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In der Nordeifel ist das Geheul groß: Mehrere Wolfsrudel treiben rund um Mützenich ihr Unwesen und rufen immer wieder die Gegner der Wiederansiedlung des bedrohten Raubtiers in der Region auf den Plan. Nachdem eine Bürgerversammlung zu diesem heiklen Thema völlig aus dem Ruder gelaufen ist, wird auch noch der wichtigste Befürworter der Eingliederung der Wölfe ermordet – für Kommissar Steffens scheint der Fall zunächst klar. Doch ist der Mörder wirklich im Kreis der wütenden Wolfsgegner zu suchen oder spielen noch ganz andere Motive eine Rolle? Als die heimischen Imker die Diskussion aufgreifen und die Einschleppung der Asiatischen Hornisse zum öffentlichen Thema machen, befürchtet Steffens gar eine bizarre Form der Selbstjustiz. Kann er einen weiteren Mord verhindern? Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.
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Seitenzahl: 192
Veröffentlichungsjahr: 2024
Ute Mainz
Wolfsgeheul
Nach einer Idee von Dirk Neuß und Stefan Herbst
Impressum
1. Auflage 2024
© Eifeler Literaturverlag
In der Verlagsgruppe Mainz
Alle Rechte vorbehalten
Printed in Germany
Eifeler Literaturverlag
Verlagsgruppe Mainz
Süsterfeldstraße 83
52072 Aachen
www.eifeler-literaturverlag.de
Gestaltung, Druck und Vertrieb:
Druck & Verlagshaus Mainz
Süsterfeldstraße 83
52072 Aachen
www.verlag-mainz.de
Lektorat:
Christoph Swiontek
Umschlaggestaltung:Dietrich Betcher
Abbildungsnachweis (Umschlag):
Privatarchiv der Autorin
Druckbuch:
ISBN-10: 3-96123-091-9
ISBN-13: 978-3-96123-091-4
Bei diesem Kriminalroman handelt es sich um eine fiktive Erzählung mit Bezug zu regionalen Örtlichkeiten.
Alle erwähnten Personen sind frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten mit noch lebenden oder schon verstorbenen Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt!
Kapitel eins
»Kalle, komm!« Mit diesen Worten forderte Kommissar Steffens seinen sehr groß geratenen Podenco-Rüden auf, sich anleinen zu lassen. Er hätte als ehemals eingefleischter Hundeignorant nie gedacht, dass er sich einmal so sehr in einen Vierbeiner verlieben würde. Während der Ermittlungen zu seinem letzten Mordfall in Mützenich war er aber plötzlich vor die Wahl gestellt worden, diesen stolzen, braunweiß gezeichneten schlanken Hund mit den proportional viel zu großen Ohren zu sich zu nehmen oder ihn zu vergessen. Ehrlicherweise musste Steffens heute zugeben, dass nicht er, sondern Kalle selbst diese Entscheidung getroffen hatte, indem er dem Kommissar nicht mehr von der Seite gewichen war. Schließlich hatte der etwa zweijährige Hund aus einem Rettungslager auf Mallorca den Umweg über Roetgen gemacht und letztendlich Steffens' Herz gewonnen. Nachdem seine Besitzerin in Roetgen nach einem Sturz nicht mehr in der Lage gewesen war, artgerecht für Kalle zu sorgen, hatte der Hund dauerhaft beim Kommissar einziehen dürfen.
Steffens hatte sich gerade eine neue Wohnung in Monschau ausgesucht, in der dann auch Kalle sein endgültiges Quartier beziehen durfte. Seitdem waren die beiden »frauenlosen Herren« ein gutes Team bei der Bewerkstelligung des Alltags. Steffens nannte es liebevoll seine Männer-WG.
