Sternstunden Dialogischer Intelligenz - Johannes Hartkemeyer - E-Book

Sternstunden Dialogischer Intelligenz E-Book

Johannes Hartkemeyer

0,0
15,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ein Vermächtnis für die Wirksamkeit des Dialogs - Die hier versammelten Texte sind Gespräche rund um das Thema Dialog, die Johannes Hartkemeyer, meist zusammen mit seiner Frau Martina Hartkemeyer, geführt hat. Marshall Rosenberg, Fritjof Capra, Joseph Weizenbaum, Jesper Juul, Hans-Peter Dürr und viele andere internationale politische Dialogpartner von Mittelamerika bis in die islamische Welt kommen zu Wort, Geschichten und Gedanken zur Praxis des Dialogs ergänzen die Interviews. Oft geht es um Konfliktbewältigung, aber auch um eine Weiterentwicklung des Bildungswesens oder sozialer Kompetenzen. Vom Einsatz in der Unternehmensentwicklung über politische Kontexte bis zum Leben im Knast – dieses Buch ist eine Sammlung dialogischer Schätze und nicht zuletzt eine persönliche Dialog-Biographie von Johannes Hartkemeyer.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Die Gedichte von Hafis (Mohammed Schemseddin) sind zitiert nach der Ausgabe von Ilserose Vollenweider, Die Liebe erleuchtet den Himmel, Düsseldorf 2002

Johannes, Martina und Tobias Hartkemeyer:

Sternstunden Dialogischer Intelligenz

ISBN E-Book 978-3-95779-159-7

ISBN gedruckte Version 978-3-95779-155-9

Diesem E-Book liegt die erste Auflage 2022 der gedruckten Ausgabe zugrunde.

E-Book-Erstellung: CPI books GmbH

Erste Auflage 2022

© Info3 Verlagsgesellschaft Brüll & Heisterkamp KG

Frankfurt am Main, 2022

Lektorat: Jens Heisterkamp, Frankfurt am Main

Typographie und Satz: de·te·pe, Ulrich Schmid, Aalen

Umschlag: Frank Schubert, Frankfurt am Main

Über dieses Buch

Die hier versammelten Texte sind Gespräche rund um das Thema Dialog, die Johannes Hartkemeyer, meist zusammen mit seiner Frau Martina Hartkemeyer, geführt hat.

Marshall Rosenberg, Fritjof Capra, Joseph Weizenbaum, Jesper Juul, Hans-Peter Dürr und viele andere internationale politische Dialogpartner von Mittelamerika bis in die islamische Welt kommen zu Wort, Geschichten und Gedanken zur Praxis des Dialogs ergänzen die Interviews. Oft geht es um Konfliktbewältigung, aber auch um eine Weiterentwicklung des Bildungswesens oder sozialer Kompetenzen. Vom Einsatz in der Unternehmensentwicklung über politische Kontexte bis zum Leben im Knast – dieses Buch ist eine Sammlung dialogischer Schätze und nicht zuletzt eine persönliche Dialog-Biographie von Johannes Hartkemeyer.

Ein Vermächtnis für die Wirksamkeit des Dialogs.

Über die Herausgeber

Johannes F. Hartkemeyer(1950-2019) Diplomingenieur, Diplompädagoge, Dr. rer. pol., ab 1975 in der Erwachsenenbildung, bis 2009 Direktor der Volkshochschule der Stadt Osnabrück, langjähriger Lehrbeauftragter für Bildungssoziologie und Lernkultur an der Universität Osnabrück; Mitbegründer des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung (NIFBE); Bundesverdienstkreuz „für sein soziales, ökologisches und bildungspolitisches Engagement“ (2007).

Martina HartkemeyerDipl. Biologin, Dr. rer. pol., Leiterin des Deutschen Instituts für Dialogprozess-Begleitung der Adolf-Reichwein-Gesellschaft in Bramsche, nationale und internationale Seminare in deutscher und englischer Sprache, Ausbilderin für Dialogprozess-Begleitung, Vorträge, Lehraufträge und Workshops für verschiedene Institutionen und Universitäten; vier Kinder, neun Enkelkinder.

