3,99 €
Woher kommt die Wissenschaftsfeindlichkeit? Die Jahrzehntelange Angriffe auf naturwissenschaftliches Denken durch fundamentale Christen, Soziologen und Großindustrie in der Form von Tabakindustrie und der Industrie der fossilen Energieträger haben der heute zu beobachteten Wissenschaftsfeindlichkeit den Boden bereitet. In verschiedenen Gesprächssituationen werden antiwissenschaftliche Positionen von Kreationisten, Soziologen etc. vorgestellt, ähnliche Argumentationsmuster gezeigt und erörtert. In einem abschließenden Kapitel werden mögliche Lösungsansätze aufgezeigt. Wo möglich und vorhanden, werden aktuelle Umfragen und Studien mit einbezogen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 181
Veröffentlichungsjahr: 2021
Was ist Wahrheit?
Johannes 18,38
Wir leben erneut in bewegten Zeiten. Die Globalisierung bedroht den eigenen Arbeitsplatz. Der Klimawandel bedroht den hier im Westen gewohnten eigenen Lebensstil. Das weltweite Artensterben könnte sich zu einer weiteren Bedrohung unserer Lebensgrundlagen entwickeln. Es wären rationale Analysen unserer jeweiligen Situation angebracht, um - mit aus den Analysen gewonnen Erkenntnissen - verschiedene Lösungswege zu finden, über die dann in einem demokratischen Prozess diskutiert und entschieden werden sollte.
Statt dessen ist ein Verhalten zu beobachten, welches bei nüchterner Betrachtung schwer nachzuvollziehen ist. Den weltweiten Problemen wird mit einem verstärkten Nationalismus begegnet und es wird versucht Ländergrenzen wieder hochzuziehen. Sogar der Faschismus wird wieder Salonfähig. Die Erfahrungen der jüngsten Geschichte, insbesondere der deutschen Geschichte, werden ignoriert. Es scheint völlig unerheblich zu sein, dass Daten zeigen dass die Globalisierung uns allen viele Vorteile bringt – z.B. einen höheren Lebensstandard [1]. Der Klimawandel, der nur in einer gemeinsamen weltweiten Anstrengung gemeistert werden kann, wird als solcher geleugnet. Für einen nicht geringen Teil der Gesellschaft ist es unerheblich, dass tausende von Spezialisten einen Menschen gemachten Klimawandel nachgewiesen haben. Dass auch Lösungsansätze zur Verhinderung einer Katastrophe von diesen Experten aufgezeigt wurden.
Wie kommt es dazu, dass Experten scheinbar plötzlich ihre Autorität verloren haben? Wieso folgt man den Empfehlungen der Experten nicht?
In einer modernen Gesellschaft, die stark von ihrer industriellen Wirtschaftskraft profitiert, wäre eine Wertschätzung wissenschaftlichen Denkens zu erwarten. Statt dessen breitet sich eine Bevorzugung der eigenen, unbestimmten Gefühle aus. Nicht nur bei „normalen“ Bürgern ist dieses Phänomen zu beobachten, sondern auch bei Entscheidungsträgern oder „Influenzern“. Im Jahre 2016 antwortete der damalige britische Lordkanzler und Justizminister Michael Gove auf die Frage welche Wirtschaftswissenschaftler den Brexit unterstützen würden mit „Britain has had enough of experts“ („Britannien hat genug von den Experten“) [2].
Michael Gove ist dabei durchaus kein Einzelfall, im US Amerikanischen Sender „FoxNews“ beschwert sich der Moderator Tucker Carlson mitten in der Corona-Krise am 03.04.2020: „The 'experts' have more power than ever before“. („Die 'Experten' haben mehr Macht denn je zuvor“). Am 12.05.2020 bezeichnet der gleiche Moderator den Top-Seuchen Experten der USA als „Chief buffoon“ - also als Chef-Clown, weil er während der Covid-19 Pandemie, aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse, seine Meinung zum Tragen von Masken geändert hat.