So wie jeden Morgen verließen Herr und Hund die gemeinsamen vier Wände, gingen zum Auto und fuhren bergauf nach Mützenich, um dort einen frühen Spaziergang hoch zum Steling zu machen. Von der tollen Aussicht hatte zwar nur der Kommissar etwas, aber Kalle liebte es, den Kaninchenspuren zu folgen. Er lief gerne schnell und ausdauernd. Genau diese Veranlagung kam dem ehemaligen Leistungssportler Steffens sehr entgegen. Der Kommissar konnte stundenlang mit Kalle durch die Wälder streifen. Das Gebiet rund um den Steling bot viele Möglichkeiten, sich auszutoben, vorausgesetzt, man respektierte die Wildruhezonen und beugte sich dem Leinenzwang in Belgien. Denn hier verlief die Grenze durch den Wald, auf dem höchsten Punkt der Städteregion Aachen, fließend und für einen Spaziergänger somit völlig unsichtbar.
Ebenso liebte der Vierbeiner nach dem Frühsport seinen von oberster Behörde gebilligten Platz neben dem Schreibtisch im Büro des Polizeipräsidiums in Monschau. In der gemütlichen Koje wartete der Hund geduldig auf die Pausen, wenn Steffens alleine oder in Begleitung seines Assistenten Kirchfink oder auch der beiden Streifenpolizisten, Basti Schreiber und Paul Kreitz eine kleine Kurve durch die mittelalterliche, von Fachwerkhäusern und Blausteinpflaster geprägte Stadt drehte. Meistens fiel für den freundlichen Kalle ein besonderes Leckerchen ab, während die beiden Ermittler und die Polizisten einen Imbiss zu sich nahmen.
Noch besser waren allerdings die Stopps beim Konsum in Mützenich. Huberta, die Leiterin des kleinen Lädchens, in dem man alles für den täglichen Gebrauch kaufen konnte, hatte sich als ambitionierte Geschäftsfrau entpuppt und schnell verstanden, welch lukratives Zusatzgeschäft die Fürsorge der Tierhalter für ihre Vierbeiner in sich barg. Und so hatte sie ihr Sortiment erfolgreich aufgestockt.
Es war noch früh, als Steffens und Kalle an diesem spätsommerlichen Tag zügig dem Sonnenaufgang entgegengingen. Schon von Weitem hörten sie das entspannte, leise Graszupfen der Schafherde, die seit dem Vortag friedlich auf der großen Wiese unterhalb der Aussichtsbank graste. Auch das zufriedene Mäh der ruhigen Wiederkäuer drang bis zu ihnen hinüber. Kalle spitzte die Ohren. Die Herde wurde von einigen Ziegen, drei Hunden, aber auch von fünf Eseln begleitet. Bis auf die Hunde waren alle Tiere damit beschäftigt, ihren unerbittlichen Hunger zu stillen. Einer Darstellung im Bilderbuch gleich, lehnte der Schäfer mit dem Rücken an einem Baum und schien unter der ausladenden Krempe seines Hutes zu meditieren. Steffens musste unweigerlich grinsen, als er sich vorstellte, dass der Schäfer gleich, vom Schlaf übermannt, zur Seite kippen würde, weil er zu viele Schäfchen gezählt hatte.
Kalles Schnauze war aufmerksam in den Wind gerichtet. Die überaus bewegliche schwarze Nase fand keine Ruhe und pendelte ohne Unterlass wie eine aus dem Ruder gelaufene Kompassnadel in alle Richtungen.
Der Kommissar leinte ihn an und gab dem Hund so zu verstehen, bei ihm zu bleiben.
»Guten Morgen!«, begrüßte Steffens den Schäfer. »Jetzt auch Esel zusätzlich zu der großen Schafsherde?«, fragte er.
»Ja, tatsächlich. Ich möchte ja nicht die Aufgabe der Hütehunde schmälern«, erklärte der Schäfer bereitwillig, während er schon fast liebevoll auf seine kleine Hundemeute zeigte, die emsig besorgt die Herde immer wieder umrundete, »aber die Esel verrichten im Gegensatz dazu einen Alarmdienst. Wenn die einen Wolf hören, schreien sie so laut, dass alle gewarnt sind, und der Wolf meistens wegläuft. Außerdem kosten die Esel viel weniger. Man spart die Hundesteuer und muss kein zusätzliches Futter bezahlen. Schließlich ernähren die sich von dem selben Zeug wie die Schafe, die sie beschützen sollen. Außerdem leben sie viel länger als ihre Hundekollegen. Lamas sind auch nicht schlecht. Sie attackieren den Wolf mutig mit schnellen, schmerzhaften Tritten ihrer Vorderbeine und spucken zusätzlich mit Karacho Speisereste gegen den Feind. Aber soweit bin ich noch nicht. Ich fange mal langsam mit den Eseln an.«
Steffens gefiel diese Vorstellung. Eigentlich hatte er mit der Bemerkung über die Esel nur freundlich sein wollen, aber diese Informationen weckten seine Neugierde.
