Aus dem Tagebuch eines Konterrevolutionärs - Pavel Kohout - E-Book

Aus dem Tagebuch eines Konterrevolutionärs E-Book

Pavel Kohout

5,0

Beschreibung

"Dieses Buch ist zur Information all jener bestimmt, die versuchen, den ziemlich komplizierten Lebensweg unserer Generation zu begreifen. Es ist eine Geschichte, deren dramatischer Bogen mit den sowjetischen Panzern in den Prager Straßen 1945 beginnt, als sie die Tschechoslowakei befreiten, und 1968 endet, als sie sie okkupierten. Ich habe den ›Memoiroman‹ absichtlich in drei Ebenen aufgeteilt. Ein Teil davon ist die Geschichte des politischen Prager Frühlings 1968; darin spiele ich mich selbst. In den beiden anderen tritt ein Mensch als ein Bürger und als ein Tourist auf, der mir nur zu ähnlich ist. Ich versuchte, die Lage seines Denkens in verschiedenen Zeitschichten der Vergangenheit und Gegenwart möglichst authentisch aufzuzeichnen." (Pavel Kohout)-

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Pavel Kohout

Aus dem Tagebuch eines Konterrevolutionärs

Saga

Mittwoch, 21. August 1968(Fortsetzung)

San Marino

Sie banden mich an einer Säule in einem riesigen Saal fest. Die Decke konnte ich nicht sehen. Ringsum hingen schwere Samtvorhänge. Einer schob sich lautlos auseinander. Ein vielstimmiges ersticktes «Ah!». Kein Zweifel: ich befand mich auf der Bühne.

In der Mitte der ersten Reihe das Gesicht meines Vaters, mehr geahnt als gesehen. Ich wollte aufschreien, aber der Knebel erstickte meine Stimme: Nicht einmal die Gnade des letzten Wortes wurde mir gewährt.

Aus dem Portal trat ein schwarz gekleideter Mann, in der Hand ein glühendes Schwert. Demütigung, Zorn und Verzweiflung mischten sich zu einer Träne. Die Konturen der Dinge und Gestalten vervielfachten sich. Mein letzter Blick sah die Welt so zerstückt, wie sie jene bekannte ungeheure Fliege auf den Schautafeln in der Schule sah. Dann näherte sich das Schwert meinen Augen, und das Bild explodierte in Glut und Schmerz.

Ich riß den Kopf herum. Die Glut erlosch, der Schmerz schwand. Ich öffnete die Augen. Neben mir brannte auf dem Polster einer der Strahlen, die zwischen den Lamellen der herabgelassenen Jalousie hereindrangen. Die Morgensonne mußte direkt gegenüber dem Zimmer stehen.

Auf meinen Wangen verklebten wirklich vergossene Tränen. Sie hatten mich gerettet wie einst Michail Strogoff. Warum hatten sich die unsichtbaren Relais im Gehirn zusammengeschaltet und nach zwanzig Jahren diese längst abgelegte Geschichte nochmals gesendet? Ich drehte den Kopf, um die Traumdeuterin zu fragen. Sie lag neben mir wie eine schöne, balsamierte Leiche. In der Nacht war ihr zu warm geworden, sie hatte das Leintuch weggeworfen.

Ich kletterte über sie hinweg und ging zum Fenster, um die Jalousie aufzuziehen. Durch die offene Tür und die Spalten der Jalousie strömte etwas kühle Luft herein. In Italien freute ich mich jeden Tag wie ein Süchtiger auf diese morgendlichen Minuten, da man atmen konnte.

Die Jalousie bewegte sich nicht.

Ich begann, das System zu untersuchen. Das Band verschwand im Oberteil des Fensterrahmens. Ich versuchte zu ziehen. Sachte, dann stärker. Die Jalousie gehorchte nicht.

Ich brachte einen Stuhl ans Fenster. Auch wenn ich auf den Fußspitzen stand, fehlten mir zwei, drei Zentimeter. Ich wurde langsam unwillig. Der Morgen ist für mich unendlich wichtig. Die ersten Minuten entscheiden den ganzen Tag.

Ich mußte den Tisch holen. Wie immer lagen ihre Sachen darauf herum. Jeden Abend bat ich sie, den Tisch frei zu lassen. Über und über belegte Tische erinnern mich an den Schreibtisch und damit an alle vertanen Stunden der letzten Jahre.

Ich nahm in die Hand: ihre Handtasche, ihren Kamm, ihre Zigaretten, ihren Stift und die nichtabgesandten Ansichtskarten, deren Zahl mit jeder Stadt zunahm, ihr Ronson und zwei halbleere Multifills, ihr Portemonnaie, aus dem tschechische, italienische und österreichische Münzen kollerten, ihre Puderdose, verklebt mit einer rätselhaften Masse, die sie gekauft hatte, um daraus kleine Ballons zu blasen, ihren mit Karikaturen meiner Person und realistischen Porträts südlicher Beaus bekritzelten Notizblock, ihre kaputte Uhr und eine angebissene Banane.

Das alles legte ich auf den Boden.

Dann stieg ich auf den Tisch und versuchte, den Holzrahmen wegzuklappen, um zu den Zugrollen zu gelangen. Der Rahmen war vernagelt.

Eine Stunde früher als sonst begann ich zu schwitzen, und meine Laune verschlechterte sich zusehends. Mit aller Kraft zerrte ich an den Bändern. Da hörte ich Lachen.

Sie mußte mich schon eine Weile beobachtet haben.

– Worüber lachst du? fragte ich eisig.

– Du siehst nicht gerade am besten aus.

– Ich gebe hier keine Schau, erklärte ich ihr, ich versuche bloß die Jalousie zu reparieren, die wahrscheinlich ein Mensch ohne Intelligenz und Gefühl heruntergelassen hat.

– Hast du nicht den Eindruck, daß du es warst, der sie heruntergelassen hat?

Langsam wurde ich verstimmt.

– Du stellst eine Suggestivfrage, obwohl du dich sicher erinnerst, daß wir hier nach Mitternacht angekommen sind, als wir schon zwei Liter Verdicchio in uns hatten. In ähnlichen Situationen bin es gewöhnlich nicht ich, der den Überblick über seine Handlungen verliert. Ich habe dieses Zimmer genommen auf Grund der feierlichen Versicherung, daß es die beste Aussicht habe. Es gab für mich also nicht den geringsten Grund, die Jalousie kaputt zu machen. Die Logik der Dinge weist viel eher auf dich hin, weil du fast alles kaputt machst, was du anrührst.

– Wenn du deine Theorien entwickelst, solltest du es wenigstens nicht nackt auf dem Tisch tun, weil sie dann noch lächerlicher sind.

Darauf stieg ich vom Tisch herunter und sagte einige grobe Worte, was ich schon lange nicht mehr getan hatte. Der Tag hatte es eben in sich. Sie begann zu weinen, was sie ebenfalls schon lange nicht mehr getan hatte.

Beleidigt begannen wir uns anzuziehen. An die morgendlichen Zärtlichkeiten und das Erzählen der Träume war gar nicht zu denken. Aus Rache bestellte ich kein Frühstück.

Während sie sich die Augen malte, versuchte ich nochmals, die Jalousie aufzuziehen. Vergeblich. Obwohl ich frühmorgens grundsätzlich nicht rauche, zündete ich mir eine Zigarette an und versuchte, wenigstens zwischen den Lamellen etwas von der Landschaft zu erblicken. Die Spalten waren jedoch minimal. Vom inserierten Panorama unter dem Felsen von San Marino blieb nur ein armseliger Ausschnitt übrig, der nicht einmal einen Panzerfahrer befriedigt hätte.

Ich schaute mich um. Sie war schon fertig, saß auf dem Bett und sah vor sich hin. Wie immer tat sie mir plötzlich leid. Ich setzte mich zu ihr und legte ihr den Arm um die Schultern.

– Also sei nicht mehr böse, sagte ich, du mußt doch zugeben, daß das auch deine Schuld ist. Du hättest mich nicht auslachen sollen, als ich versucht hatte, dir eine Freude zu machen. Und du hättest schon gar nicht behaupten sollen, daß ich es war, der diese blöde Jalousie kaputt gemacht hat. Wir sind doch da heraufgefahren, damit ich dir die Aussicht zeigen kann. Der Teufel soll sie holen! Wir wollen uns doch nicht den ganzen Tag verderben wegen der blöden Jalousie!

– Ja, sagte sie, das ganze Leben lang versprecht ihr uns herrliche Aussichten, und immer kommt euch irgendeine blöde Jalousie dazwischen.

14. II. 45

Praha

Als die Sirenen aufheulten, träumte mir von A. Ich versuchte, ihr graues Wintermäntelchen aufzuknöpfen, aber meine Finger zitterten, und die Knöpfe wucherten mehr und mehr.

Auf die Vorwarnung folgte unmittelbar der Alarm. Ich zog die Decke über den Kopf, wollte weiter aufknöpfen, aber da war Mutter schon im Zimmer. Wir kleideten uns schnell an, machten die Fenster auf, damit die Druckwelle sie nicht zerbrach, und nahmen unsere Fliegeralarmkoffer. Im dunklen Treppenhaus hörte man Schritte, Stimmen und das Weinen von Kindern.

Gestern noch ging niemand in den Keller. Nachts im Bett hörten wir ohne Angst die alliierten Bomberverbände über der Stadt kreuzen, tags sahen wir sogar zu. Die entfernten Fronten, auf die wir so gewartet hatten, waren plötzlich zum Greifen nahe. Die kleinen glitzernden Punkte hinterließen am Himmel weiße Spinnweben kondensierten Wassers. Wir waren da oben mit diesen Männern, die an unserer Statt auf Deutschland einhämmerten. Auge um Auge, Zahn um Zahn!

