Steling: Johannisnacht - Ute Mainz - E-Book

Steling: Johannisnacht E-Book

Ute Mainz

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Beschreibung

Heinrich Ohnesorg, Küster des berühmten Eifeldoms in Kalterherberg, ist ein Eigenbrötler wie er im Buche steht und als geschichtsbegeisterter Spezialist für alte Handschriften selbstverständlich im Heimatverein aktiv. Als er erhängt im von ihm betreuten Glockenturm des Eifeldoms aufgefunden wird, stellt sich natürlich die Frage nach dem Motiv ebenso wie nach dem Täter oder der Täterin. Und weshalb interessiert sich plötzlich das LKA aus Köln so brennend für einen Mordfall in der Nordeifeler Provinz? Kommissar Steffens und sein Assistent Kirchfink gehen diesen Fragen nach und als es ihnen schließlich gelingt, Ohnesorgs Aufzeichnungen zu entschlüsseln, kommt ihnen ein schlimmer Verdacht: Hat der Mord am Küster etwas mit einem grausamen Ritual rund um die bevorstehende Johannisnacht zu tun? Und können die beiden eine weitere Bluttat verhindern?

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EPUB
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Seitenzahl: 201

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Ute Mainz

STELING

Johannisnacht

Kommissar Steffens fünfter Fall

Ute Mainz

JohannisnachtNach einer Idee von Dirk Neuß und Stefan Herbst

Impressum

1. Auflage 2025

© Eifeler Literaturverlag

In der Verlagsgruppe Mainz

Alle Rechte vorbehalten

Printed in Germany

Eifeler Literaturverlag

Verlagsgruppe Mainz

Süsterfeldstraße 83

52072 Aachen

www.eifeler-literaturverlag.de

Gestaltung, Druck und Vertrieb:

Druck & Verlagshaus Mainz

Süsterfeldstraße 83

52072 Aachen

www.verlag-mainz.de

Lektorat:

Christoph Swiontek

Umschlaggestaltung:Dietrich Betcher

Abbildungsnachweis (Umschlag):

Dr. Dieter Peuser

Print:

ISBN-10: 3-96123-103-6

ISBN-13: 978-3-96123-103-4

E-Book:

ISBN-10: 3-96123-145-1

ISBN-13: 978-3-96123-145-4Bei diesem Kriminalroman handelt es sich um eine fiktive Erzählung mit Bezug zu regionalen Örtlichkeiten.

Alle erwähnten Personen sind frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten mit noch lebenden oder schon verstorbenen Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt!

Kapitel eins

In seinem kleinen Arbeitszimmer wurde das Licht immer spärlicher, aber er merkte es nicht. Gebannt hatte sich Heinrich Ohnesorg über die Abschriften der alten Bücher gebeugt. Vorsichtig blätterte er zum Vergleich in seiner eigenen, umfangreichen Sammlung von Geschichtsbüchern derselben Epoche, verharrte mehrere Male in der Bewegung und nahm eine kleine Lupe zu Hilfe. Er tauchte ein in die vielschichtigen Informationen, Geschichten und Schicksale, wie sie nur alte Kirchenbücher zu konservieren wissen, und deren Kopien hier auf seinem Schreibtisch lagen. Die alte Schrift war nicht immer einfach zu entziffern, aber seine langjährigen Studien machten es Ohnesorg relativ leicht. Für einen wie ihn, der Ahnenkunde betrieb oder auf der Suche nach bislang unbekannten Wahrheiten über Eheschließungen, Taufen und Todesfälle war, bargen diese alten Aufzeichnungen bis weit in vorangegangene Jahrhunderte Schätze, niedergeschrieben in den Schriftzeichen, denen so mancher Kirchenschreiber mit seiner eigenen Handschrift einen ganz eigenen Ausdruck verliehen hatte.