»Und das ist wissenschaftlich erwiesen, oder finden die Lamas die Anwesenheit des Wolfes ihrem Naturell entsprechend einfach nur zum Kotzen?«, fragte er interessiert. Obwohl der Schäfer grinsen musste, machte er zusätzlich eine abwertende Handbewegung. »Wenn wir bei dem Schutz unserer Tiere vor dem Wolf immer nur auf die Politiker und deren wissenschaftliche Berater hören würden, müssten noch mehr Schafe dran glauben. Es sind Erfahrungswerte. Die Rückkehr des Wolfes nach über 180 Jahren ist aus unserer Sicht jedenfalls ein echtes Dilemma. E-Autos und Rotkäppchen, wie passt das bitte zusammen? Aber die meisten unseres Berufsstandes sind miteinander vernetzt. Wir tauschen uns aus und haben so auch unser eigenes Frühwarnsystem entdeckt. «
Der Kommissar musste zugeben, dass er sich noch nie Gedanken über die Sorgen der Schäfer, besonders in Bezug auf die Rückkehr des Wolfes, gemacht hatte. Für ihn war es immer eine Art von Urlaub, wenn er einer Schafsherde begegnete. Er nahm sich fest vor, seine Meinung zu schärfen. Gelegenheit hatte er sicher genug, denn in Mützenich war der Wolf ja schon angekommen. Steffens wohnte in einem anerkannten Wolfsgebiet.
Die beiden Männer wünschten sich gegenseitig einen schönen Tag. Während der Schäfer wieder seine meditationsähnliche Haltung annahm, verließen Steffens und Kalle den Steling in Richtung Konsum, um bei Huberta einen ersten Morgenkaffee zu genießen. Dabei pfiff er ganz unweigerlich die Ballade von Franz-Josef Degenhardt: »August der Schäfer hat Wölfe gehört …«
Plötzlich ertönte aus der Jeanstasche das Kontrastprogramm in Form von Bob Marleys »I shot the sheriff« und unterbrach seine Bemühungen, nach so langer Zeit den Text des Wolfsliedes wieder zusammenzukriegen. Aber der markante Klingelton befahl dem Kommissar regelrecht, nach seinem Handy zu greifen und ein Telefonat entgegenzunehmen.
»Chef«, meldete sich Basti Schreiber, einer der beiden Streifenpolizisten. »Paul Kreitz und ich sind zu einem Verkehrsunfall auf der B258 zwischen Fringshaus und Konzen gerufen worden. Das ist ja eigentlich Belgien, aber wir regeln hier den Verkehr, bis die Kollegen aus Eupen oder Eynatten eingetroffen sind.« »Gibt es Verletzte?«, fragte Steffens sachlich. »Ja, oder besser gesagt nein«, stotterte Basti Schreiber. »Es gibt allerdings zwei Tote, aber das hat uns erst mal nicht zu interessieren.«
»Was?«, donnerte der Kommissar. »Nicht zu interessieren? Wie sind Sie denn drauf?«
»Alles gut, Chef«, versuchte Basti Schreiber den Kommissar zu besänftigen. »Bei den Toten handelt es sich um einen Wolf und ein Reh. Der Autofahrer ist vernehmungsfähig und unverletzt. Nur der Wagen ist Schrott. Sein Arbeitgeber in Aachen hat ihm schon für heute einen zusätzlichen Urlaubstag geschenkt. Der meinte wohl: ›Nur ein toter Wolf sei ein guter Wolf.‹ Wir warten jedenfalls jetzt noch die Ankunft der belgischen Kollegen und die des Wolfsachverständigen ab. Der kommt aus Simmerath. Bis später.«
Bevor Steffens noch weitere Fragen stellen konnte, hatte sein Mitarbeiter das Telefonat auch schon beendet.
