Steling: Wespennest - Ute Mainz - E-Book

Steling: Wespennest E-Book

Ute Mainz

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Beschreibung

Im Hohen Venn wird die Leiche einer jungen Frau gefunden, woraufhin Kommissar Steffens und sein Assistent Kirchfink aus der Polizeidienststelle in Monschau die Ermittlungen aufnehmen. Nachdem die Obduktion mehr Fragen aufgeworfen als Antworten geliefert hat, führen die Spuren in lokale Jägerkreise, aber auch ins umtriebige Kölner Rotlichtmilieu. Als dann noch eine Freundin des Opfers spurlos verschwindet, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Und Steffens, der während der Ermittlungen an seine alte Wirkungsstätte in der Domstadt zurückkehrt, verfolgt bald ganz persönliche Ziele …

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EPUB
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Seitenzahl: 208

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Ute Mainz

Nach einer Idee von Dirk Neuß und Stefan Herbst

Impressum

1. Auflage 2023

© Eifeler Literaturverlag

In der Verlagsgruppe Mainz

Alle Rechte vorbehalten

Printed in Germany

Eifeler Literaturverlag

Verlagsgruppe Mainz

Süsterfeldstraße 83

52072 Aachen

www.eifeler-literaturverlag.de

Gestaltung, Druck und Vertrieb:

Druck & Verlagshaus Mainz

Süsterfeldstraße 83

52072 Aachen

www.verlag-mainz.de

Lektorat:

Christoph Swiontek

Umschlaggestaltung:Dietrich Betcher

Abbildungsnachweis (Umschlag):

© Bernhard – stock.adobe.com

Druckbuch:

ISBN-10: 3-96123-069-2

ISBN-13: 978-3-96123-069-3

E-Book:

ISBN-10: 3-96123-116-8

ISBN-13: 978-3-96123-116-4

Bei diesem Kriminalroman handelt es sich um eine fiktive Erzählung mit Bezug zu regionalen Örtlichkeiten.

Alle erwähnten Personen sind frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten mit noch lebenden oder schon verstorbenen Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt!

Kapitel eins

Ihre Handgelenke schmerzten. Die junge Frau wurde brutal gezogen. Sie strauchelte mehr als sie lief und folgte ihrem Gegenüber gezwungenermaßen zum Auto, das dort am Waldrand schon zu warten schien. Dabei versuchte sie krampfhaft, nicht zu stürzen. Sie stöhnte leise. Selbst als das linke Handgelenk kurz losgelassen wurde, damit die Beifahrertür geöffnet werden konnte, hatte sie keine Chance, sich zu befreien.

Schier unmenschliche Kräfte schleuderten sie auf den Beifahrersitz und im selben Moment legte sich eine Hand auf ihre Kehle und drückte zu.

»Du bist gut beraten, jetzt das zu tun, was ich von dir will!«, zischte die Stimme ihres Gegenübers, das Gesicht gefährlich nah über sie gebeugt. Dabei wurde der Schmerz am Kehlkopf immer stärker.

Instinktiv versuchte die Frau, sich zur Wehr zu setzen, rutschte fast in den Fußraum und schlug mit dem Kopf hin und her. Aber die fremde Hand an ihrem Hals ließ sich nicht abschütteln. Im Gegenteil, ihr Druck wurde immer intensiver. Gurgelnde Geräusche verließen unartikuliert den Mund der jungen Frau.

Dann plötzlich ließ das Gewicht auf ihrem Hals doch nach. Die Frau versuchte zu schlucken, während Tränen der Verzweiflung über ihr Gesicht rannen. Sie atmete schwer. Sie hatte unglaubliche Angst.

Als sich dann die Fahrertür öffnete, um den Sitz hinter dem Lenkrad zu besetzen, hatte sie dennoch kurz Gelegenheit, ihren Blick in den Fond des Autos zu werfen.

Die junge Frau erschrak abermals, als sie das Gewehr auf dem Rücksitz registrierte. Wie gelähmt verharrte sie und beobachtete, wie der Wagen gestartet wurde und das Waldstück in Richtung Bundesstraße verließ.

Sie traute sich nicht, etwas zu sagen. Stattdessen kämpfte sie gegen die Unmengen von Speichel auf ihrer Zunge und die aufkommende Übelkeit. Dabei versuchte sie, ihre Gedanken zu ordnen und das Risiko einer Flucht gegen die Möglichkeit einer kampflosen Entlassung aus dieser Situation abzuwägen. Es klappte nicht, sie konnte keinen rationalen Gedanken fassen.

