Störgefühle - Cathy Park Hong - E-Book
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Störgefühle E-Book

Cathy Park Hong

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Beschreibung

Der große Sachbuch-Bestseller aus den USA, ausgezeichnet mit dem National Book Critics Circle Award, über anti-asiatischen Rassismus.

»Dieses Buch zu lesen, heißt, menschlicher zu werden.« Claudia Rankine

»Beeindruckend. Gespickt mit Momenten von Offenheit und schwarzem Humor, durchdrungen von tiefer Selbsterkenntnis.« The New York Times

»Brutal und brillant.« Jia Tolentino

»Meisterhaft. Cathy Park Hong beleuchtet Fragen zu Rassismus und Identität, die hier zum ersten Mal gestellt werden, und schafft damit ein glühendes Handbuch für die Gegenwart.« Esquire

»Dazu bestimmt, ein Klassiker zu werden.« Maggie Nelson

Als Tochter koreanischer Einwanderer wächst Cathy Park Hong voller Momente von Scham und Melancholie auf. Sie nimmt das tiefe Misstrauen gegenüber Menschen mit asiatischen Wurzeln wahr. Erst später versteht sie, dass diese  »Störgefühle«, wie sie sie nennt, eine Reihe negativer Emotionen, immer dann aufkommen, wenn sie anti-asiatischem Rassismus ausgesetzt ist. Mit cooler Intelligenz liefert sie ausgehend von ihrer eigenen Lebensgeschichte eine persönliche Betrachtung davon, was es bedeutet, weder als »weiß genug« noch als »schwarz genug« zu gelten, und wo Menschen mit asiatischen Wurzeln heute stehen. Dabei wird klar: Strukturelle Ausgrenzung und anti-asiatischer Rassismus sind kein Problem am Rand der Gesellschaft, sie sind allgegenwärtig. Ein glänzendes Buch, das unbequeme Wahrheiten ans Licht bringt.

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Seitenzahl: 279

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Über das Buch

Als Tochter koreanischer Einwanderer wächst Cathy Park Hong voller Momente von Scham und Melancholie auf. Sie nimmt das tiefe Misstrauen gegenüber Menschen mit asiatischen Wurzeln wahr, spürt, wie ihre Eltern im Alltag gedemütigt werden. Erst später versteht sie, dass diese  »Störgefühle«, wie sie sie nennt, eine Reihe negativer Emotionen, immer dann aufkommen, wenn sie anti-asiatischem Rassismus ausgesetzt ist. Mit cooler Intelligenz liefert sie ausgehend von ihrer eigenen Lebensgeschichte eine eingehende Betrachtung davon, was es bedeutet, weder als »weiß genug«  noch als »schwarz genug« zu gelten, und wo Menschen mit asiatischen Wurzeln heute stehen. Dabei wird klar: Strukturelle Ausgrenzung und anti-asiatischer Rassismus sind kein Problem am Rand der Gesellschaft, sie sind allgegenwärtig. Ein glänzendes Buch, das unbequeme Wahrheiten ans Licht bringt.

Über Cathy Park Hong

Cathy Park Hong wurde 1976 als Tochter koreanischer Immigranten in Los Angeles geboren. Sie ist Autorin und Lyrikerin und wurde für »Störgefühle« für den Pulitzerpreis nominiert und mit dem National Book Critics Circle Award ausgezeichnet. »Time Magazine« wählte sie zu einer der hundert einflussreichsten Menschen des Jahres 2021. Sie lebt mit ihrer Familie in Brooklyn.  

Eva Kemper, geboren 1972 in Bochum, studierte in Düsseldorf Literaturübersetzen. Sie übersetzte u. a. Werke von Sara Gruen, Elif Batuman, Junot Díaz, Jarett Kobek, Alice Hoffman und Michelle McNamara.

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Cathy Park Hong

Störgefühle

Über anti-asiatischen Rassismus

Aus dem Amerikanischen von Eva Kemper

Übersicht

Cover

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

Newsletter

Widmung

United

Stand-up

Das Ende der weissen Unschuld

Schlechtes Englisch

Lehrstunde

Porträt einer Künstlerin

Schuld

Danksagung

Erläuterungen

Impressum

Für Meret

United

Meine Depression begann mit einem eingebildeten Tick.

Ich starrte eine Stunde in den Spiegel und wartete darauf, dass mein Augenlid zuckte oder der Mundwinkel kribbelte.

»Siehst du meinen Tick?«, fragte ich meinen Mann.

»Nein.«

»Siehst du meinen Tick jetzt?«, fragte ich meinen Mann.

»Nein.«

»Siehst du meinen Tick jetzt?«

»Nein!«

Mit Anfang zwanzig hatte ich tatsächlich in meinem rechten Augenlid einen Tick gehabt, der sich ausweitete und manchmal an den Muskeln meiner rechten Gesichtshälfte zerrte, bis ich das Auge zusammenkniff wie Popeye. Es stellte sich heraus, dass ich unter einer seltenen neurologischen Störung leide, einem hemifazialen Spasmus, ausgelöst durch zwei verdrehte Nerven hinter dem Ohr. 2004, als ich sechsundzwanzig war, befreite mich ein Arzt in Pittsburgh von meinen Spasmen, indem er die verschlungenen Nerven mit einem winzigen Schwamm voneinander trennte.

Jetzt war es sieben Jahre später, und ich war überzeugt, meine Spasmen wären zurückgekehrt – das Schwämmchen hätte sich verschoben und die Nerven hätten sich wieder ineinander verschlungen. Mein Gesicht war nicht mehr mein Gesicht, sondern eine Maske aus zitternden Nerven, die mit Meuterei drohten. Die Abläufe waren gestört. Jeden Moment konnte ein Nerv fehlzünden und meine Muskeln zucken lassen wie einen wild hin- und herschlagenden Wasserschlauch. Ich dachte ständig an mein Gesicht und konnte meine Nerven regelrecht spüren, sie kribbelten. Das Gesicht ist nackter als jeder andere Körperteil, aber das bemerken wir erst, wenn es in irgendeiner Form verletzt ist, und dann denken wir nur noch an seine Nacktheit.

