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Stille E-Book

Erling Kagge

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Beschreibung

Der Weltwanderer Erling Kagge musste weit gehen, um ein Gut zu finden, das in unserer Zeit immer wichtiger wird: Stille. Auf seinen Expeditionen – zum Süd- und zum Nordpol, auf den Mount Everest – hat er sie gefunden. Aber ist Stille auch in der Stadt zu erfahren? Im turbulenten Oslo, wo er lebt? Ja, wenn man bereit ist, die Welt auszusperren und eine Reise in sein Inneres anzutreten, kann man auch dort, wo es laut ist, »seinen eigenen Südpol finden«, denn »Stille ist überall«.

»Stille ist der neue Luxus. Stille enthält eine Qualität, die exklusiver und beständiger ist als jeder andere Luxus.«

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Seitenzahl: 101

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Erling Kagge

Stille

Ein Wegweiser

Aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg

Insel Verlag

Catherine OpieSunrise, 2009

I

Kann ich der Welt nicht durch Gehen, Klettern oder Segeln entkommen, habe ich gelernt, sie auszusperren.

Es zu lernen, hat eine Weile gedauert. Erst als ich begriff, dass ich ein tiefes Bedürfnis nach Stille habe, begann ich, die Stille zu suchen – und dort, tief unter einer Kakophonie von Verkehrslärm und Gedanken, Musik und Maschinengeräuschen, iPhones und Schneefräsen, lag sie verborgen und wartete auf mich. Die Stille.

Vor nicht allzu langer Zeit versuchte ich meine drei Töchter zu überzeugen, dass die Geheimnisse der Welt sich in der Stille verbergen. Wir saßen am Sonntag beim gemeinsamen Mittagessen am Küchentisch. Es ist der einzige Termin in der Woche, wo wir alle Zeit haben, sitzen bleiben und miteinander reden – von Angesicht zu Angesicht. An den anderen Wochentagen ist es einfach zu hektisch. Die Mädchen sahen mich mit skeptischen Blicken an. Die Stille ist doch nichts? Noch bevor ich ihnen erklären konnte, dass die Stille ein Freund sein kann und ein Luxusgut ist, das mehr wert ist als die Taschen von Marc Jacobs, die sie so gern hätten, stand das Ergebnis für sie fest: Stille ist einfach ein Ausweg, wenn man alles satthat. Darüber hinaus hat sie keinen Wert.

Als wir am Tisch saßen, erinnerte ich mich mit einem Mal daran, wie neugierig sie als Kinder waren. Wie sie wissen wollten, was sich hinter einer Tür verbarg. Der Blick, mit dem sie einen Lichtschalter ansahen und fragten, ob ich »das Licht aufmachen« könne.

Fragen und Antworten, Fragen und Antworten. Das Staunen ist der eigentliche Motor des Lebens. Meine Kinder sind dreizehn, sechzehn und neunzehn Jahre alt und staunen allmählich immer weniger. Wenn sie über etwas erstaunt sind, ziehen sie einfach ihre Smartphones heraus, um nach einer Antwort zu suchen. Neugierig sind sie noch immer, aber ihr Gesichtsausdruck ist weniger kindlich, sondern erwachsener, und in ihren Köpfen stecken heute mehr Ambitionen als Fragen. Keine zeigte größeres Interesse, noch weiter über die Stille zu sprechen, also entschied ich mich, eine Geschichte zu erzählen, die geeignet ist, Stille zu erzeugen:

Zwei Freunde von mir hatten beschlossen, den Mount Everest zu besteigen. Früh am Morgen verließen sie das Basislager, um über die Südwestwand des Berges zu klettern. Es ging gut. Beide erklommen den Gipfel, doch dann zog ein Sturm auf. Sie erkannten sehr rasch, dass sie den Abstieg nicht überleben würden. Der Erste erreichte über das Satellitentelefon seine schwangere Frau. Gemeinsam einigten sie sich auf einen Namen für das Kind, das sie in sich trug. Dann schlief er direkt unter dem Gipfel friedlich ein. Mein anderer Freund konnte niemand mehr erreichen, bevor er starb. Keiner weiß, was eigentlich an diesem Nachmittag auf dem Berg passiert ist. Dank des kalten, trockenen Klimas in über achttausend Meter Höhe sind sie gefriergetrocknet. Sie liegen dort in der Stille und sehen ungefähr so aus wie damals vor zweiundzwanzig Jahren, als ich sie das letzte Mal sah.