Diese alten Schriften waren Ohnesorgs Freunde. Er bekam Antworten auf Fragen zu Brauchtümern, Jahresverläufen und sogar zur Mode unserer Vorfahren. Mit Büchern dieser Art konnte er kommunizieren, ohne reden zu müssen. Die hatten ihm viel zu erzählen, denn er konnte sie lesen. Er war schon immer ein Einzelgänger gewesen. Leibhaftige Freunde waren ihm zu anstrengend, bei denen musste man gesellschaftsfähig agieren. Das lag ihm nicht, mehr noch: Das hatte er noch nie gekonnt. Die Ermahnungen seiner, um eine gute Erziehung bemühte Mutter hatten nur das Gegenteil bewirkt, und auch seine Lehrer hatten irgendwann aufgegeben. Der Notendurchschnitt auf dem Hamburger Gymnasium hatte dennoch gepasst.

Und Heinrich Ohnesorg war durchgekommen, hatte sein Leben gelebt. Jetzt wohnte er in dem beschaulichen deutschbelgischen Grenzort Küchelscheid, direkt am Vennbahnweg, der Ravelroute, in einem der typischen, alten Eifelhäuschen, die sich hinter den immens hohen Rotbuchenhecken zu ducken schienen, um sich mit deren Hilfe vor den rauen Stürmen der Gegend zu schützen.

Genau das gefiel Heinrich Ohnesorg, denn auch er tauchte gerne ab und verbrachte seine Zeit mit historischen Recherchen, um sein umfangreiches Wissen in Geschichte aller Epochen noch zu vertiefen. Viel brauchte er nicht zum Leben, modischer Schnickschnack lag ihm fern, für eine dauerhafte Partnerschaft fühlte er sich nicht gemacht, und so war er vor mehreren Jahren prompt der Stellenausschreibung gefolgt, in der man einen Küster für den berühmten Eifeldom in Kalterherberg gesucht hatte. Seine Arbeitsstelle war nur einen Steinwurf von dem kleinen Wohnhaus entfernt. Meistens fuhr er mit dem Fahrrad zu »seinem Dom«, wie er ihn schon fast liebevoll nannte. Er musste auf dem Hinweg zwar einen erheblichen Berg bewältigen, etwas, das er in Hamburg nicht hatte üben können, aber zurück ging es dann umso schneller und einfacher wieder bergab.

Die Arbeit als Küster machte ihm Spaß und sie ließ ihm viel Zeit für sein Hobby, historische Wahrheiten zu Tage zu fördern. Die alten Zeitzeugen in Form von Niederschriften waren eine schier unendliche, nicht versiegende Quelle, die ihm als Küster geradezu ideal in Form von Kirchenbüchern dieser Gegend immer zur Verfügung standen. Bei deren Bearbeitung vergaß er oft Zeit und Raum. In solchen Momenten war er ganz bei sich. Jede familiäre oder freundschaftliche Bindung wäre hier hinderlich gewesen. Dennoch war er Mitglied in diversen Vereinen der Ortschaft Kalterherberg geworden. Hier fand er das Auditorium, von dem er glaubte, Anerkennung für seine Geschichtsvorträge zu bekommen.

Ohnesorg machte sich auch heute Abend wieder Notizen. Sein Handzettel an der Seite eines relativ modernen Computers diente nur für kurze Stichworte, denn sofort formulierte er die Ergebnisse in einem der strengen hanseatischen Erziehung sei Dank gestochen klarem Deutsch und tippte sie im Word-Dokument ab. Nach kurzer Kontrolle speicherte er alles sofort ab, um nichts durch eine Unachtsamkeit zu verlieren. »Wat mutt, dat mutt« war seine Devise, hanseatisch eben!

Heinrich Ohnesorg zischte durch die Zähne. Er war auf etwas gestoßen, etwas ganz Besonderes, und er begann, wie wild und fast ohne Pause auf die Tastatur zu hämmern. Wie besessen arbeitete er bis weit in die Nacht – diese und auch die folgenden Nächte, unterbrochen nur durch den Dienst im Eifeldom!

Er begriff: Mit den Informationen der aktuellen Recherchen musste er nach Köln fahren. Die Adresse war ihm klar, und weil er noch ein paar Urlaubstage zur Verfügung hatte, war es kein Problem, am darauffolgenden Dienstag, von seinen Arbeitspflichten befreit, nach Köln zu fahren. Entgegen seiner sonstigen Gleichgültigkeit hinsichtlich seines äußeren Erscheinungsbildes, durchstöberte er diesmal den nur spärlich ausgestatteten Kleiderschrank nach einem Outfit, in dem er sich wohlfühlte, und das nach seinem Empfinden auch einer Stadt wie Köln würdig war.

