Stille - Kankyo Tannier - E-Book

Stille E-Book

Kankyo Tannier

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Beschreibung

Stille ist die beste Medizin.

Stille – allein das Wort löst Sehnsüchte aus. Wir halten inne, die Sinne werden wach und wir können die zauberhaften kleinen Momente des Alltags wieder genießen. Kankyo Tannier ist eine französische Zen-Nonne – jung, lebendig, authentisch. Ohne Zwang und Dogma erzählt sie leichtfüßig und charmant, wie die Stille ihren Alltag erst lebenswert macht. Sei es, wenn sie die wortlose Sprache ihres Pferdes Efstur studiert. Oder sei es in der therapeutischen Arbeit mit Menschen, in der sie immer wieder erfährt, dass Stille eine große Heilkraft besitzt. Wie nebenbei gibt sie uns dabei viele kleine Tricks an die Hand, wie wir die Stille in unser Leben einladen können. Mit 21-Tage-Stille-Kur, um heilsame Einfachheit und tiefe Freude zu erfahren.

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Seitenzahl: 188

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Kankyo Tannier

Stille

Meine buddhistische Kur für ein leichteres Leben

Aus dem Französischen von Elisabeth Liebl

Die französische Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel

»Ma cure de silence«

im Verlag Éditions First, einem Imprint von Édi8, Paris

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Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

1. Auflage

Deutsche Erstausgabe

© 2018 der deutschsprachigen Ausgabe

Arkana, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

© 2017 der Originalausgabe Éditions First, ein Imprint von Édi8, Paris

Lektorat: Judith Momo Henke

Umschlaggestaltung: ki 36 Editorial Design, München

Umschlagmotiv: Autorinnenportrait © Manuela Böhme Illustration Blume: © Ruth Botzenhardt

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

ISBN 978-3-641-22418-9V002

www.arkana-verlag.de

Meine lieben Schüler,

gebt der Einsamkeit den Vorzug vor dem Gedränge,

der Ruhe vor der Aufregung,

der Stille vor dem Lärm.

Letzte Worte des Buddha (Dighanikaya 16), zitiert von Zen-Meister Olivier Reigen Wang-Genh während einer Belehrung

Inhalt

Einführung

Ein Buch – nicht wie andere seiner Art

Ein Buch, das mit einer Entschuldigung beginnt

Who’s who? Oder: Alles eine Frage der Etiketten

Das Redaktionsteam

Orte, an denen es geschrieben wurde

Wie Sie mit diesem Buch am besten arbeiten

TEIL I WAS IST DAS: STILLE?

Kapitel 1: Die Kraft der Stille

Ein Definitionsversuch

Der konkrete Nutzen eines stilleren Lebens

Hindernisse überwinden

Kapitel 2: Die Meister der Stille

Die Tiere – Könige der Stille

Eine innere Haltung: Stille und Sammlung

Die Katze Lala und der gegenwärtige Augenblick

In der Stille eines Zen-Klosters

TEIL II STILLE ALLENTHALBEN

Kapitel 3: Die Stille der Augen

Wenn unsere Augen gefangen sind: Visuelle Umweltverschmutzung und Vorherrschaft der Bildschirme

Den Blick kontrollieren: Warum und wie?

Den Blick befrieden: Schau-Pausen

Die Vorzüge der Einfachheit

Was spielt sich in meinem Kopf ab? Eine Begegnung mit geistigen Bildern … die wir loslassen lernen

Kapitel 4: Die Stille der Worte

Der Mythos von der vollkommenen Stille

Schweigen lernen

Übungen zur Bezähmung des Geistes und der kleinen Stimme im Kopf

Kapitel 5: Die Stille des Körpers

Ein abwesender Körper?

