Steling: Morningshow - Ute Mainz - E-Book

Steling: Morningshow E-Book

Ute Mainz

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Beschreibung

Aus einer beruflichen und privaten Krise heraus wagt der Kölner Kommissar Steffens einen Neuanfang in der Nordeifel und wird Leiter des Polizeireviers in Monschau. Dass es am Fuße des Steling nicht so beschaulich und malerisch zugeht, wie er dachte, bemerkt der kauzige Kommissar, als er auf dem Weg zu seiner Dienststelle eine mysteriös entstellte Leiche entdeckt Eine erste Spur führt zum Einsiedlerhof des alten Bauern Rader, der sich als Tierpräparator verdingt. Doch was haben er, seine Pflegerin Magda und ein brennender Überseecontainer in Köln mit dem Fall zu tun? Steffens und sein Assistent Kirchfink nehmen die Ermittlungen auf

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Seitenzahl: 201

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ute Mainz

STELING

Morningshow

Impressum

1. Auflage 2022

© Eifeler Literaturverlag

In der Verlagsgruppe Mainz

Alle Rechte vorbehalten

Printed in Germany

Eifeler Literaturverlag

Verlagsgruppe Mainz

Süsterfeldstraße 83

52072 Aachen

www.eifeler-literaturverlag.de

Gestaltung, Druck und Vertrieb:

Druck & Verlagshaus Mainz

Süsterfeldstraße 83

52072 Aachen

www.verlag-mainz.de

Lektorat:

Christoph Swiontek

Umschlaggestaltung:Dietrich Betcher

Abbildungsnachweis (Umschlag):

Sina Ettmer – stock.adobe.com

Druckbuch:

ISBN-10: 3-96123-052-8

ISBN-13: 978-3-96123-052-5

E-Book:

ISBN-10: 3-96123-062-5

ISBN-13: 978-3-96123-062-4

Bei diesem Kriminalroman handelt es sich um eine fiktive Erzählung mit Bezug zu regionalen Örtlichkeiten.

Alle erwähnten Personen sind frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten mit noch lebenden oder schon verstorbenen Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt!

Kapitel eins

Kommissar Steffens klammerte sich ans Lenkrad. Sein alter Audi, ein echtes Schätzchen, das er von seinem Opa geerbt hatte, gab ihm zurzeit das minimale Quantum an Geborgenheit, von dem er schon glaubte, es komplett verloren zu haben. In aller Frühe ließ er Köln hinter sich, mit all seinen Highlights, seinen Erinnerungen, dem Großstadtgeflüster, seiner Liebe, seinen Kollegen vom LKA und seinen Freunden. Gestern hatten diese ihm einen angemessenen Abschiedsabend beschert, dessen Folgen sich durch ein monotones Hämmern hinter beiden Schläfen bemerkbar machte.

Die gerade aufgehende Morgensonne war heute irgendwie besonders hell und nur schwer zu ertragen.

Klar, er hatte einen ausgewachsenen Kater und bemerkte außerdem melancholisch und zerknirscht, dass irgendetwas verdammt schiefgelaufen war. Vor wenigen Wochen war er doch noch der angesehene leitende Beamte beim LKA gewesen und jetzt saß er im Auto, um in der Touristenstadt Monschau, der Perle der Nordeifel, neu durchzustarten. War das jetzt eine freiwillige Flucht oder doch eine Verbesserung? Es war zum Verzweifeln, er wusste keine Antwort.

Er dachte an Christina. Warum war sie noch nicht mal gestern wenigstens ganz kurz vorbeigekommen?

Er hatte Durst und noch bevor die Autobahnauffahrt ausgeschildert war, hielt Steffens an der Tanke, um sich eine gekühlte Flasche Mineralwasser und einen doppelten Espresso »to go« zu holen.