Heute mittag fielen Bomben auf Prag. Auf Brücken, Plätze, Wohnhäuser. Ich habe es gesehen! Ich ging über den Hügel des Letná-Parkes in die Schule. In der Wintersonne sahen die Flugzeuge aus wie Weihnachtsschmuck. Ich wunderte mich noch, woher diese lustigen Sprühkerzen dort unten in der Stadt plötzlich kamen. Da erst heulten die Sirenen auf, und gleich darauf übertönte sie ein dumpfer, schrecklicher, dröhnender Lärm.

Dann wurde mir bewußt, daß ich zusehe, wie Menschen sterben. Eine lange feurige Wunde zerschnitt Prag von Smíchov bis Vinohrady.

Vinohrady! Ich warf die Schulmappe mit den Lehrbüchern in den Schnee und rannte wie von Sinnen hinunter, über die Brücke, durch die Straßen. Feuerwehrspritzen und Ambulanzen überholten mich. Die Schwerin-Straße war schon vom Nationalmuseum an von der Polizei gesperrt.

– Laßt mich durch! schrie ich, laßt mich zu ihr!

Sie ließen mich. In der Straße lagerte der Staub wie schwarzer Nebel. Der Mittag wurde zur Mitternacht voll Brand und Geschrei. Ich ging am Rundfunkgebäude vorbei – wie durch ein Wunder stand es noch – und taumelte wie ein Blinder in die Mánes-Gasse.

Ihr Haus war unbeschädigt. Trotzdem trommelte ich verzweifelt an das Tor. Ich vergaß die Klingel völlig. Sie öffnete mir, noch im grauen Wintermantel, so wie sie gerade aus der Schule gekommen war. Sie zitterte, war bleich, unfähig, etwas zu sagen. Ich nahm sie an der Hand und führte sie planlos durch die Küche ins Zimmer. Dort umarmte ich sie.

– Ich liebe dich! Ich geb’ dich nicht her!

Was ich seit dem Sommer nicht gewagt hatte, war plötzlich möglich. Wir fielen auf das Bett und küßten uns. Ich streichelte sie, wie ich es immer gewollt hatte, und spürte den starken und rauhen Stoff überhaupt nicht.

Nach einer Weile eilten ihre Eltern herbei.

Und erst dann, in der Nacht, erst im Traum begann ich die endlose Reihe der Knöpfe zu öffnen, und ich gebe nicht auf, bevor ich nicht den letzten aufgeknöpft habe.

Der Kellerraum ist durch Holzlatten geteilt. Jede der zwanzig Familien hat hier ihr Abteil. Wie die übrigen haben auch wir schon im Herbst die Kohle in die Ecke geschaufelt. Wir haben hier einen alten Lehnstuhl von Oma, zwei Stühle und ein Tischchen. Mutter strickt beim Schein einer Kerze. So sehe ich sie seit meiner Kindheit. Als Vater arbeitslos war, mußte sie uns ernähren. Ich half ihr, wenn sie den Kaufmannsdamen in den Nachbarvierteln Pullover verkaufte. Nicht hier. Sie wollte nicht, daß man in ihrer Umgebung wußte, wie es der Bankdirektorstochter, die aus Liebe geheiratet hatte, ergangen war. Bezahlt wurde meistens mit Fleisch, Butter und Zucker. Manchmal weinte Mutter, wenn man sie betrog. Oder wenn man sie von oben herab behandelte. Wenn sie Geld bekam, kaufte sie mir Linzertorte. Wenn der Krieg je enden soll und ich Geld habe, fahre ich mit ihr nach Linz. Linz ist für mich wie ein Paradies.

Sie sieht mich schreiben und sagt:

– Verdirb dir nicht die Augen!

– Du verdirbst sie dir auch!

– Aber du mußt weiter sehen!

Hinter den Latten bei den Nachbarn bewegt sich der Schatten meines Vaters. Ich höre Vater flüstern. Ich weiß genau, daß er Herrn Jankovec die Abendmeldungen aus London und Moskau weitersagt. Vater ist der gescheiteste Mensch, den ich kenne. Er spricht sieben Sprachen. Ich werde nie begreifen, wie man ihn zwei Jahre ohne Arbeit lassen konnte. Als ich ihn einmal danach fragte, lächelte er:

– Man hat entweder Geld oder Überzeugung.

Er hat sicher alle Bücher gelesen, die es überhaupt gibt. Und er ist mutig. Aber darüber darf ich jetzt selbst hier nicht schreiben. Erst später einmal. Vielleicht.

Sie kommen geflogen. Der ganze Keller ist jetzt still. Immer näher kommt dieses Summen, das alles durchdringt. Jetzt böllert schon die Flak. Die Fenster klirren. Mutter strickt weiter, aber ich sehe, daß sie anderswohin schaut, in eine schrecklich weite Ferne. Keiner von uns will zeigen, daß er Angst hat. Oder habe nur ich Angst? Ja, ich fürchte mich. Ich sehe immerfort diese lustigen farbigen Sprühkerzen und den schwarzen Nebel nachher. Vielleicht fällt in einer Weile eine Bombe auch auf unser Haus. Auch darum beginne ich dieses Tagebuch.

Ich werde erst siebzehn Jahre alt. Von allem, was es in der Welt gibt, kenne ich nur Krieg, Hunger und Furcht. Die Menschen haben Ozeane überflogen, den Nordpol erobert, wichtige Arzneien entdeckt, so wundervolle Bücher geschrieben wie den «Cyrano de Bergerac», den «Krieg mit den Molchen», den «Kurier des Zaren». Und ich habe noch nichts, gar nichts zustande gebracht. Nichts als das eine:

Daß ich A. geliebt, am stärksten geliebt habe, sie geliebt habe, wie es nur möglich ist. Mehr werde ich wohl kaum je können, auch wenn ich wie durch ein Wunder diese Nacht überleben sollte. Und wenn nicht? Wenn nicht, so gräbt vielleicht jemand mein Tagebuch mit den drei beschriebenen Blättern aus, auf denen mein ganzes Leben Platz hat, vielleicht gräbt er es aus, vielleicht findet er dich, vielleicht gibt er es dir.

Dann erinnere dich von Zeit zu Zeit an den Tag, da zum ersten Mal Bomben auf Prag fielen, erinnere dich und setz mir die Knöpfe deines Wintermantels ins Grab, meine Liebe, meine erste und letzte Liebe!

7. Januar 1968(aus dem Tagebuch des Schriftstellers PK)

Praha

Als es sich im Oktober wie ein Lauffeuer herumsprach, Antonín Novotný habe auf der Tagung des Zentralkomitees der KPČ Alexander Dubček einen slowakischen Nationalisten genannt, sagte ich bei uns im Theater:

– Das ist sein Ende.

– Dubčeks? fragten die Freunde mit Recht, weil dieselbe Anschuldigung vor fünfzehn Jahren eine Postanweisung für den Galgen war.

– Nein. Novotnýs. Ich glaube, daß es ihm endlich gelungen ist, in Dubček alle Slowaken zu beleidigen, einschließlich der Mitglieder des ZK.

Erst im Dezember begannen sie es zu glauben, als Nachrichten eintrafen, das folgende Plenum verlaufe stürmisch – dies, obwohl es beinahe zu den Novotnýs nach Hause einberufen war, ins Ballhaus der Prager Burg. Ich hingegen hörte auf, es zu glauben, als die Sitzung auf ihrem entscheidenden Höhepunkt mit der Begründung unterbrochen wurde, daß auch Kommunisten das Recht hätten, Weihnachtsgeschenke einzukaufen. Das klang viel zu glaubhaft, als daß man hätte erwarten können, daß diese Körperschaft jemals einer Entscheidung fähig wäre, die den Interessen der Partei und des Landes tatsächlich entspräche.

Die gewöhnlichen ZK-Mitglieder kauften also in Prag Pullover, Schlittschuhe oder Wittingauer Karpfen ein, während der bezahlte Apparat in schwarzen Limousinen durch die verschneite Landschaft raste, um in den Bezirken und Kreisen die Stabilität der Monarchie zu erneuern.

Die Grundfrage lautete: Sind die Slowaken wirklich so beleidigt, daß sie sich als erste große opponierende Gruppe im ZK mit den progressiven Kräften in den böhmischen Ländern einigen können?

Noch einmal widerlegte Antonín Novotný selbst diese Hoffnung, als er am Neujahrstag wie gewöhnlich über den Fernsehschirm die enttäuschten Familien besuchte.

«Ich bin überzeugt, daß dies der Beginn eines großen Prozesses der allseitigen Entfaltung der sozialistischen Gesellschaft ist und daß unser Weg richtig ist!»

Ich schaltete ihn aus, aber sein Geist irrte höhnisch weiter durch meine Behausung.

Wenn der Weg des ZK-Plenums weiterhin sein Weg ist, dann ist auch dieser Kreuzweg eine bloße Fiktion, dann wird unsere Krise fortdauern bis zur Katastrophe.

Die im Januar fortgesetzte Tagung des Plenums war jedoch von der ersten Minute an unvermindert heftig. Obwohl sich Antonín Novotný hartnäckig zur Wehr setzte und sogar durch ein Ultimatum der Generale unterstützt worden sein soll, sahen sich seine Anhänger unerwartet in die Minderheit versetzt. Augenzeugen schwören, daß die Debatte von der Person Novotnýs auf die Unerläßlichkeit einer grundsätzlichen wirtschaftlichen und politischen Reform überging, die einzig und allein dem Sozialismus Sinn und Vertrauen wiederzugeben vermag. Im heutigen Kommuniqué steht dessenungeachtet:

«Das Plenum des ZK der KPČ hat auf Grund des eigenen Wunsches Antonín Novotnýs gutgeheißen, daß er als Präsident der Republik in der Funktion des Ersten Sekretärs abgelöst wird.»