Für eine neue Beziehung zum Körper: Fühlen lernen

Der stille Körper

TEIL III WIE SIE SICH IN STILLE ÜBEN

Kapitel 6: Eine Kur der Stille für zu Hause (Der Methodenteil)

Die Vorbereitung

Der Ablauf

Kapitel 7: Stille in unseren Taten – für eine ethische Spiritualität

Die Erde: Eine geduldige Mutter

Die Rückkehr zur Einfachheit

Vegetarische Ernährung oder die Kunst, seine Freunde nicht aufzuessen

Tipps und Tricks für alle, die weitermachen wollen

Ein paar Übungen, die Sie täglich machen können

Und noch einige Empfehlungen …

Einführung

Ein Buch – nicht wie andere seiner Art

Bücher über Persönlichkeitsentwicklung sind häufig gespickt mit Übungsanleitungen, die schon nach wenigen Tagen der Praxis Gelassenheit und Seelenfrieden versprechen. Mal ganz abgesehen davon, dass selbst der Buddha – der in diesen Dingen ja nicht ganz unbeschlagen war – dafür mehrere Jahre gebraucht hat, hatte ich immer schon das Gefühl, dass fix und fertige »Gebrauchsanweisungen« ihren Zweck nicht erfüllen und es besser wäre, dem Leser Geschichten aus dem wirklichen Leben anzubieten, ergänzt durch einige kleine Übungen. Beim Lesen solcher Bücher hätte ich den »Wunderdoktoren« mehr als einmal am liebsten entgegengeschleudert: »Und wo sind deine Beweise?« Um nicht ein ähnliches Donnerwetter seitens der Skeptiker unter meinen Lesern auf mich zu ziehen, führe ich eine Vielzahl von Beispielen an, kleine Geschichten und andere Zeugnisse aus erster Hand … selbst lehrreiche Fehlschläge, und seien sie noch so peinlich!

Dazwischen finden Sie auch ein paar poetische Höhenflüge meinerseits, spontan entstanden aus dem Staunen im Angesicht der Natur und der Schönheit aller Wesen. Sollten Sie, lieber Leser, eher rational veranlagt sein, so vertraue ich darauf, dass Sie die fraglichen Passagen munter wie ein Zicklein überspringen. Die Autorin wird es Ihnen nicht verübeln (und es auch niemals erfahren, Ihre Ehre ist also gerettet!).

Beim Lesen dieser Seiten – sei es von vorn nach hinten oder kunterbunt durcheinander – werden Sie außerdem auf eine Anzahl praktischer Übungen stoßen. Doch Vorsicht! Manche davon können Ihr gesamtes Leben umkrempeln. Nicht mehr und nicht weniger. Denn wenn ich schon ein Buch schreibe und ausführlich den Nutzen dieser oder jener Praxis darstelle, wenn ich schon Panoramaeinblicke in mein Leben gebe, dann muss sich der Aufwand auch lohnen. Sie schlagen dieses Buch also auf eigene Gefahr hin auf. Tiefgreifende Veränderungen warten auf Sie. Die Psychologie sagt, dass viele Menschen das Altvertraute, und sei es noch so trist, dem Neuen und Unvorhersehbaren vorziehen. Wie steht es mit Ihnen?

Während ein Teil Ihres Gehirns noch über diese Frage nachdenkt, gebe ich Ihnen ein paar Informationen zu den Übungen in diesem Buch. Sie sind so konzipiert, dass sie sich leicht in Ihren normalen Tagesablauf integrieren lassen. Sie müssen dafür weder vor Sonnenaufgang aufstehen noch besonders viel Zeit in Ihrem Kalender freischaufeln. Es geht vielmehr darum, in Ihre täglichen Aktivitäten kleine Prisen Achtsamkeit und innerer Sammlung einzustreuen, so wie man ein Gericht mit einem edlen Gewürz verfeinert. Und Sie werden sehen: Das kann den »Geschmack« des Alltags verändern und höchst überraschende Aromen offenbaren.

Manchmal freilich ist es noch heilsamer, sich tatsächlich mehr Zeit zu nehmen und sich genießerisch an den Gestaden prachtvoll weiter Leere zu ergehen. Jene Privilegierten unter uns, die über ein wenig freie Zeit verfügen (Machen Sie sich bewusst, welches Glück das in dieser hyperaktiven Gesellschaft bedeutet!), seien auf die Möglichkeit einer Klausur im Kloster oder einer ein- bzw. mehrtägigen Stille-Kur in den eigenen vier Wänden hingewiesen.

Ich hoffe, dass jeder von Ihnen auf den folgenden Seiten Anregungen oder Übungen findet, die ihm oder ihr zusagen. Nehmen Sie sie wie kleine Perlen, die Sie heimlich in der Tasche tragen, weil sie Ihnen Zutritt zu Ihren inneren Schätzen verschaffen.

