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Jott H. Wangerin: 1943 in Wangerin/ Pommern geboren, in der malerisch gelegenen mecklenburgischen Kleinstadt Tessin die Jugend verbracht, nach dem Studium an der Humboldt-Universität Berlin als Diplomingenieur in der alten Hansestadt Stralsund bis zur Rente gearbeitet und noch heute dort lebend. »In meinen Schilderungen - beispielsweise um historische Ereignisse der jüngsten Zeit im Ost- und Westteil unserer schönen Heimat - geht es mir weniger um die nackten Fakten, als um die liebenswerten Begleiterscheinungen - trotz aller Probleme, die nicht vergessen werden sollten. Ich möchte möglichst viele Kleinigkeiten im Alltag vor Ort beleuchten und aufzeigen, wie ereignisreich sich unser tägliches Leben gestaltet und dass es mehr gibt, als den überall beschworenen Stress.«
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Seitenzahl: 276
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Jott H. Wangerin
STIEFMÜTTERCHEN OST UND KÖNIGSKERZE WEST
Alltagsgeschichten
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2014
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Titelfoto © Martina Eichner
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
- meinem Mütterlein, das mir gab, was sich im Buch widerspiegelt– meiner Frau, die meine schöpferische Unruhe lange ertragen musste– meiner Freundin Dr. Edith Zeile, meiner selbstlosen Entdeckerin, und allen ungenannten Musen, die mich hierzu inspirierten!
Cover
Titel
Impressum
Danksagung
Prolog
Ewiger Kreislauf
Osterwasser holen
Gedanken beim Kerzenschein– Traurigkeit?
Experimentierfreude
Sturm und Drang
Nur große Herzen wachsen im Alter, die kleinen schrumpfen
Kismet
Eisblumen
Schmetterlinge im Bauch
Großes gewollt zu haben, ist groß
Das alte Lied
Herbst
Einfallspinsel
Der „Pflaumenbaum“
Wiedergeburt
Zimtzicke
Bücherwurm
Warum Zucker süß ist
Zuckerschnee
Einstein
Augenblick
Das ging mächtig nach hinten los
Auge um Auge
Naturgesetz
Piepmatz
Damals wie heute?
Shortstory
Wasserspiele
Spinatwachtel
Gedanken vor dem Bäckerladen
Sommerwind
Altweibersommer
Sturmtief
Wenn es erst einmal in Wieck regnet
Tragik
Tempi passati
Will und Kann vs. Wenn und Aber
Das andere Extrem
Über die Liebe
Wellenspiel
Kunstfrevel
Wie wir zu einem Ölgemälde des Stettiner Malers Ernst Schwartz kamen
Lavendelblüte
Der Anarchist
Mäander
Wie ich doch noch zu einem Elektroherd kam
Der „Admiral“
Besser als nichts!
Und ewig lockt das Weib
Unerreichbare Liebe
Lonely Love
Phasenverschiebung
Fernseheule
Stiefmütterchen und Löwenmäulchen
Mondscheinsonate
Das kleine Latinum
„Schlüpferstürmer”
Die Toilettenfrau vom Darß
Ergötzliches
Verletzter Stolz
Farbenspiele
Urlaubserfahrungen in Wieck
Die neue Nachbarin
Bienenschicksal
Wie vom Winde Verweht
Meine wichtigste Dienstreise
Gedanken eines Schichtarbeiters
Tatsache
Wirklich auf das falsche Pferd gesetzt?
Wie aus „unserem großen Bruder“ wieder „ein Russe“ wurde
Akt
Wellenschlag
Weitblick
Traumreise
Kuckucksei
Windhund
Windflüchter
Die Ost-West-Passage
Fettsack
Früchtchen
Verlockung
Nicht nur Sprachprobleme
Spiegeleien
Anglers Glück
Kinderspiel
Die Qual der Wahl
Ente
Gärtners Frust
Laubenpieper
Wenn dann am Wochenende die Kleingärtner anrücken
Blumensprache
Der Anschiss lauert überall
Wie du mir, so ich dir
Zahn um Zahn
Dreckfink
Mopgirl
Knall auf Fall
Die Toilettenfrau vom Grand Hotel
Reinfall
Erfahrungssache
Albtraum
Wenn ich ein Vöglein wär’
Mückentanz
Handy-Jette
Ach du liebe Zeit!
Reinsetzen und Zeit mitbringen
Evergreen
Meerenge
Alles hat ein Ende
Abschied vom eigenen Spargel
Blütenrein
Nur ein Traum?
Tanzschule
Wo der Vogel schläft
Hundig
Papillon
Ausdauer
Ungelogen– virtuell und wahr– u. v. w.
Falsche Schlange
Schmetterlingshochzeit
Seeblick
Die Heringsangler vom Rügendamm
Einblick
Picknick
Märchenaugen
Unser „brennender“ Apfelbaum
Rosenstolz
Durchblick
Traumtänzer
Musen küssen nicht oder Träume sind Schäume
Kulturbanause
Bettgeflüster
Schneeweh’n
Der unter dem Großsteingrab wohnte
Dialektik
Die Gedanken sind frei.
Schicksal
Fährten legen
Zapfenstreich
Kanarische Schönheiten
Vorsicht Falle
Spurensuche
Dorfschranze
Tempelstürmer
Opferstein
So fand ich Swantevit
Ferne
Abgeschaltet
Die Macht des Wortes
Schicksal einer Hundertjährigen
Strandgang
Jammerlappen
Seerosen
Go West
Tabula rasa
Betriebssterben-Bauernlegen
Königin der Nacht
Wer zu spät geht, den bestraft das Leben
Schmetterling
Unendlichkeit
Bauernschläue
Zwiesprache mit einem Unsichtbaren
Fruchtfolge
Verklemmt?