Steffens schaute auf Kalle herab, der äußerlich höchstens größenmäßig einem Wolf gleichkam, aber weder sein kurzes Fell noch sein sanftes Gemüt erinnerten irgendwie an die genetische Abstammung. Der Kommissar tätschelte ihn und wunderte sich nicht zum ersten Mal über seine persönliche Metamorphose, die ihm den liebevollen Zugang zu einem eigenen Hund ermöglicht hatte.
Der Kommissar setzte seinen Spaziergang fort, bis er schließlich vor dem kleinen Konsum in Mützenich stand.
»Hereinspaziert!«, wurden die beiden überschwänglich von Huberta begrüßt. »Herr Steffens und Herr Kalle von Malle!«, wiederholte Huberta zum gefühlt hundertsten Mal ihren selbstkreierten Witz.
Für sich und den Kommissar ließ sie ohne zu fragen jeweils einen starken Espresso durch die Maschine laufen, den sie dann mit viel Zucker anreicherte. Für Kalle stand ein Napf mit frischem Wasser bereit und eine Knabberstange aus getrocknetem Pansen lag daneben.
»Im Venn ist ein Wolf überfahren worden«, eröffnete Steffens das heutige Morgengespräch.
»Ja, welcher Jeck fährt denn auch mit dem Auto durchs Venn?«, fragte Huberta mit herbem Charme.
»Naja, nicht wirklich durchs Venn, aber am Venn vorbei, auf der Straße zwischen Fringshaus und Konzen«, erklärte der Kommissar.
»Aber das ist doch Belgien! Was haben wir denn damit zu tun?«, bemerkte sie fast schon kratzbürstig, als ob sie wüsste, dass Paul Kreitz und Basti Schreiber genau in diesem Moment dort Dienst schoben. »Soll sich doch die Belgische Police Intégrée darum kümmern.« Und mit einer ausladenden Handbewegung, die wohl das Ende jeglicher Diskussion bedeuten sollte, wischte Huberta über den Tisch, an dem die beiden saßen, und unter dem sich Kalle bereitwillig niedergelassen hatte, um die unangenehm riechende Pansenstange zu genießen.
Einige Minuten stierten Steffens und Huberta vor sich hin und rührten schweigend, fast schon synchron durch ihre Espressotassen, als Huberta sich dann doch noch zu einer Anmerkung hinreißen ließ: »Wissen Sie, Steffens, nur ein toter Wolf ist ein guter Wolf.«
»Das habe ich heute schon einmal gehört«, schaffte es der Kommissar darauf zu antworten, bevor Huberta entschieden weitersprach: »Was soll dieser übertriebene Schutz einer Tierart, die seit fast 200 Jahren hier ausgerottet war, die wir nicht essen können, aber die unsere Nutztiere reißt, die die Existenz der Viehbauern und Schäfer aufs Spiel setzt und die nichts Besseres kennt, als sich zu vermehren und unser Essen zu fressen. Nennen Sie mir einen vernünftigen Grund für dessen Wiedereingliederung in so unmittelbarer Ortsnähe, und dann wüsste ich bitte noch einen natürlichen Feind des Wolfes!« Huberta gehörte offensichtlich zur Fraktion der Wolfgegner.
Dem Kommissar waren die Zusammenhänge der Fauna und Flora fremd. Er war in Köln-Nippes aufgewachsen. Tiere kannte er nur aus dem Zoo, eigene Hamster oder Meerschweinchen waren ihm verwehrt gewesen, gestreichelt hatte er nur Frauen während des Liebesspiels, das allerdings häufig, intensiv und ausgiebig. Und darauf war er stolz!
Die Ausnahme bildete neuerdings Kalle, der sich in diesem Moment, zeitgleich mit Steffens Erinnerungen schwer auf die Füße des Kommissars hatte fallen lassen, als könne der Hund in den dicken Schädel seines Herrchens hineinsehen, um dann sofort auf sich aufmerksam zu machen.
