Stieg Larsson lebt! - Didier Desmerveilles - E-Book

Stieg Larsson lebt! E-Book

Didier Desmerveilles

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Beschreibung

Wem gehört die skelettierte Hand, die Tim Rasmussens Hund Cano bei einem Waldspaziergang ausgegraben hat? Hat das viele Jahre zurückliegende rätselhafte Verschwinden der Abiturientin Regina Wilhelmsen etwas zu tun mit dem unheimlichen Fund? Tim beginnt auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen und stößt auf Charlotte, Reginas Schwester. Da geschieht ein weiterer Mord. Tim wird klar: Er ist dem Täter dichter auf den Fersen, als ihm lieb sein kann. Ein Mann mit einem düsteren Geheimnis, eine unberechenbare Frau und ein lange zurückliegendes Verbrechen, das Schritt für Schritt ans Licht kommt - das alles vor der Kulisse des rauen und winterlich-dunklen Nordens... Klingt nach Stieg Larsson, ist aber nicht von Stieg Larsson und beweist gleichwohl: Die Legende lebt! --- FIKTION ODER LEGENDE? Im Mai 1998 äußerte Stieg Larsson seinem Kollegen Henrik Kristiansson gegenüber die Idee für ein Buch, in dem er ein traumatisches Erlebnis aus seiner Jugend verarbeiten wollte. Die beiden Journalisten saßen in Stockholm bei einem Bier zusammen und spannen gemeinsam die Fäden für einen komplexen 2-teiligen Roman, dessen Kern das von Larsson selbst erlebte Verbrechen bilden sollte. 2004 verstarb Larsson, ohne dass aus der Idee für den Roman mehr geworden wäre. Auch Aufzeichnungen gab es keine. Lediglich für den Arbeitstitel (auf Deutsch etwa: »Die Pyramide, die in sich zusammenfiel«) hatte Larsson noch Verwendung: Er ging auf in dem Originaltitel des dritten Millennium-Bandes (auf Deutsch etwa: »Das Luftschloss, das in die Luft gesprengt wurde«). Auf einer Germanisten-Fachtagung im italienischen Bozen 2013 traf Kristiansson im Anschluss an eine Autorenlesung den in deutscher Sprache schreibenden Westschweizer Independent-Autor Didier Desmerveilles, der ihm von seiner Hommage-Reihe »Die Legende lebt« erzählte, die sich damals noch im Planungsstadium befand. Desmerveilles zeigte sich von der Plot-Idee zu »Die Pyramide, die in sich zusammenfiel« sofort angetan und versprach ein Exposee zu verfassen, das er Kristiansson im Dezember 2013 vorlegte.

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Seitenzahl: 244

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Didier Desmerveilles

Stieg Larsson lebt!

Entfremdung I

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Statt eines Vorworts

Prolog

1 Der Fund

2 Freya

3 Bürger X

4 Eisenkrug

5 Diva

6 Benjamin

7 Armer reicher Mann

8 Das Tagebuch

9 Heike

10 Zerbrochener Krug

11 Unerwartete Begegnung

12 Lyrik

13 Der geheimnisvolle Brief

Nachwort

Impressum neobooks

Statt eines Vorworts

Am 09.01.2016 18:29 schrieb "Henrik Kristiansson" <[email protected]>:

Lieber D.,

vielen Dank für die Zusendung des fast fertigen Manuskripts. Seit Bozen ist viel Zeit vergangen und ich denke immer wieder gern an die Lesung mit dem Rumänendeutschen zurück, dessen Namen ich mir wohl nie merken werde... Hast du »Der blinde Masseur« inzwischen gelesen? Wahrscheinlich nicht, denn du hast mit den Nacharbeiten zur »Pyramide« genug zu tun. Du bittest um ein kritisches Urteil und meine Antwort kommt spät, hoffentlich nicht zu spät. Aber auch ich versinke in Arbeit. Bitte sieh mir die Verspätung nach. Nun, mein Deutsch ist nicht gut genug, um stilistische Feinheiten beurteilen zu können; andererseits wurden ja auch Stiegs Bücher nicht in erster Linie wegen ihrer kunstvollen Sprache von so vielen Lesern weltweit verschlungen. Mir ist allerdings aufgefallen, dass du in einigen Abschnitten sehr lange Sätze hast. Anders als deine Lektorin stören mich die leicht ins Philosophische abdriftenden Passagen nicht. Ich glaube, Stieg hätte das geliebt. Ein Autor muss sich seinem Lektor (pardon, seiner Lektorin) gegenüber auch mal durchsetzen, sonst wird ein Roman schnell zu einem austauschbaren Produkt!