Und so setzte er sich am Dienstagmorgen frisch geduscht und mit einem nicht mehr ganz der aktuellen Mode entsprechenden Anzug ins Auto, um den Zug vom Stolberger Hauptbahnhof nach Köln zu erreichen. Seinen Volvo reihte er neben den anderen Fahrzeugen der Pendler ein, die regelmäßig diese Strecke fuhren. Abends würde er wieder zu Hause sein, es sollte ja nur ein kurzer Besuch beim LKA zwecks Weitergabe von brisanten, geschichtsträchtigen und äußerst gefährlichen Fakten sein. Einer eventuellen Konsequenz, die sich gegen seine eigene Person richten könnte, war er sich nicht bewusst, so besessen war er von der Ungeheuerlichkeit, die er mit Hilfe der alten Kirchenbücher ans Tageslicht befördert hatte.

In Gedanken formulierte er immer wieder denselben Text. Er war seiner eigenen Mission hörig geworden und dadurch in seiner Welt gefangen und auch von ihr gefordert, hatte er kaum einen Blick für die am Fenster vorbeirasende Landschaft. In Köln angekommen, verlor er keine Zeit. Er gönnte sich ein Taxi. Dem Fahrer hielt er den Ausdruck mit der Adresse hin.

»Kein Problem, ich muss aber einen kleinen Umweg fahren, die Innenstadt ist wegen der Sanierungsarbeiten für unsere U-Bahn schier unpassierbar.«

Alles andere hätte ihn auch gewundert. Heinrich Ohnesorg schüttelte missbilligend den Kopf und besah sich sein Spiegelbild im Seitenfenster des Wagens. Dabei wagte er auch einen vorsichtigen Blick auf den freundlichen Fahrer, der ihn in ein Gespräch verwickeln wollte. Ohnesorg, der nur selten und erst recht nicht heute in seinen Gedanken gestört werden wollte, empfand das als übergriffig. Er war immer noch so siegessicher und von der Richtigkeit seines Handelns überzeugt, dass eine gewisse Arroganz von ihm Besitz ergriff, die ihn zusätzlich für jegliche Form einer Unterhaltung hemmte. So war er auch nicht auf die Idee gekommen, die Polizei in Monschau einzuschalten, warum auch, die würden die historischen Zusammenhänge ja doch nicht verstehen.

Am Zielort angekommen, bezahlte er den sündhaft hohen Preis und stieg aus. Der Autolärm der Großstadt empfing ihn, gepaart mit dem Stimmengewirr zahlreicher Passanten und der abgasgeschwängerten Luft. Wie sehr hatte er sich schon an die Ruhe der Eifel gewöhnt und vergessen, wie nervig dieses Stadtleben für ihn geworden war! Schlimmer noch, Heinrich Ohnesorg empfand den Lärm der Großstadt geradezu wie Schläge.

Selbstbewusst durchschritt Ohnesorg die gläserne Drehtür. Im Gebäude empfing ihn eine vornehme Ruhe. Er musste nicht lange nach der Person fragen, der er einen Besuch abstatten wollte, denn sie war bekannt in diesem Haus! Ohnesorg war über diese Situation begeistert, obwohl sie ihn eigentlich hätte wundern sollen. Aber kein noch so kleiner Funke des Zweifels kam in ihm auf, als tatsächlich lediglich die Erwähnung seines Wohnortes, Kalterherberg, wie ein Türöffner diente. Für ihn fühlte sich das heute absolut richtig an!

Im fünften Stockwerk des Bürogebäudes betrat er einen mit dickem Teppich ausgelegten Raum. Die trutzigen Mahagonimöbel wirkten wie aus der Zeit gefallen. Aber Ohnesorg blieb von deren Wirkung völlig unberührt. Möbel mussten für ihn zweckmäßig sein, nur dann sprachen sie für sich.

