Verlag: Saga Egmont Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

Erhalten Sie Zugriff auf dieses
und über 80000 weitere Bücher
ab EUR 4,99 pro Monat.

Jetzt testen
7 Tage kostenlos

Sie können das E-Book in Legimi-App für folgende Geräte lesen:

Tablet  
Smartphone  
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Seitenzahl: 386 E-Book-Leseprobe lesen

Das E-Book kann im Abonnement „Legimi ohne Limit+“ in der Legimi-App angehört werden für:

Android
iOS
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Das E-Book lesen Sie auf:

Kindle MOBI
E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Sicherung: Wasserzeichen E-Book-Leseprobe lesen

E-Book-Beschreibung Tango mortale - Pavel Kohout

Julia, die ehemals gefeierte Primaballerina, ist in die Jahre gekommen. Die Heirat mit einem italienischen Fürsten hat ihr ein Millionenvermögen beschert. In Prag, ihrer Heimatstadt, begegnet sie dem jungen Leo, der seine Position in einer IT-Firma aufgegeben hat, um sich als bezahlter Taxi-Dancer bei Tango-Partys durchzuschlagen. Sein Aussehen, seine Jugend und seine tänzerische Virtuosität machen ihn zu einem geeigneten Kandidaten für ihren raffinierten Plan: Um ihr Vermögen vor der Verwandtschaft zu schützen, soll Leo adoptiert und so der Alleinerbe werden. Aber Leo hat in Prag einen fatalen Deal abgeschlossen, der ihn bis nach Italien verfolgt... Prag, Rom und Capri sind nur einige Stationen des neuesten Romans von Pavel Kohout, dessen Episoden Vergangenheit und Gegenwart Europas berühren. Ein Roman, der nicht nur alle Kohout-Fans in seinen Bann ziehen wird. "Hinter diesen flachen Hügeln", sagte sie, "liegt Rom. Und alles, was du siehst, wenn du dich umschaust, ist die Regione Mortadini. Mein Fürstentum." AUTORENPORTRÄT Pavel Kohout, 1928 in Prag geboren, ist als Schriftsteller und Dramatiker international bekannt geworden. Als einer der Wortführer des »Prager Frühlings« von 1968 wurde er aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und über zwanzig Jahre totgeschwiegen. Mitverfasser der »Charta 77«, daraufhin 1979 ausgebürgert. Zu seinen bekanntesten Werken gehören: »August August, August« (1968); »So eine Liebe« (1969); »Wo der Hund begraben liegt« (1987) und »Sternstunde der Mörder« (1995). Bei Osburg erschienen »Die Schlinge« (2009) und »Mein tolles Leben mit Hitler, Stalin und Havel« (2010) und »Der Fremde und die schöne Frau« (2011). Pavel Kohout lebt heute in Wien und Prag.

Meinungen über das E-Book Tango mortale - Pavel Kohout

E-Book-Leseprobe Tango mortale - Pavel Kohout

Pavel Kohout

Tango mortale

Roman

Aus dem TschechischenvonSilke Klein

Saga

Der tschechisch-deutsch-italienischen Schauspielerin und leidenschaftlichen Tangotänzerin Jitka Frantová-Pelikánová gewidmet.

P. K.

Die Stufen des Dramas nach Aristoteles:

Die Personen werden vorgestellt.

Die Personen treffen aufeinander.

Die Personen machen sich schuldig.

Die Personen beschuldigen sich.

Die Personen werden verurteilt oder sittlich gereinigt.

Dann bekommt das Drama einen Sinn.

Exposition

Kap. I.–VII.

I. Giulietta

Mit einem Schluck Single-Malt-Whisky begann sie jeden ihrer Flüge, denn sie hatte sich ihr ganzes langes Leben nicht damit abfinden können, dass ein Haufen Metall, der sehr viel schwerer war als Luft, fliegen konnte. Auch diesmal füllte sie sich rechtzeitig aus der Hausbar ihren silbernen Flachmann, den ihr Vittorio geschenkt hatte, wann? zum Fünfzigsten, und der war schon lange im Nebel der Zeit verschwunden. Aus der gecharteten Cessna stieg ihr Lieblingspilot aus, den sie sich rechtzeitig bei der Firma hatte bestellen können.