Ausnahmsweise wurde es still am Tisch. Eines der Mobiltelefone klingelte, als eine Nachricht hereinkam, aber keiner von uns dachte daran, ausgerechnet jetzt sein Telefon zur Hand zu nehmen. Wir füllten die Stille mit uns.

Nicht lange danach wurde ich eingeladen, an der St. Andrews-Universität in Schottland einen Vortrag zu halten. Ich durfte mir das Thema selbst aussuchen. Normalerweise erzähle ich von meinen Extremtouren an die Enden der Welt, doch diesmal dachte ich an zu Hause, an das sonntägliche Mittagessen mit der Familie. Ich wählte als Thema die Stille. Ich bereitete mich sorgfältig vor, war aber nervös, wie so oft. Vielleicht gehörten unzusammenhängende Gedanken über die Stille zu einem Essen am Sonntagmittag, und nicht in ein studentisches Forum? Es war nicht so, dass ich erwartete, in den achtzehn Minuten, die mir für meine Rede zur Verfügung standen, ausgebuht zu werden, dennoch war es mein Ziel, bei den Studenten Interesse für das Anliegen zu wecken, das mir am Herzen lag.

Ich begann die Vorlesung damit, dass ich eine Minute der Stille vorschlug. Es wurde absolut still, man hätte eine Stecknadel fallen hören. In den folgenden siebzehn Minuten redete ich über die Stille um uns herum, aber ich erzählte auch von etwas noch Wichtigerem, von der Stille, die wir in uns haben. Die Studenten blieben still. Sie hörten zu. Es schien, als hätten sie die Stille vermisst.

Am Abend ging ich mit einigen der Studenten in einen Pub. Als wir, jeder mit einem Glas in der Hand, hinter der zugigen Eingangstür standen, war es genauso, wie ich es aus meiner Studienzeit in Großbritannien in Erinnerung hatte. Nette, neugierige Leute, gute Stimmung, interessante Gespräche. Was ist Stille? Wo ist sie? Warum ist sie heute wichtiger denn je?, waren die drei Fragen, auf die sie eine Antwort wollten.

Mir war dieser Abend sehr wichtig, nicht allein wegen der angenehmen Gesellschaft, sondern weil ich dank der Studenten begriff, wie wenig ich selbst wusste. Zu Hause musste ich wieder und wieder an diese drei Fragen denken. Es wurde zur Manie.

Was ist Stille? Wo ist sie? Warum ist sie heute wichtiger denn je?

Ich begann zu schreiben, nachzudenken und zu lesen, allerdings eher für mich selbst. Abend für Abend beschäftigte ich mich mit den drei Fragen.

Schließlich hatte ich dreiunddreißig Versuche einer Antwort:

II

1

Es gibt eine Menge Dinge im Leben, über die sich staunen lässt. Es ist eine der reinsten Freuden, die ich mir vorstellen kann. Ich mag dieses Gefühl. Ich staune oft, ja, ich staune nahezu überall: Auf Reisen, wenn ich lese, wenn ich Menschen begegne, wenn ich schreibe, wenn ich spüre, wie mein Herz schlägt, oder sehe, wie die Sonne aufgeht. Das Staunen gehört zu den stärksten Kräften, die uns in die Wiege gelegt wurden. Und gleichzeitig ist es eine der schönsten Fähigkeiten, die es gibt. Und ich staune nicht nur als Abenteurer. Ebenso oft als Vater oder als Verleger. Am liebsten, ohne dabei gestört zu werden.