Ein Buch, das mit einer Entschuldigung beginnt

Dies ist ein Buch über die Stille, und doch zählt es mehrere zehntausend Wörter. Paradox, nicht wahr? So viele Seiten, um über das Unsagbare zu sprechen, wo ein Bild von Rembrandt oder eine Komposition von Satie genügt hätte. Um die Stille zum Fest des Lebens einzuladen, braucht es in der Tat nicht mehr, als den Bruchteil einer Sekunde aufmerksam zu sein. Unser Gehör erwacht, wir fangen an, wirklich zu lauschen – einem Vogel, der den Himmel durchschneidet … oder jeder anderen Erscheinung, wenn sie nur spontan genug ist, um unser Staunen zu erregen.

Aber leider habe ich, was meine Geschicklichkeit mit dem Pinsel bzw. mein Virtuosentum am Flügel angeht, die Feinheit eines Rugbyspielers und die Ruhe und Gelassenheit eines Fußballtrainers am Spielfeldrand. Somit sah ich mich gezwungen, mir mit dem zu helfen, was mir an Mitteln zur Verfügung stand: Sarabanden aus Wörtern, die wie durch einen Zauber aus den Tiefen des Seins emporsprudelten, fröhlich von rechts nach links, von oben nach unten, von vorne nach hinten tanzten, ehe sie ihren Platz auf dem weißen Papier fanden. Gedanken, Sätze, kleine Geschichten reihten sich aneinander, wie Perlen an einer Schnur, und bahnten im Gänsemarsch allmählich die Spur, der dieses Buch nun folgt. Ich beobachtete dieses Geschehen einigermaßen verwundert und stellte mir immer wieder die Frage, die sich als Unterströmung durch den ganzen Text ziehen wird: Woher nur kommen all diese Wörter? Was ist dieses Bewusstsein, das Dinge in Worte fasst, das schreibt und plappert? Die Antwort auf diese Frage ist mir bis heute ein Rätsel geblieben. Ergebnis meiner Forschungen aber ist dieses Buch, das Sie jetzt in Händen halten und dessen Wortschwelgereien Sie, wie ich hoffe, entschuldigen werden.

Who’s who? Oder: Alles eine Frage der Etiketten

Fragt man mich, was ich »im Leben« so treibe, dann habe ich immer große Lust zu sagen: »Na ja, so einiges. Ich gehe, esse, schlafe, betrachte den Himmel, atme, streichle meine Katzen, meditiere, singe … Und was treiben Sie so?« Aber natürlich erwartet der Fragesteller nicht diese Art von Antwort. Wir alle müssen in eine Rolle schlüpfen, die uns dann wie ein Etikett auf der Stirn klebt, unserem Gegenüber aber erlaubt, uns fein säuberlich in eine Schublade zu stecken. Man bekommt gar den Eindruck, dass Menschen, denen ein eindeutiges Etikett fehlt, eine ziemliche Irritation darstellen! Um also meine Zeitgenossen nicht zu verstören, habe auch ich mir ein paar solcher Aufkleber zugelegt, die ich je nach Situation austausche oder versetze.

Am häufigsten klebe ich mir das Etikett »buddhistische Nonne der Zen-Tradition« auf, das von allen wohl am stärksten unter die Haut geht. Insofern erinnert es eher an eine echte Tätowierung als an ein Klebe-Tattoo. Fünfzehn Jahre sind es jetzt, dass ich den edlen Beruf der Nonne ausübe. Trotzdem ist die Bezeichnung schlecht gewählt. Sie drückt zwar den zutiefst spirituellen Aspekt meines Lebens aus, andere Seiten jedoch klingen darin nicht an. In der Zen-Tradition, der ich angehöre, darf man – wie übrigens auch in anderen buddhistischen Schulen – heiraten (ich habe einen der charmantesten Gefährten, den man sich vorstellen kann) und Kinder haben (was ich nicht wollte). Viele üben neben ihren klösterlichen Pflichten auch noch einen »bürgerlichen« Beruf aus. Die Bezeichnung »Nonne« wirkt daher etwas überholt. Umso mehr, als Sie bald merken werden, dass sich ein Teil meiner Aktivitäten im Internet abspielt. Neben dem Blog, den ich betreibe, bin ich zuständig für die Auftritte meines Klosters und ein paar anderer buddhistischer Organisationen in den sozialen Netzwerken. Nonne 2.0 also! Dazu kommen einige weitere Aufgaben, die immer mehr Raum einnehmen: Anfänger betreuen, Meditation unterrichten, Vorträge halten, Beratungsgespräche führen, Artikel für Zeitschriften schreiben, mich mit Kollegen austauschen etc. Und dies zusätzlich zu einem ohnehin ausgefüllten und hochgradig spannenden Arbeitstag!

