Sternstunde der Mörder - Pavel Kohout - E-Book

Sternstunde der Mörder E-Book

Pavel Kohout

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Beschreibung

Prag in den Wirren der letzten Monate der deutschen Besetzung: Der tschechische Kommissar Beran und sein Assistent Morava stehen vor einer heiklen Aufgabe. Gemeinsam mit dem deutschen Oberkriminalrat Buback sollen sie den Mord an einer deutschen Generalswitwe aufklären. Doch welche Rolle spielt Buback? Ist er nur ein Spitzel, dessen Aufgabe nicht in der Aufklärung des Mordfalls liegt, sondern vielmehr darin, herauszufinden, wie tief die Prager Kriminalpolizei in den Widerstand gegen die deutschen Besatzer verstrickt ist? Unterdessen schlägt der Mörder wieder zu, ein psychopathischer Serientäter. Aber als im Mai der Aufstand gegen die Besatzer ausbricht, geht es längst nicht mehr um einen Mörder … Biografische Anmerkung Pavel Kohout, 1928 in Prag geboren, zählt zu den international bekanntesten Schriftstellern und Dramatikern. Als einer der Wortführer des "Prager Frühlings" von 1968 wurde er aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und über 20 Jahre totgeschwiegen. Mitverfasser der "Charta 77", daraufhin 1979 ausgebürgert. Zu seinen bekanntesten Werken gehören "Die Henkerin" (1978), "Wo der Hund begraben liegt" (1987) und "Sternstunde der Mörder" (1995). 2010 erschien seine Autobiografie "Mein tolles Leben mit Hitler, Stalin und Havel". Pavel Kohout lebt heute wieder in Prag.

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Pavel Kohout

Sternstunde der Mörder

Roman

Deutsch von Karl Heinz Jähn

Saga

Für Jelena

Die Idee dieses Romans entstand am 13. April 1989 in San Nazzaro, Tessin, das Manuskript – zunächst unter dem Titel «Der Witwenschlächter» – in der Zeit vom 12. Juli 1992 bis 9. März 1995 an folgenden Orten:

Anacapri – Emmetten – Stuttgart – Düsseldorf – Hildesheim – Magdeburg – Wien – Zürs – Zell am See – Praha – Sázava – Capri – Berlin – Dresden – München, Eden Wolff

Februar

Als unmittelbar nach dem Jaulen der Sirene die Türklingel schrillte, war Elisabeth Baronin von Pommeren überzeugt, der tschechische Hausmeister sei da, um sie mit dem Fahrstuhl in den Keller hinunterzubringen; sie warf sich den schwarzen Pelz wieder über, den sie eben erst hinhängte, nahm ihr Luftschutzköfferchen, hakte die Sicherheitskette auf und wußte, daß sie ihrem Mörder geöffnet hatte.

Sie hatte den Mann mit der prallen Schultertasche flüchtig auf dem Vyšehrader Friedhof wahrgenommen, es war ihr nichts Ungewöhnliches mehr, daß die Tschechen bereits in aller Öffentlichkeit die Gräber ihrer Nationalheiligen schmückten, den deutschen Okkupanten zum Trotz. Er hatte den Eindruck eines Handwerkers gemacht, der dort auf einen Sprung bei seiner Runde vorbeikam, und sie bemerkte ihn deshalb nur flüchtig, weil sein Gesicht gegen die scharfe Sonne wie das eines Negers wirkte. Jetzt blickte sie in Augen wie aus Glas, farblos und ausdruckslos. Ohne jede Hast keilte er seinen abgewetzten Schuh mit der dicken Gummisohle zwischen Türflügel und Schwelle und schob ebenso langsam seinen in eine wattierte Bundjacke gezwängten Körper hinterdrein. Und schließlich sah sie die lange und seltsam schmale Klinge. Ein Tranchiermesser! erinnerte sie sich.

Die Baronin wußte, daß sie sterben würde, doch sie unternahm nichts, es zu verhindern. Nicht nur, weil ihr Schrei hier im obersten Stock, wo sie allein geblieben war, im Gedröhn der Flugzeugmotoren, das sie so in Prag noch nie gehört hatte, untergegangen wäre: Die Baronin wollte nicht mehr leben.

Als Katholikin durfte sie nicht Hand an sich legen, und so war sie schon seit langem auf die Strafe Gottes gefaßt. Dieser Krieg konnte nicht anders enden als mit der Vernichtung aller, die ihn gebilligt hatten! Ihren Mann hatte ein russischer Partisan erschossen, ihren Sohn ein Maquisard in der Bretagne. So schien es ihr nur verständlich, daß jetzt ein Mann vom tschechischen Widerstand kam, um auch an ihr Rache zu nehmen.

Das gewaltige Patrizierhaus begann zu beben. Ein überirdisches Glockengetön schwoll an. Die rasch näher kommenden Detonationen ließen die Fensterscheiben, die Lüsterbehänge und die Weingläser in der Vitrine immer stärker erzittern.

Barmherziger Gott! betete Elisabeth von Pommeren, in den Salon zurückweichend, als bitte sie den Gast herein, ob Bombe oder Messer, wenn es nur schnell geht!

Ihr Mörder stieß die Tür mit dem Fuß hinter sich zu und öffnete mit der freien Hand die Tasche, die voller Riemen war.

Donnert es? fragte sich Oberkriminalrat Buback verwundert, jetzt im Februar? Doch noch ehe er zu Ende denken konnte, schlug es ein. Da wußte er, daß eine schwere Fliegerbombe verdammt nahe niedergegangen war.

Das Gebäude der Prager Gestapo, in dem er als Verbindungsmann des Reichskriminalpolizeiamts tätig war, schwankte eine ganze Ewigkeit wie wild, stürzte dann aber doch nicht ein. Es folgte die übliche Stille nach dem Schock, die angehaltene Zeit. Bis mit Verspätung die Sirenen aufheulten und die Referenten und die Sekretärinnen auf der Treppe draußen in den Schutzraum hinunterpolterten.

Unbewegt starrte er in die beiden Gesichter.

Der Keller der ehemaligen Petschek-Bank war ihm zuwider. Einige der Tresore waren zu Zellen umgebaut worden; wie es hieß, half man dort den Politischen ziemlich rigoros beim Erinnern nach. Diesmal blieb er jedoch vor Staunen hier oben: Es war, als hätten das Krachen und das Gerüttel Hilde und Heidi wiedererweckt.

Das gerahmte kleine Bild war mit ihm gemeinsam durch den Krieg gezogen. Seine Arbeitsstätten wechselten wie die Städte und Länder, doch überall lächelten ihm diese beiden gedankenvoll zu, das ältere und das jüngere Abbild einer still leuchtenden Anmut, in der er seinen Frieden fand. Über ihre Gesichter hinweg, die er im letzten Vorkriegssommer auf Sylt so lebensecht festgehalten hatte, erledigte er seine Beratungen und Verhöre, zumeist nahm er sie dabei überhaupt nicht wahr. Doch nicht eine Stunde gab es, da er sich nicht in einer Aufwallung von Freude bewußt war, daß sie beide irgendwo anwesend waren, in der Ferne, aber lebendig und die Seinen.

Im vorigen Jahr in Antwerpen hatte er sie auch vor Augen gehabt, als vor dem Rückzug die Männer aus anderen Abteilungen auf dem Hof Akten verbrannten. Er nieste gerade, denn der beißende Rauch reizte seine Schleimhäute, und eine Weile verstand er die fremde Stimme am Telefon nicht, die ihm zur Kenntnis gab, daß die beiden tot seien. Das Lächeln auf dem Foto, damals noch warm von ihrer Gegenwart in ihm, die zwischen Lebenden Entfernungen aufhebt, schloß das, was er hörte, aus. Der Offizier von der Berliner Zentrale las ihm darum den Polizeibericht vor.

In dem fränkischen, von mittelalterlichen Wehranlagen umgebenen Dorf, in das man zu seiner Erleichterung Hilde vorletztes Jahr aus dem bedrohten Dresden versetzt hatte, um Kriegswaisen zu unterrichten, wurde seit Menschengedenken nur Wein angebaut, es konnte auf keiner Zielliste der Alliierten stehen! Hilde und Heidi wurden als einzige von der verirrten Bombe getötet, die ohne Vorwarnung genau mittags auf das Haus mit der Lehrerwohnung fiel.

Als er das endlich begriffen hatte, erstarrten die lebhaften Gesichter auf dem Bild zu leblosen Grimassen. Er stellte dann das Foto noch auf weitere Schreibtische, doch es verströmte Grabeskälte, rief nichts in ihm wach. Nicht einmal Trauer. Bis zu dem Augenblick, als eine andere Bombe dicht neben ihm einschlug.

Ja! wußte er plötzlich, genau so muß es geschehen sein, wie jetzt in dieser Prager Mittagsstunde. Bestimmt haben sie einander gegenübergesessen, mit dem Stuhl und dem Teller für ihn am Tischende, woran sie seit seinem einzigen Besuch hartnäckig Tag für Tag festhielten. So war er auch in jenem Augenblick bei ihnen, als Luftdruck und Gluthitze sie ohne Angst und ohne Schmerz in Rauch und Asche aufgehen ließen!

Mit der unerwarteten Sprengbombe in unmittelbarer Nachbarschaft schien jetzt auch in ihm die befreiende Erkenntnis explodiert zu sein, daß der Engel eines gnädigen Todes seine Lieben hinaufgeholt hatte. Nun hatte er sie ihm wiedergegeben. Die erstarrten Züge auf dem glänzenden Papier wurden weich, die frühere Wärme kehrte in sie zurück, erneut waren sie beide mit ihm vereint, Hilde und Heidi, so wie er sie damals aufgenommen hatte und solange sie lebten. Dadurch tief bewegt, verstand er zunächst nur halbwegs die Nachricht, mit der Kroloff etwas später bei ihm eintrat.