Wissenschaftler können Wahrheiten finden. Ich hätte es auch gern getan, aber es ist meine Sache nicht. Im Grunde habe ich im Laufe meines Lebens sämtliche Ansichten einmal geändert. Ich staune am allermeisten um des Staunens willen. Es ist ein Ziel an sich. Eine kleine Entdeckungsreise. Obwohl es bisweilen auch der Same ist, der zu mehr Wissen führt.

Manchmal geschieht das Staunen ganz unvermittelt, ich entscheide mich nicht dafür, sondern staune, weil ich es nicht lassen kann. Etwas Unangenehmes aus meiner Vergangenheit taucht auf. Ein Gedanke oder ein Erlebnis. Es nagt in meinem Bauch, und ich muss einfach darüber nachdenken, was es sein könnte.

Eines Abends kam meine Kusine zum Essen und schenkte mir einen Gedichtband des norwegischen Schriftstellers und Dramatikers Jon Fosse. Als sie gegangen war, blätterte ich im Bett in dem Buch. Kurz bevor ich das Licht löschen wollte, tauchten diese Worte auf: es gibt eine liebe an die sich niemand erinnert. Was meinte er damit? Eine unsichtbare Liebe in einem Dämmerschlaf? Schrieb er möglicherweise über die Stille? Ich legte den Gedichtband beiseite und dachte darüber nach. Gute Dichter erinnern mich an große Entdecker. Indem sie die richtigen Worte wählen, setzen sie Gedanken in meinem Kopf in Gang, ein bisschen wie die Berichte der Entdecker, die ich als kleiner Junge las. Bevor ich einschlief, entschloss ich mich, Jon Fosse am nächsten Morgen zu schreiben, um ihn nach diesen neun Worten zu fragen und mehr von ihm zu erfahren.

»In gewisser Weise ist es die Stille, die hier spricht«, antwortete Fosse, sechs Minuten nachdem ich ihm eine E-Mail geschrieben hatte. Es sah beinahe so aus, als hätte er diese Anfrage erwartet, aber so war es natürlich nicht; er hatte seit Jahr und Tag nichts mehr von mir gehört.

Ja, reden, genau das soll die Stille tun. Sie soll reden, und du sollst mit ihr reden und das Potential nutzen, das darin liegt. »Vielleicht deshalb, weil die Stille mit dem Staunen einhergeht, aber sie trägt auch eine Art Macht in sich, ja, wie ein Meer oder eine endlose Schneelandschaft. Und derjenige, der nicht über diese Macht staunt, fürchtet sich vor ihr. Und das ist wohl der Grund, warum so viele vor der Stille Angst haben (deshalb gibt es auch überall, wirklich überall diese Muzak).«

Ich erkenne die Angst wieder, über die Fosse schreibt. Eine vage Angst vor etwas, von dem ich im Grunde nicht weiß, was es ist. Eine Angst, die bewirkt, dass ich allzu schnell meinem eigenen Leben aus dem Weg gehe. Stattdessen beschäftige ich mich irgendwie, vermeide die Stille und tue das Naheliegende. Ich schreibe Textnachrichten, lege Musik auf, höre Radio oder lasse einfach den Gedanken freien Lauf, statt innezuhalten und die Welt vielleicht einen Augenblick auszusperren.

Ich glaube, die Angst, die Fosse nicht benennt, ist die Furcht, sich besser kennenzulernen. Ich komme mir ein bisschen feige vor, wenn ich mich davor drücke.

2

Die Antarktis ist der stillste Ort, an dem ich gewesen bin. Ich bin allein zum Südpol gegangen, und in dieser monoton sich erstreckenden Landschaft gab es keine von Menschen erzeugten Geräusche außer denen, die ich selbst produzierte. Allein auf dem Eis, tief in dem großen weißen Nichts, konnte ich die Stille hören und fühlen. (Ich war von der Gesellschaft, der das Flugzeug gehörte, das mich zur nördlichen Grenze der Antarktis fliegen sollte, gezwungen worden, ein Funkgerät mitzunehmen. An Bord der Maschine warf ich als letzte Tat die Batterien in den Abfalleimer.)

