Stille aus Liebe - Jannika Lehmann - E-Book

Stille aus Liebe E-Book

Jannika Lehmann

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9,99 €

Beschreibung

Kann sie den Schmerz ihres Schicksals jemals überwinden? Nach einem schweren Schicksal erhofft sich Scarlett durch einen Umzug fern von ihrer Heimat, in der sie jeden Tag von ihrer Vergangenheit eingeholt wird, noch einmal von vorne anfangen zu können. Doch dann lernt sie Bennett Smith auf eine bizarre Weise kennen, was Gefühle in ihr weckt, die sie niemals zulassen darf. Und nicht nur das. Bennett kommt ihrem Schicksal viel zu nahe…

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Seitenzahl: 223

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JANNIKA LEHMANN

Stille aus Liebe

JANNIKA LEHMANN

Stille aus Liebe

Roman

© 2021 Jannika Lehmann

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

Paperback:      978-3-347-27662-8

e-Book:           978-3-347-27664-2

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Für meine lieben Leserinnen & Leser…

…und für mich, weil ich es einfach nicht lassen

kann.

Playlist

Fairytale Gone Bad – Sunrise Avenue

Supergirl – Reamonn

Fade Out Lines – The Avener Rework

Roses – Shawn Mendes

One Last Time – Ariana Grande

Chaos – Mathea

Wrecking Ball – Miley Cyrus

Wolke 4 – Philipp Dittberner

Bitch – Meredith Brooks

Catch & Release – Matt Simons

Story of My Life – One Direction

Out of My League – Fitz and The Tantrums

Hey – Andreas Bourani

You’re Somebody Else – flora cash

Go Solo – Tom Rosenthal

Breathe Me – Sia

River Flows In You - Yiruma

Prolog Scarlett

Wieso zum Teufel ist das Leben so, wie es ist?

Ich drückte den Hebel der Putzmittelflasche nach unten und gab acht Sprühstöße des Putzmittels in das mit Zahnpasta verschmierte Waschbecken. Als ich die fast leere Plastikflasche wieder in die Schublade unter dem Waschbecken stellte, spürte ich, wie mir der zitronige Geruch der Lösung in die Nase stieg. Schnell breitete sich der Geruch bis in meinen Hals aus, wo er augenblicklich anfing zu brennen. Ich zückte das rosa Putztuch aus meiner Hosentasche und begann das weiße Porzellan zu reinigen. So wie jeden Abend. Es hatte sich zu einem Ritual entwickelt und ich konnte mich an keinen einzigen Tag in diesem Jahr erinnern, es auch nur einmal unterbrochen zu haben. Als die ersten Stellen des Waschbeckens wieder glänzten, hörte ich, dass Martin gerade von der Arbeit nach Hause kam. »Hallo Schatz!« Seine Stimme war so schön. So schön wie keine andere auf diesem Planeten. Männlich, aber dennoch weich, so als würde sie mich bei jedem Wort umarmen.

»Hallo Süße. Wie kann ich dir etwas Gutes tun?«

Diese Frage stellte er so oft nach seiner Arbeit. Meistens war ich wunschlos glücklich und freute mich einfach nur auf einen gemütlichen Abend mit ihm auf dem Sofa, um unsere geliebten Serien zu schauen. Doch heute hatte ich tatsächlich ein Anliegen. »Ich wäre dir sehr dankbar, wenn du neues Putzmittel besorgen könntest.«

»Klar, kann ich machen.« Dann hörte ich seine Schritte, die zu mir ins Badezimmer kamen.

Er öffnete langsam die Tür und umarmte mich direkt, als ich ihm entgegenkam. An meinem Ohr spürte ich seine harte Brust und hörte für einen Augenblick dem Rhythmus seines Herzens zu. Er roch nach seinem Aftershave, das für mich mit einer nie ersetzbaren Vertrautheit verbunden war. Ich lächelte verliebt und inhalierte seinen Duft in einem tiefen Atemzug.

»Ich wollte nur die Flasche des Putzmittels sehen, damit ich auch sicher gehen kann, dass ich das richtige Zeug kaufe«, flüsterte er mir sachte in mein Ohr. Damit löste ich mich seufzend aus seinen Armen und öffnete die Schublade, um ihm die Flache noch einmal zu zeigen. Er nickte kurz und gab mir einen flüchtigen, aber dennoch liebenswerten Kuss auf meine Lippen. Ich schaute in seine leuchtenden Augen.

