Verlag: Saga Egmont Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

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E-Book-Beschreibung Wo der Hund begraben liegt - Pavel Kohout

Kohout erzählt in seinem Roman in raffinierter, tragikomischer Dialektik von dem Leben, das der Dackel Edison bei seiner Frau und ihm führt, und stellt es dem politischen Hundeleben der Verfemten und Geächteten gegenüber. Der Autor hat sich als seinen Vertrauten, dem er von allen Verfolgungen, Verhaftungen, Verhören und vor allem von der faszinierenden Entstehungsgeschichte der „Charta 77" berichtet, den Dackel Edi ausgewählt. Das Schicksal des Dackels verschmilzt mit dem seiner Herrschaften, die schließlich in eine atemberaubende Kriminalgeschichte verwickelt werden.

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E-Book-Leseprobe Wo der Hund begraben liegt - Pavel Kohout

Pavel Kohout

Wo der Hund begraben liegt

Roman

Aud dem Tschechischenvon Joachim Bruss

Saga

Gewidmet

Den ersten signataren der Charta 77

Herrn Walter Jaeggi,

Ehemaliger botschafter der Schweiz in Prag

In memoriam und

Frau Dr. Annemarie Reynolds

In der freundschaft mit den ersten

Habe ich diese geschichte erlebt

Die freundschaft des zweiten

Half mir, sie zu überleben

Die freundschaft der dritten

Machte es mir leichter, sie zu schreiben

P. K.

0

1984, Lago Maggiore

Der Hund liegt zwanzig Schritte südlich von der Villentür begraben. Die Villa sieht in dem geräumigen Garten, der sich auf einem schiefen Felsen dem Flußtal zuneigt, wie der schlichte Aufbau eines Schiffes mit Schlagseite aus. Ein junger, heimischer Architekt hat hier im Jahre 1928 mit leichtem Beton und Glas seine Bewunderung für die gerade berühmt gewordene Bauhaus-Schule gelungen ausgedrückt. Es war ein gutes Jahr auch für mich: Im wenig entfernten Prag bin ich zur Welt gekommen.

Im Drahtzaun an der Kante des Hanges verfault eine hölzerne Pforte. Ein steiler Pfad, dem Fluchtweg aus einer Burg ähnlich, führte hier vom Garten zu der Wiese am Fluß. Man mußte dort unten nur einen Feldweg überqueren und war bei der geräumigen Badekabine, wo man auch übernachten konnte, berauscht vom nahen Wehr.

Die Idylle ging unter, als die Flut der Wochenendhaus-Bauten einsetzte, die den Menschen nach dem Panzer-August 1968 bei der Flucht ins Innere halfen und obendrein den gesellschaftlichen Rang markierten. Der Mann, ein kleiner Staatsfunktionär, der sich am Hang unterhalb von uns das erste Häuschen baute, nutzte Anfang der Siebziger seine plötzliche politische Macht zum ersten Test unserer Ohnmacht: Er hat den Pfad einfach seinem Grundstück einverleibt. Seitdem mußten wir zum Fluß über den weit gebogenen Hohlweg wandern.

Über der nutzlosen Pforte wuchert der Weißdorn. Lange Jahre schnitt die endlose Hecke Herr Kulhánek, ein Bauer aus dem nahe gelegenen Dorf Xaverov, der genauso alt war wie das Jahrhundert. Er hat diesen Garten für den Erbauer der Villa aus der Wildnis erschaffen und über Jahrzehnte erhalten. Alle Inhaber haben ihn dankbar übernommen. Nach wie vor schmückt die Pforte ein kunstvoll aus Weißdorn geschnittener romanischer Bogen. In dieser schönen toten Ecke entstand der Friedhof unserer Tiere.

Sollte hier in Zukunft einmal ein Nichteingeweihter graben, wird er eine Überraschung erleben. Neben einem Skelett, in dem auch ein Student der Tiermedizin die Gebeine eines jungen Dackels erkennen würde, wird er auf eine Urne stoßen, wie sie in tschechischen Krematorien nur für menschliche Überreste benutzt wird. Sie sind grundsätzlich mit einer Nummer versehen und streng registriert.

Diese ist nicht numeriert. Doch in der Registratur des Bestattungsdienstes der Hauptstadt Prag muß eine Kopie des Originals existieren, das vor mir liegt. Unter der Nummer 010263 ist einem gewissen Dr. Zima, wohnhaft Zelenečská 37, Prag 9, am 23.8.78 ein «amtliches Einäscherungsgefäß» ausgehändigt worden. Irgend jemand, höchstwahrscheinlich er selbst, hat dafür vierzehn Kronen bezahlt.

Die richtige Frage lautet also nicht: Wo liegt der Hund begraben?, sondern: Wer ist zwanzig Schritte südlich der Hallentür des Sommerhauses Nr. 177 in Sázava an der Sázava, etwa fünfzig Kilometer südöstlich von Prag, im Jahre meiner Geburt in dem berühmten Bauhaus-Stil erbaut und im Besitz des Ehepaares Kohout, begraben worden?

Die Geschichte dieses Mordes – ja, es war Mord! – gehört zu den erschütterndsten, die mir das Leben geliefert hat. Auch damals, als ich mitwirken mußte, war mir wiederholt zumute, als müßte ich jeden Moment erwachen. Der Mechanismus dieser Geschichte entglitt immer mehr auch der Kontrolle jener, die sie mit Ladung und Zeitzünder versehen hatten. Als es zur Explosion kam, starb ein Unschuldiger.

Ich habe mit diesem Zeugnis sieben Jahre gewartet, bis mein Entsetzen und meine Wut, die Gefühle des Betroffenen, nachließen und sich der Berichterstatter, der Erzähler, an die Schreibmaschine setzen konnte. Ich will die Geschichte ohne Phantasie schildern, mich auf die genaue Dokumentation stützen, die ich damals von Stunde zu Stunde in Wort, Bild und Ton angefertigt habe.

Ich habe vorgesorgt, daß diese Dokumentation, wie auch meine gesamte Korrespondenz mit den heimischen Ämtern und Gerichten, die an sich schon ein erschütterndes Bild jener siebziger Jahre bieten, aus meiner Heimat herausgeschafft werden konnte – notfalls bis ans Ende der Welt. Jetzt bedecken die Papiere in der Villa am Ufer des Lago Maggiore, die mir zu diesem Zweck eine gute Freundin geliehen hat, den Teppich der riesigen Wohnhalle.

Weil der ausführliche Bericht über die Ereignisse der Monate Juli, August und September 1978, den ich in Fortsetzungen dem Staatspräsidenten sandte, wie üblich durch die Hände der Staatssicherheit gehen mußte, hätte jede unbelegte Behauptung Strafverfolgung nach einer ganzen Reihe gefügiger Paragraphen nach sich gezogen. Daß dies nie geschehen ist, bezeugt die Wahrheit der Geschichte.

Die meisten Akteure behalten ihre wahren Namen. Weil sich jedoch viele der Übeltäter hinter Decknamen versteckten, haben all diejenigen ein um so größeres Recht darauf, die noch gefährdet werden könnten. So wird durch die Feigheit der einen und durch meine Pflicht, die anderen zu schützen, aus den Memoiren ein Roman.

Hinter der niedrigen Steinmauer reckt sich an diesem schwülen Sommernachmittag wie ein riesiges, faules Tier der Lago Maggiore. Vom Handlungsort jener absurden Komitragödie trennen mich drei mächtige Hindernisse: Der San Bernardino, der Arlberg und der Computer, der dafür sorgt, daß mir nicht irgendwo irgend jemand irrtümlich das Einreisevisum in die Heimat gibt.

Wie töricht! Es genügt, die Augen, ohnehin geblendet vom Glanz der Wasseroberfläche und des Papiers, zu schließen und die Fingerkuppen auf die glühenden Tasten der alten Schreibmaschine zu legen, die mir mein Vater vor vierundvierzig Jahren geschenkt hat, als mich, einem umgeschulten Linkshänder, Krämpfe am leserlichen Schreiben hinderten – und die Tessiner Kulisse reißt auf.

Ich betrete die tschechische Bühne der Handlung und finde dort jedes Wort, jede Geste jener Jahre wieder.

1

Sázava, Dienstag, 11.7.78 – 10.00

Die Sekunden vor einem Unglück haften im Gedächtnis wie das letzte Bild eines gerissenen Films; bis heute sehe ich die Augen meiner kleinen Töchter, die sich auf dem Rücksitz des Wagens mit meinem Sohn so zanken, daß ich mich vom Lenkrad abwenden muß, zwanzig Jahre lang sehe ich die drei lebendigen Gesichter, im kindlichen Streit von der künftigen Leidenschaft gezeichnet, während ich mir den schrecklichen Schatten der Lokomotive, die meinen Weg auf dem unbeschrankten Bahnübergang plötzlich versperrt, das Krachen des zerbeulten Blechs, das Zischen des spritzenden Wassers und das Schreien aller drei wie durch ein Wunder unverletzten Kinder jetzt eher ausmalen muß, als daß ich mich daran wirklich

erinnern kann; das Unglück, von dem uns jetzt nur sechzig Schritte trennen – über den Sandweg von den Birken vor unserem Haus, unter denen wir gerade zu Ende gefrühstückt haben, bis zum Briefkasten am Tor –, wird zunächst nach einem schlechten Witz riechen, sogar ein Geist wie der unsere, von den zehn Jahren dieses verrotteten Regimes abgehärtet, wird lange zögern, bevor er seine ungeheuerliche Wirklichkeit zuläßt, und sich lieber krampfhaft an die letzten Sekunden davor halten; es ist