Stieg war selbst ein sehr nachdenklicher Mensch, und wenn Tim Rasmussen kein gutes Haar an der Natur des Menschen lässt, hätte das, glaube ich, Stiegs Beifall gefunden, auch wenn er selbst sich nicht so stark wie du auf religiös-existenzielle Fragestellungen eingelassen hat (jedenfalls nicht in seinen Romanen). Was du aus dem Plot gemacht hast, den Stieg mir ja damals in Stockholm nur ganz grob umrissen hat und den ich dir in Bozen wiederum nur in einer stark skelettierten Form weitersagen konnte, finde ich beachtlich. Respekt dafür! Es ist ja so ein bisschen wie mit diesem Kinderspiel, wo man seinem Nachbarn etwas ins Ohr flüstert, der das Gehörte dem Nächsten weitersagen muss und am Ende viel Gelächter entsteht, wenn der Letzte in der Reihe dann vor allen preisgeben muss, was er gehört hat. Gibt es das bei euch auch? Wir haben das als Kinder oft gespielt. Nun, ich finde, dass du kein Gelächter riskierst. Der Kern, dieses in den Abgründen der menschlichen Seele geborene grausame Verbrechen, ohne das Stieg vielleicht ein ganz anderer Mensch geworden wäre, ist in deinem Manuskript immer noch das Kraftzentrum der Handlung und hat auch nichts von seiner Kraft eingebüßt. Es trägt den ganzen Roman, auch die komplexe Handlung, die du um dieses Zentrum herum erdichtet hast. Und du hast recht: Im Grunde wäre »Stieg Larssons Geheimnis« auch ein passender Titel für das Buch, denn so paradox es klingen mag: Dieser Albtraum, den man seinem schlimmsten Feind nicht wünscht, ist letztlich der Schlüssel zu seinem Werk und das Geheimnis seines Erfolges. Den Originaltitel kann man nicht mehr verwenden, weil er in »Luftslottet som sprängdes« aufgegangen ist. Außerdem haben die deutschen Übersetzungen sowieso immer ganz andere Titel gehabt als im Schwedischen. »Entfremdung« finde ich daher auch gut. Mit beiden Lösungen kann ich gut leben. Und wenn es eine größere Sache wird, entscheiden am Ende sowieso die Marketingstrategen eines Verlags und du hast eine Sorge weniger! Was den Handlungsort angeht, muss ich dir gestehen, dass ich trotz deiner vielen einleuchtenden Argumente immer noch ein bisschen Bauchschmerzen damit habe! Andererseits hast du recht: Die Winter sind wohl auch in Schleswig-Holstein trübe, nass und dunkel, und es spielt wirklich nur eine geringe Rolle, ob man im Spätherbst drei oder sechs Stunden Tageslicht hat. Vielleicht sollte ich selbstkritischer sein. Vielleicht ist das nur blöder Lokalpatriotismus und der Stolz darauf, dass gerade mein Land so berühmte Kriminalschriftsteller hervorgebracht hat, dass ich mich jetzt mit der Verlagerung der Geschichte nach Norddeutschland so schwertue? Ich denke, ich muss meine Eitelkeit da ein bisschen bezähmen, und ich denke, dass Stieg, der über seine Romane immer so nüchtern sprach und urteilte, sich darum auch nicht großartig scheren würde. Aber es fühlt sich auch jetzt immer noch sonderbar an für mich: ein Stieg-Larsson-Roman ohne Schweden? Was ist das denn? Ich bin gespannt, wie die Leser darüber urteilen werden. Sollen sie also ihr Urteil fällen und ich schweige jetzt zu dem Thema. Denn eigentlich bin ich sehr froh, dass ich auf dich gestoßen bin, damals bei der Lesung in Bozen, und die Chemie zwischen uns beiden Literaturfreunden so gut war, dass ich am Ende dir und niemand anders den »Pyramiden«-Plot anvertraut habe. Ob es dein Buch (soll ich sagen: unser?) eines Tages auch auf Schwedisch geben wird? Das ist eine heikle Frage, denn es ist klar, dass sie unmittelbar dein Talent als Autor berührt. Denn es reicht sicher nicht aus, einen Plot von Stieg Larsson aufzumöbeln und nachzuerzählen, man muss auch die Gabe haben, in jener besonderen Weise den Nerv der Zeit treffen (oder den Nerv des Lesers?), wie es Stieg offenbar in allen drei Büchern gelang. Wäre Stieg noch am Leben, hätte er das Buch vielleicht als »Jugendsünde« veröffentlicht. So wie du es geschrieben hast, klingt in der Tat vieles für mich wie von einem noch nicht ausgereiften Stieg. Man könnte die »Pyramide« als Frühwerk auffassen, in dem vieles von dem schon angelegt ist, was Stieg Larsson zu so überwältigender Größe verholfen hat, aber es hat sich noch nicht zu voller Pracht entfaltet. Die Konturen von Mikael sind schon zu erkennen, aber eine Lisbeth muss erst noch geboren werden aus dem Unrat dieser Welt und der Erfahrungen, die wir in ihr machen, je länger wir leben. (Das klang jetzt total nach Stieg, oder?) Deine Charlotte ist dagegen, wie ich dir schon früher schrieb, eine eher blasse Figur. In ihr sind zwar Abgründe angelegt, aber diese Abgründe sind kleine Dellen im Vergleich zu den Tiefen, die Lisbeth durchschritten hat. Aber das Thema hatten wir schon und ich möchte mich nicht wiederholen. Mögen nun andere darüber urteilen, was an dem Buch gelungen und was weniger gelungen ist. Jedenfalls wünsche ich dir viel Glück mit dem Projekt. Ich staune schon jetzt darüber, welches Potential eine Idee haben kann, die die Ausgeburt einer Südtiroler Bierlaune ist. Ich finde es nett, dass du mich im Vorwort des Buches erwähnen möchtest, aber ich sage es noch einmal klipp und klar: Mein Anteil an diesem Buch ist der allergeringste und allerunbedeutendste, den man sich in dieser Schriftstellerwelt nur erdenken kann. Mein ganzes Verdienst besteht darin, eines Abends mit einem Kollegen, der später zur Legende werden sollte, in der Kneipe gesessen und mit ihm ein bisschen rumgesponnen zu haben. Und, na gut, mein Gedächtnis arbeitet vielleicht ganz gut und die Geschichte hat Stieg quasi überlebt, und das zufällig in meinem Geist. Aber ansonsten? Stieg allein die Ehre! Und wenn das Buch von David Lagercrantz nicht so unglaublich unlarssonhaft (unlarssonlike, kann man das ins Deutsche so übersetzen?) geworden wäre, hätte ich vielleicht wirklich mit Norstedts Kontakt aufgenommen, wie du schon damals in Bozen rietest, und wir hätten heute so was wie den achten Harry Potter auf dem Markt. Aber man muss sich mit Recht fragen, ob Stieg an diesem ganzen Rummel und nicht zuletzt an den finanziellen Dimensionen, die der Umgang mit seinem Werk angenommen hat, überhaupt seine Freude gehabt hätte. Sicher, jeder lebt gern gut und Stieg hätte ohne Frage viele sinnvolle Ideen gehabt, hätte Amnesty unterstützen oder das Geld in sozialpolitisch bedeutende Projekte stecken können, aber im Kern seines Wesens war er immer ein schlichtes Gemüt ohne Allüren. Und dazu passt diese Independent-Produktion, die du anvisierst, perfekt! Lieber D., lass es mich wissen, wenn du noch irgendetwas brauchst. Ich habe dir mit Fragen zu Details der Geschichte oft nicht weiterhelfen können, aber ich finde, was du daraus gemacht hast, wirklich gelungen. Und ich sage dir ganz offen: Ich liebe die Internatsgeschichte und überhaupt den zweiten Teil und ich sehe nicht, wie Stieg gerade die ersten Kapitel des zweiten Teils besser hätte schreiben können. Und ich liebe Alfred Eisenkrug. Der Mann hat das Zeug zum Kult! Das ist, neben aller Kritik, die ich dir bisher während des Schaffensprozesses zugemutet habe, doch auch mal ein Ansporn, oder? Danke nochmals für das Herzblut, das du bisher schon in das Projekt hast einfließen lassen, ohne zu wissen, ob sich der Aufwand je auszahlen wird. Meine besten Wünsche begleiten dich und wenn du mal nach Schweden kommst... Du weißt ja...