Sein Adjutant und vielleicht auch Aufpasser, weil von der Gestapo zugeteilt, der sich täglich den hohen schmalen Schädel rasierte, um sein schütter werdendes Haar für die Friedenszeit zu kräftigen, meldete, ein Volltreffer habe das Eckhaus ihres Blocks weggerissen. Genau gegenüber dem Nationalmuseum, bedauerte er, ein paar Meter weiter, und den Tschechen wäre die Lust vergangen, sich über die noch rauchenden Trümmer des Zwingers zu freuen!

Ein paar Meter weiter, dachte Buback, und ich wäre ohne Schmerz und Angst mit ihnen vereint gewesen ... Zerstreut hörte er weiter zu und mußte sich die zweite Nachricht wiederholen lassen. Seit langem war er überzeugt, ihn könnte nichts mehr überraschen. Kroloffs Meldung beraubte ihn jedoch einer weiteren Illusion. Er entschied, über eine derartige Perversität müsse er selbst Standartenführer Meckerle Meldung machen.

Morava erkannte Prag nicht wieder. Ihm war, als sei die Stadt nach sechs Jahren aus dem Trauma der Münchener Kapitulation erwacht. Bei der Ausfahrt aus der Polizeigasse auf die Nationalstraße–Národní, wie die zweisprachige Tafel besagte, mußte sein Fahrer etliche Minuten warten, bis die Kolonnen der Feuerwehr- und Sanitätswagen samt ihrer Schleppe aus Ruß und Holzgas vorbeigeholpert waren. Auf den Gehsteigen trabten Männer und stolperten Frauen in ein und dieselbe Richtung: zur Moldau. Die verbotenen Radiostationen berichteten seit dem frühen Morgen über den vernichtenden nächtlichen Angriff auf Dresden, und der hiesige Bombenüberfall in der Mittagsstunde, so kurz er auch war, hatte die panische Furcht erzeugt, Prag könne vom gleichen Schicksal ereilt werden.

Diesen Gedanken teilte der Kriminaladjunkt nicht. Zum einen war er der geborene Optimist, zum andern glaubte er nicht, daß die Alliierten zum Ende des Krieges die Hauptstadt eines okkupierten Landes in Trümmer legen würden, dessen Unabhängigkeit sie bekräftigt hatten, und obendrein lagen bereits Meldungen vom Luftschutz vor, die besagten, daß hier nur einige Bomben von ein paar Flugzeugen abgeworfen worden waren. Auf der Polizeidirektion herrschte die Meinung vor, das Ganze sei der tragische Irrtum eines Navigators gewesen, den die Ähnlichkeit beider Großstädte getäuscht habe.

Trotzdem trat automatisch der Alarmplan in Kraft. Männer aller Abteilungen rückten zu den getroffenen Orten aus, um die Bergungsarbeiten zu beaufsichtigen und sich einen Überblick über Schaden und Verluste zu verschaffen. Auch Morava wollte sich auf den Weg machen und war überrascht, als Hauptkommissar Beran ihn vom Hof weg an den Schreibtisch zurückbeorderte.

«Katastrophen bringen nicht nur Samariter auf die Beine, sondern auch Marodeure, halten Sie, Morava, hier in der Direktion die Stellung!»

Der Chef der städtischen Kriminalpolizei war in der Masaryk-Republik zur Legende geworden und zum Schrecken der Prager Unterwelt, doch weil er damals schon hartnäckig fern allen Parteien gestanden hatte, zogen auch die Deutschen seine Kompetenz nicht in Zweifel. In diese fielen allerdings nur tschechische Übeltäter, seine eigenen verhörte und bestrafte gegebenenfalls auch der Apparat der Okkupationsmacht selbst.

Morava wußte, daß er seine Zeit eigentlich für die Bearbeitung der anstehenden Fälle zu nutzen hatte. Die immer näher rückende Front spülte vom Osten her nebst unglücklichen Menschen auch Gesindel aller Art heran. Für das war er nicht gerade in Stimmung. Er drehte das Radio an, um mehr über die Bombennaht zu erfahren, die sich wie das Werk einer gewaltigen Nähmaschine quer durch Prag von Smíchov über das Zentrum bis zu dem Außenbezirk Pankrác zog. Gesendet wurde ernste Musik, die Zensur bastelte anscheinend immer noch an einer möglichst harmlosen amtlichen Nachricht.

Ihn überkam der dringende Wunsch, Jitka zu sehen. Er wird es wieder einmal mit dem Verlangen nach ihrem köstlichen Ersatzkaffee begründen! So faßte er sich ein Herz und begab sich durch den Korridor in Berans Büro. Sie hob ihre großen braunen Augen zu ihm auf, die ihn stets aus der Fassung brachten. Was hat dieses scheue Schäfchen hier in dieser Abteilung für Widerwärtiges und Scheußliches verloren? Ach, anders wäre er ihr ja nie begegnet! Bevor er dazu kam, sie anzusprechen, ging das Telefon.

«Nein, bitte», sagte sie wie eine brave Schülerin, «der Herr Hauptkommissar ist dienstlich unterwegs ... nein, das weiß ich leider nicht ... alle sind nach dem Luftangriff bei den Sicherungsarbeiten, nur der Herr Kriminaladjunkt ist da ... ja, bitte sehr, ich übergebe!»

Sie reichte ihm den Hörer, und er versank so tief in ihrem ernsten Lächeln, daß er nicht gleich verstand, wer ihn da ankläffte.

«Wie heißen Sie?»

«Stellen Sie sich zuerst einmal selber vor!» gab er ärgerlich zurück.

«Rajner. Werde ich jetzt auch Ihren werten Namen erfahren?»

«Morava ... Jan Morava ... verzeihen Sie, Herr Polizeipräsident ...»

«So, also Morava!» fuhr die Stimme des gehaßten und gefürchteten Mannes seltsamerweise freundlicher fort, «hören Sie mir gut zu. Nehmen Sie sich einen Fahrer oder auch ein Taxi und machen Sie, daß Sie zum Moldaukai fünf kommen, oberster Stock, aber flott! Dort hat man eine prominente Deutsche umgebracht, auf verdammt häßliche Art, wie es aussieht.»

Moravas Gehirn sprang wieder an. Er wagte einzuwenden.

«Die deutschen Fälle löst die Gestapo selbst, Herr Präsi ...»

«Genau die will den Beran haben. Bevor ich ihn endlich aufgetrieben habe, melden Sie sich wenigstens an Ort und Stelle! Geben Sie Obacht, Mann, verstanden?»

Der verlängerte Arm der Nazis hatte aufgelegt, Morava hielt aber immer noch den Hörer ans Ohr, und sein Gesicht war offenbar blutrot. Jitka war zerknirscht.

«Du meine Güte, ich hab Ihnen nicht gesagt, wer das ...»

Er versuchte ein Lächeln.

«Ist nichts passiert, glauben Sie mir! Läßt sich ein fahrbarer Untersatz auftreiben?»

«Ich besorge Ihnen bestimmt was, warten Sie ein Momentchen unten!»

Er eilte ihr nach, verliebt in ihren schwebenden Gang. Um so größer war seine Eifersucht, als auch der Hausschönling, Garagenmeister Tetera, ihrer Bitte sofort nachgekommen war und ihn sogar höchstpersönlich mit seinem Dienstwagen fuhr, den er eben erst gewaschen hatte.

Kaum bogen sie hinter dem Nationaltheater nach links ab, als er Brandgeruch verspürte und gleich darauf die Rauchsäule erblickte. Das Eckhaus an der früheren Jirásek-Brücke, unter den Deutschen auf Dienzenhofer umbenannt, war halb zerstört und brannte. Sie rollten in ein schwarzes Gestöber hinein. Vom blauen Himmel herab rieselten Rußflocken und halbverbrannte Papierfetzen. Das Auto fuhr an einer Schlange stehender Straßenbahnen entlang und blieb vor einer Wagenburg aus Feuerspritzen stecken. Morava ertappte sich dabei, daß er nicht anders als sein Fahrer offenen Mundes in die Höhe starrte. An die Ermordeten hatte er sich mit der Zeit gewöhnt, die betrachtete er wie sonderbare Schaufensterpuppen. Aber noch nie hatte er die herausquellenden Eingeweide eines Wohnhauses gesehen.

Die vier Stockwerke, die ins erste herabgestürzt waren, hatten auf der Wand des benachbarten Mietshauses ein buntes Schachbrettmuster aus Farben, Tapeten und Kacheln zurückgelassen. An diesem hängengeblieben waren Bilder, Gobelins, Spiegel, Wandlampen, Bücherborde, Handtuchhalter und Kleiderhaken mit Morgenröcken, aber auch Wasch- und Klosettbecken. Morava dachte an deren Benutzer, und ihn schauderte. Den gewaltsamen Tod hatte er bei seinem Handwerk als die schlimmste Verletzung der Normen des Zusammenlebens begreifen gelernt; er hatte gewöhnlich ein Motiv, das zuweilen krankhafter Natur, doch stets erkennbar war. Die Austilgung so vieler Menschen, die jene Flieger obendrein als ihre Schutzengel angefleht hatten, ergab nicht den geringsten Sinn.

Ein erregter Polizist forderte sie auf zu verschwinden. Morava schickte den Garagenmeister fort und fragte sich zugleich, ob der sich nicht bei Jitka seinen Dank abholen würde. Dann zeigte er seinen Ausweis und schlich sich zwischen den Helfern und deren Geräten durch bis zur Nummer fünf, dem zweiten Haus neben dem bombardierten. Die paar verstümmelten Leichen auf Planen und Brettern nahm er bloß zur Kenntnis, sie erinnerten ihn an seine üblichen Fälle. Er gab vor allem darauf acht, daß er sich in den Pfützen bei den Hydranten die Schuhe aus Lederersatz nicht kaputtmachte.