Mein altes verlegenes Verhalten kam zurück. In der Öffentlichkeit griff ich zu ausgefeilten Tricks, um mein Gesicht zu verbergen, legte mir etwa eine Hand an die Wange, als wäre ich fortwährend bestürzt, oder wandte den Blick ab, als würde ich über das Wetter nachdenken, während ich nur an meine übersensiblen Nerven denken konnte, die mein Gesicht jeden Moment zucken lassen konnten.

Ich hatte gar keinen Tick.

Mein Verstand drohte zu meutern. Allmählich wurde ich paranoid und obsessiv. Ich wünschte mir, jemand würde mir den Kopf abschrauben und einen weniger neurotischen aufsetzen.

»Dumme Denke«, nannte mein Mann das.

Um einzuschlafen, versuchte ich es mit Whiskey, dann mit Whiskey mit Ambien, dann mit Whiskey mit Ambien, Xanax und Gras, aber nichts half. Wenn ich nicht schlafen konnte, konnte ich nicht denken. Wenn ich nicht denken konnte, konnte ich weder schreiben noch Kontakte pflegen oder mich unterhalten. Ich war wieder das Kind. Das Kind, das nicht Englisch sprechen konnte.

Ich wohnte in einem schönen, mietpreisgebundenen Loft an einem unscheinbaren Abschnitt des Lower Broadway, bekannt für seine Jeansläden, in denen die Hits des Radiosenders Hot 97 den musikalischen Hintergrund bildeten. Endlich führte ich das New Yorker Leben, das ich mir immer erträumt hatte. Ich war frisch verheiratet und hatte vor Kurzem ein Buch geschrieben. Ich hatte keinen Grund, depressiv zu sein. Aber jedes Mal, wenn ich glücklich war, bekam ich Angst vor einer furchtbaren Katastrophe, also sorgte ich dafür, dass ich mich generell scheußlich fühlte, damit die Katastrophe gar nicht erst eintreten konnte. Diese Beklemmungen belasteten mich, und ich fiel in eine tiefe Depression. Eine Freundin sagte, wenn sie depressiv sei, käme sie sich vor wie ein »Faultier, das vom Baum gefallen ist«. Eine passende Beschreibung. Ich fühlte mich stumpf und erschöpft, bis ich das Haus verlassen und mit anderen Menschen interagieren musste, und dann fühlte ich mich zerschunden.

Ich beschloss, meine Depression behandeln zu lassen. Ich wollte zu einer koreanisch-amerikanischen Therapeutin, weil ich dann nicht so viel erklären musste. Sie würde mich ansehen und sofort wissen, woher ich kam. In der Datenbank meiner Krankenversicherung Aetna fand ich unter den Hunderten Einträgen für New York genau eine Therapeutin mit einem koreanischen Nachnamen. Ich sprach ihr auf die Mailbox, sie rief mich zurück, und wir vereinbarten einen Gesprächstermin.

In ihrem kleinen, schummerigen Wartezimmer hing ein gerahmter Diego-Rivera-Druck von einer knienden Frau mit einem riesigen Korb Callas. Der ganze Raum war in Riveras beruhigender Farbpalette gehalten: eine braune Vase mit Rohrkolben, ein karamellfarbener Ledersessel, ein Teppich in der Farbe sterbender Korallen.

Die Therapeutin öffnete die Tür. Als Erstes fiel mir auf, wie groß ihr Gesicht war. Es war riesig. Ich überlegte, ob das für sie wohl ein Problem war, weil koreanischen Frauen ein schmales Gesicht derart wichtig ist, dass sie sich dafür unters Messer legen und den Kiefer abschaben lassen (ein gängiges koreanisches Kompliment ist: »Dein Gesicht ist so klein wie eine Faust!«).

Ich betrat ihr Sprechzimmer und nahm auf dem Sofa Platz. Sie sagte, sie wolle die Sitzung mit einigen Standardfragen beginnen. Ihre Fragen waren wirklich Standard: Hörte ich Stimmen? Dachte ich an Selbstmord? Ich fand es beruhigend, dass sie mir so gängige Fragen stellte, es zeigte mir, dass meine Depression nicht ich war, sondern ein typisches Krankheitsbild. Mutlos antwortete ich; gut möglich, dass ich meinen Trübsinn demonstrativ herauskehrte, um ihr und mir selbst zu beweisen, dass ich wirklich ihre Hilfe brauchte. Aber dann fragte sie: »Haben Sie sich in Ihrer Kindheit jemals geborgen gefühlt?« Ich durchforstete meine Erinnerungen, und als mir kein einziger Moment in den Sinn kam, brach ich in Tränen aus. Ich erzählte ihr, wie alles angefangen hatte – meine Depression, meine Familiengeschichte –, und nach unserer Sitzung fühlte ich mich spürbar geläutert. Ich sagte ihr, ich würde gern wiederkommen.