Tobias HartkemeyerDr. agr., Pionier im Bereich Gemeinschaftsgetragener Landwirtschaft und Handlungspädagogik, Sozialunternehmer, Vortragender, Ausbilder für Dialogprozess-Begleitung, Lehraufträge und Workshops für verschiedene Institutionen und Universitäten; vier Kinder.

Inhalt

Vorbemerkungen

Kapitel 1: Schlüsselmomente im Dialog

Willy Brandt / Anwar as-Sadat / Helmut Schmidt / Marshall Rosenberg / Dan Bar-on / Sally Perel / Muhammad Ashafa / James Wuye

Kapitel 2: Brüche und Grenzen des Dialogs

Klaus Maria Brandauer / Mahatma Gandhi / Dag Hammarskjöld / Andrés Pastrana / Adolf Reichwein / Elisabeth Siegel

Kapitel 3: Dialog mit der Natur

Thomas Berry / Die Hüter des Herzens / Galsan Tschinag

Kapitel 4: Organisationsentwicklung oder soziale Kunst?

Joseph Jaworsky / Fritjof Capra / Heinz Verst

Kapitel 5: Interkultureller Dialog

Tschangtau / C.G. Jung und Meister Eckart / Mohammad Khatami / Peter Garrett

Kapitel 6: Der Dialog als Lernfeld zwischen Wissen und Einsicht

Joseph Weizenbaum / Gunter Pauli / Jesper Juul / Michael Mendizza / Otto Schärli

Kapitel 7: Dialog und Politik

Horst Siebert / David Bohm / Rainer Mausfeld / Sheldon Wolin / Der Talanoa-Dialog von Katowice

Kapitel 8: Hören, reden und denken im Dialog

Hans-Peter Dürr / Imam Moghadam

Ausklang

Johannes Hartkemeyer – eine Lebensskizze

Bildquellenverzeichnis

Vorbemerkungen

„Wir alle sind infantile, neurotische, wahnsinnige Wesen und gleichzeitig sind wir auch rational. All das bietet den typisch menschlichen Stoff. Wir sind keine logischen Wesen und trotzdem auf den Logos angewiesen. Ich glaube an die Kraft des Dialogs, der diese Elemente miteinander verbindet“, so formuliert es der französische Philosoph Edgar Morin. Es scheint, dass die Qualität des menschlichen Umgangs angesichts der zunehmenden Vernetzung und der technischen Möglichkeiten auf unserem Planeten immer mehr zum Schlüsselmoment der Zukunftsfähigkeit wird. Im persönlichen Umgang miteinander, in Organisationen, zwischen Staaten, Machtblöcken, aber auch in unserer Beziehung zu dem, was wir Natur nennen, ja letztlich zu uns selbst, werden die Grenzen egozentrischen Denkens, Redens und Handelns immer sichtbarer. Sie begrenzen kreative und sinnvolle gemeinsame Zukunftsmöglichkeiten. Sie können uns sogar ausbrennen, krankmachen.

Zahlreiche Anfragen und vielversprechende Projekterfahrungen, die uns nach unserem Grundlagenbuch Dialogische Intelligenz erreichten, ermutigten uns, weiter gemeinsam nachzudenken.

– Wie können wir den in den letzten Jahren durch viele Menschen vielfältig differenzierten dialogischen Ansatz weiterentwickeln und praktischer werden lassen?

– Wie kann uns ein dialogisches Herangehen im Alltag praktisch helfen?

– Was können wir aus den Erfahrungen lernen?

– Was sind Schlüsselmomente im Dialog?

– Gibt es Grenzen des Dialogs?

Und immer wieder überfällt uns der Gedanke: „You teach best what you need most“. Wir wollen uns aber nicht selbst entmutigen, sondern versuchen, unsere eigenen Fragen zu klären oder zu verwandeln. Auch möchten wir an Beispielen zeigen, wie sich so etwas wie eine dialogische Haltung oder Welterfahrung herausbilden könnte.