Vergebens betätigte er die einzige Klingel, die wohl zum Hausmeister führen mußte. Dann drückte er prüfend auf die Klinke der schweren, zweiflügeligen Tür und stellte fest, daß sie nicht verschlossen war. Der mit Marmormosaiken verkleidete und mit der Aufschrift Salve geschmückte Hausflur lenkte seine Schritte zu einem Aufzug aus dunklem Holz, geräumig wie ein kleines Zimmer. Vornehm, bedächtig und geräuschlos trug er ihn in die Höhe. Noch beim Aussteigen oben glaubte er, an der falschen Adresse zu sein.

Kurz darauf flog die einzige Wohnungstür der Etage auf, und auf der Schwelle stand ein Typ im Ledermantel, der nichts anderes als ein Gestapomann sein konnte.

«Der Hauptkommissar? Na endlich!»

«Ist unterwegs», sagte Morava, «ich bin sein Assistent, mich schickt der Herr Polizeipräsident Rajner.»

Das gute Deutsch tat seine Wirkung. Mit einer Kinnbewegung bedeutete der Kerl ihm um einiges höflicher, ihm zu folgen. Im Salon standen ein paar Männer. Und auf dem Tisch lag etwas, das er noch nie gesehen hatte. Als ihm aufging, was das war, hob sich ihm nach Jahren wieder der Magen.

Von der kleinen Parkbank auf der Smíchover Seite der Moldau her tat sich ein märchenhaftes Bild vor ihm auf. Ein Blick wie aus der Loge, dachte er bewegt, oder direkt wie von der Empore! Trotz des frühen Nachmittags drang die Februarsonne nicht durch den Panzer der kalten Luft, ihm jedoch war geradezu heiß. Er knöpfte sich die wattierte Bundjacke auf, stellte das Gepäck zwischen seine Füße und breitete die Arme auf der Rücklehne aus. Schlaff hingelagert betrachtete er das Theater gegenüber und fand allmählich wieder zu sich.

Er genoß es, von keinem gestört zu werden. Die sonst so lebhafte Uferpromenade war menschenleer, die Stadt verhielt sich wie ein eingerollter Igel, der immer noch Gefahr wittert. Nur um das zertrümmerte Eckhaus auf der Flußseite gegenüber schwärmten Feuerwehrleute und Sanitäter. Verständlicherweise interessierte ihn vor allem das Haus, das er unlängst verlassen hat, wie lange war das wohl her? Er richtete den Blick auf sein linkes Handgelenk, sah deutlich die Zeiger der Armbanduhr, war aber außerstande, sich zu konzentrieren.

Er muß eine gewisse Zeit gelaufen sein. Erst nachdem er wie im Traum an den brennenden Trümmern vorüberkam und über die mit Scherben und Ziegelsplittern besäte Brücke schlenderte, ja viel später noch, als er schon auf der Bank hier ausruhte, ertönte drüben das Feuerwehrsignal, und das erste Spritzenauto erschien. Dafür langten zwei Personenautos viel früher, als er erwartete, bei Seinem Haus an. Dieser Mensch! fiel ihm ein, dieser Schwachkopf, der mich auf der Treppe grüßte. Den hätte ich Auch ...

Nein! Er konnte nicht einfach so einen Unschuldigen umbringen, schon gar nicht einen Mann. Er ist kein Verbrecher, er ist ein Werkzeug. Er ist auserwählt, um zu Läutern. Darum wurde ihm auch die Art und weise vorgeschrieben. Damals in Brünn hat er gepfuscht, ja schmählich versagt. In den Zeitungen hieß es, wer derartiges tun kann, muß Abartig veranlagt sein. Doch er war nur ungeschickt. Und verschuldete damit, daß man die Botschaft nicht erkannte. Sein Glück, daß er wegen seines Versagens nicht selbst bestraft wurde!

Man brauchte mich noch!

Er lachte laut auf vor Freude, daß es heute so perfekt klappte. Was müssen die dort für Augen machen? Was sagen sie dazu? Diesmal werden sie begreifen! Sie werden ganz anders über ihn schreiben! Vielleicht bringen sie auch ihr Foto, bestimmt, so etwas läßt sich doch nicht mit Worten schildern. Ihn erregte der Gedanke, daß sie ihm so von selbst einen Beweis beschaffen: ein unbestreitbar getreues Abbild seines Werkes, so sehr dem Bild ähnlich, das Sie ihm einst als Vorbild zeigte.

Eigentlich kam ihm erst jetzt zum Bewußtsein, was in der Wohnung alles vor sich ging. Wie er sich erinnerte, war er auf seltsame Art abwesend, während er es tat, als lenkte ihn wirklich ein fremder Wille. Was er machte, sah und hörte, erreichte weder sein Bewußtsein noch sein Gefühl. Es wurde aufgezeichnet. Und begann sich erst jetzt, mit Verspätung, wie ein rückwärts laufender Film abzuspulen.

Die Vergangenheit wurde wieder gegenwärtig, mit der Sonne löschte sie auch den Fluß vor ihm aus, tatsächlich erlebte er erst jetzt jeden seiner Handgriffe im Dämmerlicht des Zimmers nach, nahm jede ihrer Reaktionen wahr. Und er staunte über seine Kaltblütigkeit und Geschicklichkeit, mit der er so rasch und exakt diese schrecklich, schrecklich komplizierte Aufgabe erfüllte. Nein, er war nicht mehr der armselige Stümper aus Brünn; ohne es zu bemerken, reifte er in diesen scheinbar fruchtlosen Jahren zu einem Meister heran, vergleichbar mit jenem unbekannten Maler ...

Auch sie hat das merken müssen! Während das Brünner Flittchen noch bettelte und wie von Sinnen kreischte, sich dabei sogar bemachte, pfui! gerade das stieß ihn am meisten ab, erkannte diese hier augenblicklich sein Recht an. Vielleicht hätte sie auch ohne Knebel nicht geschrien, doch das konnte er nun doch nicht riskieren. Sie hörte auf zu leben, ohne daß er es gleich gewahrte, da sie auch nachher noch fast hündisch die Augen auf ihn richtete. Er tat, was noch zu tun war, und als er zurücktrat, sah er, daß Es gut war.

Damit war der Film zu Ende, das Licht ging an, und wieder war der Fluß da. Er bemerkte, daß die Rast ihn noch mehr ermüdete. Mitleidlos gebot er jedoch seinen erschlafften Muskeln, ihn samt seiner Tasche aufzuheben und durch die wenig vertraute Stadt zu bewegen, auf der Suche nach einem Ort, wo er Ihr, die ihm den Befehl erteilt hat, die Ausführung melden wollte. Am besten in einer Kirche doch!

Durch das Fenster, das unter der Druckwelle zerborsten war, zog der frostklare Tag herein. Die scharfe Luft korkte den Magen zu. Kriminaladjunkt Morava mobilisierte dabei seinen ganzen Geist, so wie er es zu Beginn seiner Laufbahn getan hatte, diesmal, um in den Augen der Deutschen nicht als grüner Junge dazustehen. Ihrer waren hier sechs, alle bis auf einen in langen Ledermänteln, welche auch im Protektorat Böhmen und Mähren zur Ziviluniform der Geheimpolizei geworden waren. Ihr Häuptling schien der Riese zu sein, dessen Brustkasten das dicke Leder zu sprengen drohte.

Morava stellte sich lieber allen zugleich vor, und da sie nur abwartend nickten, nahm er das als Aufforderung, mit der gewohnten Amtshandlung zu beginnen. Ohne weitere Worte zog er sein zusammengeknifftes Heft aus der Tasche und trug auf einer leeren Seite seine Bemerkungen für den späteren Bericht ein. Berans Schule: Der Polizeifeldscher, Morava, würde sich schieflachen, doch unsereins verschafft sich auf diese Weise ein menschliches Bild, bevor es vom Fachrotwelsch verwischt wird!

Tatsächlich ließen sie ihn bei seiner Arbeit in Ruhe, unterhielten sich sogar nur halblaut, als wollten sie ihn nicht stören. Der geübte Blick von der Seite erlaubte ihm, auch sie zu beobachten, um zu erraten, was sie wohl von ihm haben wollten. Zumindest mußte er sich nicht mit seinem ganzen Kopf diesem ekelerregenden Bild widmen.

Allein der Zivilist im beigefarbenen Raglanmantel verhielt sich wie ein Kriminalist: Schweigend sah er Morava zu, wie er durch den Schnee aus feinen Scherben rund um den Tisch mit dem Frauentorso watete und die linierten Seiten mit winzigen Schriftzügen füllte. Doch als er fertig war, sprach ihn der Vierschrötige an. Ein hoher SS-Dienstgrad stand ihm auf die Stirn geschrieben, er trat sogar breitbeinig vor ihn hin und stemmte, getreu dem Vorbild seines Führers, die Arme in die Seiten.

«Ihre Meinung?»

In aller Knappheit, so wie man es ihm beigebracht hatte, antwortete er.

«Ein sadistischer Mord.»

Der Deutsche herrschte ihn an.

«Das haben sogar auch wir schon erkannt. Mehr wissen Sie nicht?»

Von jeher hatte Morava sein Problem mit Leuten, die ihre Stimme steigerten. Sein polternder Vater hatte ihn bis zu seinem Tod für einen Angsthasen gehalten, und dieser Ruf hing Morava noch in Prag an. Erst Hauptkommissar Beran erkannte, daß dies ein angeborener Abscheu gegen jede Kraftmeierei war, mit der sich Denkschwäche tarnte, und heilte ihn mit Vertrauen. Morava mußte sich jetzt räuspern, erwiderte dann aber fest.

«Im Augenblick weiß ich nicht mehr, als ich gerade sehe. Ich müßte eine Untersuchung einleiten, in diesem Fall jedoch ...»