»Ich muss mal!«, war das einzige, was sie mit krächzender Stimme hervorbrachte. Die eben erlebte Malträtierung ihres Kehlkopfes schmerzte noch immer nach. Der Schock saß tief.

Es kam keine Antwort von der Fahrerseite. Der Wagen hatte mittlerweile die Abzweigung zum Hatzevenn erreicht und bog dort ab. Viel zu schnell raste er über die Straße, vorbei an Wiesen, Wirtschaftswegen und nicht zuletzt auch an der Ravelroute und durch den beschaulichen Ort Mützenich.

Die junge Frau versuchte es erneut.

Statt einer Antwort hielt der Wagen abrupt an.

»Dann hau doch ab!« Mit kreischender Stimme vom Fahrersitz aus wurde die junge Frau völlig unvorbereitet durch die plötzlich geöffnete Beifahrertür aus dem Wagen gestoßen.

Sie hatte Glück, sie landete auf allen Vieren, schnellte hoch und rannte los. Ihre Augen gewöhnten sich rasch an die aufkommende Dunkelheit außerhalb des Lichtkegels der Autoscheinwerfer. Im Augenwinkel hatte sie noch gesehen, dass eine Gestalt, einem Schatten gleich, ebenfalls das Fahrzeug verlassen hatte, und einen auffallend langen Gegenstand in der Hand hielt.

»Das Gewehr!«, durchfuhr es die junge Frau.

Der Druck auf die Blase war vergessen, sie lief schnell und erreichte die offene Landschaft des Hohen Venn. Hier gab es keinen Wald, nur wenige Moorbirken und üppiges Pfeifengras beherrschten an dieser Stelle des Hochmoores die Vegetation. Es gab für die Flüchtende keine Möglichkeit, sich irgendwo zu verstecken.

Das Atmen fiel ihr jetzt immer schwerer. Brennende Seitenstiche brachten sie an den Rand einer Ohnmacht, aber eben nur an den Rand, wäre da nicht diese wahnsinnige Angst, die ihr schier unmenschliche Kräfte verlieh, sie weitertrieb, um dieser Situation zu entkommen. Über ihr zogen drei Rotmilane ihre majestätischen Runden.

Für dieses im Hohen Venn nicht unübliche Schauspiel hatte die junge Frau keinen Blick mehr. Sie starrte stur geradeaus. Das Gehör hatte sich auf die menschlichen Geräusche, die sie hinter sich wahrnehmen konnte, fokussiert. Aber immer, wenn sie sich zu sehr auf das näherkommende, stoßweise Atmen konzentrierte, wurde ihr Lauf langsamer. Es war schier unmöglich, in der sich immer mehr verdichtenden Dunkelheit den Weg durch das Hochmoor zu finden, ohne in den dunklen Sumpf abzudriften.

Schon längst hatte sie die sicheren Holzstege verlassen, weil sie glaubte, so ihrem Verfolger nicht durch das dumpfe »Klock, Klock« ihre Position zu verraten. Die junge Frau lief dicht neben diesen Brücken, die tagsüber den Wanderern eine sichere Überquerung dieser einzigartigen Moorlandschaft ermöglichen.

Die seltenen Pflanzen bereiteten sich auf eine ruhige Nacht vor, fast so, als wollten sie der Flüchtenden ihre Gleichgültigkeit für menschliche Probleme demonstrieren, aber nicht nur das, sie zerkratzten zusätzlich auch noch die Schienbeine und Waden der jungen Frau, deren Sneakers eine undefinierbare Schlammfarbe angenommen hatten und durch die eindringende Feuchtigkeit immer schwerer wurden.

Täuschte sie sich, oder waren die Geräusche hinter ihr verstummt? Wurde sie eventuell doch nicht länger verfolgt?

Sie begann aufzugeben, ihre Sinne benebelten sich zunehmend, das Atmen wurde immer schmerzhafter, die Meniskusverletzung, die sie sich letztes Jahr beim Skifahren am »Weißen Stein« in der Eifel zugezogen hatte, machte sich gnadenlos bemerkbar, und sie hatte nicht mehr die Kraft, das alles länger zu ignorieren. Ihr Gehirn folgte den biologischen Gesetzen der Hyperventilation.