Geizkragen
Mittwoch ist ALDI-Tag
Couchpotato
Gesetzmäßigkeit.
Knickstiefel
Spätzchen Plusterbacke
Loni 1
Loni 2
Loni 3
Die Leiter zum siebten Himmel?
Mauerblümchen
Schlitzohr
Was ist schon normal?
(Un)Normalität
Der Fremdgänger
Strudel
Das Geld liegt auf der Straße
Die Knallköpfe von damals und heute
Novembernacht
Weitblick
Schluss mit Lustig
Schwarz-Rot-Gold, die BMW-Strategie
Was nicht geht, bleibt ein Traum!
Blätterfall
Unsicherheitsfaktor
Kaum gestohlen, schon in Polen?
Liebeserklärung
Seemanns Los
Grenzenlos
Nichts ist schlimmer als Fliegen
Blitzschlag
Wetterleuchten
Elsterglanz
Was tun, kleiner Mann?
Abgebürstet
Love Ballade
Dumme Kuh
Über den Rinderwahnsinn
Traum und Wirklichkeit
Das „alte“ Pilzweib
Altersteilzeit
Was es nicht alles gibt!
Klatschmohn
Fallensteller
Zeit ist Geld
POM Tief (Name nur leicht geändert)
Die liebe Zeit
Die Mutter
Das Kind
Über den Nahverkehr S
Kranichroute
Geruchsverlust
Unendlichkeit
Große Schnauze zu haben ist groß
Liebeskummer
Die ständigen Sprachprobleme
Versteckt
Ars vivendi
November
Klare Sache
Heimkehr
Kunst und Provinz
Erfolg– Reich
Über das Glück
Einfach nur glücklich
Das Verkaufsgenie
Frühtau
Der Schulschwänzer
Tierliebe
Mit Paula schwand das Strandvergnügen
Zurück zu den Wurzeln
So ist das nun mal
Klatschmohn
Alle Menschen werden Kinder…
Abendrot
Rosig
Liebesfreundschaft
Mein Freund der Baum oder der Wettlauf mit den Schafen und anderen Dummköpfen
Erfahrung
Trollig
Gespensterstunde
Der unheimliche IM (Informeller Mitarbeiter)
Frühlingslust
Frühjahrsputz
Eigenheiten
Deutsche Sprache, schwere Sprache!
Bilanz
Ach könnte es schön sein, ein Häuschen mit Garten!
Energieerzeugung
Es reicht, das Haus wird jetzt verkauft!
Rotation
Beschirmt
Hellseher
Nur Fliegen ist schöner?
Vorbild
Ungerecht
Naturgesetz
Der Roussillon
Interpretation
Der Wüstenritt
Traumwelt
Toskana
Bis zum bitteren Ende
Die Provence
Willkommensgruß
Das einsame Haus am Meer
Mit sechs Zahlen einen Hauptgewinn im Lotto zu erzielen, ist wahrscheinlich einfacher, als aus den sechsundzwanzig Buchstaben unseres Alphabets ein interessantes Buch zu schreiben!
Meine selbstlose Freundin, Frau Dr. Edith Zeile aus Heidelberg, selbst eine bekannte Autorin zahlreicher Bücher, bat mich sehr überzeugend, meine Gedankenwelt allen Menschen zugänglich zu machen, und bot sich an, das Lektorat zu übernehmen.
Ihr konnte ich nicht widerstehen!
Die Menschheit rund um unseren Erdball ist gerade damit beschäftigt, sich selbst zu überholen. Wir erleben die bisher schnellste Epoche in allen Entwicklungen. Dabei gehen leider viele liebgewonnene schöne Dinge des Alltags verloren, wenn wir nicht dagegen steuern.
In meinen Schilderungen z. B. auch um historische Ereignisse der jüngsten Zeit im Ost- und Westteil unserer schönen Heimat geht es mir weniger um die nackten Fakten als um die liebenswerten Begleiterscheinungen trotz aller Probleme und die deshalb nicht untergehen sollten.
Ich möchte ganz besonders die vielen Kleinigkeiten im Alltag vor Ort beleuchten und aufzeigen, wie ereignisreich sich unser tägliches Leben gestaltet und dass es mehr gibt als den überall beschworenen Stress.
Wenn Sie diese Absicht beim Lesen des Büchleins erkennen, werden Sie den Spaß finden, den ich Ihnen hiermit wünsche.
Jott H. Wangerin
Stralsund, im Sommer 2014
Frühlingslüfte
Sonnenblumen
Erntedüfte
Nebelschwaden
Heldensagen
Jugendliebe
Lebensfragen
Babywiege
Jahresringe
Sorgenfalten
Blätterfall
Händefalten
Blütensprießen
Liebesnacht
Spinnennetze
Stille Wacht
Meine Mutter ging mit uns drei Kindern und unseren zahlreichen Freunden gerne vor Sonnenaufgang das sogenannte Osterwasser holen. Es musste aus einer Quelle stammen, aber weil es in Tessin/Mecklenburg keine richtige Quelle gab, durfte das Osterwasser ausnahmsweise aus dem Wolfsberger Bach geholt werden.
Dorthin mussten wir einen weiten Weg durch den dunklen Wald mit allerlei Angst einflößenden Geräuschen zurücklegen.
Wir zitterten anfangs noch wie Espenlaub und hielten einander auf dem dunklen Weg an den Händen. Je näher aber das Ziel kam, umso übermütiger wurden wir.
