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Baronin Franzisca von Heppenstein besitzt alles, was nötig ist, um am Hof von Kurfürst Maximilian III. Joseph in der Münchner Residenzstadt des 18. Jahrhunderts zu glänzen: Bildung, Intelligenz, Schönheit und einen unwiderstehlichen Charme. Die Männerwelt liegt ihr zu Füßen und die Frauen der feinen Münchner Gesellschaft beneiden sie glühend. Doch die Baronin muss zwei arrangierte Vernunftehen eingehen, die sie gelangweilt und ohne Leidenschaft über sich ergehen lässt. Nur ihre bildhübsche und hochbegabte Tochter Fanny entschädigt sie für ihr uninspiriertes Leben. Aber als die 17-Jährige eine stürmische Affäre mit einem Leutnant eingeht, gerät sie in Konkurrenz zu ihrer Mutter, welche nun alle Waffen einsetzt, um der Tochter den Liebhaber auszuspannen. Was dann folgt, hat das Ausmaß einer griechischen Tragödie, von der sich die Baronin nie wieder erholen wird … Mit historischer Akribie und poetischer Leidenschaft hat Maria Magdalena Leonhard den Auftakt des »Falls« Fanny von Ickstatt verfasst. Ein Muss für alle Freunde des historischen Romans.
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Seitenzahl: 538
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Maria Magdalena Leonhard studierte in ihrer Geburtsstadt München Archäologie und Kunstgeschichte sowie Etruskologie in Florenz und Rom. Nach ihrer Promotion lebte sie längere Zeit in Italien. 20 Jahre war sie als Dozentin für Deutsche Sprache am Goethe-Institut in München tätig. 1990 erhielt Leonhard den »Münchner Förderpreis Literatur« für ihren deutschitalienischen Lyrikband »Poesie 1962–82« (1985), mehrere Publikationen in der Zeitschrift »Literatur in Bayern« folgten. 2013 veröffentlichte sie mit großem Erfolg die historische Aufarbeitung des »Falls« der Fanny von Ickstatt (Allitera Verlag).
Vorwort
Teil I
Präludium
I
Maria Franzisca von Weinbach
II
Sein Blick auf ihrem Leben
III
Die erste Hochzeit
IV
Fannys Geburt
V
Das Gärtlein zieht keine Rosen
VI
Gallus von Heppenstein
VII
Das Schicksal greift ein
VIII
Mollia tempora fandi
IX
Tagebuch Franzisca
X
Elle est une allumeuse
XI
Eckhardshausens Vortrag
XII
Fanny lernt Franz kennen
XIII
Die erste Liebe
XIV
Mir hat Eros die Sinne erschüttert
XV
Die Würfel fallen
XVI
Fanny fasst einen Entschluss
XVII
Die Tragödie beginnt
XVIII
Das verlorene Billett
XIX
Ein Heilmittel gegen die Liebe
XX
Nimm mich Gott von meinem Jammer
XXI
Wappne dich Herz, jetzt!
XXII
Vincentis Gespräch mit dem Vater
XXIII
Der Schrannentag
XXIV
Der Gang zum Turm
XXV
Am Dechantenhaus
XXVI
Die Richter kommen
XXVII
Mors pretiosa innocentium eius
XXVIII
Das Begräbnis
Teil II
I
Gerüchte und Anklagen
II
Fannys Briefe
III
Zum immerwährenden Gedächtnis
IV
Die neuen Leiden der jungen Fanni
V
Das Prisma und seine Façetten
VI
Wer schweigt, stimmt zu
VII
Der Verteidigungsplan
VIII
Ein Briefwechsel unter Freunden
IX
Es konnte nicht gut gehen
X
Die Rechtfertigung
XI
Die Klage
XII
Nichts gedeiht, außer Tugend und Wahrheit
XIII
Kein Atlas stützt mehr meine Welt
XIV
Schillerndes Gefieder
XV
Vanitas
XVI
Amor vincit omnia
Der Titel dieses Romans »Stern unter den Schönen« ruft eine zeitgenössische Huldigung der Hauptfigur wieder in Erinnerung: Franzisca, Baronin von Heppenstein, war am Münchner Hof von Kurfürst Maximilian III. Joseph eine gefeierte und umworbene Persönlichkeit. Ihre Gestalt wäre wie die anderen »Schönen« jener Zeit längst versunken, würde sich nicht an ihren Namen die Erinnerung an jene Fanny von Ickstatt, ihre Tochter, knüpfen, die am 14. Januar 1785 vom Nordturm der Münchner Frauenkirche in den Tod stürzte. Leben und Schicksal Fannys und die bis dahin nicht geklärten Umstände und Hintergründe ihres Todes waren Gegenstand meines Buches: »Der Fall Fanny von Ickstatt«, Allitera Verlag, 2013. Ich hatte das Glück, im Verlauf meiner Recherchen auf den Bericht eines Zeit- und Augenzeugen zu stoßen, der seit nahezu 230 Jahren unentdeckt geblieben war und endlich Licht in das Motiv ihres Freitodes brachte.
Das vorliegende Buch erzählt nun die gleiche Geschichte – jedoch als Roman – aus der Sicht von Fannys Mutter, einer außergewöhnlichen Frau, der ein nicht minder schweres Schicksal als ihrer Tochter zugedacht war. Es erzählt eine Geschichte von Verstrickung und Verblendung, von »Schuld und Sühne«.
Alle Ergebnisse meiner Recherchen sind in dieses Buch eingeflossen. Es schildert die Gestalt der Franzisca von Heppenstein aufgrund der erhaltenen – vielfach von ihr selbst berichteten – Zeugnisse. Historische Zitate sind zum Teil in fiktionale eingebettet und deshalb kursiv gesetzt. Einige meiner Gedichte werden Franzisca, die selbst Schriftstellerin war, in den Mund gelegt.
Fußnoten, Übersetzungen und Begriffserklärungen erleichtern das Verständnis von Schilderungen einer nicht mehr vertrauten Lebenswelt.
Zum Schluss sei noch erwähnt, dass sämtliche im Roman auftretende Figuren wirklich im Umkreis von Franzisca gelebt haben. Soweit überliefert, erscheinen sie mit ihren tatsächlichen Neigungen und ihren eigenen Worten.
München, im März 2016
Maria Magdalena Leonhard
Der Träumer muss stärker sein als der Traum. Victor Hugo
Der berühmte Rechtslehrer Johann Adam von Ickstatt, im Jahre 1745 vom bayerischen Kurfürsten Maximilian III. Joseph als Professor und Direktor an die Ingolstädter »Hohe Schul«1 berufen, erregte in der gesetzten Universitätsstadt ein bis dahin nicht gekanntes Aufsehen. Nicht nur, weil es diesen Posten vor ihm nie gegeben hatte, sondern vor allem deshalb, weil Ickstatt der Ruf eines Aufklärers, eines laxen Christen und Aufwieglers gegen die Geistlichkeit und alle ehrwürdigen Traditionen schon vorausgeeilt war. Und er sollte noch eine weitere Seite zeigen: seine Neigung zu weltlichen Genüssen und einem eleganten Leben. Dem Baron mangelte es weder an Geschmack noch an finanziellen Mitteln und es wurde das größte und höchste Haus der Stadt zur Residenz auserkoren. Im schon einige 100 Jahre alten »Crollolanza-Haus« in der Schlossstraße pflegten seit jeher nur die vornehmsten Professoren ihre Wohnung zu nehmen.
Das mächtige Gebäude mit seinem alles überragenden Giebel bildete sozusagen das weltliche Pendant zur quer über der Straße liegenden nicht minder alten katholischen Pfarrkirche St.-Moritz und dieser Umstand war dem Baron, der unziemliche Scherze über Kirche und Klerus liebte, wohl auch deshalb als angemessen erschienen.
Zwar befand sich das alte Haus noch im Besitz der Staudingerin, die es aus Geldmangel an den fälligen Erhaltungsarbeiten hatte fehlen lassen, und es lagen auch nicht unerhebliche Belastungen darauf, fromme Stiftungen und barmherzige Jahrspenden, wie man sie von jedem wohlhabenden Bürger erwartete, insgesamt über 700 Gulden jährlich, doch war es Ickstatt schon bald gelungen, Kaufpreis und Schulden zu begleichen. Diese beneidenswerte Leichtigkeit, mit der ihm alles von der Hand ging, lag indes nicht nur an den Mitteln, über die er verfügte, und an seinem Verhandlungsgeschick. Viel mehr war es dem Selbstbewusstsein des Barons geschuldet, seiner Unbekümmertheit gegenüber den Meinungen und Vorbehalten seiner Umwelt, die er heiter und entgegenkommend abtat, wenn ihm nichts dawider ging, aber sarkastisch und wegwerfend, wenn man sich ihm entgegenstellte. Man soll sie schwätzen lassen, pflegte er zu sagen. Und es war nicht wenig, was sich Johann Adam von Anfang an in den Weg stellte. Nicht nur der Neid der Kollegen an der »Hohen Schul«, die ihm mit seinen berühmten Schriften, seinem landesweiten Ansehen und seiner scharfen Zunge nicht das Wasser reichen konnten. Nicht nur die Missgunst, die sein beachtliches Vermögen erregte. Auch die Gunst, die er beim Kurfürsten Maximilian, dem »Vielgeliebten«, genoss, dessen Erzieher er gewesen war, machte es ihm bei seinen Mitbürgern und Kollegen schwer.
Das allein hätte schon ausgereicht, einen Neuankömmling weidlich aus der Fassung zu bringen. Jedoch war all das nichts angesichts der geballten und entschlossenen Feindschaft, die Johann Adam vonseiten der Jesuiten und der Weltgeistlichen entgegenschlug.