Manchmal klebt mir auch das Etikett »Therapeutin« auf der Stirn, da ich seit ein paar Jahren als Hypnotherapeutin arbeite. Die Hypnotherapie ist ein Teilgebiet der Verhaltenstherapie, das mittels veränderter Bewusstseinszustände Verhaltensänderungen zu bewirken sucht, und hat ein weites Anwendungsfeld: Depressionen, Prüfungsängste, mangelndes Selbstvertrauen, Phobien … Diese Arbeit fasziniert mich, und ich ziehe daraus einiges an Menschenkenntnis, was mir wiederum in meiner buddhistischen Lehrtätigkeit zugutekommt. In der Tradition des Zen, der ich angehöre, arbeiten wir mehrere Stunden pro Woche, um unseren Lebensunterhalt zu finanzieren, denn unsere spirituelle Gemeinschaft ist zu jung, um von irgendeiner Institution finanzielle Unterstützung zu erhalten. Und das ist auch gut so! Denn die Tatsache, dass wir uns mit denselben Schwierigkeiten herumschlagen müssen wie unsere Mitmenschen – Arbeit finden, ein bisschen Geld verdienen –, bringt uns bei Gesprächen, Vorträgen und anderen Lehrveranstaltungen den Menschen näher.

Dann wieder unterrichte ich Gesang und Sprechen vor Publikum. Das ist mein ursprünglicher Beruf, den ich seit 1998 ausübe. Ich werde später noch darauf zurückkommen.

Außerdem arbeite ich seit zwei Jahren ehrenamtlich als Pferdepflegerin – noch ein Etikett, und es passt überhaupt nicht zu den vorangegangenen! Durch die Begegnung mit Pferden in ihrer natürlichen Umgebung – nämlich mit halbwild lebenden Pferdeherden – habe ich so viel gelernt, dass ich gar nicht anders kann, als Ihnen ausführlich davon zu erzählen. Wobei ich gestehen muss, dass sich mein Wissen über die Welt der Pferde – ich bin ein Stadtkind – bis dato auf Plastiktierchen aus der Reihe »Mein kleines Pony« und Bilder von Pferderennen beschränkt hat. Heute platziere ich meinen Allerwertesten regelmäßig auf dem Traktor, um den Pferden Heu auf die Wiese zu bringen. Oder ich stecke ihnen die Hand ins Maul, um ihr Gebiss zu prüfen. Ich bürste sie und braue ihnen Wohlfühl-Tränke für die Verdauung, damit sie gut durch den Winter kommen. Ich tätschle, kraule und kose sie, bis sie genug haben. Vor allem aber bleibe ich viele Stunden bei ihnen und studiere … die Stille.

Und jetzt habe ich auch noch mit der Schreiberei angefangen. Möge Victor Hugo mir meine Dreistigkeit verzeihen! Aber reden wir doch lieber von anderen Dingen …

Das Redaktionsteam

Zur Entstehung dieses Buches haben zahllose Menschen, Geschöpfe und Umstände beigetragen.

Wie zum Beispiel Lala, meine Katzenprinzessin, die mich regelmäßig eingeladen hat, doch ein Päuschen einzulegen, indem sie sich faul neben meinem Computer ausgestreckt hat. Ohne ihre wohlmeinenden Einflüsterungen wäre mein Rücken jetzt vollkommen hinüber … Elegant und anmutig maß sie meinen Schreibtisch von rechts nach links ab und gestattete mir so, Augen-Yoga zu praktizieren und die müden Pupillen zu entspannen.

Oder die nette Dame von dreiundneunzig Jahren, die ich im Teesalon nebenan kennenlernte, und die irgendwann in breitestem Elsässisch ausrief: »Ich lese Ihre Texte jeden Abend vor dem Einschlafen mit der Lupe. Sie tun mir gut … Ja … Keine Frage: Sie tun mir gut.« Und so gab sie mir neue Motivation, wenn meine Feder zu erlahmen drohte.