»Danke, dass du das machst.«

Er schmunzelte. »Dafür habe ich auch immer das sauberste Waschbecken der Welt vor mir.« Martin zwinkerte mir liebevoll zu. Dann drehte er sich um und ich hörte nur noch die Haustür ins Schloss fallen.

Hätte ich zu diesem Zeitpunkt gewusst, was als Nächstes folgen würde, hätte ich niemals neues Putzmittel gewollt. Ich hätte, nachdem die Tür ins Schlossgefallen war, aus dem Fenster Martin hinterhergeschrien, er sollte doch bitte wieder umdrehen, da ich noch eine volle Flasche gefunden hätte. Oder hätte ich ihm gesagt, er sollte morgen erst neues besorgen. Oder hätte ich ganz einfach gewusst, dass sich mein Leben zu einer Ruine verwandeln würde, wäre mir das Putzmittel niemals so wichtig gewesen.

1. Scarlett

Martin. Mein geliebter Martin. Die letzten zwei Jahre habe ich damit verbracht, den Tag zu verarbeiten, an dem mein Leben wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen ist. Geblieben sind mir nur Erinnerungen an dich, an die schönste Zeit meines Lebens.

Meine Therapeutin hat mir geraten eine neue Umgebung zu suchen, um einen Neustart in meinem Leben zu finden.

Es hat lange gebraucht, mich dazu durchzuringen und einzusehen, dass ich nicht mein Leben lang bis zwölf Uhr am Nachmittag schlafen und die ganze Zeit Trübsal blasen kann.

Meine Mutter meinte, eine kleine Stadt an einem Fluss wäre genau das Richtige für mich. Deshalb trage ich nun meine Umzugskartons in den kleinen Lieferwagen meines Vaters, das eher an ein Postauto erinnert. Was sich sicherlich nicht in meinen Kartons befindet, sind Putzmittel. Ich hasse sie einfach. Ich muss mich automatisch schütteln und wegsehen, wenn ich in einem Geschäft an dem Putzmittelregal vorbei gehe.

Ich habe einfach eine traumatische Erinnerung an den schlimmsten Tag in meinem Leben, die wie in mein Leben eingebrannt ist und sich nicht auslöschen lässt.

Mein Vater ist nicht der jüngste, besonders mit seiner Hornrille auf der Nase und den geschwungenen Falten auf der Stirn. Doch das ist nur sein Äußeres. Innerlich ist er ein fröhlicher Mensch.

Er sitzt vor dem Lenkrad. »Kommst du?«

»Ja«, rufe ich von hinten, während ich die Kofferraumklappe nach unten drücke. Ich gehe um den gelben Wagen herum. Schließlich lasse ich mich geschafft auf den Beifahrersitz fallen und atme schwer. Für einen kurzen Augenblick habe ich das Gefühl nur noch schwarzzusehen, und so schwindelig wie mir ist, den Halt auf dem Sitz zu verlieren.

Doch dann spüre ich die Hand meines Vaters auf meinem Knie. Ich blicke in seine trüben, aber dennoch vor Lebensfreude sprühenden Augen. Seine Ausstrahlung ist sofort ansteckend und ich muss grinsen.

»Kann es dann losgehen?«

Ich nicke überzeugt, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob die Entscheidung, einen Neuanfang in Silverstain zu wagen, richtig ist. Immerhin liegt diese Kleinstadt eine Autostunde von meiner Heimatstadt Beyform entfernt. Doch man hört nur Gutes über Silverstain. Eine kleine Stadt an einem schönen Fluss. Man trifft fast ausschließlich nur junge Leute und es ist immer etwas los. Ich bin gespannt, ob diese Aussagen stimmen.

Die Autofahrt geht schnell vorüber, da ich mir ausmale, wie meine kleine Wohnung wohl aussehen wird, die ich mir zusammen mit meiner Mutter im Internet ausgesucht habe. Ohne sie auch nur einmal gesehen zu haben, habe ich online eine Anfrage zur Miete gestellt, weil der Preis so unschlagbar günstig war.