»Hallo, Michal!«

»Ich grüße Sie, Fürstin! Wir haben uns ja lange nicht gesehen.«

»Eben. Also sind Sie schon wieder geschieden?«

»Irgendwie habe ich das bisher nicht geschafft.«

»Nein! Immer noch die Australierin?«

»Neuseeländerin.«

»Ja ... da hat Sie wohl endlich eine wirklich gekapert?«

»Es sieht so aus. Wir erwarten bald ein Kind.«

»Soweit ich weiß, ist es das dritte!«

»Ja, soweit ich weiß.«

»Allerdings hat Sie das, wie wir alle wissen, noch nie daran gehindert, auszufliegen.«

»Zum ersten Mal droht eher, dass sie ausfliegt.« Er grinste und wollte ihr die Treppe hinaufhelfen, doch wie immer wehrte sie ab und stieg selber hoch.

Mickel Comar, entgegen seinem ursprünglichen tschechischen Namen Komár, also Mücke, ein zwei Meter großer junger Mann, war ein Kosmopolit, der drei Weltsprachen beherrschte, doch mit ihr sprach er nur in der gemeinsamen Muttersprache – Mährisch, wie sie stolz das Tschechische in der Region Haná bezeichnete. Michal, der zum ersten Mal im franko-kanadischen Montréal das Wort »Mama« von sich gab, hatte das kleine Einmaleins im anglo-kanadischen Vancouver gelernt und im italo-schweizerischen Locarno Technik studiert, wo sein Vater Vorlesungen über Völkerrecht hielt, und er hatte sich seine Muttersprache perfekt in Wort und Schrift erhalten, wenngleich seine Eltern, die nicht an die Dauerhaftigkeit der politischen Erwärmung der sechziger Jahre glaubten, sofort nachdem sie ihren ersten Reisepass erhalten hatten, emigrierten. Was sie während der komplizierten Anfangsjahre bei seinen zwei Geschwistern in Amerika nicht geschafft hatten, kompensierten sie bei ihrem Jüngsten, der schon in Kanada zur Welt kam und der dann nach der Rückkehr normaler Verhältnisse in seiner freien Heimat der King war, als er seinen auf ihn eifersüchtigen Brüdern ihre Flirts übersetzte. Giulietta hatte ihn kennengelernt, als er sie, damals noch zusammen mit Vittorio, von Cannes zurückflog, wo sie der Jury bei einem Wettbewerb junger Balletttänzerinnen vorgesessen hatte; während er Vittorio die Treppe hinabhalf, rief er seinem vorbeigehenden Kollegen »Ahoj!« zu. Michal war anscheinend beliebt und als Pilot zuverlässig, denn man musste ihn bei der Gesellschaft Aviatica mindestens einen Monat im Voraus buchen. In den zehn Jahren, in denen sie ihm mindestens einmal in drei Monaten begegnet war, hatte er es zweimal zum Vater gebracht und sich zweimal scheiden lassen, wenngleich er die Christusjahre, also dreiunddreißig, noch nicht erreicht hatte. Die offensichtliche Unbeständigkeit war eigentlich das Einzige, was störend an ihm war, um als Hauptkandidat in ihrem immer dringlicher werdenden Plan zu gelten; lange hatte sie sich auf Anraten ihres Rechtsanwalts angeschickt, ihn bei der nächsten besten Gelegenheit für ein paar Tage zu buchen, um Zeit zu haben, ihn ordentlich zu durchleuchten, doch gerade heute hatte sie dazu nicht die geringste Lust.

Zu ihrem runden Geburtstag unternahm sie eine Reise, die sie vierzig Jahre lang aufgeschoben hatte. Michal wunderte sich, dass niemand mit ihr »dorthin« flog. Deshalb war seine nächste Frage für sie keine Überraschung.

»Prinzessin, ist dies heute das erste Mal oder waren Sie schon einmal mit jemand anderem dort?«

»Das könnte ich Ihnen nicht antun, Michal.«

»Und wie kam es dazu ... so auf einmal?«

»Familienangelegenheiten. Ich kann sie nicht länger aufschieben.«

»Wartet jemand auf Sie?«

»Peppino mit seinem Wagen.«

»Ich meinte jemand, der sich auskennt.«

»Nein, ich habe dort niemanden mehr.«

»Schade, dass ich weitere Kunden habe, ich würde für Sie gern den Reiseführer durch Prag spielen.«

»Mein Fehler, dass mir das nicht eingefallen ist, aber ich will eigentlich woanders hin.« Sie hatte keine Lust, sich ihm anzuvertrauen, und er war zu gut erzogen, als dass er sie weiter ausgefragt hätte, so stellte er nur noch eine Frage:

»Und in welchem Hotel wohnen Sie?« Sie sagte ihm den Namen, den sie selbst erst seit gestern kannte.