Eine weitere Art von Antiwissenschaftlichkeit stellen Verschwörungsmythen dar. Dieses Phänomen hat einige wissenschaftliche Aufmerksamkeit erhalten, aus diesem Grunde gehe ich hier kurz darauf ein. Verschwörungsmythen gibt es schon seit langer Zeit. Sie sind kein Phänomen der Neuzeit. Als Beispiel seien hier die Hexen-Prozesse zum Beginn der Renaissance und die Dolchstoßlegende nach Ende des 1. Weltkrieges erwähnt. In den letzten Jahren kann eine Zunahme von Fake-News und Verschwörungsmythen beobachtet werden. Der Begriff „Fake-News“ wird erst 2017 in den Duden aufgenommen. Im Google-Trend lässt sich sehen, dass Fake News als Begriff 2004 vier Mal in Deutschland im März gesucht wurde, 31 mal im März 2017 und 100 mal im März 2020 [3, 4].
Es stellt sich die Frage - wie kann es zu einer solchen Haltung kommen?
Oft wird den sozialen Medien in der Form von Youtube, Twitter und Facebook ein Hauptteil der Schuld für deren Ausbreitung zugeschrieben. In diesen Medien können sich deren Nutzer durch die Bildung virtueller Gruppen und den Vorschlägen der Algorithmen in „filterbubbles“ und „echo chambers“ bewegen, die nur die eigene, vorgefasste Meinung bestätigen. In diesen virtuellen Räumen breitet und verstärkt sich dann, so der Vorwurf, eine antiwissenschaftliche Haltung aus. Die aktuelle Forschung ist sich in der Bewertung hier zumindest uneins. Früher musste man Mailinglisten oder ähnlichen selbst suchen und aktiv beitreten. Heutzutage übernehmen die Algorithmen der sozialen Plattformen diese Arbeit. Somit verstärken die Plattformen auf der einen Seite die Isolierung der einzelnen Gruppen, dadurch dass Webseiten, Chatgroups und Videos vorgeschlagen werden deren Inhalt eigenen Historie auf dieser Plattform entsprechen. Die Plattformen setzen ihre Benutzer allerdings auch anderen Meinungen aus, dadurch dass Inhalte zum Thema vorgeschlagen werden die eben nicht den Ansichten der Nutzer entsprechen müssen [5]. Trotzdem stellt sich die Frage warum manche Mitbürger dafür anfällig sind, und manche nicht. Weiter gibt es nach Prof. Butter Verschwörungsmythen in allen Bevölkerungsgruppen, unabhängig von Alter, Ethnie, Religion oder Geschlecht. Ein Grundtypus von Anhängern der Verschwörungsmythen sind ihm zufolge jedoch „ältere, wütende, weiße Männer“. Als Prototypen dafür mag man hier nur an den 45ten Präsidenten der Vereinigten Staaten und seiner MAGA Wählerbasis [6] denken.
In den letzten Jahren wurde mit der Verringerung der Schulzeit um ein Jahr und der Einführung von Informatik und anderen modernen Fächern und Praktika der Umfang des mathematisch naturwissenschaftlichen Unterrichts in Gymnasien des Landes reduziert. Auch dieser Umstand könnte als Grund für eine erhöhte Anfälligkeit für Verschwörungsmythen angesehen werden. Durch den erhöhten Zeitdruck, so wie mögliche Argumentation, wird im Unterricht nur noch auswendig gelernt und kein Verständnis mehr für naturwissenschaftliche Zusammenhänge erarbeitet. Da, wie Butter zeigt, Wissenschaftsleugner in allen Altersgruppen vorkommen, kann auch die Reduktion an naturwissenschaftlichem Unterricht nicht als hinreichende Erklärung herangezogen werden. Es müssten dann v.a. junge Menschen anfällig sein - dies scheint jedoch nicht der Fall zu sein.
In Deutschland machen laut der auf Statista vorgestellten Nutzerzahlen für Facebook im Januar 2018 Männer über 55 Jahre alt ca. 6 % der Facebook-Nutzer aus. Junge Menschen bis 34 Jahre alt stellen demgegenüber 52 % der Facebook-Nutzer [7].
Dagegen stellt sich die „Grüne Jugend“ in einem 2019 veröffentlichten Positions-Papier gegen Homöopathie [8]. Auch die durch Schülerstreiks bekannt gewordene „Friday for Future“- Bewegung setzt sich für eine Befolgung der Ergebnisse der Klimaforscher ein. Jüngere Menschen, die laut diesen Zahlen die Mehrheit der Nutzer für soziale Medien stellen, zeigen sich als eher nicht anti-wissenschaftlich gesinnt.