Die wichtigste Bedingung für die Wirkung des Osterwassers war, auf dem Weg zur Quelle durfte nicht ein Wort gesprochen werden, für uns Kinder ein ganz besonderes Gaudi, denn nun konnten wir die Mädchen an den Zöpfen ziehen, und sie durften nicht petzen. Genau beim Sonnenaufgang wurde nun ein Krug frisches Wasser aus dem Bächlein geholt, und jeder durfte einen Schluck davon trinken und war dadurch gefeit vor bösen Geistern und Krankheiten. Der Rückweg war nach so langem Schweigen entsprechend laut und fröhlich.
Ganz nahe am Wasser gebaut?
Zu gruseligen Märchen gelauscht?
Dem eigenen Bruder misstraut?
Am Freiheitsgedanken berauscht!
Immer geduckt, niemals gewehrt!
Meistens verstellt, gesagt wie’s gelehrt!
Niemals gelebt sorglos den Tag.
Tränen unterdrückt als Zeichen der Schmach.
Spießige Lehrer, von der Partei deformiert.
Das starke Gebiss unserer Dobermann-Hündin Britta.
Schwitzend Torfringeln im Recknitztal.
Der verräterische Störsender über dem Hamburger Rundfunk.
Fechtabende– Rassekaninchenschauen.
Fohlenmantel, Ziegenmilch und Migräne.
Zerschlagene Gewächshausscheiben.
Großmutti, Käthe Bröker.
Freunde fliehen in den Westen.
Sehnsucht– Wehmut.
Hass– Ohnmacht.
Und doch:
Es war die beste Zeit, denn es war unsere Zeit!
Es gibt nichts zu bereuen,
Aber genug Grund, sich zu freuen!
Von den Eltern wurden wir nicht gerade streng, aber anständig erzogen.
Wir kannten bislang keine Ferkeleien und hässliche Ausdrücke, aber gerade danach spürten wir plötzlich ein unbändiges Verlangen, denn wir konnten mit den Spielgefährten plötzlich nicht mehr mithalten.
Es konnte uns gar nichts Besseres in dieser Entwicklungsstufe passieren, als „Sieker“ Richter, sein Vater war strenger Dr. med. auftauchte, und uns selbstlos Nachhilfeunterricht in gewissen Dingen erteilte. Eines Tages verzierten wir unsere hölzernen Bettgestelle am Kopfende kunstvoll mit dem Taschenmesser.
Es war unser erstes Meisterwerk. Dabei handelte es sich um einige Drachen, in der Mitte mit einem geraden Strich als Nase und aussen herum mit vielen Sonnenstrahlen bestückt. Natürlich hatte der Drachen einen Namen, aber hier schweigt des Sängers Höflichkeit. Als Mutti uns am Abend wie üblich eine Heldensage vorlas, blickte sie entsetzt auf unser Machwerk und wollte wissen, wie es wohl auf das Holz gekommen sei. Unbekümmert erklärten wir es ihr, und als dazu auch gleich noch so ganz nebenbei erlernte schmutzige Wörter aus uns heraussprudelten, brach für Mutti die ach so schöne heile Welt zusammen. Aber nun ging es Schlag auf Schlag weiter und allmählich wurden wir vollkommen.
Die Uhr schlug zehn vom Glockenturm,
Stark war mein Drang und wild der Sturm,
Ganz leis’ die Haustür aufgemacht,
Geliebt, geküsst die ganze Nacht.
Des Frühlings Lust folgt Blätterfall,
Nach Knospensprung entzaubernd Knall.
Gestorben längst mein stürmisch’ Drang,
Kein Feuer lodert lebenslang.
Alte wissen aus Erfahrung– wenn sie es nicht schon wieder vergessen haben-, was die Jungen noch nicht wissen können, weil die noch keine Zeit dafür hatten, es sich zu merken. Als kleiner Junge wünschte ich mir ständig, bloß schnell älter zu werden, um das auch tun zu dürfen, was mir bis dahin nicht erlaubt war, z.B. abends noch draußen zu toben oder alleine ins Kino zu gehen, zu rauchen, ein Mädchen zu küssen, ohne die Eltern Urlaub zu machen usw., kurzum, selbständig zu entscheiden. Derart vorwärtsgetrieben, schoss ich zwar immer noch viel zu langsam, aber doch unaufhaltsam in die Höhe und über manches Ziel hinaus. An einige Beulen kann ich mich heute noch genau erinnern.
Bis ich endlich begriffen hatte, dass sich die Erde wirklich dreht, aber leider nur um sich selbst, auf keinen Fall um mich, war ich bereits aus den besten Jahren heraus.
Und was kommt dann? Zum Glück auch die Erinnerung an die Kindheit, die nun viel zu schnell vergangen zu sein scheint.
Könnte ich noch einmal von vorne beginnen, würde ich doch lieber langsamer erwachsen werden. Wie war das doch bequem: Früh morgens endlich aus dem Bett springen zu dürfen, höchstens eine kleine „Katzenwäsche“ und trotzdem sauber, Klamotten über, Stulle in die Hand genommen, Ranzen auf den Rücken und ab ging es im Trab. Und heute? Wie gerädert wacht man endlich doch noch auf, die Gedanken vom Vorabend und dazu tausend neue kreisen im Kopf, dann sich aufrichten und gerade machen, vorsichtig hinstellen und ein Bein vor das andere setzen, es geht tatsächlich noch, aber nun erst einmal aufs Klo, sonst passiert es unterwegs. Gründliche Wäsche mit geringem Erfolg, der Spiegel war auch schon mal besser, aber die Zähne sind fast alle noch da, nur die Haare wachsen inzwischen an den falschen Stellen. Es dauert, bis alles gerichtet ist, die Zeit läuft unerbittlich davon! Die Gedanken auch, was wollte ich heute unbedingt erledigen? Und dann der obligatorische Fluch, was ist das bloß für eine Zeit, früher war es doch viel besser! Das ist natürlich Unsinn, aber eines stimmt: Früher war ich viel besser, also lernt nur von meinen frühesten Erfolgen und überhört geflissentlich das Stöhnen der späten Periode! Denn wenn sich eine junge Rebe an eine ausgedörrte Wäscheleine klammert, wird sie auch nur Rosinen tragen!