Also kein Wort darüber, daß er unter der Verwaltung einer Polizeibürokratie ein Land mit einer tiefverwurzelten sozialistischen und demokratischen Tradition in eine Besserungsanstalt verwandelt hat. Im Gegenteil: im gleichen Atemzug, mit dem «die Gesamtkonzeption unserer auf die Entstehung einer zutiefst demokratischen und hochentwickelten sozialistischen Gesellschaft ausgerichteten Politik» hervorgehoben wird, wird ihm für jene unermüdliche Tätigkeit der Dank ausgesprochen. Dieser Gesellschaft sollen wir nun unter der Führung A. Dubčeks entgegenschreiten, von dem man hört, er habe in der Slowakei ein annehmbares Klima geschaffen, von dem man aber zugleich weiß, daß er für seine neue Funktion die berüchtigte Vorbereitung an sowjetischen Schulen und im Parteiapparat mitbringt.

Als erster hat ihm schon heute L. Breschnew seinen Glückwunsch telegraphiert. Z. hat dazu bemerkt:

– Das alte Lusthaus mit neuer Bedienung!

Ich streite nicht mit ihr. Das ist eine Detektivgeschichte mit ungewissem Ausgang – Lösung in der nächsten Sendung. Wenn ich jedoch bedenke, daß nun ein Jahr mit einer 8 am Ende begonnen hat, die auf die tschechische Geschichte stets einen magischen Einfluß hat, bekomme ich trotzdem nach vielen Jahren wieder Lust, ein Tagebuch zu führen.

Mittwoch, 21. August 1968(Fortsetzung)

Perugia

Bis Perugia sprachen wir nicht miteinander. Auf der Piazza stellte ich den Wagen ab. Es war ein grausamer Mittag, die Bevölkerung hatte sich spurlos verflüchtigt – in jenes zweite Italien, das ich mir wie ein klimatisiertes Ristorante am Flusse Styx vorstelle, wo man erst gegen Abend auszieht, um vertrocknete Touristen einzusammeln. Trotzdem setzte ich mich vorsätzlich an einen der kleinen Tische, die auf dem glühend heißen Pflaster gleich bei der Mauer des Palazzo dei Priori standen. Nach einer Weile stellte sich ein ermatteter schwarzhaariger Kellner ein.

– Willst du essen? fragte ich kalt.

Sie schüttelte den Kopf. Sie mußte einen schrecklichen Hunger haben, genauso wie ich.

– Mezzo bianco, bestellte ich barsch.

– Va bene, signore.

Einzelheiten interessierten ihn nicht. Die von strengen mittelalterlichen Portalen eingerahmte Piazza di Quattro Novembre sah aus wie eine riesige überbeleuchtete Filmkulisse. Ab und zu fuhr ein leerer Autobus von Portal zu Portal, sonst war sie still und menschenleer, perfekt für den nächsten take. Aus der Fontana Maggiore tranken Tauben. Nur der heilige Bernhard von Siena fehlte, um seine Gebete für den Frieden anzustimmen.

Zum Glück brachte er kühlen Weißwein. Wir tranken ihn in einem Zug aus. Wie immer entfesselte er meinen Durst. Ich bestellte eine große Karaffe. Schweiß übergoß mich. Meine Bitterkeit wuchs und brach durch.

– Ich glaube, wir sollten mal ernst miteinander reden, sagte ich.

Wir tranken den zweiten Liter. Wenn sie einen Schwips hatte, war sie für Argumente noch weniger empfänglich als sonst, aber mir war das schon egal.

– Vier Jahre versuche ich, deine Laune und deinen Egoismus zu ertragen, weil ich glaubte, das müsse doch noch einmal aufhören. Ich habe zehntausend Stunden und Tonnen Energie verloren, um dir die elementarsten Dinge klarzumachen. Fünfzig junge Damen hätte ich finden können, die alles aufgegeben hätten, um an meinem Leben, an meinem Tun und Lassen teilzuhaben. Das ist dir nie aufgegangen; mehr noch, du hast keine Gelegenheit verpaßt, um mich zu demütigen. Du wußtest, daß ich Kommunist bin, noch bevor du zum ersten Mal zu mir kamst, du wußtest es wie alle andern. Du warst vier Jahre lang dabei, wenn ich mich mit Dingen herumschlug, die mir letzten Endes gleichgültig sein konnten. Du hast zugesehen, wie ich mir den Kopf einrenne und das Leben kompliziere, obwohl ich bei meinem Beruf leben könnte wie ein ... ein roter Fürst! Aber nicht nur das, du hast gesehen, daß es sogar einen Sinn hat, daß diese Donquichotterie eine Kettenreaktion auslöst, daß sie auf eine Hoffnung hinzielt, die Inhalt und Form hat. Und doch machte es dir nichts aus, bei jeder idiotischen Gelegenheit dein abschätziges ihr auszusprechen. Ich bin vierzig Jahre alt, habe weder Glatze noch Bauch, zwanzigjährige Damen schreiben mir Liebesbriefe. Trotzdem habe ich es zustande gebracht, die Weltwirtschaftskrise, München, Okkupation, Heydrichiade, Bombenangriffe, Barrikaden, den Februar, die Prozesse, den XX. Parteikongreß und den Prager Frühling zu erleben! Die Geschichte hat ihre Spieler und ihre Zuschauer. Ich mache schon längst niemandem mehr einen Vorwurf, wenn er nur zusieht. Aber ich hasse Zuschauer, die gleichgültig Versklavung, Hungersnot und Kriege mitansehen, um dann von ihren Logen aus die Revolution zu verurteilen, weil sie nicht angeklopft und die Pantoffeln angezogen hat. Drei Jahre lang habe ich für den Sieg dieser Revolution gekämpft. Zwanzig Jahre lang für ihre Reinheit! Zwanzig Jahre dauerte ein Kampf, der schwerer war als jeder andere, denn hier lag plötzlich nicht mehr Graben gegen Graben, hier hatten die Gegner die gleiche Vergangenheit, dieselbe Sprache, dasselbe Parteibuch in der Tasche. Zwanzig Jahre lang dauerte der Konflikt der Kommunisten mit Kommunisten, der Kampf um das endgültige Gesicht der Revolution – ein Streit, in dem unsere Genossen an der Macht nicht selten als schlagendstes Argument zum Strang griffen. Wir nahmen diese Konfrontation an und haben dabei gesiegt. Als wir endlich den festen Punkt erreichten, für uns, und vor allem für euch, da hebt ihr wieder einmal eure sauberen Hände und nennt uns alle ohne Unterschied: ihr! Vier Jahre lagst du jede Nacht in meinem Arm, vier Jahre hast du allein in mir wie in einem Buch gelesen, weil ich dich liebte, weil ich wollte, daß du mich verstehst. Nach vier Jahren sind wir uns fremder als am Anfang. Die Politik liegt auch im Bett zwischen uns wie ein blankes Schwert, und du legst sie dorthin. Du machst mich verantwortlich dafür, daß es kein Kalbfleisch gibt, daß wir schlechte Schuhe machen, daß du nicht in der Welt umherreisen kannst, wann und wohin du Lust hast. Die aufgegrabenen Straßen, die fallenden Gesimse, die langweiligen Zeitungen, die feigen Abgeordneten und die allmächtige Polizei, alles buchst du auf mein Konto. Ich hebe den hingeworfenen Handschuh auf, und das zwingt mich, noch mehr von meiner Arbeit abzuschweifen, mich um Dinge zu kümmern, die mich letzten Endes nichts angehen. Dann endlich einmal kommt der Tag, kommt die Woche, die Zeit, da diese zwanzig Jahre etwas abwerfen, da das Leben wieder gelebt werden kann. Und in diesem Augenblick stehst du, um die es mir ging, gelangweilt und angewidert in deiner Loge auf und verkündest dein Gleichnis von der blöden Jalousie!

Es überraschte mich, daß ich weder Zorn noch Bedauern empfand. Plötzlich begriff ich, daß es nur Trotz war, was mich bei ihr gehalten hatte. Ich hatte ihr beweisen wollen, daß ich recht hatte. Jetzt war es geschehen. Ich war wieder frei, frei wie mein Land. Es hatte seinen festen Punkt gefunden. Auch ich hatte ihn gefunden.

– Wir gehen auseinander! Diesmal wirklich. Ich kaufe dir ein Flugbillett, oder wenn du willst, kannst du mit meinem Wagen zurückkehren. Ich will endlich meine Ruhe haben von der Politik, von dir, von allem. Ich will zum ersten Mal im Leben richtige Ferien haben, Ferien vom Leben. Wenn ich heimkomme, mach’ ich einen ganz neuen Anfang. Das wird meine zweite Halbzeit.

– Du hast recht, sagte sie. Nimm meine Koffer heraus und halte dich nicht weiter auf.

– Vielleicht muß ich doch zuerst deine Abreise regeln.

– Warum soll ich abreisen? Mir gefällt’s hier.

– Das ist doch Unsinn. Du kannst ja keine einzige Sprache.

– Wozu hätte ich sie lernen sollen? Dank euch bin ich in einem Land aufgewachsen, von wo man bestenfalls in die Slowakei fahren durfte.

– Wenn ich nicht irre, hast du in den letzten drei Jahren halb Europa bereist.