Aus dieser Datenlage heraus ist zu sehen, dass Erklärungsmodelle, die die beobachtete Anti-Wissenschaftlichkeit hauptsächlich der Wirkung von „Filterbubbles“ den sozialen Medien zuschreiben, zu kurz greifen. Im Folgenden werde ich dies auch nicht vertiefen. Es wäre dann angebracht auch noch den Einfluss russischer Botnetze behandeln und dies würde den Rahmen dieses Buches sprengen. Es wird auch von anderen Autoren wie in M. Hayden's „Assault on Intelligence“ ausführlich behandelt.
Die hier im Folgenden vorgestellte alternative These ist, dass die heute beobachtete Wissenschaftsfeindlichkeit eine lange Vorgeschichte hat. Dass durch die jahrzehntelangen Angriffe von Interessengruppen wie den Kreationisten, der Tabak-Industrie und der Industrie der Fossilen Energieträger auf der einen Seite und bestimmten geisteswissenschaftlichen Strömungen wie z.B. der „Kritischen Theorie“ Adornos und dem Relationismus auf der anderen Seite, ein die Gesellschaft durchdringendes Klima geschaffen wurde, welches der heute beobachteten ablehnenden Haltung gegen die Naturwissenschaften zumindest Vorschub leistet.
Dadurch, dass so unterschiedliche Gesellschaftsgruppen wie konservative Kreationisten und progressive linke Intellektuelle diese ablehnende Haltung gleichsam mit der Muttermilch aufgesogen haben, ist diese Entwicklung in meinen Augen so gefährlich für unsere westlich demokratische Gesellschaft. Denn durch sie wird die Ablehnung eines Fakten basierten Weltbilds in große Teile der Gesellschaft getragen.
Wie die F.D.P. über Jahre in der deutschen Nachkriegspolitik vorgeführt hat, kann man die Politik maßgeblich beeinflussen, auch ohne über eigene Mehrheiten zu verfügen. Nach aktuellen Umfragen liegt die Zustimmung für Homöopathie in Deutschland bei 51 % [9]. Der Fakt des menschengemachten Klimawandels eine Ablehnung in Deutschland: 14 % [10]. Nicht nur in den USA sondern auch in Deutschland wird die Evolution von 20 % der Bevölkerung abgelehnt [11]. Solche Zahlen erschreckend. In einer demokratischen Gesellschaft sollte im Idealfall ein Wettstreit der Ideen die Entscheidungsfindung bestimmen, die dann von einem freien und selbstbestimmten Elektorat gefällt wird. Eine Entscheidungsfindung, welche auf der rationalen Abwägung von Fakten beruht. Die Fakten sollten von den empirischen Wissenschaften geliefert werden. Wie soll aber ein solcher Prozess funktionieren, wenn nicht unerhebliche Teile der Gesellschaft eben diese Wissenschaften, ihre Prozesse und ihre Erkenntnisse ablehnen!
Wie wir am besten auf den Klimawandel reagieren, ist Sache des demokratischen Diskurs (soll der CO2-Ausstoß besser durch Steuern auf CO2-Emissionen oder durch Verbote von Verbrennungsprozessen reduziert werden?). Laut den Erkenntnissen der Klimaforscher müssen wir jetzt den CO2-Ausstoß senken, sollen die schlimmsten Auswirkungen eines Klimawandels vermieden werden. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie wir über die besten Wege aus der weltweiten Klimakrise diskutieren und entscheiden sollen, wenn der Fakt des Menschen gemachten Klimawandels als Solches von einem signifikanten Teil der Bevölkerung bestritten wird? In den 1980er Jahren wurde das durch den sauren Regen verursachte Waldsterben in Deutschland und Europa rasch und effizient durch die Einführung von Abgasentschwefelungsanlagen in Verkehr und Industrie bekämpft. Beide waren als Hauptursachen für den Ausstoß von Schwefel- und Stickoxiden identifiziert worden. In Politik und Gesellschaft wurde auf entsprechende wissenschaftliche Erkenntnisse angemessen reagiert. Dieses entschiedene Umsetzen wissenschaftlicher Erkenntnisse beschert uns einen heute immer noch attraktiven Wald und eine bessere Atemluft.