Manche sagen es ganz heiter
Das Leben sei ‘ne Hühnerleiter.
Tatsächlich ist es kompliziert,
Weil täglich in dir viel passiert,
Woran du vorher nicht gedacht,
Sonst hättest du das nicht gemacht.
Als Beispiel sei nur angerissen,
Die Liebe, menschlich Ruhekissen,
Die Wunden heilt und alles kann,
Doch packt sie dich als reifen Mann,
Setzt der Verstand noch einmal aus,
Du läufst ihr nach ins fremde Haus.
Und willst noch ‘mal von vorn’ anfangen,
Dabei bist du doch so befangen,
Dass es dir nicht gelingen kann,
Und stehst dann da als armer Mann,
Und ziehst als Lebens letzten Schluss,
Dass es doch mehr ist als ihr Kuss!
Wenn glitzernde Eisblumen Scheiben belecken,
Und fröstelnde Menschen die Körper verstecken,
Wenn der „Nord-Ost” versendet eisigen Hauch,
Aus dem Schornstein aufsteigt schneeweißer Rauch,
Dann lass’ sie rasch fliegen die Schmetterlinge,
Und stell’ dir vor die schönsten Dinge!
Liebkosende Hände
Erwecken ein Beben,
Wär’s niemals zu Ende,
Das Schönste am Leben.
Kraftvoll flatternd im Bauch
Tausend Schmetterlinge,
Als berauschender Hauch
Heiss ersehnter Dinge.
Beraubt aller Sinne,
Weit geöffnet die Tür,
Flüstert liebende Stimme:
Jetzt gehörst du nur mir!
„Magna voluisse magnum“ kann der Vorbeieilende auf Ferdinand von Schills Grabstein auf dem zum Park verwilderten alten Stralsunder Friedhof lesen.
Aber wer geht hier schon gerne entlang, es ist viel zu gefährlich geworden.
Als Kinder benutzten wir allerdings diesen Weg als Abkürzung zum Freibad. Die Übersetzung kannten wir, schließlich war unser Onkel Lateinlehrer an der „Hansa“, aber das Zitat sagte uns damals gar nichts. Wir wollten groß werden, um unser Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Normales Ziel jedes Heranwachsenden. Nicht jeder kann große Taten vollbringen und will es auch gar nicht.
Aber leben will jeder. Mehr wollte ich auch nicht.
Und da war ich nun. Schlaksig, neugierig und immer hungrig.
Zehn Salzkuchen von Bäcker Radfahn aus der Hainholzstraße, dünn mit Griebenschmalz geschmiert, waren keine Seltenheit. Und dazu frische Milch von Bauer Bahls. Oder Heisswecken mit süßer Milch und Mandeln. Wo meine Großmutter das Geld für meinen hungrigen Bauch hernahm, blieb mir ein Rätsel.
Unaufhaltsam wuchs ich, lernte Schwimmen und Radfahren, aus Nachbars Garten mit einem langen Stock, der an der Spitze einen rostigen, dicken Nagel trug, Äpfel aufzuspießen und durch den engen Maschendraht zu bugsieren und manch andere nützliche Dinge. Eine bessere Großmutter konnte es nicht geben. Und was waren für Geheimnisse auf dem riesigen Boden in den unzähligen Schränken und Truhen verborgen, die sie nach und nach lüftete! So vergingen die Tage viel zu schnell, Langeweile war ein Fremdwort. Und wenn mal gar nichts zu erforschen war oder schlechtes Wetter das Ströpern verhinderte, konnte sie mich stundenlang mit ihren Sammelalben voller Stollwerck- oder Liebig-Bilder fesseln oder mit einer alten Laterna Magica, durch die man auf Glas gemalte Bilder, durch Kerzenlicht an die Wand geworfen, stundenlang betrachten konnte. Und was sie für Geschichten kannte! Oft konnte ich danach nicht einschlafen und träumte nachts davon. Ich saugte alles gierig in mich auf, als könnte mir die Zeit davonlaufen.