Heinrich Ohnesorg berichtete unter Hinzunahme seiner Unterlagen über die Fakten seiner Recherchen. Danach sonnte er sich in der Reaktion seines Gegenübers. Nur selten überkam ihn eine solche Freude wie heute, die regelrecht an Genugtuung grenzte, denn seine Arbeit war offensichtlich nicht ins Leere gelaufen. Sein Gegenüber auf der anderen Seite des Schreibtisches hatte ihn lange mit undefinierbarer Miene beobachtet, mit dem Kopf genickt, ohne viel zu sagen, um Heinrich Ohnesorg dann zur Verabschiedung sogar bis zur Bürotür zu begleiten.

»Das war der goldene Schuss«, dachte Ohnesorg bei sich, als er das Gebäude wieder verließ. Für den Rückweg nahm er die S-Bahn. Den Weg zum Kölner Hauptbahnhof zu finden, war einfach. Einen alten Hamburger konnte so eine Stadt wie Köln nicht abschrecken! Auch an den aufkommenden Nieselregen war er von Kindesbeinen an gewöhnt.

Zufrieden machte er es sich im Sessel des Zuges gemütlich, er hatte sich als Belohnung für den heutigen, erfolgreichen Tag die erste Klasse gegönnt und genoss die Rückfahrt nach Stolberg. Gegen das zufriedene Grinsen eines Gewinners, konnte er sich kaum wehren. Es machte sich auf seinem Gesicht breit und paarte sich mit den vor Aufregung geröteten Wangen. Die Zufriedenheit fühlte sich wie ein weiches Daunenkissen im Bauch an.

Draußen wurde der Regen intensiver. Heinrich Ohnesorg fiel in einen Sekundenschlaf, kurz bevor er am Ziel ankam und den Zug verlassen musste. Sein kleiner Volvo stand genauso auf dem Parkplatz, wie er ihn am Morgen geparkt hatte. Ohnesorg stieg ein und fuhr zufrieden in nach Hause.

In wenigen Tagen würde ein neuer Kurs beim Schamanen beginnen. Ob Jürgen wieder dabei war? Heinrich Ohnesorg hoffte es, der konnte so gut zuhören, ohne aufdringlich zu werden.

Eine Dose Ravioli musste jetzt als Abendessen reichen. Genüsslich schaufelte er die in Tomatensauce ertränkten und mit einer undefinierbaren Fleischfüllung angereicherten Nudeln in sich hinein. Früher hatte seine Mutter die noch mit Apfelmus verfeinert, meistens selbstgekocht aus Früchten aus dem Alten Land, direkt hinter Hamburg. Heute waren das nur noch angenehme Erinnerungen.

Als er sich ins Bett legte, war sein Nachname Programm. Ohne sich Sorgen zu machen, ob sein Besuch in Köln vielleicht ein Fehler gewesen war, schlief er ein.

Kapitel zwei

Die beiden Dachdecker schraubten ihre Thermoskannen wieder zu und verstauten sie in der jeweils eigenen Tasche neben den Brotdosen. Die Kaffeepause hatte wieder viel Gesprächsstoff über die bevorstehende Feier zur Johannisnacht geboten. Beide Männer freuten sich darauf, endlich mit ihren Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr, der verschiedenen Vereine und der Bewohner aus den benachbarten Gemeinden zu feiern. Jetzt galt es nur noch, die letzten wenigen Restarbeiten am linken Glockenturm des Eifeldoms zu beenden, dann war auch dieser Auftrag beendet.

Während der letzten Tage hatte es geregnet und die Arbeiten am Dach der gewaltigen Kirche waren wetterbedingt etwas schleppend vorangekommen. Die Bohlen des Gerüstes waren feucht und glitschig, die Männer bewegten sich deshalb äußerst vorsichtig. Unter ihnen glitzerte der nasse Asphalt der wenig befahrenen Hauptverkehrsstraße durch Kalterherberg.

»Pit, kick ens!«1 Verwirrt und blass zeigte Hanno durch das obere Fenster des Glockenturms, an dem sie die Arbeiten schon beendet hatten, und den sie über die kleine Leiter des Baugerüstes, das bis zur obersten Balustrade reichte, verlassen wollten. »Doo hängt ömes.«2

Das Gerüst war zu schmal und Hanno zu dick. Er musste also erst nach vorne gehen, von wo aus sich der wesentlich schlankere Pit jetzt an ihm vorbeischlängeln konnte, um seinerseits einen Blick durch das fast einhundert Jahre alte Fenster in den Glockenturm zu werfen.