Plötzlich, genau in dem Augenblick, als sie nur noch grelle Rot- und Blautöne, gepaart mit weißen Blitzen vor ihren Augen sah, hallte ein Schuss durch die eigentlich friedliche, späte Abendstimmung dieses Naturschutzgebietes. Aufgeschreckt verließen die drei Milane ihre Flugbahnen und einige Gelbhalsmäuse schlüpften flink in ihre Bauten zurück.

Die junge Frau fiel ungebremst nach vorne. Sie blieb bäuchlings mit dem Gesicht im Schlamm liegen. Schwer zu sagen, ob sie den letzten Schuss noch gehört hatte.

Nebel machte sich über der Hochmoorlandschaft breit, die tierischen Bewohner hatten noch kein Interesse an der Leiche, sondern lebten wie schon seit Jahrhunderten ihren eigenen Rhythmus der Nacht in den Weiten des Hohen Venn.

Kapitel zwei

Der Kommissar lag wie abgeschossen bäuchlings mit dem Gesicht im weichen Daunenkopfkissen.

In Steffens kleiner Wohnung herrschte das totale Chaos. Gebrauchte und frische Wäsche hatten sich vermischt, als wollte sie ihren Besitzer verhöhnen. Pizzakartons und leere Flaschen waren planlos drapiert, aber nicht alle leer. Ein animalischer Gestank dominierte den Raum, aber der Versuch, bei offenem Fenster zu schlafen, war daran gescheitert, dass die Blasmusik der vorbeiziehenden Schützenvereine eine regelrechte Folter für das ganz anders konditionierte musikalische Gehör von Steffens darstellte. Mit dem Gesicht im weichen Kopfkissen ließ er die nackten Arme rechts und links neben dem neunzig Zentimeter schmalen Bett herausbaumeln, das, wenn überhaupt, nur sehr vertrauten Damenbesuch zuließ.

Heute jedenfalls lag Steffens alleine und wie gelähmt auf der Matratze.

Das Rumtata vor seinem Fenster arbeitete sich langsam in sein Bewusstsein. Obwohl er es sich so sehr wünschte, war an ein Weiterschlafen nicht mehr zu denken. Sein Kopf vibrierte. In seinen Schläfen hatte sich offensichtlich einer dieser Trommler- und Pfeifer-Corps eingenistet. Anders konnte sich sein noch schläfriger Geist dieses Hämmern in beiden Augenhöhlen nicht erklären. Zusätzlich waren den Augenlidern über Nacht wohl die Gewichte einer Kuckucksuhr gewachsen. Mit einiger Anstrengung ließen sie sich öffnen.

»Na bitte, geht doch«, krächzte er und bereute das im selben Augenblick, denn der fahle Geschmack auf seiner Zunge wurde durch das Sprechen aktiviert. Die Geschmacksknospen tanzten offensichtlich Polka im Pelz.

»Hilft ja wohl alles nicht, ich muss ins Bad«, dachte er, als im selben Augenblick sein Handy klingelte. Steffens brauchte einige Sekunden, um zu merken, dass sein Klingelton, I shot the sheriff von Bob Marley, absolut zur eigenen Verfassung passte, aber nicht Teil der Blasmusik vor seinem Fenster war, sondern der Vorbote einer ganz eigenen und vielleicht sogar sehr wichtigen Sache sein könnte.

»Boah, leck mich … iss ja gut!« Steffens angelte nach seinem Telefon, das auf dem ausgedienten Untergestell einer antiken Nähmaschine lag. Das war nicht ganz einfach, denn seine Matratze war viel tiefer. Den Arm zu heben kam einem Kraftakt gleich. »Iss ja gut!«, wiederholte er sich, jetzt etwas energischer.

Er meldete sich einigermaßen deutlich mit »Steffens« und wartete die Antwort am anderen Ende ab. »Nein, … echt … schon?« Er verglich die Ansage am anderen Ende der Leitung mit seinem Wecker.

»Keine Ahnung. Wenn sie es nicht wissen … Ach so, Kirchfink. Sagen Sie das doch gleich. Aber deswegen wecken Sie mich doch nicht, oder?« Steffens versuchte, aufmerksam den Informationen des Anrufers zu lauschen und schnellte plötzlich wie ein Klappmesser hoch, ein typischer Fehler nach einer durchzechten Nacht, er fiel wie erneut abgeschossen zurück auf die Matratze. Er konnte gerade noch »Wann … wo?« fragen und die Antworten einordnen. Mit der freien Hand drückte er auf die besonders stark pochende rechte Schläfe.