zehn Uhr vormittags, ein alltäglicher Dienstag und doch dringen die Töne eines Flügelhorns von der Stadt bis hierhin, die meisten Schaustellerwagen haben schon gestern das zertrampelte Gelände der Prokop-Kirmes verlassen, die am Sonntag zur Mitternacht ihre heilige Seele aufgelassen hat; sie ziehen jetzt den Sázavafluß auf- oder abwärts zu anderen Kirchenpatronen Mittelböhmens, nur die Schießbuden, Schaukeln und Karussels sind es, die sie einmal im Jahr für zwei kurze Tage aus ihrer politischen Verbannung befreien; einer hat sich verspätet, vielleicht betrunken, vielleicht verliebt in eines der Lehrmädchen aus dem Glaswerk oder aus dem Kaufhaus Zář – Die Glut –, und jetzt schickt er ihr den letzten Gruß; du

trottest neben mir her wie immer, wenn einer deiner Leute zum Tor geht, ich verstehe weder deine Seele noch deine Sprache, wie deine Herrin sie zu verstehen scheint, ich schreibe dir auch nicht die Fähigkeit zu, in menschlichen Kategorien denken und fühlen zu können; doch gebe ich natürlich zu, daß du ein eigenes, verläßliches System der Wahrnehmung unserer gemeinsamen Welt hast, daß du auf deine Weise ihre Fragen begreifst und auch auf deine Weise

antwortest; ich kann mir vorstellen, daß es dich sehr unruhig macht, wenn sie oder ich oder sogar wir beide zum Tor gehen, dort ist auch die Garage, und jede unserer Bewegungen in diese Richtung kann eine wesentliche Veränderung zum Besseren bedeuten, aber auch zum Schlechteren, du fährst mit uns irgendwohin, wo erlesenere Gerüche dich erwarten als in diesem langweiligen Garten, oder – o Schreck – wir lassen dich bei Dritten in Pflege, ohne dir mitteilen zu können, wann – und ob überhaupt – du uns

wiedersiehst; eine so kleine Gefahr droht dir heute allerdings nicht, und von der großen haben wir bisher keine Ahnung, so gehe ich neben dir, reinen Gewissens und Gedankens, geläutert von gutem Schlaf, denke an gar nichts an diesem lauen Julimorgen, nach einem feierlich getragenen Frühstück unter den Birken, aus dem der Zauber

besserer Zeiten weht, bessere Zeiten, eine Illusion!, wo sind sie geblieben?, dieses Jahr ist nichts anderes als die Fortsetzung des vergangenen, in dem man mich zusammen mit deiner Herrin unwiderruflich von Bürgern zu Unbürgern degradiert hat; so wie verräterischen Offizieren die Epauletten heruntergerissen werden, so hat man uns die zivilen Rangabzeichen weggenommen – Personalausweis, Führerschein, Autozulassung, Telephonanschluß, Postzustellung und schließlich auch den Mietvertrag; dieser Garten ist eigentlich unser

Verbannungsort, ein Paradeort, gewiß!, denkt man zum Vergleich an die wahnwitzigen Ebenen Sibiriens, und gewissermaßen sind wir sogar aus freien Stücken hier, man hat uns anderes zugedacht, eine andere Wohnung ihrer Wahl, eine andere Heimat unserer Wahl; das Sommerhaus haben wir deshalb gewählt, weil es nicht in ihrem perversen Katalog stand, und so leben wir hier schon im zweiten Jahr mehr schlecht als recht vor uns hin und können uns nicht beschweren; wir wüßten auch nicht,

bei wem, dieses Jahr hat uns schon viel beschert, reichlich, es wollte nicht hinter den neun vorangegangenen zurückstehen, Verhöre, Geldstrafen, weitere Verbote von allem, was nicht ausdrücklich erlaubt ist, ich erhielt als Novum einen Schlag ins Genick, zum Glück vorerst nur mit der Faust, meine und deine Herrin, die schon im Vorjahr verwundet wurde, statt eines Pflasters die Erscheinung eines Machtfalters namens Marcel Malkus, doch das war im Frühling, seit einigen Wochen herrscht Ruhe, das Gras ist aufgeblüht, mühselig gemäht, getrocknet und dann verbrannt worden, zum Ungras degradiert, als niemand es von uns Verfemten für seine Kaninchen zu nehmen wagte, aber sei’s drum, der freundliche Sommer hat unsere liebe Zet sogar in die Stimmung gebracht, Kirmeskuchen zu backen, wie einst

im Frieden, es liegt in der Natur des Menschen, der nicht selbst angreift, sondern sich nur gegen die Versuche wehrt, seinen Geist vergewaltigen zu lassen, eine erkannte Wahrheit zu leugnen, die Würde in der Garderobe des Regimes abzulegen und sie mit einer Spitzeluniform oder einer Narrenkappe zu vertauschen, in der Natur unmilitanter Menschen liegt es, wenn nicht an die Anständigkeit, so doch an die Vernunft der Macht

zu glauben, also glauben auch wir, und diese unerwartete Pause in der Verfolgung wollen wir als eine kluge Geste der Obrigkeit verstehen, endlich als die Frucht der Erkenntnis, daß gerade das Öl ihrer Schikanen das Feuer unserer Verteidungsreaktionen anfacht, als einen Reifungsprozeß des Apparats, von dem man eher erwarten konnte, daß er vom Frühjahr an dem Höhepunkt des Sommers entgegenrasen würde; am 21. August werden zehn Jahre vergangen sein seit jener Nacht, als hier sechshunderttausend Armierte brüderlich einfielen, von jemandem eingeladen, der sich bis heute

nicht gemeldet hat; die Logik ihres verdorbenen Denkens sowie die Notwendigkeit ihrer Sekretariate und Dienststellen, die Jahr für Jahr aufwendigere Überwachungslust zu rechtfertigen, ließen uns eher eine weitere widerliche Runde unsinniger Belästigungen erwarten, die uns zwingen würde, unseren Protest noch lauter werden zu lassen, was sie zwingen würde, den Druck zu erhöhen, was uns zwingen würde, den Protest zu verstärken, was sie zwingen würde, was uns zwingen würde ... statt dessen also – wirklich, vielleicht? – ein Sommer im Zeichen

dieser Kadenz des wehmütigen Flügelhorns, des Brausens des nahen Wehrs, des Duftes der fett glänzenden Aprikosen an der Garagenmauer, des Summens der Fliegen und Wespen, ein altböhmischer Sommer mit dem weißen Tisch unter den Birken, auf dem sich wie bei einer astronomischen Turmuhr miteinander abwechseln werden: Frühstück, Schreibmaschine, Mittagessen, Schreibmaschine, Vesper, Schreibmaschine, Abendbrot ... ...undfünfzig, siebenundfünfzig, achtundfünfzig, neunundfünfzig, stop!, wir sind beim Tor angelangt, und du weißt schon, daß die bösen Garagengeister für dieses Mal gebannt sind, denn du wartest nicht einmal, ob ich dir gnädig öffne, sondern schlüpfst übermütig, ja geradezu schamlos vor meinen Augen durch den Holzzaun, den ich vor einer Woche so hervorragend und undurchdringlich repariert habe, du durchtriebener, mit allen Salben geriebener, mit allen Wassern gewaschener

Dackel, ich sehe, wie du die Segel deiner Ohren aufstellst, dich mit dem Paddel deines Schwanzes abstößt und mit einem einzigen gleitenden Sprung über die Einfahrt hinweg zwischen den Ähren landest, denen noch einiges fehlt, bis ihnen vom Staatsgut die Stunde der Mähdrescher schlägt; ich höre dein Kampfgebell, der Fistelstimme eines kreischenden Kindes ähnlich, und stelle mir den Mäusealarm vor, der jetzt über das riesige Feld bis zu den Mauern der Glaserei geschlagen wird; möge euch das Schicksal gnädig sein, ihr unbekannten Mäuse, und auch dir,

Edison, Edi genannt; mit diesem Frieden im Herzen, trügerisch wie die scheinbare Ruhe des Feldes, auf dem die Schlacht tobt, öffne ich den Briefkasten, ein seltsamer Brief liegt darin, seltsam schon deshalb, weil er uns überhaupt zugestellt wurde, seltsamer noch wegen seiner für Böhmen ungewöhnlichen Form: die Adresse ist mit einem fremdländisch dicken schwarzen Filzstift geschrieben, und ich ahne noch nicht einmal jetzt, daß

das Unglück gekommen ist.

Ein Hundeleben

Die Vorgeschichte

2

Böhmen, 1961–1970

Die Titelrolle in diesem Trauerspiel gehört dir, mein Dackel, nicht aus einer Laune des Autors heraus, sondern dem Willen der bösen Götter gemäß, die dir die Schlüsselszene zugedacht haben. Die Geschichte, lang und bewegt und mit immer neuen Einschüben und Verwicklungen, hatte allerdings eine Reihe von Protagonisten. Unter anderem auch mich. Vor allem aber sie.

Sie hieß einst Jelena Mašínová und ging auf die Zwanzig zu. Sie wurde mir Anfang der sechziger Jahre von der Chefin der Theater- und Filmredaktion des Prager Orbis-Verlags geschickt, als ich einen langen Brief an den Präsidenten Novotný diktieren wollte, der eine vernichtende Kritik des Tschechoslowakischen Jugendverbandes enthielt: Ich gehörte damals zusammen mit einem gewissen Jan Zelenka und einem bestimmten Jiří Pelikán seinem Präsidium an; wer konnte wissen, daß er eines Tages italienischer Abgeordneter sein würde?

Die Schreibkraft wurde mir telephonisch als eine glückliche Kreuzung zwischen Geist und Grazie angekündigt. Dem umschwärmten Autor war sie kupplerisch für einen ganzen Tag überlassen worden. Es kam ein mageres Mädchen in einem Kleid von knallgrüner Farbe, der einzigen, die ich absolut nicht ertragen kann. Allerdings entgingen mir ihre auffallend schönen Beine und Finger nicht. Leider jedoch klopfte sie mit ihnen jedesmal vor Ungeduld, wenn sie darauf wartete, daß ich das richtige Wort fand.

