als hätte Nara sie geohrfeigt. »Meine Schuldgefühle …«

»Das reicht nicht«, unterbrach Nara sie unwirsch. »Du bist Eurini, die Beschützerin Koris, für die ihre Stadt immer am wichtigsten war. Ich weigere mich zu glauben, dass so etwas wie Scham dich davon abhält, zurückzukehren und deine Pflicht zu erfüllen. Du hast geschworen, Kori zu beschützen.«

Und du bist eine Mutter, dachte Nara bei sich. Aber sie zwang sich in die Rolle der Beschützerin, die sie sein wollte, und sprach über Eurinis Pflichten statt über ihre eigenen Gefühle. Als Beschützerin hatte sie die Kontrolle. Als Tochter war sie hilflos.

»Der Tod deines Vaters traf mich schwer.« Eurinis Blick richtete sich wieder auf das Gemälde, und ihr Gesicht nahm einen leeren Ausdruck an. Als müsste sie einen Schritt aus sich heraustreten, um über die schmerzvollen Dinge zu sprechen.

Nara schluckte, und ihre Fassade bröckelte. »Er ist also wirklich tot?«

Erst jetzt bemerkte sie, dass sie bewusst nicht von ihm gesprochen hatte, da sie diese Bestätigung nicht hatte hören wollen. Durch die Rückkehr ihrer Mutter hatte sich in ihr die Hoffnung geregt, auch ihren Vater zurückzubekommen.

Als Eurini nickte, war es, als würde Nara ihn ein weiteres Mal verlieren. Ihr Herz zersplitterte wie Eis, und sie verharrte ganz still, weil sie Angst hatte, sonst zu zerbrechen.

»Der Sturm war furchtbar«, erklärte Eurini, und ihre Worte waren wie Gewitterwolken, malten eine unheilvolle Zukunft an den Horizont. »So etwas habe ich noch nie zuvor gesehen. Wir gaben unser Bestes, aber weder das Schiff noch wir waren stark genug. Ich verlor ihn aus den Augen, als eine riesige Welle über uns hinwegrollte.«

»Also hast du ihn nicht sterben sehen«, flüsterte Nara, und sie hasste die Hoffnung, die in ihrem Herzen aufleuchtete und sich daranmachte, die Risse zu verschließen. »Er könnte noch irgendwo sein.«

»Wir waren im eisigen Meer«, erwiderte Eurini. »Glaub mir, Nara: Auch ich trug diesen Gedanken lange mit mir herum. Das war der erste Grund, weshalb ich nicht zurückkam. Ich redete mir ein, dass ich ihn zuerst finden musste. Aber irgendwann musste ich ihn aufgeben, sonst hätte die Verzweiflung mich zerrissen.« Sie legte eine Hand an ihr Herz. »Die Trauer war genauso schmerzhaft. Ich verlor meinen Gefährten, doch euch nahm ich die Möglichkeit, mit einer Mutter aufzuwachsen. Es tut mir so leid, mein Kind.«

Eurini wandte sich zu Nara um, einen Ausdruck tiefer Verzweiflung im Gesicht. Da fiel Nara ihr in die Arme und weinte. Sie weinte um ihren Vater, die verlorene Zeit, das zerrüttete Kori.

Währenddessen strich Eurini ihr immer wieder sanft über das Haar, und Nara spürte die Wärme einer Mutter, von der sie nicht gewusst hatte, dass sie sich so sehr nach ihr gesehnt hatte.

Es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich wieder beruhigte und einen Schritt zurücktrat, den Kopf beschämt gesenkt. Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und atmete tief ein, besann sich auf ihre Rolle.