»Ich weiß nicht, ob ich über Aetna weitere Patienten annehme«, sagte die Therapeutin in neutralem Tonfall. »Ich melde mich bald bei Ihnen.«

Am nächsten Tag rief ich ihre Praxisnummer an, um einen neuen Termin zu vereinbaren. Als ich nach vierundzwanzig Stunden noch nichts gehört hatte, hinterließ ich zwei weitere Nachrichten. Am Tag danach sprach sie mir auf die Mailbox, sie könne mich nicht als Patientin annehmen, weil sie beschlossen habe, Aetna nicht mehr als Versicherung zu akzeptieren. Ich rief sofort zurück, erwischte ebenfalls die Mailbox und erklärte, Aetna würde mir 80 Prozent meiner Ausgaben erstatten. Sie reagierte nicht darauf. Im Laufe der Woche hinterließ ich ihr noch vier Nachrichten, eine verzweifelter als die andere, und bat inständig um ihre Handynummer, damit wir in Kontakt bleiben konnten. Dann fing ich an, wahllos anzurufen, weil ich hoffte, sie zwischen zwei Sitzungen zu erwischen, und legte auf, wenn ihre Mailbox dranging. Das machte ich ein halbes Dutzend Mal am Tag, bis mir klar wurde, dass ihr wahrscheinlich die Nummern angezeigt wurden, und dann verkroch ich mich beschämt in meinem Bett und kam den ganzen Tag nicht mehr heraus. Schließlich hinterließ sie mir eine knappe Nachricht auf der Mailbox: »Für eine Erstattung ist viel Papierkram nötig.« Ich drückte ihre Kurzwahltaste und sprach auf ihre Mailbox: »Papierkram ist kein Problem für mich!«

Während ich auf ihre Antwort wartete, musste ich eine Lesung an der University of Wyoming in Laramie halten. Zu diesem Zeitpunkt war ich schwer depressiv. Es grenzt an ein Wunder, dass ich es in ein Flugzeug schaffte, obwohl ich mir am liebsten das Gesicht abgeschnitten hätte. Wie erwartet lief die Lesung nicht gut. Meine Gedichte vor Publikum vorzutragen, zeigt mir klar meine Grenzen auf. Ich werde dabei mit der Kluft zwischen der Vorstellung des Publikums von einer Dichterin und mir als ernüchternder Verkörperung dieser Dichterin konfrontiert. Ich fülle die Rolle schlicht nicht aus. Asiaten fehlt es an Präsenz. Asiaten wirken, als wäre es ihnen peinlich, überhaupt Raum einzunehmen. Unsere Präsenz reicht nicht mal aus, um als echte Minderheit durchzugehen. Wir sind ethnisch nicht interessant genug, als dass es Quotenasiaten gäbe. Wir spielen im Diskurs um race kaum eine Rolle, wir sind Silikon. Ich trug meine Gedichte mit meiner Kazoo-Stimme vor. Nach der Lesung stürmten alle zum Ausgang.

Mein Rückflug nach New York führte über Denver. Bei der Zwischenlandung erschien plötzlich die Telefonnummer der Therapeutin auf dem Display. »Eunice!«, rief ich ins Handy. »Eunice!« War es unhöflich, sie mit Vornamen anzureden? Hätte ich sie Dr. Cho nennen sollen?1 Ich fragte nach meinem nächsten Termin. Sie klang frostig. »Cathy, ich weiß Ihren Eifer zu schätzen«, sagte sie, »aber es ist das Beste, wenn Sie sich eine andere Therapeutin suchen.«

»Mit dem Papierkram werde ich fertig! Ich liebe Papierkram!«

»Ich kann nicht Ihre Therapeutin sein.«

»Warum nicht?«

»Wir passen nicht zueinander.«

Es war wie ein Schlag. Ich war bis in die letzte Faser verletzt. Ich hatte nicht geahnt, dass Therapeuten einen Patienten einfach so ablehnen können.

»Können Sie mir sagen, warum?«, fragte ich zaghaft.

»Nein, tut mir leid.«

»Sie wollen mir also keinen Grund nennen?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Diese Information darf ich nicht preisgeben.«

»Ist das Ihr Ernst?«

»Ja.«

»Ist es, weil ich Ihnen zu oft auf die Mailbox gesprochen habe?«

»Nein«, sagte sie.

»Behandeln Sie jemanden, den ich kenne?«

»Nicht, dass ich wüsste.«

»Dann liegt es daran, dass ich für Sie zu verkorkst bin, oder?«

»Natürlich nicht«, sagte sie.

»Tja, so wird es mir aber vorkommen, wenn Sie mir den Grund nicht nennen. Durch Sie habe ich das Gefühl, ich sollte mich auf keinen Fall öffnen und über meine Gefühle sprechen, weil ich mit meinen Problemen jeden verschrecke! Ist das nicht das Gegenteil von dem, was eine Therapeutin erreichen sollte?«

»Ich verstehe, wie Sie sich fühlen«, sagte sie ausdruckslos.

»Wenn ich nach diesem Gespräch etwas Extremes tue, ist es allein Ihre Schuld.«

»Da spricht Ihre Depression aus Ihnen.«

»Da spreche nur ich«, sagte ich.

»Eine Patientin wartet auf mich«, sagte sie.

»Versauen Sie es bei ihr nicht auch«, antwortete ich.

»Leben Sie wohl.«

Seit ich denken kann, bemühe ich mich darum, mich und dadurch meine Existenz zu beweisen. Ich, die Autorin, arbeitete fünfmal so hart wie die anderen, und trotzdem sah ich, wie sich meine Hand und dann mein Arm auflösten. Nachts schreckte ich oft aus dem Schlaf hoch und machte mich in Gedanken nieder, bis mir das Morgenlicht in die Augen stach. Mein Selbstvertrauen war verkümmert, nachdem ich Liebe immer nur unter Vorbehalt gekannt hatte und ich in einer Gesellschaft lebte, für die ich so austauschbar wie eine Fluse war.