»Tanken wäre wahrscheinlich auch nicht schlecht, ist ja noch einiges zu fahren«, dachte er bei sich und seufzte über die Benzinpreise. Er tätschelte im Vorbeigehen die Motorhaube seines anthrazitgrauen Erbstückes. »Keine Angst, der Opa wusste schon, warum du zu mir solltest. Und wenigstens du bleibst bei mir!«

Er kippte den Espresso in einem Zug hinunter, wie noch vor wenigen Stunden den Schnaps. Mit einem lauten Zischen öffnete Steffens danach die Mineralwasserflasche und ärgerte sich über das heraussprudelnde Wasser. »Verdammter Mist!«, fluchte er, wischte die nassen Hände an der gewollt lässigen Designerjeans ab, tat einen kräftigen Zug aus der Flasche, bevor er schließlich wieder hinter dem Steuer Platz nahm und mit einem tiefen Atemzug die Fahrt in die Eifel antrat.

Schon bald führte ihn die Autobahn Richtung Aachen an den gewohnt langweiligen Feldern, an wenigen Bäumen, tristen Gehöften und den sich überall gleichenden Industriegebieten vorbei.

Noch war die Landschaft austauschbar. Erst als die Kühltürme bei Weisweiler sichtbar wurden, die wolkenfabrikgleich gewaltige Dampfschwaden ausstießen, änderte sich das Erscheinungsbild. Ein vom jahrzehntelangen Kohleabbau zerfurchtes Gebiet offenbarte sich vor seiner Windschutzscheibe. Er passierte das Aachener Kreuz.

Steffens hatte aber dafür heute keinen Blick. Während er noch überlegte, ob die Abfahrt Lichtenbusch die richtige sei, um nach Monschau zu gelangen, hatte er sie auch schon verpasst. Und so erreichte Steffens Belgien. Das portable Navigationsgerät lag im Koffer, ein fest eingebautes hatte sein Oldtimer nicht. Schließlich sollte das Auto nächstes Jahr das lang ersehnte H-Kennzeichen für steuerbegünstigte History-Modelle bekommen.

»Na bravo«, schalt er sich, als er an der stillgelegten Zollstation vorbeifuhr. »Aber irgendwie muss es doch auch von hier aus in die Eifel gehen.«

In Eupen verließ der Kommissar die Autobahn und es überkam ihn ein gewisses Gefühl von Urlaub, so fremd mutete die belgische Stadt, die langsam erwachte, mit ihren teils deutschen, teils französischen Hinweisschildern an. An einer Boulangerie, einer Konditorei, brachte Steffens sein Auto zum Stehen.

»Kuchen«, dachte er. »Belgischer Reisfladen! Das ist es.« Er betrat die kleine Verkaufsstube und fühlte sich sofort in seine Kindheit versetzt. Der Duft der hier vor Ort gebackenen Besonderheiten hielt ihn gefangen. Bilder eines total verregneten Campingurlaubes in der Eifel mit seinen Eltern traten unverhofft vor Steffens innerem Auge auf. Gerüche sind eben die zuverlässigsten Gedächtnisse.

Seine Schwermut über den Verlust der Kölner Zeit wich zaghaft dem Zauber des neuen Anfangs.

Jetzt noch einen Kaffee und ein pain au chocolat für die Fahrt. Den Belgischen Reisfladen platzierte er vorsichtig auf dem Beifahrersitz. Wie in Belgien üblich, war der Kuchen relativ geschützt in einer Pappschachtel einem Geschenk gleich verpackt.

Sein alter Audi hatte als Zubehör einen Kassettenrekorder und Steffens war deshalb noch immer im Besitz seiner alten Bob Marley-Cassetten. Er hatte sich Zusatzboxen unter die Hutablage eingebaut und so verfügte sein Auto über einen ordentlichen Sound, der Steffens für den Moment die letzten Nuancen der Melancholie wegblies. Die unvermeidliche Bassdröhnung kam aus den Tiefen der Rückbank.

Der Kommissar fuhr über eine schnurgerade Holperstrecke mitten durch die Ausläufer des Hohen Venns und hatte, ohne es geplant zu haben, den legendären »Highway to Hell« gefunden, die alte, mit Betonplatten befestigte Straße, über die schon während des Zweiten Weltkriegs Panzer gerollt waren, und die später so manchem Motorradfahrer zum Verhängnis wurde. Schnurgerade führt diese Straße durch die beeindruckende Moorlandschaft von Belgien nach Deutschland, direkt in die Nordeifel. Die erhabenen Nähte, die dort entstanden waren, wo die einzelnen Platten aneinanderstießen, ließen sein Auto hör- und fühlbar, in gleichmäßigen Abständen vibrieren, es klang fast wie ein Zug.