Die Jesuiten waren die Macht in Stadt und Land und stellten den weitaus größten Teil der Lehrer an der »Hohen Schul«. Sie waren Johann Adam ein Stachel im Fleische, nicht minder als er ihnen, und der Kampf um die Machtverteilung hatte denn auch gleich mit seiner Ankunft begonnen. Bisher waren die Jesuiten unangreifbar gewesen, jetzt stellte sich ihnen ein intelligenter und wacher Geist entgegen, der entschlossen war, den Ideen der Aufklärung zum Durchbruch zu verhelfen. Die mittelgroße, kräftige Gestalt, das wache Gesicht mit der gesunden Farbe, der volle Mund, der oftmals ironisch zuckte, seine blitzenden Augen – alles signalisierte unübersehbar den Willen des Barons, sich durchzusetzen.
Nur in einem einzigen Punkt erregte Johann Adam nicht den Neid seiner Umgebung und das bezog sich auf die Ehefrau, die er mitgebracht hatte. Seit seiner Würzburger Zeit war er mit ihr verheiratet, dort war sie die Witwe seines Amtsvorgängers gewesen. Die Dame, ein geborenes Fräulein von Weinbach, zeichnete sich weder durch Anmut noch durch ein sanftmütiges Wesen aus, und man sagte, bei jedem anderen als bei Ickstatt würde sie im Hause das Regiment geführt haben. Das Paar war kinderlos und Nachwuchs auch kaum mehr zu erwarten, denn die Baronin und der Baron hatten die 40 bereits überschritten.
Ickstatt ging mit Eifer und großen Plänen an die überfällige Renovierung seines Hauses. Als er die Muttergottesstatue, die sich seit mehr als 100 Jahren in einer Nische im Hausgiebel befunden hatte, herabnehmen ließ, wurden sogleich empörte Stimmen laut, die ihn der Gottlosigkeit bezichtigten. Es ist anzunehmen, dass es seine Absicht gewesen war, die allzeit bereiten bösen Zungen herauszufordern, um sie dann Lügen strafen zu können. Die Madonna erhielt jedenfalls einen neuen und nicht unwürdigen Platz auf dem Altar der Hauskapelle, die der Baron auf einem inzwischen erworbenen Landgut hatte errichten lassen. Dieser alte Gutshof vor den Toren der Stadt, die »Herrenschwaige« bei Hundszell, in der weitläufigen Auenlandschaft der Donau gelegen, sollte sein »Tusculum«2 werden und ihn in seinen freien Stunden dem Gezänk entrücken.
Mit der Marienstatue im Hausgiebel, die so viel Unmut erregt hatte, war aber eine Begebenheit verbunden, eine Unbotmäßigkeit gegen Kirche und Religion, also eine Denkwürdigkeit ganz nach Ickstatts Geschmack, die er ungern dem Vergessen anheimfallen lassen wollte. So ließ er am Altartisch ein Bild mit folgender Inschrift anbringen:
Dißes ist die wahre Bildnuß der Allerseelichsten Jungfrau Maria, so beynahe 100 Jahr auf dem Gipfel deß so genannten Corolanzischen, nunmehr Baron Ickstättischen Hauses in Ingolstatt gestanden, worauf Anno 1684 ein Oberst--Wacht Maister Nahmens Jakob Hoennig auß dem Kreuz-Wirtshaus geschossen, deßhalben zu München in Fahren-Thurm gebracht, peinlichen inquirirt und hierauf ein armseeliches End genommen, laut denen bey dem Stattgericht liegenden Original Acten.
Das uralte, noch mittelalterlich strenge »Crollolanza-Haus« wandelte Johann Adam um in eine heitere Residenz mit reich stuckierter Fassade und geräumigen Zimmern, deren herrliche Kamine und kostbare Schnitzarbeiten schnell Aufsehen erregten. Das Haus besaß nun fünf Vollgeschosse, die ein prachtvolles Treppenhaus mit Muscheldekor im neuen Stil miteinander verband, und einen rückseitigen schönen Garten mit Bouschetten und Rosenbäumen.
Es gefiel dem Baron in Ingolstadt, und offensichtlich hatte er vor, hier sein Dasein zu beschließen, denn – kaum waren die Umbaumaßnahmen vollendet – begann er Güter, Wälder und Wiesen zu kaufen, um seinen Grundbesitz abzurunden. Nach drei Jahren besaß er mehr als 40 Tagwerk.
Auch als Geldverleiher größerer Summen tat sich Baron von Ickstatt hervor, was wiederum die Neider anfeuerte und das Misstrauen der Kollegen weiter vertiefte. Erheitert goss Ickstatt noch Öl ins Feuer: »Aber mit dem Geld kann man doch Bücher kaufen«, äußerte er mit geheucheltem Erstaunen, auf die gemäßigte Wissbegier seiner Kollegen anspielend.
Das Thema Bücher war generell ein heißes Eisen: Der neue Direktor der »Hohen Schul« besaß nämlich nicht nur eine Privatbibliothek von über 6000 Bänden, sondern auch eine erkleckliche Anzahl von Büchern, die auf dem Index standen, weil protestantische Autoren sie verfasst hatten – und dies bezog sich sogar auf Wörterbücher!
Über Besitz und Verwendung solcher Bücher wachte die Theologische Fakultät, die als Zensurbehörde für alle Bücher fungierte, die ihren Weg nach Ingolstadt fanden. Und diese Zensur betraf nicht nur Lehrbücher, sondern sogar die private Lektüre der Professoren. Die Theologische Fakultät forderte außerdem vom Kurfürsten einen gesonderten Erlass, dass nur noch katholische, von der Theologischen Fakultät vorzensierte, juristische Lehrbücher Verwendung finden sollten. Da aber platzte Johann Adam der Kragen. Er kündigte öffentlich diesbezüglich sein Veto an und appellierte an den Kurfürsten: Wenn die Lehrfreiheit an katholischen Universitäten fehle und es verboten sei anderst als mönchisch zu gedenken, so würde die Universität Ingolstadt in eine wahre Wüsteney verwandelt und führe zur Abwanderung der Studenten an protestantische Universitäten. Und dies besonders der adeligen, fügte er warnend hinzu. Außerdem habe er das ganze vernünftig denkende catholische Teutschland auf seiner Seite. Der Kurfürst möge dem ärgerlichen Zettergeschrey der Theologen ein für alle Mal ein Ende machen.
Das von Ickstatt kritisierte »Zeter und Mordio« der Theologen hatte sich nämlich inzwischen sogar von der Kanzel aus über ihn selbst ergossen: der Baron und seine Anhänger seien Lutheraner, verbreitete man im ganzen Land. Und beim Kurfürsten hatte die Theologische Fakultät feierliche Anklage gegen Ickstatt wegen religionsfeindlicher Tätigkeit erhoben. Die Lage war ernst.
Der Kurfürst Max stand zwar den Ideen der Aufklärung offen gegenüber, war doch Johann Adam sein Lehrer gewesen, aber der Druck der Geistlichkeit auf ihn war gewaltig. Nun war Ickstatt beileibe kein Lutheraner. Und in Wahrheit konnte er weder mit der katholischen Religion noch mit der Augsburger Konfession etwas anfangen. Er war ein skeptischer Realist, ein Anhänger Voltaires. Doch wusste er, das klug zu verbergen. Und sein Lieblingsausspruch, mit dem er sich schon manchen Feind gemacht hatte, beleuchtete diese Haltung: Da mihi decem thalleros, umbra et pulvis sumus.3 Aber die Lage spitzte sich zu, denn die Jesuiten gingen jetzt aufs Ganze. Sie ließen deutlich merken, dass für eine derartige Einstellung nach wie vor der Scheiterhaufen die gebührende Antwort sei und rieben sich die Hände, wenn sie sich darauf Ickstatt und seine Getreuen vorstellten. Unter den Gefolgsleuten und nächsten Freunden des Barons war Johann Georg Lori seit der gemeinsamen Würzburger Zeit einer der Treuesten. Er hatte an der Seite von Ickstatt schon manchen Strauß für die Reform und gegen die Geistlichkeit ausgefochten, aber die brisante Situation beunruhigte ihn jetzt aufs Höchste. Das ius naturae und die protestantischen Bücher werden uns bald auf den Scheiterhaufen bringen, äußerte er bedrückt. Ickstatt hingegen war kämpferisch: Tu ne cede malis,4 erwiderte er, auch einer seiner Lieblingsaussprüche: Wir werden es ihnen schon noch zeigen, und dies diem docet!5
Wir müssen unser Schicksal dem Willen des Hofes überlassen, wandte Lori ein. Credi mihi6, ermutigte ihn der Baron, der Kurfürst wird ihnen schon den Marsch blasen. Ich kenne ihn, und er kennt die Jesuiten. Dem Stadler hat er ja auch gezeigt, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat.
Die Sache mit dem Jesuiten Stadler, dem ersten Erzieher und Beichtvater des damaligen Kurprinzen, hatte zu großer Erheiterung geführt, ließ sie doch erkennen, welch Geistes Kind der junge Maximilian war und was sich mit seiner Thronbesteigung ändern würde. Der Jesuit hatte nämlich jede Gelegenheit genutzt, seinen Schüler zu gängeln und seine Entscheidungen im Sinne der Kirche zu beeinflussen. Grundsätze, von der andächtelnden Dummheit erdacht und der heuchlerischen Bosheit zum Verderben des Staates ausgeführt, wie ein Zeitgenosse es unumwunden ausdrückte. Solcher Anmaßung am Ende überdrüssig, hatte Max den Jesuiten schließlich in einem Rundumschlag all seiner Ämter und Privilegien entsetzt und ihn ohne Weiteres davongejagt. Nicht eine einzige Nacht mehr in seinen Staaten vergönnte ihm der junge Fürst damals, erinnerte sich Ickstatt, plötzlich mußte er die bayrischen Lande säubern, ein billiges Opfer seiner eigenen Kabale.