Die Wintersonne, die an einem grauen Tag zum Fenster hereinleuchtete und sich über meinen Arbeitstisch ergoss, als wolle sie mir sagen: »Los, nun mach schon! An die Arbeit!«

Und das unsichtbare Band, das mich mit meiner ersten Lektorin Sophie R. verbindet, an die ich oft denke.

Aber auch meine Freunde, der Wind, die Cafés, die Pferde, die sozialen Netzwerke und vor allem die Wagenladungen von Büchern, die ich verschlungen habe, seit ich fünf war und meine liebe Oma mir das Lesen beibrachte, während ich auf ihren gut gepolsterten Knien saß. Ohne diese Lesestunden, ohne diese Wörter, die in den Untiefen meines Köpfchens versanken, ohne all diese Formulierungen, die nun fröhlich wieder aus dem Innersten meines Gedächtnisses hervorsprudelten, wären diese Seiten leer geblieben. Leer … und still?

Meine Gefährten im Kloster, die geduldig zusahen, wie ich stets von einem Ort zum anderen unterwegs war, vom Wald zum Refektorium, von den Pferden zum Dojo, eine Feder in der Hand und den Kopf voller Ideen. Seit einiger Zeit stehe ich kaum mehr für die tägliche Praxis zur Verfügung, aber ich beobachte dankbar aus der Ferne ihr soziales Engagement.

Und du, der mich seit all diesen Jahren begleitet. Du, über den ich nichts sagen werde. Ich hülle dich in Schweigen. I shin den shin1, dieses Buch ist dir gewidmet.

Orte, an denen es geschrieben wurde

Ob in der Stadt oder auf dem Land, immer hatte ich meinen Laptop an allen möglichen und unmöglichen Orten dabei, um die geistige Wegzehrung, die Sie hier vorfinden, zusammenzutragen.

Ein solcher Ort war beispielsweise das Zen-Kloster Weiterswiller, in dem ich über fünfzehn Jahre gelebt habe. Dieser magische Ort liegt, einsam an den Waldrand geschmiegt, im Elsass in den nördlichen Vogesen. Ich kehre regelmäßig dorthin zurück, vor allem im Winter, wenn meine Unterkunft sich in einen Eiskeller verwandelt. So wie es letzten Winter der Fall war, als die Temperaturen sich konstant um die -10 °C herum bewegten, die Rohre einfroren und ein eisiger Wind durch die Ritzen der Holzwände pfiff. Da habe ich es vorgezogen, mein Einsiedlerleben aufzugeben und im Kloster Zuflucht zu suchen, wo ich hinter dem warmen Ofen beobachten konnte, wie sich der Frost verzog. An diesem Ort bekommt die Zeit einen ganz eigenen Geschmack. Zwar sind wir auch hier dank des Internets nicht von all dem abgeschnitten, was draußen in der Welt passiert, doch das Kloster als solches strahlt eine friedliche Energie aus, die zur Entschleunigung einlädt. Aufgrund der regelmäßigen Morgen- und Abendmeditationen durchdringt eine Wolke positiver Energie diesen Ort und kleidet ihn gleichsam in einen Mantel heilsamer Schwingungen, die dem Geist erlauben, zur Ruhe zu kommen. Apropos Internet: Damit erst gar keine falschen Vorstellungen aufkommen, sei eines gleich klargestellt. Allen Teilnehmern, die für ein Kurz-Retreat hierherkommen, legen wir dringend ans Herz, ihr Smartphone abzustellen und quasi eine digitale Nulldiät zu machen. Sie werden bald verstehen, warum.

Einmal pro Woche fuhr ich nach Straßburg, um in den kleinen Kneipen der Stadt zu schreiben: im Michel (dem berühmten Gasthaus, wo sich einst die Studenten der 68er-Generation versammelten), im Solidarité mit seinen riesigen Glasfenstern, im Atlantico (einem schwimmenden Lokal mit Blick auf den Fluss) und dann natürlich auch im Centre de bouddhisme Zen, unserem Zen-Zentrum, das sich direkt in der Stadtmitte befindet.