Der Kommissar verabschiedete sich von Huberta, nicht ohne noch zwei belegte Brötchen zu kaufen und den Espresso zu bezahlen.
»Die Frage nach der Existenzberechtigung des Wolfes ist zu komplex, die kriegen wir heute sowieso nicht mehr gelöst«, meinte er lächelnd zu Huberta, ohne zugeben zu müssen, dass er noch gar keine eigene Meinung zur Anwesenheit des Wolfes in der Eifel hatte.
»Das stimmt.« Huberta ließ ihr unverkennbares, rauchiges Lachen hören und brachte die beiden, von denen sie genau wusste, dass sie von Allem etwas waren, Kunden, Freunde und Besuch, zur Tür. Sie freute sich schon auf den nächsten Tag, wenn der Kommissar erneut mit seinem Hund bei ihr einen Morgenkaffee trinken würde. Dann käme ein neues Thema aufs Tapet. Gedankenverloren sah sie dem alten Audi hinterher, wie er gemächlich durch den Ort in Richtung Monschau davonfuhr.
Kapitel zwei
Als Steffens mit Kalle an der Leine das Büro betrat, war Kirchfink alleine im Raum. Die beiden Streifenpolizisten waren offensichtlich noch immer mit dem Unfall auf belgischem Gebiet beschäftigt. Kalle begrüßte den Assistenten freudig und holte sich die allmorgendliche Portion Streicheleinheiten ab, bevor er sich zufrieden auf der Decke neben Steffens' Schreibtisch zusammenrollte.
»Kaffee, Chef?«, fragte Kirchfink.
»Wenn der nicht zu stark ist. Der Espresso bei Huberta eben hatte es in sich. Was gibt es Neues?«
»Ein Wolf wurde überfahren«, antwortete Kirchfink in der festen Annahme, seinem Vorgesetzten eine aktuelle Nachricht zu übermitteln.
»Ja ich weiß, und deshalb sind unsere zwei Streifenpolizisten unterwegs, bis die belgischen Kollegen den Fall übernehmen.«
Verblüfft schwieg Kirchfink und maulte: »Aber dann wissen Sie doch schon alles Neue. Warum fragen Sie mich denn dann?«
»Hätte ja sein können, dass noch mehr, beziehungsweise andere Tiere den Dienstplan der Polizei bereichern. Sind diesmal keine Kühe ausgebüxt?«
»Mit Hilfe des Wolfes kämen die ja gar nicht sehr weit.« Kirchfink ließ sich auf das Wortgeplänkel ein. Die beiden Ermittler hatten ihren Spaß und tranken dabei Kaffee. »Aber tatsächlich gab es in Monschau wieder ruhestörenden Lärm wegen so einer Umweltaktivistin, die Randale gemacht hat. Nicht zum ersten Mal, aber wiederholt äußerst impertinent«, wusste Kirchfink. »Irgendwie meint sie wohl, die Welt retten zu können. Und für die Letzte Generation ist sie eindeutig zu alt.«
»Hat sie sich festgeklebt?«, fragte Steffens. »Wäre schade um das alte Blausteinpflaster.«
Bevor Kirchfink noch mehr sagen konnte, hörten die beiden Ermittler laute Geräusche im Treppenhaus.
Plötzlich wurde die Tür aufgerissen. Paul Kreitz und Basti Schreiber stürmten in das Büro. Ihre Schuhe waren schlammverschmiert und auch die Uniformhosen waren alles andere als taufrisch. Kalle war begeistert. Er schnupperte ohne Unterlass an den Hosenbeinen und den Händen der beiden Streifenpolizisten, die den Hund durch entsprechende Bemerkungen zusätzlich noch animierten.
»Nun erzählt mal, Jungs!«, forderte der Kommissar sie auf und bediente gleichzeitig den Kaffeeautomaten, um den beiden jeweils einen Becher anbieten zu können.