Die öffentliche Wahrnehmung verbannt asiatischstämmige Amerikaner in eine Art Fegefeuer: weder weiß genug noch schwarz genug; Afroamerikaner misstrauen uns, Weiße ignorieren uns, wenn die Weißen uns nicht gerade benutzen, um die Schwarzen zu unterdrücken. Wir sind die emsigen Bienen des Dienstleistungssektors, die Apparatschiks der Geschäftswelt. Wir sind die Zahlenjongleure in der mittleren Führungsebene, die die Unternehmen am Laufen halten, aber nie befördert werden, weil wir für eine echte Führungsposition nicht das richtige »Gesicht« haben. Wir haben ein Contentproblem. Innerlich gelten wir als leer. Dabei mag ich teilnahmslos aussehen, aber unter der Oberfläche strample ich mich ab, und ich überkompensierte ständig, um meine gefühlte Unzulänglichkeit zu verbergen.

Es gibt tonnenweise Literatur über jüdischen und über afroamerikanischen Selbsthass, aber über asiatischen Selbsthass wurde noch nicht genug geredet. Bei dieser Art von Selbsthass betrachtet man sich so, wie die Weißen einen sehen, und wird dadurch zu seinem eigenen ärgsten Feind. Zur Verteidigung kämpft man gegen sich selbst an, was zwanghaft wird und damit tröstlich, man pickt sich selbst zu Tode. Man mag nicht, wie man aussieht, wie man klingt. Die eigenen asiatischen Gesichtszüge erscheinen einem undefiniert, als hätte Gott angefangen, das Äußere zu modellieren und mittendrin aufgegeben. Man kann es nicht ausstehen, wenn viele Asiaten im Raum sind. Wer hat die ganzen Asiaten reingelassen?, fragt man sich. Statt in Gegenwart anderer asiatischer Menschen Solidarität zu empfinden, fühlt man sich abgewertet, als wäre man nicht klar abgegrenzt, sondern würde mit einer Horde verschmelzen.

Ich hoffe, dass meine Generation die letzte sein wird, die diesen Selbsthass empfindet, aber wie sehr ich daran glaube, hängt auch davon ab, wo ich gerade bin. Am Sarah Lawrence College, an dem ich unterrichte, hatte ich Studentinnen voller Energie und Biss – selbstbewusst und politisch engagiert und brillant –, und ich dachte: Gott sei Dank, das sind die Asiatinnen 2.0, die wir brauchen, asiatische Frauen, die sich Gehör verschaffen. Und dann besuchte ich eine andere Universität, und dort sagten die asiatischen Frauen im Seminarraum kein einziges Wort, sie saßen demütig wie Mäuse mit schönen Haaren da, und ich hätte ihnen am liebsten zugerufen: Ihr müsst den Mund aufmachen! Sonst geht ihr unter!

2002 nahm ich für meinen Master in Lyrik am University of Iowa Writer’s Workshop teil. Meine Freundin und ich wollten uns in der Coral Ridge Mall eine Pediküre gönnen und fanden einen familiengeführten Salon, dessen vietnamesischer Besitzer in einen Immigrantensprachstil verfiel, indem er alles schnell zweimal hintereinander sagte: »Pediküre Pediküre? Setzen, setzen.« Ich wartete darauf, dass mich die Frau oder die Tochter des Mannes bedienen würden, aber sie hatten Kundinnen. Nur sein Sohn, der einen übergroßen schwarzen Kapuzenpulli und Cargo-Shorts trug und aussah, als wäre er vierzehn, war noch frei. Mit finsterem Blick und den Händen in den Hosentaschen stand er hinter der Theke. Er wirkte nicht wie ein ausgebildeter Fußpfleger. Er sah so aus, als sollte er auf der Xbox Halo spielen. Als der Junge nicht beim ersten Mal reagierte, fuhr der Vater ihn an, er solle sich beeilen und das Fußbad einlassen.

Der Junge kam an meinen Stuhl. Als er sich hinhockte, sanken seine Ohren auf die Höhe seiner verschorften Knie. Ich sagte, ich wolle meine Nägel rund geschnitten haben, nicht gerade. Er ließ Wasser in das Becken laufen. »Das ist zu heiß!«, sagte ich, als ich meinen Fuß hineintauchte. Er stellte die Temperatur langsam richtig ein. Mir entging nicht, dass er meine Nägel gerade schnitt statt rund. Und mir fiel auf, dass er mir nicht in die Augen sah. Als er es doch tat, entdeckte ich einen Anflug von Feindseligkeit. Hegte er einen Groll, weil er nach der Schule Fußballmuttis aus Iowa die Waden massieren musste? Oder störte es ihn, eine Frau zu bedienen, die ihm zu ähnlich sah, eine junge Asiatin? Ich war vierundzwanzig, wäre aber als siebzehn durchgegangen, und mit meinen kurzen, gestuften Haaren wirkte ich knabenhaft. Trotzdem, dachte ich damals, bin ich viel älter als du, und du solltest mich respektieren, so, wie du gezwungen bist, die blonden Iowa-Mütter zu respektieren, die herkommen. Dann nahm er die Nagelzange und zwickte mich so fest in den großen Zeh, dass ich zusammenzuckte.

»Können Sie bitte etwas vorsichtiger sein?«, sagte ich. Er murmelte eine Entschuldigung, drückte die Nagelzange aber noch fester in meine Haut.

»Vorsichtig, bitte.«

Er riss ein Stückchen Nagelhaut ab.

»He!«

Er drückte mit der Nagelzange fester zu.

»Ich habe gesagt – «

Er riss ein Stück Nagelhaut ab.

»vorsichtiger – «

Er drückte mit der Nagelzange fester zu.