„Großmutti, erzähl uns noch eine Geschichte“, sagten wir abends in unseren Betten auf dem Dachboden, wenn Großmutti uns wie immer den Gutenachtkuss und für jeden ein Stück Vitalade brachte, und dann sprudelte es unaufhörlich aus ihr heraus: „Unser Großvater besaß mit der „Sophia Charlotta“ die damals größte Dreimastbark der Ostsee. Sie hatte ein Bruttoregistergewicht von 750 Tonnen! Er kreuzte mit ihr auf allen Meeren und trotzte manchen Gefahren. Sein Leitspruch lautete: „Mannes Wort-fester Hort.“ Es war etwa 1830, als die „Sophia Charlotta“ nach einer stürmischen Fahrt, die das Schiff verschlagen hatte, an der damals noch wenig bekannten Küste Afrikas Anker warf, um Wasser einzunehmen. Ein Boot wurde flott gemacht, und ein Teil der Mannschaft unter Führung des zweiten Steuermanns ging an Land, um nach Trinkwasser zu suchen. Hierbei wurden sie von Eingeborenen überfallen, gefangen genommen und verschleppt. Durch einen Unterhändler wurde von dem Häuptling ein hohes Lösegeld gefordert. Deutsche Konsulate gab es damals nicht, der Kapitän war auf sich selbst angewiesen und fand im Ausland nicht den Schutz wie heute. So ließ er dem Häuptling sagen, dass er nach einer bestimmten Frist das Lösegeld herbeischaffen werde und bis dahin Schutz für seine Leute verlange. Das wurde zugestanden, dennoch erduldeten die Gefangenen manche Härte. Durch ungünstige Winde verzögerte sich die Heimkehr des Schiffes, und so mag dem Häuptling die Geduld ausgegangen sein. Am Strande, an der Stelle, wo vor Wochen das Boot einst landete, wurden Pfähle eingerammt, die Matrosen wurden gefesselt, mit Stroh umwunden und dieses mit einer Teer ähnlichen, leicht brennbaren Flüssigkeit getränkt, dann jeder Mann einzeln an einen Pfahl gebunden. Der ganze, nach vielen Hunderten zählende Stamm hatte sich am Ufer versammelt, um sich an den Qualen der Seeleute zu weiden. Fertig zum Anzünden entdeckte der Steuermann fern am Horizont ein Segel. Eine gewaltige Spannung trat ein und Hoffnung beseelte die Männer, die bereits mit dem Leben abgeschlossen hatten und sich ergeben dem schrecklichen Schicksal beugten. Ein Seemannsauge ist scharf, erkennt ein Schiff bald schon an der Stellung der Masten, an der Takelage und dem Stand der Segel. Es war in der Tat die „Sophia Charlotta“, die mit dem Lösegeld zurückkam. Aber nicht mit dem allein, vier kleine Geschütze, die in möglichster Eile beschafft und wozu ein Zufall die Hand geboten, sollten im Ernstfall der Forderung um Freigabe der Gefangenen Nachdruck verleihen und kam die „Sophia Charlotta“ zu spät nach dem alten Gesetz, Auge um Auge, Zahn um Zahn, blutige Vergeltung üben. Die Auslösung der Gefangenen ging indes friedlich vonstatten und mit Jubel wurden sie an Bord begrüßt. Nie unternahm er wieder Fahrten ohne diese Geschütze, und zweimal noch hat später in chinesischen Gewässern und an der Küste von Algier ihr Mund ein ernstes Wort mitgesprochen.
Für mich war er ein Held, der für seine Verdienste von seiner Vaterstadt in seiner Eigenschaft als sogenannter „Meister vom Stuhl“ einen Degen mit Goldgriff erhielt. Ferdinand von Schill hatte dagegen nur einen kümmerlichen, verrosteten Säbel in seiner Hand! So wollte ich auch werden, und in meinen Träumen gelang es mir vortrefflich.
So wie die Alten sungen,
So zwitschern heut die Jungen?
Die Alten zwitschern jetzt ganz laut,
Die Jugend hat sich nicht getraut!
So wie die Alten sungen,
So simsen heut’ die Jungen!
Die Jungen simsen Tag und Nacht,
Und haben sich recht schlau gemacht!
So wie die Alten sungen,
Hat’s immer schon geklungen:
Was soll bloß aus ihn’n werden,
Sie werden wohl dumm sterben!
So wie die Alten sungen,
Hat’s bald ganz laut geklungen.
Die Alten sind längst nicht mehr da,
Die Jungen ehrt man, o la la!
Das Laub verlässt die Bäume,
Das Wasser tritt zurück,
Jetzt kommt die Zeit der Träume,
Vom nächsten Sommerglück!
Er lebt in einer and’ren Welt,
Wo sich nicht alles dreht um Geld,
Wo man so spricht, wie man gedacht,
Dafür wird er nun ausgelacht!
1973
Ich hatte mit gerade 25 Jahren meine erste leitende Arbeitsstelle und war offen für alles, aber noch völlig unerfahren. Dennoch wurde ich respektiert.
Die meisten Mitarbeiter– damals lief ja noch der sozialistische Großversuch mit der Bevölkerung der DDR– konnten gar nicht glauben, dass ich mit meiner Familie freiwillig in dieses verlassene Dorf gezogen bin und fragten sich hinter vorgehaltener Hand, was ich wohl auf dem Kerbholz hätte? Sie hatten ja schon so ihre Erfahrungen mit meinen Vorgängern gemacht, und irgend etwas konnte hier doch nicht stimmen! Aber es stimmte alles, wir sind aufs Land gezogen, weil wir dort sofort eine schöne Neubauwohnung bekamen, etwas mehr Geld als üblich und die leitende Stelle. Und bereut hatten wir diesen Schritt eigentlich nie.
In dem Dorf war es üblich, dass meistens ganze Familien im selben Betrieb arbeiteten. Dadurch war die Bindung an den Betrieb größer. Ich sage das nur, weil in der Wendezeit 1990 die von den Bundis initiierten Betriebsräte als erstes dafür sorgten, dass im Falle von beschäftigten Ehepaaren ein Partner ohne Ansehen seiner Leistung sofort entlassen wurde. Man meinte, das wäre sozialverträglicher. Dabei war es der größte Unsinn, der je gemacht wurde, denn viele Leistungsträger standen plötzlich vor einer Neuorientierung, während einige weiterhin initiativlose Mitläufer weiter „beschäftigt“ wurden.
Aber zurück ins Jahr 1975. Den Betrieb durchlief gerade eine junge Auszubildende, damals Lehrling genannt, als Schreibkraft. Vorübergehend lernte sie nun bei mir.
Ihre Mutter arbeitete in der Lohnbuchhaltung, und ihr Vater war ein tüchtiger Schlosser.
Eines Tages zum Feierabend kam sie in mein Büro und sagte mit dort üblicher Rucksack-Berliner Kotterschnauze: „Chef, morjen muss ick mal een’ Tag frei kriejen, jeet dat in Ordnung?“
Mir kam das etwas plötzlich vor und so fragte ich: „Was haben Sie denn Wichtiges zu erledigen, dass Sie mir das erst zum Feierabend sagen?“ Ich war leicht verstimmt, denn woher sollte ich nun noch eine Aushilfe kriegen. „Ick muss morjen zum Pflaumenbekieker!“, war die kurze Antwort.