– Ja. Mit dir.

– Schönen Dank für deine Aufrichtigkeit. Zum Glück weißt du, daß du jetzt auch ohne mich reisen kannst. Nichts hindert dich also, nach Hause zurückzukehren und endlich jemanden nach deinem Geschmack zu finden.

– Fällt mir gar nicht ein, sagte sie. Ich war doch nur deinetwegen immer wieder zurückgegangen. Zwar begreif ich es immer weniger, aber vielleicht war es tatsächlich so, daß ich dich liebte. Du hast mich interessiert, vielleicht gerade weil du einer von ihnen warst. Als du mich zu unserem ersten Rendezvous batest, war mir nicht eben wohl beim Gedanken, was meine Eltern, Verwandten, Mitschüler dazu sagen würden. Du gehörtest zu denen, die wir haßten. In der Schule lernten wir deine Gedichte über Gottwald, über die Partei, über unsere großen Befreier. Wir stritten darüber, ob du sie aus Schwachsinn oder des Geldes wegen schriebst. Ich wollte das feststellen. Besonders weil du nicht gerade schwachsinnig aussahst. Ich wollte wissen, wie ihr wirklich seid. Auch deshalb bin ich wieder zu dir gekommen. Was für ein Schreck, als ich sah, daß du tatsächlich an all das glaubst. Aber auch in dir blitzte manchmal etwas Menschliches auf. Ich habe mir viel Mühe gegeben, es in dir zu erwecken. Ich wollte, daß du begreifst, was wir von euch denken. Du hast das auf deine Weise begriffen. Versuchtest, mich zu überzeugen. Ich mußte mich mit Leuten hinsetzen, die unerträglich langweilig waren, du hast mich zu Versammlungen mitgeschleift, die mir sinn- und zwecklos schienen, immer hast du hartnäckig für etwas gekämpft, das im Grunde lächerlich war. In zwanzig Jahren habt ihr einen ungeheuren Sieg errungen: ihr habt uns glorreich dorthin gebracht, wo wir schon vor zwanzig Jahren waren. Und erwartet sogar, daß wir euch für die schöne Aussicht danken. Kehr allein zurück, mich interessiert sie nicht. Wir haben euch zu gut kennengelernt, um glauben zu können, daß wir sie noch je erleben werden. Fahr und sorg dich nicht, ich gehe hier nicht verloren. Ich hab es satt, das Leben im Käfig. Und schließlich bin ich glücklicherweise eine Frau. Fahr ruhig, ich garantiere dir, daß ich auch ohne dich spätestens am Abend in Rom bin, in einer Woche verlobt und in einem Monat verheiratet – nicht nur reich, sondern auch aus Liebe. Euretwegen haben wir noch einen Vorteil. Damit wir unsere Herzen ganz der Weltrevolution geben, habt ihr uns schon in der Schule verheimlicht, daß wir ein Vaterland haben. Es galt als sträflich dumm, die Nationalhymne zu singen oder die Fahne zu hissen, wenn nicht die Fahnen unserer Brüder daneben wehten und ihre Hymnen miterklangen. Ihr habt uns gelehrt, was der Erste Sekretär der mongolischen Partei über die Schafzucht sagte, aber ihr habt uns verheimlicht, daß der erste Präsident unseres Landes ein Philosoph war. Ihr habt das Haus, das Wladimir lljitsch Lenin einmal zufällig aufsuchte, in ein Museum verwandelt, aber ihr ließt uns unwissend am Haus vorbeigehen, wo Franz Kafka geboren wurde und schrieb. Statt zur Gruft der böhmischen Könige habt ihr uns zur einbalsamierten Leiche Klement Gottwalds geführt. Ein paar Jahre später habt ihr sie mit der scheltenden Bemerkung verbrannt, daß es sich um ein typisches Produkt des Personenkults gehandelt habe. Als ob er sich selbst einbalsamiert hätte. Dann brach die Zeit der Führer an, die nicht einmal eine Persönlichkeit hatten. Kein Wunder, daß ihr das Staatswappen abändern und die nationalen Traditionen verleugnen mußtet, um den Unterschied zu vertuschen. Ihr habt darauf bestanden, daß wir reine Internationalisten werden. Das hat uns viel Mühe gekostet, aber es hat sich gelohnt. Wir konnten unsere sentimentalen Fesseln abstreifen. Jetzt können wir Prag gegen jede Stadt austauschen und büßen nicht mehr ein als ein paar schöne Portale, die man überall finden kann. Wir können Hymne, Fahne und Sprache wechseln, ohne mehr zu verlieren als einige leere Symbole, die man in der ganzen Welt haben kann. Niemand hat uns Geschichte und Tradition eingeprägt. Wir können das Vaterland wechseln, wie man aus einer Tram in die andere umsteigt. Ich bin nicht sicher, ob ihr das gerade wolltet, aber Tatsache ist, daß ihr es erreicht habt. Heute sehe ich, daß es nicht einmal schwer ist, dich zu verlieren. Wenn du in der Gasse da drüben verschwindest, werde ich das Gefühl haben, du seiest nie gewesen.

Das genügte mir. Ich stand auf und legte ihren Paß auf den Tisch. Dann ging ich zum Wagen, holte ihren Koffer heraus, ihre Handtasche, ihre hier und dort verstauten kleinen Sachen. All das legte ich auf das glühende Pflaster und schlug hinter mir die Tür zu. Der Wagen glich einem Backofen. Ich öffnete schnell alle vier Fenster und startete. Noch einmal wandte ich mich nach ihr um. Sie saß regungslos hinter den beiden Gläsern, allein auf der riesigen Bühne zwischen dem Palazzo dei Priori und dem Dom, die ich nun nach meinem letzten Auftritt verlasse. Jetzt wußte ich es bereits sicher, daß ich es fertigbrächte. Sie war fremd und fern wie die Liebschaften meiner Jugend, ebenso unwirklich und unglaubhaft. In mir blieb weder Liebe noch Verantwortungsgefühl zurück. Das wollte sie übrigens gar nicht. Sie gehörte schon einer anderen Welt an. Sie hatte ihr immer gehört, nur meine ewige Naivität hatte mir das Gegenteil eingeredet.

Ich lockerte die Bremse. Der Wagen kam auf der schrägen Fläche allmählich ins Rollen. Im Rückspiegel erschienen noch einmal die bunten Tische. Dann öffnete sich die gegenüberliegende Gasse. Nichts rührte sich in mir. Im Gegenteil. Ich begann über die jungen schönen Damen nachzudenken, denen ich übermorgen im augustwarmen Prag begegnen würde. Über die fünfzig, die alles wegwerfen würden, um an meinem ganz und gar neuen Leben teilzunehmen.

Der Schweiß brach in Strömen aus mir heraus, aber er war mir zum ersten Mal nicht unangenehm. Die Sonnenglut reinigte wie eine Sauna. Die geistige Vorbereitung war tadellos verlaufen. Ich konnte es also wirklich versuchen.

– Na also, sagte ich, auf deine Befreiung vom Vaterland und auf meine von dir!

Sie trank mir zu. Ich stand auf und legte ihren Paß auf den Tisch.

– Vielleicht nützt er dir noch eine Weile.

Eben erhob ich mich und nahm meine Kräfte zusammen, um den Wagen in geradem Gang zu erreichen, als eine unheimliche Stimme ertönte. Es war ein langgezogenes Geheul, vom Echo verstärkt.

Aus der mittelalterlichen Kulisse kam durch einen steinernen Torweg ein braungebrannter Mann mit einem Stoß Zeitungen auf die Bühne gelaufen. Als er fast bei mir war, rief er nochmals mit meckernder Stimme:

– Cecoslovacchia è occupata!

Auf dem riesigen Blatt Papier, das er direkt vor meine Augen hielt, sah ich die vertrauten Grenzkonturen, von allen Seiten durchbohrt von den Pfeilen militärischer Operationen. In einer Großaufnahme zielte die Kanone eines Panzers aus der Ecke mitten hinein.

Ich vergegenwärtigte mir mit Erleichterung, daß ich betrunken war. Manchmal kommt es vor, daß ich nach Alkoholgenuß einschlafe und dann öfter als sonst meine grotesk-absurden Träume habe. Da hörte ich einen seltsamen Laut und wandte mich um.

Sie weinte.

Ich sah mir den Panzer genauer an.

26. II. 45

Praha

Der Matheprofax hat wie immer mit dem arischen Gruß angefangen. Er hat sich dabei fast die Glieder ausgerissen. Er ist der einzige, der es noch tut. Und der einzige, der prüft, obwohl er weiß, daß wir bald drankommen. Die Septimen sind schon im Totaleinsatz. Jetzt werden wir verfeuert.

Er hat die Stunde mit der Mitteilung eingeleitet, daß ein Panzergrenadier fünf russische Panzer vernichtet habe. Weiß er wirklich nicht, daß die russischen Panzer die Deutschen eben von der Weichsel zur Oder jagen?

Er hat einen Jungen aus der Nachbarsexta angezeigt, als der den Stern über der Schulweihnachtskrippe rot angemalt hatte. Am Weihnachtstag hatten sie ihn nach Dresden geschickt. Nach dem Angriff am 14. Februar ist er dort liegengeblieben. Wer weiß, vielleicht hätte es ihn auch in Prag erwischt. Trotzdem sagt man, daß der Matheprofax hängen wird. Ob er Angst hat?

Dann kam der Direx in die Klasse, um sofort Freiwillige zu Räumungsarbeiten abzukommandieren. Dem Mathefritzen zum Trotz haben wir uns alle miteinander gemeldet.