Sie reizte mich auch dadurch, daß sie den meiner Meinung nach mannhaften Tonfall und Inhalt meines Briefes, der mich alsbald meine hohe Funktion kostete, auch nicht mit der leisesten Bewunderung quittierte. Ich zahlte den Frosch aus und schickte ihn schon am Mittag wieder zurück. In die Redaktion kam sie jedoch erst am nächsten Morgen. Ihren Geist bewies sie durch die richtige Vermutung, daß ich sie nicht verraten würde.

Im Jahre 1963 sah ich sie bei meiner Freundin wieder. Sie war bereits Redakteurin, hatte angefangen, die Filmakademie zu besuchen. In Jeans und mit Bubikopf sah sie wie ein Page aus. Meine damals vergötterte E. hatte wieder einmal eine dramatische Phase, diesmal unter Beteiligung eines modischen Psychiaters. Doch die Erinnerung an das Diktat nahm mir die Lust, ein Rendezvous anzubieten. Ich habe in meinem Leben, so absurd es klingen mag, aus Scham viele Partien aufgegeben, bevor ich den Eröffnungszug wagte.

Nachts traf ich sie dann in der «Viola» wieder, der berühmten Poesie-Weinstube, umgeben von Altersgenossen. Sie sprach mich von selbst an. Es dauerte recht lange, bis ich erkannte, daß sie, obwohl von allen umschwärmt, zu niemandem gehörte. Ich sprang über meinen Schatten und lud sie zu mir nach Hause ein. Beim ersten Mal blieb sie nur drei Tage. Mein Nachscheidungs-Appartement hatte vierzehn Quadratmeter. Als sie fortging, war es gemütlich wie eine Turnhalle.

In meinem Tagebuch eines Konterrevolutionärs, jener dreiundzwanzig Jahre dauernden Wanderung von Panzer zu Panzer, habe ich meinen schicksalhaften Lieben statt Namen Buchstaben in alphabetischer Reihenfolge gegeben, keineswegs, um sie darauf zu reduzieren, sondern im Gegenteil, um ihre Dominanz in den einzelnen Akten meines Lebens noch stärker hervortreten zu lassen. Das bis heute schlanke Mädchen war damals das fünfte Jahr mit mir zusammen und bekam seltsamerweise von Anfang an den Buchstaben Z. War das nun Ausdruck einer vorübergehenden Müdigkeit und Skepsis, dauerte unser beider Kampf um die Freiheit ohne den anderen noch so lange, sie blieb schließlich Zet und wird es auch hier bleiben.

Von ihr bekam ich in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre deinen Vorgänger. Er kam mit einer Schleife und einer Visitenkarte unter dem Weihnachtsbaum hervorgekrochen: Adam von der Schwarzen Mühle. Daß sich mir von ihm so wenig eingeprägt hat, ist vielleicht die Folge dessen, daß wir damals noch getrennt wohnten und andererseits lange gemeinsame Arbeitsreisen in die zu jener Zeit sich mehr und mehr öffnende Welt unternahmen. Dabei haben wir Adam so häufig bei einer Pflegerin untergebracht, bis wir es nicht mehr wagten, ihn ihrer Liebe zu entreißen. Doch wozu die Ausflüchte: Wir waren einfach noch nicht reif für euch Dackel.

Mit Zet führte ich die entscheidenden Auseinandersetzungen meines Lebens über Gott, Kaiser und Menschen. Das schliff uns beide. Sie verriet mir, wie sehr sie beim Schreiben meines Briefes an Novotný über meine Naivität entsetzt war. Für ihre Begriffe konnte kein normaler Mensch hoffen, in den unermeßlichen Sumpf Bewegung bringen zu können. Als dann jedoch zu Allerseelen 1969 die Falle der Grenzen zuklappte, kehrte sie ohne Zögern mit mir in den Käfig zurück, und ihre steigende Teilnahme an einem ebenso ungleichen wie unerläßlichen Kampf setzte sie schließlich jener Bedrohung aus, die den Namen Marcel Malkus tragen sollte.

Unser freier Fall dauerte, trotz steter Beschleunigung, immerhin zehn Jahre. Auch eine absolute Macht, die sich auf die Bajonette einer Großmacht stützt, benötigt viel Zeit, ehe sie den ganzen Organismus eines Staates und einer Gesellschaft durchdrungen hat. Der Prager Frühling blühte nicht von den Krokussen bis zu den Zwetschgen des Jahres 1968, sondern fast dreizehn Jahre, seit jener denkwürdigen Nacht, in der auf einer geheimen Sitzung des xx. Parteitags der sowjetischen Kommunisten Nikita Chruschtschow die Flasche öffnete, aus der der Dschin herausschoß. Jetzt ist er wieder drinnen. Er drängt sich dort mit dem Geist von Helsinki.

Der hinterhältige Schlag der verbrüderten Verbündeten, der keineswegs im Interesse des bedrohten Sozialismus geführt worden war, sondern im Interesse der bedrohten Stalinisten, lähmte Millionen Menschen, die gerade in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft mit der schlechteren Vergangenheit abgerechnet hatten, häufig genug mit ihrer eigenen. Ein Volk, das aufrichtig versucht hat, anständig zu werden, kann man nicht in einem Tag, in einem Monat, ja nicht einmal in einem Jahr gänzlich demoralisieren.

Deshalb durfte ich noch fünfzehn Monate nach dem Einmarsch durch Europa reisen. Eine der Stützen des Prager Frühlings, die sich später schnell auf die Seite von Dr. Husák schlug, nutzte sogar meine Theaterreisen zu geheimen Kontakten mit Ota Šik in der Schweiz. Sie garantierte ihm die Fortsetzung seiner Wirtschaftsreformen, wenn er zurückkehren würde. Ich weiß bis heute nicht, ob das Angebot ein Luftschloß war oder eine Falle. Umgekehrt freilich lag der Sinn dieser löchrigen Grenze darin, so viele der populären Volkstribunen wie möglich von selbst in die Emigration zu treiben. Erst als dem Regime aufging, daß sie fast alle blieben, während der Exodus Fachkräfte wegschwemmte, wurde sie über Nacht dichtgemacht.

Am Vorabend von Allerseelen 1969 sollte ich nach Finnland fliegen, wo soeben mein Tagebuch erschienen war. Als ich vor unserem Hause, unter dem riesigen, handgetriebenen S, das von dem Erbauer, Erzbischof von Selm, auch die Fürsten von Schwarzenberg übernehmen konnten, das Taxi besteigen wollte, liefen vom anderen Ende des Hradschinplatzes, wo die oberste Paßbehörde im Toskana-Palais residierte, zwei wild gestikulierende Herren auf mich zu. Einen Moment dachte ich, sie wollten in die Stadt mitgenommen werden, und machte schon den Mund auf, um ihnen zu erklären, daß ich in die Gegenrichtung, zum Flughafen, unterwegs sei. Sie jedoch fragten mich so höflich, wie es ihre Atemnot erlaubte:

«Würden Sie so nett sein und uns Ihren Reisepaß zur Aufbewahrung aushändigen? Er wurde einstweilen für ungültig erklärt ...!»

Trotzdem war es noch im Februar 1970 möglich, daß die tschechischen Schriftsteller unter dem Vorsitz Jaroslav Seiferts das Angebot des neuen Regimes, für die bloße Loyalitätserklärung und die Billigung der «Bruderhilfe» des Warschauer Paktes in ihrer Verbandstätigkeit fortfahren und sich des materiellen Füllhorns – des Literaturfonds – weiter bedienen zu dürfen, in geheimen Wahlen fast einstimmig ablehnten. Den aufgelösten Verband mußten dann Graphomanen mit einigen Lyrikern neu gründen, deren Scham nicht ausreichte, der Angst oder der Versuchung entgegenzutreten.

Und noch im Juli 1970 wurde ein Prozeß gegen das Haupt der Dogmatiker im Parlament, Vilém Nový, geführt, der mich und drei andere Männer des erfrorenen Frühlings beschuldigte, dem Studenten Jan Palach die Existenz einer kalten Flamme eingeredet und so seine Selbstverbrennung verschuldet zu haben. Die höheren Justizbehörden konnten einen so brennenden Fall noch nicht auf Eis legen, doch schickten sie bereits eine gehorsame Richterin, die die Klage abwies, als einer der Mitkläger, der leicht lenkbare olympische Läufer Emil Zátopek, vor kurzem noch eifriger Reformkommunist, sich plötzlich zu der Mutterpartei bekannte und den Angeklagten um Verzeihung bat. Wer nicht mehr laufen kann, kann immer noch mitschwimmen.

Doch spätestens am 21. April war jedem, der nicht die Absicht hatte, nachzugeben, auch der Preis klar, die Luxussteuer, die auf jeden Versuch, in der Wahrheit zu leben, erhoben wurde. An diesem Abend strahlte Jan Zelenkas Fernsehen eine schaurige Premiere aus. Die Sendung Zeugnis von der Seine wurde angeblich vom moralischen Teil der tschechoslowakischen Emigration in Frankreich als Dokument des ekelhaften Treibens und Schacherns der geschlagenen Reformer geliefert. Allein diese Konstruktion war eine Fanfare aller zukünftigen, grenzenlosen Schamlosigkeiten. Präsentiert wurden heimlich aufgenommene und nach Bedarf manipulierte Aufnahmen von Privatgesprächen des Literaturwissenschaftlers Václav Černýs mit dem Schriftsteller Jan Procházka. Dieser geniale Drehbuchautor, dessen bester Film Das Ohr gerade verboten worden war, versuchte, der Massenlüge in einer Art entgegenzutreten, die eines Don Quichotte würdig gewesen wäre. Tag und Nacht tippte er sein Protestschreiben ab, das er Verwandten, Freunden, Kollegen, Schauspielern, Kellnern in seinen Restaurants, Verkäufern, seinem Schneider, seinem Zahnarzt und schließlich Dutzenden unbekannter Leute zusandte.