Das war nun über 20 Jahre her, und der Baron von Ickstatt hatte als Erzieher und Lehrer des Kurprinzen Stadlers Stelle eingenommen. Und das war es eben, worauf Johann Adam seine Zuversicht setzte: Die Situation, die sich hier in Ingolstadt für eine freie Forschung und Lehre unerträglich zugespitzt hatte, musste dem Kurfürsten vor Augen geführt werden. Und so nahm Ickstatt denn kein Blatt vor den Mund, als er eine offene und mutige Klageschrift an seinen ehemaligen Lehrer richtete. Darin beschwerte er sich unter anderem darüber, dass gegen ihn in der Pfarrkirche zu St. Moritz auf der Kanzel solch gräßliches Lärmen erhoben, als ob die halbe Stadt schon an der Unsterblichkeit der menschlichen Seele zweifelte. Er bat den Kurfürsten, ihm den Stadtpfarrer Eckher, diesen im Kopfe nicht wohlverwahrten Mann vom Leibe zu halten, der seiner hirnlosen Einbildung nach, ihn des einreißenden Luthertums bezichtigt habe.
Das saß.
Solche Worte gegen Bigotterie und Geistlichkeit waren bisher in Ingolstadt noch nie gehört worden. Die Klerisei wartete alarmiert auf die kurfürstliche Antwort. Sie dauerte. Endlich ließ sich Max, »der Vielgeliebte«, vernehmen: Er stimmte für die Zukunft der Reform und die Jesuiten, die sich schon triumphierend die Hände gerieben hatten, mussten sie wieder zum Gebet falten.
Der Baron verlieh also weiter an seine Studenten, von denen die meisten aus wohlhabenden und »aufgeklärten« Familien kamen, missliebige Literatur. Er vermietete auch einen Teil seines Hauses als Wohnung an seine Studenten, die dann auch mit ihm zusammen speisten. Jeder Professor durfte nämlich so viele Studenten bei sich beherbergen, wie an seinem Tische Platz finden. Allerdings hatte dieses Recht eine die öffentliche Moral berücksichtigende Klausel: Es galt nur für solche Professorenhaushalte, in denen sich keine ledigen Töchter befanden. Auch darüber setzte sich Ickstatt souverän hinweg, denn in seinem Hause gab es eine solche, wie noch zu hören sein wird.
Das »Crollolanza-Haus« war sehr geräumig, neben den zwei für Ickstatts Familie reservierten Stockwerken verfügte es noch über weitere drei, demzufolge dürfte auch der Tisch entsprechend lang gewesen sein. Abgesehen davon, dass das Leben im Ickstatt’schen Palais bei Weitem den üblichen studentischen Unterkünften vorzuziehen war, hatten diese sogenannten Bursen schon seit längerer Zeit an Nachfrage eingebüßt. Dort war es nämlich eng und ungemütlich. Im Winter wurde das Etablissement um sechs Uhr abends abgesperrt, im Sommer bei Sonnenuntergang. Außerdem ließ das Essen zu wünschen übrig und man hatte sich den Anweisungen des »Bursenleiters« zu fügen. Ickstatts Haus dagegen war geräumig und behaglich, ja, elegant, und reich an illustren und interessanten Besuchern. Außerdem war die Küche vorzüglich. Dafür tauschte man gerne die Burse ein …
Die Studenten des Barons kamen durchwegs aus reichen und adeligen Familien, zahlten kräftig und huldigten den Ideen der Aufklärung. Und gerade mit solchen gut betuchten Studenten durfte es sich das kleine und keineswegs reiche Ingolstadt nicht verscherzen. Davon gibt ein Zeitgenosse eine Vorstellung: Der Ort ist klein, arm, nicht sehr gesund. Die Bürger, welche unvermögend sind und hauptsächlich von den Studenten leben müßen, schmiegen sich selbst in die Launen ihrer Tischgenossen, nur damit sie mehrere bekommen. Sie sehen den Akademiker gleichsam als einen Raub an, den ihnen der liebe Gott auf drei Jahre zugeworfen hat.
Es galt also, die Studenten, ganz besonders die wohlhabenden, zufriedenzustellen, damit sie nicht an ausländische Universitäten wie Innsbruck oder Salzburg abwanderten, die fortschrittlich waren und auch einen besseren Ruf genossen. Denn nur Wohlhabende hatten die Möglichkeit, Spezialgenehmigungen zu erlangen, war es doch allen Landeskindern per Gesetz untersagt, außerhalb Bayerns zu studieren.
Ja, Ingolstadt war abhängig von seinen Studenten, weshalb man sich auch hütete, ihre Händel und rohen Sitten zu beanstanden. Die Universität in Ingolstadt ist ein Sanctuarium der lateinischen Barbarey, befand ein Zeitgenosse. Tatsächlich war die »Hohe Schul« in Ingolstadt zu der Zeit, als Johann Adam sein Amt als Lehrer und Direktor antrat, wegen ihrer wüsten studentischen Sitten verschrien. Das Nebeneinander von Festung und Universität, von Studenten und Soldaten, war alles andere als förderlich. Händel zwischen den rauf- und trinklustigen Studenten, die nachts die Wirtshäuser bevölkerten, und den Soldaten, die keinen oder nur unregelmäßigen Sold erhielten – zudem sie damals noch keiner Nebenbeschäftigung nachgehen durften – waren an der Tagesordnung. Sie lungerten herum und gerieten sich auch noch mit den Delinquenten in die Haare, die der Einfachheit halber ins Militär gesteckt wurden. Zudem hatte die Anzahl der immatrikulierten Studenten noch bei Weitem nicht das Vorkriegsniveau erreicht. Der verheerende Krieg, der 30 Jahre lang gewütet und das Land an den Rand der Vernichtung gebracht hatte, war zwar schon seit einem Jahrhundert beendet, doch wirkte sich die Verrohung durch die langen kriegerischen Auseinandersetzungen noch immer auch auf die Sitten der Studierenden aus. Wie aber sollte – auch hierzu scheute Ickstatt nicht, sich öffentlich zu äußern – wie aber sollte an dieser Universität ein anderer Geist einziehen, wenn die Erziehung von Kindern und Jugendlichen seit nahezu 200 Jahren ausschließlich in den Händen der Jesuiten lag, die auch an den Universitäten jede freiere Geisteshaltung, wie sie im protestantischen Deutschland schon Fuß gefasst hatte, unterdrückten?
Gewissermaßen als Ausgleich für solche Beschränkung waren aber an der Alma Mater die überkommenen barbarischen Bräuche und die rohen Sitten der Studenten weiter im Schwange und von der Obrigkeit geduldet, obwohl sie seit Langem dem Ruf und der Frequenz der »Hohen Schul« schadeten. Der alte Brauch der »Disposition«, eine nicht nur folterähnliche, sondern auch noch kostenträchtige Aufnahmezeremonie, der sich Neuimmatrikulierte durch ältere Semester unterziehen mussten, hatte sogar schon Tote gefordert und war bereits durch kurfürstliche Verordnung verboten worden. Dennoch hielt er sich trotzig. Es wunderte niemanden, dass gesittete und wohlhabende Familien ihre Söhne lieber an ausländische Universitäten schickten. Der Baron, als neuer Direktor der Universität, führte sich ein, indem er sogleich alle Bemühungen um die Aufhebung dieses Verbotes vereitelte, und um den frischen Wind, der jetzt blies, zu illustrieren, annullierte er ohne Weiteres einen Teil der zahlreichen »Vakanztage«. Zudem untersagte er den Studenten, sich nach zehn Uhr abends noch in den Wirtshäusern aufzuhalten. Ungehorsame wurden sogleich durch Militärpatrouillen verhaftet.
Es dauerte nicht lange, bis der Aufstand gegen dieses Vorgehen des Direktors losbrach: Die Fenster seines prächtigen, eben fertiggestellten Hauses wurden eingeworfen, und Schmähschriften gegen ihn in der Stadt verteilt. Obwohl der Scharfrichter ein solches Pasquill öffentlich verbrannte, konnten die Täter nicht ermittelt werden. Aber Ickstatts Kampfeslust war keinesfalls gebrochen, nicht einmal, als bald darauf bei der Hauptwache, wo der Galgen stand, ein weißes Blechschild auftauchte mit der Aufschrift: Ickstatt Erzschelm.
Der neue Direktor blieb Sieger, getreu seinem Wahlspruch: Tu ne cede malis, war er doch angetreten, um die in so merklichen Abfall geratene Universität wieder zu Flor und Ansehen zu führen. Die Sitten an der Alma Mater begannen sich zu urbanisieren. Lobend schrieben Zeitgenossen, vor Ickstatts und Loris Zeiten hätte man an der Universität zu Ingolstadt das Wort Disziplin nicht aussprechen dürfen, ohne geprügelt zu werden.
Zumindest äußerlich war nun in Ingolstadt der Friede zwischen den konservativen Kräften und denen der Reform wieder hergestellt. Ickstatt konnte sich endlich seinem Herzensanliegen zuwenden, nämlich das Bildungsniveau des Landes zu heben, insbesondere das der Landjugend und der einfachen Leute. Er stammte ja selbst aus einfachen Verhältnissen, hatte sich als Autodidakt emporgearbeitet, war aus eigenen Kräften mit berühmten Forschern in Verbindung getreten. Sogar vom großen Isaac Newton soll er Unterweisung genossen haben, erzählte man sich ehrfürchtig.