»Wir müssen Airell Bescheid geben.« Nara vermied es, Eurini anzusehen. »Er hat immer daran geglaubt, dass ihr beide noch lebt.«

»Airell …« Eurinis Stimme klang seltsam belegt. »Er war immer ein guter Junge. Wie geht es ihm?«

»Seit eurem Tod leidet er.« Für Nara gab es keinen Grund, die Wahrheit zu beschönigen. Eurini sollte wissen, was sie ihrer Heimat und ihrer Familie angetan hatte. »Sehr. Er hat unzählige Versuche unternommen, euch zu finden. Am Anfang bekam er dafür viel Verständnis, doch je mehr Zeit verging, desto schwieriger wurde es für ihn. Die Menschen Koris wollten, dass er für sie da war, immerhin war er ein Beschützer. Dieser Aufgabe kam er nicht nach.« Nara knirschte mit den Zähnen. »Er war zu sehr damit beschäftigt, neue Theorien über euren Aufenthaltsort zu spinnen, statt seine Schwester zu trösten oder sich um die Stadt zu kümmern. Also wandten die Menschen Koris sich zunehmend an mich, und seine Verbitterung und mein Pflichtgefühl standen zwischen uns.«

»Das klingt hart«, flüsterte Eurini.

»Das war es auch.« Die Worte kamen schnell und unnachgiebig. »Eine ganze Stadt verließ sich plötzlich auf uns.« Nara deutete mit einer ausladenden Geste auf das Bild. »Airell gab sein Bestes, aber es reichte nicht. Nichts hätte gereicht, um die Lücke zu füllen, die ihr hinterlassen habt.« Voller Verzweiflung presste Nara ihre Hände auf ihre Brust, damit ihr das Herz nicht heraussprang. »Wir waren Kinder.«

Eurini schluckte hörbar. »Ich hatte gehofft, ihr könntet füreinander da sein.«

Schnell wandte Nara sich von dem Gemälde Koris und ihrer Mutter ab, schritt stattdessen zum Fenster und sah hinaus auf das Meer, um den aufkeimenden Schmerz niederzudrücken.

»Das hatte ich auch gehofft.« Naras Stimme klang rau und belegt, und sie räusperte sich. »Genug von der Vergangenheit. Wann laufen wir den nächsten Hafen an, damit ich Airell eine Botschaft überbringen lassen kann?«

Sie verschwieg, dass ihr eigentlicher Plan vorsah, nach Lort zurückzukehren, um die gesammelten Informationen der Stadtwache zu übergeben.

Stille. Nur das Rauschen des Meeres und das Dröhnen ihres eigenen Herzschlags. Schließlich wandte Nara sich um.

Eurini stand in der Mitte der kleinen Kabine, den Kopf gesenkt. Das Licht, das durch das Fenster fiel, brachte die Perlen in ihrem Haar zum Funkeln.

»Ich fürchte, das kann ich nicht zulassen, Nara.«

7. Kapitel

Die Nacht verlief genauso unruhig, wie Katso befürchtet hatte, und er war dankbar, als das erste Sonnenlicht durch die bunten Glasfenster fiel und das Zimmer in ein grün-gelbes Farbenspiel tauchte. Der Anblick lenkte ihn von seinen düsteren Gedanken und seinen Ängsten ab.

Im oberen Stockwerk der Unterkunft lagen mehrere Schlafstätten. Pal und Zura hatten sich in eine Ecke des Zimmers zurückgezogen, während Katso einige Felle in der Nähe der Treppe gewählt hatte, um die Ankunft möglicher Eindringlinge mitzubekommen.

In einer fließenden Bewegung erhob er sich und dehnte seine Glieder, dann ging er nach unten und starrte überfordert auf die Kochstelle. Er vermisste die Akademie mit ihren Dienstjungen, die köstliche Mahlzeiten servierten.

Um sich nicht mit seinen fehlenden Kochkünsten auseinandersetzen zu müssen, räumte er eine Ecke des Zimmers frei, indem er Stühle und Tische zur Seite schob, und begann mit einigen Kraftübungen, um den Kopf freizubekommen. Wenn er schon nicht direkt zur Tat schreiten konnte, wollte er zumindest darauf vorbereitet sein.

Nach einiger Zeit knarzte die Treppe, und Pal kam herab, das Kinn stolz erhoben. Katso erwischte sich bei dem Gedanken, dass er lieber mit Zura allein gewesen wäre, statt mit dem Mondgebundenen, der immer dreinblickte, als ob die Welt einzig ihm gehörte. Doch gerade waren Pal und Zura die einzigen Verbündeten, zu denen er direkten Kontakt hatte, und so bemühte Katso sich um ein halbwegs freundliches Lächeln zur Begrüßung. »Wie war die Nacht?«

Statt einer Antwort ging Pal zur Kochstelle und hantierte dort herum. Wenig später stieg der Duft von frisch gekochtem Reis in die Luft. Kurz darauf mischte sich das Aroma von gebratenem Fisch dazu, und Katso lief das Wasser im Mund zusammen.