Auf ähnliche Weise wurde das Ozonloch über der Antarktis bekämpft. Nachdem der Mechanismus des Ozonabbaus geklärt wurde und die FCKWs als Hauptverursacher ausgemacht worden waren, ist es schnell zu einem weltweiten Verbot gekommen - mit dem Ergebnis, dass sich die Ozonschicht in der Zwischenzeit erholt und sich das „Loch“ über der Antarktis schließt. Warum gelingt es uns heute nicht bei dem viel vordringlicheren Problem des Klimawandels?
Ich möchte in dieser kurzen Abhandlung die Argumentationsstränge der oben genannten wissenschaftskritischen Gruppen vorstellen, die ich als die Verursacher der beobachtbaren Ablehnung wissenschaftlichen Denkens ansehe. Im Anschluss daran möchte ich noch in einem kurzen Abriss mögliche Handlungsalternativen vorstellen, um dieser verbreiteten Ablehnung entgegenzuwirken.
Als promovierter Biologe stelle ich meine Sicht dieser Entwicklung als die eines Naturwissenschaftlers in einer Serie fiktiver Dialoge im eigenen Familienkreis dar. Meiner Weltsicht liegt in sofern ein (neo)positivistisches Weltbild zugrunde, da ich von der Existenz einer realen Welt ausgehe. Über diese Welt können wir im Rahmen von Popper Falsifikationismus Aussagen treffen. Ich habe mich bemüht, mich so verständlich wie mir möglich auszudrücken. Der Autor hofft, der geneigte Leser weiß diese Bemühungen zu würdigen, und mag auch ein wenig Spaß dabei empfinden, an diesen imaginären Familientreffen teilzunehmen. Ich hoffe darüberhinaus, dass die folgenden Seiten dem Leser einen Einblick in die Arbeitsweise empirischer Naturwissenschaften ermöglichen, zu verstehen wie sie funktionieren und wie Forschende zu ihren Aussagen gelangen.
Am Ende der einzelnen Kapitel sich Hintergründe, Ergänzungen und Literaturangaben, die Definitionen und Vertiefungen der jeweiligen Sachverhalte beinhalten. Diese zusätzlichen Informationen hätten in meinen Augen ansonsten den Diskussionsfluss nicht unerheblich gestört. Sie mögen aber für den geneigten Leser nützlich sein.
Diese im vorliegenden Werk beschriebenen Treffen im Familienkreis hätten durchaus so stattfinden können, haben es aber selbstverständlich nie in dieser Form. Die Namen und spezifischen Charakter-Eigenschaften der handelnden Personen sind selbstverständlich frei erfunden und sind ein wenig überspitzt dargestellt um die diskutierten Thesen zu verdeutlichen.
[1] https://www.europarl.europa.eu/news/de/headlines/economy/20190603STO53520/vorteile-der-wirtschaftlichen-globalisierung-in-europa-fakten
[2]https://www.ft.com/content/3be49734-29cb-11e6-83e4-abc22d5d108c
[3]https://www.planet-wissen.de/gesellschaft/psychologie/verschwoerungstheorien/index.html
[4]https://de.statista.com/themen/3389/fake-news/
Flaxman et al Public Opinion Quarterly, Vol. 80, Special Issue, 2016, pp. 298–320
[6] https://www.aachener-nachrichten.de/nrw-region/michael-butter-verschwoerungstheorien-waren-lange-zeit-normal_aid-24491273
[7] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/512316/umfrage/anzahl-der-facebook-nutzer-in-deutschland-nach-alter-und-geschlecht/)
[8]https://gruene-jugend.de/gesundheit-statt-globuli/
[9]https://www.dzvhae.de/forsa-medizinwende/
[10] https://www.ostsee-zeitung.de/Nachrichten/Politik/Deutschlandtrend-Mehrheit-der-Deutschen-glaubt-an-menschengemachten-Klimawandel
[11] https://www.sueddeutsche.de/wissen/naturwissenschaft-und-religion-glaube-und-evolution-passt-das-zusammen-1.3553055
Am Anfang war das Wort. Das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.