Wie ernst es dem Baron mit seinem Vorhaben war und wie klar und zutreffend er den Zustand und die Bedürfnisse des Volkes einschätzte, zeigen seine Briefe und Vorträge: So lange alles zum Lateinlernen und Studiren zugelassen wird, der gemeine Mann sich glücklich schätzt, wenn aus seinem Sohn nur ein Herrle oder Mönche werden kann, wenn ein Drittel der Nation sich zu Raths- und Richterstellen oder anderen Ämtern sich zu verwenden sucht, so lange kann es um Nationalfleiss und Arbeitsamkeit nicht zum besten aussehen; der Zehrstand wird mit Candidaten überhäuft, die der Regent unmöglich alle zu versorgen im Stande ist. Sie sehen sich also genötigt, unter dem verenrirlichen Priesterrock – aus dem so in unserer geheiligten Religion für das grösste Geheimniss gehalten wird – ein Gewerbe zu machen, faule Pflastertreter und zuletzt lateinische Soldaten und studirte Bauern abzugeben.
Natürlich machte sich Ickstatt auch mit diesem Anliegen der Volksbildung keine Freunde bei der Geistlichkeit. Im 16. Jahrhundert hatte in Bayern schon ein Schulwesen bestanden, das die Jesuiten aber mit Erfolg untergraben hatten. Ihre stupiden Unterrichtsmethoden zu geißeln, gehörte zu den Lieblingsthemen aufgeklärter Zeitgenossen. Erziehung bedeutete in deren Augen eben nicht, den Geist durch mechanisches Auswendiglernen abzustumpfen, sondern ihn durch die Anwendung von Erlerntem zu schärfen. Johann Adam legte dem Kurfürsten seine Pläne vor, in denen er vorgab, was in den Markt- und Stadtschulen, in den Realschulen und in den sogenannten Gelehrtenschulen unterrichtet werden sollte und knüpfte damit wieder an die vorjesuitische Schultradition an.
Seine Schulreform fand Zustimmung und Bewunderung. Der bayerische Historiker Lorenz Westenrieder äußerte dazu: So bestimmt und so vollständig, daß im Wesentlichen schwerlich wird Besseres gesagt werden können. Es war Ickstatt gelungen, seine Wünsche und Pläne als Lehrer, Gelehrter und Rechtsbeistand des Kurfürsten zu verwirklichen. Sein Name wurde weit über die Landesgrenzen hinaus mit Bewunderung, ja mit Ehrfurcht genannt, er war geadelt und Reichsfreiherr und verfügte auch noch über ein beachtliches Vermögen. Nun machte er sich daran, auch seine Nachfolge, sowohl wissenschaftlich wie privat, in wohlüberlegte Bahnen zu lenken. Wie sein Biograf mitteilte, lebte der Baron in kinderloser und mißvergnügter Ehe. Allzu viel wird ihm dies nicht ausgemacht haben, befand er sich doch neben seiner Lehrtätigkeit oft auf Forschungsreisen und Beratungsaufenthalten am kurfürstlichen Hof und seine freien Stunden verbrachte er in der Einsamkeit seiner beiden Schwaigen bei Hundszell außerhalb Ingolstadts. Dort las er die Alten, denn er reiste, aß und übernachtete mit den Musen, wie sein Biograf berichtet. Allerdings gab es einen Aspekt in Ickstatts Leben, der noch der Klärung bedurfte und das war sein Nachfolger an der Universität, der die Ideen und Werte der Reform sichern und weiterführen sollte. Dazu bedurfte es einer Person, die nicht nur über die nötige akademische Eignung verfügte, sondern auch die unerschütterliche Überzeugung in Bezug auf die Ideen der Aufklärung mit ihm teilte. Es überraschte niemanden, dass Johann Adam von Ickstatt auch hier längst vorgesorgt hatte, war doch sein umsichtiges Werk, sich aus Verwandten und Getreuen eine starke, einflussreiche Hausmacht zu errichten, bereits in seiner Würzburger Zeit auf Protest gestoßen. Auch die Wahl seiner Ehefrau, der Witwe seines dortigen Amtsvorgängers, war Teil dieses Planes gewesen.
In Ingolstadt aber krönte der Baron seine diesbezüglichen Bestrebungen und gab damit all denen Recht, die ihm schon seit Langem »Nepotismus« unterstellten. Drei Brüder seiner Frau ließ Ickstatt bereits durch Max III. in den Reichsritterstand erheben und mehreren Mitgliedern der Familie Weinbach verschaffte er nach und nach Professorenstellen an der Universität, sowie deren Töchtern Ehemänner. Einen seiner Neffen, Peter Ickstatt, hatte der Baron wie einen Sohn erziehen und studieren lassen. Dieser sollte sein Nachfolger an der Universität werden. Peter zeigte sich bald als ausgezeichneter Jurist und hatte soeben unter Ickstatts Fittichen mit Auszeichnung an der »Hohen Schul« promoviert. Doch Peter brauchte auch eine Frau und eine Familie.
Schon bald nach seiner Ankunft in Ingolstadt hatte Johann Adam eine neugeborene Nichte seiner Frau an Kindes statt zu sich in sein neues prächtiges Palais genommen. Die oberfränkischen Weinbachs waren mit Kindern derart reich gesegnet, dass man schon eher von einer Plage sprechen konnte. Die kleine Maria Franzisca hatte noch zwölf Geschwister.
Das kleine Mädchen muss dem Baron von Anfang an als außerordentlich vielversprechend erschienen sein, besaß doch schon die Dreijährige so viel Intelligenz und Wissbegier, dass ihr Oheim sie von seinem Kollegen, dem älteren Weishaupt, in Naturlehre unterweisen ließ. Davon werden wir Franzisca später noch erzählen hören.
Johann Adam von Ickstatt muss sie innig geliebt haben, er nannte sie nur seine Fanny, wie sein Biograf berichtet und er verwandte so viel Erziehungssorgfalt auf sie, daß sie nun eine Zierde ihres Geschlechts ist. Diese »Zierde« sollte bald von sich reden machen …
Johann Adam bestimmte Maria Franzisca und Peter Ickstatt, die einander von klein auf kannten, zu künftigen Ehegatten. Damit war nun alles, was sich der Baron gewünscht und vorgenommen hatte, erreicht: die »Hohe Schul« war den Idealen der Aufklärung geöffnet, sie würde unter Peter Ickstatt als neuem Direktor weiter in seinem Sinne wirken. Das Haus und die Ländereien waren in der Obhut der Familie und der Baron konnte nun aufbrechen nach München, wo ihn sein ehemaliger Schüler und Förderer, der Kurfürst, als seinen ständigen Berater in staatsrechtlichen Belangen erwartete.
Johann Adam ging nicht ungern fort aus Ingolstadt, wo er 20 Jahre lang unermüdlich gewirkt und alles zum Besseren gewendet hatte. Nur um sein »Tusculum« war es ihm leid, die »Herrenschwaige«, und die wunderbaren Stunden der Einsamkeit, die er da zugebracht hatte. Nur begleitet vom friedlich weidenden Vieh war er in der endlos scheinenden flachen Landschaft mit dem Buch in der Hand auf und ab gewandert, immer in dem beglückenden Bewusstsein, weit und breit keine Seele zu erblicken. Solche Stunden, das wusste er, würde er in der Münchner Residenzstadt vermissen.
Ingolstadt 1764
Der große Garten des Ingolstädter Ickstatt-Hauses war symmetrisch angelegt und hatte hohe Mauern, die ihn von den Nachbargärten abschlossen. An ihnen entlang zogen sich doppelte Bouschettenreihen, in Bögen und Formen geschnitten, und zwischen den Blätterwänden und den Mauern liefen schmale Kieswege mit steinernen Bänken. Vor den Bouschetten standen blühende Rosenbäumchen, orangerote, lachsfarbene, dunkelrote, und die vielblättrigen in blassem Rosa, die wächsern aussahen. Sie waren Franziscas Lieblinge. Die Gartenmitte nahm ein achteckiger Pavillon ein, dessen grünes Kuppeldach eine Grotte mit einem Brunnen überwölbte. Von ihm ausgehend leiteten sternförmige Kieswege zu den Mauern zurück und mündeten in einen Pfad, der um den ganzen Garten lief und zu einem rückwärtigen Ausgang führte.
Dieser Garten lag außerhalb der ursprünglichen Grundstücksgrenze. Er war früher Teil des Nachbargrundes gewesen, aber der Oheim hatte ihn erwerben können, denn er wünschte sich in der engbebauten Stadt eine grüne Oase. Und deshalb lag dieser Garten so abseits, wie eine Welt für sich, und am seitlichen Ende eines lang gestreckten Hofes, der ihn mit dem Wohnhaus verband.
Seinen Hofgarten nannte der Oheim ihn, auf den Hofgarten der Residenz in München anspielend, wo er seit Kurzem als Berater des Kurfürsten in allerhöchster Gunst stand.