Aber da hier auf Erden nichts einfach ist, sind manche »Landstücke« dieses Buches in der Stadt entstanden und umgekehrt …

Wie Sie mit diesem Buch am besten arbeiten

Zu den meisten der hier angesprochenen Themen und Übungen finden Sie Beispiele aus dem wahren Leben. Dahinter steckt eine ganz einfache Überlegung: Hat jemand eine Methode mit Erfolg ausprobiert, lockt dies Nachahmer. Während meiner Ausbildung zur Hypnotherapeutin habe ich mich ausführlich mit Neurolinguistischer Programmierung (NLP) befasst, was ein schrecklicher Name für etwas ist, das man als eine Art Gehirnpädagogik bezeichnen könnte. Ich habe also gelernt, wie das Ding in unserem Schädel funktioniert (wobei mich die rein medizinischen Abläufe weniger interessierten) und vor allem, wie man sich zuverlässig auf ein gewünschtes Ergebnis ausrichtet.

Diese Methode ist wahnsinnig effektiv! Eine der in der NLP angewandten Techniken ist das sogenannte »Modellieren«. Um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, Fortschritte auf einem gewünschten Gebiet zu erzielen oder unsere Lebensumstände zu verändern, schlagen uns die Schöpfer der NLP vor, einfach Menschen zu beobachten, die schon geschafft haben, was wir erreichen möchten, und – sie nachzuahmen! Damit wir diese Medizin leichter schlucken, bezeichnen sie diese Technik als »modellieren«, aber im Grunde handelt es sich schlicht um Lernen durch Nachahmen. In unserer Kultur, in der wir uns so viel auf unsere Einzigartigkeit und Unabhängigkeit einbilden, kommt die Idee, sich ein Vorbild zu suchen und es nachzuahmen, meist nicht gut an. Das ist doch bloß was für Loser! »Kein Gott, kein Herr!«, wie es bei den Anarchisten heißt. Nun gut, aber wofür empfinden wir dann noch Bewunderung?

Nach dieser Ausbildung habe ich angefangen, hemmungslos zu modellieren. Kaum widmete sich jemand in meiner Umgebung einer interessanten Aufgabe oder zeigte eine besondere Begabung, beobachtete ich bis ins Kleinste, wie dieser Mensch zu Werke ging, um sozusagen die Essenz herauszudestillieren. Dazu musste ich den Leuten manchmal regelrecht ein Loch in den Bauch fragen. So zum Beispiel Michèle, einer Nonne, die die abfälligen Bemerkungen einer anderen Nonne mit geradezu stoischer Gelassenheit über sich ergehen ließ. Ich lud sie auf eine Tasse Tee ein und fragte sie nach Strich und Faden aus. »Wie schaffst du es, so ruhig zu bleiben?«, »Was empfindest du dabei?«, »Was denkst du über dich selbst und was über diese Frau, wenn sie dich anfährt?«, »Wie gelingt es dir, nicht mehr daran zu denken?«

Selbst dass ich sie so unvermittelt mit Fragen löcherte, konnte sie nicht aus der Ruhe bringen. Ich habe viel gelernt, indem ich ihr Verhalten nachahmte.

Ich möchte Ihnen vorschlagen, es mit den Beispielen in diesem Buch genauso zu halten. Spricht die Art und Weise, wie die beschriebenen Menschen agieren, Sie an, dann tun Sie es ihnen nach! Modellieren Sie, ahmen Sie nach, erforschen Sie, lassen Sie sich auf das Abenteuer ein! So werden Sie neue Kraftquellen und neue Perspektiven entdecken, die Sie übernehmen und – nicht zuletzt – auch teilen können!

1 I shin den shin. Berühmter Ausspruch im Zen, der die schweigende Kommunikation von Herz zu Herz bezeichnet.

Teil I

Was ist das: Stille?

Kapitel 1

Die Kraft der Stille

18 Uhr. Inzwischen senkt sich der Abend früh auf die Welt herab und taucht den Wald in ein weiches Halbdunkel. Ein sanfter Wind streicht still und leise durch die Blätter, aus der Ferne erklingen Kirchenglocken. Wenig später antwortet ihnen der Tempel. Die Vögel haben aufgehört zu singen. Ein Rascheln hier, ein Knacksen dort lassen die Anwesenheit wilder Tiere erahnen. In dieser Gegend begegnet man nicht selten Rehen oder Wildschweinen, von den vielen Raubvögeln, Raben oder verwilderten Katzen ganz zu schweigen. Der Abend zieht ruhig seine Bahn, fast als würde er auf etwas warten: Wer zu lauschen weiß, dem ist der Winter ein Hort der Ruhe.