»Ja, kenn ich, glaub ich. Und wieso ist das belgisches Hoheitsgebiet? Wir sind doch nicht bei der Hochseefischerei.« Steffens wartete die Antwort ab. »Ach so, das ist Belgien und eigentlich wären die Kollegen aus Eupen zuständig?«, fragte er, obwohl die Information eindeutig gewesen war.

»Und was ist mit denen?« Er lauschte angestrengt in den Hörer. »Moment, geklaute Kabel bei irgend so einem Kabelwerk sind wichtiger als ein Mord? Das nennt man dann wohl grenzüberschreitende Amtshilfe. Ich komme. Geben Sie mir zwanzig Minuten.« Er beendete das Telefonat und fiel auf sein Kopfkissen zurück. Noch so ein Fehler nach einer durchzechten Nacht. Stöhnend hielt er seinen Brummschädel und resümierte: »Ich hasse Monschauer Kirmes, … jetzt schon!«

Während er den Kopf, angewidert von sich selbst, unter den kalten Wasserhahn hielt, zog draußen vor seinem Fenster der Festzug unbeeindruckt vorüber.

Zum Glück konnte er sich daran erinnern, wo er am Abend vorher den Wagen geparkt hatte. So schnell, wie es ihm heute möglich war, hastete er zu seinem Auto und fuhr ungeachtet des Restalkohols zur beschriebenen Stelle im Hohen Venn, in der Nähe des Wanderparkplatzes, wo er vor wenigen Tagen allen Mut zusammengenommen hatte, um erneut Christina anzurufen – leider mal wieder ohne Erfolg.

Ein belgischer Langholzwagen bremste ihn aus. Der Kommissar wurde zur Langsamkeit gezwungen, denn an ein Überholen war nicht zu denken, da ihm jede Menge Tagestouristen auf ihrem Weg in die Eifel entgegenkamen.

Endlich erreichte er den beschriebenen Wanderparkplatz und folgte dem Weg ins Hochmoor zu Fuß.

Schon von weitem sah er das rotweiße Flatterband mit dem Aufdruck Polizei. Geschäftiges Treiben beherrschte die Szenerie. Mitarbeiter der Spurensicherung waren damit beschäftigt, Nummern nach einem bestimmten Schema am Tatort zu verteilen. Die weißen Schutzanzüge der KTU leuchteten in der Sonne. Vereinzelte schaulustige Wanderer wurden gebeten, den Ort zu verlassen, es sei denn, sie könnten eine Zeugenaussage machen. Und auch Dr. Münster, der Gerichtsmediziner, war schon an der Leiche zugange.

»Oh Gott, Scheiße, der hat mir heute gerade noch gefehlt.« Dr. Münster und Steffens kannten sich noch aus Köln. Sie hatten zwar schon einen Mordfall in der Eifel erfolgreich gelöst, aber die gegenseitige Sympathie war noch immer so wenig ausgeprägt wie zu gemeinsamen Kölner Zeiten. Das konnte hier in der Eifel bestimmt nicht besser werden. Immer, wenn sie sich sahen, begegneten sie sich die Beiden wie zwei verfeindete Straßenkater, die den Schweif steil nach oben gerichtet und den Buckel gewölbt als Warnung voreinander verstanden.

Dennoch hatten sie Respekt vor der jeweiligen Fachkompetenz des anderen.

Steffens Assistent Kirchfink begrüßte den Kommissar an der Absperrung. Dabei sah er missbilligend auf die Uhr.

»Langholzwagen!«, kommentierte der Kommissar, ohne vorher gefragt worden zu sein.

»Guten Morgen, Chef!« Kirchfink wusste, was sich gehörte.

»Ich weiß wirklich nicht, was an so einem Morgen gut sein soll, Kirchfink«, konterte Steffens, immer noch mit brüllenden Kopfschmerzen.

»Joachim«, antwortete Kirchfink.

»Wie bitte?« Steffens verstand nichts mehr.