»Das tut weh!«

Will man diese Dienstleistung fachgerecht erledigen, muss man so gut sein, dass man unsichtbar ist, und dieser Junge war nicht in der Lage, sich unsichtbar zu machen. Vielleicht bildete ich mir den Schmerz ein, um meine wachsende Verärgerung darüber zu rechtfertigen, dass mich dieser Junge durch seine Gegenwart daran hinderte, mich zu entspannen. In dieser unterwürfigen Hocke wirkte er so plump, dass ich mir auf meinem vibrierenden Massagestuhl ebenso plump vorkam. Das hatte ich nicht verdient.

Der Junge drückte die Nagelzange fest in meinen Zeh, und ich jaulte wieder auf. Sein Vater brüllte ihn auf Vietnamesisch an, und endlich nahm sich der Junge mit seiner Grobheit ein wenig zurück. Aber ich hatte die Nase voll. Ich stand auf, die Füße noch im schaumigen Seifenwasser, und weigerte mich, zu bezahlen. Meine Freundin beobachtete mich, besorgt über mein Benehmen. Ich hoffte, der Vater würde ihm als Strafe den Lohn streichen, aber wahrscheinlich wurde der Junge sowieso nicht bezahlt.

Wir stießen einander ab wie zwei negativ geladene Ionen. Er behandelte mich schlecht, weil er sich selbst hasste. Ich behandelte ihn schlecht, weil ich mich hasste. Aber welchen Beweis gibt es, dass er sich tatsächlich hasste? Warum glaubte ich, dass er den Salon aus Schamgefühl um sein Geld gebracht hatte? Ich bin eine unzuverlässige Erzählerin, wachsam bis zur Paranoia, und übertrage meine eigene Unsicherheit auf ihn. Ich weiß nicht einmal mehr, ob ich den Schmerz tatsächlich gespürt oder mir eingebildet habe, weil ich diese Erinnerung so oft von Neuem aufgeschrieben habe, dass sie irgendwann völlig zerpflückt war. Ich habe den Jungen ausradiert, bis von ihm nur ein verwischter Fleck Abneigung blieb und von mir ein verwischter Fleck Anspruchsdenken und wir beide schließlich zu mir verschwammen. Dabei hatten wir gar nichts gemein. Ich war derart privilegiert, dass ich den nutzlosesten Studienabschluss machte, den man sich denken konnte. Was wusste ich schon darüber, ein vietnamesischer Teenager zu sein, der in seiner Freizeit in einem Nagelstudio arbeiten musste? Nichts wusste ich.

Als mein Vater im ländlichen Umfeld von Seoul aufwuchs, war er bitterarm. Nach dem Krieg waren alle arm. Mein Großvater verdiente mit dem Schmuggeln von Reiswein zu wenig, um seine zehn Kinder zu ernähren, und deshalb beschaffte mein Vater sich ein paar Bissen zusätzlich, indem er Spatzen fing und sie in einer Sandgrube räucherte. Mein Vater war klug und strebsam. Er gewann mit zehn Jahren einen landesweiten Aufsatzwettbewerb, lernte fleißig und wurde von der zweitbesten Universität Koreas angenommen. Für seinen Studienabschluss brauchte er neun Jahre, weil er zwischendurch seinen Militärdienst ableisten musste und ihm immer wieder das Geld ausging.

1965 hoben die USA ihr Einwanderungsverbot auf, und mein Vater erkannte darin eine Gelegenheit. Damals bekamen nur Asiaten mit bestimmten Berufen ein Visum für Amerika: Ärzte, Ingenieure und Mechaniker. Dieser Auswahlprozess begründete den ganzen Schwindel mit der angeblichen Vorzeigeminderheit: Die amerikanische Regierung ließ nur besonders gebildete und qualifizierte Asiaten ins Land und heimste die Lorbeeren für ihren Erfolg ein. Seht her! Jeder kann den amerikanischen Traum leben!, hieß es etwa über Ärzte, die schon als Ärzte eingewandert waren.

Mein Vater log. Er schrieb, er sei ausgebildeter Mechaniker. Zusammen mit meiner jungen Mutter wurde er ins ländliche Umfeld von Erie, Pennsylvania, geschickt und arbeitete dort als Hilfsmechaniker für Ryder Truck. Trotz der fehlenden Erfahrung kam er gut zurecht, bis sich aus der Schleifmaschine ein gebrochener Schleifstein löste, sein Bein zerschmetterte und er sechs Monate lang einen Gips tragen musste. Ryder Truck warf ihn hinaus, statt ihn für den Arbeitsunfall zu entschädigen, weil sie wussten, dass er sich nicht wehren konnte.

Dann zogen meine Eltern nach L. A., wo mein Vater in Koreatown eine Stelle als Vertreter für Lebensversicherungen fand. Er arbeitete mehr als zehn Stunden am Tag und wurde irgendwann zum Abteilungsleiter befördert. Aber die Jahre als Versicherungsvertreter forderten ihren Tribut. Er rackerte sich ab und konnte trotzdem nie genug sparen. In dieser Zeit trank er viel und stritt sich mit meiner Mutter, und meine Mutter schlug meine Schwester und mich aus Wut, die eigentlich meinem Vater galt. Später kaufte mein Vater mit Bankkrediten ein Lagerhaus in einem desolaten Industriegebiet in L. A. und vertrieb von dort aus Bedarf für chemische Reinigungen. Mit diesem Geschäft wurde mein Vater erfolgreich genug, um mir den Besuch einer privaten Highschool und mein Studium zu finanzieren.

Auf dem Papier ist mein Vater das, was man gern als Vorzeigeeinwanderer bezeichnet. Wer meinen Vater neu kennenlernte, beschrieb ihn wegen seiner ruhigen Ausstrahlung und Freundlichkeit als Gentleman, eine Rolle, die er in den Jahren, in denen er Versicherungen und Reinigungszubehör an Amerikaner aller races und Klassen verkaufte, perfektioniert hatte. Allerdings wird er wie viele Vorzeigeeinwanderer manchmal auch wütend.