Wir bleiben also nicht bei den dialogischen Zirkeln stehen, sondern möchten an Beispielen zeigen, was eine solche Haltung in der Praxis bewirken kann. Denn: Wandlung zeigt sich durch Handlung. Das gilt für verschiedene Ansätze in pädagogischen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Einsatzfeldern. Der Dialogbegriff wird daher weiter gefasst und beschränkt sich nicht auf gruppendynamische Erkenntnisprozesse.

Aber auch die Konfliktfelder und Schlagwortbereiche der politischen Hilflosigkeit sind so weit gefasst, dass sie nahe zu alle gesellschaftlichen Lebensbereiche und Einstellungen durchdringen. Ob Terrorismus, Populismus, Fremdenfeindlichkeit, die Genderfrage, Antisemitismus, Nahostkonflikt, Europapolitik, Verkehrspolitik, Umweltpolitik, Grundeinkommen, Klimawandel, die innerdeutsche Spaltung, Sozialpolitik: Überall finden wir nahezu unversöhnliche Positionen, die aber kaum noch mit den Mitteln der Logik ansprechbar sind, sondern manchmal nur benutzt werden, um sich gegenseitig zu diskreditieren und sich selbst ins rechte Licht zu setzen.

Mächtige Konzerne wie Bayer und VW werden plötzlich Opfer ihrer eigenen Doppelmoral. Auch Staatenverbünde wie die europäische Union sind nicht gefeit vor einem möglichen Zusammenbruch. Die älteste Demokratie der Welt zeigte am Beispiel des Brexit ihre praktische Hilflosigkeit mit taktischen, unehrlichen Inszenierungen. Selbst die älteste religiöse Moralinstitution der Welt, die zweitausendjährige katholische Kirche, sieht sich angesichts der Verschleppung eines notwendigen ehrlichen Dialogs einer „Kernschmelze der Glaubwürdigkeit“ gegenüber.

Die Hilflosigkeit eines konventionellen politischen Ansatzes, erst bei eskalierenden öffentlichen Ereignissen tätig zu werden, oder diese zu instrumentalisieren, führt nicht selten in die Irre. Es wird damit unsichtbar gemacht, dass heutige Probleme in der Regel Ergebnisse der Problemlösungen von gestern sind und infolgedessen ein wirklichkeitsnaher Lernprozess nicht erfolgte. Das ist „Lernen mit begrenzter Haftung“. Dieses zeigt sich in der kommunikativen Hilflosigkeit gegenüber scheinbar extremistischen Positionen in politischen Gedankenfeldern bis hin zu politischen Positionen, die demonstrativ mit moralischen Forderungen unterlegt sind, ohne tragfähige Lösungen zu finden. Es ist offen bar schwierig „über unseren eigenen Schatten zu springen“, oder sich gar mit dem eigenen „Schatten“ auseinanderzusetzen.

Es scheint immer notwendiger zu sein, genauer gemeinsam hinzuschauen wie irrationale Konflikte entstehen und wie sie durch eine dialogische Haltung möglicherweise im Ansatz besser ansprechbar gemacht und durch die Entfaltung dialogischer Intelligenz leichter lösbar werden können. Aber es scheint auch Grenzen zu geben, wie Muhammad Khatami in unserem Gespräch sagt, denn er funktioniert nur gemeinsam und kann nicht erzwungen werden: „Der Dialog zeigt seine Schätze nur denen, die sich miteinander auf eine gemeinsame Entdeckungsreise einlassen.“

Selbstverständlich sollen in diesem Buch keine patentreifen Lösungsrezepte für die obengenannten Problemfelder vorgestellt werden, sondern neben den Chancen exemplarisch auch Irrwege und Selbsttäuschungen benannt werden, die durch eine dialogorientierte Herangehensweise leichter erkannt werden könnten.

In diesem Zusammenhang spielt auch das Phänomen der Erfahrung eine tragende Rolle. Alle glauben zu wissen was Erfahrung ist. Aber in Wirklichkeit ist dies ein „Blinder Fleck“, wie es der Neurowissenschaftler Humberto Maturana in einem Gespräch nannte. Alle sprechen von Erfahrung. Manche pochen sogar darauf, unter Umständen so stark, dass sie „erblinden“. Aber Erfahrung kann auch befreien. Befreien aus Denkgefängnissen. Befreiende Erfahrungen können neue Möglichkeitsräume, zukunftsfähige Gedankenfelder eröffnen.