»Panzerplatten«, dachte der bekennende, ehemalige Ersatzdienstleistende. »Nee, Panzerplatten war was Anderes«, schüttelte er wie bei einem Gespräch den Kopf, ungeachtet dessen, dass ihn keiner sah. »Von Panzerplatten hatte immer der Onkel erzählt, der alte Reservist. Das waren doch diese trockenen Brotplatten im EPACK, der Einsatzpackung zur Verpflegung der Soldaten.«

So in die Vergangenheit vertieft, drifteten seine Gedanken immer wieder zu dem von ihm unbemerkten Punkt, an dem sein Kölner Leben aus dem Ruder gelaufen war. Das Warum und die Frage nach den verpassten Chancen wechselten mit der ihm angeborenen Neugierde auf neue Situationen. In seinem Kopf herrschte das totale Chaos.

Im selben Maße, wie seine Kopfschmerzen weniger wurden, wuchs seine Aufmerksamkeit für die Dinge der Außenwelt und er genoss die Musik. Draußen wechselten sich dichte Waldstücke und Pferdekoppeln, Kuhwiesen und Moorlandschaften mit ihrem typischen Bewuchs ab. Die Straße war jetzt geteert, wurde kurviger und führte leicht bergauf.

Über ihm kreisten drei Rotmilane wie zur Überwachung, aber die konnte Steffens nicht sehen. Er hatte schon von weitem etwas bemerkt, das ihn langsamer werden ließ und schließlich dazu veranlasste, seinen Audi rechts ranzufahren und anzuhalten.

Vorsichtig schaute Steffens hinter sich, bevor er die Fahrertür öffnete und aus seinem Wagen ausstieg. Vor ihm in der Parkbucht stand ein verlassenes Auto mit geöffneter Seitentür. Andere wären vielleicht weitergefahren, aber Steffens war Kripobeamter durch und durch. Er hatte den siebten Sinn für Anormales, den Instinkt und den Biss, Tatorte zu entlarven, Verbrechen zu erkennen und aufzudecken. Steffens hatte Witterung aufgenommen. In solchen Momenten war seine Wahrnehmung schärfer als sonst. Das Pochen in den Schläfen hatte nun ganz aufgehört.

Behutsam, fast geräuschlos schlich er zu dem dunkelblauen Kleinwagen japanischer Herkunft. Das Nummernschild mit MON verriet seine Zugehörigkeit zum Monschauer Raum. Das Auto machte einen ungepflegten Eindruck, nicht nur der Dreck, auch die Roststellen und der fleckige Bezug des Fahrersitzes wirkten auf Steffens, der es lieber wertig und ordentlich mochte, abstoßend. Während er das Innere des unangenehm riechenden Wagens inspizierte, ertönte aus dem Autoradio die freundliche Moderatorenstimme, die die tägliche Sendung der SWR Morningshow bekanntgab.

Der Kommissar war so vertieft und konzentriert, dass er das heranfahrende Auto nicht wahrnahm.

»Halt, Polizei! Was machen Sie hier? Heben Sie beide Hände hoch und drehen Sie sich langsam um!«, durchschnitt plötzlich eine scharfe Stimme die bis dahin nur von der Mornigshow gestörte Ruhe.

»Was ich hier mache? Ich gucke mir das verlassene Auto an!«, antwortete Steffens, während er sich langsam umdrehte.

»Das ist nicht Ihre Aufgabe, sondern unsere«, ermahnte ihn ein uniformierter Polizist und setzte mit dem Befehl »Papiere!« den Schlussakkord jeglicher, eventuell aufkeimender Diskussion.

»Jetzt mal langsam«, versuchte Steffens den verlorenen Boden wieder gut zu machen. »Ich bin selber Polizist, um genau zu sein, Hauptkommissar Steffens aus Köln auf dem Weg zu meiner neuen Dienststelle nach Monschau.«

»Das könnte stimmen, wir erwarten einen Steffens aus Köln, aber nicht aus Belgien kommend. Von Köln aus fährt man in Lichtenbusch von der Autobahn ab und dann über Roetgen, Konzen, Imgenbroich nach Monschau«, belehrte der zweite Uniformierte überheblich.