„Wieso müssen Sie denn zum Pflaumenbeschauer, der kommt doch normalerweise zu Ihnen in den Garten“, sagte ich total ahnungslos.
„Nee, ick muss nur mal uff se’n Stuhl, der will bloß wat nachkiecken!“
„Auf was für einen Stuhl denn, ich denke es geht um den Pflaumenbaum“, sagte ich völlig verwirrt und verstand gar nichts mehr.
Als sie nach längerer Pause begriff, dass ich sie nicht veräppeln wollte, nahm sie allen Mut zusammen und sagte: „Mensch Chef, ick muss morjen früh zum Jynokolojen in die Kreisstadt!“
Da endlich fiel der Groschen bei mir, und ich gab ihr leicht gerötet meinen Segen.
Und wenn wir später miteinander zu tun hatten, grinste sie mich immer vielsagend an, als ob sie dachte, ich hätte es ganz schön dick hinter den Ohren, und das stimmte natürlich nicht, ich war einfach noch zu unerfahren.
Vertrocknet die Blätter,
Die Frucht leuchtend reif,
Geläutert die Seele,
Die Glieder stocksteif.
Sie meckerte von früh bis spät,
Bis jeder aus dem Weg ihr geht,
Sogar die Mutter zog bald aus,
Nun lebt sie ganz allein’ im Haus!
Er las das Buch von A bis Z,
Und ging nie ohne Buch ins Bett,
Bald wusst’ er alles und war schlau,
Doch,– alle Theorie ist grau!
1986
Zucker entsteht aus Wasser, Kohlenstoff und Energie. Das ist Grundwissen der Polytechnischen Oberschule. Nach neueren Erkenntnissen aus der Praxis ist außerdem Lärm daran beteiligt. Ganz ohne lautstarke Werbung geht auch im Sozialismus nichts. Die Zuckerproduktion beginnt in jedem Jahr damit, dass systematisch zuerst der Franken- und danach der Knieperteich leer gepumpt werden. Und weil deren Wasser noch nicht ausreicht, wird heimlich sogar die Ostsee angezapft. Damit das auch wirklich niemand merkt, sind mehrere Unterwasserpumpen am Thälmannufer im Strelasund versteckt. Dennoch sollen schon einige Bürger über die langen Leitungen gestolpert sein bzw. haben sich über das am Fuße des Schill-Denkmals sprudelnde Wasser gewundert.
Kohlenstoff hat die Zuckerfabrik genug. Sie kann es sich sogar leisten, einen Teil davon unentgeltlich über der Stadt zu verteilen. Für die Zuckerproduktion bleibt immer noch genug übrig. Dass Zucker dennoch weiß wird, bleibt vorerst ein Rätsel.
Wozu die viele Energie gebraucht wird, kann man manchmal den Formblättern des Hauptenergetikers entnehmen. Es lässt sich jedoch nicht gänzlich verbergen, dass auch ein Großteil der Energie wieder der Natur zurückgegeben wird, schon um das Gesetz von der Erhaltung der Energie aufrecht zu erhalten.
Aber es gibt Bürger, die dafür kein Verständnis aufbringen und sich sogar über das nunmehr zum Freisetzen der Energie notwendige Pfeifen und Zischen beschweren. Daran erkennt man Tempelstürmer, denen die Schulbildung fehlt. Sie sollten vielmehr dankbar sein für erste bescheidene Experimente zur Speicherung von Wärme in unserer zunehmend kälter werdenden Gesellschaft.
Nun könnte natürlich der Laie fragen, wozu überhaupt noch die vielen Zuckerrüben gebraucht werden. Aber auch dafür gibt es eine ganz einfache Erklärung: Auch in der sozialistischen Landwirtschaft hat sich die industrielle Großproduktion durchgesetzt, d.h. die Landwirtschaft verlagert aus Kostengründen alles Mögliche auf die Industriebetriebe. Und in der Zuckerfabrik funktioniert u. a. das Waschen und Zerkleinern von Zuckerrüben bestens. Diese sozialistische Hilfe fällt den Fabriken gar nicht einmal schwer, und die zusätzlichen Kosten kompensiert die Zuckerproduktion auch noch. So etwas spricht sich natürlich schnell herum, und die Deutsche Reichsbahn als energieträchtiger Partner der Zuckerfabriken hat ganz schnell geschaltet und spezielle Ganzzüge mit Zuckerrüben aus der ganzen Republik bereitgestellt, die nun dafür sorgen, dass nicht alles Gold ist, was glänzt.
Soweit zur Theorie. Dass es auch tatsächlich wieder einmal gelungen ist, weißes Gold in seiner strahlenden Reinheit aus Wasser, Kohlenstoff und Energie herzustellen, merkt man spätestens im Herbst am süßlichen Duft über der ganzen Stadt und deren weißen Dächern. Zum Schluss bleibt nur noch die Frage offen, warum der Zucker nun eigentlich süß ist. Süß ist ein Geschmack, über den sich bekanntlich nicht streiten lässt. Denn eine „süße Biene“ ist nüchtern betrachtet auch nur eine emanzipierte Frau, die uns Männern das Leben sauer macht, der süßeste Kuss hat nach seinem Genuss oftmals einen bitteren Beigeschmack usw.
Man muss also an diese Frage dialektisch herangehen, und danach ist der Zucker süß, weil seine Herstellung den Zuckermachern nicht mehr so sauer wird wie früher.