In herzlicher Verbundenheit

Henrik

Prolog

Sie floh. Niemals zuvor hatte sie so etwas empfun­den, so eine totale, umfassende, existentielle Angst. Es war die Angst vor dem Nichts, dem Ausgelöscht­sein, dem Dunkel der unendlichen Nacht. Aus ihr schöpfte sie die geradezu über­menschliche Kraft, mit der es ihr gelang, sich von ih­rem Peiniger loszu­reißen. Blindlings, rich­tungslos hastete sie durch das Dickicht. Eine aus ihrer Nachtruhe aufge­scheuchte Krähe schwang sich mit einem ärgerlichen Krächzen in die kühle Luft empor. Zwi­schen den düsteren Wolken ließ sich das blasse Antlitz des Mondes sehen. In der Fer­ne irgendwo heulte ein Uhu. Sie hatte keine gute Stelle gewählt. Dichtes Gebüsch und die Zweige eng ste­hender Bäume wehrten sich gegen ihr Eindringen mit fau­chenden Peitschen­hieben. Fichtennadeln zerkratzten ihr Hände und Gesicht. Schließ­lich stolperte sie und fiel. Sie fühlte die widerliche Hand des Peinigers ihren Fußknö­chel umklammern. Dann stürzte er sich auf sie, und ihr Herz schien stillzustehen. Noch einmal wehrte sie sich verzwei­felt, schlug um sich, kratzte, biss. Dabei verhed­derte sich ihre Hand in einem Metallband, das ihr Feind um den Hals trug. Als sie sich davon freizumachen versuchte, bekam sie etwas Festes zwischen die Finger. Aus einem Impuls heraus zerrte sie daran. Es gab nach. Sie verschloss es in ihrer Faust, als könnte darin eine letzte Rettung liegen wie von einem magischen Amulett. Dann trafen sie auf einmal über­all schmerzhafte Schläge, Schläge wie von einer Keule, so hart, so grausam, eine wüste, wütende Kanonade, die ihren Widerstand zertrümmer­te. Eine monströse Klinge blitzte eine Zehntel­sekunde lang über ihrem geschundenen Körper im fahlen Mondlicht auf, ein rötliches Schimmern. Blut. Ihr Blut. Nein, nein, schrie sie. Oder dachte sie es nur? Konnte sie noch schreien? Jetzt erst begann ein grausam stechender Schmerz in Bauch und Brust zu wüten. So viel Schmerz ist Tod. Das spürte sie und spürte den Tod in ihre Glieder kriechen, den kalten, finsteren, den unwillkommenen Gast. War das das Ende? Ach nein, bitte nicht! Sie liebte das Leben so sehr. Sollte sie wirklich den Tag nicht wiedersehen? Sollte in einer solchen Nacht alles enden? Ach, lieber Gott, falls du dort irgendwo bist, bitte, bitte, bitte nicht!