Wir fahren vor ein mit Efeu bewachsenes Haus. Ich steige aus und neben der Eingangstür steht eine alte Frau. Sie hat noch mehr Falten auf der Stirn, als mein Vater.

Oh Gott! Ich habe ja gar nicht gewusst, dass das überhaupt möglich ist.

»Entschuldigen Sie, sind Sie Miss Line?« Der Stimme nach muss das die Vermieterin sein, die ich auch am Telefon kurz gesprochen habe.

»Ja, Scarlett Line, mein Name.« Ich gehe mit schnellen Schritten auf sie zu, um ihr kurz die Hand zu schütteln.

Sie trägt einen knallgrünen Regenmantel, der knistert, als ich ihr die Hand gebe.

»Ich habe mich auf die möblierte Wohnung beworben.«

Sie nickt. »Kommen Sie herein. Ich will Ihnen kurz alles erklären.«

Sie öffnet mir die Tür und ich trete ein. Im Treppenhaus riecht es modrig. Als eine flackernde Deckenlampe den Raum beleuchtet, kann ich sehen, dass der eigenartige Geruch von der imposanten Holztreppe stammen muss.

Als die Dame, die sich noch nicht einmal bei mir vorgestellt hat, neben mich tritt und meint: »Diese Treppe ist über hundert Jahre alt«, bestätigt sie meine Vermutung.

Ich blicke nach oben und sehe das dunkle Treppenhaus aus schwerem Holz. »In welcher Etage befindet sich denn die Wohnung?«

»Im zweiten Stock.«

Ich folge ihr die knarzenden Stufen nach oben, die in der Mitte ziemlich ausgetreten sind. Mit einem kleinen goldenen Schlüssel öffnet die Vermieterin eine Tür. »Treten Sie ein!«

Wir betreten einen kleinen Wohnbereich. Die Sessel dort sind völlig wirr zusammengewürfelt und passen farblich keineswegs zusammen. Ein grüner, ein roter und ein blauer Sessel stehen um einen kleinen goldenen Marmortisch. Und doch muss ich zugeben, dass mir der Charme der Einrichtung gefällt.

»Hier befinden sich die Küche und das Schlafzimmer.« Die Dame deutet auf zwei dunkelgrüne Türen in der cremefarbenen Wand hinter den Sesseln.

Sie öffnet eine der Türen, dessen Holz vermutlich genauso alt wie die Treppe ist. Dahinter befindet sich ein unbezogenes Bett. Wir betreten den Raum.

»Sehen Sie. Das ist das Bett. Bettwäsche finden Sie in der kleinen Kommode dort hinten.« Wieder deutet sie mit ihrem krummen Zeigefinger auf den kleinen braunen Holzschrank mit ziemlich schiefen Schubladen. Daneben befindet sich noch eine Tür.

»Dort ist das Badezimmer mit einer kleinen Dusche.« Ihr ausgestreckter Finger wandert ein Stückchen nach links.

Ich gehe neugierig um das Bett herum und werfe einen flüchtigen Blick in das Badezimmer.

Als ich gerade die Tür wieder schließen will, bemerke ich eine seltsame schwarze Stelle in einer weißen Fliese am Boden, die circa den Durchmesser einer Zeigefingerlänge hat.

Die Vermieterin bemerkt mein Stocken und meint: »Miss Line, das ist ein Loch im Boden, das bis zur anderen Wohnung im ersten Stock reicht.« Sie räuspert sich kurz. »Sie können das Loch gerne auf eigene Kosten verschließen lassen.«

Ich lache verunsichert, obwohl mir zum Schreien zumute ist.

»Machen Sie sich keine Sorgen, Ihr Vormieter hat einfach etwas auf das Loch geklebt.«

Ich ringe innerlich mit mir. Wieso hat sie mir von diesem Makel nichts am Telefon erzählt? »Ist denn die untere Wohnung bewohnt?«, frage ich mit etwas Hoffnung.

Die Dame räuspert sich erneut. »Aber sicher, mein Liebes. Hier sind alle Wohnungen vermietet. Ihre ist jedoch durch den Makel besonders billig.«

Ab heute weiß ich, dass es immer besser ist, die Wohnung vorher mal besichtigt zu haben. Außerdem hätte ich mir durch den niedrigen Mietpreis schon denken können, dass da ein Haken ist.