Die Schilderung des Verkehrsunfalls mit Wildbeteiligung wäre wohl kaum so spektakulär, wenn es nicht ein Wolf gewesen wäre, der dran hatte glauben müssen. Als Basti Schreiber schließlich auch noch in allen Einzelheiten erzählte, wie sie zusätzlich das Reh gefunden hatten, das offensichtlich kurz vor dem Unfall dem Wolf zum Opfer gefallen war, räusperte sich Kirchfink. Der Assistent verließ den Raum, er konnte weder echtes Blut sehen, noch wollte er sich auch nur vorstellen müssen, wie sehr der Wolf das scheue Tier zugerichtet hatte.
»Der Unterschied zum normalen Wildunfall ist der, dass hier eben auch noch der Wolfsbeauftragte dazu geholt werden musste und die beiden Kadaver nach Lüttich gebracht wurden, um anhand der genetischen Rückstände die Identität des Wolfes zu bestimmen und zu klären, ob dieses Tier vor dem Unfall noch schnell das Reh gerissen hatte.« Paul Kreitz war bestens informiert. »Behilflich dabei ist das sogenannte Wolfsmonitoring. Jeder registrierte Wolf hat eine Kennnummer. GW954f zum Beispiel war eine Wölfin, die vor einiger Zeit tot an der A2 gefunden wurde. GW steht für Gattung Wolf, die Zahl ist die laufende Nummer und das f steht für feminin. Man konnte sie identifizieren.«
»Ein Nummernschild für Frau Isegrim«, scherzte Basti Schreiber. Und mit übertrieben tiefer Stimme setzte er noch dazu »Großmutter, was hast du für ein besonderes Bodymaß?«
Das Gelächter der Männer wurde jäh durch das Klingeln des Telefons unterbrochen. Diesmal nahm Paul Kreitz das Telefonat entgegen. Während er dem Anrufer zuhörte, verdrehte er die Augen und machte eine unmissverständliche Geste, um seinen neugierig gewordenen Kollegen anzudeuten, dass er dieses Gespräch nicht so ganz ernst nahm. Mit den Worten: »Gut, das verstehe ich, wir kommen gleich vorbei«, legte der Polizist das Schnurlose wieder auf die Powerbank. Er drehte sich zu Basti Schreiber hin und meinte: »Klopf dir den Schmutz von der Uniform, wir müssen mal wieder diese Umweltaktivistin einfangen. Und dabei macht sich eine saubere Uniform bestimmt gut!«
»Wenn die Frau festgeklebt ist, solltet ihr Lösungsmittel statt eines Lassos mitnehmen!«, rief der Kommissar den Streifenbeamten hinterher.
Kaum hatten die beiden das Büro verlassen, meldete sich das Telefon schon wieder. »Ja, was ist denn heute los?«, meinte Steffens und hob ab. »Wir sollen was?«, fragte der Kommissar nach einer Weile mit unverhohlener Empörung. »Nur, weil der Wolfsbeauftragte wegen des Unfalls heute Morgen noch in Belgien zu tun hat, sollen wir von der Mordkommission ein gerissenes Schaf dokumentieren! Geht’s noch?«
Kirchfink konnte sich ein Lachen kaum verkneifen. »Chef, machen wir das Beste draus. Fahren wir hin, nehmen Kalle mit, gucken uns das ermordete Schaf an, drehen noch eine kleine Runde mit dem Hund und freuen uns, dass unser Job hier in der Eifel so abwechslungsreich ist!« Der Assistent kannte Steffens mittlerweile gut genug, um zu wissen, wann eine Besänftigung von Nöten war!
Kapitel drei
Die beiden Ermittler lieferten sich bis zur Eingangstür im Erdgeschoss den schon fast legendären Treppenwettlauf, der diesmal von Kirchfink gewonnen wurde, von Kalle mal abgesehen. Mit dem lebhaften Vierbeiner konnte keiner mithalten. Sie stiegen in den alten Audi, der Hund thronte auf der Rückbank und genoss die Fahrt hinauf nach Kalterherberg. Die Viehweiden von August Lambertz erstreckten sich Richtung Belgien bis zum dichten Mischwald kurz vor Küchelscheid. Sie erreichten das Weideland über einen schmalen Feldweg, der eigentlich nur von landwirtschaftlichen Fahrzeugen genutzt werden durfte, aber das kümmerte Steffens herzlich wenig.