Aber dafür war der Zucker früher auch viel süßer.
Schneeweiß alle Dächer,
Die Luft gut gesüßt,
Von Jahr zu Jahr frecher,
Bis niemand mehr grüßt!
„Die reinste Form des Wahnsinns ist es,
Alles beim Alten zu lassen
Und gleichzeitig zu hoffen,
Dass sich etwas ändert.”
Und als ich sie dort liegen sah,
Lang ausgestreckt mit off ’nem Haar,
Da fiel’s mir schwer vorbei zu geh’n,
Erst musst’ ich tief ins Aug’ ihr seh’n.
1974
Eines Tages bat der Parteisekretär unseren etwa 70 Jahre alten Elektromeister, die Kellerbeleuchtung in seinem Haus in Ordnung zu bringen. Er hatte wie die meisten Menschen dort auf dem Lande nebenbei eine kleine LPG zu versorgen, hauptamtlich war er der für die Feldfrüchte verantwortliche Hauptagronom.
Und im Keller lagerte in der Tiefkühltruhe sein Vorrat, der jetzt ohne Strom zu vergammeln drohte. Sofort setzte sich am Abend der alte Elektromeister in seinen fast genauso alten „Trabbi“ und fuhr über die Dörfer zum Parteisekretär. Der wartete natürlich schon händeringend auf ihn.
Im Oderbruch liegen bekanntlich etliche Dörfer unter dem Wasserspiegel, will sagen, die Feuchtigkeit ist ein ständiges Problem. Der Parteisekretär öffnet also die Falltür in den dunklen Keller. Der alte, behäbige Elektromeister steigt mit einer Handlampe die rutschige Holztreppe in die dunkle Ungewissheit hinab. Oben beobachtet der Parteisekretär argwöhnisch und hoffnungsvoll zugleich jeden Schritt des alten Mannes. Plötzlich hört er mit einem furchtbaren Krach aus der Dunkelheit heraus das Holz bersten. Oh Gott, denkt er, da ist etwas passiert, das gibt bestimmt großen Ärger! Und im selben Moment schreit unser behäbiger Elektromeister: „Hol mich raus, ich hänge zwischen zwei gebrochenen Stufen und kriege keine Luft!“ Und was macht ein Parteisekretär, wenn es um sein Privateigentum geht?
Genau dasselbe wie jeder andere unter uns! Er sucht nach seinem Feuerzeug in der Hosentasche, leuchtet damit in den Keller hinunter und jammert laut, nachdem er den Schaden an seiner Treppe besehen hatte: „Mensch, Konrad, was hast du bloß gemacht, wie kriege ich nun die Treppe wieder heil!“
Aber dann siegte doch noch sein Mitgefühl für den röchelnd Festgeklemmten, und mit Stricken und einer Leiter bewaffnet, befreite er ihn aus seiner misslichen Lage.
Es ist wirklich schwer,
Gute Miene zum bösen Spiel zu machen!
Denn es werden täglich mehr,
Die rücksichtslos Lärm machen!
Die Natur hat ewige Gesetze!
Deine Chance besteht darin,
Sie für dich zu nutzen!
Das geht nicht ganz ohne Hetze!
Aber dir bleibt noch die Zeit zum Putzen!
Er singt nicht nur,
Er macht auch viel,
Nutzt die Natur,
Im Monatsspiel.
Unsere Kinder sind quasi am FKK-Strand aufgewachsen.
Meine Eltern hatten sich in den sechziger Jahren ein Wochenendhaus in Wieck auf dem Darß angeschafft. Gerne verbrachten wir dort unseren Ostseeurlaub.
Zum Strand fuhren wir an die „Hohe Düne“ nach Prerow, damals noch der ausgewiesene „Wiecker Badestrand.“ Wenn wir dann endlich nach schweißtreibender Bauarbeit in unserer Sandburg lagen, weit sichtbar mit Muscheln: „Belegt von… bis…“ als unser Eigentum gekennzeichnet, dann hatten wir in der Regel für 14 Tage unsere Ruhe vor „Burgräubern.“ Und wenn es schon mal passierte, dass unbelehrbare Ignoranten sich in fremdem Eigentum breit machten, wurden diese mit Hilfe sämtlicher Nachbarn schnell vertrieben. Man kannte sich mittlerweile schon aus jahrelanger Nachbarschaft, zwar nicht mit Namen, aber an unverkennbaren Merkmalen: „Siehst du dort den mit der weißen Mütze? Das ist doch der Erfurter, und der ist schon wieder so schön braun.“ Oder: „Guck mal, die Berliner sind auch wieder da, ich glaub, sie ist schon wieder schwanger“, usw.
Aus Weimar kam auch schon seit vielen Jahren immer an dieselbe Stelle ein sehr netter rüstiger Rentner mit seiner Frau. Sie benutzten Klapp-Fahrräder von Mifa Sangerhausen, die damals gerade in Mode kamen. Mittags fuhr er täglich mit seinem 20 Zoll-Rad nach Prerow, wahrscheinlich zum Mittagessen.
Aber wenn er dann nach etwa zwei Stunden wieder am Strand auftauchte, sah man einen Pappkarton unter seinem linken Arm, während er mit dem rechten das Fahrrad mühsam durch den Sand bugsierte. Das war bestimmt sehr schwer für ihn, aber er machte es gerne. Nun ging er von Burg zu Burg und verkaufte für 35 Pfennig (also zum Einkaufspreis!) sein „Hartgefrorenes“ zwischen zwei Waffeln. Und es war immer noch bissfest, obwohl er einen langen Weg zurücklegen musste, und er nahm niemals ein Trinkgeld! Jeder mochte ihn natürlich und die Kinder waren froh, wenn er im gleichen „Durchgang“ wie wir Urlaub machte, denn dann war ihr Eis gesichert. Es gab natürlich auch Tage, wo es kein Eis gab, weil es wie manches andere auch gerade mal ausgegangen war. Das war dann aber kein Beinbruch.