Ich begleite die Vermieterin nach draußen, wo sie mir die Schlüssel überreicht und ich ihr den schon unterschriebenen Mietvertrag überreiche.

Dann verabschieden wir uns und ich gehe zu meinem Vater, der im Auto gewartet hat. Er hält den Katzenkorb, in dem mein Kater Prinz die Autofahrt verschlafen hat, fest.

Als ich an die Scheibe der Beifahrertür klopfe, steigt er samt Katzenkorb aus.

Mein Vater und ich räumen alle Kisten in die Wohnung. Es sind nicht viele, da ich beinahe all meinen Besitz aussortiert habe. So gut wie alles hat an Martin erinnert.

Bei dieser Arbeit frage ich mich immer wieder, wer wohl unter meiner Wohnung wohnt und ein Loch in seiner Decke hat.

Oh Gott, Martin, bitte bewahre mich vor diesem seltsamen Loch in meiner Badezimmerfliese. Wärst du jetzt da, hättest du mich davon abgehalten diese Wohnung zu nehmen.

Ich erzähle unsicher meinem Vater von der Badezimmerfliese.

»Ach, Scarlett, das ist doch schnell erledigt. Rufe am besten gleich morgen bei einem Handwerkerbetrieb an. Die werden das Problem lösen.«

Ich nehme den optimistischen Ratschlag dankend an und lächle. Wir stehen uns gegenüber. Wir sehen uns in die Augen.

»Brauchst du mich noch für etwas, mein Kind?«, fragt mein Dad.

Ich schüttle mit dem Kopf. Er hat mir bei dem Umzug viel geholfen, deshalb bin ich der Meinung er hat jetzt Feierabend verdient. »Ihr hattet die letzten zwei Jahre sicher eine Überdosis an Scarlett«, sage ich lachend und halte meinem Vater die Autotür zum Fahrersitz auf, damit er bequemer einsteigen kann.

Seit Martins Tod habe ich bei meinen Eltern gewohnt. Sie waren immer für mich da, doch nun ist es an der Zeit ein neues Leben zu beginnen. Ich kann schlecht mit zweiundzwanzig noch Zuhause wohnen.

»Du bist Zuhause immer herzlich Willkommen, mein Kind.«

»Danke«, ich lächle sanft und überspiele damit ein paar Tränen, die über meine Wangendrohen zu laufen. Warum mir plötzlich zum Weinen zumute ist, weiß ich selber nicht. Wahrscheinlich fällt es mir schwer diesen Neuanfang zu starten. Mir fehlt Martin in allen Situationen mit jeder Faser meines Körpers.

»Bis dann«, sagt mein Dad.

Ich winke ihm hinterher und halte mit aller Kraft meine Tränen zurück. Als ich das gelbe Auto nicht mehr sehen kann, bricht die Mauer, die meinen Tränen verhindert hat über meine Wangen zu rollen.

Als ich weinend die alte Holztreppe zu meiner Wohnung hochsteige, frage ich mich, ob ich mich jemals an diesen muffigen Geruch gewöhnen werde. Es kommt mir so vor, als wäre ich hundert Jahre zurückgereist.

Als ich an der Wohnungstür im ersten Stock vorbei gehe, überlege ich für einen kurzen Moment mal anzuklopfen, um mich vorzustellen. Doch ich verdränge diesen Gedanken schnell. Wer weiß wer dort wohnt?!

Ich freue mich auf meine Wohnung. Mein erster Lichtblick seit zwei Jahren. Ein Lichtblick mit einem schwarzen Verbindungstunnel zu einem unbekannten Nachbarn in der Badfliese. Na super!