Daher haben wir in diesem Buch eine Reihe von Gesprächen und Entscheidungssituationen von lebenserfahrenen Menschen gesammelt, die anders handelten als erwartet. Insofern kann sogar der Blinde Fleck die Plattform, der Aussichtsturm in eine andere Zukunft werden. Die Zukunft ist aus dieser Sicht keine „Widerfahrnis“ aus den beharrenden Kräften der Lethargie, sondern etwas, was wir aus den Kräften der Zukunft im Hier und Jetzt konkret gestalten.

Wir wollen also Kräfte der Ermutigung und der Schärfung des Blicks aus diesen zum Teil historischen Erfahrungen freisetzen. Es geht also um frisches Denken anstelle der Bewahrung des Gedachten, also im Sinne von David Bohm um „thinking“ statt „thought“. Eigentlich ist dies immer das Anliegen einer aufklärerischen Philosophie (im Sinne der Liebe zur Weisheit) gewesen. Es geht nun darum, endlich den Weg in die Praxis zu nehmen – den „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ (Kant) durch die Entfesselung unserer dialogischen Intelligenz.

Wir sollten dabei nie vergessen, dass wir die Wahrheit niemals besitzen können. Dazu meinte Goethe, dass nicht die Inhalte der Welt, die Objekte, Träger der Erkenntnis oder Wahrheit seien, sondern die wirkenden Beziehungen. Für ihn war deshalb die Philosophie des Ostens, etwa von Konfuzius und Laotse, eine wichtige Erweiterung der westlichen Aufklärung. Wir denken nicht selten, so ein Sufi-Meister, „weil wir ‚eins‘ verstanden haben, werden wir auch ‚zwei‘ verstehen, weil ja ‚eins und eins‘ ‚zwei‘ ergeben. Aber wir müssen ebenfalls das ‚und‘ verstehen.“ Die Dichtungen von Hafis, die Goethe zu seinem westöstlichen Diwan inspirierten, spielen deshalb in diesem Buch eine wichtige Rolle.

Meine Seele hat es eilig

Ich habe meine Jahre gezählt und festgestellt, dass ich weniger Zeit habe, zu leben, als ich bisher gelebt habe. Ich fühle mich wie dieses Kind, das eine Schachtel Bonbons gewonnen hat: die ersten essen sie mit Vergnügen, aber als es merkt, dass nur noch wenige übrig waren, begann es, sie wirklich zu genießen.

Ich habe keine Zeit für endlose Konferenzen, bei denen die Statuten, Regeln, Verfahren und internen Vorschriften besprochen werden, in dem Wissen, dass nichts erreicht wird.

Ich habe keine Zeit mehr, absurde Menschen zu ertragen, die ungeachtet ihres Alters nicht gewachsen sind.

Ich habe keine Zeit mehr, mit Mittelmäßigkeit zu kämpfen.

Ich will nicht in Besprechungen sein, in denen aufgeblasene Egos aufmarschieren.

Ich vertrage keine Manipulierer und Opportunisten.

Mich stören die Neider, die versuchen, Fähigere in Verruf zu bringen, um sich ihrer Positionen, Talente und Erfolge zu bemächtigen.

Meine Zeit ist zu kurz, um Überschriften zu diskutieren. Ich will das Wesentliche, denn meine Seele ist in Eile. Ohne viele Süßigkeiten in der Packung.

Ich möchte mit Menschen leben, die sehr menschlich sind. Menschen, die über ihre Fehler lachen können, die sich nichts auf ihre Erfolge einbilden. Die sich nicht vorzeitig berufen fühlen und die nicht vor ihrer Verantwortung fliehen. Die die menschliche Würde verteidigen und die nur an der Seite der Wahrheit und Rechtschaffenheit gehen möchten. Es ist das, was das Leben lebenswert macht.

Ich möchte mich mit Menschen umgeben, die es verstehen, die Herzen anderer zu berühren. Menschen, die durch die harten Schläge des Lebens lernten, durch sanfte Berührungen der Seele zu wachsen.