Der Mann, den er für einen Kriminalisten hielt, fiel ihm ins Wort.

«Der Herr Standartenführer wollte wissen, ob Sie darin irgend jemandes Handschrift erkennen?»

Morava blickte wieder auf die Leiche. Die Übung hatte gesiegt, er war in der Lage, in ihr das bloße Objekt einer Amtshandlung zu sehen. Die bizarre Art, in der der Mörder mit ihr umgegangen war, erinnerte ihn an nichts, was er in seinen wenigen Lehrjahren gelesen oder erfahren hatte. Er schüttelte den Kopf. Der Mann fragte weiter.

«Hat es hier eine Sekte gegeben, die zu so einer Tat fähig wäre?»

Zu dumm, daß er darauf nicht gekommen war. Ja, dahinter konnte sich ein Ritus verbergen, aber welcher? Aus der nationalen Geschichte war ihm nichts Derartiges bekannt.

«Ist mir nicht bewußt.»

«Wo steckt Ihr Chef überhaupt?» tobte der Vierschrot ungeduldig los.

Früher, als Morava noch unter Brüllen litt, hatte er immer versucht, sich die Schreiaffen ohne Kleider vorzustellen. Das klappte auch jetzt. Vor ihm stand ein gemästetes Schwein, das ihm keine Angst einflößte.

«Mit allen anderen Kollegen auf Besichtigung», erklärte er ihm, «die Stadt ist zum erstenmal bombardiert worden.»

«Ach nein!» der SS-Mann wurde wieder giftig, «das haben wir kaum bemerkt! Wissen Sie, was Bombardieren heißt, Mensch? Schauen Sie sich Dresden an!»

Er wirkte plötzlich fast beleidigt. Morava vergegenwärtigte sich die Waschbecken und Klosettschüsseln, die aus der Wand des Eckhauses ragten und kurz zuvor noch von den Bewohnern benutzt worden waren. Die haben es bestimmt bemerkt! Die wächserne Leiche auf dem Tisch, dieser ganze panoptikumähnliche Altar holte ihn in die Gegenwart zurück.

«Der Herr Polizeipräsident hat Weisung erteilt, nach dem Hauptkommissar suchen zu lassen, er wird bestimmt bald zur Stelle sein.»

Wiederum schaltete sich der Sachliche ein. Schlank, mittleren Alters und schon mit ergrauten Schläfen, sah er am besten von allen aus und unterschied sich von ihnen nachdrücklich in Benehmen und Tonfall.

«Werden Sie ihn abwarten oder die Fahndung selbst einleiten? Wie schnell werden Sie eine Gruppe beisammenhaben?»

Klar, ein Kollege! Noch einmal versuchte Morava, ihm die Sachlage zu erläutern.

«Laut Instruktionen ist unsere Polizei nur berechtigt, die Straftaten von Tschechen zu untersuchen ...»

«Die hier wird sie übernehmen.»

«Aber das Opfer», wandte er ein, «ist doch eine Deutsche!»

«Leider. Nur ist der Mörder ein Tscheche. Der Hausmeister ist ihm begegnet.»

Morava stand sprachlos da. Instinktiv hatte er auf einen deutschen Flüchtling oder Deserteur getippt, der seiner Landsmännin durch Folter Geld und Schmuck hatte abpressen wollen. Eine derartige Fleischhackerei hatte hierzulande keine Wurzeln.

«No nazdar!» seufzte er.

Oberkriminalrat Buback war für seine neue Wirkungsstätte in Prag, wohin man ihn im Verlauf des Krieges von Antwerpen über Straßburg abkommandiert hatte, nicht nur mit langjährigen Erfahrungen auf seinem Gebiet, sondern auch mit perfekten Tschechischkenntnissen gerüstet.

Der unwillkürliche Stoßseufzer des jungen Tschechen belustigte ihn. Er stellte sich vor, was ihm in nächster Zukunft alles zu hören beschieden sein würde. Daß Standartenführer Mekkerle diesen Fall der tschechischen Protektoratspolizei aufhalste, war einer seiner meisterhaften Schachzüge, derentwegen er sich höchster Gunst erfreute.

Den Anlaß für dieses Vorgehen lieferte beileibe nicht die Nationalität von Täter und Opfer. Die Familie von Pommeren stand in einem zwielichtigen Ruf: Neben der allgemeinen Vorsicht dem zumeist hochnäsigen Adel gegenüber, gab es berechtigte Zweifel an ihrer Loyalität zum Führer.

In den Augen der Tschechen stellte die Baronin jedoch logischerweise die deutsche Elite dar, ihre Ermordung war dazu angetan, neue blutige Vergeltung heraufzubeschwören. Das kam freilich nicht in Betracht, es war nicht klug, die einheimische Bevölkerung eines Raumes zu reizen, der bald zum Schauplatz des entscheidenden Zusammenstoßes Deutschlands mit seinen Feinden werden sollte.

Gerade vor dem Einsatz der kriegsentscheidenden Vernichtungswaffe, die sich im letzten Teststadium befand, wußte Meckerle, war es notwendig, in diesem Gebiet unter allen Umständen die Ordnung aufrechtzuerhalten. Und dazu gehörte die vollständige Kontrolle der hiesigen Polizei, die nach der Auflösung des kleinen, aber unzuverlässigen tschechischen Protektoratheeres nicht nur über ein gewisses Waffenarsenal – das spielte keine ernsthafte Rolle –, sondern vor allem über ein gutes Kommunikationsnetz verfügte.

Die Aufklärung dieses Mordfalls wird ihr als Aufgabe von allerhöchstem Interesse übertragen werden. Möge sie sich selbst als Geisel fühlen! Einen Täter dieser Art sucht man wie eine Stecknadel im Heuhafen, hatte Meckerle sich von Buback versichern lassen. Im Nacken werden wir ihnen sitzen! Die Sporen werden wir ihnen geben und zugleich die Zügel straff ziehen! Und durch Sie, so hatte er es zuvor Buback vor der verunstalteten Leiche wie an der Schultafel dargelegt, werden wir sie dabei ins Visier kriegen!

«Frau Elisabeth von Pommeren», belehrte jetzt der Oberkriminalrat die Tschechen, «war nicht nur Angehörige des ältesten deutschen Adels, sondern auch die Witwe eines Generals der Wehrmacht, dem posthum das Ritterkreuz verliehen wurde. Deswegen machen wir von der Verordnung über die Sicherheit im Protektorat Böhmen und Mähren vom 1. September 1939 Gebrauch, Teil zwo, Paragraph 12, nach der, ich zitiere, ‹die Polizeibehörden des Protektorats den fachlichen Weisungen der deutschen Kriminalpolizei zu entsprechen haben›, Zitatende. Es steht zudem zu erwarten, daß der Herr Reichsprotektor auf die Ergreifung des Täters eine Belohnung aussetzt. Der Mörder muß ausfindig gemacht werden. Laschheit wird als Sabotage angesehen und kann unabsehbare Folgen zeitigen!»

Wie für Meckerle war auch für ihn dieser Grünschnabel kein Partner, der bei seiner emsigen Schreiberei fast die Zunge herausstreckte, dabei war Buback aber überzeugt, daß er alles genau nach oben weiterleiten würde. Vor dreiunddreißig Monaten hatten hier Tausende von Geiseln mit ihrem Kopf für den stellvertretenden Reichsprotektor Reinhard Heydrich bezahlt, der bei einem Attentat getötet worden war. Ein Tscheche konnte sich bestimmt vorstellen, was für ein Gemetzel dieses Massaker da hervorzurufen vermochte, falls man ihm politische Motivation beimaß.

«Wünschen Sie, daß Ihre Leute die Spuren sichern?» fragte der junge Mann überraschend sachlich.

«Wir wünschen», polterte Meckerle von neuem los, «daß Sie diese Bestie rasch unters Beil bekommen, wie, das ist Ihre Sache! Oberkriminalrat Buback wird Ihnen dabei auf die Finger schauen. Fehler oder Verschleppungen, für die er nicht verdammt gute Gründe findet, werde ich persönlich auf die Burg und nach Berlin melden!»

Des Standartenführers Ausbrüche brachten sogar dessen eigene Leute oft aus der Fassung. Buback hat es gereizt, daß dieser Knabe sich wieder nur räusperte.

«Ich verstehe. Darf ich das Telefon benutzen?»

Meckerle zog sich die Handschuhe an.

«Richten Sie Ihrem Vorgesetzten aus, daß ich seine Abwesenheit hier nur ganz ausnahmsweise entschuldige. Morgen Punkt acht null null erwarte ich in der Bredauergasse seinen persönlichen Rapport über den Stand der Fahndung. Und zwar», er vermochte seine Stimme noch zu steigern, «auch wenn der Donner kracht und Bomben fallen!»

Buback vergegenwärtigte sich, daß in diesem Augenblick vielleicht weitere Bomben auf sein geliebtes Dresden fielen. Ob die Wände noch stehen, in denen er so lange glücklich war? Kaum. Und eigentlich auch schon egal! Nachdem die anderen draußen waren, ließ er seine Gereiztheit an dem Tschechen aus.

«Was glotzen Sie hier herum? Das Telefon ist im Korridor, wetzen Sie hin und sorgen Sie dafür, daß die Sache in Gang kommt. Wir haben hier nichts angefaßt, nun geht es bereits um Ihren Hals!»

Er bedauerte, daß er ihn nicht in seiner ehemaligen Muttersprache abkanzeln durfte, auf deutsch klang das alles recht farblos. Der junge Mann stürzte zum Apparat und bat irgendwen namens Jitka, ihm umgehend die Mannschaft zusammenzutrommeln. Nun war Buback allein hier. Er betrachtete den menschenähnlichen Gegenstand, der noch vor kurzem eine lebendige Frau war, und erschauerte. Wer hat das nur tun können? Ein Mensch? Vielleicht sollte man ihn lieber hier den Tschechen lebend als Zuchttier belassen ...