***

Kurzerhand ist der Inhalt der Umzugskartons in der kleinen alten Wohnung verräumt. Ich sehe mich zufrieden um und spüre, dass mir der Schweiß auf der Stirn steht. Darum beschließe ich, duschen zu gehen. Bevor ich ins Badezimmer trete, streichele ich liebevoll meinem kleinen Kater Prinz über seinen samtigen Kopf. Offensichtlich hat er sich recht schnell an die neue Umgebung gewöhnt. Denn er schlummert schnurrend auf meinem frisch bezogenen Bett. Um ihn nicht zu wecken, schließe ich möglichst sachte die grüne Badezimmertür. Ich streife mir meine Klamotten von der Haut und stelle mich unter das warme Wasser. Wie sehr ich das gebraucht habe! Ich sehe nach oben zu dem runden silbernen Duschkopf, aus dem das Wasser auf mich prasselt. Meine Augen brennen. Ich kann nicht mehr unterscheiden, ob das von dem Shampoo kommt oder von den Tränen, die mit dem Wasser vermischt über meine Wangen laufen. Ich denke an Martin. Wie gerne wäre ich mit ihm hier eingezogen, anstatt nur mit seinem Kater. Der Kater, der Martin mindestens genauso vermisst wie ich. Der Kater, der mich jeden Tag an Martin erinnert. Aber gleichzeitig ist Prinz auch ein lebendiges Überbleibsel von ihm.

Wenn ich Martin wenigstens ein bisschen nahe sein möchte, muss ich auf den Friedhof gehen. Aber so wie vorher wird es nie.

Nie mehr, so wie das Leben mit Martin war.

Nie mehr die schönen Momente mit der Liebe meines Lebens. Es ist anders, schlechter.

Ich habe total die Zeit in meinen Gedanken verloren. Als ich aus der Dusche steige, sehe ich, dass ich viel zu lange das Wasser laufen gelassen habe. Ich wollte nicht schon jetzt eine so riesig große Wasserrechnung erhalten. Schließlich bekomme ich erst in zwei Wochen mein erstes Gehalt. Da fällt mir ein, ich wollte noch einen Handwerker bestellen, und bei meiner neuen Arbeit anrufen, einem kleinen Blumenladen hier ganz in der Nähe. Das mit dem Handwerker kann auch auf keinen Fall bis morgen warten.

»Guten Tag. Ich habe ein Loch in einer Badezimmerfliese, das bis zu der Wohnung unter meiner reicht. Können Sie mir helfen?« Das Handy drücke ich an mein Ohr, mein Blick fällt auf Prinz, der neben mir auf dem Bett liegt. Er schlummert immer noch friedlich.

»Natürlich. Das ist exakt unser Gebiet.« Als ob noch mehr Leute so ein Loch in einer Fliese haben?! Eine dunkle Männerstimme dröhnt aus dem Hörer. Ich freue mich, bald nicht mehr dieses mysteriöse Loch in der Fliese zu haben. Als mir der Mann den Preis für die Reparatur nennt, muss ich schlucken. Für so ein dämliches Loch, so viel Geld zu verlangen, ist unverschämt. »Ich rufe Sie in den nächsten Tagen noch einmal an. Ich werde mir das durch den Kopf gehen lassen«, sage ich, bevor ich auflege.

Natürlich werde ich nicht mehr anrufen. Der Preis ist einfach viel zu hoch. Ich versuche es noch bei anderen Handwerkern, doch vergeblich.

Also rufe ich bei meiner neuen Arbeit an, vielleicht gibt es da etwas Positives.

»Hallo, Scarlett Line mein Name«, sage ich unsicher.

»Hallo, Scarlett! Ich bin Candy!« Diese Stimme klingt ausnahmsweise freundlich. »Ab sofort arbeiten wir im Team. Ich freue mich schon darauf. Komm am besten morgen um neun in den Laden, dann zeige ich dir alles.«

Ich nicke schnell, doch mir fällt ein, dass das am Telefon nichts bringt. »In Ordnung«, schiebe ich also hastig hinterher.

***

»Nochmal zum Mitschreiben.« Candy kratzt sich stirnrunzelnd den Kopf. »Du ziehst in eine Wohnung ein, die ein Loch in einer Badezimmerfliese hat, das bis zu deinem Nachbarn unter deiner Wohnung reicht?«

Ich nicke verlegen. »Mir bleibt nichts anderes übrig.«

»Stell dir vor, dein Nachbar schiebt ein Guck-Rohr durch das Loch und beobachtet dich beim Duschen.« Sie kichert und es bilden sich kleine Grübchen an ihren Wangen.