Ja, ich habe es eilig, ich habe es eilig, mit der Intensität zu leben, die nur die Reife geben kann.

Ich versuche, keine der Süßigkeiten, die mir noch bleiben, zu verschwenden. Ich bin mir sicher, dass sie köstlicher sein werden, als die, die ich bereits gegessen habe.

Mein Ziel ist es, das Ende zufrieden zu erreichen, in Frieden mit mir, meinen Lieben und meinem Gewissen.

Wir haben zwei Leben und das zweite beginnt, wenn du erkennst, dass du nur eins hast.

Ricardo Gondim (São Paulo, Brasilien, oft Mário de Andrade zugeschrieben)

Kapitel 1

Schlüsselmomente im Dialog

Dein Saatbeutel

LaternenHängen am Nachthimmel,Damit dein AugeNoch ein Bild der LiebeAuf deiner seidenen Leinwand malen kann,Bevor du schläfst.

Worte des Allmächtigen haben dich erreichtUnd ein goldenes Feld in deinem Innerenbestellt.

Wenn all dein Begehren sich auf dasWesentliche konzentriert,Wirst du nur zwei Dinge wählen:

Mehr zu liebenUnd glücklich zu sein.

Nimm die Töne von der Flöte Hafis‘Und mische sie in deinen Saatbeutel.Und wenn der Mond sagt:„Es ist Zeit zuPflanzen“,

Warum nicht tanzen,Tanzen undSingen?

Hafis

1.1 Er-Lösung durch (De-)MutDer Kniefall von Warschau

Der ungeplante Kniefall von Warschau am 7. Dezember 1970 durch den damaligen Bundeskanzler Willy Brandt vor dem Ehrenmal der Opfer im Warschauer Ghetto fand als Vergebungsgeste ein einmaliges Echo, das bis heute versöhnend nachwirkt. Angerührt benannten die Polen diesen Ort später zum Willy-Brandt-Platz (Skwer Willy’ego Brandta).

Seinem Freund und Partner bei der Durchsetzung der Ost-West Entspannungspolitik, Egon Bahr, sagte er am Abend jenes Tages: „Ich hatte das Empfinden, ein Neigen des Kopfes genügt nicht.“ Und in seinen Erinnerungen schreibt Willy Brandt: „Immer wieder bin ich gefragt worden, was es mit dieser Geste auf sich gehabt habe. Ob sie etwa geplant gewesen sei? Nein, das war sie nicht. Meine engen Mitarbeiter waren nicht weniger überrascht, als jene Reporter und Fotografen, die neben mir standen, und als jene, die der Szene ferngeblieben waren, weil sie Neues nicht erwarteten. (…) Ich hatte nichts geplant, aber Schloss Wilanow, wo ich untergebracht war, in dem Gefühl verlassen, die Besonderheit des Gedenkens am Ghetto-Monument zum Ausdruck bringen zu müssen. Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.“

Der Spiegel-Redakteur Hermann Schreiber schrieb als Augenzeuge eine Woche später in dem Nachrichtenmagazin: „Wenn dieser nicht religiöse, für das Verbrechen nicht mitverantwortliche, damals nicht dabeigewesene Mann nun dennoch auf eigenes Betreiben seinen Weg durchs ehemalige Warschauer Ghetto nimmt und dort niederkniet – dann kniet er da also nicht um seinetwillen. Dann kniet er, der das nicht nötig hat, da für alle, die es nötig haben, aber nicht da knien – weil sie es nicht wagen oder nicht können oder nicht wagen können. Dann bekennt er sich zu einer Schuld, an der er selber nicht zu tragen hat, und bittet um eine Vergebung, derer er selber nicht bedarf. Dann kniet er da für Deutschland.“

Eine echte Demutgeste – nur scheinbar ein Zeichen für Schwäche – kann eine unglaubliche Stärke entfalten. Hier stand sie am Beginn eines befreienden Dialogs.