Vor der Direktion wartete ein blonder Beau des Kuratoriums für Jugenderziehung auf uns. Das war Verrat. Niemand aus unserer Klasse war im Kuratorium, unsere Mütter ließen uns dafür die Mandeln operieren und ärztliche Zeugnisse über unsere schwächliche Konstitution ausstellen.

Aber da war nichts zu machen. Er schrieb sich unsere Namen auf, und los ging’s. In dem Tram haben wir geblödelt, ein künstliches Gedrängel gemacht und fürchterlich gelacht. Wir waren vierzig, er kannte uns nicht beim Namen, und so schrie er nur die ganze Zeit:

– Kameraden, Diszipliiin!

Einmal fügte er beinahe rachsüchtig hinzu:

– Euch wird der Spaß bald vergehn!

Wir stiegen in Strašnice aus, an der Kreuzung bei den drei Friedhöfen. Wir murrten auf, hier ist doch nicht bombardiert worden. Ihm machte das keinen Eindruck, und er ging voran, in der Hand unsere Liste. Wir mußten ihm nach. Wir betraten den Neuen Jüdischen Friedhof. Hinter dem Tor schlug uns ein ekelhafter Gestank entgegen, wie von schrecklich verfaulten Kartoffeln. Slávek meinte, wir würden Kartoffelsilos ausgraben. Robert sagte:

– Diese Deutschen sind doch Schweine.

In der Hauptallee zwischen den Gräbern stand ein Mann in einem weißen Mantel hinter einem Tisch. Vor ihm waren Zigarettenpäckchen und kleine Gläser mit einer braunen Flüssigkeit ausgerichtet.

– Also los, Jungs, sagte er, jedem zehn Stück und einen hinter die Binde. Das ist ein ehrlicher Schluck.

Bis heute habe ich weder geraucht noch getrunken. Wie der Großteil der Klasse. Die Zigaretten sind rationiert, und auch für Raucher gibt’s wenig. Ich freute mich darauf, sie Vater mitzubringen.

Die Jungs begannen zu trinken. Ihre Wangen wurden rot, und sie fingen an, Schlager zu grölen. Ich trank auch, damit man mich nicht auslachte. Und ich war auch neugierig. Der erste Schluck brannte mir auf den Lippen. Beinahe hätte ich ausgespuckt, aber Slávek rief:

– Du mußt das auf einmal kippen!

Es war, als ob ich einen Nagel geschluckt hätte. Aber der Schmerz dauerte nur ein Weilchen. Übrig blieb eine angenehme Wärme und eine seltsame Leichtigkeit. Ich fing an, mitzusingen. Es war lustig, wie ich mich wie von weitem hörte. Rob sagte etwas zu mir. Er mußte es dreimal wiederholen, ehe ich ihn verstand, und ich begriff, daß er abhauen wollte, weil ihm das irgendwie nicht gefiel. Ich wollte ihm antworten, aber ich hörte mich immer nur singen.

Plötzlich marschierten wir in Zweierreihen. Ich weiß nicht, wie wir uns formiert hatten. Wir kamen zu einer Kapelle oder vielmehr einer Synagoge. Unter der steinernen Treppe lagen Haufen merkwürdiger Kisten. Der Kuratorist stellte sich auf die Stufen und fing an zu schreien.

– Kameraden, in diesem Gebäude sind die sterblichen Überreste von Opfern des barbarischen Angriffs durch die anglo-amerikanischen Luftpiraten vom 14. Februar provisorisch aufgebahrt worden. Es ist unsere Aufgabe, sie in Särge zu betten, damit sie auf würdige Weise der ewigen Ruhe überantwortet werden können. Ich hoffe, ihr seid keine Schlappschwänze! Übrigens – im Sommer wäre es schlimmer. Jetzt wollen wir das mal vorführen. Du und du da, nehmt einen Sarg und kommt mit!

Robert und ich traten aus der Reihe. Die Klasse schaute uns an, als sähe sie uns zum ersten Mal. Mein Kopf rauschte. Die Kiste aus dünnen Brettern war nicht schwer. Wir betraten das Gebäude. Der Gestank betäubte mich fast. Der Wand entlang lagen Reihen von Körpern. Ich weiß nicht, wie viele es waren. Vielleicht einige hundert.

– Stellt den Sarg hin! Nehmt den Deckel ab! Hebt diese da hinein! Jeder von einer Seite, an den Sackenden! Hochreißen, heben, tragen, eins zwei, und los!

Auf dem Sack lag ein Mädchen. Es hatte nur den Rock an, und an seinem Bein war ein Pappkärtchen mit der Aufschrift Hana Korunova, 19 Jahre.

Ich sah zum ersten Mal eine nackte Frau. Weibliche Brüste. Sie sahen überhaupt nicht so aus, wie ich es mir vorgestellt hatte. Sie waren unförmig groß und abstoßend gelb.

Sonst erinnere ich mich nur an die erste Zigarette in meinem Leben, an das Grab, auf dem ich saß und mich erbrach, und daß meine Mitschüler ringsum kotzten. Und an die Sirene. Sie begann vor Mittag zu heulen, genau wie am 14. Februar.

Wir flohen aus dem Friedhof, verrückt vor Angst. In der Nähe stand ein einziges Haus. Wir drängten uns zwischen alte Frauen, Rentner und Kinder. Der Kuratorist erschien und tobte:

– Scheißkerle, das ist nur die Vorwarnung. Sofort zurück!

Keiner rührte sich. Er wollte die vordersten mitzerren. Eine Frau sagte zu ihm:

– Schämen Sie sich! Das sind doch noch Kinder!

– Solche wie die sind im Reich längst an der Front! Los, Kameraden!

Ein älterer Herr faßte ihn unterm Kinn.

– Zeig dich, damit ich mir dein Gesicht merken kann!

Der Kamerad ließ die Schultern hängen und zog ab. Wer hat eigentlich mehr Angst – sie oder wir?

Nach der Entwarnung fuhren wir mit dem ersten Tram nach Hause. Alles war uns egal. Ich bin nicht einmal mehr bei A. ausgestiegen. Ich könnte sie heute nicht anrühren.

Es ist Abend, ich schreibe im Bett, Mutter hat mir die Temperatur gemessen. Ich hab’ ihr nichts gesagt. Warum soll sie Kummer haben für zwei? Eben ist Petr weggegangen, er hat ein paar Tage Urlaub. Seine Septima schaufelt Panzergräben bei Ostrava. Er hat mir erzählt, daß zwei Jungs aus einem andern Gymnasium erschossen wurden, weil sie in der Nacht mit der Taschenlampe aufs Klosett gingen. Er ist mager und ganz anders geworden. Ich habe ihm gesagt, was wir im Rundfunkensemble proben, aber er hört überhaupt nicht zu. Später hat er sich meinen «Cyrano» geborgt.

Wann wird man uns einziehen?

Vater hat mir die letzten Nachrichten mitgeteilt. Die russischen Panzerdivisionen greifen ununterbrochen an. Im Westen nichts Neues. Ich bin wieder allein und den Tränen nahe. Überall Tod und Tod. Warum geht das alles so langsam? Und warum hat man das Mädchen umgebracht? Wie, wenn auch sie jemand liebgehabt hat, so wie ich A.? Wie viele von uns müssen noch unnötig sterben? Muß ich auch?

Was ist das Leben eigentlich, wenn es so sinnlos enden kann? Kommt danach wirklich etwas? Gibt es einen Gott? Wie schrecklich anders als alles übrige sind die Toten! Was, wenn Petr recht hat? Wenn nachher nichts kommt? Ich habe Angst. Angst um A., um meine Eltern, um mich selbst. Wenn wir sterben, begegnen wir uns wahrscheinlich nie mehr wieder. Höchstens in jener Kapelle. In jener abscheulichen Kapelle.

Vater unser, wenn Du bist im Himmel, Dein Name werde geheiligt, Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel, schütze uns vor denen, die vom Himmel her töten, und führe bald zu uns, die über die Erde fahren, und segne, o Herr, ihre Panzer, auf daß der Stern aus Osten wie der von Bethlehem unsere Nacht durchstrahle, Amen.

21.Januar 1968(aus dem Tagebuch des Schriftstellers PK)

Praha

Draußen vor den Fenstern leuchtet in der Wintersonne die Burg, durch das Matthias-Tor strömt der sonntägliche Korso, es ist eine Sünde, zu Hause zu sitzen, ich habe Hunger wie ein Wolf, aber ich kann mich nicht von meiner Lektüre losreißen.

Zweitausend hektographierte Seiten: das Protokoll der Dezember- und Januartagung des ZK der KPČ, das ich noch heute zurückgeben muß.

Ich weiß überhaupt nicht, was ich davon denken soll! Es ist unendlich weniger, als nötig war. Aber es ist unendlich mehr, als man von ihnen erwarten konnte.

Waren sie sich überhaupt bewußt, was sie tun? Oder halte ich sie einmal mehr zu etwas fähig, das ihnen überhaupt nicht in den Sinn kam?

Wenn man so liest, einen nach dem andern, und sieht, wie sie nahezu alle von der unerwarteten Situation nach Jahren gezwungen wurden, den tatsächlichen Zustand ihres Geistes zu offenbaren, wird man sich erst in vollem Umfang der katastrophalen Folgen des stalinistischen Parteimodells bewußt.

Nicht wenige von ihnen könnten in diesem Land, wo Sechzehnjährige einen Automotor reparieren und Putzfrauen die Entwicklung im Nahen Osten analysieren, unter normalen Umständen nicht einmal eine Straßenbahn führen.