Johannes 1,1
Es ist Samstagnachmittag halb eins. Wir, meine Frau, meine beiden jüngsten Kinder – längst Teenager geworden - und ich, bereiten uns vor, um zum runden Geburtstag meiner Schwägerin zu erscheinen. Wenigstens müssen wir uns nicht „fein“ machen. T-Shirt und Jeans werden dabei von der Familie meiner Frau als mehr als angemessen betrachtet. Unsere Geschenke und die Kuchen sind schon längst bereit. Meine Frau und ich kommen jeweils aus einer großen Familie, und so sind solche Geburtstagsfeiern keine wirkliche Seltenheit. Allerdings sind diese Familienfeiern für mich, als eher introvertierter Mensch, auch kein reines Vergnügen. Unser Ziel ist es im Allgemeinen spät kommen und dafür früh gehen. Manchmal klappt das sogar. Diesmal wird es damit etwas schwierig werden. Es handelt sich wie bereits erwähnt, um einen runden Geburtstag – das Geburtstagskind hat sich demzufolge etwas Größeres ausgedacht. Ein Wochenende in einem Wellness-Hotel, wobei ein Teil des Caterings von den Familien übernommen wird, um die Kosten nicht in astronomische Höhen ausarten zu lassen. Hütten sind seit einiger Zeit mit Rücksicht auf das fortgeschrittene Alter einer nicht unerheblichen Anzahl der Familienmitglieder eher „out“. Lokationen mit ordentlichen Betten sind bei solchen Anlässen eher „in“. Die Anfahrt wird von unserem Wohnort aus mehrere Stunden dauern, dementsprechend haben sich alle mit Lesematerial und Videospielen eingedeckt. Smartphones sind ein wahrer Segen für eine Familie auf Reisen.
Die Familie meiner Frau ist ja im Allgemeinen ganz nett – umgänglich, gastfreundlich und alles – dummerweise sind ein großer Teil von ihnen fundamentale Christen. Einige sind Ingenieure, andere Musiker, andere wiederum Handwerker - alles bunt gemischt - allerdings sind meine Frau und ich die einzigen Naturwissenschaftler.
Nach der Ankunft begrüßen meine Frau und ich das Geburtstagskind, übergeben die Geschenke und bringen den Kuchen in eine Art Empfangsraum. Es gibt auch gleich Kaffee. Sehr gut. Bevor wir diesen zusprechen bringen wir noch unser Gepäck auf das Zimmer. Die Kinder haben ein Eigenes bekommen. Wir verstauen unsere wenigen Kleidungsstücke auf unserem Zimmer und eilen wieder nach unten – Richtung Kaffee in den Empfangsraum. Dort bleiben wir an Crissie hängen. Wir haben uns schon länger nicht mehr gesehen und deswegen legt Crissie auch gleich los.
Was machen die Kinder? Was macht deine Arbeit? Wie - du arbeitest mit Ratten? Du bist doch Biologe. Ich dachte, die machen etwas mit Blümchen.
Oh – wie ich diese Vorurteile liebe. Nein Crissie - ich arbeite mit Ratten und untersuche ihre Gehirne. Deine Schwester hat während ihrer Diplomarbeit auch damit gearbeitet.
Wieso machst du das denn? Ratten sind doch so verschieden von Menschen. Oder machst du das nur aus Neugierde?
Nee Crissie – Ratten sind auch Säugetiere. Die Nervenzellen sind ganz ähnlich den unsrigen und Ratten haben ähnlich viele Gene wie wir. Du weißt, wegen der Evolution, kann man …. - da war es gefallen - das böse Wort, und das auch noch gleich am Anfang der Zusammenkunft. Sonst versuche ich, taktvoll meine Verwandtschaft und ihre Ansichten zu respektieren. Und sie sind so nett, auch die meinen zu akzeptieren. Diesmal wird das mit taktvoll ignorieren nicht gehen. Allein das Wort „Evolution“ wirkt auf einige wie ein rotes Tuch. Eben auch bei Crissie.
Wie gesagt, große Teile der Familie meiner Frau sind fundamentale Christen. Evangelikale könnte man sagen und schon geht es los.
Achim – du weißt doch, dass ich nicht an die Evolution glaube, meint Crissie geduldig. Du weißt, ich glaube, dass die Erde vor ca. 6000 Jahren so entstanden ist wie es in der Bibel in Genesis 1 und 2 beschrieben steht.