Maria Franzisca ging raschen Schrittes auf und ab. Sie war unruhig. Dazu gab es einen Grund. Genaugenommen nicht nur einen, denn alles trug ja zu ihrer Aufgewühltheit bei: der wunderschöne Maitag, so warm, als wäre es schon Sommer. In den Bouschetten bauten die Vögel ihre Nester unter emsigem Gezirpe. Der Gärtner befreite gerade die Rosenstöcke aus ihrer Winterumhüllung, und die Hündin Thekla im Nebenhaus winselte, weil ihr Freund Rex nicht zu ihr durfte, der an der Mauer kratzte. Aus dem offenen Küchenfenster an der Rückseite des Hauses drang die Stimme der Köchin, die dem Mädchen Anweisungen gab. Dazwischen sang sie. Sie war im Haus eine angesehene Person und hatte die Gunst der Tante, die sie vor Jahren aus Würzburg mitgebracht hatte. Das männliche Dienstpersonal erwies ihr Respekt, das weibliche wich ihr lieber aus. Sogar der Hauskaplan begegnete ihr mit Vorsicht, seitdem sie einmal geäußert hatte: Mann ist Mann. Unser Herrgott ist auch einer. Das ließ sich zwar nicht als ketzerisch bezeichnen, zeugte aber doch von einer bedenklichen religiösen Einstellung, was allerdings im Hause des Barons von Ickstatt nicht weiter verwunderte.
Ja, alles war im Aufbruch, alles strebte und drängte vorwärts, in den Frühling, ins Leben. Franzisca freute sich auf das Leben, sie spürte Lust auf Sprünge oder auf einen wilden Tanz. Wurde sie vielleicht beobachtet? Vom Gärtner oder von der Tante, die manchmal vom Fenster der Werkzeugkammer aus nach ihr spähte? Nur dieses Fenster, das letzte an der Rückfront des Hauses, gab nämlich einen Ausschnitt des Gartens frei, weil dessen Umfassungsmauer nach außen schwang. Der Garten war Franziscas Refugium, in das sie sich zurückzog, wenn sie für sich sein wollte. Das war dem Späherauge der Tante allerdings nicht verborgen geblieben. Ihr entging keine Regung im Mienenspiel eines Gegenübers und keine noch so verstohlene Bewegung im ganzen Hause. Nein, niemand war zu sehen. Dennoch lenkte Franzisca ihre Schritte lieber zum Pavillon, in den man vom Haus aus nicht hineinsehen konnte und setzte sich an das Brunnenbecken, das aus unzähligen bunten Muscheln bestand. Sie musste jetzt unbedingt allein sein. Sie musste nachdenken, denn sie – Maria Franzisca, Freifräulein von Weinbach und Pflegetochter des weitberühmten Gelehrten Johann Adam von Ickstatt – stand vor ihrer Verlobung. Es war der Wunsch des Onkels, dass sie und Peter heirateten. Peter Ickstatt, der eigentlich ihr Vetter war. Nun, kein leiblicher Vetter, Peter war ja der Neffe des Oheims, und sie, Franzisca, war die Nichte der Muhme, seiner Frau.
Sie hatten miteinander keine Kinder und deshalb förderte der Onkel seine Neffen und Nichten. Besonders die beiden Brudersöhne, Peter und Baptist, liebte er wie eigene Söhne. Und auch sie selbst, die ja nicht einmal eine Ickstatt-Verwandte war, sondern eine Nichte seiner Ehefrau, hatte er von klein auf an Kindes statt angenommen. Trotzdem war Peter aber eigentlich ihr Vetter. Sie kannte ihn ja, seitdem sie sich erinnern konnte.
Er war fünf Jahre älter als sie, ein ernster Junge und trug ihr gern – etwas prahlerisch – die Früchte seiner Überlegungen vor. Klug war er und zog plötzliche, scharfsinnige Schlüsse. Aber leider war er ein bisschen schwächlich, mager und blass. Außerdem war er rothaarig, fast so rot, wie die Gelberüben waren. Und beim Lesen brauchte er schon eine Brille. Und er wurde leicht missmutig und hochfahrend, wenn man ihn störte. Der Onkel sagte ihm eine große Zukunft voraus, zu der er ihn allerdings auch gehörig anspornte.
Eigentlich hatte sie es schon lang geahnt, dass der Oheim sie als Braut für Peter wünschte. Der Oheim hielt ja alle und alles zusammen. Und so, wie er auf die Erweiterung und Abrundung seiner Ländereien sah, so sorgte er auch dafür, dass Vermögen und Besitz in der Familie blieben. Von einer Wagenmacherfamilie aus dem Fränkischen, von einem namenlosen Jungen, hatte er sich zu Vermögen und höchstem Ansehen aus eigener Kraft emporgearbeitet. Sogar von Newton hatte er Unterweisung genossen, wenn auch nur durch dessen zugezogene Bettvorhänge hindurch, da der berühmte Naturforscher damals schon krank gewesen war.
Alle bewunderten den Oheim und alle taten, was er wollte.
Ja, er liebte sie, »seine Fanny«, wie er sie nannte. Das hatte er ihr zwar nie gesagt, aber dafür sagten es die anderen, der alte Professor Weishaupt, der sie in Naturwissenschaften unterrichtete, der Professor Lori, der des Oheims Freund und Gefährte war, und der Priester Lanz, der ihr seine magnetischen Versuche vorführte. Sogar Peter, der vielleicht eifersüchtig war auf die Gunst, die sie beim Onkel genoss. Erst jetzt, da Peter, natürlich durch des Oheims Vermittlung, Professor an der »Hohen Schul« werden sollte – Professor schon mit 21 Jahren, die Leute redeten darüber, und die Witwe Schiltenberg posaunte ihre Empörung gar offen hinaus –, da hatte der Oheim zu ihr gesagt, dass er es gerne hätte, wenn sie und Peter heiraten würden. Ob sie damit einverstanden sei? Es wäre zwar sein Wunsch, aber es sollte auch ihr Wunsch sein.
Es sollte ihr Wunsch sein! Ihr Wunsch war es allerdings nicht.
Der Oheim würde sie nicht zwingen, das wusste Franzisca. »Zwang«, sagte er, »ist ganz abscheulich und trägt keine Früchte.« Aber er wollte es nun einmal. Sie hatte ihm ja alles zu verdanken. Und die Tante sprach nur noch von der Hochzeit und vom Festessen.
Sicher, es war eine Zukunft voller Ehre und Ansehen. Und sie würde ihre Studien, auf die der Oheim so großen Wert legte, mit Professor Weishaupt und dem Priester Lanz weiterführen können. Aber immer in Ingolstadt bleiben, wo sie doch schon alle und alles kannte, und die nächsten Jahre wohl auch noch in Hirschberg, viel mehr als eine Stunde weit von Ingolstadt, wo Peter Beisitzer bei Gericht war.
Und Reisen? Ach, wann endlich würde sie die Welt sehen, andere Länder, fremde Gegenden und Gebräuche, neue Menschen und Gesichter? Peter würde ja für Reisen keine Zeit haben. Er würde seine ganze Zeit zwischen dem Schreibtisch, den Vorlesungen und den Studenten zubringen müssen.
Und dann das andere, an das sie nicht gern dachte. Sie würde dann ja mit Peter im selben Bett schlafen müssen. Und was da vor sich gehen würde, das reimte sie sich zusammen, wenn sie die Köchin mit der Stallmagd schimpfen hörte oder wenn sie den Kutscher belauschte, der den übermüdeten Pferdejungen zur Arbeit antrieb. Und dann sah sie ja den Rex, was er mit der Hündin Thekla anstellte. Viel anders würde das wohl auch mit Peter nicht vor sich gehen. Davor schauderte ihr, und sie verbannte solche Gedanken. Jetzt war Mai und der Oheim hatte von der Verlobung im August oder September gesprochen. Im September würde sie 16 Jahre alt werden.
Wenn sie nur wenigstens ein eigenes Haus bekommen könnten und nicht weiter hier zusammen mit der Tante leben müssten. Ja, das Palais in der Schlossstraße war bequem, elegant und geräumig, es war sogar das höchste und schönste in ganz Ingolstadt, seit der Onkel es umgebaut und verschönert hatte. Und sie liebte es. Sie würden wohl den vierten Stock beziehen, der sowieso von jeher immer an Professoren vermietet war. Nur – die Tante – leider war sie allgegenwärtig, besonders da, wo man sie nicht sah. Das hatte sie mit den Gespenstern gemein, die man auch spürte und nicht sah. Auch der Oheim floh recht gern vor ihr. Besonders, wenn sie ihm wieder mit Miet- und Pachtrückständen in den Ohren lag. Und nie lachte sie von Herzen und nie verschob sie etwas auf morgen, und nie vergaß sie etwas. Franzisca seufzte.
Ja, sie verstand den Oheim gut. Wenn es sich irgend fügte und er ein paar Stunden erübrigen konnte, dann floh er in seine Schwaige nach Hundszell, oder in die Gröbnerschwaige gleich daneben, eine kleine Stunde von Ingolstadt, zu seinen geliebten Büchern, zu den Musen, mit denen er – wie sein Biograf, der Dichter Christian Daniel Schubart, über ihn schrieb – reiste, aß und schlief. Franzisca musste lachen, wenn sie sich die Musen dabei vorstellte.
Vom Kiesweg hörte sie ein Knirschen. Der Gärtner näherte sich und blieb draußen vor dem Pavillon in respektvoller Entfernung stehen. Er hielt einige von den wächsernen Rosen in der Hand und verbeugte sich, als sie aufschaute. Sie kannte ihn, seit sie sich erinnern konnte, er hatte ein offenes, wettergegerbtes Gesicht – er arbeitete ja auch in den Moosbeeten des Oheims vor der Stadtmauer und auf des Oheims Schwaigen – sommers wie winters.
»Wenn die Fräulein Franzisca sich verlobt«, sagte er gerührt, »da muss sie die ersten Rosen haben.«
»Ich dank dir schön, lieber Wenzl«, antwortete sie und drückte ihm die Hand, »ich werd ja nicht aus der Welt sein.« Sie seufzte erneut und der Gärtner senkte den Blick.