Da er sich keine großen Hoffnungen machte, dass Pal für ihn kochte, war er umso überraschter, als der Mondgebundene drei Schüsseln auftischte und eine große Portion Reis mit gewürztem Fisch servierte.

»Setz dich«, forderte er Katso auf.

»Ich bin nicht dein Untergebener«, erwiderte Katso gereizt.

»Ich bin auch nicht deiner, und doch habe ich für dich gekocht.« Pals Gelassenheit befeuerte die Wut in Katsos Eingeweiden. »Bitte setz dich zu mir. Wir haben einiges zu besprechen. Denkst du nicht auch?«

Das überraschte Katso, und er kam skeptisch näher, setzte sich. Das Essen sah köstlich aus. Der Reis klebte aneinander, und das Fleisch des Fisches wirkte auf den ersten Blick weich und zart.

»Nimm«, sagte Pal, und dieses Mal ließ Katso sich kein zweites Mal bitten, sondern füllte seine Schüssel. Das Frühstück schmeckte genauso vorzüglich, wie es aussah, und Katso seufzte zufrieden, was Pal ein kleines Lächeln entlockte.

»Wir sollten unseren Streit beilegen«, begann Pal. »Ich kann nicht einmal mehr genau sagen, wo er begonnen hat.«

Diese Respektlosigkeit empörte Katso, und er verschluckte sich beinahe an seinem Essen. Er hustete, schlug sich mit der Faust gegen die Brust und starrte dann Pal an. »Du weißt … nicht einmal mehr, warum du mich nicht leiden kannst?«

Katso hingegen musste nicht lange überlegen. Ihm war Pals arrogante Art schon sehr früh zuwider gewesen. Da zuckte Pal mit der Schulter. »Unsere Anwesenheit an der Akademie machte uns zu Gegnern. Ich schätze, das reichte mir.«

»Unser Kampf«, erinnerte Katso ihn. »Du hast Nara verletzt.«

»Ah.« Pal schob sich ein Stück Fisch in den Mund und nickte. »Sie sprang in der ersten Einheit dazwischen, um dich zu retten, als du am Boden lagst.«

»Du warst rücksichtslos«, setzte Katso nach.

»Ich war zielorientiert«, korrigierte Pal und legte seine Stäbchen nieder. »Aber mir erschließt sich, weshalb du das anders siehst. Denn ich gestehe: Ich hätte dich nicht so hart angehen müssen. Es tut mir leid, Katso aus Sa. Ich hatte ein Ziel vor Augen und habe alles andere ausgeblendet. Das war falsch.«

Irritiert runzelte Katso die Stirn. »Woher kommt diese plötzliche Erkenntnis?«

Daraufhin zuckte Pal mit den Schultern. »Es …« Sein Blick wanderte zu der Holztreppe.

»Zura«, schlussfolgerte Katso, und Pals zusammengekniffene Augen signalisierten ihm, dass er recht hatte. »Sie hat dir ins Gewissen geredet.« Es fühlte sich gut an, Pal zu durchschauen. »Deswegen entschuldigst du dich jetzt. Um sie zu beeindrucken.«

»Ich entschuldige mich«, begann Pal und atmete tief ein, »weil es das Richtige ist. Aber ja, in der Tat hat Zura mir das aufgezeigt, als wir gestern auf dich warteten. Sie machte mir klar, dass wir nicht mehr an der Akademie sind und die Welt hier draußen anders funktioniert. Wir müssen zusammenhalten. Ob wir wollen oder nicht. Ich weiß, dass wir bereits einen Pakt geschlossen haben, um die seltsamen Geschehnisse in Lort aufzuklären, aber um ehrlich zu sein, habe ich dir nie wirklich getraut. Ich schätze, das hast du mitbekommen.«