»Ach, das ist doch Unsinn. Welcher Idiot macht denn so etwas? Auf solche Ideen kommst aber auch nur du!« Ich muss auch kichern.

Sie bindet die nächste Rose in den Strauß. »Dann sei froh, dass ich nicht in der Wohnung unter deiner wohne.« Sie zwinkert mir zu.

Ich stoße, wenn auch nur sachte, mit meinem Ellenbogen in ihren Arm und nehme mir auch eine rote Rose aus dem Eimer.

»Hilf mir einfach schnell Geld zu verdienen, dann kann ich das Loch reparieren lassen.«

Irgendwie kommt es mir so vor, als würden wir schon ewig zusammen arbeiten. So vertraut fühlt es sich mit ihr an.

Ich bin meinem Vater wirklich dankbar, seinen alten Schulfreund gefragt zu haben, der mir eine Stelle als Floristin bei seiner Tochter angeboten hat.

»Mein Vater hat mir einiges von dir erzählt, aber er hat nicht erwähnt, dass du so gut Blumensträuße binden kannst.« Sie tätschelt meine linke Schulter. »Bist du dir sicher, dass du vorher in einem anderen Beruf gearbeitet hast?«

Ich nicke. »Ja, sehr sicher. Ich war vorher Drogistin.«

Jetzt blickt sie mich an, während ich den Strauß weiterbinde.

»Wieso hast du den Beruf gewechselt?«

Sie weiß also noch nicht davon. Weiß nicht, dass ich keine Drogerie betreten kann, wegen diesem einen Regal.

Dem Regal mit Putzmittel.

Seit dem Tag, der mein Leben um hundertachzig Grad gewendet hat, habe ich panische Angst vor dem Geruch von Putzmittel und dessen Aussehen der Flaschen.

Ich habe schlicht und ergreifend meinen Beruf an den Nagel hängen müssen.

»Ich mag eben Blumen«, versuche ich der Wahrheit zu entweichen.

»Das ist nicht der wahre Grund, Scarlett. Ist es wegen…« Weiter kommt sie nicht.

»Du weißt es?«, unterbreche ich sie mit aufgerissenen Augen, die mittlerweile ihr Gesicht panisch fixieren und nicht den Blumenstrauß. Den habe ich fallen gelassen.

Candy blickt kurz nach unten zu den Blumen am Boden, dann zurück in meine Augen, die sich langsam entspannen, als sie meint: »Natürlich, Scarlett.« Sie lächelt einfühlsam.

Ich muss augenblicklich hier weg. Ich muss wieder an damals denken, an diesen einen Tag. Ich schließe die Augenlider. Schließe sie, weil ich nicht will, dass meine Tränen den Raum bekommen, den sie gerne hätten. Nein, Scarlett, sei stark, du darfst jetzt nicht weinen. Nicht jetzt, nein. Ich höre, wie Candy ihren Blumenstrauß aus der Hand legt. Ich spüre, wie sie mich umarmt und sagt: »Du brauchst mir nicht erzählen, warum du jetzt hier arbeitest und nicht in der Drogerie. Aber bitte weine nicht. Ich kann es nicht aushalten, Leute traurig zu sehen.«

Sie löst sich langsam von mir und ich öffne meine Augen wieder. Schluckend hebe ich die Blumen vom Boden auf und binde meinen Blumenstrauß neu. Die Rosen gefallen mir, also versuche ich mich einfach nur auf den feinen Duft der Rosen zu konzentrieren.

***

Im Großen und Ganzen war mein erster Arbeitstag besser als ich ihn mir je hätte vorstellen können. Ich stelle mir vor, ich hätte eine Allergie gegen Blumen. Dann würde ich ohne Geld dastehen. Wie gut, dass das nur einer meiner hirnrissigen Gedanken ist. Wer hat schon Allergien gegen Blumen. Ich zumindest nicht.

Müde ziehe ich mir meine rosa Herbst-Jacke über und hebe meine kleine Tasche vom Boden auf. Langsam gehe ich zum Ausgang des kleinen Ladens.