»Mag sein«, antwortete Steffens mit Bedacht und rieb sich mit beiden Zeigefingern über die Schläfen, die sich nun wieder bemerkbar machten. »Aber wie zum Teufel wäre ich dann zum Einstand an Belgischen Reisfladen gekommen?« Dabei nickte er mit dem Kopf in Richtung seines Autos, auf dessen Beifahrersitz der Reisfladen samt Verpackung gefährlich kippelig auf die Sitzkante vorgerutscht war.

Der eine, etwas korpulentere Polizist wagte einen Blick ins Innere von Steffens Auto und nickte anerkennend. Dieses Argument zog fast mehr als sein Dienstausweis, den der Kommissar den beiden neuen Kollegen unaufgefordert vorzeigte.

»Und was haben wir hier jetzt? Nur ein verlassenes Auto oder ein verlassenes Auto und mehr?« Der Kommissar wurde schnell dienstlich und professionell. Er verließ sich auf seinen Instinkt.

»Ein Zeuge hat uns darüber informiert, dass er heute früh in der Dämmerung eine Person beobachtet hat, die hier aus einem Auto einen menschenähnlichen Gegenstand herausgezogen und weggeschleppt hat«, erklärte einer der beiden Beamten die Situation.

»Er war wohl mit seinem Hund unterwegs und hat uns, als er wieder zu Hause war, sofort angerufen.«

Während Steffens mit Bedacht um das kleine verlassene Auto herum ging, wurde er immer noch voller Argwohn von den beiden Einheimischen beobachtet. Sie registrierten einen gutaussehenden Mittvierziger in salopper, aber gepflegter Jeans, aus der wie zufällig ein schneeweißes T-Shirt hervorlugte, das auch von der braunen Lederjacke nicht ganz verdeckt wurde. Im gleichen Farbton wie die Jacke waren seine Lederboots, die nur dreiviertel geschnürt waren und so Platz genug boten, die Enden der Hosenbeine aufzunehmen. Seine dunklen Haare waren halblang und sein Dreitagebart gab seinem Gesicht etwas Verwegenes, das aber eine gewisse Traurigkeit nicht überspielen konnte.

Auch Eifeler Polizisten sind empathisch!

Plötzlich ertönte aus der Richtung des neuen Kommissars die Melodie von I shot the Sheriff von Bob Marley. Steffens fingerte mit der rechten Hand nach seinem Handy in der Hosentasche, schaute gleichzeitig belustigt zu seinen erstaunten neuen Kollegen und machte mit der linken Hand eine undefinierbare Geste. »Der beste Klingelton ever«, rief er ihnen noch zu, aber nahm dann deutlich angespannt das Gespräch entgegen, ohne das Display zu beachten.

»Christina?« – Pause – »Ach du bist es. Ja, ich bin fast da und bei mir ist alles in Ordnung. Danke noch mal für gestern Abend. Ich melde mich, sobald ich die Koffer ausgepackt habe.«

Während des kurzen Telefonats hatte Steffens mit den Augen scheinbar konzentriert auf den Boden geschaut und jetzt pfiff er durch die Zähne: »Männer, kommt mal her, hier ist was!« Er zeigte auf eine kaum sichtbare Schleifspur, die unverkennbar in das ausgedehnte Waldstück führte, vor dem sie das verlassene Auto gefunden hatten. Der Boden war hart, verdichtet und steinig, man konnte dieses wichtige Detail tatsächlich nur schwer ausmachen. »Bitte veranlassen Sie, dass die Spurensicherung kommt. Ich weiß ja noch nicht mal, wo ich hier eigentlich genau bin. Ihr habt doch sicher Polizeiband in eurem Streifenwagen. Alles absichern, hier stimmt tatsächlich was nicht. Wahrscheinlich wäre eine Hundestaffel auch nicht verkehrt.«

Steffens legte seine Handfläche auf die Motorhaube und registrierte eine geringe Restwärme. »Lange steht der Wagen jedenfalls noch nicht hier«, stellte er fest. »Und bis die Spurensicherung kommt, essen wir den Kuchen.«

Der neue Kommissar grinste die verdutzten Beamten freundlich an. Er hatte sich seinen Einstand zwar auch anders vorgestellt, aber das Kölner Leben hatte ihm schmerzlich beigebracht, dass nur wenig konsequent planbar war.