»Das ist Extraklasse. Zuletzt hat Obama dort residiert.« Dann wechselte er das Thema. »Haben Sie mich auch für den Rückflug gebucht?«

»Ich habe leider keine Ahnung, wann ich zurückkommen werde.« Er nahm es zur Kenntnis, wünschte ihr wie immer »happy landing« – worauf sie ihm wie immer antwortete, dass dies ganz an ihm liege – und überließ sie dem Steward. Diesen älteren Italiener musste sie logischerweise schon irgendwann an Bord einer der Aviatica-Maschinen getroffen haben, doch der hatte sich nicht in ihr Gedächtnis eingeprägt, was, wie sie meinte, nur daran liegen konnte, dass er keine Persönlichkeit hatte. Sie hegte keinen Wunsch, und so verließ er mit einer Verbeugung die Kabine, schob die Verbindungstüre zu und zog sich ins Cockpit zurück.

Der Salon für die Reisenden war in den teuersten Cessnas individuell eingerichtet, in diesem war sie schon mehrmals geflogen, ihn schmückten Reproduktionen von Gemälden aus der Sixtinischen Kapelle. Sie wusste längst, dass diese Maschine gern von Diplomaten des Vatikans genutzt wurde, deshalb befand sich hier auch ein altertümlicher Betstuhl. Der kleine, aber elegant eingerichtete Raum war für sechs Reisende bestimmt, von denen jeder seinen Ledersitz in eine Liege verwandeln konnte. Wie immer küsste sie ihr Medaillon, nahm den Flachmann aus der Handtasche, schraubte den Verschluss mit dem kalibrierten Kelch ab und trank ihr obligatorisches »Hütchen«, wie sie sagte, Malt-Whisky, den Vittorio direkt von einer irischen Schnapsbrennerei bezogen hatte, wo sie ihn gemeinsam auf der Hochzeitsreise gekostet hatten. Sofort spürte sie jene Leichtigkeit, die sie an die drehenden Hebefiguren des Pas de deux in den Armen eines perfekten Partners erinnerten. Als Michal an den Anfang der Startbahn gerollt war und der Düsenflieger wie ein Rennpferd aus der Box startete, hatte sie sich mit dem Gedanken angefreundet, dass diese Tonnen Masse wirklich in die Luft aufsteigen können.

Sie wusste, dass die Reise gegen den Strom so vieler Jahrzehnte knapp zwei Stunden dauern würde, trotzdem war sie überrascht, wie schnell ihr Michal über das Bordtelefon mitteilte, sie würden gerade die Grenzen ihrer alten Heimat überfliegen. Seit dem Start waren achtzig Minuten vergangen, und sie wurde sich bewusst, dass sie die ganze Zeit halb sitzend, halb liegend verbracht hatte, völlig »abgeschaltet«, reglos und ohne einen einzigen Gedanken. Sicherheitshalber hatte sie sich noch ein zweites Hütchen genehmigt, auf dass es sie auch weiterhin nicht nur vor Erinnerungen, sondern auch vor der Versuchung bewahren möge, aus dem Fenster zu schauen. Sie hielt es erst nicht mehr aus, nachdem die Maschine schnell an Höhe verlor und Michals Stimme sie fragte, ob er über der Stadt kreisen solle.

»Müssen Sie das?«

»Nein, ich kann auch gleich über Kladno zur Landung ansetzen.«

»Dann tun Sie das, ich will keine Zeit verlieren.« Sie gab nicht zu, wegen der Silhouette des »Radschin« feuchte Augen bekommen zu haben. Nun nahm sie zum dritten Mal einen Schluck, versteckte den zugeschraubten Flachmann in der Handtasche und richtete entschlossen ihren Blick auf den nahenden Erdboden.