»Jetz kann ich net mije, du has reat, dat daasch doch net woar sen. Haste et Handy parat?«3,

entfuhr es ihm.

»Ja glöövs duwe da, ich wüer jetz Belder maache?«4, fragte Hanno nervös.

»Nee, verdammt, du sals de Polizeji aroffe«5, konterte Pit. »E sujet hann ich jo noch nie jesehn.«6

»Mach flott, damit wir hier wechkönne!«7

Die beiden Arbeiter wollten eigentlich so schnell wie möglich den Ort des Schreckens verlassen, das Warten auf die Polizei kam ihnen schier endlos vor. Die Vorfreude auf das Spektakel zur Mittsommernacht war damit erst mal verflogen.

Hauptkommissar Steffens saß in seinem Büro im Monschauer Polizeipräsidium und schrieb einen Bericht über die auffallend hohe Anzahl schwerer Motorradunfälle in der Eifel am vergangenen Wochenende. Eigentlich hätte er diese undankbare Aufgabe gerne an einen seiner beiden Streifenpolizisten, Basti Schreiber oder Paul Kreitz, abgegeben, aber die beiden waren gegen ihre Gewohnheiten noch nicht da. Sie kamen immer gemeinsam mit einem Auto, vielleicht wurden ja wieder Kühe getrieben, so dass es zu einem Stau gekommen war. Hier in der Eifel hatte sich der ehemalige Kölner Kommissar an so manche Außergewöhnlichkeit gewöhnen müssen.

Steffens hob den Kopf, als sein Diensttelefon klingelte. Schon mehrere Male hatte er versucht, diesen schrillen Ton gegen eine angenehme Melodie auszutauschen, aber selbst die, die im Angebot waren, empfand er als Zumutung für sein musikalisches Gehör. Also war er stets darauf bedacht, möglichst schnell abzuheben, um dieser akustischen Folter ein Ende zu bereiten. Nachdem er sich gemeldet hatte, hörte er konzentriert zu.

»Wo genau?«, fragte er nach. »Ja, ich komme, in etwa zwanzig Minuten bin ich da. Natürlich bringe ich Kirchfink mit. Beginnen Sie schon mal mit dem Üblichen. Ist Dr. Münster schon informiert?« Steffens biss noch schnell in sein Brötchen, machte seinem Hund Kalle per Handzeichen klar, dass er auf der Decke warten musste, während er die liebgewonnene Lederjacke überwarf, und lief zum Aufenthaltsraum, wo er Kirchfink vermutete. Der kam ihm allerdings von der Toilette aus entgegen.

»Einsatz, Kirchfink, schnell wir nehmen meinen Wagen! Leiche im Eifeldom!« Kirchfink schüttelte sich den Rest Wasser von den Händen, der elektrische Trockner war mal wieder defekt, und folgte seinem Chef zu dessen alten Audi, ein Erbstück von Steffens´ Großvater.

»Im Eifeldom in Kalterherberg? Das ist ja verrückt«, schnaubte er und ließ sich auf den weichen Beifahrersitz fallen.

Steffens startete den Wagen, nahm beim Kreisverkehr die dritte Ausfahrt, um dann dem kurzen Stück Ausfallstraße bis zum Abzweig nach Kalterherberg zu folgen. Hier führte die kurvige Straße stetig bergauf durch dichten Wald und kurz vor dem Ortseingang vorbei an Pferde- und Kuhwiesen.

Schon von weitem konnte man die beiden charakteristischen Türme der Kirche sehen. Was für ein idyllischer Ort! Und hier hatte sich einer erhängt, oder war erhängt worden? Steffens spürte das Kribbeln in seinen Beinen mit gleichzeitigem Ziehen in den Gedärmen. Bei Schauspielern nannte man das wohl Lampenfieber, bei Kommissaren gab es dafür keinen Begriff, dabei durften die sich erst recht keine Unachtsamkeit erlauben. Jeder übersehene Hinweis konnte die Ermittlung in eine falsche Richtung lenken, und es gab keine Souffleuse, die einem im Fall der Fälle weiterhalf.