Ihnen bot sich ein schon fast unwirkliches Bild, einem alten Ölgemälde gleich. Die meisten Schafe hatten sich zusammengerottet und standen abseits im Pulk, von wo sie die surreal anmutende Situation beobachteten. Der Schäfer hockte vor dem verendeten Tier, die Hunde hatten sich auf der Weide verteilt, die Schnauzen im Wind. Keine Bewegung war zu bemerken. Allem Grausamen zum Trotz, zauberte die Mittagssonne wie zum Hohn ein goldenes Licht auf die Szenerie.
Der Kommissar realisierte noch bevor er das Auto verließ, dass es sich nicht um den Schäfer handelte, den er kurz zuvor auf dem Steling getroffen hatte.
Kirchfink bemühte sich mit Erfolg, nicht auf das Blutspektakel zu blicken.
»Na endlich!«, wurden die beiden Männer schroff begrüßt. Schäfer Lambertz fiel es augenscheinlich schwer, sich aus der Hocke in den Stand zu erheben. Er war nicht besonders groß, aber dafür umso stämmiger. Sein Alter ließ sich, wie bei allen wettergegerbten Gesichtern, nicht so leicht schätzen. Seine schwerfälligen Bewegungen, das dazugehörende Ächzen und die raue Stimme wirkten auf die beiden Ermittler so, als sei der Viehbauer weit über sechzig Jahre alt. Seine offen zur Schau gestellte Unfreundlichkeit machte ihn nicht sympathisch.
Sein Ton wurde unangenehm, als er weitersprach: »Seit heute Morgen warte ich hier und jetzt endlich bequemt sich mal jemand hierher, um den Schaden zu sichten und zu begutachten. Glaubt ihr von der amtlichen Wolfsbehörde, uns gebeutelten Schäfern würde es Spaß machen, immer wieder gerissene Schafe vorzufinden?«
Der Kommissar blieb erstaunlich ruhig. Er kramte aus der Innentasche seiner Lederjacke den Dienstausweis hervor, der ihn als Leiter der Mordkommission auswies. Außerdem übergab er dem Schäfer Lambertz noch seine Visitenkarte.
»Wat soll denn dä Quatsch?« August Lambertz blickte ungläubig von Steffens zu Kirchfink und wieder zurück. Mehrere Male ließ er seinen Blick so hin- und herwandern, bis er schließlich fragte: »Wollt Ihr mich verarschen? Dazu brauche ich keinen, dat kann ich och alleen!«
»Von Verarschen kann keine Rede sein.«, sprang Kirchfink ein. »Auch ein ermordetes Schaf ist uns wichtig.« Ohne wirklich den Tatort in Augenschein zu nehmen, schaffte es Kirchfink, dem aufgebrachten Schäfer zu suggerieren, dass sich tatsächlich in seinem Fall, die Mordkommission eingeschaltet hatte. Damit hatte er den Schäfer geknackt. Der Kommissar musste sich trotz der merkwürdigen Stimmung angesichts des gerissenen Schafes alle Mühe geben, ernst zu bleiben. In seinem Beruf hatte er schließlich schon viel grausamere Situationen durchlebt.
»Und wenn ihr den Wolf gestellt habt, hat er dann mit strafrechtlichen Konsequenzen zu rechnen? Wehe ich krieg spitz, dass ihr mich heute doch verarscht!« Die Drohung stand offen und ohne eine Auflösung im Raum. Steffens fragte sich, welche Strafe als mögliche Konsequenz verschwiegen worden war.
Statt weiter darauf einzugehen, holte der Kommissar Besteck und ein steriles kleines Röhrchen hervor, um einen Abstrich des genetischen Materials von der Bisswunde zu machen. Jetzt, als diese in ihrer vollen Größe sichtbar wurde, war Kirchfinks Loyalität beendet. Angewidert drehte der Assistent sich ab, entfernte sich einige Schritte und war bemüht, diesmal allerdings ohne Erfolg, sich nicht zu übergeben.