Alle die Jahre, die sie in diesem Haus gelebt hatte, zogen an ihr vorbei, fast 16 ganze Jahre hatte sie hier verbracht, wenn sie sich auch natürlich nicht an die allerersten erinnerte. Die Tante und der Onkel hatten sie ins Haus genommen, weil die Mama nach Josephs und ihrer Geburt gleich wieder schwanger wurde. Damals war sie so übel daran, dass man um ihr Leben bangte. Und später wollte der Oheim sie nicht mehr hergeben und die Mama, die ja jedes Jahr ein neues Kind bekam, hatte eingewilligt.
Ob sie auch jedes Jahr ein Kind bekommen würde? Peter sah eigentlich so aus, als würde er seine Nächte nur mit Lesen verbringen. Aber genau konnte man das nicht wissen. Die Tante sagte von den Männern, dass sie »in dieser Sache« alle gleich seien, der eine wie der andere, »Mann ist Mann«, betonte sie und dabei sah sie herrschsüchtig und verbittert aus. Und die Köchin lachte vielsagend und fügte wieder hinzu: »Und unser Herrgott is auch einer.«
»Diese Sache« konnte also nicht angenehm sein, so, wie sie alle darüber redeten …
Franzisca wollte nicht mehr daran denken. Aber trotzdem fiel ihr wieder Peter ein. Er war sehr ernst, das kam daher, dass er – so jung noch – schon so respektable Ämter bekleidete und die hohen Erwartungen des Onkels ihm immer mehr Verantwortung aufluden. Ja, der Oheim war schon alt, schon mehr als 60 Jahre, und er wollte Peter als seinen Nachfolger und Vertreter hier an der »Hohen Schul«, weil er bald für immer nach München an die Residenz gehen würde.
Ja, Peter … Würde sie denn überhaupt mit ihm lachen können?
Oder auch einfach einmal gar nichts tun, einfach auf dem Rücken liegen und in die Sterne schauen?
Und würde er reizend und ritterlich mit ihr umgehen?
Sie konnte es sich kaum vorstellen. Aber über das Staatsrecht und das Naturrecht, da sprach er, wie andere Leute über ihre erste Liebe. Und galant, leider, galant war er überhaupt nicht. Wenn sie da an den jungen Grafen Pappenheim dachte, mit dem sie im vergangenen Winter einmal getanzt hatte. Der ihr bei der Quadrille gesagt hatte: »Wenn ich Ihnen in die Augen sehe, gnädiges Fräulein, reizende Franzisca, dann ahne ich, dass Sie ganze Völkerstämme unglücklich machen können.« Und damit hatte er ihr die Hand geküsst und im Wegtanzen schelmisch nach ihr umblickend hinzugefügt: »Ich meine natürlich nur die dazugehörigen Männer.«
Ja, Gelehrtheit und gute Erziehung waren angenehm, aber ohne galantes Wesen eben doch wie eine ungewürzte Speise, die nach Salz schrie.
Sie seufzte wieder. Mit der Tante würde sie nicht noch einmal den Versuch machen, »über diese Sache« zu reden. Und der Oheim, ja, er hatte ja selbst eine, wie er manchmal sagte, »missvergnügte Eheliebste«.
Aber sie wollte den Oheim nicht enttäuschen. Und – Peter würde ja den ganzen Tag in der »Hohen Schul« sein. Und die meisten Nachtstunden würde er wohl über den Büchern sitzen.
Franzisca gähnte. Sie bückte sich, nahm eine Handvoll Kieselsteine und ließ sie im Gehen durch ihre Finger rinnen:
»Ich leb und waiß nit wie lang ich stirb und waiß nit wann, ich far und waiß nit wahin, mich wundert, das ich froelich bin.«7
Am Gartenausgang angelangt, bog sie in den langen Hof ein, der den Garten mit dem Haus und ihre Welt mit der Welt der anderen verband. An beiden Seiten begrenzten ihn niedere Gebäude, in denen die Remise, der Pferdestall, die Kutscherwohnung und die Werkzeugkammer untergebracht waren. Es roch nach Pferden und Wagenschmiere. Im Gehen blickte Franzisca zum hohen Hausgiebel der Rückfront auf. Er war schlicht und ohne allen Schmuck ausgestattet, denn er brauchte ja auch nicht ins Auge zu stechen. So hatte auch der vordere, der der Straßenseite zugewandte Giebel ausgesehen, bevor der Oheim das uralte Gebäude umgestaltet und nach der neuesten Mode mit Zierrat und Malereien hatte schmücken lassen. Das war gewesen, bevor sie ins Haus gekommen war. Deshalb hatte sie auch die Madonnenstatue, die zuvor im Giebel gestanden hatte und von einem Betrunkenen vom Nachbarhaus heruntergeschossen worden war, nicht mehr gesehen. Die stand jetzt in der kleinen Kapelle am Eingang zur Schwaige in Hundszell.
Den Kopf in den Nacken werfend betrat sie das Haus. »Ich muss ihn mir eben so backen, wie ich ihn essen will«, sagte sie zu sich – eine häufig zitierte Redewendung des Oheims – und dabei stampfte sie mit dem Fuß auf, um sich selbst Mut zu machen.
Johann Jakob Lanz
Der Benefiziat Johann Jakob Lanz war kein schöner Mann. Und doch genoss er Aufmerksamkeit und Bewunderung in einem Maße, wie sie kaum je schönen Männern zuteil wird. Sein Priesteramt versah er redlich, jedoch nur mit so viel Hingabe, dass es ihm keine Rügen eintrug. Es kam nicht selten vor, dass er den Pfarrer der benachbarten Gemeinde bat, die Messen an seiner Statt zu lesen, denn Lanz hielt sich viel in Ingolstadt und München auf, wo er an der neu eröffneten Akademie der Wissenschaften Freunde und Gönner hatte.
Dort lauschte man gern seinen Ansichten zur Trockenlegung und Kultivierung des Donaumooses, einer von seinen Lieblingsplänen, sowie seinen Ideen bezüglich der Verbreitung des Blitzableiters, wogegen sich die Bauern allerdings vehement sträubten. Wenn an einem Gebäude einer auf höheren Befehl gesetzt werden sollte, waren sie schon oftmals mit Mist- und Heugabeln dagegen eingeschritten. »Solange die Schwalben unterm Dach nisten«, sagten sie, »schlagt der Blitz nicht ein.« Aber Lanz verstand es, mit anschaulichen Methoden ihren Aberglauben zu untergraben. Gerade seine ungewöhnlichen Aktivitäten und Interessen sicherten ihm die Achtung der Landbevölkerung, denn er sprang ein in der Not, wenn das Ochsengespann in die Odelgrube zu stürzen drohte oder wenn bei der Kindbetterin die Hebamme nicht mehr aus noch ein wusste. Denn die Hebammen waren rohe, arme Weiber ohne jede Ausbildung, und Lanz war ein wahrhaftiger Adept der Natur. »Man muss nur auf die Natur lauschen«, pflegte er zu sagen, »sie will uns alles lehren.«
Manchmal hörten ihn seine Beichtkinder singen. Seine volltönende Stimme, die lange den Atem zu halten vermochte, intonierte: »Süße, heilige Natur, führe mich auf deiner Spur, führe mich an deiner Hand, wie das Kind am Gängelband.«
Der Vater von Lanz war Bader und Chirurg gewesen und der Sohn hatte als Kind mit Interesse dessen Berufsausübung beobachtet. Er fürchtete sich nicht vor Blut und ekelte sich nicht vor Eiter und wenn ein Handgriff notwendig Schmerzen mit sich brachte, so lenkte er – nach dem Vorbild des Vaters – den Patienten mit witzigen Reden ab, sodass dieser kaum zum Schreien kam. Überhaupt war er mit Witz und Sarkasmus gesegnet wie sonst kaum jemand.
Die Frauen betrachteten ihn, was ihre Beschwerden anlangte, als ihresgleichen: Sie berieten sich mit ihm über die Leiden des Monatsflusses und die unerfreulichen Begleiterscheinungen des Wechsels. Seinen Händen wurde Gaßner’sche8 Wunderkraft nachgesagt. Und wirklich gelang es diesen Händen, die Wehen zu beschleunigen und das Neugeborene, das nicht atmen wollte, zum Leben zu erwecken.
»Schlagt es doch nicht!«, rief er, wenn die Hebamme das blaurote, bebende Bündel an den Füßchen packte und es mit dem Kopf nach unten drosch. »Soll es denn so die Welt kennenlernen? Reibt ihm besser die Herzgrube mit Wein ein.« Und für solche Fälle hatte Lanz auch immer in seiner Rocktasche eine Flasche, der er allerdings auch selbst gern zusprach.
Er verehrte die frische Luft wie eine Gottheit. »Macht alle Fenster auf«, rief er in die muffigen, verrammelten Kammern hinein, »die Luft bringt Stärke und Heilung und auch die Botschaft, was zu tun ist.«
Johann Jakob war von mittelgroßer, kräftiger Gestalt und robustem Körperbau. Blick und Schritt griffen aus und weckten sogleich Respekt. Sein flächiges, von dunklem, schulterlangen Haar umrahmtes Gesicht, beherrschten die Augen. Um seinen breiten, dünnlippigen Mund schien stets ein Lächeln zu spielen, in dem sich Aufmerksamkeit, Spottlust und List mischten.