Steffens parkte sein Auto neben einem Streifenwagen, stieg aus und atmete tief die würzige Sommerluft ein, die nach dem Regen besonders intensiv duftete. Der Kommissar bückte sich unter der Polizeiabsperrung hindurch. Kirchfink tat es ihm gleich, und so kamen beide Beamte gemeinsam an der Kirche an. Viele Neugierige gab es nicht. Um diese Zeit war das weitläufige Dorf wie ausgestorben. Wer berufstätig war, ging seiner Tätigkeit nicht in diesem Ort nach. Ein Altenheim, eine Sparkasse, die Filiale einer Aachener Bäckereikette, ein kleiner Tante Emma-Laden, wer hätte hier sonst noch als Arbeitgeber fungieren können?

Die Schritte der beiden Männer hallten im kühlen Mittelschiff der großen Kirche wider. Überall war geschäftiges Treiben. Die Kriminaltechniker in ihren weißen Schutzanzügen hatten ganze Arbeit geleistet und das schwarze, klebrige Puder zur Auffindung von Fingerabdrücken großzügig verteilt. Sie fanden jede Menge Spuren, denn die Kalterherberger waren treue Kirchgänger.

»Ach du Scheiße, was macht ihr hier? Soll das die Kulisse für den Film Mein Vater war ein Bergmann werden, oder warum in Dreiteufelsnamen, habt ihr diese heilige Halle in ein Kohlebergwerk verwandelt?«, bellte Steffens und fuhr sich gleichzeitig durch sein dichtes, dunkles Haar.

»Befehl von oben – ganz oben«, war die trockene Antwort eines der Weißgekleideten. Alle blickten wie auf Kommando zur Decke des Kirchenschiffes.

»Moment, von dem der da hängt?«, fragte Steffens, nickte mit dem Kopf zur Christusfigur am Kreuz über dem Altar und wurde sich, kaum hatte er die Frage gestellt, bewusst, wie unsinnig sie klingen musste, angesichts des Erhängten über ihnen im Glockenturm.

»Nee, soweit oben nun auch wieder nicht. Kam vom LKA Köln. Die haben uns, den Gerichtsmediziner und die Streifenpolizisten informiert. Und das alles, ohne Ihnen zu allererst Bescheid zu geben? Versteh ich nicht«, bemerkte der Beamte von der Spurensicherung und schüttelte verständnislos den Kopf.

Steffens schwieg und registrierte noch nicht einmal den ungläubigen Seitenblick seines Assistenten. Seine alte Dienststelle hatte sich hier eingemischt, noch bevor er selber seiner Zuständigkeit entsprechend hatte agieren können? Und mehr noch, selbst Basti Schreiber und Paul Kreitz, deren direkter Vorgesetzter er war, waren hinter seinem Rücken zum Tatort gerufen worden – wahrscheinlich noch auf dem Weg zur Polizeidienststelle. In Sekundenschnelle durchdachte der Kommissar alle Möglichkeiten, wie darauf zu reagieren war. Er entschied sich für die schwierigste, aber auch unverfänglichste, indem er in der Sache schwieg.

»Wo ist der Aufgang zum Turm?«, fragte er seinen Assistenten, der sich als Einheimischer ja wohl hier auskennen musste, mit gespielter Ruhe, obwohl er innerlich kochte.

Kirchfink drehte sich einmal um die eigene Achse und zeigte auf die Eichentür, hinter der die steile Wendeltreppe nach oben führte. »Ähm, Chef, muss ich da mit hoch? Das Plateau unter der Hauptglocke ist doch gar nicht breit genug«, startete der Assistent einen zaghaften Versuch, dem Anblick der Leiche zu entgehen.

»Kirchfink, wir erwarten einen durch Strick Erhängten und keinen durch die Guillotine Geköpften. Sie brauchen also keine Angst vor dem Anblick von Blutlachen zu haben«, ermahnte Steffens ihn leicht übertrieben, seiner inneren Verfassung entsprechend. Ihm war wohler bei dem Gedanken, jetzt nicht auch noch alleine den Turm erklimmen zu müssen, denn oben angekommen, rechnete der Kommissar mit der Häme von Dr. Münster, der die Zusammenhänge von Steffens´ Versetzung vom LKA Köln nach Monschau kannte und bestimmt auch schon wusste, dass seine alte Dienststelle, noch bevor der Kommissar selber überhaupt informiert worden war, Anweisungen gegeben hatte.