Ich heiße Joachim, wir haben doch gestern Abend …« Noch bevor Kirchfink seinen Satz zu Ende sprechen konnte, unterbrach Steffen ihn: »Nicht, dass ich mich erinnern kann, Kirchfink!«

»Oh, geht klar, Chef.«

Übergangslos, ohne jeden unnötigen Smalltalk fragte Steffens: »Was haben wir hier?«

»Eine Leiche, weiblich.«

»Geht’s was genauer?«

Zögernd, es war ihm offensichtlich sehr peinlich, antwortete Kirchfink: »Aber Chef, Sie wissen doch ...«

»Heilige Scheiße, Kirchfink, können Sie mal wieder kein Blut sehen?« Steffens machte Anstalten, den Kopf demonstrativ zu schütteln, entschied sich aber in letzter Sekunde klugerweise für eine schlichte Andeutung dieser Bewegung. Seine hämmernden Augenhöhlen dankten es ihm.

Stattdessen hob er das Absperrband hoch und bückte sich sichtlich mühsam drunter her, um zur Leiche und Dr. Münster zu gehen.

»Guten Morgen lieber Kommissar«, begrüßte Dr. Münster ihn süffisant.

»Ich habe gerade doch schon mal gesagt, dass ich wirklich nicht weiß, was an diesem Morgen gut sein soll!«

»Grippe?«, fragte Dr. Münster mit unverhohlener Schadenfreude.

»Kirmes«, antwortete Steffens knapp.

»Oh …«, kommentierte Münster jetzt etwas freundlicher. Hatte der Alte-Neue tatsächlich Zugang zur einheimischen Eifelbevölkerung gefunden? Das wäre anerkennenswert!

»Also«, fragte Steffens.

»Eine junge Frau, höchstens Anfang bis Mitte zwanzig, erschossen, gezielter Schuss in den Rücken. Der Lage der Leiche nach zu urteilen kam der Schuss aus dieser Richtung und traf das Opfer gerade von hinten.« Dr. Münster zeigte auf das Waldstück schräg hinter ihm. Von hier konnte man erkennen, dass die Holzstege dort endeten und ein kleiner Wanderpfad den Weg fortsetzte.

»Wow, ganz schön gut getroffen, was?« Steffens Anerkennung für diese Leistung schien echt, wenn auch nicht wirklich angemessen.

Münster leckte sich die Lippen als er antwortete: »Verdammt gut gezielt, kann man wohl sagen, zumal die junge Frau den Spuren nach zu urteilen, recht schnell gelaufen sein muss. Das ist die hohe Kunst des Jagens.«

Und als ob diese Bemerkung in Gegenwart der Leiche nicht schon fragwürdig genug gewesen wäre, setzte Steffens noch einen drauf: »Okay, hat sie wohl jemand mit einem flüchtigen Reh verwechselt.«

Dr. Münster, eher der väterliche Typ, wurde sich als erster dem Ernst der Lage wieder bewusst und erklärte: »Das wohl kaum. Es gibt offensichtliche Kampfspuren. Hier am Hals die Würgemale, hier an den Handgelenken hat jemand sie sehr unsanft festgehalten, um nicht zu sagen ziemlich grob zugepackt und das nicht nur einmal.«

»Demnach hat es wohl einen Kampf zwischen dem Opfer und jemand anderem, eventuell sogar dem späteren Mörder gegeben«, überlegte Steffens laut.

»Wie lang ist sie denn schon tot?«, fragte Steffens, während er gleichzeitig registrierte, dass das junge Opfer bis zu diesem scheußlichen Verbrechen offensichtlich sehr hübsch gewesen sein musste.

»Bevor ich sie nicht auf dem Tisch hatte, möchte ich mich nicht festlegen, aber grob geschätzt ungefähr plus, minus vierundzwanzig Stunden.«

Dr. Münster fingerte unter dem weißen Schutzanzug an seiner Hosentasche, bis er ein ordentlich gestärktes Stofftaschentuch herausgeangelt hatte. Er schnäuzte sich lautstark, wie zur Unterstreichung seiner These.

Angewidert von diesem Trompeten verdrehte Steffens die Augen. Eine solche Manie hatte er schon früher als unmöglich empfunden.

»Wissen wir schon, wer sie ist«, fragte Steffens und kam sich in diesem Moment sehr tolerant vor.

»Nein, keine Papiere, kein Handy, nichts.«

Steffens war überrascht: »Was, in dem Alter kein Handy! Das ist ungewöhnlich. Gibt es Hinweise auf ein Sexualdelikt?«

»Mein Gott, Steffens, nicht so schnell! Noch sieht es nicht nach einer Vergewaltigung aus, wie denn auch? Hier im Schlamm? Von da hinten erschossen und dann hier missbraucht? Nee, nee, das glaube ich nicht, aber die Antwort bekommen wir, nachdem ich sie untersucht habe.«

Dr. Münster war sich seiner Machtposition in diesem Stadium des Falles durchaus bewusst und ließ Steffens zappeln wie die Fliege im Spinnennetz.