»Der Herr Pfarrer hat ein Froschmaul«, sagten die Kinder, »weil er ein Sumpffrosch ist.« Und wirklich war die Tätigkeit in Sumpf und Moor untrennbar mit der Person von Lanz verbunden. Seine Forschungen und lebensgefährlichen Unternehmungen im Donaumoos dienten Plänen, die er ins Leben gerufen hatte, Pläne, die ihm die Achtung der Gelehrten und die Gunst des kurfürstlichen Hofes eintrugen. Lanz durchstreifte allein – nur in Begleitung seiner großen, weißbraun gefleckten Hündin – das Moor. Dabei trug er nur einen langen Stock mit einer Eisenspitze bei sich und einen Sack, in dem er Moose, Insekten und Heilpflanzen sammelte. Seine Erscheinung mit dem Schlapphut und den hüfthohen Stiefeln, die ruhigen Schrittes im mannshohen Moorgras festen Tritt suchte, war den Bauern vertraut, wenn sie auch zugleich etwas mythisch Fernes an sich hatte, wie eine Gestalt aus uralten Sagen.
Zu dieser ehrfürchtigen Ferne kam der Ruhm, den Lanz schon lange als »Zähmer der Blitze« genoss. Der Priester stand nämlich mit dem Blitz in einer Art Liebesbeziehung. Er suchte ihn auf sich zu ziehen, um zu erkunden, ob er ihm gewachsen sein würde. Deshalb trug er beständig Magnete in seiner Tasche und mischte schon seit vielen Jahren Eisenspäne in seine Nahrung. Wenn ein Gewitter aufzog und Mensch und Vieh unter Dach flüchteten, sah man ihn allein unter Blitz und Donner emporgehobenen Hauptes stehen. »Es ist ein Wunder«, sagten die Bauern, »dass ihn der Blitz noch nicht erschlagen hat. Wo er ist, da trifft der Blitz nicht.«
Hatte es aber irgendwo eingeschlagen, dann wurde Lanz gerufen. Und war es auf freiem Feld geschehen, dann legte er einen Steinkreis um das Blitzmal und gebot dem Landvolk, ihn nicht zu zerstören. »Denn dieser Platz«, verkündete er, »ist ein heiliger Ort.« Seine Augen schimmerten in einem seltenen gelblichen Grün, das dunkle Sprenkel aufwies. Es waren die Augen eines Feuersalamanders.
Eine Schwäche jedoch hatte der starke Lanz. Hin und wieder überfiel ihn unversehens die Schwermut, hinterrücks wie ein wildes Tier. Wie ein schwarzes Dach brach sie plötzlich über ihm zusammen. »Der Himmel stürzt auf mich!«, rief er dann und griff zur Flasche. Er war ein beherzter Trinker, den so schnell nichts fällte – und seinen Korn, der weit höhere als die erlaubten Grade aufwies, den brannte er selbst.
Immer, wenn der Himmel auf ihn fiel, sang und weinte er. Und manchmal schrie er auch und fluchte und klagte Gott laut an für all den Jammer, der ihm täglich begegnete. Und dann weinte er in heftigen, lauten Anfällen.
Die alte Zenz, die ihm den bescheidenen Haushalt führte, und diese gotteslästerlichen Ausbrüche hörte und sah, verklagte ihn nicht beim hohen Klerus. Und auch den Bauern wäre das nie eingefallen. Denn sie hielten ihn wie einen der ihren und sahen es ebenso wie er, dass der Schöpfer einer Welt, in der Unrecht und Elend einen Logenplatz einnahmen, nicht zu preisen sei.
Aber Lanz war nicht nur in Wald und Feld, in Sumpf und Moor zu Hause, wenn er nicht gerade in der Residenzstadt weilte, oder einen Versehgang machte, oder den Bauernkindern Unterricht in Latein gab, denn auch das gehörte zu seinen Pflichten. Er war auch ein großer Freund der Bienen und er lehrte, wie sie zu halten und zu züchten seien, und dass man ihnen auch genug von ihrem Honig selbst lassen müsse, wenn sie gute Arbeit leisten sollten. »Denn eben die Bienen«, erklärte Lanz, »müsste man sich zum Beispiel nehmen, wie diese sich dem Gemeinwohl unterordnen zum gemeinsamen Nutzen und Frommen.« Und so war der Priester Lanz, zusammen mit adeligen Damen und einfachen Bauern, mit Literaten und Ministern, mit Mitgliedern des kurfürstlichen Hauses und Geistlichen ein Mitglied der Patriotischen Bienengesellschaft in Bayern, zu der jedermann, ohne Rücksicht auf Geschlecht und Stand, Zutritt hatte, wenn er denn mindestens fünf Gulden oder einen Bienenkorb zum Einstand gezahlt hatte. Lanz freilich, hatte diese fünf Gulden nicht gezahlt – ihm war die Spende des Bienenkorbes leichter gefallen – denn er hatte nie Geld, sondern nur Schulden. Er hatte auch zusammen mit einem anderen befreundeten Pfarrer eine Lesegesellschaft gegründet, in der Interessierte sich über naturwissenschaftliche und philosophische Themen informieren konnten, eine Unternehmung, die allgemeine Heiterkeit hervorrief.
Es gab nicht wenige Mitglieder in seiner Gemeinde und in seiner Freundschaft, die sich insgeheim fragten, ob denn der Benefiziat Lanz eigentlich in seinem Herzen wirklich ein Priester sei. Oder, ob er nur – wie so viele der Knaben aus unvermögenden Familien – diesen Weg gewählt hatte, um studieren zu können. Eine einhellige Antwort auf diese Frage gab es nicht.
An Weihnachten und an den hohen Feiertagen führte er den Kindern in der Schule Szenen aus dem Alten und Neuen Testament mit bekleideten Wachspuppen vor. Die Dialoge hatte er selbst verfasst und auch die einzelnen Stimmen lieferte er selbst hinter einem Vorhang in kunstvoller Verstellung. Diese Neigung hatte Lanz sich von seiner jesuitischen Erziehung her behalten, wenn dies auch die einzige war, die ihn mit den Patres verband.
Zu all dem war »er auch ein Gelehrter. Er hatte an der bayerischen Landesuniversität das Lizenziat in beiden Rechten erworben, er war eng vertraut mit den Geheimnissen der Physik und der Chemie, und außerdem galt er als ein Experte in den Handschriften des Mittelalters.
September 1765
Nur an Franzisca hatte Johann Jakob Lanz bisher solches Haar gesehen. Es flammte wirklich in der Farbe brandneuen Kupfers und wenn die Sonne darauf fiel, war es rosiges Gold. Es stand um ihren Kopf, stolz und gebieterisch wie ein Herrscherzeichen. Franzisca war gerade erst 16 Jahre alt geworden, aber sie war bereits eine vollkommene Frau.
Jakob Lanz hatte das wohl auch bei anderen Mädchen wahrgenommen, auch bei niederen Bauernmädchen. Eben zu diesem Zeitpunkt kündigte sich die höchste Vollkommenheit an.
Ein ähnliches – und letztes – Stadium der Vollkommenheit gewährte die Natur nur noch einmal den Frauen, wenn sie um die 35 Jahre alt waren, und auch nur dann, wenn nicht häufige Geburten und schwere Arbeit sie vorzeitig erschöpft hatten. Dieses zweite Stadium der Vollkommenheit kündete sozusagen schon seufzend von der über sie verhängten Auflösung. Es war wie bei den letzten Sommerrosen, deren verzweifelte Süße ihm immer ans Herz griff.
Das alles kannte und wusste Jakob, obwohl – nein, weil – er Priester war. Deshalb wusste er von den Frauen mehr als die Männer – die freien Männer – von den Frauen wissen können. Er war kein freier Mann. Aber sein Blick war frei. Er kannte die weinenden Mädchen und Frauen aus den Beichtstühlen, die von ersehnter, heimlich genossener und schließlich teuer bezahlter Lust stammelten. An der Neige dieses bittersüßen Trankes warteten immer Untreue und Verrat, und eine grenzenlos ungläubige Erschütterung des Herzens, das sich zu neuem Vertrauen nicht mehr aufzuraffen vermochte. Und auch die Männer kannte er aus dem Beichtstuhl, die – gejagt von der in Aussicht gestellten Lust – alle Einwände des Gewissens in den Wind schlugen, bis es zu spät war, und die Liebe beschmutzt und verletzt am Boden lag wie ein armes, gehetztes Tier.
Jakob wartete schon eine kleine Weile auf Franzisca. Sie saß im Gartenhaus und las. Aber er konnte ihr Haar sehen, das zu ihm herüberleuchtete. Als sie sich erhob, trat er zurück hinter die Buchshecke an die Gartenmauer. Er wollte sie gern noch ein wenig unbemerkt betrachten.
Das Mädchen hielt an der Tür inne. Ihr erster Blick galt der Sonne. Sie reckte ihr mit geschlossenen Augen das Gesicht entgegen, die halb geöffneten Lippen schienen etwas zu flüstern, es mochten die Zeilen eines Gedichts sein, das sie gerade gelesen hatte. Sie hielt ein grün eingebundenes Buch unter dem Arm, Jakob erkannte es am Einband, es waren Klopstocks Oden. Wegen dieser Oden bestand Franzisca darauf, Fanny genannt zu werden. Fanny, so wie Klopstocks Geliebte.
Jakob hatte schon seit einiger Zeit erkannt, dass es keine einfache Sache war, Franzisca zu begehren. Denn es gab da ein Hindernis. Und das Hindernis bestand nicht darin, dass Franzisca 16 Jahre alt war, er aber 36. Es bestand auch nicht darin, dass Jakob ein Priester war und seit nunmehr zehn Jahren Franziscas Lehrer, ja nicht einmal darin, dass ihr Oheim, der alte Baron von Ickstatt, ihm vertraute und ihn für den Unterricht bezahlte. Das alles waren nicht die Hindernisse, die sich Jakob in den Weg stellten, seitdem er darauf brannte, Franzisca zu seiner Geliebten zu machen. Er kannte das Hindernis, das ihn noch davon abhielt, seine anderweitig hin und wieder erprobten Künste der Umwerbung entschlossen einzusetzen. Es konnte nämlich sein, dass er Franzisca liebte – er wusste es aber noch nicht mit Sicherheit – und erst wollte er dessen gewiss werden.