Und so warteten die drei Männer, Hauptkommissar Steffens und die beiden Streifenpolizisten Paul Kreitz und Basti Schreiber auf einem Holzstapel sitzend mit Belgischem Reisfladen in einer Pappschachtel zwischen sich auf die Kollegen der Spurensicherung.

Die Zeit bis zum Eintreffen der angeforderten Mitarbeiter nutzte Steffens für seine erste Unterweisung in Heimatkunde. Paul Kreitz und Basti Schreiber entpuppten sich nach anfänglicher Zurückhaltung als echte Insider. Steffens hörte aufmerksam zu.

Er erfuhr, dass sie sich auf der L106 zwischen Konzen und Mützenich – was für Namen – befanden, dass die höchste Erhebung hier in der Nordeifel der Steling sei, von dem man bei klarem Wetter sogar den Kölner Dom sehen konnte, und dass er unbedingt bei Huberta im Konsum in Mützenich vorbeifahren müsse, um dort den legendären Kräuterschnaps, den Els, zu kaufen.

»Der wird mit einem Würfel Zucker getrunken. Man wartet bis die Eckscher vom Zuckerwürfel abfallen, dann schlürft man das Zeug durch den Zucker.«

Ungläubig und gleichzeitig fasziniert wanderte Steffens Blick zwischen Paul Kreitz, dem korpulenteren der beiden, und dem offensichtlich sportlicheren Basti Schreiber hin und her.

»Kein Zweifel, ich bin in der Eifel«, dachte Steffens »Und es fühlt sich gar nicht so schlecht an.«

Er verließ die kleine Gruppe kurz, um zu telefonieren. Die Nummer war auf seinem Handy unter »Favoriten« gespeichert. Der Anblick der auffallend hübschen Frau auf dem Profilbild schmerzte ihn und Steffens zögerte kurz, bevor er dann doch die Wähltaste drückte.

Hallo, hier ist der Anrufbeantworter von Christina Steffens. Sprecht einfach nach dem Piep … piep. Resigniert ließ der Kommissar das Telefon zurück in die Jeanstasche gleiten.

In diesem Augenblick wurde er von Paul Kreitz gerufen: »Hier liegt was. Sieht aus wie der abgerissene Teil einer Kette.«

Kapitel zwei

Zur selben Zeit klingelte in Höfen, einem kleinen Ort in der Nähe von Monschau, Magdas Handy. Magda war damit beschäftigt, für den kauzigen, alten und pflegebedürftigen Mann, der in einem Bett im hinteren Teil des schlichten Bauernhauses sein Dasein fristete, das Frühstück auf einem Tablett zurecht zu stellen. Jeden Morgen derselbe Kampf, ihn davon zu überzeugen, dass Kaffee und Nikotin Gift für ihn wären und er sich doch an die ärztlichen Vorgaben halten sollte.

Der Blick auf den Kalender besänftigte sie. Noch fünf Wochen, dann würde Ewa sie hier ablösen. So war der Turnus, acht Wochen Magda, acht Wochen Ewa, dann wieder acht Wochen Magda und so weiter. Die deutsche Vermittleragentur arbeitete eng mit ihrer polnischen zusammen und so fühlte sich Magda sicher im Haus dieses alten Mannes, der zum Glück bislang nicht übergriffig geworden war. Ein Problem, das einige ihrer Kolleginnen schon dazu gebracht hatte, nur noch pflegebedürftige Frauen betreuen zu wollen. Ein Anruf bei der Agentur hätte genügt, um ihr in einer misslichen Lage zur Seite zu stehen. Aber dazu war es noch nicht gekommen und so verdiente sie hier gutes Geld, das ihr ein gesichertes Auskommen garantierte.