Candy hält mich im Vorbeigehen kurz am Arm fest. »Ach, Scarlett, du hast deine Arbeit heute wirklich gut gemeistert.«

Ich freue mich sehr über das Kompliment. Als ob das nicht schon genug wäre, hält sie mir einen Blumenstrauß entgegen. »Hier. Den darfst du behalten. Der erste gebundene Blumenstrauß ist etwas Besonderes.«

Ich nicke dankbar, weil ich nicht weiß, was ich sagen soll.

»Du hast doch eine Vase zu Hause, oder?«, ruft mir Candy hinterher.

Ich bin gerade aus der Glastür raus, halte sie aber noch fest, sodass sie mich noch hören kann. »Ja, habe ich. Und danke«, rufe ich, bevor ich die Tür ins Schloss zufallen lasse.

Stolz kehre ich mit meinem Blumenstrauß in mein neues Zuhause zurück.

2. Bennett

Es ist schon dunkel, als ich aus der kleinen Oper der Stadt Silverstain heraustrete. Das Pflaster unter meinen Füßen ist nass und rutschig. Ein kleiner Blick in den Himmel genügt, um zu wissen, dass ein Regenschirm angebracht wäre. Wer will schon durchnässt zu Hause ankommen?

Ich spanne meinen schwarzen Regenschirm auf und mache mich rasch auf den Weg. Ich will noch kurz bei einem Schnellrestaurant vorbei, um mir mein Abendessen nicht selbst kochen zu müssen. Dafür war mein Tag wirklich zu anstrengend, um mir noch in der Küche irgendwas zu zaubern. Ich durchforste hastig die Tafel an der Wand vor dem Gebäude des Schnellrestaurants. Lasagne, das wäre genau das Richtige, denke ich mir.

»Eine Lasagne zum Mitnehmen, bitte!«, sage ich zu dem Mann an der Theke.

Mit einer rauen Stimme wiederholt er: »Eine Lasagne zum Mitnehmen.«

Seltsam. Wieso wiederholen heute so viele Menschen das, was ich sage? Schon auf der Arbeit in der Oper ist das heute verwirrend häufig vorgekommen. Ich schiebe den Gedanken schnell beiseite, als der Mann mir eine in Alufolie verpackte Lasagne über die Theke reicht. Ich lege neben die Tüte schnell einen Geldschein. Mit der anderen Hand ergreife ich den Henkel der Tüte und rufe im Umdrehen hinterher: »Stimmt so.«

Ich weiß nicht genau, wie viel Geld ich am Ende als Trinkgeld gegeben habe, aber mindestens so viel, um den Mann ziemlich verwirrt zurückzulassen.

Ich eile die Straße hinunter und biege in eine kleine vertraute Nebenstraße ein. Endlich zu Hause. Ich hasse den Herbst. Und ganz besonders das Wetter, das immer so plötzlich einschlägt und die Welt traurig aussehen lässt.

In meiner Wohnung verspeise ich direkt die leckere Lasagne. Ich sitze auf meinem Sofa, auf meinem Schoß die Lasagne. Eine Gabel, die aufgehäuft mit Lasagne ist, schiebe ich mir gerade hungrig in den Mund, als ich plötzlich spüre, wie ein Wassertropfen mir von oben auf den Kopf fällt. Und noch einer, noch einer und noch ein Tropfen. Mein Kiefer erstarrt und ich lasse meine Gabel fallen, die klirrend auf dem Boden auftrifft. Ich schlucke versehentlich das unzerkaute Nudelstück herunter und bin froh, dass ich keinen krümeligen Keks in meinem Mund. Sonst hätte ich mich sicher verschluckt. Vorsichtig sehe ich nach oben. Das Loch! Daran habe ich schon lange nicht mehr gedacht. Das Loch in der Decke! Wie konnte ich das nur vergessen. Aber viel wichtiger, wo kommt das Wasser her? Hoffentlich ist es auch Wasser und nicht irgendetwas anderes, überlege ich mir stirnrunzelnd.

Als kein Tropfen mehr nachkommt, hebe ich meine Gabel auf und esse weiter.

Dann erstarre ich erneut, da ich von oben eine Stimme höre. Von oben aus dem Loch kommt wahrhaftig eine Stimme. »Tut mir wahnsinnig leid, Sie dort unten.«

Seit wann ist diese Wohnung wieder bewohnt?