Der Rest hat in rührendem Einvernehmen mit den andern noch vor vier Monaten, als Vergeltung für den Schriftstellerkongreß, die «Literární noviny» liquidiert und drei aufrichtige, hochgebildete Kommunisten aus der Partei ausgeschlossen.

Mit ihnen, oder besser durch sie – altverdienten Apparatleuten, aber auch unverfälschten Universitätsprofessoren –, hat für volle zwölf Jahre ein Mann regiert, den eine geradezu außerordentliche Durchschnittlichkeit sämtlicher Maßstäbe kennzeichnet, mit denen sich das Phänomen des Menschen auflösen läßt. Alljährlich, nach dem Abschluß des Umzugs am Ersten Mai, hielt er ein Extempore, das der Rundfunk in die entferntesten Weiler übertrug; diese gehören zum goldenen Grundstock aller Tonbandsammler.

Ich selbst habe mir oft zur Ergötzung des Geistes die Euphorie, mit der von der Tribüne her den Massen die berühmte Botschaft zuteil wurde, vorgespielt: – Es wird Fleisch geben, Genossinnen, Fleisch wird es geben!

Ich stöbere meine Papiere durch, um die Notizen über seine Begegnung mit tschechischen und slowakischen Schriftstellern im ZK-Gebäude am 24. 1. 1963 zu finden. Hier sind einige der staatsmännischen Gedanken, die heute fast auf den Tag genau fünf Jahre alt werden!

«Die ‹Literární noviny› mischten sich in Bereiche ein, für die ihnen die fachliche Qualifikation fehlt – so in die Ökonomie oder die Politik –, anstatt eine entscheidende Rolle im Kampf gegen die Ideologie des Verfalls in der Kunst zu spielen, wie die Partei sie von ihnen erwartete, als sie sie bewilligte.»

Seine eigene fachliche Qualifikation als Partei- und Staatschef stellt er sogleich mit weiteren Aussprüchen unter Beweis:

«Wir waren imstande, das Plansoll für das Jahr 1962 zu erfüllen und den Start ins Jahr 1970 zu vollziehen, aber da kam uns der Winter dazwischen.»

«Wir haben uns entschlossen, den Zuwachs der Landwirtschaftsproduktion für das laufende Jahr kühn um 6½% zu erhöhen – auch wenn wir das nicht erfüllen sollten!»

«Wir hatten eine Metzgerei für 800 Konsumenten geplant, nur sind es jetzt deren 3500, die stehen Schlange, und dann sieht das aus, als gäbe es kein Fleisch!»

Für jeden, der weiß, daß die Minister vor jeder Entscheidung den zuständigen ZK-Referenten im Sekretariat konsultieren müssen, daß jede Personalveränderung von Novotný höchstpersönlich durchgeführt wird und daß es keinen Bereich gibt, in den sein durchdringender Geist nicht eingreift, klingt der Stoßseufzer geradezu sensationell:

«Ihr könntet sagen: warum habt ihr die unrichtige Dezentralisierung zugelassen, den Verfall der Dienstleistungen, das sinkende Leistungsniveau, warum habt ihr zugelassen, daß die Regierung nicht regierte, warum habt ihr nicht eingegriffen, ihr habt es doch gemeinsam gemacht! Wir haben eingegriffen, Genossen, aber die Regierung hat das nicht respektiert. Eine Reihe ihrer Mitglieder konnte physisch nicht mehr mit, der Premierminister selbst kann keine Treppen steigen und nicht einmal sitzen!»

Er hat das Gesicht eines redlichen Genius, der unausgesetzt von seinen nichtswürdigen Mitarbeitern hintergangen wird.

«Ich bin kein Hetzer, ich bin kein Jugoslawe, Gott behüte, aber was hätte es uns ausgemacht, wenn wir die Tabakläden und Kleinhändler ungeschoren gelassen hätten?»

Denen, die vielleicht den Legenden über die ansehnliche Zahl seiner Leibwächter Gehör schenken wollten, sei die folgende Mär zugedacht, die die Erinnerung an den guten Volkskönig Wenzel auffrischt:

«Wir spazieren so, meine Frau und ich, zu Weihnachten durch Prag, kommen in ein Geschäft, und ich sehe: junge Menschen fragen vergebens nach den Uhren, die gerade billiger geworden sind. Ich frage, und man sagt mir, daß sie in der ganzen Stadt nicht zu haben sind. Da habe ich Weisung gegeben, sie augenblicklich aus Bratislava herzuholen!»

Mit welch seligmachender Unschuld er das vor unseren slowakischen Kollegen sagt! Aber das Erschütterndste erwartet sie erst:

«Als wir die bourgeoisen Nationalisten durch Amnestieerlaß aus dem Kriminal entließen, sagte ich voraus, daß eine zweite Phase kommen werde. Und schon ist sie da. Husák legt Berufung ein, und wir haben hier acht Resolutionen aus der Slowakei, die gar nicht versuchen, die Dinge anders zu formulieren als er. Ich habe Husák die Stelle eines Vize-Finanzministers angeboten. Ich bin kein politischer Neuling, ich habe gewußt, daß er ablehnen wird. Und dann habe ich also gesagt: Genug! Schluß! Wir lassen uns nicht das Wasser trüben! Wir machen hinter der Vergangenheit ein für allemal einen Punkt und treten zum Angriff an. Da hättet ihr gestaunt, wie das ZK applaudierte!»

Die letzten Seiten meiner Anmerkungen sind mit Zeichnungen gefüllt, die den fortschreitenden Verfall meiner Persönlichkeit dokumentieren. Es ist nur ein Detail, aber sehr charakteristisch: Während des sieben Stunden langen Treffens fiel es ihm nicht ein, daß wir durstig oder hungrig sein könnten, weil er es nicht war.

Und doch errang gerade dieser Mann kampflos die beiden höchsten Funktionen in Partei und Staat, wurde Oberbefehlshaber der Armee und des Sicherheitsdienstes, verteilte Ämter und Würden, ließ Strafverfahren einstellen, ernannte Abgeordnete, verbot Filme, und sein Wille galt mehr als das Gesetz.

Er war der erste tschechoslowakische Präsident, der weder ein vielbändiges Lebenswerk noch überhaupt einen einzigen bemerkenswerten Gedanken oder irgendeine Tat hinterlassen hat. Auch die ihm zutiefst ergeben waren, zitierten, wenn sie seine historische Rolle kennzeichnen wollten, gerührt die Umfrage eines westlichen Frauenmagazins, demzufolge Novotný neben John F. Kennedy der schönste Staatsmann der Gegenwart war.

Die Erklärung??

Mit einer flachen Vergangenheit, die ihn durch nichts den anerkannten Volksführern zuweist, wurde er wie eine Venus aus dem politischen Schaum der fünfziger Jahre geboren, weil ihn die verfeindeten und einander gegenseitig verdächtigenden Drahtzieher der politischen Prozesse für den einzigen hielten, der zu einer selbständigen Regierung unfähig war. Zudem war er selbst vielzusehr in die Prozesse verwickelt, um sie gegen seine Rivalen auszunützen.

Zum Monarchen wurde er schließlich trotzdem erkoren, weil er sich programmatisch auf alle Unfähigen und Kompromittierten im Staats- und Parteiapparat stützte, deren Ehre Ergebenheit hieß. Seine zeitweiligen Zornausbrüche gegen besonders schwere Verstöße waren kein Anlaß zu Revolten, denn sie bedrohten das Geschlossene System nie. Außerdem war bald klar, daß er sich durch seine eigene Ergebenheit das absolute Vertrauen des Großen Verbündeten gesichert hatte. Dieser wandte sich in allen Dingen direkt an ihn.

Im Lauf der Jahre kam auf diese Weise im einst modernen europäischen Land ein regelrechtes Patriarchat zustande. Nach dem Vorbild Karls IV., Gründers der Karlsbrücke, des Karlsplatzes, des Karolineums und des Karlsteins, erhielt Antonín Novotný den Spitznamen Taťka – Papachen –, wie er übrigens gern von seiner Gattin, auch bei Staatsempfängen, genannt wurde.

Das ZK wurde seinerzeit von Taťka auf mehr oder weniger persönliche Weise zusammengestellt, wobei er der Öffentlichkeit einige der allernötigsten Konzessionen einräumte, und nun hat dieses ZK dem allmächtigen Ohnmächtigen die entscheidenden Funktionen entzogen und kühn einen Erneuerungsprozeß proklamiert.

Ein Irrtum? Ein Trick? Oder eine Redensart, um die Palastrevolution zu garnieren?

Wäre es verfehlt, an diese Leute nochmals die Frage des ZK-Mitgliedes František Vodsloň zu richten, die gleich nach der jongleurhaften Einleitungsansprache Novotnýs – er hatte noch ein letztes Mal versucht, die Illusion der Normalität hervorzurufen – den Konflikt auslöste?

– Genossen, wofür haltet ihr uns eigentlich?

Zugegeben, aus dem Durcheinander von Blabla und Hintertreppenbeleidigungen erheben sich scharf umrissen die Diskussionsbeiträge Dubčeks, Smrkovskýs, Slavíks, Mináčs, Fierlingers, Indras, Biľaks und vor allem natürlich Šiks, der bis zum eigentlichen Wesen der Krise vorstößt. Danach ließe sich das Programm einer Rettungsaktion in vier Begriffen ausdrücken:

Föderalisierung, Rehabilitierung, Demokratisierung und Neues Ökonomisches Modell.

Aber wie wollen sie das verwirklichen, wenn nur Šik allein die Situation der Partei und des Landes als kritisch bezeichnet hat und fast alle übrigen die ganzen Tage lang hartnäckig versuchten, ihm das auszureden?