Jeden Morgen kam eine Krankenschwester, um dem Alten eine Spritze gegen seine Schmerzen zu verpassen. Gerade, als Magda das Telefonat entgegennehmen wollte, öffnete sich die Schlafzimmertür und Schwester Marianne verabschiedete sich wortreich von dem gemeinsamen Patienten und auch von Magda. »Heute Abend komme ich noch mal vorbei, heute ist er ja besonders grantig, scheint ihm schlechter zu gehen. Haben Sie Geduld, Mädchen, und vergessen Sie Ihre eigenen Pausen nicht! Tschüss!«

»Ja, tschuss!«, rief sie der wesentlich älteren Krankenschwester hinterher. Das ü machte ihr immer noch Probleme. »Mädchen«, dachte Magda mit verletztem Stolz, »ich habe einen Namen, der klingt ähnlich, warum benutzt die Kuh den nie?«

Ihr Handy klingelte erneut. Sie ging ran und redete in ihrer Muttersprache: »Andrzej, wo bist du? … Haben sie dich gesehen? … Hast du sie verloren? … Scheiße! … Du kannst doch nicht einfach … Und das Geld? … Ja wenn du meinst … Du, der Alte ruft, ich muss auflegen. Ich hab dich lieb!«

»Magda, beste an et dröme? Jet et hü ken Fröhstöck?«, kam es ungehalten aus dem hinteren Raum.

»Entschuldigung, Herr Rader, ich komme sofort!«

»Mein Gott, was redet der? Im Deutschunterricht in Polen habe ich diese Sprache nicht gelernt!«, dachte die junge Frau, beeilte sich aber, das Tablett ins Schlafzimmer zu bringen, nicht ohne mit Sorge an das eben geführte Telefonat zurückzudenken.

Die Morgensonne schien durch die Sprossenfenster in das kleine Bauernhaus und forderte Magda auf, ihren eigenen Kaffee und das Frühstücksbrötchen draußen auf der hinteren Terrasse einzunehmen, mit Blick auf die hügelige Landschaft der Nordeifel mit ihren Viehwiesen und den typischen hohen Hecken, hinter denen sich die kleinen, kargen Eifelhäuschen duckten, wie um sich vor dem rauen Westwind zu schützen.

Magda fröstelte, die Wärme war noch leicht verhalten, aber hier draußen wurden ihre Gedanken klarer als in der engen Wohnküche, die schon lange kein Familienmittelpunkt mehr war. Man konnte der hübschen Frau einiges wegnehmen oder verwehren, aber ihren Stolz nicht!

Kapitel drei

Steffens musterte die Fragmente einer Kette, von der man noch nicht mal sagen konnte, ob sie irgendwann ein Handgelenk oder sogar einen schlanken Damenhals geschmückt hatte.

»Die liegt noch nicht lange hier. Wir packen sie vorsichtig ein und dann zu eventuell anderen Fundstücken aus diesem Gebiet.«

Die Kollegen der Spurensicherung und auch die Hundeführer mit ihrer Meute waren mittlerweile vor Ort. Arbeitsreiches Gewusel, das Bellen der Hunde und das Zurufen der suchenden Männer ergaben in ihrer Summe ein geschäftiges Bild und zerschnitten die eigentliche Stille des Waldrandes.

»Fund hier hinten!«, tönte eine sonore Männerstimme zu Steffens herüber. »Ach du Scheiße!«

Aber da war der Kommissar schon bei dem Finder im weißen Schutzanzug und beugte sich über eine stark verweste und schrecklich stinkende menschliche Leiche. Zum Schutz hielt er sich vergeblich ein Papiertaschentuch vor Nase und Mund.

Zeitgleich mit ihm erreichte ein für dieses Waldgebiet viel zu fein gekleideter junger Mann die Stelle und bot Steffens einen Becher mit Kaffee aus seiner Thermoskanne an.

»Kirchfink, hallo Herr Steffens. Ich bin Ihr neuer Assistent aus Monschau. Sie geben ja vielleicht Gas. Noch nicht den Koffer ausgepackt und schon die erste Leiche«, stellte er sich vor und rückte seine Krawatte zurecht.