Flüsternd meldete er Ihr, wie er es ausgeführt hat, und vernahm erwartungsgemäß ein Lob. Aus der Kirche trat er als ein neuer Mensch, die unerträgliche Anspannung der letzten Tage war dahin. Er hat es geschafft! Er hat die Schande von Brünn getilgt. Er hat sich Ihres vertrauens würdig erwiesen, und das hieß, daß er fähig war, die ihm gestellte Aufgabe zu erfüllen. Noch heute morgen zweifelte er wieder an sich, es schien ihm übermenschlich zu sein. Unglaublich, daß gerade dieses Weib seine Befürchtungen im Nu zerstreut hat! Sie hat in ihm ihren Richter erkannt.

Sein Geist stand also nach Jahren in voller Rüstung da. Er hatte jedoch eine neue Sorge: Ihm schien, als lasse sein Körper ihn immer öfter im Stich. Mochte er auch noch so lange ausruhen, ihm war, als habe er einen Gewaltmarsch hinter sich. Doch selbst Dabei mußte er nicht einmal Widerstand überwinden. Woher dann dieser Schwächezustand, warum zog ihn selbst das leichte Gepäck zu Boden?

Die Erklärung, die sich sogleich einstellte, war so einfach, daß er lachen mußte. Aus dem Torweg eines Hauses führte eine Frau ein Rad, im Gehen in eine Brotkante beißend, und sogleich krampfte sich schmerzhaft sein Magen zusammen. Ja! wurde ihm bewußt, er hat seit gestern vor Aufregung weder gegessen noch getrunken!

Er setzte die Last auf dem Gehsteig ab und zog ein altmodisches Portemonnaie aus der Gesäßtasche seiner Arbeitshose. Aber ja doch, Lebensmittelmarken hat er selbst jetzt, in der Monatsmitte, noch reichlich, in den letzten Tagen hat er sich ja kaum um sich gekümmert. Damit muß Schluß sein! Wenn er bestehen und die Höchste aufgabe weiterhin erfüllen soll, braucht er Kraft!

Er sah sich auf der unbekannten Straße um und war keineswegs überrascht, als er auf der anderen Seite, gleich gegenüber, ein Restaurant erblickte. «Zum Engel»? Wie passend! Sein Körper war sofort wieder da, das Wasser lief ihm im Mund zusammen.

Hauptkommissar Beran hatte ein hervorragendes Alibi. Bei einem Haus im Vorstadtviertel Pankrác, unter dessen Schuttmassen zumeist Angehörige von Männern verschiedener deutscher Dienststellen begraben lagen, war er auf den Konvoi von Karl Hermann Frank gestoßen, dem ewig zweiten Mann im Protektorat, der dafür alle Ersten gesund und munter überlebte. Der befahl ihm, ihn über die ganze Trasse des Luftangriffs zu begleiten. Als ein Beauftragter von Polizeipräsident Rajner Beran ausfindig gemacht hatte, um ihm Standartenführer Meckerles Befehl zu überbringen, schüttelte Frank nur kurz den Kopf.

Der Bericht der Gestapo, der eine Stunde später eintraf, sorgte jedoch dafür, daß der knochige Mann mit dem steinernen Gesicht zum erstenmal außer sich geriet.

«Ekelhafte Schweinerei!» schrie er den Hauptkommissar an, als habe er in ihm soeben den Schuldigen für den Luftangriff entdeckt, «ich erwarte, daß Sie den Täter unverzüglich dingfest machen lassen! Und ich wünsche Ihren Landsleuten, daß er ein Perverser ist und nicht so ein beschissener Widerständler, der versucht hat, den Prager Deutschen Angst einzujagen. Sonst würde ich rasch dafür sorgen, daß die Tschechen bis zum Jüngsten Tag nicht mehr aus dem Schlottern rauskommen!»

Beran fuhr stracks zum Tatort, fand dort aber nur einen Polizisten vor verschlossenem Haus, der gerade im Aufbruch war. Die Einsatzgruppe habe soeben Schluß gemacht, meldete er, und die Überreste seien in die Pathologie geschafft worden. Was denn für Überreste? Der Wachmann hatte sie selber nicht gesehen, und seine Schilderung aus zweiter Hand mutete wie die Ausgeburt einer kranken Phantasie an. Der Hauptkommissar begab sich also weiter zur Bartolomějská-Gasse und zerbrach sich den Kopf, wen er auf den Fall ansetzen sollte. Seinen besten Mordfachmann hatte man während der Heydrich-Affäre erschossen, Billigung des Attentats! und seine beiden ältesten Experten lagen mit Grippe darnieder. Froh war er, daß gerade der eifrige Morava in der Not eingesprungen war, er hoffte nur, der habe mit seiner mährischen Sturheit kein Malheur heraufbeschworen.

Der Kriminaladjunkt saß ihm dann am Schreibtisch gegenüber und las, da die Fotos noch nicht vorlagen, aus seinem Heft Dinge vor, die den an alles gewöhnten Verstand des Chefs offensichtlich stocken ließen.

«Zu a: Das Opfer, eine Frau, fünfundvierzig Jahre alt, sehr gepflegt und gut erhalten, hat ihrem Mörder offenbar nicht den geringsten Widerstand entgegengesetzt, abgesehen von den weiter unten genannten Verstümmelungen weist sie weder Abschürfungen auf noch unter ihren Fingernägeln Kampfspuren von seiner Haut;

zu b: Der Täter hat ihr mit mehreren breiten Klebestreifen, wie sie jetzt zur Sicherung von Fensterscheiben gegen Druckwellen verwendet werden, nicht nur den Mund, sondern auch die Vagina verklebt; dem ersten ärztlichen Augenschein nach wurde sie nicht vergewaltigt;

zu c: Der Täter, den Hautabschürfungen nach zu schließen, fesselte das Opfer mit Riemen rücklings auf dem Eßtisch, so daß der Kopf über den Rand ragte; unter der Tischplatte schnürte er ihr an den Knöcheln Hände und Füße zusammen;

zu d: Der Täter trennte beide Brüste unmittelbar am Brustkorb ab und legte sie neben dem Opfer auf eine ovale Servierplatte, die er dem verglasten Geschirrschrank entnahm;

zu e: Der Täter schlitzte dem Opfer den Bauch von der Brust bis zur Scheide auf, holte den kompletten Dünndarm heraus, rollte ihn geschickt zu einem Knäuel und legte ihn in eine Suppenschüssel;

zu f: Der Täter schnitt dem Opfer den Hals bis zum Rückenmark durch, durchtrennte ihn aber nicht ganz, so daß der Kopf unter der Leiche hängenblieb und das Blut in ein Messinggefäß lief, aus dem der Täter zuvor einen Blumentopf samt Gummibaum entfernt hatte;

und schließlich zu g: Auch der Arzt konnte bei der ersten Leichenschau nicht ermitteln, in welcher Phase der Folter das Opfer gestorben war. Dessen aufgerissene Augen», fügte Morava, sein Heft zuklappend, hinzu, «brachten uns jedoch zu der gemeinsamen Vermutung, daß dies leider nicht sofort geschah!»

Der Chef reagierte ähnlich wie Morava am Tatort.

«No servus! Der Traum eines wahnsinnigen Metzgers?»

«Beziehungsweise eines Chirurgen ...»

«Und die Deutschen kamen auf die Idee, das wäre ein Werk des Widerstands?»

«Denen genügte, daß der Täter ein Tscheche war.»

Der Hauptkommissar begann, die stenografischen Notizen durchzugehen, die er sich während des Referats gemacht hatte.

«Wird etwas vermißt?»

«Die wertvollen Schmuckstücke an den Händen und am Hals des Opfers sind alle da. Weitere Wertgegenstände und eine große Summe Bargeld wurden in der Handtasche der Frau und in ihrem Luftschutzgepäck an der Wohnungstür sichergestellt.»

«Wie ist der Mörder in die Wohnung gelangt?»

«Sie muß ihm selbst aufgemacht haben. Die Schlüssel steckten von innen im Schloß, beim Weggehen hat er die Tür einen Spalt offengelassen.»

Gespannt sah Morava zu, wie Beran seine gefürchteten Fragezeichen wegstrich. Alle richtig zu beantworten, das war die ganze lange Zeit in diesem Haus das Ziel seines Ehrgeizes gewesen. Bis jetzt hatte er es nie geschafft, heute fühlte er sich diesem Ziel am nächsten. Er nahm sich vor: Wenn es ihm gelingt, wird er sich heute auch Jitka offenbaren, bevor irgendein anderer mit ihr anbandelt!

«Wird das Haus nicht abgeschlossen?»

«Doch. Jeder Mieter hat seinen eigenen Schlüssel.»

«Wer hat den Täter hereinlassen können?»

«Wie es aussieht, das Opfer selbst.»

«Was spricht dafür?»

«Der Hausmeister hat sie von seiner Wohnung aus gesehen, als sie heimkam, und hat den Lift gehört. Bald darauf gingen die Sirenen los, und er wollte wie immer kontrollieren, ob alle im Luftschutzkeller waren. Da fielen schon die Bomben, in seiner Panik ist er auf das Moldauufer hinausgerannt, ohne Schlüssel, wie er später feststellte. Also hat sie die Haustür nicht abgeschlossen, und das hat sich der Mörder zunutze gemacht.»

«Es sei denn, er hat in der Wohnung auf sie gewartet.»

Morava erschrak.

«Wie hätte er das gekonnt ...?»

«Können wir ausschließen, daß er vor ihr ins Haus gelangt ist? Etwa als Lieferant, Bote oder was weiß ich? Läßt sich ausschließen, daß er die Schlüssel von ihr hatte?»

Morava begriff, daß er seine Zielmarken heute wieder nicht erreichen würde.