Mit welchem Wunder wollen sie es durchsetzen, wenn sie nicht durchgesetzt haben, daß das alles in der Resolution steht, wenn sie es zugelassen haben, daß sich auch im Kommuniqué über diese bedeutsame Tagung die obligaten verlogenen Phrasen einschließlich der sattsam bekannten «völligen Einheit und Geschlossenheit» abermals wiederholen? Wie wollen sie das abgestumpfte und ganz und gar mißtrauische Volk für einen solchen Prozeß gewinnen, wenn sie ihm nicht einmal mit einem Augenzwinkern andeuten, wohin es für sie eigentlich geht? Oder wollen sie das alles wieder allein ausfechten?

Mein Gott, wann wird sich in der Tschechoslowakei endlich ein mittelmäßig erleuchteter Politiker finden, der aus der Geschichte lernt, daß dieses seltsame Land bereitwillig seine letzten Hosen dem opfert, der ihm die bittere Wahrheit sagt??

P. S. Gibt es den schon? Eben habe ich zu meinem Erstaunen in der heutigen «Práce» den Leitartikel Josef Smrkovskýs «Worum geht es heute?» entdeckt. Er greift als erster über die Resolution hinaus:

«Es handelt sich nicht nur um eine rein personelle Angelegenheit, sondern um alles, was jeden Kommunisten und jeden Mitbürger interessiert und beunruhigt. Die personelle Lösung im Bereich der höchsten Funktion ist der erste Schritt. Wir wollen so handeln, daß es keinen Unterschied zwischen unseren Worten und unseren Taten gibt. Und Realisten sein. Nichts Unerfüllbares versprechen, dem Volk die Wahrheit sagen, ob sie angenehm ist oder nicht, und gemeinsam mit ihm dann alles entscheiden. Die Deformationen des Sozialismus, zu denen es in der Vergangenheit gekommen ist, bis in die letzten Konsequenzen liquidieren und wiedergutmachen; und nicht zulassen, daß es zu neuen kommt.»

Wenn das tatsächlich eine Chance ist, dann sei uns Marx gnädig, denn es ist mit aller Wahrscheinlichkeit die letzte!

5. V. 45

Praha

Ich schreibe Dir am Ende eines Tages, der mir alles gegeben hat, wonach ich mich gesehnt habe:

die Freiheit und Dich!

Ich sitze an Deinem Bett und sehe zu, wie Du schläfst, verloren im viel zu großen Pyjama Deines Vaters. Nicht einmal das Echo der Schüsse weckt Dich. Du schläfst wie ein Igel, geschützt von den Stacheln der Barrikaden. Auch ich bin eine.

Mir scheint, daß es schon Jahre her ist, aber es war heute morgen, da mich Mutter mit der aufregenden Nachricht weckte:

– Der Rundfunk spricht nur noch tschechisch!

Sie wußte, daß ich heute eine Sendung habe.

– Du solltest nicht hingehen. Was, wenn es jetzt losgeht?

Ich wehrte mich.

– Sie haben mich dafür in der Schule entschuldigt. Was würden sie sich dort denken?

Vater verstand das zum Glück.

– Du bist bald siebzehn. Ich verlasse mich auf deine Vernunft.

Vor dem Studio Nr. 6 standen Robert und Slávek, und mit ihnen Petr. Er hat von seinen Panzergräben endgültig Reißaus genommen. Wir tauschten die letzten Nachrichten aus. Die Sowjets in Brünn, die Amerikaner in Cheb. Wir stritten darüber, ob Prag sich erheben soll. Rob meinte, es sei schade um das unnötig vergossene Blut. Petr, Slávek und ich waren von Grund auf dagegen. Wir haben allzulange in Knechtschaft gelebt. Die Freiheit darf kein Geschenk sein. Die Freiheit muß immer erkämpft werden, wenn ein Volk ihrer würdig sein soll. Rob brachte uns auf die Palmen:

– Um ihrer würdig zu sein, muß das Volk sie erst erleben!

– Sie können uns nicht alle umbringen, pochte ich auf den Tisch. Die es überleben, werden durch dieses Blut stärker. Ausgebügelte Fahnen kleiden nur die Spießervereine. Die Fahnen der Nationen spiegeln den Willen wider, die Wahrheit zu verteidigen!

Eine deutsche Patrouille schritt den Korridor ab. Zwei Jungs, nur um wenig älter als wir. Ihre Mäntel und Helme waren viel zu groß. Die Besatzung des Funkhauses bestand schon seit einigen Jahren aus ein paar älteren Österreichern, die jeder kannte. Es hieß, sie hätten versprochen, die Waffen niederzulegen, wenn wir sie dafür nach Hause ließen. Jetzt hat man sie also abgelöst.

Sie blieben bei uns stehen, der eine nah, der andere sicherte.

– Ausweise!

Wir zogen unsere deutsch geschriebene Mitgliedskarte des Schulfunks hervor.

– Wo ist hier der Ansageraum?

Petr zuckte die Schultern, als ob er nicht verstünde. Der erste machte eine mißtrauische Visage.

– Scheiße!

Er zog drohend sein Gewehr hoch, schob Rob, der ihm im Weg stand, beiseite, und sie gingen weiter. Fast gleichzeitig sprangen wir ihnen von hinten an die Kehle.

Schade, daß wir es in der Phantasie taten! Wir hätten die ersten sein können.

Dann klapperten Deine Absätze im Korridor, und ich vergaß alles, was nicht Du warst. Du sagtest uns, daß die Euren zu einem Begräbnis gefahren seien und daß Du am Abend gern ins Kino gehen würdest. Wir verabredeten uns alle auf sechs Uhr. Es tat mir leid, nicht mit Dir allein zu sein. Wer hätte ahnen können, was das Schicksal für uns bereithielt. Ein grausames Schicksal? Ein herrliches Schicksal!

Die Sendung war nach zehn zu Ende. Slávek hatte den Ikarus gesprochen, wir wie immer den Chor. Ich bin ihm nicht neidisch: ich habe Dich.

Redakteure, Techniker und Schauspieler gingen mit Schraubenziehern durch die Korridore und beseitigten überall die deutschen Orientierungstafeln. Wir halfen ihnen. Das war ein fröhlicher Aufstand. Wer hätte gedacht, wie wertvoll er sich bald erweisen wird!

Als wir Dich dann heimbegleitet hatten, fuhren wir mit der Tram nach Hause. Der Schaffner eröffnete zwei deutschen Fliegern, daß er keine Mark mehr annähme. Weil sie keine Kronen hatten, ließ er anhalten und wies sie hinaus. Dann erklärte er:

– Die Tschechen fahren wir heute gratis!

Wir begannen zu singen. Die ganze Tram machte mit. Vor den Schaufenstern standen Spaliere aus Leitern. Die Ladenbesitzer beseitigten die deutschen Aufschriften. Als ich ausstieg, sagte Rob:

– Also um sechs!

Auf der Verkehrsinsel stand ein Kontrolleur mit einer Flasche und rief:

– Abends um sechs nach dem Krieg! Abends um sechs in der Republik!

Die Deutschen waren wie weggeblasen. Auf dem Adolf-Hitler-Platz flogen die Blechtafeln von den Hauswänden. Eine Menschenmenge mit einer riesigen Fahne zog zum Gebäude des Generalstabs. Sie trug wieder den blauen slowakischen Keil. Sie sangen die Nationalhymne. Ich erinnerte mich an jene Nacht im September 1938, ich war zehn Jahre alt und hielt mich an Vaters Hand fest, als der einäugige General das Münchner Diktat bekanntgab. Damals sah ich in Vaters Augen zum ersten Mal Tränen. Auch damals wurde die Hymne gesungen. Wieviel Tote und Tränen zwischen den beiden Hymnen!

Es war noch niemand zu Hause. Ich stellte den Rundfunk an. Nach sechs Jahren erklangen wieder Sokolmärsche. Voll Freude stellte ich das Gerät ans Fenster und drehte auf volle Lautstärke. Der Einfall lag vielleicht in der Luft. Sofort bebte die Straße in den Fundamenten. Die Menschen winkten einander zu und hingen Girlanden aus rotweißblauen Fähnchen an die Fenster. Plötzlich verstummte der Marsch, man hörte Schüsse und eine erregte Stimme:

– Wir rufen die tschechische Polizei und das tschechische Heer! Kommt uns zu Hilfe ins Funkhaus! Die Deutschen morden unsere Leute!

Ich konnte gerade noch auf einen Zettel schreiben Habt keine angst, bin in ordnung! Zum zweiten Mal in diesem Jahr rannte ich mit der Zeit um die Wette zu Deinem Stadtviertel. Die Menschenmengen waren fort. Die Geschäfte ließen die Rolläden herunter. Ein paar Menschen eilten in der gleichen Richtung wie ich. Ein Lastwagen, vollbesetzt mit bewaffneten Pragern, fuhr vorbei, sie trugen Zivil, hatten deutsche Helme auf. Auf dem Trittbrett stand ein tschechoslowakischer Offizier. Ich hatte diese Uniform sechs Jahre lang nicht mehr gesehen. Sie war ihm inzwischen zu klein geworden, er konnte sie nicht zuknöpfen. Ich winkte, sie fuhren weiter, nahmen mich nicht mit.

Der Wenzelsplatz lag unter deutschem Beschuß. Auch beim Viadukt konnte ich nicht durch. Schließlich glückte es mir über die Schienen des Hauptbahnhofs.

Beim Funkhaus war’s schon fast vorbei. Im Torweg des gegenüberliegenden Hauses lagen Tote. Man hatte ihnen die Gesichter mit Fahnen zugedeckt.