Aber nicht alle Menschen in Deutschland haben das verstanden. Die Mehrheit der Westdeutschen hielt den Kniefall damals für übertrieben. Und die Springer-Presse hetzte mit Bild und Welt gegen Brandts Entspannungspolitik: „Verzichtspolitiker“, „Verräter“, „Ausverkauf Deutschlands“. Das hielt die Bild-Zeitung aber nicht davon ab, 2007 in einer Eigenkampagne schamlos mit Brandts Kniefall zu werben und zu titeln: „Die Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht.“

Am 23. Mai 2014 sagte der Schriftsteller Navid Kermani im Deutschen Bundestag im Rahmen der Feierstunde 65 Jahre Grundgesetz: „Wenn ich einen einzelnen Tag, ein einzelnes Ereignis, eine einzige Geste benennen wollte, für die in der deutschen Nachkriegsgeschichte das Wort ‚Würde‘ angezeigt scheint, dann war es (…) der Kniefall von Warschau.“

1.2 Liebet Eure Feinde… Vom Geist der entwaffnenden Barmherzigkeit im Dialog

Sie spürte die Liebe

WieKonnte die RoseJe ihr Herz öffnenUnd dieser WeltAll ihre SchönheitSchenken?Sie spürte die Ermutigung des Lichts,Das sie liebend umfing.SonstBlieben wir alleZuErschrocken.

Hafis

Lille, Frankreich, 27. Mai 1940. Das Artillerieregiment von Jean Goss feuert aus allen Rohren auf die deutschen Truppen, welche die französische Verteidigung an diesem Frontabschnitt durchbrechen wollen. Mit aller Macht verteidigt er in der Nacht vom 27. auf den 28. Mai eine französische Panzersperre gegen die deutsche Übermacht. Im französischen Armeebericht heißt es: „Vom 28. bis zum ein 31. Mai blieb er Tag und Nacht auf seinem Posten, einer Panzerabwehrstellung, unter Bombardements und dem Beschuss durch Maschinengewehre. Dabei bediente er nicht nur sein Panzerabwehrgeschütz, sondern zusätzlich eine 25-cm-Kanone und ein Maschinengewehr. All dies in unerschütterlicher Ruhe und Kaltblütigkeit. Zugleich hielt er den Kampfgeist seiner Männer aufrecht und wehrte mehrere Angriffe des Feindes ab.“ Später erzählt Jean Goss, er habe, was das Zeug hielt, geschossen, um den Angriff der Panzerarmee Rommels aufzuhalten.

Bis am Abend des 31. Mai, dem Herz-Jesu-Fest, den Franzosen die Munition ausgeht. Die französischen Offiziere sind gezwungen, den Kampf abzubrechen. Beeindruckt von deren mutigem Widerstand beschließen die Deutschen, den französischen Truppen militärische Ehre zu erweisen. Deshalb bereiten die Franzosen in der Nacht eine Militärparade vor. Im Morgengrauen begeht der Oberbefehlshaber der französischen Einheit Selbstmord. (Näheres dazu in Hildegard Goss-Mayr, Jo Hanssens: Jean Goss, Mystiker und Zeuge der Gewaltfreiheit, Ostfildern 2012)

Adolf Hitler ist völlig entsetzt von der Geste des deutschen Wehrmachtsgenerals Waeger für den „Feind“. Er entlässt den General auf der Stelle und verbietet seinen Generälen, künftig etwas Derartiges wieder zu tun.

Jean Goss gilt ab 1. Juni 1940 als Kriegsgefangener und wird in ein deutsches Lager in der Nähe von Schwerin überführt. Dort setzt er sich für die Belange seiner Mitgefangenen ein. Jean Goss berichtet, dass ihn in dieser Zeit ein mystisches Erlebnis für immer geprägt hat. Und aus diesem Erleben heraus sei seine grundsätzliche Haltung für die Dialogarbeit zwischen den Feinden entstanden. Es sei für ihn das „Damaskus-Erlebnis“ gewesen.