«Nein ...»

«So können wir eigentlich nicht bestimmen, wie lange er für sein Schlachten gebraucht hat.»

Schlachten! Der Chef hatte das richtige Wort gefunden. Und gleichzeitig prüfte er ihn.

«Doch, das können wir», Morava gab nicht auf, «schließlich hat er nicht ohne sie anfangen können!»

Beran schmunzelte beifällig, und Moravas Selbstbewußtsein stieg, weil er wenigstens nicht auf die Fangfrage hereingefallen war. Sein Lehrer entzifferte weiter das eigene Krickelkrakel.

«Der Hausmeister behauptet, er hat mit seinem Rundgang eine Viertelstunde nach dem Angriff begonnen.»

«Eine halbe, würde ich sagen.»

«Warum?»

«Ich habe seinen Weg zusammen mit ihm abgeschritten. Unter der Brücke hat er noch eine Zeit auf weitere Bomben gewartet. Er muß dabei ständig in Panik gewesen sein.»

«Auch eine halbe Stunde ist wenig für eine so komplizierte Vivisektion. Daraus lassen sich mancherlei Schlüsse ziehen.»

«Die Sache ist sonnenklar», bot Morava aufgeregt seine Theorie an, «er war von Anfang an darauf vorbereitet, er wußte genau, was er tun wollte und wie. Wie ein fachkundiger Handwerker hatte er alles dabei. Ich denke, wir werden kaum fremde Fingerabdrücke finden. Und erstaunlich geschickt muß er gewesen sein, so daß der Hausmeister ihm nach dieser Metzelei nichts angemerkt hat.»

«Was dachte er, als er ihm begegnete?»

«Draußen herrschte ein Tohuwabohu, die Gas- und die Elektromänner gingen die Häuser ab, um Schäden zu ermitteln.»

«Und Sie schließen aus», Berans Stimme verriet Mißtrauen, «daß es ein Phantom sein könnte?»

Morava war empört.

«Sie meinen, der Hausmeister hat sie selbst ausgeweidet? Herr Kommissar, da müßten Sie ihn kennen! Als er die Tür oben offen fand und die Tat entdeckte, da ging ihm auf, daß er soeben dem Mörder begegnet war. Er war sich sicher, der kommt zurück und bringt auch ihn um, und hat sich vor Angst in die Hosen gemacht.»

«Morava, übertreiben Sie nicht.»

Der schilderte daraufhin das unwahrscheinliche Bild des Zeugen, der sich während der Befragung seine langen Unterhosen wusch.

«Bei dem ist alles total weg. Selbst unser Doktor hat sich vergebens mit ihm abgemüht. Der Mann behauptet, der Volltreffer hätte gleich das Nebenhaus erwischt, und begann sich schon einzureden, sie wäre dabei draufgegangen. Den Täter hat er vor Angst aus seinem Gehirn gebrannt, er weiß von ihm nichts.»

«Überhaupt nichts?»

Morava war auf der Hut, weil Berans Blick erkennen ließ, daß ihm etwas Wichtiges entgangen war. Was wohl??

«Nur, daß es ein Mann war ...»

«Und woher weiß er dann, daß er ein Tscheche war?»

Ach, ich, ach, dachte er mutlos, er hätte doch lieber zur Post gehen sollen!

«Ich weiß nicht ...», hauchte er gedemütigt.

«Wer von den Deutschen ist damit rausgerückt? Der Standartenführer?»

«Nein, ihr Polizeimann. Der hat natürlich bluffen können!»

«Wo ist der Hausmeister?»

«Wahrscheinlich zu Hause ...»

«Sagen Sie Jitka, sie soll uns von Tetera einen Wagen bereitstellen lassen!»

Gott sei für das «Uns» gedankt, tröstete er sich, als er das Büro verließ, er hätte mich gleich zu irgendeiner Speichereinbruchslappalie abschieben können. Das Mädchen lächelte ihn wie immer wehmütig an, und sein Herz begann zu rasen. Hat sie etwa Mitleid mit ihm, fragte er sich, pflegt Beran ihr zu sagen, was ich für ein Trottel bin? Schon wieder wußte er, daß er keine Chance hatte, bei ihm so wenig wie bei ihr.

Als er den Teller mit dem letzten Knödelhappen auswischte, fühlte er sich so behaglich, daß er wieder an Sie dachte. Im Magen muß es so gemütlich sein wie in der guten Stube, sagte sie immer. Das mährische Kraut war nach seinem Gusto, wie haben die das hier in Prag gelernt? Er war kein Biertrinker, doch selbst das Siebengrädige war süffig, für den Krieg ein Wunder, es zeugte von tief gelagerten Fässern und gut gereinigten Röhren. Die Wirtschaft war fast leer, nur ein paar Stammgäste drängten sich am Ausschank und redeten über irgendein Ereignis so laut, daß er sich erinnerte. Der Luftangriff! Da war doch der Luftangriff ...

Angestrengt kramte er in seinem Gedächtnis, wann das war. Ja, er sah sich Dabei durch Glassplitter waten, die urplötzlich den Teppich bedeckten, sah sich an einem Haus vorbeigehen, gerade von einer Fliegerbombe getroffen, wie kommt es nur, daß er nichts gehört hat? Sonderbar. Sosehr er sein Gehirn auch zermarterte, von allem, was kurz Davor und kurz Danach war, blieb ihm in allen Einzelheiten nur Das.

Der Friedhof, ja, dort wußte er noch alles. Später blieb ihm nur noch der Rücken in Erinnerung, dem er mit Abstand bis zu jenem Haus folgte. Danach nahm er offenbar nur noch ihre Augen wahr, die so aufmerksam verfolgten, was er mit ihr machte. Seine Tat hat in ihm sogar die Bomben verdrängt, übrigens kann es kein purer Zufall sein, daß sie gerade heute das erstemal fielen, heute, wo er Damit begonnen hat!

Von allen denkbaren Gefühlen waren ausschließlich Erleichterung und Stolz am Platz. Warum ist er dann auf einmal wieder unruhig? Und warum macht sich sogar sein Magen so unangenehm bemerkbar, der doch gut mit Speis und Trank versorgt ist? Warum macht sich in seinem Innern erneut die Spannung breit, derer er sich über Mittag so wunderbar entledigt hat? Wonach fahndet so aufgeschreckt sein Gehirn, wenn doch heute alles geleistet worden ist, sogar mit einem Lob? Plötzlich wußte er es. Dieser mensch!

Dieses Männlein, das er ohne weiteres an sich vorbeigehen ließ, dessen Gruß er sogar erwiderte, genau der kann alles in Gefahr bringen. Kann alles Vernichten! Wie konnte er das unterschätzen? Will er seine Sendung erfüllen, darf er nicht erkannt werden. Nun war es leider unumgänglich, das nächste Mal die bequeme Kluft samt der handlichen Tasche abzulegen! Für ihn kein großes Problem, aber: was, wenn dieser Mensch ein Gedächtnis für Gesichter hat??

Warum verschonte er ihn eigentlich? Bestimmt war er auf dem Weg zu ihr! Wohin konnte er sonst gehen? Einen Mann hatte sie nicht, die Witwe, wahrscheinlich trieb sie es lustig mit ihm! Ja, bestimmt hat er sie nach diesem Schreck bespringen wollen. Wie der Eber die Sau. Auch solche verdienen Züchtigung!

Aber wer ist er? Wo findet er ihn? Nachdem er die Ursache seiner Unruhe erkannt hat, erwachte sein Kopf aus der Ohnmacht und dachte wieder scharf. Der Kerl war im Hemd ohne Jacke gewesen, im Februar! Wahrscheinlich also aus dem Haus. Und dieses Haus wurde sichtbar von der Oberklasse bewohnt, der er eindeutig nicht angehörte. Und warum bemühte er sich die Treppe hinauf, statt den herrschaftlichen Lift zu nehmen? Natürlich. Der hausmeister.

Deutlich zeichnete sich vor seinen Augen die schmale Tür unten im Hausflur ab. Aber wenn er nicht allein wohnt? Dann sei das Schicksal den anderen gnädig, indem es ihn aufmachen läßt.

Er stand auf, um zu zahlen und zu handeln.

Die Naturalwohnung bestand aus einer kleinen Küche und einer Stube. Der Hausmeister, anscheinend Witwer, war nach wie vor auf Sauberkeit und Ordnung bedacht. Sie sahen ihn schon vom Gehsteig aus, die geplatzte Fensterscheibe mit einem Klebestreifen reparieren. So wie der Mörder sie benutzte ... dachte Morava. Der Mann öffnete ihnen noch im Dunkeln und tappte dann zum Fenster, um das Verdunkelungsrollo herabzulassen, ehe er Licht machte. Morava amüsierte sich, wie Beran schnupperte. Wittert er die Unterhosen?

Der Hausmeister konnte oder wollte sich immer noch nicht erinnern, wie der Unbekannte im Treppenhaus ausgesehen hatte. Um ihn abzulenken, fragte der Hauptkommissar ihn dann eine geraume Weile über die Baronin aus. Er entlockte ihm nur ein paar oberflächliche Wahrnehmungen, keiner aus der Familie von Pommeren konnte Tschechisch, und der Hausmeister beherrschte höchstens zwei Dutzend der notwendigsten deutschen Ausdrücke. Er wußte nicht viel mehr, als daß der General kurz nach der Besetzung der Tschechoslowakei von Berlin hierher versetzt worden war, er und sein Sohn waren später an der Front gefallen, und die Baronin hatte die Urnen auf dem nahen Vyšehrader Friedhof beisetzen lassen, wo sie die beiden täglich besuchte.

Morava verfolgte gelehrig, wie Beran die Angelschnur der ausgeworfenen Fragen immer mehr verkürzte. Er konnte im voraus sagen, wann jene fallen würde, auf die der Befragte anbeißen sollte.