Sie überflogen ein paar verbliebene Fördertürme, die ihr im Gedächtnis geblieben waren, als sie das letzte Mal von hier aus gestartet war. Von Ruzyně bis fast zu ihnen hatte damals die Sowjetarmee sämtliche Wiesen besetzt, am gesamten Horizont entlang parkten Hunderte Panzer und Militärlaster. »Eklig wie Gewürm!«, hatte Viktor gesagt, und sie hatte den Rest der Strecke nach Rom durchgeweint. Die ehemaligen Felder waren nun unter zahllosen Bauten verschwunden, die für alle Vorstädte westlicher Metropolen typisch waren und die Prag offensichtlich einholen wollte. Da hatte sich auch schon – dafür war Michal besonders bekannt! – die Cessna weich an die Landebahn geheftet, die die Okkupanten 1968 vorzeitig geöffnet hatten, doch die Maschine bog nicht zu dem modernen Komplex ab, der mit Dutzenden Armen ausgestattet war, sondern rollte weiter, von ihnen weg, so als wollte sie sie bis zur Stadtmitte bringen. Erst nach einer Weile erinnerte sie sich an die Information ihres Reisebüros, dass man ihr das bezahlt hatte, was man als »Regierungsflughafen« bezeichnete. Nachdem Michal die Motoren ausgeschaltet hatte, meinte sie, das Flughafengebäude aus ihrer Jugend zu erkennen, wo man seine Bekannten noch direkt bis zu den Flugzeugen begleiten und sie dort auch wieder hatte begrüßen dürfen. Nun parkten hier ein paar kleine Maschinen und vor ihnen ein weißer Rolls-Royce Ghost, neben dem mit Mütze ihr Chauffeur, Kellner, Bodyguard und Mann ihrer Köchin und Zofe, Peppino, stand. Wieder küsste sie das Medaillon und betrat die Vergangenheit.

II. Leo

Dieser Freitag war schon seit Mitternacht schwarz. Die Milonga im Prager Stadtteil Karlín endete für ihn mit einem Fiasko, wie er es nie zuvor erlebt hatte. Die hässliche Engländerin, die ihm dreißig Pfund Sterling versprochen und ihn dann dreimal eine Dreiviertelstunde lang mit ihren Knochen durchbohrt hatte, war endlich austreten gegangen, und so konnte er sich wenigstens etwas erholen, doch sie war recht lange dort, also schickte er eine Garderobendame zu ihr. Durch sie erfuhr er, dass von der Toilette ein weiterer Zugang ins Lokal und von dort aus auf die Straße führte; die Nacht war so warm, dass die Betrügerin keinen Mantel brauchte. Seine Stimmung wurde auch dadurch nicht besser, dass ihn seine Erfindung, »der große Topf«, vor einem totalen Minusgeschäft bewahrte. Den Topf hatte der Rest der Truppe schon im Frühjahr als gute Art einer Kollektivversicherung akzeptiert, er machte mühselige Konkurrenzkämpfe und Betrügereien überflüssig; er bekam aus diesem Gemeinschaftstopf wenigstens sechshundert Kronen, weil die anderen ein anständiges Geschäft gemacht hatten, doch sie verdarben es ihm mit gepfefferten Kommentaren.

Auf dem Weg nach Hause wurde er unverfroren von einem Taxifahrer betrogen, doch angesichts dessen Bizeps wollte es Leo nicht auf eine Konfrontation mit ihm ankommen lassen. Auf dem Bett fand er einen Brief seiner älteren Schwester Věra, in dem sie ihn recht unsanft aufforderte, endlich die zwanzigtausend Kronen rauszurücken, die sie ihm für einen neuen Laptop geborgt und die er bis Ende vergangenen Jahres versprochen hatte, zurückzuzahlen. In einem Anflug von Hoffnungslosigkeit surfte er im Internet und wollte riskanterweise sein gesamtes Bargeld im Hasardspiel einsetzen, doch zum Glück wusste er sich zu beherrschen. Und beim späten Frühstück rauschte er wieder mit seiner Mutter zusammen.

Es war nicht das erste Mal, dass sie ihm vorhielt, die gut laufende Firma, in der er Karriere hätte machen können, verlassen zu haben, doch nie zuvor hatte sie das Wort verwendet, das ihn umso mehr in Rage brachte, als er es schon lange erwartet hatte. Das Gespräch hatte dabei ganz unschuldig begonnen.

»Robert hat dich angerufen.« Das war sein bester Freund aus der Hochschulzeit.

»Was wollte er?«

Noch drei Jahre nach Studienabschluss hatten sie zusammen in der Firma Sonnymat gearbeitet, ehe er gegangen war. Robert hatte nie aufgehört, ihm dies vorzuhalten, und Leo hatte sich deshalb allmählich von ihm zurückgezogen.