Einundvierzig Jahre alt, ein Kerl wie ein Baum, Bauer von Herkunft und Charakter, setzte er für seine Ehre buchstäblich seine ganze körperliche und seelische Kraft ein. Im April noch war er kerngesund, im Sommer wurde er das erste Mal operiert, im Herbst ein zweites und drittes Mal, im Winter folgte die vierte Operation.

Die Verhaftungen begannen. Kontakt mit den Gefangenen war nur Ehepartnern erlaubt. Trotz Abneigung gegen einen solchen Akt beschlossen Zet und ich zu heiraten. Was der Mensch der entarteten Macht nicht alles verdankt! Und als sich abzeichnete, daß es bloß bei meinen Kindern aus meiner ersten Ehe bleiben sollte, beschlossen wir, uns einen neuen Hund zuzulegen.

3

Böhmen, Winter 1970/71

Wir heirateten Silvester 1970 in Karlsbad. Zet hatte die Prozedur auf ihren Mädchennamen bestellt. Unmittelbar vor der Hochzeit demaskierte ein Anonymer aus Prag den glücklichen Bräutigam. Er warnte die Behörden, daß gewiß Dubček und Smrkovský als Trauzeugen erscheinen würden. Die Stadt hallte gerade von der Normalisierung à la Doktor Husák wider. Den örtlichen Propagandisten zufolge war hier im Jahre 1968 die Pest der Konterrevolution von den häufigen Besuchern Karlsbads eingeschleppt worden: dem Schriftsteller Procházka, dem Journalisten Kyncl und natürlich von mir, dem treuesten Gast.

Die Heiratsgenehmigung war bereits erteilt. So traf die Staatssicherheit zumindest strenge Vorkehrungen, wie wir aus dem damals noch undichten Apparat erfuhren. Stundenlang hat man den beiden Teufelszeugen auf allen Karlsbader Zufahrtsstraßen im Schneesturm aufgelauert, um wenigstens ihnen den Zutritt in die wieder brav werdende Stadt zu verwehren. Es endete wie bei Hašek, als in der Gastwirtschaft «Na Zavadilce» gestritten wurde, auf welche Art man den Hutmacher Vašák am besten hinauswerfen solle, wenn er wie immer beim Tanzabend Unruhe stiften würde.

«Und wissen Sie, was der Lump uns angetan hat?» endet Schwejk seinen Bericht. «Er ist nicht gekommen!»

Die Gesuchten hatten von unserem privaten Glück nicht die leiseste Ahnung. Auf unseren Hochzeitsphotos sind statt dessen in dem verschneiten Garten vor dem Standesamt schwarze Gestalten von unbekannten Photographen sichtbar. Es waren mehr Geheimpolizisten da als Hochzeitsgäste. Mit uns beiden zusammen waren es nur sieben, vier davon Schauspieler. Die hervorragende Komödiantin Jiřina Bohdalová wurde ein paar Tage darauf vom frischernannten Fernsehdirektor vorgeladen. Jan Zelenka, unlängst noch ein enger Freund, stellte sie vor die Wahl zwischen einer Freundschaft mit uns oder dem Bildschirm. Nach dem Verbot von Procházkas Film Das Ohr, in dem sie zum ersten Mal in ihrem Schauspielerleben, und das großartig, eine tragische Rolle gemeistert hatte, bedeutete dies für sie den Rückfall in die seichten Shows.

Es war die Visitenkarte der neuen Zeit. Der Zerfall einer Gemeinschaft, kurz zuvor noch von gemeinsamen Träumen getragen, ist keine tschechische Erfindung. Die Geschichte kann als ein Defilé tragischer Höhenflüge verstanden werden, bei denen steil aufsteigende Völker plötzlich die Schubkraft verlieren, oder aber sie werden abgeschossen und fallen in die Tiefe; die Moral an Bord bleibt das Leichentuch der Charakterfesten, die übrigen ringen im Freistil um Fallschirme.

Ab Montag, dem 1. Februar, hatte der Literaturfond verboten, im Schriftstellerklub Personen ohne Ausweis zu bedienen. Das Privileg, ein gutbürgerliches Mittagessen in angenehmer Atmosphäre und dazu preisgünstig zu verzehren, das viele seit Jahrzehnten nutzten, hatte die erste bizarre Selektion zur Folge. Deren Opfer erwartete zum Glück nichts Schrecklicheres, als daß sie mit dem ebenfalls beliebten Klosterrestaurant auf der gegenüberliegenden Seite der Národní, der Nationalstraße, vorliebnehmen mußten; in der Tat war es jedoch die erste Kostprobe sozialistischer Apartheid.

Gleich am Montag ging ich in den Klub. Auf der Treppe atmete ich tief durch, um meinen Auftritt nicht durch peinliche Nervosität zu verderben. Der Ober Jeníček entschuldigte sich verlegen, er dürfe mich nicht bedienen. Ich packte aus meiner Tasche Wurst und Brot aus, schnitt von beidem mit eigenem Taschenmesser etwas ab und bemühte mich, so normal zu schlucken, als wenn nichts wäre. Der Speiseraum begann sich zu füllen. Kollegen, die sich bereits durch gutes Benehmen den neuen Klubausweis gesichert hatten, grüßten mich erschrocken. Unter ihnen war kaum jemand, der nicht vor zwei Jahren die feierliche Solidaritätserklärung unterzeichnet hatte. Damals dachte man sogar an Todesstrafe. Jetzt, als es nur um Erbsensuppe ging, mieden die Kollegen mit verlegenem Gruß meinen Tisch, setzten sich woandershin und begannen intensive Gespräche, als wäre ihnen das Essen eine lästige Pflicht. Ich blieb allein.

Dennoch wiederholte ich den Auftritt noch einige Male, bis ich es schaffte, daß mein Puls schließlich nicht schneller ging und mein Herz nicht lauter schlug. Leute, die mich einen Showman zu nennen pflegen, ahnen nicht, daß ich mit einer Schüchternheit ausgestattet bin, gegen die ich bis heute mit größter Willensanstrengung angehen muß. Ich brachte es nicht zum Schauspieler, weil ich bei jedem öffentlichen Auftritt weithin sichtbar errötete. Dieses törichte Trotzspiel hat mich wahrscheinlich vor dem Syndrom des Gelben Sterns bewahrt. Ich habe mich daran gewöhnt, der Schamlosigkeit nicht auszuweichen, sondern ihr überlegen entgegenzutreten. Auch die Gourmets gewöhnten sich daran. Mit zunehmend stumpferem Gewissen genossen sie die leckeren Bissen und flüsterten sich zu, wie sehr ich an Würde und Niveau verlöre.

Am Samstag, dem 20. Februar, wollte ich wieder einmal in den Klub, um meine Gelassenheit zu trainieren, aber kurz vor Mittag rief Lenka Procházkova aus dem Krankenhaus «Na Bulovce» an. Als ich mit Zet dort ankam, konnten wir Jan Procházka zum letzten Mal sehen. In dem Zimmer, in dem er mir noch vor einer Woche nach der fünften Operation von seiner neuen Filmidee erzählt hatte, lag anstelle eines Riesen ein weißes Bündel zerschnittenen Fleisches. Seit der Sendung, die lief, als er noch gesund war, waren noch nicht einmal dreihundert Tage vergangen. Der Fernsehmord bot absurderweise den ersten kleinmütigen Intellektuellen, die sich den neuen Verhältnissen anpassen wollten, einen Vorwand: Laut äußerten sie jetzt ihre Empörung, nicht etwa gegen die Abhörer; sie kündigten den Abgehörten die geschworene Solidarität mit der Begründung, diese hätten sich in dem belauschten Privatgespräch, wenn sie von andren sprachen, einer vulgären Redeweise bedient.

Ich hatte zu dem Toten eine besondere Beziehung. Als sein Erstling von der Kritik verrissen wurde, schrieb ich meine einzige literarische Prophezeiung, nämlich daß aus diesem unbekannten Jugendfunktionär ein großer Autor erwachsen werde. Dennoch sind wir in besseren Zeiten nie echte Freunde geworden. Uns hat erst die Ähnlichkeit verbunden, wie wir auf die schlechten Zeiten reagierten. Wie ich lehnte er Arrangement und Emigration ab. «Wir gehören zu dem Schlamassel!» lautete seine Parole.

Nach Jahren begann ich, mit ihm zu den Spielen des ehrwürdigen Fußballvereins Slavia zu gehen, den ich einst in meiner Jugend so geliebt hatte. Er hatte ihm noch im vorletzten Jahr einen Außenstürmer gekauft. Der neue Vorstand gab ihm jetzt keine Ehrenkarten mehr, doch die Tribüne nahm nach wie vor den Hut ab vor dem Tribunen des toten Frühlings. Hunderte winkten ihm zu. «Sie verurteilten uns zur Tapferkeit, damit sie selbst feige sein können», bemerkte er trocken.

Außer seinen Frauen, er hatte samt Mutter und Ehefrau fünf davon zu Hause, liebte er die Menschen nicht sehr. Die Generationen der Bauern in ihm glaubten nur an Gott und an sich selbst. Mich hat er wohl erst in den allerletzten Wochen wirklich gern gehabt, als er, ohne sich zu verstellen, vor mir leiden konnte. Seine Schmerzen wollte er vor seinen Frauen verbergen. Daß er sterben mußte, haben wir ihm alle vereint verborgen.