Der Kommissar nahm ihm den Kaffee ab, roch an dem tintenähnlichen Gebräu und gab dem jungen Mann den Becher zurück. »Nett gemeint, aber seien Sie mir nicht böse, diese Plörre trinke ich nicht.« Dabei konnte sich Steffens einen missbilligenden Blick auf den roten Schlips nicht verkneifen.

»Ah, Kirschfink«, bemerkte er in gepflegtem Kölsch.

»Nein bitte ohne s, nur mit ch«, verbesserte ihn sein neuer Assistent. Dabei machte er den Fehler, einen Blick auf die Leiche zu werfen. Der Gestank war ja schon widerlich und dann noch der Anblick, das war zu viel für den sensiblen Mann. Er musste würgen, drehte sich um und ging mehrere Schritte zurück.

»Ich hoffe, Sie haben noch nicht gefrühstückt!«, rief sein neuer Chef ihm hinterher mit einer Mischung aus Häme und Mitleid.

Allerdings verging ihm dieser Hochmut sehr schnell, als er gewahr wurde, dass der Pathologe, der sich gerade den Weg durch das Dickicht bahnte, kein anderer als Dr. Münster war.

»Ach, Steffens, Sie hier?«, fragte dieser scheinheilig und irgendwie leicht amüsiert.

»Ja, ich hatte auch gehofft, unsere Zusammenarbeit wäre mit meiner Abreise aus Köln beendet«, konterte Steffens.

Dr. Münster hob eine Augenbraue und sah den Kommissar fragend an. »Abreise? Ich würde es eher Flucht nennen.« Und dann wandte er sich endlich der Leiche zu. Steffens kochte innerlich, aber das musste er dem Gerichtsmediziner lassen, Dr. Münster war ein zuverlässiger und kompetenter Fachmann, eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Er beobachtete, wie der Arzt nicht nur die menschlichen Überreste, sondern auch die Erde rund um den Fundort begutachtete.

Ungeduldig erwartete Steffens das erste Statement. »Und, können Sie schon etwas sagen?«

»Naja, ganz offensichtlich ist der hier, ich gehe stark von einer männlichen Leiche aus, fast schon gestorben, als hier auf dem hinter uns liegenden Vennbahnweg noch die Dampfloks aus Belgien verkehrten. Aber so lange liegt der noch nicht hier. Verscharrt wurde er, oder was von ihm übriggeblieben ist, hier erst vor kurzem, wenn nicht sogar erst vor wenigen Tagen oder Stunden. Jetzt spielt uns der starke Regen der letzten Zeit einen Streich. Mit ihm sind wahrscheinlich auch wichtige Beweismaterialien buchstäblich den Bach runtergegangen. Das Wetter wurde ja erst heute, quasi mit Ihrer Ankunft besser. Wobei ich immer noch nicht verstehe, warum Sie Ihren Job in Köln als Drogenschnüffler an den Nagel gehängt haben, um hier zum Eifelschimanski zu werden. Nicht, dass es mich was anginge, aber …«

Dr. Münster brauchte seinen Satz erst gar nicht zu Ende zu formulieren, Steffens war für seine Erklärung bereit: »Es geht Sie nichts an, aber was würden Sie denn machen, wenn da, wo bislang Ihre Schuhe standen, jetzt fein säuberlich andere Herrenschuhe ihren Platz gefunden haben? Der Job bei der Kripo ist eben nicht gerade familienfreundlich.«

»Unachtsames Verhalten aber auch nicht«, murmelte Dr. Münster halblaut und machte sich wieder an seine Arbeit.

»Arschloch!«, dachte Steffens und widmete sich seinem Assistenten, der hoffentlich von dieser unschönen Unterhaltung nichts mitbekommen hatte.

»Sorry, ich kann kein Blut und keine Leichenreste sehen. Ich weiß, das sind keine guten Voraussetzungen für meinen Beruf, aber ansonsten liegt mir die Arbeit bei der Kripo wirklich.« Kirchfink schob sich seine Brille zurecht und blickte dem Kommissar gewinnend direkt ins Gesicht. Das brachte ihm bei seinem neuen Chef mehr erhoffte Pluspunkte ein, als die Plörre aus der Thermoskanne von vorhin.