In der Bibel gibt es eine Stelle, die davon berichtet, wie Saulus, der im Auftrage der imperialen Supermacht Rom eine brutale Christenverfolgung organisiert, auf dem Wege nach Damaskus von einer plötzlichen Erkenntnis ergriffen wird. Dadurch wird Saulus zum späteren Apostel des Christentums, zu Paulus: „Unterwegs aber, als er sich bereits Damaskus näherte, geschah es, dass ihn plötzlich ein Licht vom Himmel umstrahlte. Er stürzte zu Boden und hörte, wie eine Stimme zu ihm sagte: Saul, Saul, warum verfolgst du mich? Er antwortete: Wer bist du, Herr? Dieser sagte: Ich bin Jesus, den du verfolgst.“ (Apostelgeschichte 9,3–5)

Der konsequente Einsatz von Jean Goss für seine Mithäftlinge führte ihn in schwere Konflikte mit der Lagerleitung. Er wurde geschlagen, gefoltert und schließlich zum Tode verurteilt. Jean Goss erzählt:

„Kurz vor dem Zeitpunkt der Hinrichtung sprach ich zu dem befehlshabenden deutschen Offizier von der Freude, dass ich nun mit dem Gott der Liebe ganz vereint sein würde. Ich sprach von dieser ungeheuren Liebe Gottes zu ihm und zu allen Menschen und liebte ihn mit allen Kräften und aus ganzem Herzen. Weißt du, man kann diese Begebenheit erzählen, was man schwer ausdrücken kann, ist, dass der Offizier diese Liebe gespürt hat! Die Art und Weise, wie er den Revolver beiseitelegte – sagte alles. Er verweigerte die Exekution und wurde verhaftet. Ich sah ihn nie wieder … wenn diese Liebe so stark ist, dass sie selbst einen Nazi, einen Feind umkehrt, so sagte ich mir, ist sie die wahre revolutionäre Kraft, die die Menschen und die Welt neu machen kann.“

Jean Goss führte nach dem Krieg dialogorientierte Versöhnungsaktionen und Seminare in verschiedenen Ländern durch, so zum Beispiel 1963 in Nordirland, 1972 in Jugoslawien, 1973 in Südafrika, anschließend im Libanon und in El Salvador. Geschichte gemacht hat auch sein Wirken in Asien, so zum Beispiel in den achtziger Jahren auf den Philippinen, Thailand, Bangladesch und Hongkong. Eines seiner letzten Projekte war die Friedensarbeit in Zaire 1990. Am 3. April 1991 starb er in Paris.

* * *

Eines Tages gossen einige Leute Schmähungen über Jesus aus, als der durch ihren Stadtteil ging. Aber er antwortete, indem er in ihrem Namen Gebete sprach. Jemand sagte zu ihm: „Du hast für diese Menschen gebetet. Fühltest Du denn keinen Zorn gegen sie?“ Er antwortete: „Ich konnte nur das ausgeben, was meine Börse enthielt.“

Farriduddin Attar, muslimischer Mystiker 1136–1221

„Die Tradition des Islam ehrt Jesus als einen großen Propheten. Daher ist der Hass radikaler Islamisten gegenüber den Christen ein Widerspruch gegen ihre eigene Tradition. Die Geschichte des muslimischen Dichters Attar ist letztlich eine Auslegung des Jesuswortes, von dem uns das Lukas Evangelium berichtet: „Selig sind die, die euch verfluchen; betet für die, die euch misshandeln.“ (Lukas 6,28) Jesus lässt sich von denen, die ihn schmähen, nicht seine Stimmung aufdrängen, sich nicht zum Zorn reizen. So gesehen gibt er ihnen keine Macht über sich. Er nimmt die Rolle des Beschimpften nicht an. Er bleibt bei sich – im inneren Frieden. Und er gibt das, was in seiner Börse – in seinem Herzen – ist: er betet für diese Menschen. Das Gebet und das Segnen sind eine aktive Energie, die Jesus gegen die negative Energie der Schmäher setzt. Durch die positive Energie ist er letztlich der Stärkere. Das Gebet gibt die Hoffnung, dass sich diese Menschen mit ihrer eigenen Wahrheit konfrontieren. Denn da er auf sie nicht so reagiert, wie sie es erwarten, werden sie auf sich selbst zurückgeworfen. Sie haben die Chance, sich ihrer eigenen Wahrheit zu stellen. Und Jesus vertraut darauf, dass sein Gebet die Menschen verwandelt, dass sie in Berührung kommen mit dem guten Kern in sich. Dann haben sie es nicht mehr nötig, ihn zu schmähen.“