Crissie ist so eine „young earth“ Kreationistin. Die Erde wurde ihrer Überzeugung nach von einem allmächtigen Gott in 6 x 24 h erschaffen. In diesem Schöpfungsgeschehen wurden alle natürlichen Dinge (Gestirne, Steine, Meere, Tiere und Pflanzen) in einer, mit einer Ausnahme, unveränderlichen Form gebildet. Die Ausnahme ist die Schlange, die offensichtlich erst im Zusammenhang mit dem Sündenfall von Adam und Eva ihre Beine verlor und seitdem auf dem Bauch kriechen muß. Fossilien werden als Überbleibsel von Noahs Flut gedeutet. Mit ihnen zu diskutieren, ist so schwierig und ermüdend. Sie nehmen für sich in Anspruch die Bibel wörtlich zu nehmen – allerdings spricht keiner von ihnen hebräisch. Es werden demnach immer Übersetzungen verwendet, die dann „wörtlich“ genommen werden.
Du weißt doch auch, warum ich das glaube, fährt Crissie fort. Du weißt, wenn man die Schöpfungsgeschichte nicht wörtlich nimmt, dann öffnet man Tür und Tor dazu, den Rest der Heiligen Schrift zu interpretieren und zu verbiegen.
Wenn Crissie von „interpretieren“ spricht, meint sie natürlich „falsch“ interpretieren – nicht so wie sie. Ihre eigene Interpretation der Bibel wird als unfehlbar betrachtet, weil sie ja alles „wörtlich“ liest.
Crissie ist ein sehr netter Mensch – nur mit den Naturwissenschaften hat sie es nicht so. Sie geht davon aus, dass ein allmächtiger Gott immer wieder unvorhersehbar in die Welt, z.B. in die Entwicklungsgeschichte der Erde, eingreift. Somit können ihrer Überzeugung nach, mit naturwissenschaftlichen Methoden und Denken keine Erkenntnisse über die Welt erworben werden. Mit den heute beobachteten Naturgesetzen kann nicht auf die Gegebenheiten der Vergangenheit geschlossen werden. Dies gilt zumindest für Aussagen die ihrem Glauben widersprechen. „Wahre“ Erkenntnisse können nur durch ein Bibelstudium erworben werden. Heute muss ich da durch; das wird lustig.
Crissie kommt mit einer Ausgabe von „Studium Integrale“ um die Ecke. Aber holla - ich habe Crissie unterschätzt. Sie liest ja doch noch etwas anderes als die Bibel. Crissie hat die Zeitschrift, dem Publikationsorgan der Gesellschaft „Wort und Wissen“, abonniert, lässt sie mich wissen. Das hat sie sich wohl auch als Lesematerial für die Reise mitgebracht. Schau Achim, beginnt sie, hier steht doch, die Wissenschaftler sind sich doch auch nicht einig. Die Zeitangaben widersprechen sich – hier bei den Genanalysen kommt etwas ganz anderes raus als bei den Fossilien. Und dann gibt es bei Fossilien doch auch noch so viele Lücken. Wie kannst du dann so überzeugt von Evolution reden, wenn das doch gar nicht bewiesen ist?
Also bitte ich sie an einen der vielen Tische. Jeder der Tische bietet Platz für etwa 6 Personen und für ausreichende Mengen an Kaffee und Kuchen. Ich wähle einen in einer Ecke. Da ist es ein bisschen ruhiger. Hat jeder seinen Kaffee? Wo ist eigentlich meine Frau, wenn ich sie brauche? Egal. Komm, Crissie, wir schauen uns das einmal genau an. Hast du 10 Minuten Zeit? Ich erzähl dir erst einmal wie Forschung so abläuft, damit du die Berichte in der Zeitschrift richtig einordnen kannst. Und dann schau'n wir uns einmal so einen Artikel an, was da darin steht und was sie zu sagen haben.