»Dich auf ein Bier einladen.«

Jetzt freute ihn dies, denn die neue Truppe ging ihm langsam aber sicher auf die Nerven. Robert war ein Grübler, man konnte sich mit ihm immer intelligent unterhalten, außerdem sagte er nicht dreimal in jedem Satz »Spacko« wie Kája, Míra und Lád’a ohne Unterschied; Leo deprimierte am meisten, dass er unwillkürlich selber mit diesem Spacko-Geschwätz begonnen hatte.

»Hat er mir eine Nachricht hinterlassen, wo und wann?«

»Du sollst ihn anrufen.«

Darauf nahm das Gespräch eine jähe Wende: »Er hat mich gefragt, was du jetzt machst.«

»Und was hast du ihm gesagt?«

»Was hätte ich denn sagen sollen?«

»Na, dass ich auf Bestellung Webseiten kreiere!«

»Und tust du das?« Er wurde langsam wütend.

»Das tue ich!«

»Und was ist das eigentlich?«

»Mama, du hast dich während meines gesamten Studiums nicht dafür interessiert, jetzt wirst du das kaum mehr verstehen!«

»Und Papa versteht das?«

»Papa weiß das!«

»Und weshalb fragt er mich dann, womit du dein Geld verdienst?«

»Er fragt dich? Warum?«

»Wahrscheinlich deshalb, weil ich tagsüber mit dir zu Hause bin.«

»Dann musst du doch auch am besten wissen, womit ich mein Geld verdiene.«

»Na, mit diesen Seiten wahrscheinlich nicht.«

»Wie willst du das wissen?«

»Weil du immer, wenn ich in dein Zimmer schaue, schläfst.« Er geriet in Rage.

»Du spionierst mir also hinterher?? Meine eigene Mutter?«

»Und wer anderes sollte dich warnen?«

»Wovor denn bitte schön!!«

»Leo, was soll eine Mutter machen, die auf ihren Sohn stolz war, weil er mit lauter Einsen sein Studium absolviert hatte, wenn er jetzt mit Tanzen sein Geld verdient?« Das traf ihn.

»Wer hat dir das gesagt?«

»Ich bin dir gestern hinterhergegangen.«

»Wohin ...?«

»Nach Karlín.«

»Wie bist du, bitte schön, auf die Idee gekommen, mich in Karlín zu suchen?«

»Das stand in deinem Kalender ...«

»Mama, ich verbitte mir, dass du meine Sachen durchsuchst, als wäre ich in der Pubertät, ich bin ein erwachsener Mann!!« Und dann fiel das Wort.

»Wie kann ein erwachsener und studierter Mann einen Gigolo abgeben ...?«

Er schaute sie an und konnte nicht antworten, deshalb tat er das Einzige, wozu er in diesem Moment in der Lage war: er rannte aus der Küche, knallte die Tür zu, holte sein Sakko und den Beutel mit den Tanzschuhen aus seinem Zimmer und warf anschließend auch noch laut die Wohnungstür hinter sich zu. Ja, das Wort hatte sich ihm schon lange in sein Gehirn gegraben wie ein Wurm in einen Apfel, doch erst ausgesprochen bekam es die abstoßende Form, die auch ihn schreckte. Es stimmte, sämtliche Bemühungen, vom Computer unbeleckten Senioren die Verwaltung von Webseiten anzubieten, waren ohne Reaktion verhallt. Es stimmte auch, dass er seit dem Moment, in dem sein Sozialversicherungsanspruch erloschen war, nur von dem gelebt hatte, was er sich »ertanzt« hatte. Es stimmte, dass er sich in gefährlicher Weise daran gewöhnt hatte. Es stimmte sogar auch, dass dies von Anfang an recht viel Geld abwarf, denn der argentinische Tango war gerade »in«, öffentliche und private Milongas kamen in Mode und fanden in Prag und der weiteren Umgebung jeden zweiten Tag statt. Es stimmte aber auch, dass die Einkünfte nicht ausreichten, um bei seiner Schwester die Schulden zu bezahlen und nach einem halben Jahr wieder seinen Beitrag zum Haushalt zu entrichten, wenn er schon dort lebte, ohne Wohnung und Verpflegung bezahlen zu müssen. Und vor allem stimmte es, dass er spürte, wie er sich langsam aber sicher erniedrigte und dabei wahrscheinlich nicht mehr in der Lage war, diesen Prozess irgendwie aufzuhalten.