»Ist der andere von euch ein Vegetarier, oder warum kotzt der beim Anblick einer Wunde?«, fragte der Schafsbauer voller Abneigung.
Steffens grummelte etwas Unverständliches, beendete die Arbeit, packte die Utensilien wieder zusammen und kümmerte sich um seinen Assistenten. Kalle hatte alles aufmerksam vom Autoinneren aus beobachtet und führte vor Freude eine Art Veitstanz auf, als die beiden Ermittler endlich zum Wagen zurückkamen.
Der Kommissar drehte sich noch einmal um und rief: »Wenn wir Näheres wissen, melden wir uns. Wir werden die Ergebnisse weiterleiten, damit Sie finanzielle Unterstützung bei der Anschaffung eines Herdenschutzzaunes beantragen können.«
»Gebt mir lieber die Erlaubnis, dieses Scheißvieh und sein gesamtes Rudel abzuknallen!«, schrie der Bauer. Seine Stimme überschlug sich dabei und irgendwie wurde Steffens an seinen eigenen Stimmbruch erinnert.
»Mein Gott, was für ein Choleriker.« Kirchfink stieg ein und konnte sich dabei diese Bemerkung nicht länger verkneifen.
»Na ja«, meinte Steffens fast schon verständnisvoll. »Wie würden wir uns denn fühlen, wenn unsere Existenz oder auch nur deren Akzeptanz durch staatlich geschützte Tiere aufs Spiel gesetzt würde. Alles, wofür wir beruflich oder hobbymäßig brennen, wäre plötzlich nichts mehr wert, weil der Wolf zurückgekommen ist und per Gesetz geschützt wird. Irgendwie kann ich die Verzweiflung des Schäfers schon nachvollziehen. War ja wohl auch nicht das erste Schaf seiner Herde. Allerdings wäre es interessant zu wissen, ob der Schäfer überhaupt befugt ist, ›abzuknallen‹. Hat er den Berechtigungsschein zum Tragen einer Waffe oder ist er sogar Jäger? Es dürfen ja offiziell nur Jäger auf einen bestimmten Wolf schießen, wenn genau der zum Abschuss freigegeben wurden. Uns Polizisten ist es jedenfalls verboten!«
Steffens machte einen kleinen Umweg, um in einer Bäckerei ein trockenes Brötchen für seinen Assistenten zu kaufen. Beim Bezahlen fiel sein Blick auf ein farbiges Plakat, dessen Hintergrund das Profil des bekannten Naturschützers und ehemaligen Grünenpolitikers Armin Trebelsbach zierte.
»Heute Abend, um 18:00 Uhr, Bürgerversammlung im Bürgercasino Imgenbroich. »Leben mit dem Wolf – im Einklang mit der Natur«
Nachdenklich traten sie den Heimweg an. Am Monschauer Bahnhof machten die beiden Ermittler kurz Halt und gingen mit Kalle ein kleines Stück über die alte Vennbahntrasse. Sie hatten die Lust auf einen größeren Spaziergang verloren.
»Begleiten Sie mich nachher zu der Bürgerversammlung nach Imgenbroich?«, fragte Steffens seinen Assistenten.
»Ich habe zwar heute noch nichts vor, aber Versammlungen in einem Ort, in dem ich nicht wohne, sind doch vergeudete Zeit«, antwortete Kirchfink sichtlich unbeeindruckt.
»Auch, wenn es dabei um den Wolf, oder besser um seine Daseinsberechtigung bei uns geht? Armin Trebelsbach, der Referent, ist immerhin der Vorsitzende der Interessengemeinschaft PRO WOLF in der Eifel. Und wenn ich mich nicht irre, war der auch mal bei den Grünen. Und außerdem gehört Imgenbroich zu Monschau.«
»Da ist bestimmt Zündstoff drin. Klingt nach Streit und somit nach Zunder. Die Hütte wird brennen!! Vielleicht sollten wir uns das angesichts der jüngsten Ereignisse wirklich nicht entgehen lassen. Hat bestimmt einen hohen Unterhaltungswert. Nehmen Sie mich mit?«