Die Deutschen hatten zu schießen begonnen, als sie den Ansageraum nicht fanden. Sie fanden ihn nicht, weil wir mit Dir am Morgen die Orientierungstafeln abgeschraubt hatten! Die Unseren kamen über die Dächer. Um jedes Stockwerk wurde gekämpft. Die Reste der Besatzung zogen sich in den Keller zurück. Jetzt schwemmte sie die Feuerwehr mit Wasser hinaus. Sie haben uns das doch selbst gelehrt! So haben sie vor drei Jahren in der Karel-Boromejský-Kirche das Fallschirmkommando, das den Heydrich bestraft hatte, erwischt.

Einer von denen, die die Helden mit Essen versorgten, jetzt kann ich das schon sagen, und ich sage es zuerst Dir, war mein Vater. Er war ein Freund vom Pfarrer Vladimír Petřek.

Im Funkhaus roch es nach Schießpulver. Auch im Vestibül lagen Tote. Für mein Alter habe ich schon mehr als genug Tote gesehen. Ich werde mich nie an sie gewöhnen! In einer Ecke die unseren. In der anderen Deutsche. Man hatte sie aufeinandergeschichtet, wie graugrüne Holzklötze. Eine Reihe Stiefel, eine Reihe Köpfe. Ich erinnerte mich an die beiden Soldaten. Sie mochten Primaner sein wie ich. Ich stellte sie mir hier in diesem Haufen vor, und ich schauderte. Aber Mitleid empfand ich nicht. Mitleid nicht.

Als Pfarrer Petřek zum letzten Mal bei uns zu Hause war, einen Tag vor dem Attentat, sprach er mit Vater über die deutsche Schuld und Sühne.

– Wenn ich nach dem Krieg auf der Straße einem Deutschen begegne, sage ich ihm: Weich aus, Deutscher, siehst du nicht, daß hier ein Mensch geht?

Dieser schlanke, asketische Priester und Gelehrte, der mich immer an Jesus erinnerte, hob täglich die Betonplatte der Krypta auf, um den Gehetzten Essen zu reichen und ihre Exkremente zu entfernen ... jawohl, auch solche Taten machen einen Helden. So wie Jesus wurde er verraten, gefoltert und getötet, ohne ein Wort zu sagen. Um seinetwegen wehre ich mich jetzt gegen das Mitgefühl. Meines hingerichteten Onkels, meines erschossenen Dichters Vančura, der Toten der Konzentrationslager wegen. Und auch meiner und Deiner sechs Jahre Hoffnungslosigkeit wegen.

Das Vestibül begann zu beben. Im Keller explodierten Granaten. Ich suchte jemanden, der mir eine Waffe geben konnte, aber die schon Soldaten gewesen waren, hatten Vorrang. Da stieß ich plötzlich auf Herrn Karel.

– Komm mit, flüsterte er mir zu, weil du’s bist!

Er mag mich wegen der Fuhrmannslaterne, die ich ihm für seine Requisitensammlung gebracht habe. Er führte mich in sein Lager. Auf dem Boden lag ein Haufen deutscher Helme, Gasmasken, Gürtel, Mützen und Rangabzeichen.

– Das würd’ verschleppt und verschwinden, sagte er triumphierend, wir müssen jetzt schon an die Theater denken!

Ich nahm mir einen Helm, einen Gurt und ein Bajonett. Sie liegen jetzt auf Deinem Bett. So eilte ich zu unserem Rendez-vous. Die Straßen waren wieder voll Menschen. Man richtete Barrikaden auf. Gerade vor unserem Kino kippten die Leute einen Tramanhänger um. Der Triebwagen lag schon auf der Seite in einem Haufen von Glassplittern. Du erschrakst: – Wo ist Robert? Wo sind die Jungs?

– Wahrscheinlich sind sie nicht durchgekommen. Mir ist es auch erst im letzten Augenblick gelungen.

– Ich habe Angst um die Eltern. Es fahren ja keine Züge mehr. Sie haben uns umzingelt.

– Die Amerikaner sind in Pilsen. Spätestens morgen früh sind sie in Prag!

Drei Stunden lang waren wir zwei Glieder einer Menschenkette. Die Pflastersteine, über die ich Dich so oft begleitet habe, wanderten durch unsere Hände. Ich hätte nie geahnt, was so eine Straße wiegt. Es fing an zu regnen. Über Deine Wangen lief das Wasser herab, der Stein rieb Dir die Hände wund. Und doch hast Du durchgehalten. Ich will, daß Du weißt, daß ich glücklich und stolz war. Ich sah eine lebendige Jeanne d’Arc vor mir. Und das war meine Liebe!

Wir kamen vor Euer Haus. Aus allen Richtungen hörte man Schüsse. Auf der anderen Seite der Stadt stiegen im Nebel Leuchtraketen auf. Du fragtest:

Wohin gehst du?

Ich weiß es nicht.

Das Herz schlug mir bis zum Hals. Und dann hast Du es doch gesagt: Ich mach’ dir das Bett in der Küche.

Ich saß angekleidet auf den Sofakissen, die zwischen dem Küchenherd und dem Eßtisch auf dem Fußboden lagen. Ich hörte zu, wie im Badezimmer Wasser floß. Du kamst im Schlafrock, und darunter schleiften die Pyjamahosen Deines Vaters über den Boden. Du warst rührend wie ein Lustiger August. Ich sagte es Dir. Du lachtest. Eine ganz neue Vertrautheit verband uns. Du fragtest:

Warum schläfst du nicht?

Ich stand auf.

Ich habe einen Wunsch, einen einzigen Wunsch, ich möchte bei dir sitzen und deine Hand halten, bevor du einschläfst, ich schwöre, ich werde nichts anderes tun.

So betrat ich zum zweiten Mal im Leben das Zimmer, wo wir uns vor einem Vierteljahr geküßt hatten. Wie anders war es mit der Verdunkelung, beim Schein der Tischlampe, wie anders warst Du, mit dem Kopf auf dem Kissen. Ich legte Gurt, Helm und Bajonett ab, aber der Krieg blieb mit uns, im Rundfunk ertönte immer wieder ein alter Sokolmarsch als Signet des kämpfenden Volkes. In den Pausen wurden auf russisch und auf englisch die alliierten Truppen gerufen. Dazwischen eine Warnung, daß von Benešov her deutsche Panzer angefahren kamen.

Wir hielten uns an den Händen. Lange. Dann wurde ich verrückt.

– Ich habe zwei Geliebte, dich und die Republik, mit einer bin ich beisammen, zur andern geh ich in einer Weile; wenn Gott mir schon diesen Abend vergönnt hat, laß mich meine Hand auf dein Herz legen, ich will sterben, wenn ich mehr möchte als die Wärme, die ich als Geschenk in meiner Hand mitnehmen will.

Du lagst regungslos. Ich war verzweifelt. Es blieb mir nichts übrig als aufzustehen und schnell fortzugehen. Da hörte ich Deine Stimme.

– Dreh das Licht aus ...

Ich gehorchte. Hitze übergoß mich. Stoff raschelte. Deine Hände umarmten mich und zogen mich zu Dir. Die Pyjamajacke Deines Vaters war nicht mehr da, nur Haut. Ich legte beide Hände auf Deine Brust. Sie war warm und lebendig. Ich legte meinen ganzen Körper an sie. Mir schien, ich würde bewußtlos. Ich hörte Dich von fern:

– Hast du schon jemanden gehabt?

– Nein ... und du?

– Ich auch nicht ... So komm, wir werden uns haben ...!

Für einen Augenblick stand mir das Herz still. Ich öffnete die Augen. Nur schwach erkannte ich die Umrisse der Gegenstände. Entfernte Schüsse übertönten den Regen.

– Nein ...

– Warum nicht ...?

– Ich habe es dir geschworen ...!

Ich will, daß Du weißt, warum ich das sagte! Ich kenne Dich. Ich weiß, wie lang es damals dauerte, bevor ich Dich an der Hand nehmen durfte. Ich sehne mich nach Dir. Aber ich will nicht, daß Du Dich mir gibst in dieser Nacht des Abschieds und des Blutes. Das erschiene mir wie ein Opfer. Ich will kein Opfer, ich will Liebe. Ich will Dich im Juni haben, wenn das Heu duftet, auf einer stillen Wiese, wohin alle Sterne fallen. Um diesen Juni wird jetzt die Schlacht geschlagen. Warte auf mich, und ich kehre zu Dir zurück. Ich bin unverwundbar, wenn mich meine Jungfrau erwartet.

Du küßtest mich.

– Du bist brav!

Jetzt schläfst Du, meine Liebe, zu einem Knäuel zusammengekauert wie ein Kind. Vorher hast Du noch geflüstert:

– Geh nicht fort, bleib bei mir ...

Aber ich muß. Ich habe es Dir versprochen. Uns beiden habe ich’s versprochen! Auch dem, der kommen wird und der sich nie seines Vaters schämen darf. Wenn es sein muß, werde ich auch töten können. Wenn es sein muß – das glaube ich fest –, werde ich auch sterben können.

Ich hasse eine Welt, in der ich beim täglichen Abschiednehmen fürchten muß, es sei ein Abschied für immer. Aber heute ist diese Welt noch da, und sie schlägt wild um sich. Deshalb habe ich Dein Schulheft genommen, und deshalb schreibe ich Dir diesen Brief. Ich bete zu Gott, daß Du ihn nie erhältst. Wenn ja, so wird er mein Testament. Sag meiner Mutter, sie möge mir verzeihen. Und sag meinem Vater, daß ich zwar Vernunft hatte, aber dazu auch noch Ehre.