»Ich brauche Sie da oben«, ergänzte er deshalb verbindlich und schenkte seinem Assistenten einen aufmunternden Blick, obwohl er selbst eine gehörige Portion Zuspruch gebraucht hätte.

Auf dem Glockenturm angekommen empfing sie ein durchaus freundlicher Dr. Münster. Steffens‘ Nervosität seinetwegen war unbegründet gewesen, im Gegenteil, der Gerichtsmediziner äußerte sogar seinen Unmut über die Anweisungen von ganz oben. »So ein Blödsinn, wegen eines erhängten Küsters im Turm. Die in Köln hatten wohl gerade keine eigene Leiche. Mir ist nur schleierhaft, welche Trommel da so schnell war. Der hier hängt zwar noch nicht lange am Strick, aber der Weg über das zuständige Polizeibüro in Monschau wäre wohl angebrachter gewesen, als direkt wie ein alter Köllepötzer nach Köln zu schreien! Alles Weitere kann ich erst sagen, wenn ich ihn auf meinem Tisch hatte.«

»Küster?«, fragte Steffens, »wissen Sie das schon?«

»Ja, einer der beiden Polizisten, die als erste hier eingetroffen sind, hat ihn als Heinrich Ohnesorg identifiziert. Mehr weiß ich nicht, ich kenn ihn jedenfalls nicht. Ist auch besser so, das macht die Arbeit in der Gerichtsmedizin einfacher. Stellen Sie sich mal vor …«

»Ist gut!«, unterbrach Steffens den unerwarteten aber nicht unfreundlichen Redeschwall des sonst eher wortkargen Arztes. Beide drehten sich zu Kirchfink um, dem angesichts des unschönen Anblicks eindeutige Geräusche aus den Tiefen seines Magens entfuhren.

»Also der Kirchfink könnte mir bei der Arbeit am Tisch jedenfalls nicht assistieren. Der kotzt ja gleich noch vom Glockenturm runter.«

Steffens überkamen Mitleid und Selbstvorwürfe. Er selbst hatte seinen Assistenten gebeten, mit hoch zu kommen, obwohl er genau wusste, dass Kirchfink für diesen Teil am Anfang von Ermittlungen viel zu sensibel war. Und jetzt kam es ihm hoch. Der Kommissar hatte ihn als Schutzschild gegen eventuelle persönliche Angriffe nutzen wollen. Die waren ausgeblieben, aber die bekannte Reaktion seines Mitarbeiters hatte zuverlässig eingesetzt. Er kramte in der Tasche seiner Designerjeans nach einem Papiertaschentuch, reichte es rüber zu Kirchfink, dessen Gesichtsfarbe sich langsam einem lichten Grün näherte, und ermunterte ihn, die Glockenempore wieder zu verlassen.

»Warten Sie unten auf mich. Vielleicht hilft ja ein trockenes Brötchen aus der Bäckerei gegenüber.« Dankbar und vorsichtig, aber nicht ohne Scham, begann Kirchfink den Abstieg vom Turm.

»Wie lange, meinen Sie hängt der arme Kerl denn schon hier?«, fragte Steffens.

»Das kann ich erst beantworten, wenn er auf meinem Tisch gelegen hat. Die äußere Veränderung zum Zombie hat ja noch nicht vollständig eingesetzt«, ergänzte der Pathologe und betrachtete dabei die blau verfärbte Zunge, die wie ein Lappen zwischen den leicht geöffneten Lippen sichtbar war. »Gut, dass es hier oben so zugig ist, sonst wäre der Gestank schier unerträglich. Auf der anderen Seite hätte man die Leiche aufgrund dessen vielleicht noch schneller gefunden.«

Steffens hatte nichts hinzuzufügen. Leicht irritiert verabschiedete er sich von dem Pathologen. Der Kommissar kannte Dr. Münster lange genug und wusste daher, dass er dieses Statement über ein Mordopfer nicht so ernst nehmen durfte. Auch ein Gerichtsmediziner braucht seine Mechanismen, um mit den Widrigkeiten der kriminellen Energie zurecht zu kommen.