1 Der Fund

Auf einer Länge von exakt 98,7 Kilometern durchschneidet an ihrem südlichen Ende der Nord-Ostseekanal die Halbin­sel Jütland und auf ihr das nördlichste deutsche Bundes­land. Von der Kieler Bucht schlängelt sich die künstliche Wasserstraße, die eine der meistbefahrenen der Welt ist, an Rendsburg vorbei südwestwärts durch die norddeutsche Landschaft, gesäumt von Feld, Wald und Wiesen, wird da­bei von zwei Autobahnen sowie der einzigartigen Rends­burger Schwebebahn über­brückt und an ihrem Endpunkt bei Brunsbüttel schließlich, die Türme eines maroden Atomkraft­werks im Rücken, eins mit der Elbe. Wie an der Hand einer großen Schwester strömt sie nach dieser Verei­nigung hinaus in die unendliche Weite der rauen, nicht sel­ten stürmischen Nordsee.

Natürlich haben sich die Schleswig-Holsteiner in ihrer schlichten Art nach hundert Jahren längst an dieses künstli­che Gewässer in ihrem Binnenland gewöhnt. Keiner lebt mehr, der noch wüsste, wie es ohne den Kanal einmal war. Aber irgendwie ein komisches Ding, das der Ordnung der Natur gemäß hier nicht hingehört, ist es doch. Das spürt je­der, besonders dort, wo Wald an den Kanal grenzt. Hier kann es nämlich einem Wanderer, der sich im Wald verlau­fen hat, durchaus passieren, dass in der Lichtung, der er sich hoffnungsvoll zu nähern meint, aus herbstlichen Ne­belschwaden, wie von Geisterhand bewegt, ganz unvermit­telt gespenstische Ozeanriesen vor seinen Augen auftau­chen, und er wird Mühe haben, diesen zu trauen. Wer rech­net schließlich damit, mitten im Wald auf riesige Frachter und Passagierschiffe zu sto­ßen? Wüsste nicht jeder um die wirtschaftliche Notwendigkeit, der der Kanal seine Entste­hung verdankt, er hielte diesen Giganten mitten im schleswig-holsteinischen Binnenland beim ersten Anblick für eine verrückte Laune der Natur.

Gerade der Kontrast zwischen typischer Binnenland­vege­tation und der wie aus dem Nichts daherge­kommenen wunderbar weiten Welt der Meere, die der Ka­nal verbin­det, macht jedoch seinen eigentümlichen Reiz aus, und deswegen liebte es Tim, sich in seiner Nähe in Be­gleitung von Cano, einer Hirtenhund-Straßenhund-un­d-noch-was-anderes-Mi­schung, so ausgedehnten Spazier­gängen hinzu­geben. Aus dem Dickicht des Waldes, aus einem Knick oder dem Gebüsch am Rand einer Wiese her­vorzutreten und urplötzlich vor leise plätschernden Was­sermassen zu stehen, das hatte etwas Unvergleichliches. Manchmal, wenn der Übermut ihn stachelte, kam es auch vor, dass er sich auf einem einsamen Feldweg, der kilomet­erlang parallel zum Kanal verlief, Wettrennen mit langsam vor sich hin tuckernden Frachtern lieferte, ehe er, zermürbt vom lächerlich geringen, aber stur und unbeirrbar gleich­mäßigen Tempo des Schiffes, schließlich aufgeben musste. Zu Fuß hatte nur Cano, schnell wie der Wind und nur durch einen entschlossenen Pfiff seines Herrn zu bremsen, eine Chance mitzuhalten. Mit dem Fahrrad hatten dagegen Herr und Hund, beide, schon so manches Schiff, das sich schwer­fällig durch die neun bis elf Meter tiefe und mehr als doppelt so breite Fahrrinne seinen Weg bahnte, hinter sich gelassen – zumindest bis zu dem Punkt, wo sie, von einer Wegbiegung oder der trivialen Kategorie Zeit in eine ande­re Richtung genötigt, es doch ziehen lassen mussten und ihm auf seinem unaufhaltsamen Weg hinaus in die wunder­bar weite Welt der Meere nur nachwinken konnten, gefan­gen in den Zwängen und Schranken ihrer kleinen Festland­welt, vielleicht etwas Fernweh im Herzen.