Wenn du durch den kältesten Kontinent der Welt in Richtung Süden gehst, scheint alles weiß zu sein, Kilometer um Kilometer, den ganzen Weg bis zum Horizont. Unter dir befinden sich dreißig Millionen Kubikkilometer Eis, die die Erdoberfläche herunterdrücken.

Irgendwann bemerkte ich in meiner kompletten Isolation, dass dennoch nichts ganz flach war. Das Eis und der Schnee hatten sich in kleinen und etwas größeren abstrakten Formationen abgelagert. Das eintönige Weiß veränderte sich in unzählige Nuancen von Weiß. Ein Hauch von Blau tauchte im Schnee auf, etwas Rotes, Grünes und sogar Rosafarbenes. Ich hatte das Gefühl, dass die Natur sich unterwegs veränderte, aber ich irrte mich. Die Umgebung blieb dieselbe, ich veränderte mich. »Zu Hause genieße ich nur die ›großen Happen‹. Hier unten lerne ich, die kleinen Freuden zu schätzen. Die Farbnuancen im Schnee. Den abnehmenden Wind. Die Wolkenformationen. Die Stille«, schrieb ich am zweiundzwanzigsten Tag in mein Tagebuch.

Ich kann mich erinnern, dass ich als Kind tief beeindruckt war von der Schnecke, die ihr eigenes Haus mit sich tragen konnte, wohin auch immer sie ging. Während der Expedition in die Antarktis wurde meine Faszination für die Schnecke nur noch größer. Alles, was ich für die gesamte Reise benötigte – Lebensmittel, Ausrüstung, Brennstoff –, musste ich auf einem Schlitten hinter mir herziehen, und nie machte ich den Mund auf, um zu sprechen. Ich hielt die Klappe. Ich hatte fünfzig Tage weder Funkkontakt, Internet oder Ähnliches. Ich bewegte mich mit meinen Skiern einfach nur jeden Tag ein Stück weiter in Richtung Süden. Auch wenn ich mich ärgerte, über eine gebrochene Skibindung oder weil ich beinahe in eine Gletscherspalte gefallen wäre, fluchte ich nicht. (Schimpfworte zu brüllen, zieht dich herunter und lässt die schlechte Laune nur noch schlimmer werden. Daher fluche ich nie auf Expeditionen.)

Zu Hause fährt immer ein Auto vorbei, ein Telefon klingelt, pfeift oder brummt, irgendjemand redet, flüstert oder schreit. Insgesamt gibt es so viele Geräusche, dass wir sie kaum noch hören. Hier war es vollkommen anders. Die Natur sprach zu mir, indem sie sich als Stille präsentierte. Je stiller es wurde, desto mehr hörte ich.

Jedes Mal, wenn ich eine Pause machte und der Wind nicht wehte, erlebte ich eine ohrenbetäubende Stille. Sogar Schnee sieht still aus, wenn es windstill ist. Ich wurde immer aufmerksamer gegenüber dieser Welt, von der ich ein Teil war. Ich war nicht gelangweilt, wurde nicht gestört. Ich war allein mit meinen Vorstellungen und Gedanken. Die Zukunft spielte keine Rolle mehr, die Vergangenheit kümmerte mich nicht, ich war mit einem Mal in meinem eigenen Leben präsent. Die Welt verschwindet, wenn man darin aufgeht, behauptete der Philosoph Martin Heidegger. Und genau das passierte.

Ich wurde zu einer Verlängerung meiner Umgebung. Weil ich niemanden zum Reden hatte, trat ich in einen Dialog mit der Natur ein. Die Gedanken wurden über die Ebene bis zu den Bergen geschickt, und andere Vorstellungen und Ideen kamen zurück.