»Ich hasse diesen Kerl«, dachte Steffens, und um diesen Augenblick sinnvoll zu überspielen, zückte er sein Handy, machte ein Foto von der Toten und ging zurück zu seinem Assistenten.

»Und?«, fragte Kirchfink.

»Nichts. Feige von hinten erschossen. Muss mal sehr hübsch gewesen sein. Wer hat sie eigentlich gefunden?«

»Irgendein Jäger.« Kirchfink durchblätterte seine Notizen. »Mommertz, Jürgen Mommertz aus Roetgen. Also vielmehr sein Hund. Jäger haben ja häufig Schweißhunde, die sind auf den Geruch von Blut gedrillt. So einer muss das sein, denn er hat sich angeblich von der Leine losgerissen und ist, wie Mommertz erzählt hat, schnurstracks hier hingelaufen. Und schon war …«

»Wo ist Mommertz jetzt?«, unterbrach Steffens den Redeschwall.

»Schon wieder nach Hause gefahren, hatte wohl einen wichtigen Termin, aber ich habe alle seine Daten.«

»Na hoffentlich«, antwortete Steffens matt. »Ich fahre jetzt erst mal kurz ins Büro. Auf dem Weg dahin besorge ich mir in der Apotheke noch ein Aspirin oder so was. Wissen Sie, welche heute Notdienst hat?«, fragte er in die Runde, erntete aber nur kollektives Schulterzucken.

»Wir treffen uns dann morgen wieder im Präsidium«, beendete der Kommissar diesen Ortstermin.

Steffens stieg ins Auto und nickte seinem Assistenten kurz zu.

Wenig später parkte er sein Auto auf dem Dienstparkplatz und schlich ins Verwaltungsgebäude, das so gar keine Ähnlichkeit mit den charmanten Fachwerkhäusern der Monschauer Altstadt hatte. Er erklomm die Etagen über die Rollstuhlrampe neben der Treppe und ließ sich müde in seinem Büro auf den relativ gemütlichen Schreibtischstuhl sinken, nicht ohne sich vorher am Wasserspender im Treppenhaus ein Glas abgefüllt zu haben.

Steffens beobachtete die kleinen Bläschen, die der Tablette entwichen und sich schnell den Weg an die Wasseroberfläche seines Trinkglases suchten. Mit der linken Hand suchte er in der entsprechenden Schublade des Schreibtisches herum und holte schließlich das Portraitfoto einer Frau hervor. Traurig betrachtete er es und verlor sich in Erinnerungen. Völlig unvermittelt atmete er tief ein und schmiss das Bild wie einen Bumerang in die Schublade, nur dass das Foto nicht zurückkam.

Es hatte keinen Zweck, am heutigen Kirmessonntag weiterzuarbeiten. Steffens trat den Heimweg an.

Kapitel drei

Am Montagmorgen klopfte es ziemlich früh an die Tür des Kommissariats. Die beiden Streifenpolizisten Paul Kreitz und Basti Schreiber standen mit einer jungen, sehr attraktiven Frau im Türrahmen.

Steffens war in seine Überlegungen vertieft und brachte daher nur mühsam ein genervtes »Ja, bitte?«, heraus.

Bevor sie selbst antworten konnte erklärte Paul Kreitz: »Diese junge Dame möchte ihre Freundin als vermisst melden, aber wir genügen ihr nicht, sie möchte unbedingt mit dem leitenden Beamten sprechen.«

»Was? Warum das denn?“

Steffens drehte sich jetzt ganz der jungen Frau zu. »Kommen Sie doch rein und setzen Sie sich auf den Stuhl«, versuchte er sich in Verbindlichkeit, indem er sich endlich Mühe gab, freundlicher zu sein. Der Kommissar betrachtete sein Gegenüber wohlwollend. Was er sah, gefiel ihm: eine gutaussehende Frau, Anfang bis Mitte zwanzig, die langen blonden Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, gekonnt geschminkt und sportlich gekleidet mit Jeans und einer bunten Bluse, die sie oberhalb des Bauchnabels zusammengeknotet hatte. Er fühlte sich schmerzlich an Christina erinnert.