Cano war sein treuer Begleiter auf allen Wegen. Ihm allein galt seine ganze Liebe und Zuwendung. Manchmal schlief der Hund sogar am Fußende seines Bettes und wärmte Tim die Füße. Langeweile blieb Cano erspart. Sein Herr war in der dankba­ren Lage, immer genug Zeit für ihn erübrigen zu können. Er konnte sich in der Regel seinen Tag nach Belie­ben einteilen. Sein wöchentliches Arbeitspensum bei einem Hamburger Verlag für Bildbände, der nicht auf Anwesen­heit im Büro bestand, sofern die Arbeit auch anderswo erle­digt werden konnte, schaffte er spielend. Und andere Ver­pflichtungen gab es nicht. Eigentlich war Tims Leben mit dem alten Bauernhof seines Großvaters als Basis eine aus­gesprochene Idylle.

Als Herr und Hund an einem trüben Donnerstag­morgen im Oktober ihrer Gewohn­heit gemäß um acht Uhr früh das Haus verließen, konnte Tim nichts ahnen von den schick­salhaften Enthüllungen und Verwicklungen, die mit diesem alltäglichen Spa­ziergang ihren Lauf nahmen, von all diesen ziemlich gruseligen Dingen, die seine ganze, bisher so friedliche Existenz bis in ihre Grundfesten erschüttern soll­ten. Tim überquerte den kleinen asphaltierten Landweg, an dem der Hof gelegen war, bog nach wenigen Metern in einen schmalen Waldpfad ein und bewegte sich auf den Ka­nal zu. Er ließ den Hund von der Leine, der schon darauf gelauert hatte und wie ge­wohnt auch gleich schwanzwe­delnd im Unterholz verschwand, immer der Schnauze nach. Von Zeit zu Zeit hörte Tim ihn in der Ferne verzweifelt kläffen. Dann hetzte er vermutlich wieder einem Hasen oder Reh, irgendeinem Wild hinterher, das wie im­mer uner­reichbar blieb. Cano war noch nie mit einer Beute im Maul zurückgekehrt, aber immer aufgeregt hechelnd und er­schöpft japsend und mit ziemlich zerzaustem Fell. Und ge­nau so würde auch der heutige Ausflug enden. Davon war Tim überzeugt. Spätestens am Kanal fanden sich Herr und Hund aller Regel nach wieder. Beide kannten den Weg dorthin wie das eigene Wohnzimmer. Der Wald endete an einem Wall, der mit Sträuchern und noch nicht ausge­wachsenen Laubbäumen, hauptsächlich Buchen und Birken, zugewachsen war, eine Aufschüttung, die wahr­scheinlich von Kanalarbeiten in der Vergangenheit her­rührte. Ein kleiner Trampelpfad führte auf den Wall. Tim kletterte hoch.

Und dann stand man plötzlich vor dem Licht, dem Licht, das die Vegetation so lange verhüllt hatte und das die ge­waltigen Wassermassen reflektierten. Zwar verlief das Was­ser viel weiter unten, aber wenn man den Kopf leicht nach rechts, westwärts, wandte, konnte man hinter einer schma­len Wiese und einer lichten Reihe von Pap­peln dem Lauf des Kanals in Richtung Nordsee folgen. Weiter rechts nahm direkt vor dem Auge des Betrachters eine dringend erneue­rungsbedürftige Asphaltstraße für den so genannten land­wirtschaftlichen Nutzverkehr die Kurve am Wall vorbei, hinter ihr, noch weiter rechts, erstreckten sich, abgeschirmt von den typisch nord­deutschen Knicks, die abgeernteten und zum Teil bereits gepflügten Mais- und Ge­treidefelder. Tim sprang den steilen und vom letzten Regen noch rut­schigen Pfad, der nach unten auf die Straße führte, hinab, überwand den Stacheldraht um die Wie­se links des Weges und setzte sich unmittelbar vor dem einige Meter steil ab­fallenden Ufer unter den Pappeln auf einen Findling, den der Bauer, dem die Wiese gehör­te, irgend­wann einmal bei­seite geschleppt haben musste. Hier war sein Stammplatz. Stundenlang konnte er von hier oben aus den verschieden­artigen Schiffen zusehen und manchmal auch zuwinken, die ihn in endloser Folge aus beiden Richtungen pas­sierten. Cano war da weniger geduldig. Nach ein paar Minuten an seines Herrn Seite wurde er jedes Mal unruhig. Er warf Tim ein paar mitleid­heischende Bettelblicke zu, der gab ihn frei, und Cano setzte sich eilends ab, um sich nur ein paar Minuten spä­ter mit einem entfernten Bellen hören zu lassen. So war es meistens. Aber diesmal – Cano war noch nicht ein Mal wieder aufgetaucht! Wo steckte er die ganze Zeit?