Für die Kinder asiatischer Einwanderer kann die Frage ihrer race-Identität belastend sein. Bei den Eltern geht man davon aus, diese Frage würde sie gar nicht berühren, weil sie entweder zu viel arbeiten, um darüber nachzudenken, oder sich mit ihrem Herkunftsland identifizieren, und mehr gäbe es dazu nicht zu sagen. Mein Vater allerdings war durch seine Erfahrungen als Mechaniker im von der Arbeiterschicht geprägten, weißen Pennsylvania und als Versicherungsvertreter in Los Angeles, vom wohlhabenden Stadtteil Brentwood bis zum armen South Central, so sensibel geworden, wenn es um seine eigene race-Identität ging, dass er irgendwann alles darauf bezog. Wenn wir im Restaurant warteten und jemand vor uns einen Tisch bekam, sagte er, es würde daran liegen, dass wir Asiaten waren. Als meine Eltern mir in meiner ersten Woche am Oberlin College in Ohio beim Umzug in mein Wohnheimzimmer halfen, gab der Vater meiner Mitbewohnerin meinem Vater die Hand und fragte ihn, woher er stamme. Als mein Vater antwortete, aus Südkorea, erzählte der andere Mann sofort, er habe im Koreakrieg gekämpft.

Mein Vater lächelte verkniffen und sagte nichts mehr.

»Hier sind viele Weiße«, merkte mein Vater leise an, als er mich während meines Masterstudiums in Iowa besuchte.

»Wo sind die ganzen Schwarzen?«, fragte er auf dem Walmart-Parkplatz.

»Du musst immer lächeln und grüßen«, sagte mein Vater. »Hier musst du sehr höflich sein.«

»Meine Tochter«, erklärte mein Vater dem Walmart-Kassierer, »ist Dichterin und im Iowa Writer’s Workshop!«

»Ach«, sagte der Kassierer.

»Wende hier auf keinen Fall, wenn es verboten ist«, riet mir mein Vater, nachdem ich verbotenerweise gewendet hatte, »sonst sehen sie, dass du eine Asiatin bist, die schlecht Auto fährt.«

In Iowa war ich schon der Ansicht, es wäre ein Zeichen fehlender Reife, über mein Asiatischsein zu schreiben. Als gute Studentin der Moderne fühlte ich mich ausschließlich dem Neuen verpflichtet und war überzeugt, dass ich trotz meiner Identität für meine formalen Innovationen Anerkennung finden würde. Das glaubte ich selbst dann noch, als ich später einen Blogpost mit dem Titel »Po-Ethnische Säuberung« (Kursivierung von mir) entdeckte. Er stammte von einem ehemaligen Kommilitonen aus Iowa, der feige das Pseudonym »Poetry Snark« benutzte. Meine erste Gedichtsammlung bezeichnete er verächtlich als verhackstückte Identitätspolitik. Dann verglich er mich mit Li-Young Lee (wir sehen nicht nur gleich aus, wir schreiben auch gleich!) und verkündete, der Lyrikwelt wäre geholfen, wenn man alle mittelmäßigen Minderheitendichter, zum Beispiel mich, ausmerzen würde.

Ich scrollte sofort nach unten zum Kommentarbereich. Bei dem Dutzend Kommentaren war nicht einer dabei, der mich verteidigt hätte, nicht einmal ein matter, halbherziger Einspruch wie: »He Mann, für Völkermord zu sein ist uncool.«

Statt wütend zu werden, war ich verletzt und beschämt. Ein Teil von mir glaubte ihm sogar. Ich hatte mit ganzer Kraft beweisen wollen, dass ich keine dieser Dichterinnen war, die nur Identitätspolitik zu bieten hatten, und er hatte mich als seicht und thematisch beschränkt bloßgestellt. Und ich schämte mich umso mehr, weil ich nicht wusste, wer »Poetry Snark« war. Es konnte jeder sein. Dann wurde der Post so beliebt, dass er als zweiter Treffer angezeigt wurde, wenn man im Netz nach mir suchte. Wer waren diese vielen Menschen, die diesen Blog anklickten und ihm zustimmten? Wollten sie mich alle ausmerzen? Als schließlich jemand meinen Kommilitonen outete, war ich richtig erleichtert. Dieses schleimige Arschloch? Eigentlich klar, dass er es war!

Der widerliche Blogpost meines Kommilitonen war beinahe leichter zu ertragen als meine Erfahrungen während des weiterführenden Studiums in Iowa mit seinem perfiden, unterschwelligen, aber stets vorhandenen Rassismus. Ständig zweifelte ich an mir und hinterfragte meine paranoiden Anwandlungen. Ich erinnere mich an die Mauer der Herablassung, wenn ich im Workshop auf race-Politik zu sprechen kam. Irgendwann verinnerlichte ich diese herablassende Haltung und machte mich über Minderheitenlyrik anderer lustig. Mir wurde verdeutlicht, dass asiatische Identität als einziges Thema nicht genügte, es musste mit etwas Knackigerem wie Kapitalismus kombiniert werden. Ich kenne andere Autoren of Color, die in Iowa alle Spuren ihrer Herkunft aus ihren Gedichten und Prosatexten getilgt haben, um nicht als Verfechter von Identitätspolitik gebrandmarkt zu werden. Im Rückblick wird mir etwas Interessantes klar: Sie alle hatten asiatische Wurzeln.