Für die fünf Frauen, die im strengen und liebevollen mährischen Patriarchat erzogen waren, stürzte die Welt ein. Zusammen mit dem Kameramann Stanislav, einem weiteren Freund der Familie, haben wir das Begräbnis organisiert. Im Angesicht des Todes hört gewöhnlich das Geschwätz der Hausflure und die Gehässigkeit der Ämter auf. Doch Jan war der erste Tote des Prager Frühlings, und das Regime verstand sein Ableben als Provokation. Auf den bekannten Prager Friedhöfen gab es plötzlich kein Grab für ihn. Auf einem Vorstadtfriedhof wurde ihm dann so spät eins zugeteilt, daß die Todesanzeigen nicht rechtzeitig eintreffen konnten. Sämtliche Zeitungen lehnten es ab, eine zu bringen. In der Wohnung der Familie wurde zum ersten Mal das Telephon abgeschaltet.

Am Tage vor dem Begräbnis lag auf den Feldern am westlichen Stadtrand Prags – Košíře – leichter Schnee. Seine Kristalle reflektierten die Sonne wie Flitter. Als ich mit Stanislav ans Grab ging, um über den Verlauf des morgigen Tages nachzudenken, warf der Totengräber wie im Hamlet einen alten Schädel aus der frisch gegrabenen Grube. Um ihn herum standen vier Kapitäne, hohe Polizeioffiziere.

Wir stellten uns vor und sprachen die Vermutung aus, wir träfen uns hier wohl in derselben Sache. Sie verneinten das geradezu hysterisch. Trotzdem machten wir sie darauf aufmerksam, daß dieser Friedhof mit der Stadt nur durch einen schmalen Feldweg verbunden sei, auf dem es am nächsten Tag zu einem Zusammenbruch des Verkehrs kommen könnte, wenn der nicht dirigiert würde. Sie wehrten laut ab, dies sei nicht ihre Sache. Dann gingen einem von ihnen die Nerven durch: «Wäre ich gestorben, kein Schwein käme hierher! Der Herr Procházka muß natürlich auch nach dem Tod noch Extratouren machen!»

Am Morgen war uniformierte Assistenz angetreten. Aber der junge Schauspieler Hanzlík, für den Jan Procházka dessen bisher besten Rollen geschrieben hatte, kam nicht. Er sollte am Grab Harmloses aus Jans Kinderbuch lesen. Mein Stammregisseur aus dem «Theater auf den Weinbergen», Dudek, hatte ihn bei sich zu Hause eingeschlossen. An diesem Morgen sicherten sie sich beide ihre zukünftigen Fernsehserien, die böhmischen Carringtons und Ewings. Ich urteile nicht darüber. Solche und ähnliche Wechsel werden letztlich mit der unsterblichen Seele bezahlt, für die es keinen Ersatzreifen gibt. Auf jenem Friedhof lag die erste Kreuzung, an der unsere Schicksale auseinanderliefen.

Procházkas Begräbnis war würdig. Leise und erhaben. Als ich mich von Jan kurz verabschiedete, sah ich von dem Lehmhügel aus, auf dem ich stand, wohl alle, die den Sisyphus-Fels der Reform dieses Landes fast dreizehn Jahre bergauf gewälzt hatten, bevor sie, gemeinsam mit ihm, zurück in den Abgrund gestürzt wurden. Dubček schickte einen Brief. Es fehlte nur Doktor Husák, der an seiner Statt Polizisten schickte.

Hier stand auch der kranke Riese Josef Smrkovský, dessen Urne später auf einer Toilette im Zug gefunden werden sollte, der Philosoph Jan Patočka, bei dessen Beisetzung Motorräder brüllen sollten, und František Kriegl, der einzige tapfere Nein-Sager zu den Moskauer Protokollen von 1968, der schon ohne jegliche Zeremonie wie ein Verbrecher heimlich eingeäschert werden sollte. Hier wurden die Teilnehmer noch mit heimischen Amateurkameras gefilmt, mühsam getarnt auf Bäumen. In den folgenden Tagen wurden viele zum erstenmal ernstlich verwarnt. Für die einen hörte damit die Zeit der Widerborstigkeit auf, für die anderen begann sie erst richtig.

Zet und mir war traurig zumute. Immer mehr sehnten wir uns nach einem Hund.

4

Böhmen, Herbst-Winter 1971

Am Donnerstag, dem 21. Oktober, wurde, etwa drei Kilometer Luftlinie von uns entfernt, in der Wohnung eines gewissen Ingenieurs Novák ein halbes Dutzend nasser Mäuse geboren, die ihrer Blindheit wegen das Licht der Welt noch nicht erblickten. Bevor sie sehen konnten, zitterten sie noch ein paar Tage. Ihr dünnes Pfeifen hörte nur auf, wenn sie sich am Körper der ermatteten Mutter Pandora festsaugten.

In dieser Zeit überlegten Zet und ich ganz ernsthaft, ob wir uns einen Schäferhund anschaffen sollten, der uns bewachen, eine Bulldogge, die uns rühren, einen Foxterrier, der uns unterhalten, einen Labrador, der mit uns spielen sollte oder vielleicht einen Yorkshire, der selbst ständigen Schutz brauchte. Doch die geheimnisvollen Sterne leiteten unsere Wege zu dir, kleine Maus – zukünftiger großer Rauhhaardackel.

Den Tag deiner Geburt verbrachte ich wieder auf dem Friedhof. Für Jans Grab legten zum letzten Mal seine Schauspieler – schon heimlich – zusammen, bevor sie sich endgültig den neuen Prinzipalen unterordneten. Gratis entwarf den Stein keiner der Prager Künstler, deren Werke er ebenso gern zu kaufen pflegte wie Fußballstürmer, sondern ein Bildhauer vom Lande, der das als seine Bürgerpflicht ansah. Zu zweit stellten wir mühsam die schwere Marmor-Pieta auf, unmittelbar vor Allerheiligen. Eine alte Frau, die als erste unterhalb des Namens den Titel «Tschechischer Schriftsteller» las, seufzte selig:

«Hierhin werde ich zum Beten kommen!»

Wie selbstverständlich wurde ich zum Vormund der minderjährigen Töchter. Die Familie des verbotenen Autors hatte kein Geld. Meine Funktion trat ich in einer Sondermission an. Die letzten Drehbücher hatte Jan unter dem Namen der jeweiligen Filmregisseure geschrieben. Zusammen mit den hervorragenden Texten bot er ihnen als Kavalier die Hälfte seines Honorars an. Regisseur K. K. zahlte das Geld sofort aus. Dafür sagte er sich bald öffentlich von seinem mit Abstand besten Film los: Jetzt wollte er plötzlich Jans politische Irrtümer im Drehbuch übersehen haben. Erwachsene Männer fingen an, sich wie verführte Jungfrauen zu benehmen.

Regisseur Karel Steklý versuchte klarzumachen, daß er seinen letzten Film selbst geschrieben habe. Ich schaute diesen alten Mann mit dem Gefühl unaussprechlicher Scham an, als ich ihm Jans Originalmanuskript vorlegte, das ihn politisch wie moralisch vernichten konnte. Ein bißchen kam ich mir wie ein Erpresser vor, doch er nahm ohne Zögern zehntausend Devisen-Kronen aus der Schublade, fehlte nur noch, daß er wie ein diebischer Ober gesagt hätte:

«Versuchen kann man’s ja mal!»

Das Jahr verging im Zeichen wachsender Angriffe der Medien und Behörden. Kein Wunder, daß die Struktur der menschlichen Beziehungen erschüttert wurde. Der Deserteur bei Procházkas Begräbnis war die erste Schwalbe. Im Herbst schwirrten über Böhmen bereits Schwärme von Überläufern. Das Regime hatte sich bis zu den Wurzeln des Apparats und der Institutionen durchgefressen. Wer von dort her die Verfemten noch warnte, war schon ein Held. Wie meine Kinderliebe, als sie mir mit bebenden Händen die Liste Nr. 1 überreichte, eine geheime Aufstellung der Werke von zweihundertzwanzig tschechischen Autoren der Vergangenheit und Gegenwart, die aus den Buchhandlungen und Bibliotheken, also aus dem Gedächtnis verbannt werden sollten, Dilia, die staatliche Theater- und Literaturagentur, begann, alle ausländischen Verlage zu boykottieren, welche die Totgeschwiegenen weiter herausgaben. Es war völlig gleichgültig, was das den Staat kostete.

Einer der notorischen Alkoholiker, die jetzt massenweise in hohe Funktionen avancierten, ein gewisser Genosse Sedláček aus der Zentrale der normalisierten Partei, schwankte gern in der Weinstube «Viola» zu dem Tisch, an dem ich mich oft mit Havel traf.

«Wir haben euch aus den Lesebüchern gestrichen!» rezitierte er freudig mit schwerer Zunge.

Ach du schönes Böhmen, mein Böhmen, was kann man von dir auch verlangen, wenn dir in dreißig Jahren zweimal von treuen Verbündeten das Genick gebrochen wurde, einmal um den Frieden zu erhalten, das andere Mal, um den Sozialismus zu retten. Dem geht es nach dem Jahre 1968 ähnlich wie nach 1938 dem Frieden. Bis auf weiteres ist es aus mit ihm.

Das Regime hatte jetzt nicht mehr nur ein Häuflein unzuverlässiger Stützen, die sich am Zipfel des Uniformrocks des großen Bruders festhielten. Unter seiner Schutzherrschaft verwandelte sich das Land in eine große Verpflegungsanstalt, zu der – wie zum Schriftstellerklub – allein diejenigen zugelassen wurden, die bereut und sich gebessert hatten. Nur eifrige Reue konnte die gestrigen Verirrungen ungeschehen machen, denen hier in jenem verführerischen Frühling fast alle erlegen waren. Und sie alle beeilten sich, die eigenen Verfehlungen auf diejenigen abzuwälzen, die bisher töricht an dem Schwur der Solidarität festgehalten hatten.