Franzisca öffnete die Augen und schenkte der Sonne ein dankbares Lächeln.
Aber ihre Gedanken waren noch bei dem Gedicht, das sie eben gelesen hatte. Das Mädchen, das im Frühlingsschatten schlief und dann mit Rosenbändern gebunden wurde. Nun, das war zwar recht hübsch, gab aber nicht weiter zu denken. Was ihre Aufmerksamkeit fesselte und worüber sie nachdachte, das war die Zeile: »Ich sah sie an. Mein Leben hing mit diesem Blick an ihrem Leben.« Und schließlich: »Sie sah mich an. Ihr Leben hing mit diesem Blick an meinem Leben.«
Warum ergriffen und beschäftigten sie diese Worte, obwohl sie sie eigentlich nicht verstand? Warum machten diese Worte sie aber gleichzeitig so froh?
Franzisca holte tief Atem und lächelte, sie würde diese Frage ihrem Lehrer, dem Priester Lanz, stellen.
Bevor sie den Pfad einschlug, der entlang der Spaliere zu dem lang gestreckten Hof führte, der Garten und Haus miteinander verband, warf sie einen raschen Blick zu den Fenstern der Rückseite hinauf. Jakob wusste, dass sie immer auf der Hut war, um nicht von ihrer Tante Magdalena, der Frau des Oheims, beobachtet zu werden. Franzisca liebte diese Patentante nicht, die Mutterstelle an ihr vertreten hatte, seitdem sie sich erinnern konnte. Und vielleicht liebte auch die Tante ihr Patchen nicht sonderlich, weil der Baron gar so sehr von der Nichte eingenommen war, obwohl es nicht einmal sein eigen Fleisch und Blut war, sondern das seiner Frau und damit doch eigentlich ein fremdes Kind.
Franzisca strich sich durch die feuerflammenden Haare und Jakob meinte, ihr Sprühen brennend an den eigenen Fingerspitzen zu spüren. Für alles, was mit dem Element Feuer zusammenhing, war er in ungewöhnlicher Weise empfänglich. Seit vielen Jahren beschäftigte er sich mit der Funktion von Blitzableitern. Es waren die Blitze, die ihn faszinierten, er versuchte, sie stets auf sich zu ziehen. Mit Vergnügen gestand er sich und seinen Freunden ein, dass er den Gott des Blitzes – Zeus Elicius – verehrte, der im Blitz herniederstieg, und, dass er – trotz oder vielleicht auch wegen seines Priesterstandes ein Heide war. Dazu lachte der alte Ickstatt dann immer insgeheim, denn er war ja auch einer – was die Jesuiten, die ihn hassten, längst erkannt hatten.
Sie spürt meine Nähe, dachte Jakob, denn mehrmals wandte sie sich in seine Richtung und ihr Blick forschte ins Laubwerk hinein. Aber dennoch würde sie nicht nach ihm rufen. Dessen war er sich sicher.
Im Nachbargrundstück erhob die Hündin Thekla ihre Stimme, als sie Franzisca witterte. Sie presste die Vorderpfoten an die Mauer und winselte. Die Mauer war zu hoch, um hinüberzulangen. Aber es gab ein kleines, vergittertes Fenster und durch das Gitter streckte das Mädchen die Hand und kraulte Theklas Schnauze. Manchmal steckte sie ihr auch ein Stück Butterbrot zu.
Als Franzisca das Haus betrat, hörte sie von den oberen Stockwerken einige Studenten die breite Treppe herabkommen. Sie lachten und unterhielten sich laut und ihre Degen klirrten aneinander.
Sie machte sich an einem der Ölgemälde zu schaffen, die die Wände des prächtigen Treppenhauses schmückten, um abzuwarten, ob es die Grafen Törring und Lerchenfeld wären, die da herunterkamen. Beide waren ihr die liebsten unter den acht adeligen Studenten, die der Oheim in seinem Hause wohnen ließ. Gegen sehr gute Bezahlung, das verstand sich von selbst, wie bei allem, was der Baron unternahm. Mit ihnen lieferte sie sich gerne kleine blitzende Wortgefechte, für die sie bekannt war. Und sie genoss es, in den Augen der jungen Männer Bewunderung und Anbetung zu sehen, und noch etwas anderes, was der Schicklichkeit halber nicht allzu offenkundig werden durfte, Franzisca aber umso lustvoller aufspürte: nämlich das Begehren.
Es waren wirklich Törring und Lerchenfeld, die sogleich innehielten und sich verbeugten.
»Noch so spät ins Kolleg, die Herren?«, fragte sie, während sie graziös und schelmisch lächelnd sich vom Bild weg zu ihnen zurückbog.
»Jawohl, leider, mein Fräulein«, antwortete Törring, den lockigen Kopf zurückwerfend, »ich wüsste mir wohl was Verlockenderes.«
»Und darf man wissen, was das wäre«, entgegnete Franzisca und zog kokett die Augenbrauen nach oben.
»Aber das wissen Sie ja sehr wohl«, beeilte sich Lerchenfeld zu erwidern, aber er darf es eben nicht sagen und muss deshalb weiter schmachten.
»Schmachten«, wiederholte Franzisca und zog das Wort wie ein Bonbon durch den Mund. »Das Schmachten ist doch etwas Wunderbares, sozusagen eine ständige Sehnsucht. Gibt es denn überhaupt Schöneres?«
»Durchaus, durchaus, mein Fräulein«, fiel jetzt Törring prustend ein, »nämlich die Erfüllung der Sehnsucht.«
»Ach, meine Herren, wie prosaisch«, entgegnete Franzisca, während ihre Stimme vor unterdrücktem Lachen zitterte. »Haben Sie denn rein gar nichts von den Troubadouren gelernt?«
»Rein gar nichts«, riefen beide laut lachend im Chor und verneigten sich mit klirrenden Degen. Ihre vier Augen hingen noch an Franzisca, während sie aus der Haustür schritten.
Lanz hatte die Szene sehr wohl gehört und gesehen, als er Franzisca leise gefolgt war. Er dachte: Sie ist eine edle und reife Traube, die dem in den Schoß fallen wird, der sie in geziemender Weise zu pflücken versteht.
Und jetzt war Jakob entschlossen, diese Traube zu pflücken.
Franzisca wandte sich um, als sie seine Schritte hörte: »Da sind Sie ja! Ich habe Sie sozusagen gewittert, doch konnte ich Sie nirgends sehen. Ich will Ihnen nämlich eine Frage stellen.«
»Ach wirklich, mein Mädchen«, antwortete Lanz, »nun, was mich betrifft, so konnte ich hören und sehen, wie du den armen jungen Herren die Augen aus dem Kopf ziehst. Die werden heute im Kolleg nichts mehr profitieren.«
Franzisca lachte geschmeichelt. Sie verehrte ihren Lehrer. Seine witzigen Anspielungen auf ihr gern geübtes Schäkern waren frei von Missbilligung. Ganz anders als bei der Tante, die dergleichen nur tadelte. Franzisca wusste, dass Lanz ihre geschliffenen Rededuelle schätzte.
»Wie dein Oheim«, sagte er anerkennend schmunzelnd. »Du schlägst ihm nach, obwohl du nicht mit ihm verwandt bist. Das ist ähnlich wundersam wie die unbefleckte Empfängnis. Aber was hat es auf sich mit deiner Frage?«
»Es ist ein Satz«, sagte Franzisca, und schlug das Buch auf, »ein Satz in einem Gedicht, den ich nicht verstehe.«
»Lies das ganze Gedicht«, bat Lanz und Franzisca trug vor:
»Im Frühlingsschatten fand ich sie; da band ich sie mit Rosenbändern; sie fühlt es nicht, und schlummerte.«
»Und jetzt dieser Satz«, fuhr sie fort und las mit Betonung:
»Ich sah sie an; mein Leben hing mit diesem Blick an ihrem Leben.«
»Den verstehe ich nicht.«
»Lies bis zu Ende«, sagte Lanz. Sie las gehorsam weiter:
»Ich fühlt es wohl, und wusst es nicht. Doch lispelt ich ihr sprachlos zu, und rauschte mit den Rosenbändern; da wachte sie vom Schlummer auf.«
»Und jetzt kommt der Satz wieder«, unterbrach Franzisca und hob die Augen zu ihm.
Mit einem Nicken forderte Lanz sie auf, weiterzulesen.
Sie fuhr fort:
»Sie sah mich an; Ihr Leben hing mit diesem Blick an meinem Leben, und um uns ward’s Elysium.«
Franzisca klappte das Buch zu und sah ihren Lehrer an: »Nun, was meint Klopstock damit: Sein Blick hängt an ihrem Leben und ihr Blick hängt an seinem?«
Lanz bog eine Rose zu sich her und sog ihren Duft ein. »Dieser Blick«, sagte er, »ist kein gewöhnlicher Blick, der nur das Antlitz des Gegenübers streift, er ist eine Botschaft, ja noch mehr, eine Offenbarung. Mit diesem Blick enthüllt er sich ihr, ja, er enthüllt ihr sein Leben. Und er bietet es ihr an. Verstehst du das?«
Franzisca schwieg eine Weile. »Und ebenso ist es bei ihr?«
»Ebenso bei ihr«, erwiderte Lanz.
Franziscas Züge erhellten sich zu einem strahlenden Lächeln. »Jetzt verstehe ich es«, sagte sie. »Und darum heißt es dann: Und um uns ward’s Elysium.«
»So ist es«, sagte Lanz, »darum.«