»Wie heißen Sie?«, fragte Steffens noch immer mit nasaler Stimme.

»Kosslik, Julia Kosslik. Grippe?«

»Was? Ach so, nee, Kirmes.«

» Ooh …«, nickte die Frau. Offensichtlich wusste sie, was Steffens quälte.

»Also gut, Frau Kosslik, was kann ich denn für Sie tun?« Dabei betonte Steffens das Wort ich besonders stark.

»Ich kann meine Freundin seit zwei Tagen nicht mehr erreichen. Sie reagiert auf keinen Anruf, sie antwortet auf keine Whats App, nichts!«

»Und wie heißt Ihre Freundin?«

»Nina Grewen, also jetzt Kollmann. Sie hat ja vor ein paar Monaten geheiratet.« Julia Kosslik spielte verlegen an einer Haarsträhne. Es war ihr nicht entgangen, dass Steffens sie etwas zu wohlwollend betrachtete. »Die Hochzeit mit diesem Drecksack war ein Riesenfehler.«

»Okay, das ist Ihre Sicht, aber kann es nicht sein, dass die zwei sich einen gemütlichen, romantischen Abend zu zweit gemacht haben, so wie Jungverheiratete das schon mal tun?«

»Nein, nicht mit dem Arschloch. Verheiratet ist der nur mit seiner Firma und jetzt, da er Nina endlich für sich hat, ist sein Interesse an ihr auch schon wieder verpufft. Wenn Sie verstehen, was ich meine. Da gibt es längst ein neues Spielzeug. So ein typischer Vollpfosten eben, mit schicker Villa, dicken Autos, Rolex, Goldkettchen, der meint, er könne jede haben.«

»Vielleicht hat sich Nina einfach eine Auszeit genommen, um ...« Steffens schaffte es nicht, den Satz zu Ende bringen, denn ein lautes Schluchzen ließ ihn augenblicklich verstummen.

»Aber doch nicht, ohne mir Bescheid zu sagen! Wir sind beste Freundinnen, Schwestern im Geiste, Vertraute. Ich weiß alles von Nina. Ich weiß von ihrer beschissenen Ehe. Ralf hat sie verprügelt und sie nur gebraucht, um sich mit ihr zu schmücken und sich vor seinen Geschäftsfreunden zu brüsten.«

Bei dieser Formulierung konnte Steffens es nichtvermeiden, den Blick auf den knapp verhüllten Oberkörper von Julia Kosslik zu lenken. Er ermahnte sich still und lauschte weiter den Ausführungen: »Nach der Hochzeit, als Nina eine Familie haben wollte, ist Ralf komplett ausgerastet. Dann hat er sie links liegen gelassen, sie mit anderen Frauen betrogen, den Geldhahn zugedreht, das volle Programm.«

»Julia, haben Sie vielleicht ein Foto von Ihrer Freundin? Ich gebe es zur Fahndung raus.«

»Na klar, hier auf meinem Smartphone.« Mit diesen Worten reichte sie Steffens ihr Handy über den Tisch.

Steffens erstarrte: »Ach du Scheiße!«

Frau Kosslik ahnte Schlimmes: »Was ist denn? Los, sagen Sie doch endlich was!«

Steffens betrachtete das Bild entsetzt. »Das hier links, ist das Nina, Nina Kollmann?«

»Ja, das ist sie. Das Foto ist beim Junggesellinnenabschied entstanden, unser letztes Selfie in Freiheit, verstehen Sie? Aber was ist los? Was ist passiert?«

Steffens rieb sich die Schläfen und drückte beide Zeigefinger rechts und links an die Nasenwurzel. »Wir habe heute Morgen eine tote Frau im Venn gefunden.«

Julias Gesichtszüge entglitten, bis sie unter Tränen zusammenbrach. Steffens erhob sich, schritt um seinen Schreibtisch und nahm Julia tröstend in den einen Arm. Mit dem anderen bat er ohne Worte die beiden Streifenbeamten, die immer noch interessiert im Raum standen, um eine Packung Papiertaschentücher.

Kapitel vier

Steffens und Kirchfink verließen gegen Mittag das Büro. Der Kommissar hatte seinen Assistenten zu einer Currywurst eingeladen und so standen die beiden Ermittler jetzt an der mobilen Frittenbude, die an regelmäßig wechselnden Standorten anzutreffen war.