Crissie, jetzt schau mal – Wissenschaftler sind doch keine Idioten, beginne ich unsere Diskussion. Die haben jahrelang studiert und wie in meinem Fall, 4 Jahre promoviert. Das bedeutet oft über mehrere Jahre, 60 Stunden und mehr die Woche im Labor stehen und sich mit einem Thema beschäftigen. Wenn du das machst, beherrscht du ein Thema schon. Lass dir erklären, wie unsereins so ein Problem angeht und was da alles dazugehört. Auch wie das Qualitätsmanagement im Wissenschaftsbetrieb aussieht, um sicher zustellen das ordentlich geforscht wird. Zuerst benötigst du eine Fragestellung. Stell dir vor, beim morgendlichen Müsli machen schält ein Forscher, der sich mit dem Wachstum von Pflanzen beschäftigt, eine Banane und stellt erstaunt fest, die Banane ist krumm, die Karotte aber nicht. Er stellt sich die Frage: „Warum eigentlich ist die Banane krumm?“ und beschließt diese Frage wissenschaftlich zu klären. Jetzt sind erst einige Vorarbeiten nötig. Das bedeutet Quellenstudium. Wie ist dazu der Stand des gegenwärtigen Wissens? Vielleicht hat ja jemand die Frage schon beantwortet.
Wieso weiß er das denn nicht? wirft Crissie ein. Du hast noch vor einer Minute damit angegeben, wie intensiv sich Forschende mit ihrem Thema beschäftigen.
Die Wachstumsbedingungen von Bananen sind vielleicht nicht sein Spezialgebiet, Crissie. Vielleicht beschäftigt er sich sonst eher mit einheimischen Pflanzen. Es wird auch von vielen verschiedenen Leuten zu einem Themengebiet geforscht. Bei dem „Neuroscience“ Meeting kommen gerne mal 30000 Wissenschaftler zusammen. Es ist daher schwierig, den Überblick zu behalten. Die vorhandene Literatur zu diesem Thema wird kritisch studiert und bewertet. Nach ausgiebiger Literaturrecherche in den einschlägigen Publikationsorganen stellt sich heraus, dass noch niemand diese Frage beantwortet hat. Aus dem Quellenstudium und eigenen Überlegungen schält sich jedoch eine, und das ist wichtig, testbare Hypothese heraus. Es könnte sein, dass die Bananen krumm sind, weil sie so windschlüpfriger sind und bei Sturm nicht so leicht abgeworfen werden. Unreif abgeworfene Bananen können schließlich nicht zur Vermehrung, und damit zur Arterhaltung beitragen.
Ähm – du Superbiologe. Bananen im Supermarkt haben keine Samen. Die werden durch Sprösslinge vermehrt. Gilt dein Beispiel auch für wilde Bananen, fragt Crissie etwas schnippisch.
Es ist ein Beispiel. Aber ja, du hast recht. Der Kollege müsste natürlich klären wie wilde Bananen, die ja Samen haben, wachsen. Nehmen wir mal an, das ist der Fall.
Was ist eigentlich eine Hypothese? Und wieso ist es wichtig, dass die Hypothese testbar ist? bohrt Crissie weiter. Ich habe „Theorie“ und „Hypothese“ immer als etwas sehr unsicheres, schwammiges aufgefasst.
OK – Sorry. Theorie und Hypothese sind für Forschende wichtige gedankliche Rahmenwerke, in der Experimente und die Deutung der Daten eingebettet werden. Im Gegensatz zur Bedeutung in der Umgangssprache auf die du anspielst, ist eine Theorie ist ein System von Aussagen die wissenschaftlich begründet sind. Die Hypothese ist gewissermaßen der Vorläufer der Theorie, wenn eine Annahme noch nicht genügend durch Beobachtungen anerkannt ist. Nur so kann in den empirischen Wissenschaften richtig von falsch unterschieden werden. Ich stelle vor den Experimenten eine Hypothese auf und schaue, ob es mir gelingt, diese Hypothese zu widerlegen. Denn streng genommen kann eine Hypothese nicht bestätigt, sondern nur nicht widerlegt werden. Zufrieden? Crissie nickt und ich kann mit meinen Erklärungen fortfahren.
Der Kollege weiß nun, was er machen will. Jetzt muss das „Wie“ geklärt werden. Um die Frage angehen zu können, werden sicher Forschungsmittel benötigt, um Geräte und Mitarbeiter zu finanzieren.