Egal, ob man zum Formalismus oder zur Avantgarde neigte, während meines Studiums wurden die formalen Aspekte der Lyrik mit erdrückender Ehrfurcht behandelt. Jede autobiographische Enthüllung, vor allem über race oder Sexualität, galt als Zeichen von Schwäche. Ich erinnere mich noch, dass ich einmal in der Hauptbibliothek, einem meiner liebsten Zufluchtsorte, die Abschlussarbeiten der Studierenden der letzten Jahre durchstöberte. Ein paar asiatische Namen waren dabei. Soweit ich es sehen konnte, hatte keiner von ihnen nach seinem Abschluss etwas veröffentlicht. Ich fürchtete, ich würde ebenso wie sie verschwinden.

In Iowa wurde mein hemifaszialer Spasmus diagnostiziert. Mein Tick, den ich auf meinen Koffeinkonsum schob, wurde schlimmer und deutlich sichtbar, wie ich dachte, aber niemand sagte etwas. Ich weiß noch, dass ich für den CT-Scan frühmorgens aufstand. Ich lag auf dem Patiententisch, der elektrisch in die Röhre gefahren wurde. Ihr Inneres war glatt, weiß und zylindrisch. Ich kam mir vor wie in einem riesigen, ausgehöhlten Dildo. Ich bin der elektrische Körper, dachte ich, und mein Gehirn ist falsch verdrahtet.

Vor einem Jahr hielt ich mit diesem Text eine Lesung in einer kleinen Galerie in Crown Heights, New York. Als ich danach mit der Eventmanagerin draußen eine Zigarette rauchte, kam der Leiter der Galerie, ein weißer Mann mit Bart und Tätowierungen, zu uns und erzählte, er nehme an einem Antirassismus-Seminar teil, weil seine andere Arbeitsstelle das verlange.

»Der Seminarleiter ist ein kluger Kerl«, sagte er. »Ich lerne da eine Menge.«

»Gut«, sagte ich.

»Er hat mir erklärt, dass Minderheiten untereinander nicht rassistisch sein können.«

»Das ist Blödsinn«, sagte ich und lachte.

»Wollen Sie damit sagen, mein Antirassismus-Trainer würde lügen?«

»Nein«, antwortete ich, »vielleicht weiß er es nicht besser.«

»Er hat auch gesagt, dass Asiaten die nächsten Weißen sind.« Er verschränkte die Arme. »Was sagen Sie dazu?«

»Dazu sage ich, dass Sie einen anderen Antirassismus-Trainer brauchen.«

»Es stimmt also nicht?«

»Ich fürchte, nein.« Ich wollte mich abwenden.

»Warum sollte ich Ihnen glauben?«

»Was?«

»Mein Seminarleiter lehrt ständig über diese Rassismussachen – warum sollte ich Ihnen glauben?«

Einem ahnungslosen weißen Menschen geduldig das Thema race zu erklären, ist anstrengend. Man muss seine ganze Überzeugungskraft aufwenden. Weil man nicht nur harmlos darüber plaudern kann. Solche Gespräche sind ontologisch. Es ist, als wolle man jemandem erklären, warum man existiert, warum man Schmerzen fühlt oder warum die eigene Wirklichkeit sich von der des Gegenübers unterscheidet. Nein, es ist noch verzwickter. Die Person hat die gesamte Geschichte, Politik, Literatur und Kultur des Westens auf ihrer Seite, die beweisen, dass man selbst nicht existiert.

Anders gesagt wusste ich nicht, ob ich dem Typen sagen sollte, er solle sich verpissen, oder ob ich ihm eine Geschichtslektion erteilen sollte. »Wir sind seit 1587 hier!«, hätte ich sagen können. »Also was dauert da noch? Wo ist unser weißer Groupon?« Die meisten Amerikaner wissen über asiatische Amerikaner rein gar nichts. Für sie ist Chinesen ebenso gleichbedeutend mit Asiaten wie Kleenex mit Taschentuch. Sie verstehen nicht, dass wir eine schwach umrissene Gruppe vieler Nationalitäten sind. Und dieses »wir« ist mit so vielen Merkmalen aufgeladen. Meine ich damit Menschen aus Südostasien, Südasien, Ostasien und von den Pazifischen Inseln, queer und hetero, muslimisch und nichtmuslimisch, reich und arm? Hassen sich alle Asiaten? Was, wenn mein Ego mit Hang zur Selbstzerfleischung nichts mit meiner Abstammung zu tun hat, sondern das verdammte Problem nur bei mir liegt? »Koreaner hassen sich«, stellte eine Freundin mit philippinischen Wurzeln bei gemeinsamen Drinks klar. »Filipinos eigentlich nicht.«

Asiaten befinden sich in der ungewöhnlichen Situation, dass einige von uns wirtschaftlich gesehen bessergestellt sind als andere Minderheitengruppen, wir aber in der öffentlichen Wahrnehmung kaum vorkommen. Langsam ändert sich dieser Zustand, aber lange hatten wir nahezu keinen Platz in der Politik, der Unterhaltung und den Medien und waren auch in der Kunst kaum vertreten. Hollywood ist Asiaten gegenüber immer noch so rassistisch, dass ich mich, wenn in einem Film ausnahmsweise eine asiatische Nebenfigur vorkommt, schon innerlich gegen die immer gleichen dummen Witze wappne und erleichtert bin, wenn sie ausbleiben. Unter Asiaten finden sich auch größere Einkommensunterschiede als in anderen Gruppen. In der Arbeiterklasse leisten Asiaten in der Bekleidungs- und Dienstleistungsindustrie Frondienst unter Bedingungen wie in Entwicklungsländern und zu niedrigsten Löhnen, trotzdem herrscht das Bild vor, nur die weiße Arbeiterschicht wäre von der Streichung staatlicher Hilfen bedroht. Aber wenn wir uns beklagen, wissen Amerikaner plötzlich alles über uns. Warum seid ihr sauer? Ihr seid doch die nächsten Weißen! Als wären wir iPads, die am Fließband darauf warteten, an die Reihe zu kommen.