Die beiden Männer befanden sich am Anfang einer Mordermittlung, viel gab es noch nicht dazu zu sagen, jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Sie kauten schweigend.

Im Anschluss an diesen kleinen Imbiss bestiegen Kirschfink und Steffens den alten Audi und fuhren gemeinsam zur Villa von Ralf Kollmann. Sie wollten den eventuell neugierigen Nachbarn keine Grundlage für Gerüchte geben und verzichteten daher auf den Streifenwagen.

Kirchfink kannte sich in der Gegend aus und so fuhren die beiden Kollegen ohne Navi die breite Ausfallstraße von Monschau über Höfen zu einem respektablen Anwesen, für das die Bezeichnung Villa geradezu bescheiden klang. Zur Straße hin war das große Grundstück mit Hecken und schmiedeeisernen Gittern eingefriedet. Man konnte einen Teich erblicken, auf dem Seerosen schwammen und blaues Hechtkraut aus der Wasseroberfläche herauslugte. Ein gepflegter Rasen mit einem französischen Pavillon aus Gusseisen waren zu erkennen und bei der Vorbeifahrt auch schon wieder aus dem Blickfeld verschwunden. Sie kamen vor einem respekteinflößenden Tor zum Stehen. Die beiden Beamten stiegen aus. Wider Erwarten ließ sich das Tor öffnen und die zwei Männer folgten dem Kiesweg zu Fuß bis zur schweren Eichenhaustür.

»Das sind die Momente, in denen ich meinen Beruf besonders hasse, mehr als sonst schon«, meinte Steffens ohne Erwartung einer Antwort.

Kirchfink bot sich an: »Wenn Sie möchten, kann ich.«

»Gerne.« Steffens nahm das unausgesprochene Angebot dankbar an.

Während der Kommissar sich etwas im Hintergrund hielt, brachte sein Assistent den sonoren Ton einer gediegenen Klingel zum Schwingen.

Die Tür öffnete sich und Ralf Kollmann stand da im dunklen Anzug. Steffens scannte die Erscheinung in Sekundenschnelle und der erste Eindruck saß: Mitte fünfzig, Managertyp, Lackaffe, hypernervös oder auch gestresst.

Er beendete im Beisein der beiden Ermittler ein laufendes Telefonat mit Shanghai. Sein Englisch war eine Katastrophe, sein Ton aggressiv, die ganze Körperhaltung demonstrierte Abwehrbereitschaft gegen verbale Angriffe.

Steffens versuchte, das Gehörte einzuordnen. Es war zweifellos eine harte Verhandlung zwischen Geschäftsleuten gewesen.

Kollmann musterte die beiden Beamten mit unverhohlener Missgunst und meinte: »Nein, ich möchte nicht mit Ihnen über Gott reden. Wie Sie sehen, habe ich keine Zeit. Und die Zeugen Jehovas sind nicht mein Fall.«

Kirchfink stellte schnell den Fuß in den Türspalt und sagte: »Nina, Herr Kollmann.«

»Was?«

»Wir möchten mit ihnen über Nina reden, Herr Kollmann. Sie sind doch Dr. Ralf Kollmann?«

»Ja sicher. Was ist? Was hat sie jetzt wieder angestellt? Wurde die Dame erneut beim Klauen im Drogeriemarkt erwischt? Wie viel ist es diesmal?«

Der Ton, in dem er diese wenigen Sätze formulierte, ließ Steffens aufhorchen, denn eine offensichtliche Missbilligung, eher noch Aggressivität, war deutlich zu hören. Kollmann zückte seine kalbslederne, mit den Initialen R. K. verzierte Brieftasche. In diesem Moment löste der Kommissar sich aus dem Hintergrund.

»Können wir das vielleicht drinnen besprechen?«

Widerwillig bat Ralf Kollmann die beiden Männer ins Haus.

Sie betraten eine beeindruckende, großräumige Diele, die von einer halbgewundenen Eichentreppe dominiert wurde. Das Geländer war aufwändig geschnitzt und erinnerte an die legendäre Treppe des Roten Hauses in Monschau. Echte alte Perserteppiche, die mit Sicherheit einmal durch Kinderarbeit geknüpft worden waren, dämpften die Schritte auf dem mit polierten Blausteinen belegten Boden. Ausgestopfte Jagdtrophäen schmückten die mit Seidentapete verkleideten Wän