Als ein sanfter Nieselregen einsetzte, beschloss Tim, sich auf den Heimweg zu bege­ben. Ungeduldig pfiff er nach Cano, doch der ließ sich weiterhin weder hören noch sehen. Energisch begann Tim nach ihm zu rufen und wiederholte sein Pfeifen. Ihn überkam ein Gefühl der Sorge. Sollte Cano etwas zugestoßen sein? Erleichtert sah er ihn schließ­lich in einiger Entfernung aus dem Gebüsch auf die Straße preschen. Seine gehorsame Hirtenhundseele hatte schließ­lich doch über den egoistischen Jagdinstinkt gesiegt. Schon von weitem konnte Tim sehen, dass Cano etwas im Maul hatte. Sollte er diesmal tatsächlich etwas erbeutet haben? Aber es war nur ein alter Knochen, den Cano ihm mit deut­lich zur Schau gestelltem Stolz präsentierte, ein ungewöhn­lich großer allerdings. Vielleicht von einem Reh, das im Wald verendet war? Widerwillig ließ Cano sich seinen Fund abnehmen. Nach genauerem Hinsehen beschlich Tim ein leichtes Unbehagen. Er musste feststellen, dass der Knochen dem eines menschlichen Unterarms nicht unähn­lich war. Es war unheimlich. Aber er musste mehr wissen. Mit Nachdruck befahl er seinem Hund: »Such!«, was der sich nicht zwei Mal sagen ließ. Wie ein Blitz stürzte er sich zurück ins Dickicht. Auf war er und davon. Tim spurtete hinterher, hatte ihn aber sogleich wieder aus den Augen ver­loren. Im tiefsten Unterholz, wo man selbst mitten am Tag fast eine Taschenlampe brauchte, um klar zu sehen, blieb Cano schließlich stehen und begann neben einem wild auf­geworfenen Haufen schwarzer Erde nervös zu scharren. Sein aufgeregtes Bellen wies Tim schließlich den Weg. Fast eine halbe Stunde hatte er gebraucht. Als er neben Cano vor dem Loch stand, das dieser gegraben (echte Norddeutsche sagen: »gebuddelt«) hatte, nahm er ihn an die Leine und band ihn an einem Baum fest. Mit bloßen Händen setzte er, nicht minder aufgeregt als Cano, dessen Arbeit fort. Plötz­lich zuckte er zusammen. In einem Aufbäumen von Ekel, als wäre ihm eine Giftspinne über die Finger gelaufen, stieß Tim etwas von sich: einen menschlichen Fingerknochen, Teil einer ganzen Hand, die im schwarzen Erdreich immer deutlicher zum Vorschein kam. Der grausige Fund machte Tims Verdacht zur Gewissheit. Nachdem er sich vom ersten Schrecken erholt hatte, bemühte er sich mit aller Vorsicht darum, die Lage der skelettierten Hand im Erdreich mög­lichst wenig zu verändern, um nichts zu zerstören, nicht ir­gendwelche Beweismittel zu vernichten. Was ihm fehlte, war eine vernünftige Ausrüstung. Er musste so schnell wie möglich nach Hause zurück.

Mit dem Auto, mit Schaufel, Plastikkisten, Tüten und Ta­schenlampe kam er wieder. Eine nervöse Hektik hatte von dem sonst so ruhigen und beherrschten jungen Mann Besitz ergriffen. Den halben Nachmittag verbrachten Tim und Cano damit, im schwarzen Erdreich des Fundortes herum­zubuddeln. Bis zu einem Meter Tiefe durchforsteten sie den Boden. Dabei kamen die Knochen für einen menschlichen Arm, soweit er das beurteilen konnte, weitgehend vollstän­dig zusammen. Tim pack­te alles sorgfältig in seine Kisten, schleppte diese fast einen Kilometer durch den Wald, pack­te alles in den Kofferraum seines alten Fords und fuhr nach Hause. Als sich seine Haustür quietschend hinter ihm schloss, fühlte er sich wie Holmes und Watson in einer Per­son.