»Steffens, kommen Sie doch morgen zu mir in die Pathologie. Wenn der hier erst mal auf meinem gemütlichen Seziertisch gelegen hat und ich mich würdevoll um ihn kümmern konnte, kenne ich seine Geschichte und kann sie Ihnen weitererzählen«, rief Dr. Münster von hinten.

»In Ordnung«, antwortete er, »ansonsten kennen Sie ja meine Handynummer, die ist unverändert geblieben. Wenn wir also vorher nicht telefonieren, bin ich morgen Nachmittag bei Ihnen.«

Hier war jetzt alles getan und Steffens entschied, nun endlich zu seiner angemieteten Ferienwohnung in der Monschauer Altstadt zu fahren. Dort wollte er Quartier beziehen, bis er eine adäquate, dauerhafte Bleibe gefunden hatte.

Der Kommissar verabschiedete sich von seinen neuen Kollegen, besonders von Kirchfink, mit der Bestätigung, am nächsten Morgen sofort mit der Arbeit zu beginnen. Er bat um die lückenlose Katalogisierung der gefundenen Gegenstände und eventuellen Beweisstücke, um mit dieser Kleinarbeit am nächsten Tag keine Zeit zu verlieren.

Steffens stieg in seinen alten Audi und stellte sich mit Genugtuung vor, wie die bewundernden Blicke seiner neuen Kollegen ihm folgten angesichts eines so schönen, gut erhaltenen Oldtimers.

Ab jetzt konnte er problemlos der Straßenbeschilderung folgen und erreichte Monschau über die Zufahrt an der Glashütte. Sein altes Gefährt verzieh ihm das Kopfsteinpflaster dank der weichen Federung, die sein Großvater damals wegen eines Rückenleidens als sündhaft teures Zubehör hatte einbauen lassen.

Auf den Parkplätzen vor der Glashütte stapelten sich förmlich die Reisebusse und PKW mit unterschiedlichsten Kennzeichen. Offensichtlich beherbergte der flache Bau mit angeschlossenem Parkdeck eine zusätzliche Touristenattraktion, denn die Nummernschilder verrieten die Herkunft aus Belgien, Holland, dem Ruhrgebiet und auch ganz anderen Teilen Deutschlands. Von hier bewegten sich die Besucherinnen und Besucher anschließend in die Monschauer Altstadt, die schon von je her mit ihren alten Fachwerkhäusern ein Publikumsmagnet gewesen war.

Der Talkessel wird von der Rur durchteilt, die als rauschendes Wildwasser zahlreiche Kanufahrer anlockt. Besonders jedes Jahr Mitte März treffen sich die Wassersportler mit ihren Paddelbooten, um nach halsbrecherischer Fahrt in Monschau die Durchfahrt am Favoritentöter vor den begeisterten Zuschauern zu genießen. Dann steht ganz Monschau Kopf und die gesamte Stadt feiert mit ihren Gästen und Fangemeinschaften die tollkühnen Sportlerinnen und Sportler, die triefendnass nach zahlreichen, teils atemberaubenden, gefährlichen Manövern und Eskimorollen ihre Boote am Ende des Rosenthals verlassen und wieder festen Boden unter den Füßen spüren.

Oberhalb der Stadt thront die mittelalterliche Burg, heute eine Jugendherberge und Austragungsort verschiedener Konzerte.

Steffens hatte sich über Monschau und seine Attraktionen informiert, bevor er sich darauf eingelassen hatte, hier einen Neuanfang zu wagen.

Kapitel vier

Der Kommissar fand die kleine Wohnung ohne Probleme. Um den Schlüssel abzuholen, klingelte er wie verabredet gegenüber auf der anderen Seite des Marktes, unmittelbar neben dem Weihnachtshaus, wo das ganze Jahr über Weihnachtsmänner, Engel und Nikoläuse im Schaufenster ihre Bahnen auf vorgefertigten Schienen drehten oder um die Wette mit den Köpfen nickten und mit Kunstschnee überhäuft wurden, der aus einem Himmel unterschiedlichster bunter Weihnachtskugeln fiel.

»Ich fass es nicht«, dachte Steffens, nachdem er einen Blick in die überfüllte Auslage des Geschäftes geworfen hatte. »Das ist ja völlig abgefahren so mitten im Frühling.«