Und genau darum geht es: lernen, wieder hinzuhören. Auf die Stille zu horchen, auf den Raum zwischen den Worten, die Ruhe im Sturm, das Verstreichen der Zeit. Wieder genießen zu lernen: den Geschmack eines Augenblicks, den Duft einer Mahlzeit, den Schaum der Tage, die Wärme des Feuers. Wieder spüren zu lernen: die Berührung der Fingerspitzen, das pochende Herz, den Raum, der sich öffnet, die Zeit, die plötzlich stehen bleibt … ein anspruchsvolles Programm!

Doch wie für jede gute Studie müssen wir zuerst unseren Rahmen festlegen. Natürlich nur, soweit unser Thema – die Stille – dies zulässt. Denn sie ist schlau, das Biest, und lässt sich nicht so leicht in eine Schublade sperren, und mag sie noch so schön und behaglich ausgepolstert sein. Also, versuchen wir mal, sie zumindest ansatzweise zu zähmen … Dann werden wir ja sehen!

Ein Definitionsversuch

Heute Morgen habe ich versucht, mir den stillsten Ort ins Gedächtnis zu rufen, an den mich das Leben je geführt hat. Mit Sicherheit war das die Sahara in Marokko, wohin ich vor einigen Jahren mit Freunden gereist bin. Ich stand vor Morgengrauen auf, um den Sonnenaufgang zu betrachten. Kein Wind, kein Laut, nur die roten Rücken der Dünen, so weit das Auge reichte. Seit Anbeginn der Zeit flüchten sich die Eremiten und andere Menschen, die das Absolute suchen, in die Wüste. An jenem Morgen habe ich verstanden, weshalb. Da saß ich nun allein im Sand: Es gab nichts zu tun. Alles war einfach da, so wie es war, ohne Vergangenheit, ohne Zukunft. Wozu sich nach allen Seiten krummlegen, um irgendetwas zu beweisen? Wozu illusorischen Erfolgen nachjagen wie dem trügerischen Schweif der Kometen? Sinnlos. Lieber durchatmen und die Ruhe des Augenblicks genießen.

Und dann? Dann kamen die anderen und riefen laut: »He! Das ist ja wunderschön! Los, lasst uns ein paar Selfies machen.« Und schon war der Zauber gebrochen. Instagram speicherte unsere staunenden Gesichter unter #onestzen, und die Wüste seufzte angesichts solcher Torheit. Ich aber nahm ein paar Sandkörner mit. Wenn sie in meiner Tasche knirschten, klang das für mich wie der Ruf der Wüste: Die Unendlichkeit ist da, stets in Reichweite für all jene, die sie schauen wollen.

Stille ist nicht gleich Abwesenheit von Lärm

Jeder hat diese Erfahrung der Unendlichkeit schon einmal gemacht: auf einem Waldweg, beim Innehalten inmitten einer hektischen Menschenmenge, im Nachtbus nach Hause, im Lauschen auf das Gespräch von Freunden, die zu entfernt von uns sitzen, um sie wirklich zu verstehen … Die Stille liegt sozusagen auf der Lauer. Zwischen den Worten, zwischen den gewohnten Bildern, zwischen den vertrauten Empfindungen existiert ein paralleles Universum, eine absolute und erquickende Ruhe, als deren Torwächter Achtsamkeit und innere Sammlung aufgestellt sind. Denn Stille hat – das sei hier einmal in aller Deutlichkeit gesagt – nichts, aber auch rein gar nichts mit der Abwesenheit von Getöse zu tun!

Sonst wäre es ja wirklich zu einfach. Dann müssten wir uns nur jeden Tag in einen dieser Tanks legen, die uns gegen alle äußerlichen Reize abschotten. Diese Dinger waren in den Siebzigerjahren groß in Mode, und wer es einmal ausprobieren will – in den großen Städten gibt es immer noch solche »Floating Tanks«. Allerdings sind sie für Leute mit Klaustrophobie und kleinem Budget absolut ungeeignet. Auf den folgenden Seiten möchte ich Sie daher in eine sehr viel poetischere und obendrein kostenlose Erfahrung einführen.