Allein in seinem großen Haus nahm sich Tim die Zeit, sei­nen Fund von der schwar­zen Walderde zu befreien. Insbe­sondere die Hand, die immer noch in der grauen Plastikbox lag, war dabei mit großer Vorsicht zu behandeln, damit ja nichts durch­einander geriet. Sie schien zum Zeitpunkt des Todes zu einer Faust geballt gewesen zu sein. Er hätte bes­ser auf den Versuch, sie umzudrehen, verzichtet. »O nein!« Gleich eine ganze Reihe von Knochen fiel von dem Erd­klumpen ab. Hilflos hielt Tim einen kleinen Handknochen in der Hand. Jetzt konnte er zusehen, wie er das wieder zu­sammenpuzzelte. Was Tim zunächst übersehen hatte, war, dass außer den einzel­nen Knöchlein auch ein mattgolden glänzender Metallklumpen in die Kiste zurück­gefallen war. Neugierig nahm er ihn wieder heraus, reinigte ihn in der Küche unterm Wasserhahn und kam zu dem Schluss, dass es sich um den Anhänger einer Halskette oder etwas in der Art handeln müsse. Tatsächlich fand er wenig später in der grauen Kiste auch ein ver­gammeltes Metallband: an dieser Kette musste der Schmuck befes­tigt gewesen sein. Tim un­tersuchte den Anhänger etwas genauer. Er war rund, etwa so groß wie ein Zweipfennigstück und offenbar aus purem Gold. Sonst hätte ihm die lange Zeit unter der Erde sicher mehr zugesetzt. Den Rand zierten kleine, kunstvolle Orna­mente, und auf beiden Seiten fand sich in der Mitte dieselbe Gravur: ein Name. War es Regina oder Reginald? Oder Re­gula? Sie war schwer zu erkennen, diese äs­thetisch ge­schwungene Schreibschrift. Tim nahm ein Taschentuch, feuchtete es rasch mit dem Reinigungsbenzin aus seiner un­tersten Küchenschublade an und putzte den Anhänger mit fieberhafter Ungeduld, bis er glänzte. Ab und zu hauchte er ihn an wie ein unsauberes Brillenglas. Schließlich konnte er den Schriftzug entziffern. Unzwei­deutig war der Name Re­gina zum Vorschein gekommen. War das der Name der To­ten? Ob es sich um eine männliche oder weibliche Lei­che handelte, das musste doch wohl anhand der Knochen herauszufinden sein. Mit irgendeinem von diesen moder­nen wissenschaftlichen Tests. Tim wusch die Knochen in seiner Badewanne – ein bisschen schräg kam er sich dabei schon vor – und versuchte sie schließlich auf dem dunkelbraunen Teppich seines Wohnzimmers in die anatomisch richtige Reihenfolge zu bringen: Fingerknochen – Mittelhandkno­chen – Handwur­zelknochen und schließ­lich Elle, Speiche und Oberarm. Er war sich nicht bei allen Teilen seines ma­kaberen Puzzlespiels so ganz sicher, schließlich war er kein Arzt. Aber so ungefähr kam das hin: Ein rechter Arm hatte Gestalt angenommen, fast professionell sah das aus. Tim war, sofern man das in Anbetracht einer so nahen Begeg­nung mit dem Tod sagen kann, mit seinem Ergebnis zufrie­den, auch wenn ihm das Ganze, vor allem jetzt, da er ruhig vor seinem Puzzle im Sessel saß, den einen oder anderen Schauer über den Rücken jagte. Cano hatte er während der ganzen Prozedur ausgesperrt halten müssen. Hunde und Knochen – das ist schließlich so eine Sache. Bellend und immer wieder erwartungsvoll an seinem Herrn hochsprin­gend, hatte Cano bis zu seiner Aussperrung nicht aufgehört, seine Ansprüche auf den Knochenfund geltend zu machen. Er wollte einfach nicht einsehen, dass das nicht irgendwel­che gewöhnlichen Knochen sein sollten, wie die, an denen man Hunde ungeniert zu Hause in Herrchens Garten her­umknabbern lässt.

Endlich – so gegen sieben Uhr abends – tat Tim, was manch anderer gewiss schon längst getan hätte: Er griff zum Telefonhörer. Am anderen Ende meldete sich eine Frauenstimme. »Polizeirevier Kiel-Mitte«, sagte sie. »Was kann ich für Sie tun?« Tim zögerte. Er brachte kein Wort heraus. Irgendetwas schoss ihm durch den Kopf, et­was, das er nicht in Worte zu fassen vermocht hätte. Ein Impuls, dem er nachgab. Er legte auf. Von sich selbst überrascht starrte er auf das reglose Telefon. Und dann war ihm auf einmal klar: Die Geschichte, die sich hinter diesem Knochenfund verbarg, wollte er sich von niemand anderem erzählen las­sen. Tim griff erneut zum Hörer. Diesmal meldete sich die Kieler Universitätsklinik.

»Ja, guten Abend, mein Name ist Rasmussen. Ich hätte gern mit Frau Dr. Meisenberg gesprochen. – Ja – vielen Dank.« Das Ausharren am Hörer wurde belohnt. Da war sie schließlich, die vertraute Stimme, vertraut aus vergangenen Uni-Tagen. »Ja, Freya? Kleine Überraschung, hier ist Tim, Tim Rasmussen. – Ja, das wird sich vielleicht bald ändern. Ich hab' hier nämlich ein kleines Problem, bei dessen Lö­sung du mir be­stimmt behilflich sein kannst, hoffe ich zu­mindest. – Es geht um ein paar Knochen, die ich heute bei einem Spaziergang im Wald gefunden hab'. Die sind mir nicht ganz geheuer. Meinst du, es wäre möglich, bei euch eine Laboranalyse machen zu lassen, um so Aufschluss über Alter, Herkunft und so zu bekommen? Gibt's so was über­haupt, so'ne Analyse? – Ja, ich weiß, dass sich das jetzt etwas merk­würdig anhört, aber ...«

Aber Tim bekam sein Rendezvous in der Uniklinik. Am Sonn­abend, in zwei Tagen also, konnte er kommen mit sei­nen merkwürdigen Knochen. Einem alten Freund schlug man eben keine Bitte ab, auch wenn sie, wie in diesem Fall, vielleicht ein we­nig sonderbar war.