Crissie fragt verwundert dazwischen: „Wieso musst du dann extra Geld beantragen? Wieso kannst du nicht einfach los legen?“
Weißt du, meine Stelle ist eine sogenannte Drittmittelstelle. Die Grundausstattung an Stellen und Material für ein Institut ist oft recht mager. Mehr als 80 % der Gelder für Gehälter und Material müssen von anderen Stellen kommen und beantragt werden. Das Geld für meine Stelle kommt beispielsweise aus einem EU-Fördertopf. Und wenn, wie im meinem Beispiel der Einfluß des Windes auf eine Bananenstaude geprüft werden soll, muss vielleicht eine Art Windtunnel gebaut werden. Ein solcher ist am Institut wahrscheinlich nicht vorhanden, auch nicht in der benötigten Konfiguration an einem anderen Platz auf der Welt. Falls doch könnte man versuchen mit den Kollegen, die über einen solchen Windtunnel verfügen, eine Zusammenarbeit anzustrengen. Das lasse ich jetzt außen vor. Ich gehe mal davon aus, daß ein Windtunnel gebaut werden muss. Der Antrag muss im Übrigen sehr detailliert ausfallen. Als Beispiel: Ich benötige 15000 Euro für einen Elektromotor der Firma X. Für den Windtunnel benötigen wir einen schnell laufenden Elektromotor und die Motoren der Firma X haben die gewünschten Eigenschaften im Gegensatz zu den Motoren der Firma Y.
Dafür müssen Anträge formuliert und bei potentiellen Geldgebern wie der ERC (European Research Council) oder DFG (Deutsche Forschungs Gemeinschaft) gestellt werden. Für Biologie ist die Bewilligungsquote bei der DFG aktuell etwas mehr als ein Viertel, genau 28 % [1]. In dem Antrag muss überzeugend begründet werden, was an dieser Forschung wichtig und förderungswürdig ist. Das ist die erste Stufe im Qualitätsmanagement – nur wer qualitativ hochwertige Forschung macht, bekommt das dafür notwendige Geld. Eine mögliche Begründung könnte so aussehen: Die Beantwortung dieser Frage ist überaus wichtig, weil grundlegende Fragen der Evolution beantwortet werden können. Darüberhinaus versprechen die Ergebnisse der Forschung den Einsatz von Herbiziden zu verringern, und dienen damit dem Umweltschutz. Die Chancen auf eine Förderung steigen, wenn man zeigen kann, wie gut man schon bisher auf diesem Feld gearbeitet hat. Dies erfolgt mit einer Liste von Publikationen und bereits eingeworbenen Forschungsgeldern. Der Forschende möchte dem potentiellen Geldgeber zeigen, dass dieser gute Chancen hat, mit den ausgegebenen Mitteln gute Forschung mit einem entsprechenden Erkenntnisgewinn zu finanzieren. Da herrscht schon ziemlich viel Konkurrenz zwischen den Wissenschaftlern um die Gelder. Die Menge der zur Verfügung stehenden Gelder ist ja begrenzt. Aber lass mal weiter machen. Des weiteren müssen im Vorfeld rechtliche Fragen geklärt werden. Tierversuche gibt es im hier vorgestellten Szenario keine. Müssen Artenschutz-Fragen geklärt werden? Darf die die ausgewählte Bananensorte aus- bzw. eingeführt werden? Wenn es sich um gentechnisch veränderte Organismen handelt, müssen rechtliche und Sicherheits-Fragen geklärt werden. Bei gentechnisch veränderten Bananen müsste man sicher stellen, dass sie aus dem Labor nicht in die Wildnis entkommen.
OK soweit? Crissie nickt erneut.
Nehmen wir einmal an, der Kollege hat also seinen Antrag auf Förderung durchgebracht und kann nun mit den Experimenten beginnen:
Wie kann er oder sie die Frage beantworten? Der Kollege hat sich eine wilde Bananenart ausgesucht, die gut und günstig erhältlich ist, und ausreichend schnell wächst. Danach erhebt der Forschende eine Anzahl von Ausgangswerten. Er bestimmt beispielsweise wie krumm sind Bananen eigentlich? Und findet heraus: Bananen dieser Sorte haben im Schnitt einen Krümmungsradius von - um einen Wert zu geben - 15°. Wenn er nachher gerade Bananen wachsen lässt, dürfen die einen maximalen Krümmungsradius - von sagen wir mal - nicht mehr als 3° aufweisen, um als „gerade“ zu gelten. Er muss auch schon in etwa abschätzen, wie viele Daten erhoben werden müssen, um eine statistisch belastbare Aussage treffen zu können.
Wenn in der Zwischenzeit der Windtunnel bereitsteht, kann endlich mit den Experimenten begonnen werden.