So manche weiteren Repressionen hatten groteske Züge. So wurde ich auf die Militärverwaltung Prag 1 geladen. Zweck: Kontrolle des Wehrpasses. Ein gewisser Major Hanzal wollte meine Unterschrift, bevor er ihn mir zurückgab. Bieder scherzte er, doch gleichzeitig schwitzte er verdächtig an den Händen. Also schaute ich mir das Dokument vorher an. Anstelle eines Hauptmanns der Reserve war ich darin wieder nur einfacher Soldat.

Er lief vor mir in das Büro des Dienststellenkommandanten, Oberst Hruška, der schon aufstand und befahl:

«Habt acht!» Der Major nahm Grundstellung ein wie bei einer Parade, und sein Vorgesetzter stotterte einen Befehl des Verteidigungsministers herunter, wonach «der Dienstgrad demjenigen aberkannt werden kann, der im Widerspruch zu den moralischen und politischen Anforderungen handelt». Als er damit fertig war, schien es ihn geradezu zu jammern, daß er mir statt der fehlenden Schulterstücke nicht wenigstens den Kragen an meiner Jacke abreißen konnte.

Ich wollte die konkrete Anschuldigung wissen, und da verlor er die Beherrschung.

«Sie haben Stalin verraten!»

«Nein», sagte ich, «Stalin hat mich verraten.»

Da waren sie wieder, die zu allem Fähigen, Stalins altneues Aufgebot, seine Brut, aufgestellt zur nächsten Jagd. Ich legte den ungültigen Wehrpaß auf den Tisch und sagte, daß ich mit seiner Annahme in keinem Fall meine ungesetzliche und demütigende Degradierung anerkenne. Der Oberst schien einem Schlaganfall nahe und brüllte bis auf den Flur, er werde gegen mich eine Strafverfolgung einleiten lassen.

Das Wehrgesetz der Čssr verpflichtet jeden Bürger, seinen Wehrpaß zu Hause zu haben. Verlust wird streng bestraft. Mit der Rückgabe hatte der Gesetzgeber nicht gerechnet. Ich fand diese Lücke, als ich mir unverzüglich – wie von jetzt an immer wieder – in einer Art juristischer Selbstbedienung die betreffende Amtsliteratur besorgte. Ohne Nachweis, daß meine Wehrpaßangelegenheiten vorschriftsmäßig geregelt sind, konnte mir höchstens die Ausreise in das Ausland verweigert werden, doch diese Gefahr bestand für mich nicht, da mir der Reisepaß längst entzogen worden war.

Ich wartete nicht auf ihre Attacke, ich überfiel sie selbst. Meine Beschwerden regneten auf alle Instanzen herab, bis zum Minister und dem Präsidenten als Oberbefehlshaber. Sie titulierten mich als Soldat der Reserve, ich signierte als Reservehauptmann. Schließlich hörten sie auf zu schreiben. Auch die Zivilstaatsanwaltschaft gab auf. Die Pointe sollte erst in vier Jahren das Leben schreiben.

Auch die besten Freunde fragten mich verlegen, warum mir an diesem blöden Dienstrang so viel liege. Weil er meiner ist, sagte ich ihnen, einer meiner erdienten Bürgermale, und weil ich diese aufgeblähte Macht von Anfang an daran gewöhnen will, daß ich in dieser verlorenen Schlacht beabsichtige, zumindest meinen privaten Graben zu verteidigen und voll hinter jeder meiner Entscheidungen und meinem Wort zu stehen. Nach den trotzigen Mittagessen im Schriftstellerklub war dies mein zweiter wichtiger Schritt zu mir selbst in dieser sumpfigen Zeit.

Weihnachten nahte, und wir wollten wieder unter dem Weihnachtsbaum als Hauptgeschenk einen Hund finden. In Gedanken umrundeten Zet und ich den ganzen Hundeplaneten und gelangten abermals bei euch Dackeln an. Wie der Herr, so’s Gescherr, also auch der Köter. Uns lockte nach wie vor die eigensinnige Individualität und Treue, die Anspruch auf absolute Liebe erhebt. Irgendwer verwies uns an den Züchter Ingenieur Novák.

Zu der Zeit trugst du schon den stolzen Namen Edison Venor als Sohn der in der Zucht berühmten Pandora Venor, deren Großvater Dust 11. sogar dreimal Champion des Cacib war, dieses internationalen Hundeschönheitswettbewerbs, und väterlicherseits als Sohn des nicht weniger glorreichen Kasper von der Kettwigshöhe, des Nachkommen eines angesehenen Quartetts von Großeltern: Muck von der Dachsluft, Exe von der Hornchenbande, Batzel vom Falknerhaus und Daxi von der Forst-Brickwedde. Ein Hundeadel par excellence!

Der Glanz all dieser Titel fiel auch auf uns, als wir dich am 18. Dezember auf meinen alten, vom Vater ererbten Schreibtisch stellten. Sofort hast du auf die frische erste Seite meines Romans Die Henkerin gepinkelt, den ich dann neben dir dein ganzes Leben lang schreiben sollte. Als wir sie getrocknet hatten, kam der Photograph Štěpán, und wir stießen auf dich an. Nach der zweiten Flasche Sauvignon überkam uns die Lust, den Freunden in aller Welt zum neuen Jahr das in Böhmen traditionelle P. F. – pour féliciter – zu schicken, damit sie sehen konnten, wie wir den nationalen Polarwinter meisterten. Du paßtest glatt in den Trichter des uralten Grammophons, ein Geschenk des Moskauer Theaters «Sovremennik», als es seinen Autor noch lieben durfte.

Die Angewohnheit, jährlich eine photographische Nachricht über den Stand unseres gemeinsamen Lebens zu versenden, ist uns allen dreien geblieben. Daß sie zu den Stützpfeilern eines memoiromans werden sollten, wußten nicht einmal die Sterne.

5

Böhmen, Winter-Sommer 1972

Siebenmal schneller als der Mensch lebt angeblich der Hund, siebenmal intensiver war unsere Freude an dir. Noch führte uns dein zittriges Kriechen vom Tatort unweigerlich zu den Pfützen auf dem Teppich, noch durften wir dich schütteln und an der Nackenhaut anheben, von der du soviel Reserve hattest, daß zu zweimal hineingepaßt hättest, noch liebtest du Milch mit geschlagenem Eigelb, an der du ein Jahr später verachtungsvoll vorbeigehen wirst, von verwesenden Knochen angezogen, noch entdecktest du die Geheimnisse der Spiegel und Treppen, noch machtest du beim Pinkeln die Beine breit wie ein Hundefräulein, doch deine Gene meldeten schon die vielhundertjährige Erfahrung der Sippe.

Schon begannst du dich auf deiner Decke in konzentrischen Kreisen zum Schlaf zu legen, mit denen dein Urvater das Steppengras niedertrat. Schon bemühtest du dich, in unsere steinharten Holzpfosten mit den weichen Pfoten eine Höhle zu graben wie deine Urmutter, als sie in der Taiga der Frost überfiel. Schon zeigte sich deine Eigenwilligkeit und deine Empfindlichkeit für Beleidigungen, dein zwiespältiges Bedürfnis nach Freiheit und Abhängigkeit, was in deinen rätselhaften Vorfahren die unerbittlichen Kämpfe auf Leben und Tod hervorbrachten, die ihr bis heute in dunklen und unbekannten Labyrinthen der Erdlöcher mit schrecklichen Gegnern ohne die Hilfe der Herren führt.

Du wurdest plötzlich zur Attraktion unseres Heims. In der Rangordnung der Lebewesen stiegst du schnell zu den höchsten Säugetieren auf. Unsere Freunde, die nicht gedemütigte crème de la crème des tschechischen Geistes, nahmen dich unter sich auf, sie erkannten die sich entwickelnde Hundepersönlichkeit. An deinem ersten Silvester, als wir es nicht sahen, stellten sie dir die Gläser mit dem letzten Tropfen Sekt auf den Boden. Deine gierige Zunge leckte sie auf höchsten Glanz, dann hast du zwei Tage geschlafen und nie wieder Alkohol angerührt. Allein in dieser Hinsicht bliebst du ein eingeschworener Griesgram.

Du hast uns Licht gebracht in das Jahr, in dem endgültig das Dunkel ausbrach. Doktor Husák war möglicherweise im Jahre 1968, als er noch mit der Gloriole des Reformators Interviews in gutem Deutsch gab, aufrichtig überzeugt, daß die gepanzerte Normalisierung nicht das Ende der Reformen bedeute, sondern die konsequente Überwindung der blutigen fünfziger Jahre. Er selbst war um ein Haar dem Strick entgangen, an dem Rudolf Slánský gestorben war.

Beide gehörten zu jenen brillanten Intellektuellen, die, empört über die Unfähigkeit des Kapitalismus, die Welt von Kriegen und Armut zu befreien, und begeistert von der Ouvertüre des sowjetischen Versuchs, sich weltweit an die Stelle der Linken stellten. In den relativ aufgeklärten Verhältnissen der Vorkriegsrepublik mußten auch sie als Kommunisten die Regeln des demokratischen Spiels einhalten und wurden deshalb auch selbst respektiert. Die Repressionen hatten ihre gesetzlichen Grenzen, ließen sich leicht ertragen und bescherten den jungen Revolutionären das süße Gefühl des Märtyrertums.

Die sträfliche Naivität der westlichen Verbündeten, die unter dem Druck ihrer Pazifisten dem Nazi-Drachen mit dem Palmzweig entgegentraten und glaubten, ihn mit dem Bissen der Sudeten zu sättigen, entfesselte Krieg und Terror ohnegleichen. Die führenden tschechischen Kommunisten emigrierten entweder oder haben sich an der Seite der Demokraten an dem ungleichen Kampf gegen die Okkupanten beteiligt, der zumeist im Konzentrationslager oder auf dem Richtplatz endete. Die Masse der Mitglieder überlebte in der Masse der Bevölkerung für den üblichen Preis abgestufter Kollaboration.