«Sie haben diesen Mann zuerst gegrüßt, nicht wahr?»

«Jo», sagte der Hausmeister, ohne zu zögern.

«Wie?»

«Na ... Tag ...»

«Und er sagte?»

«Dasselbe. Er hat auch Tag gesagt, ja, genau!»

«Daß Sie sich ausgerechnet daran erinnern?»

«Er hat das irgendwie sonderbar gesagt ...»

«Wie sonderbar?»

«Weiß ich nicht ...»

«Hat er gestottert? Oder war er heiser? Rollte er das R? Hat er mit der Zunge angestoßen? Hat er genäselt? Geknurrt? Hatte er womöglich eine Fistelstimme?»

Morava bewunderte den Chef, wie der immer neue Angebote aus dem Ärmel holte, doch der Hausmeister hörte nicht auf, den Kopf zu schütteln.

«Was war daran so sonderbar?»

«Weiß nicht ... irgendwie hat das nicht gepaßt zu ihm.»

Morava wagte es, sich ins Spiel zu mischen.

«Etwa zu seiner Kleidung?»

«Schon möglich ...»

Beran sprang in die Bresche.

«Na, und wie war er gekleidet?»

«Wenn ich das wüßte. Schaun Sie, mir langt’s heute, hat Ihr junger Mann Ihnen nicht erzählt, was mir passiert ist? Beschissen hab ich mich dabei!»

Es klang beinahe stolz. Der Hauptkommissar gab für diesmal auf und erhob sich. Morava hatte eine Eingebung.

«Und Sie haben bestimmt zu ihm gesagt ... wie war das gleich?»

«Tag ...», wiederholte der Hausmeister unsicher.

«Und er?»

«No, dasselbe ...»

«Und hat er nicht vielleicht guten Tag gesagt? Guten ...»

«Ja! So hat er’s gesagt. Wie Sie. So richtig wie in der Schule, wissen Sie?»

Morava beflügelte die Anerkennung in Berans Blick.

«Und zu der Art, wie er sprach, da hat was nicht zu ihm gepaßt?»

«Kann wohl sein ...»

«Was käme Ihnen dafür passend vor?»

«Na ... so was, was Sie anhaben, der Hut, der Wintermantel ...»

«Und unpassend?»

Es beschwingte Morava, daß der Kommissar ihn machen ließ.

Der Hausmeister blickte flüchtig auf seine abgetragenen Arbeitshosen.

«Was ich anhab ...»

«Er trug also etwas Ähnliches?»

Morava hatte längst die Erfahrung gemacht, daß Menschen von geringerer Intelligenz, die man zu angestrengtem Nachdenken zwingt, beinah körperlich leiden. Das Gesicht des Mannes verriet Schmerz, als er bat.

«Schaun Sie, lassen Sie mich drüber schlafen, jetzt quetsch ich nichts mehr raus aus meinem blöden Schädel.»

Der Hauptkommissar ließ sich von ihm noch die Wohnung der Baronin aufschließen. Eine Hundekälte empfing sie. Sie zogen wenigstens die Brokatvorhänge, die hier als Verdunkelung dienten, vor dem zerborstenen Fenster zusammen, um Licht machen zu können. Beran ging um den Tisch herum, unter seinen Füßen zerbarsten auch weiter Glassplitter; schon wieder witterte er wie ein Hund.

«Hat hier einer die Teppiche ausgewechselt oder was?» fragte er verwundert.

«Wir haben hier nichts von der Stelle gerückt!» beteuerte Morava.

«Nach dem, was Sie mir geschildert haben, habe ich eine gewaltige Blutlache erwartet.»

«Wie ich Ihnen gesagt habe, muß er unheimlich geschickt sein. Er hat es fertiggebracht, das Blut vollständig in den kleinen Messingbehälter von dem Gummibaum laufen zu lassen. Ich habe alles in die Pathologie geschickt.»

«Auch die Brüste und die ... Därme?»

Morava erlebte zum erstenmal, daß sich Beran vor Ekel schüttelte.

«Die sind auch in der Gerichtsmedizin. Selbst die dort waren entgeistert, haben zugesagt, die Ergebnisse eiligst zu liefern.»

«Entschuldigen Sie», meldete sich der Hausmeister vom Gang her, «mir ist wieder kotzübel, können Sie hinterher abschließen?»

«Wir kommen mit», entschied der Hauptkommissar.

Unten hatte der Mann wieder Farbe, war aber nicht minder aufgeregt.

«Wie soll ich hier schlafen heute?»

«Sie sind doch nicht allein im Haus.»

«Aber doch. Der Zahnarzt vom ersten Stock hat sich gleich aufs Land abgesetzt, und drunter ist die Praxis.»

«Und auf den übrigen Etagen?»

«Da ha’m Juden gewohnt. Jetzt sind das irgendwelche Amtsräume von die Deutschen.»

Morava machte den Mund auf und schloß ihn wieder, als er Berans warnenden Blick gewahrte. Der Hausmeister öffnete die Haustür. Im Dunkeln draußen roch es nach Verbranntem. Die Feuerwehrleute waren abgerückt, ein Stück weiter, vor den Trümmern, drückten sich ein paar Gaffer herum.

«Gute Nacht», sagte der Kommissar, «hier der Herr Adjunkt kommt morgen früh vorbei, um Sie zu fragen, ob Ihnen noch etwas im Traum eingefallen ist. Litera», das galt dem Fahrer, «zischen Sie los!»

Der Alleingelassene schlotterte und schien Anstalten zu machen, sich zu ihnen ins Auto zu zwängen. Sie fuhren zurück in die Bartolomějská-Gasse vier, zum «Vierer», ihrer Zentrale, und Beran machte ein finsteres Gesicht.

«Den können wir vergessen. Selbst wenn wir ihm den Täter vor die Nase schieben, erkennt er ihn vor lauter Angst nicht wieder.»

«Was der Mörder leider nicht weiß», fiel dem Adjunkten ein.

«Was wollen Sie damit sagen?»

«Ich wundere mich, daß er von ihm abgelassen hat. Seinem Augenzeugen eigentlich. Er muß doch selber tüchtig mitgenommen gewesen sein.»

«Gut, Morava!» wann immer der Hauptkommissar das sagte, erinnerte er ihn an den gestrengen Klassenlehrer, nach dessen Lob er einst ähnlich gelechzt hatte, «aber das hieße auch ...»

«Daß er seinetwegen wiederkommen wird.»

Beran nickte.

«Veranlassen Sie die Bewachung lieber gleich. Und kommen Sie anschließend zu mir.»

Morava ging zur Bereitschaft und verdolmetschte dort die Anweisung Berans. Im Vorzimmer hatte er zu dieser Zeit dann nicht mehr Jitka vermutet und brachte nur ein törichtes Lächeln zustande.

«Jee, was haben Sie hier noch zu ...»

«Ich dachte, Sie brauchen vielleicht noch etwas ...»

Ja, ja, nur, was er brauchte, war, sie in die Arme zu nehmen und ihr zu gestehen, daß er die ganzen zwei Jahre, seit sie hier war, vor allem an sie gedacht hatte, allein deshalb war er nicht weggelaufen, als ihm klarwurde, daß er es bis zu seiner Pensionierung mit verunstalteten Leichen zu tun haben würde. Wie gewöhnlich faßte er sich auch nach dem jüngsten Erfolg bei Beran kein Herz und fragte nur linkisch.

«Was denn so?»

«Ich habe von daheim ein bißchen Suppe mitgebracht, für den Herrn Hauptkommissar mache ich sie schon warm, möchten Sie auch was davon?»

Erst jetzt vertrieb ihm ein lieblicher Duft aus der Kindheit den Gestank von Blut und Ruß aus der Nase.

«Leberwurstsuppe!»

«Die Unseren ...», sie senkte ihre Stimme zu einem kaum vernehmbaren Flüstern herab, während sie hier, im Hauptquartier der tschechischen Polizei, das schwere Vergehen gegen die Kriegswirtschaft beichtete, «haben geschlachtet!»

«Gern», sagte er schwach, «ich ... danke. Danke sehr ...»

Er ließ seinen zärtlichen Blick nicht von ihr und trat deshalb rückwärts beim Chef ein. Der legte gerade den Hörer auf.

«Ich habe mit der Pathologie gesprochen. Das Obduktionsprotokoll entspricht Ihrem Bericht. Er hat sie bei lebendigem Leibe fast ganz ausgeweidet. Neu ist, daß er sich etwas zum Andenken mitgenommen hat.»

«Was?»

«Ihr Herz.»

«O nein!»

«Und dazu noch ...?»

«Was?»

«Doch, die Riemen, mit denen er sie gefesselt hat. Was folgert daraus?»

Der Schüler Morava wußte es.

«Daß er es wieder tun wird.»

«So ist es. Ich gebe Alarm.»

Erwin Buback schlug sich die Tote vorerst aus dem Kopf. Es war nicht sein Fall. Er entdeckte, daß die versöhnliche Stimmung von heute mittag in seinem Innern bis in die Nacht angehalten hatte. Sie wurde selbst durch die scheußliche Mörderei nicht verdrängt, der er in dieser Ausführung während seiner langen Praxis noch nie begegnet war. Er hatte sie pragmatisch in ein System bloßer, emotionsferner Fakten übertragen, im Grunde nicht anders, so gestand er sich ein, als heute dieser junge Tscheche.

Allein wie immer, hinter einer Palisade betonten Desinteresses an jeglichem Kontakt verschanzt, saß er schon die zweite Stunde in der Ecke des Bartresens im Deutschen Haus Am Graben, nippte an einem mäßigen Cognac verdächtiger Herkunft, ach, wo ist es hin, das süße Frankreich? und hatte zum erstenmal seit dem Augenblick, da er seine beiden verlor, das Bedürfnis, sich Gedanken darüber zu machen, was er später, was er dann tun würde ...