2 Freya

Es war mitten in der Nacht, und Tim stapfte schon wieder mit Cano durch den Wald, in dem sie den skelettierten Arm gefunden hatten. Da mussten doch noch mehr Teile zu fin­den sein. »Such!«, befahl er seinem Hund. »Such! Such!« Aber Cano stellte sich nur provozierend vor ihm hin und bellte ihn an wie einen Unbekannten oder wie je­manden, der ihm etwas schuldig ist. Irgendetwas nahm er ihm an­scheinend furcht­bar übel. Nur was? Hatte er denn etwas Unrechtes getan? Aber ja: Er hatte Cano noch nicht für die vorenthaltenen Knochen entschädigt. Wütend fletschte Cano die Zähne, immer aggressiver wurde sein Gebell, als wollte er seinen Herrn, den er kaum noch zu respektieren schien, im nächsten Augenblick anfallen. Du meine Güte, dachte Tim, hoffentlich finde ich noch den Kopf, den muss ich ihm schon geben, da­mit er wieder Ruhe gibt. Erschro­cken, unsicher wich er zurück, stolperte über einen am Bo­den liegenden Ast und bemerkte erst beim Aufstehen, als er sich nach dem Grund für seinen Sturz umsah, die wahre Ur­sache für Canos Aufregung. Der Ast, über den er gestolpert zu sein glaubte, war kein Ast, es war ein gewaltiger Kno­chen wie von einem menschlichen Oberschenkel. Jetzt sah er aus dem Dunkel weitere Ske­lett-Teile vor seinen entsetz­ten Augen auftauchen: Ein Bein lag links, rechts noch ein Arm, Rippen weiter hinten, Wirbel­knochen ... Nur der Kopf fehlte. Wo war nur der Kopf? Unter Tims Füßen begann plötzlich die Erde zu beben. Oder bildete er sich das nur ein? Nein, auch die Knochen vibrierten, bewegten sich, fingen an zu tanzen. Pa­nik ergriff Tim. Er wollte nur noch weg. Als er den ersten Schritt tat, stellte er mit Entsetzen fest, dass es nicht die Erde war, die sich bewegt hatte, son­dern der Ober­schenkelknochen des Skeletts, das sich nicht erheben konnte, solange er darauf her­umstand. Die Skelett-Teile waren nämlich alle dabei, sich zu sammeln und in der richtigen Ordnung wieder zusammenzufügen. Tim sah, wie einzelne mit einem schlürfenden Geräusch Fleisch ansetzten, blutiges, rotes Fleisch. Ein ekelerregen­der Anblick. Bei alledem machte das Skelett eine höchst be­mitleidenswerte Figur. Es war eine arme, geschundene Kreatur oder, besser gesagt, Ex-Kreatur. Natürlich war Tim inzwischen längst klar, dass er sich in einem widerlichen Alptraum befinden musste, aber wie daraus entkommen? Nun vernahm er auch noch eine gehauchte weibliche Geis­terstimme, die sagte: »Der Kopf! Gib mir meinen Kopf!« Erst jetzt bemerkte Tim, woher die Stimme kam: Er hielt einen Totenkopf an der Schädel­decke mit zwei Fingern in den Augen­höhlen fest wie eine Bowling­kugel, während der Unterkiefer auf- und niederklappte und wiederholte: »Der Kopf! Gib mir meinen Kopf!« Von Grauen geschüttelt, schleuderte Tim den Schädel so weit er konnte von sich fort. Doch Cano spurtete sofort hinterher, um ihn sich zu schnappen. »Du steckst tief in der Scheiße«, hörte Tim eine andere Stimme sagen. Dann wandte er sich ab und trat mit dem nächsten Schritt durch die alte, überraschen­derweise nicht verriegelte Dielentür seines Bauernhofs, hinter der ihn Cano bereits mit wedelndem Schwanz erwartete, den Schä­del im Maul. »Pfui! Pfui!«, schrie Tim außer sich vor Ver­zweiflung und erwachte endlich. Er war schweißnass.

Tim gehörte eigentlich nicht zu den zart Besaiteten, aber die Ereignisse des abgelau­fenen Tages hätten wahrschein­lich auch bei noch härteren Gemütern als dem seinen im seelischen Grenzbereich zwischen Bewusstem und Unter­bewusstem ein Auslass­ventil in Gestalt nächtlicher Spukge­schichten gefunden. Daran, dass ihm dieser Alp­traum einen gewaltigen Schrecken eingejagt hatte, der erst mal verdaut sein wollte, änderte diese Erkenntnis nichts. »Pfui! Pfui!«, sprach Tim noch einmal leise zu sich selbst. Er vergewisserte sich, dass weder links noch rechts von seinem Bett irgend­welche Skelett-Teile herumlagen, noch Cano, der neben seinem Bett zu nächtigen pflegte und ihn nun wegen der zusammenhanglosen Pfuis verstört aus müden Au­gen ansah, einen Kopf im Maul hatte, und machte bis zum Morgengrauen kein Auge mehr zu.