Rudolf Slánský und seine Frau Josefa, bis heute «Špaček», der Spatz, genannt, verlebten die Kriegsjahre als Redakteure des Moskauer Rundfunksenders für die besetzte Tschechoslowakei. Sie zweifelten nicht daran, daß die Vorkriegsprozesse den Sowjetstaat vor der fünften Kolonne von Spionen und Verrätern gerettet hatten. Bald sollten sie darüber mehr wissen. Der Münchner Verrat und das allzulange Warten auf die zweite Front der Westalliierten bewirkten, daß nach dem Abzug der verbündeten Armeen aus der Tschechoslowakei in den ersten und letzten freien Wahlen die Linke gewann. Als die Kommunisten im Februar 1948 nach der unklugen Demission demokratischer Politiker die Macht gekonnt an sich rissen, war Rudolf Slánský bereits Generalsekretär der Partei, neben Gottwald der Mächtigste der Mächtigen. Wenn die Archive in Zukunft vielleicht einmal geöffnet werden, wird die Frage zu beantworten sein, in welchem Maße er selbst dazu verholfen hat, die hysterische Spionomanie zu entfesseln, mit deren Hilfe im frisch stalinisierten Mitteleuropa die innerparteilichen Machtkämpfe ausgetragen wurden. Sicher ist, daß er eines ihrer höchstgestellten Opfer wurde.

Am Vorabend des dritten Jahrestags der Machtübernahme war er zusammen mit seiner Frau, die zufälligerweise Geburtstag hatte, zu einem Staatsbankett geladen. Die führenden Genossen, die sie ihr Leben lang begleitet hatten, gratulierten ihr besonders herzlich. Von der Burg wurde das Paar in seiner Staatskarosse plötzlich von einem fremden Fahrer chauffiert. Die riesige Villa war ohne Strom – genau so, wie es später Jan Procházka in seinem Drehbuch Das Ohr beschreibt. In der dunklen Halle wurden sie von einem Zivilkommando überfallen. Als man die Frau mit der Pistole auf die Toilette drängte, bat sie: «Lassen Sie mich mit den Kindern sterben!»

Noch in der Wochenendhütte am Rande Prags, wo sie dann Rudolf junior und ihre kleine Tochter verschreckt fand, glaubte sie wochenlang, in den Händen imperialistischer Geheimdienste zu sein, welche die Regierung aller Werktätigen erpressen wollten. Die Wahrheit begriff sie erst, als sie mit den beiden Kindern in eine befestigte Herrschaftsvilla mitten im Herzen Böhmens überführt wurde. Der junge Rudi, der ein Vierteljahrhundert später in diesem Buch eine wichtige Rolle spielen wird, ging viele Monate nicht zur Schule. Niemand wagte ihn zu vermissen. Für ihn war sein Vater wie vom Erdboden verschluckt.

Ein Jahr später, im Sommer, vergaß irgendein pflichtvergessener Wächter, die Zeitung zu verbrennen, in die ein schlampiger Metzger die Fleischlieferung eingewickelt hatte. Aus den blutgetränkten Seiten erfuhren sie die blutige Wahrheit, daß der jüdische Judas Slánský schon vor Weihnachten erhängt worden war. Einige Zeit danach wurden sie in ein verfallenes Haus im Grenzgebiet gebracht und ihrem Schicksal überlassen. Sie fristeten ihr Leben mit Aushilfsarbeiten. Die Leute fürchteten sie oder gönnten ihnen ihr Schicksal. Dann starben Stalin und Gottwald, und das Eis taute. 1956, nach der Rede Chruschtschows, der das Geheimnis der manipulierten Prozesse lüftete, durfte Josefa Slánska mit ihren Kindern nach Prag zurückkehren. Sie bekamen eine kleine Wohnung, und Rudolf junior durfte Maschinenbau studieren. Damals habe ich sie das erste Mal besucht und kennengelernt.

Ich hatte den Geständnissen geglaubt, weil ich sie im Rundfunk aus dem Mund der Angeklagten gehört hatte. Damals ahnte ich nicht, daß es möglich ist, mit Amateuren elisabethanische Dramen bis hin zu echten Galgen zu inszenieren. Eduard Goldstücker, der berühmte Kafkaforscher, hat mir den Vorgang im Jahre 1967 erklärt: Die einen wurden mit der falschen Behauptung gebrochen, sie seien kläglich hereingefallen auf Spione, als Spitzengenossen aus dem Westen getarnt; in diesem Licht erschienen ihnen ihre ganz normalen Verbindungen und Tätigkeiten als Verrat. Die anderen gestanden, als sie das ununterbrochene Stehen ohne Schlaf zwischen den Verhören nicht mehr aushalten konnten, die unmöglichsten Verbrechen, um damit die politische Führung zur Wachsamkeit aufzurütteln; diese jedoch drehte ihnen um so erbarmungsloser einen Strick daraus und entfesselte neue Schauprozesse.

Trotzdem besuchte ich die mir persönlich unbekannte Familie, um mich zu entschuldigen. Keiner der Teilnehmer jenes letzten Burg-Abendmahls vor der Festnahme, der auch in der nachfolgenden Ära an der Macht blieb, hat das je in irgendeiner Form getan. Das macht den Unterschied zwischen Dichtern und Politikern aus. Darin wird mein zukünftiger Streit mit den Literaten des Westens bestehen, wenn sie wie Bernt Engelmann, als er an der Spitze des Verbandes deutscher Schriftsteller stand, beginnen, Politiker zu spielen und die Taktik der Moral vorziehen.

Die völlige Rehabilitierung und die Untersuchung des makabren Justiztheaters wurden durch die Invasion des Warschauer Pakts gestoppt und verhindert. Initiiert und provoziert haben die Bruderhilfe vom August 68 vor allem die Autoren und Regisseure des verbrecherischen Spiels, die die Gerechtigkeit fürchteten. Statt dessen durften sie jetzt der Tragödie Zweiten Teil anheizen; zu ihrem Leid und unserem Glück war der Galgen momentan unerwünscht.

Mein Mißtrauen gegenüber Doktor Husák drückt der letzte Eintrag im Tagebuch eines Konterrevolutionärs aus. Schon im April 1969 hat er als der neue Führer der Partei in seiner ersten Rede seiner Überzeugung Ausdruck gegeben, daß es keinem Bürger schade, mindestens einmal das Gefängnis zu erleben. Überrascht jedoch haben mich die übriggebliebenen Reformpolitiker im Zentralkomitee der Kpč, die zu seinen Gunsten Alexander Dubček abgewählt haben. Freilich gehörten zu ihnen Husáks engste Freunde, die ihm vor zehn Jahren auf dem mühseligen Weg vom Kerker in das öffentliche Leben entscheidend geholfen haben. Sie behaupteten mir gegenüber, gerade deshalb könne er nicht zulassen, daß nach ihm noch andere jenen Rutsch in die Hölle erleiden müßten.

Politiker ohne die Kenntnis der Lehre Machiavellis ähneln Ingenieuren und Schriftstellern, die das Einmaleins und die Rechtschreibung nicht beherrschen. Schon im Herbst ließ Gustáv Husák seine gestrigen Verbündeten und Gönner aussperren, zuerst aus der Partei, dann aus dem öffentlichen Leben. Als sie, seinem nicht lange zurückliegenden Beispiel entsprechend, vor den Wahlen legale bürgerliche Aktivitäten zu entwickeln begannen, damit – wie er selbst von den Tribünen des Prager Frühlings zu sagen pflegte – «uns nie wieder jemand zu Schafsböcken machen kann», ließ er auf sie dieselben Hunde los, die einst beinahe ihn zerfleischt hätten. Er ließ sie einsperren.

Im Juni 1972 schrieb ich an die Generalstaatsanwaltschaft ein Gesuch, in dem ich höflich darum bat, die Strafsache gegen meinen kranken, lebenslangen Freund, den Journalisten Karel Kyncl, in Freiheit weiterzuführen. Ein gewisser Dr. jur. Prokop lehnte das strikt ab und verwies mich auf das baldige Gerichtsverfahren. Wie immer wurde es für Juli angesetzt, wenn Prag menschenleer ist und diejenigen, die dort geblieben sind, lieber zu den Moldaubädern als auf die Barrikaden gehen.

6

Böhmen, noch Sommer 1972

Eines Tages werde ich wissen: Wenn ihr Hunde euer Gelobtes Land hättet, es wäre Capri, wo ihr sogar in die Metzgerei dürft, doch auch in Österreich, wo mächtige Hygieniker herrschen, gibt es immer noch genügend Platz für euch. Wohl nur die stolze Konditorei Demel am Kohlmarkt kann es sich erlauben, euch vor ihr erhabenes Tor zu weisen; jeder andere Cafébesitzer und Hotelier würde als Hundehasser seinen Verdienst beweinen.

In der Tschechoslowakei ging es nach dem Krieg den Menschen miserabel, warum sollte es den Hunden besser gehen? Wenn der Mensch zum Menschen unmenschlich grausam sein darf, was kann dann Gottes Getier erwarten? Die fortschreitende Aufklärung der sechziger Jahre war ein Segen auch für euch. Eure Rechte wuchsen mit den Rechten eurer Herren. Dein Vorgänger Adam durfte schon wieder in die Konditorei des Karlsbader Grandhotels «Moskva-Pupp», und als er einmal ganz von Sinnen unser Tischchen samt Kaffee mit wildem Sprung mitnahm, entschuldigten sich die Ober eifrig, das habe sicher eine ihrer Kakerlaken verursacht.

Unter Doktor Husák wurden Herren und Hunde erneut hinter die Schwellen ihrer Wohnungen verwiesen. Das bedeutete, dich so zu erziehen, daß du eben dort viele Abende allein verbringen konntest, wann immer wir ausgingen, um die Reste der verschwundenen Welt zu suchen. Als wir dich zum ersten Mal allein zu Hause ließen, standen wir hinter der Tür und warteten, bis du aufhörtest zu bellen, falls man dein piepsendes Kläffen so nennen konnte. Als du nicht aufhörtest, kamen wir zurück und rügten dich, gingen fort, warteten und kehrten zurück, immer erschöpfter, während die Quelle des Alarms in deinem kleinen Körper unerschöpflich schien.