Mit der Erkenntnis, dass dort oben wieder, der Stimme nach, eine Frau wohnt, werde ich neugierig. »War das Wasser?«, rufe ich laut in Richtung des Loches in der Decke.

Ich halte die Luft an, weil ich gespannt bin, ob ich eine Antwort erhalte.

»Mir ist eine Blumenvase im Waschbecken übergelaufen.«

Ich muss grinsen. Wasser also, das kam da von oben auf meinen Kopf getropft.

Als ich mich wieder meiner Lasagne widme, frage ich mich, wer dort oben eigentlich wohnt. Wer wohl diese Person ist, die eine Wohnung mit Loch im Boden bezieht. Aber gut, ich bin auch nicht besser, denn ich habe das Loch in der Decke.

3. Scarlett

Mist. Mist, denke ich mir. So etwas Peinliches ist mir in meinem Leben noch nie passiert! Wieso muss mir auch ausgerechnet diese Vase überlaufen und wieso habe ich eigentlich diese Wohnung? Diese bescheuerte Wohnung mit dem Loch in der Badezimmerfliese!

Martin. Mein lieber Martin. Du hättest mich sicher vor dieser Peinlichkeit bewahrt. Ich vermisse dich. Es fällt mir schwer zu atmen, zu leben und zu arbeiten. Lieben kann ich nie mehr. Lieben kann ich nur dich. Immer. Für immer. Ich möchte, dass du das weißt. Möchte, dass du weißt, dass du der beste Verlobte warst. Nein, bist. Du bist mein liebster Verlobter und das bleibt auch so, auch wenn du nicht bei mir sein kannst. Auch, wenn du jetzt nicht neben mirliegen kannst und mich in deinen starken Armen halten kannst.

Ich versinke wieder in meiner Trauer, die mich wie jeden Abend übermannt. Ich versinke in der weißen Bettwäsche. Ich versinke und trauere. Seit zwei Jahren, die sich anfühlen wie ein Tunnel ohne Ende.

Ich lasse meine rechte Hand wandern und ertaste weiches Fell. Prinz liegt neben mir und schnurrt wie eine Schnurrmaschine. Durch seine Nähe weiß ich, dass ich nicht alleine trauere.

In die Stille und Dunkelheit frage ich leise: »Wie geht es dir, mein lieber Prinz?« Ich weiß, dass er mir nicht antworten kann. Und wie es ihm geht, das weiß ich ebenso. Es geht ihm so wie mir. Diese obligatorische Frage habe ich die letzten zwei Jahre zu häufig gehört. Die Leute hofften auf eine positive Antwort. Ich antwortete jedes Mal: Es muss gehen.

Das Leben geht weiter. Nicht nur meines, sondern auch das von Prinz. Ich würde gerne in Prinz‘ Seele hineinschauen und verstehen, warum er trauert. Früher hat mir mal jemand gesagt, Katzen könnten nicht trauern. Doch heute weiß ich, dass das völliger Blödsinn ist. Katzen können trauern. Natürlich können sie das. Nur eben nicht so, wie ich es tue. Prinz liegt den ganzen Tag da und schnurrt. Vor drei Jahren hat er auch schon geschnurrt, nur eben anders. Seit dem einen besagten Tag schnurrt er trauernd. Das merke ich einfach. Prinz spürt ebenso, wenn ich trauere. Schließlich trauern wir um denselben Menschen, den wir beide verloren haben.

Wieder rollen Tränen über meine Wangen und lassen meine Haut brennen. Meine Haut müsste schon längst daran gewöhnt sein. Denn ich weine mich jeden Abend in den Schlaf. Ich weine, weil ich trauere. Ich kann einfach nicht anders und werde damit auch niemals aufhören. Das habe ich mir geschworen. Wenn ich aufhören würde, würde ich aufhören Martin zu lieben. Und das lasse ich niemals zu. Meine Tränen rinnen meine Wangen seitlich herunter und ich schlafe langsam ein.

***

Am Morgen wache ich so auf, wie ich am Abend eingeschlafen bin. Nur meine Tränen auf den Wangen sind getrocknet und haben eine salzige Kruste auf der Haut hinterlassen. Langsam ziehe ich meine Arme aus der Bettdecke und streiche mir erschöpft über das Gesicht. Ich hatte wieder Alpträume. Zu viele.