Wenn es Eis gab, konnte man sich darauf verlassen, dass er es mitbrachte.
Und dann war ja immer noch der „Kapitän“ da. Wir nannten ihn wegen seiner Mütze so, und er hatte den „Strandläufer“ zum Freund, jedenfalls lustwandelten diese beiden alten Herren den lieben langen Tag schwarzbraun gebrannt den Strand hoch und runter. Und dann die vielen knusprigen jungen Damen.
Sie kamen hübsch angezogen an den Strand– Jogginganzüge hatten es noch nicht bis zu uns geschafft– und sahen noch hübscher ausgezogen aus. Die reinste Augenweide! Es war eine schöne Zeit, man war unter Freunden und fühlte sich wohl.
Und wie ist es heute?
Strandburgen findet man nur noch ganz vereinzelt am abgelegenen Weststrand.
Am normalen Badestrand in und um Prerow haben sich mehr und mehr die „Strandmuscheln“ durchgesetzt. Wir „Einheimischen“, die seit Ende der siebziger Jahre am praktischen Windschutz leicht zu erkennen sind, haben einen riesigen Spaß daran, zuzugucken, wie ungeschickt unsere Brüder und Schwestern aus den alten Bundesländern sich beim Aufbau dieser Ungetüme anstellen. Da meist der Wind kräftig aus Osten bläst, fliegen die Muscheln beim ersten Mal schon bald als Strandgut umher, bis ihnen dann der Knoten platzt und der „Drachen“ mit dem mitgeschleppten Sachen beschwert und verankert wird. Beim zweiten Mal klappt es schon besser, aber man spürt auch den neidischen Blick auf den im Osten bewährten Windschutz. Manche kaufen ihn deshalb auch gleich nach ihrer Anreise aus NRW.
Na ja, und mit dem Ausziehen tun sich die „alten Länder“ sowieso sehr schwer. Mindestens mit Schlüpfer und BH sitzen sie vor der Sonne und uns versteckt in ihren Muscheln und beobachten alles ganz genau. Man möchte meinen, sie ekeln sich vor uns braungebrannten Nackedeis, aber da sie keine Chance haben, ihre Baggerlochpraktiken bei uns durchzusetzen, ertragen sie unseren Anblick, manche kommen auch nicht wieder hierher, sondern schmoren dann schon lieber in ihrem vertrauten Strandkorb. Aber sind sie denn heute überhaupt noch schön und knackig? Sehnt man sich danach, dass „sie“ endlich ihre Hüllen fallen lässt? Eher wohl nicht! Sie sind meist recht üppig, nur ihre riesigen, runden vor der bösen Sonne geschützten bleichen Köpfe gucken hin und wieder aus ihrer Strandmuschel heraus– man braucht keine besondere Fantasie, um sich vorzustellen, wie blass der übrige Körper sein muss!–, und schon schlafen sie weiter! Irgendwann drückt „es“ dann aber doch so doll, dass sie zähneklappernd tatsächlich bis zum Bauch ins Wasser gehen.
Was haben wir uns doch früher im Wasser nass gespritzt, gejauchzt und gealbert!
Heute steht eine verbissen schweigende Gesellschaft maximal bis zur Gürtellinie in der Ostsee. Das soll Erholung sein? Muss ja wohl, denn es werden jährlich mehr!
Aber nicht mit mir, ich mache weiterhin meinen Handstand, aber dabei guckt ab der Gürtellinie alles aus dem Wasser! Wie gesagt, Burgen baut schon lange keiner mehr, für die Kinder die Väter zum Glück immer noch. Und zum Schluss wird genau wie damals mit Quallen garniert. Aber nun kommt es. Mit weit über den Strand schallendem Glockengeläut nähert sich am Spülsaum ein vierrädriges gummibereiftes Mondfahrzeug mit Sonnenschirm. Meist von zwei Schülern durch den weichen, weißen Sand geschoben, dabei den Blick immer auf die unschuldigen Kinder gerichtet. Haben sie erst einmal mindestens eins davon im Visier, wird sofort angehalten und solange an die Glocke geschlagen, bis die genervten Eltern nachgeben und das teure Eis kaufen. Das Stück für 2,50 Euro!
Der Kapitalismus schreckt auch vor nichts zurück!
Schon in der Schule zu unserer Zeit hatten wir gelernt, dass der russische Wissenschaftler Pawlow sich erstmalig die Glocke nutzbar machte, um nachzuweisen, dass nach entsprechender Übung beim Hund der Speichelfluss einsetzt, wenn es nach dem Glockengeläut etwas zu fressen gibt. Sind unsere armen Kinder auf den Hund gekommen? Darum haben sich wohl so viele junge Paare statt Kinder besser gleich einen Hund oder mehrere angeschafft.
So ersparen sie sich die Dressur eigener Kinder zu Speichel absondernden Monstern!
Denn kaum ist das „Magnum“ aufgeleckt, schon kommt aus der Gegenrichtung der nächste nicht zu überhörende „Eisengel.“ Und wieder fließt der Speichel, wieder fängt das Betteln nach „kaufen!“ an und wieder wird es ein unvergesslich teurer Tag für die entnervten Eltern!
Die Raupe schnell zur Straße kroch,
Im Fahrzeugstrom war g’rad ein Loch.
Da Raupen klein und langsam sind,
Die Autos aber fahr’n geschwind,
Hört’ man o Schreck nur kurz ein „Plupp“,
Da war die schöne Raup’ kaputt!