Das unbekannte Dann. Ein unheilverkündendes Dann oder ein Dann der guten Hoffnung? Wann tritt es endlich ein? Welche Gestalt wird es annehmen? Und wie soll er sich darauf einstellen? Soll er mit Gewalt die innere Schranke niederreißen, die ihn seit gewisser Zeit daran hinderte, an eine grundsätzliche Wende des Krieges zugunsten der Achse Berlin–Tokio zu glauben, wie es der Herr Reichsminister für Aufklärung und Propaganda dem Volk in jeder seiner Reden fanatisch einhämmert? Ein Kriminalist pflegt ein Elefantengedächtnis zu haben, wie hätten ihm da all die Goebbelschen Versprechensversprechen der letzten zwei Jahre entfallen können?

Doch übertreibt er seine Skepsis nicht? Ist er nicht womöglich durch seinen Beruf gefährlich deformiert, der ihn zwingt, keiner Behauptung zu trauen?

Warum sollte man nicht probehalber, einfach so ins Unreine, dem Gedanken stattgeben, daß der Führer, der doch die einst glorreichen europäischen Armeen aufs Haupt geschlagen hatte, den Alliierten eine gigantische Falle stellte, zu der auch der vorgetäuschte Rückzug an allen Fronten gehörte? Warum sollte man es sich nicht vorstellen können, daß die Gegner von einer zusammengepreßten Spirale am kritischen Punkt zurückgeschleudert und gleich darauf von einem riesigen Hammer oder Blitz dezimiert werden würden, so daß das Dritte Reich im Bunde mit Japan die Welt am Ende doch beherrschen könnte? Was würde ein Sieg, der die bisherigen Gesellschaftsordnungen zugunsten einer neuen Geschichtsepoche niederreißt, für Oberkriminalrat Buback mit sich bringen?

Sollte das schicksalsträchtige Dann in naher Zukunft eintreten, worauf die schlichte Tatsache hindeutete, daß bald kein weiterer Rückzug mehr möglich sein würde, dann könnte er in die kommende Zeit als Mittvierziger eintreten, der über einen hohen Polizeidienstgrad und ein Spitzengehalt verfügte, doch mutterseelenallein dastand.

Seit jenem Tag, da ihm die fremde Stimme, die durch das Ausrichten ähnlicher Botschaften längst abgestumpft war, mehr der Ordnung halber erklärte, daß die beiden Stützen seines Lebens gleichzeitig zu existieren aufgehört hatten, war auch der wichtigste Teil seines Wesens abgestorben, der zuvor ihnen gehört hatte. Frauen, die ihn noch in Belgien hatten trösten wollen, wie auch alle, die sich später für ihn entflammten, stießen schon beim ersten Versuch auf eine Wand aus Eis. Einige von ihnen verbreiteten rachsüchtig, er sei kein echter Mann. Er ahnte es, widersprach aber nicht. Es war der krampfhafte Versuch, dem Schicksal eine Korrektur abzutrotzen, als ob seine Treue dazu angetan gewesen wäre, die beiden wie durch ein Wunder aus der Asche auferstehen zu lassen, in die sie sich verwandelt hatten.

Die Bombe von heute mittag hatte ihm den Frieden zurückgegeben. Als das Haus zu beben aufhörte, war auch die vielmonatige Erschütterung in ihm zu Ende, und er wurde gewahr, daß Hilde und Heidi inzwischen unmerklich zu einem Teil seines lebenden Ichs geworden waren. Die unterbrochenen Kontakte hatten sich wiedergefunden wie Nerven, bei einer Operation durchtrennt. Er begann wieder zu empfinden.

Falls das Reich wirklich den Krieg gewinnt und er dabei nicht draufgeht, dann wird er den Rest seiner Jahre doch nicht in Trauer verbringen. Die Toten müssen ersetzt werden! Hätte Hilde ihn überlebt, wußte er jetzt, hätte sie wohl genauso empfunden und auch gehandelt ...!

Die Bar füllte sich rasch, der Lärm schwoll an, und vor allem drohte die Gefahr, daß sich einer von Meckerles Schlagetots zu ihm setzte. Diese Kerle hatten den Tick, ihre Angst mit Tiraden vom Endsieg zu betäuben, im Nu würden sie das in Zweifel ziehen, woran er von neuem zu glauben versuchte. Und das, was er von morgen an entschieden vorantreiben wollte.

Er mied die bereits verlassenen, stinkenden Trümmer des Eckhauses und, dem Geländer folgend, hinter dem die steinerne Mauer steil zum unteren Ufer abfiel, ging er so langsam wie möglich an Seinem Haus vorbei. Obwohl ihn kein Mensch in dieser Finsternis wahrnehmen konnte, blickte er nur aus den Augenwinkeln zur obersten Etage hinauf. Schon wieder durchflutete ihn das Wonnegefühl, daß er Es schaffte. Jetzt wird er noch die Gefahr bannen, es könnte bei diesem Mal bleiben.

Auf der Nachbarbrücke wurde noch fieberhaft gearbeitet. Dort hat offenbar eine andere Bombe ein paar Statuen umgeworfen. Ein Autokran brachte eine davon gerade von den Straßenbahnschienen weg, sie sah wie ein riesiger Leichnam aus. Er blieb stehen und blickte sich um. Hier zwischen den Brücken war er auf der Uferstraße völlig allein.

Er stellte die Umhängetasche auf den Gehsteig, machte sie auf und suchte, tief niedergebeugt, zuerst einmal Das ding. Das Wachstuchpäckchen war immer noch weich, vorsichtig schob er es in die Ecke der Tasche, wo es besser geschützt schien. Dann ertasteten seine Finger den Griff des schmalen langen Messers in der Lederscheide. Als er es herausnahm und in die Bundjacke schob, gab er acht, daß er sich nicht verletzte. Damit hat seinerzeit in Brünn sein Mißgeschick begonnen.

Im Souterrainfenster gegenüber zeichnete sich ein schmaler Lichtstreif unter dem Rollo ab. Alles war bedacht. Er wird klingeln und dann sagen, falls das überhaupt nötig sein wird: Luftschutzkontrolle! Er muß nur die Mütze abnehmen und seine Stimme verstellen, nachdem er dem Mann mittags so dumm geantwortet hat. Dann genügen der Fuß als Keil, der Ellbogen als Brechstange und zur Sicherheit zwei Stiche. Er trat auf die Fahrbahn, als die Sirenen allseits Warnung gaben.

Der frisch verwundeten Stadt genügte sie. Die Leute an beiden Brücken rannten in die Schutzräume. Noch war der letzte Ton nicht in der Tiefe verhallt, als die Sirenen wieder losgingen, diesmal kündigten sie mit wild auf- und abklingenden Glissandi den kurz bevorstehenden Fliegerangriff an. Er befürchtete, auch der Hausmeister könne im Keller verschwinden, und setzte sich in Bewegung, um ihn abzufangen, als sich die Tür schräg gegenüber von selbst öffnete. In dem dunklen Schlund blinkten die blauen Lichter zweier Taschenlampen auf.

Scheisspolizei!!

Ein paar Meter weiter führte eine breite Eisentreppe zum Flußufer hinunter, dorthin hat er sich ursprünglich absetzen wollen. Früher, als er es vorhatte, rannte er zum dunklen Wasser hinab. Nichts zu machen, er wird demnächst wieder herkommen, inzwischen muß er sein Äußeres verändern. O ja, das kann er doch jedesmal tun! Wieviel Zeit blieb ihm überhaupt bis zum Zug? Er mußte seinen Arm nahe an die Augen halten, um die Zeiger zu erkennen. Dann bekam er einen Schreck, als die Nacht zum Tage wurde. Haben sie ihn gefunden??

Das Dröhnen der hoch fliegenden Maschinen und das ferne Gebell der Flak beruhigten ihn. Er wußte, daß die Leuchtbomben an den Fallschirmchen die Luftabwehr blenden, doch statt in Angst zu geraten, sah er gebannt dem Reigen zahlloser Stanniolstreifen zu, von denen die Zielgeräte der deutschen Schützen zusätzlich abgelenkt werden sollten.

Mit diesem Feuerwerk hat ihm bestimmt Sie gratuliert.

Morava wurde von dem Lichtzauber bei Jitka überrascht.

«Nehmen Sie sich ein Motorrad, schaffen Sie sie und sich selber heim und morgen früh wieder her!» entschied Beran; die Straßenbahnlinien nach Pankrác waren immer noch unterbrochen, und der Hauptkommissar hatte ein schlechtes Gewissen, weil er die beiden bis tief in die Nacht dabehalten hatte.

Allein der dienstliche Auftrag, mit dem der Chef ihn so unerwartet auszeichnete, brachte Morava aus der Fassung, und die zusätzliche Mission verwandelte den blutigen Tag in einen persönlichen Festtag. Zwei Freuden verquickten sich zu einer, doch selbst deren vereinte Kraft reichte nicht aus, ihm die Scham zu nehmen, die sogar die sprichwörtliche Scheu des Mädchens übertraf.

Bestimmt hätte er sie nur bis vor die Tür des Vorstadthäuschens, fast romantisch in einer der Sackgassen mitten im bewaldeten Felsenhang gelegen, begleitet und sich mit bravem Händedruck von ihr verabschiedet, wären da nicht die Flieger gewesen, die aus rätselhaften Gründen in diesem Moment statt neuer Bombenlasten eine langsam herabsinkende Lichtflut über Prag abwarfen. Offenbar wollten sie sich nur vor einem neuen folgenschweren Irrtum bewahren, Jitka aber sah es als Vorspiel einer Katastrophe an.

«Rasch!» befahl sie ihm mit einer Entschiedenheit, die er nie zuvor an ihr bemerkt hatte, «lassen Sie das Motorrad stehen, und rein in den Keller!»