Dr. Münster und Steffens nickten sich zu, bevor der Kommissar die steile Wendeltreppe für den Abstieg nutzte. Der heutige Tag hatte etwas Verbindendes gebracht, was die künftige Zusammenarbeit hoffentlich erleichtern würde. Ein Hauch von Zuversicht erfasste Steffens und auch Münster beschlich Zufriedenheit.

»Ja, Kamerad, wer immer auch deinen Kopf in diese Schlinge gebracht hat, konnte nicht ahnen, dass dein Tod auch etwas Gutes haben könnte, denn vielleicht klappt es ja doch noch mit dem Kommissar. So übel, wie die in Köln immer meinen, ist der doch gar nicht.« Nur Wenige wussten, dass Dr. Münster mit den ihm überlassenen Toten sprach. Der Gerichtsmediziner verstand es auf diesem Weg, den häufig übel ramponierten Körpern einen Teil ihrer Würde zu erhalten oder zurückzugeben. Außerdem war er mit seinen Klienten, wie er sie nannte, meistens alleine, und so ein bisschen Ansprache war ja nie verkehrt. Münster war die Anwesenheit von Leichen nicht wirklich unangenehm, und so genoss er noch ein wenig die großartige Aussicht aus dem kleinen Fenster des Glockenturms, durch das nur wenige Stunden zuvor die beiden Dachdecker den Erhängten erspäht hatten. »Ich schau mal für dich mit hier raus«, redete er weiter mit dem Erhängten. »Hast du schon mal eine so großartige Aussicht auf unsere Nordeifel gehabt? Bis nach Belgien kann man von hier oben gucken. Das ist wirklich fast so gut wie der Fernblick auf dem Steling in Mützenich, nur ne andere Richtung.«

In den Büroräumen der Polizei in Monschau herrschte eine ungewohnt eiskalte Atmosphäre. Lediglich Steffens´ Hund Kalle begrüßte sein Menschenrudel freudig. Der Kommissar machte keinen Hehl aus seiner Enttäuschung über die beiden Streifenpolizisten, die ohne weitere Informationen dem Befehl aus Köln nachgegangen waren. Auch Kirchfink hatte nach all der gemeinsamen Zeit wenig Verständnis für den Alleingang von Basti Schreiber und Paul Kreitz.

»Kirchfink und ich gehen jetzt mit Kalle zum Mittagessen in die Stadt. Sie beide schreiben den Bericht Ihres heutigen Einsatzes im Eifeldom, gerne auch mit der Darstellung, wie es dazugekommen ist, dass weder Kirchfink noch meine Wenigkeit sofort darüber informiert worden sind, und Sie Ihre beiden Vorgesetzten erst dazu geholt haben, als Sie das Ausmaß erkannt hatten!« Steffens‘ Stimme war verräterisch belegt. Der Kommissar konnte weder seinen Ärger, noch seine Enttäuschung verbergen.

In der Altstadt lud Steffens seinen Assistenten zu einem fürstlichen Mittagessen ein.

Als die Beiden später wieder im Büro ankamen, hielt Basti Schreiber eine Einladung zu einer Fortbildung hoch, bei der noch zwei Plätze zu vergeben waren. Die beiden Streifenpolizisten staunten nicht schlecht, als ihr Chef ihnen seine Zustimmung gab, ohne den Brief wirklich gelesen zu haben. Steffens hingegen war froh, die beiden Männer, die er eigentlich sehr schätzte, aber heute irgendwie als Nestbeschmutzer empfand, einige Tage nicht sehen zu müssen.

Kapitel drei

In Imgenbroich schlossen sich an diesem Nachmittag für Stefan Hirsch die Türen der großen Druckerei für immer. Hier hatte er als Druckerlehrling angefangen, war übernommen worden und hatte daraufhin mehrere Jahre an den Schwarz-Weiß-Maschinen das Druckerhandwerk ausgeübt. Seine stille, zuverlässige Art hatte ihm Respekt eingebracht, aber Freundschaften innerhalb des Kollegenkreises waren auf eigenen Wunsch nicht zustande gekommen.