Also dürfte eine Geschichtslektion angebracht sein, ein kurzer Abriss davon, wie Chinesen als billige Arbeitskräfte ins Land geholt wurden, um nach dem Bürgerkrieg die Sklaven auf den Plantagen zu ersetzen oder mit Dynamit den Weg für die transkontinentale Eisenbahn freizusprengen und die Gleise zu legen, bis sie selbst in die Luft flogen oder von Schneestürmen begraben wurden. Um das Manifest Destiny Wirklichkeit werden zu lassen, starb für jeden Gleiskilometer ein chinesischer Arbeiter, aber für das Foto zur Feier des Goldenen Schienennagels, des letzten Nagels, der die Teilstücke der Strecke verband, durfte kein einziger Chinese mit den anderen – weißen – Gleisbauern aufs Bild.

Allerdings muss ich gestehen, dass es mir schwerfällt, die Geschichte des chinesischen Amerikas im 19. Jahrhundert als meine Geschichte zu betrachten, weil meine Vorfahren zu dieser Zeit noch in Korea waren und wer weiß was machten; auch darüber gibt es keine Aufzeichnungen. Es mag ja sein, dass ich diesen chinesischen Männern ähnele, aber wenn ich diese alten Fotos betrachte, sehe ich die Chinesen so, wie die weißen Siedler es getan haben müssen: als komische Gestalten mit ihren gefütterten Pyjamas und ihren seltsamen langen Zöpfen, wie Aliens, die in einen Western retuschiert wurden. Vermutlich liegt es daran, dass es so wenige Berichte aus erster Hand über ihren Alltag gibt. Ihre Ernährung, ihre Erschöpfung, ihr Heimweh – wenig davon wurde aufgezeichnet. Den ersten chinesischen Frauen in diesem Land erging es noch schlechter. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, wie es gewesen sein muss, als fünfzehnjähriges Mädchen aus China entführt und in dieses wilde, barbarische Land geschmuggelt zu werden, um dann in einem Gasthaus eingesperrt zehnmal am Tag vergewaltigt zu werden, bis der Körper von der Syphilis verzehrt wurde. Wenn es so weit war, wurde das Mädchen hinausgeworfen und starb allein auf der Straße.

Das nackte Leben, schreibt Giorgio Agamben, meint die rein biologische Seite des Daseins im Gegensatz zu einem Leben im Schutz der Gesellschaft; ohne diesen Schutz ist der Mensch vogelfrei, und »da jeder ihn erschlagen kann, ohne einen Mord zu begehen, ist seine ganze Existenz auf ein nacktes, aller Rechte entkleidetes Leben reduziert, das er nur auf der endlosen Flucht […] retten kann.« Es übersteigt meine Vorstellungskraft, einen menschlichen Körper rein auf sein biologisches Dasein zu reduzieren, wie eine Pflanze oder ein Schwein. Wenn eine Prostituierte allein starb, ohne jeden Zeugen, hatte sie dann überhaupt existiert?

Gäbe es eine Zeitmaschine, könnten in diesem Land nur Weiße in der Zeit zurückreisen. Nahezu jeder andere würde versklavt, erschlagen, verstümmelt oder von verwilderten Kindern gejagt. Trotzdem würde ich es für einen Tag riskieren, um die allgegenwärtige Angst während der anti-chinesischen Bewegung nach der Mitte des 19. Jahrhunderts zu erleben, als chinesische Einwanderer kaum das Haus verlassen konnten, ohne dass jemand sie anspuckte, verprügelte oder ihnen in den Rücken schoss. Die Bewegung gipfelte 1882 im Chinese Exclusion Act, dem ersten Einwanderungsgesetz, das Angehörigen einer bestimmten race die Einreise in die USA verbot, nachdem Regierungspolitiker und die Medien Chinesen als »Ratten« und »Aussätzige« dargestellt hatten, aber auch als »maschinengleiche« Arbeiter, die braven weißen Amerikanern die Arbeitsplätze wegnahmen.

Wer in Amerika blieb, wurde zu einer lebenden Zielscheibe für rassistisch motivierte Angriffe. Selbsternannte Bürgerwehren platzierten in Geschäften der Dagebliebenen Bomben, schossen durch Zelte auf sie und räucherten ihre Häuser aus. An der Westküste wurden Tausende chinesische Einwanderer aus ihren Städten vertrieben. 1885 brachen in Tacoma, Washington, Weiße in das Haus einer schwangeren Frau ein, zerrten sie an den Haaren hinaus und zwangen sie zusammen mit dreihundert weiteren chinesischen Einwanderern bei Wind und kaltem Regen aus der Stadt hinaus in die Nacht, während ihre Häuser mit allem, was von ihrem Leben zeugte, hinter ihnen niederbrannten. Sie konnten nirgendwohin, nur auf die endlose Flucht. Ein anderes Mal, im Jahr 1871, strömten fast fünfhundert Angelenos nach Chinatown in L. A., weil Gerüchten zufolge ein Chinese einen weißen Polizisten getötet haben sollte. Beim größten Lynchmord der amerikanischen Geschichte folterten und erhängten sie achtzehn chinesische Jungen und Männer. Die Straße, in der die Morde geschahen, hieß Calles de los Negros.

1917 weitete die US-Regierung das Einwanderungsverbot auf ganz Asien aus und verweigerte später sogar Filipinos die Einreise, obwohl die Philippinen zeitweise eine amerikanische Kolonie gewesen waren. Im Grunde war das Einwanderungsverbot eine Rassentrennung auf globaler Ebene. Als Amerika die entwürdigte Gruppe 1965 wieder willkommen hieß, geschah es nur, weil das Land in einen Schwanzlängenvergleich mit der Sowjetunion verwickelt war. Die USA