In diesem Zustand ratloser Gereiztheit streifte er ein paar Stunden ziellos durch die Straßen, bis ihm die Füße wehtaten. Bis zur heutigen Milonga dauerte es noch ein Stück des Nachmittags, das er am liebsten verschlafen hätte. Da er nicht wusste, wo und wie er für den Abend Kraft schöpfen konnte, kam er auf den Gedanken, sich im Multikino am Anděl eine Karte für die nächsten zwei Vorstellungen zu kaufen, und er hatte Glück: beide Filme waren so langweilig, dass es ihm wirklich gelang, auch mit der notwendigen Pause, zweimal für neunzig Minuten einzuschlafen. Anschließend stellte er fest, dass er sogar Verspätung hatte und die Truppe ohne ihn beginnen würde, was ihn mit seinem heutigen Pech bei der Auswahl der »Süchtigen«, wie sie die begierigen Damen bezeichneten, um die sie am Anfang losten, benachteiligen würde, denn er hatte meistens das Glück des »ersten Abfischens«. Als er auf dem Jirásek-Platz aus der Straßenbahn ausstieg und zum Lokal Mánes spurtete, wurde er beinahe von einem so herrlichen Auto überfahren, dass er auf dem Bürgersteig stehen blieb und mit den Augen die weißglänzende Limousine der Marke Rolls-Royce verzehrte, die die höchste Typenbezeichnung Ghost, also Geist, trug und die Prager Kreuzung wirklich wie eine Erscheinung passierte. Er lief ihr ein Stück hinterher und sah von Nahem, wie der Chauffeur die hintere Tür öffnete und sich die hohe Mütze vom Kopf zog. Eine alte Dame in jugendlichen Jeans stieg aus.

III. Prag

Prag zeigte ihr sein freundlichstes Gesicht und begrüßte sie mit dem schönen Wetter des bevorstehenden Sommers. Signore Bartolo, der Direktor ihres Lieblingsreisebüros in Rom, der sich wie ein hoher kirchlicher Würdenträger bewegte und auch so sprach, hatte zweifelsohne die Leitung des Prager Grandhotels mit seinen Mails, Anrufen und Interventionen über Skype so gedrillt, dass diese sich auf sie ebenso vorbereitet hatte wie auf Obama. Als Peppino, der schon einen Tag zuvor mit den Koffern angekommen war und im Flughafenhotel geschlafen hatte, vor dem Haupteingang vorfuhr, so als sei dort eine weiße Yacht gelandet, öffneten die Boys in Livree gleichzeitig beide Flügel der Eingangstür, und der Hoteldirektor sprach sie, eine Rose in der Hand haltend, in englischer Sprache mit dem richtigen Titel an – »Serene highness!« – also »Prinzessin«. Natürlich hatte er für sie dieselbe Suite wie für den amerikanischen Präsidenten hergerichtet, denn Bartolo hatte sicher auch nicht versäumt anzudeuten, dass sie als Witwe eines Mannes, der darüber hinaus viele Jahre Senator war, auch weiterhin Mitglied des Klubs führender italienischer Politiker und vor allem des europäischen Hochadels sei. Allerdings wusste er nicht und konnte deshalb das Personal nicht darauf aufmerksam machen, dass sie Tschechisch sprach, somit sprachen anfangs alle mit ihr Englisch, während sie das Vergnügen hatte, solche Aufforderungen zu verstehen wie »Franta, du sollst ihr die Aufzugtür aufhalten!« oder »Idiot, zerkratz den teuren Koffer nicht!«. Sie wollte nicht, dass sich daraus ein riesiger Skandal entwickelte, deshalb gab sie ihr Geheimnis schnell preis und betonte, die paar Bemerkungen überhört zu haben. Wiederum amüsierte sie, dass der »Idiot mit dem Koffer«, als er sich für das reichliche Trinkgeld mit einem Diener bedankte, sie mit »Frau Prinzessin« ansprach. Im selben Augenblick stellte sich die Hoteldame mit ihrer Assistentin ein, unter ihrer Leitung wurden alle Sachen aufgehängt und verstaut. Aus ihrem Gesichtsausdruck schloss sie, dass selbst die schöne Frau Obama keine drei Paar Tanzschuhe mit sich geführt hatte.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!