Als wir etwa zum zehnten Mal weggingen, vergaß Zet, das Licht auszumachen, und plötzlich warst du ganz still. Seit der Zeit ließen wir für dich immer eine Lampe brennen und verdächtigten dich, daß du in unserer Abwesenheit zu lesen pflegtest.

Am letzten Julitag gaben wir dich zum ersten Mal in Pflege. Der unweit wohnende, weltweit bekannte Philosoph Karel Kosík erhielt von Zet deine Decke, deine Schale, die Leine und das Fressen sowie eine schriftliche Anleitung, wie er mit dir umgehen sollte, wenn wir uns gegen unseren Willen länger aufhalten mußten: Immer, wenn das Regime jemanden aburteilte, nahm es dabei vor dem Gerichtsgebäude ein paar andere fest.

Der Luftangriff auf Prag und der Prager Aufstand von 1945 hatten mir schon mit sechzehn Jahren gezeigt, wieviel Gesichter der Tod hat. Den ersten Menschen in Fesseln sah ich dagegen erst jetzt, mit vierundvierzig. Es war Karel Kyncl. Als wir etwa vierzehn waren, meldeten wir uns beide für ein Rundfunkensemble, wo während des Kriegs die Finger des nazistischen Jugendkuratoriums nicht hinreichten. Er bestand die Prüfung in Rezitation, ich die im Durchhaltevermögen. Als ich beim Vorsprechen – vor Lampenfieber rot wie ein Krebs – durchfiel, klammerte ich mich derart verzweifelt an die Gruppe der Erfolgreichen, daß man es nicht über das Herz brachte, mich nach Hause zu schicken; aus Not begann ich, für das Ensemble zu dichten.

Nach dem Krieg bezauberten wir miteinander als «Die Zwei» mit unserem postpubertären Charme die Besucher der Internationalen Rundfunkausstellung Mevro. Er blieb beim Journalismus, mich zog das Theater an und uns beide die kommunistische Partei, wo wir jedoch nach und nach unsere Schwierigkeiten bekamen – wie so mancher Intellektuelle in so mancher Partei. Er wegen eines Pamphlets auf den führenden Parteibarden Vítězslav Nezval, ich wegen meines Stücks über dogmatische Kommunisten in der Armee, Septembernächte.

Das Leben trennte uns und führte uns immer wieder zusammen. Diesmal ging es ganz dramatisch zu. Als der Polizeikordon Zet und mich von dem kleinen Gerichtssaal wegdrängte, der mit pensionierten Polizeibeamten gefüllt war, damit der Anschein öffentlicher Verhandlung gewahrt blieb, gelang es mir, über die Hintertreppe wieder dorthin zu gelangen. Man führte mich erneut hinaus, doch plötzlich mußten wir warten, weil die Eskorte vorbeikam.

Der bleiche und magere Freund ging in Handschellen zwischen vier Uniformen. Sein Blick streifte mich nur, denn im Häuflein der Davongejagten drängten sich Arbeiter und Gründungsmitglieder der Partei, darunter seine alten Eltern, die zum Dank für lebenslange Treue jetzt nicht einmal dem Prozeß ihres Sohnes beiwohnen durften. Als ich Doktor Husák von der nächsten Post meinen Protest telegraphierte, wußte ich allerdings, daß es lediglich ein unwirksamer Aufschrei der Seele war.

Er ließ alle potentiellen Verbündeten einsperren und wurde so zum Gefangenen seiner Feinde. Dies geschah freiwillig, aus der Eitelkeit der Macht heraus, ohne daß er in den langen Jahren seiner Gesellschaft irgendeine neue Hoffnung bescherte. Die Tränen, die er vor den Fernsehkameras vergoß, wann immer er von seinen guten Absichten, vom Edelmut der Verbündeten und vom Undank gewisser Störenfriede predigte, rührten deshalb nur noch ihn selbst.

Den Zustand, in den er die Gesellschaft zurückversetzte, spiegelt morbid der tragische Vorfall wider, bei dem er seine Frau verlor. Die Nomenklatura hatte ihr nicht erlaubt, einen einfachen Bruch in einem der führenden slowakischen Bäder behandeln zu lassen, wo es von guten Ärzten nur so wimmelte. Ihr Hubschrauber wurde dann auf dem Weg nach Bratislava durch den Nebel in die Katastrophe navigiert. Der Sonderzug, mit dem der Präsident nachts zu ihr eilte, blieb mitten auf der Strecke vor dem roten Licht am Signalmast hoffnungslos stecken; das ausgesandte Kommando mußte über die Eisenbahnschwellen zur nächsten Station stolpern, wo es erfuhr, daß jeglicher Schienenverkehr auf hohen Befehl unterbrochen worden war, damit der Präsidentenzug freie Fahrt hatte.

In diesem Jahr der ersten neuen Prozesse war er vielleicht trotz allem noch darum bemüht, daß die Forellen der tschechischen Literatur mit europäischem Renommee nicht in den Netzen der Justiz hängenblieben. Aragons Aufkleber «Biafra des Geistes» und Bölls Aufdruck «Kulturfriedhof» hatten das geistige Europa noch einmal mobilisiert. Damals nämlich sprachen im Namen der deutschen Literatur noch Schriftsteller mit der politischen Erfahrung eines Lenz oder Grass und nicht schriftstellernde Möchtegernpolitiker, wie immer sie heißen mögen.

Den Angriff auf die einheimische Kultur erleichterte mehr und mehr die Desertion ihrer Verteidiger. Wie schon meine Erlebnisse im Schriftstellerklub gezeigt hatten, begriff die künstlerische Mittelschicht, daß sie die letzte Chance hatte, den neuen Zug zu erreichen, solange die Normalisierungsgarnitur, die schon das gesamte gesellschaftliche Leben beherrschte, dies zuließ. Als die kulturelle, politische und wirtschaftliche Elite es ablehnte, der militärischen Invasion und ihrer Begründung zuzustimmen, um nicht die Moral oder zumindest das Gesicht zu verlieren, wandte sich das Regime dem Souterrain zu. So kam das Goldene Zeitalter für all diejenigen, die vorher wenig Erfolg hatten – mangels Talents, Charakters oder einfach nur Glücks.

Für unerhörte Belohnungen – die Medien boten den Frontwechslern Aufschläge von über tausend Prozent – waren sie bereit, die Existenz aller aufgelösten Institutionen vorzutäuschen. Gegen die Rolle des Mohren, der gehen muß, wenn er seine Schuldigkeit getan hat, sicherten sie sich gleich von Anfang an mit einem Verteidigungssystem ab, das schon im zweiten Jahrzehnt funktioniert und die tatsächliche Ursache für das versumpfte Wasser geworden ist, über das die Welt staunt: Wer von den «Verirrten» mitmachen wollte, mußte öffentlich Buße tun. Es ist, als ob durch eine solche Kapitulation in den musischen Menschen alle Saiten rissen: Keiner von denen, die sich auf diese Weise «besserten», hat die zu allem fähigen Unfähigen bislang in irgendeiner Weise bedroht.

Auf die große Mehrheit von einigen hundert Literaten, die noch vor einem Jahr in geheimer Wahl den Widerstand gewählt hatten, begann neben dem Existenzdruck auch der Druck des luftleeren Raums zu wirken, in den ihre geistige Produktion plötzlich strömte. Ersatzstrukturen für diejenigen, die der Staat verbannt hat, gibt es östlich der Elbe nicht. Das Verbot ist lückenlos, das Veto gilt überall, auch ohne schwarze Listen. Es genügt, aufmerksam die Zeitungen zu lesen und die unter Beschuß Geratenen anzustreichen. Keiner, der sich ihnen nicht zugesellen will, wagt es, sie zu beschäftigen, zu veröffentlichen oder sonst in seinem Bereich zu belassen.

Ein paar Dutzend namhafter tschechischer Autoren belastete das Vakuum mehr als die Existenz. Bis jetzt hatten sie weder ihre finanziellen Reserven noch ihre Hoffnung verbraucht. Was ihnen fehlte, waren Leser und – Lektüre. Dies ist nur scheinbar paradox. Auch athletische Rekorde fallen im Wettkampf mit anderen. Aus innerer Not wurde im elektronischen Zeitalter der literarische Salon wiedereröffnet. Kaum etwas war so bezeichnend für Doktor Husáks Kulturpolitik, die einige geistige Bereiche um ein Jahrhundert zurückwarf, wie die Wiedergeburt dieser Institution aus vormedialen Zeiten. Erneut versuchte die tschechische Literatur so, das Netz der zerrissenen Zusammenhänge zu knüpfen.

Der Schriftsteller Ivan Klíma, unerwartet von einer führenden amerikanischen Universität in dieses neuzeitliche Ghetto zurückgekehrt, hatte dessen unvergleichbar brutalere Ausgabe als jüdisches Kind in Theresienstadt erlebt. Trotzdem entschied er sich, «zum Schlamassel zu gehören», und es war sein Verdienst, daß jeder erste Sonntag im Monat unseren freien Fall zu bremsen begann.

Während er pikante Fleischklößchen servierte, die er – selbst streng Diät haltend – mit der Phantasie eines tauben Komponisten würzte, wechselten sich in seinem Schreibsessel Autoren ab, die einst hunderttausendfache Auflagen hatten. Wie in ihren Anfängen mußten sie wieder mit nur einer Handvoll Zuhörer vorliebnehmen – noch dazu mit ihren größten Konkurrenten. Aber alle trösteten sich damit, daß es wohl in ganz Europa keinen erleseneren Zirkel von Lesern gab.

7

Böhmen, Herbst 1972