Storys mit Echo und ein bisschen Ruhm - Claudia Lidia Badea - E-Book

Storys mit Echo und ein bisschen Ruhm E-Book

Claudia Lidia Badea

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Beschreibung

Damals, in dem Jahr, herrschte eine erschreckende Dürre. Die Sommertemperaturen stiegen und je nach Möglichkeiten versuchten die Einwohner großer Städte, sich irgendwo aufs Land, abzusetzen. Und so ist es dazu gekommen, dass ich meine Freundinnen eingeladen hatte, bei mir in Kamond, irgendwo in Transdanubien, einen kurzen Urlaub zu verbringen. In den langen Sommerabenden, als Zeitvertreibung, gehörten oder erlebten Geschichten wurden erzählt. Eine feine subtile Ironie fließt zwischen den Sätzen, ein Verständnis menschlicher, vor allem männlicher, Gebrechlichkeit prägt diese Erzählungen. Ich verspreche eine angenehme und lehrreiche Lektüre.

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Seitenzahl: 184

Veröffentlichungsjahr: 2018

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There is no instinct like that of the heart Lord Byron

Inhaltsverzeichnis

Irgendwo in Transdanubien

Der junge Mann im Zug

Gemischte Gefühle

Akademisches Flair

Die alte Eiche

Casa Meringo

Der Tiroler

Claudia Lidia Badeaist Doktorin der Mathematik der Universität Bukarest, Doktorin der Naturwissenschaften der Universität Wien, habilitierte an der Universität Salzburg und ist korrespondierendes Mitglied der European Academy of Sciences. Hat über 90 wissenschaftliche Publikationen veröffentlicht. Ihr literarisches Werk umfasst mehrere Bücher, das letzte, „Erzählungen aus Transsilvanien“, wurde in tredition Verlag, 2016, Berlin veröffentlicht. Mehrere Geschichten wurden in Anthologien der Novum-Verlag, Österreich, veröffentlicht.

Irgendwo in Transdanubien

Damals, in dem Jahr, herrschte eine erschreckende Dürre. Die Sommertemperaturen stiegen, waren kaum auszuhalten und je nach Möglichkeiten versuchten die Einwohner großer Städte, sich irgendwo aufs Land, ins Ausland, sogar auf einen anderen Kontinent abzusetzen.

Und so ist es dazu gekommen, dass ich meine Freundinnen eingeladen hatte, bei mir in Kamond einen kurzen Urlaub zu verbringen.

Ich glaube nicht, dass sie diesen Namen je gehört hatten, klingt ziemlich seltsam.

Kamond ist die Bezeichnung einer Ortschaft irgendwo in einer ungarischen Steppe, die Károly Puszta die im Gebiet Dunántul, also in Transdanubien liegt. Der Name scheint slawischen Ursprungs zu sein und bedeutet Stein, Fels.

Hier wurden irgendwann die Römer angesiedelt, die Kontur einer Festung aus der Zeit ist heute noch sichtbar. Später wurde diese Region von den Langobarden, Awaren und Slawen durchkämmt, danach die Slawen haben sich hier niedergelassen.

Bis zum Kommen der Magyaren im neunten Jahrhundert, angeführt von Árpád, gehörte das Dorf dem Fürstentum Nitra. Übrigens, die erste dokumentarische Erwähnung des Dorfes liegt beim Jahr 1062, also während der ungarischen Herrschaft.

Damals, Ostarichi gehörte als Markgrafschaft zum Herzogtum Bayern, Könige der Franken waren die Kapetinger, in England regierte Eduard der Bekenner, voll beschäftigt mit dem Bau der Kathedrale von Westminster und in Vatikan regierte der Papst Alexander II. Selbstverständlich keiner von diesen hat von Kamond gehört, doch er existierte.

Durch die Tatar Invasionen, in den Jahren 1241 und 1380, wurde das Dorf komplett zerstört, wie man volkstümlich sagt, kein Stein auf Stein ist mehr geblieben.

Dann im fünfzehnten Jahrhundert konnte das Dorf wieder in Form von zwei Siedlungen, Kiskamond, oder der kleine Kamond und Nagykamond, oder der große Kamond gebracht werden.

Um 1550, Kaiser Ferdinand I schenkte das Kiskamond Gebiet den Familien, die dort wohnten und ihm in Kampf gegen die eindringenden Türken verhalfen. Viele von Ihnen haben sogar einen Adelsbrief bekommen. Ab dem achtzehnten Jahrhundert, nach einer Entscheidung Kaiserin Maria Theresia, Konfessionell, gehörten die Kamondern zum Bistum Veszprem und bezahlten kein Zehntel.

Nagykamond blieb lange Zeit unbewohnt, nachher haben sich die Eigentümer einer nach dem anderen verändert, bis ins XVIII Jh., als das Gebiet in Besitz der gräflichen Familie Erdödy kam. Irgendwann Graf Erdödy György hat eine große Anzahl nach den türkischen Invasionen obdachlos gebliebene Familien, nach Kamond eingeladen und schenkte ihnen ein Stück Land. Diese sind dann Leibeigene des Grafen geworden. So war es damals.

Merkwürdig, diese Erdödys waren selbst Leibeigene der Familie Drágffy und Drágffy stammten in direkter Linie von dem Moldauischen Fürsten Dragoş.

Die Erdödys haben wichtige priesterliche Funktionen innerhalb der katholischen Kirche bekleidet, wurden von Mathias Corvinus geadelt und erhielten den Gräflichen Titel von Kaiser Ladislau II. In den späten neunzehnten Jahrhundert waren sie im Besitz eines immensen Vermögens, bestehend aus mehr als 12 Burgen und Schlösser.

Noch im Jahr 1935 gehörte mehr als die Hälfte, der gesamten landwirtschaftlich genutzten Flächen des Kamond Gebietes, der Familie Erdődy.

Die Nagykamond Bauern haben es sehr schwer gehabt. Sie waren bitterarm.

Auch wenn nach dem Revolutionsjahr 1848 die Leibeigenschaft abgeschafft wurde, sie besaßen sehr wenig Land und mussten auf anderen Einkommensquellen zurückzugreifen. Zunächst begannen sie Weinbau, Pferde und Rasenhundezucht zu betreiben. Später gab es kleine Handwerker.

Lesen, schreiben und rechnen haben sehr wenige gekonnt.

Es wird darauf hingewiesen, dass im Dorf, im Jahr 1771, gab es sogar einen Lehrer, weil Kaiserin Maria Theresia die Schulpflicht eingeführt hatte. Armer Kerl, es gelang ihm nicht einen einzigen Schüler in die Schule zu bringen. Hauptgrund war Elend.

Ein Kilometer vom Dorf entfernt, liegt die noch heute bekannte Dabrokai Csárda, Wirtshaus die an Geheimnissen und Abenteuer erinnert. Zum Beispiel, im Jahr 1809 die Napoleonischen Regimenter wurden hier in einem Kampf geschlagen und später, während der 1848-1849 Revolution, da trafen sich die Revolutionäre und Verschwörer.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, die demografischen und sozialen Strukturen haben sich verändert und es hat sich ein einziges Dorf gebildet, das „Kamond“.

Dann kam die Zwangskollektivierung und es wurden zwei Produktionsgenossenschaften gebildet. Zu der Zeit zählte das Dorf etwa 800 Seelen.

Im Jahr 1989 kam die große Wende und vieles hat sich verändert.

Die Dorfeinwohner haben ihr Land zurückbekommen, die Produktionsgenossenschaften wurden abgebaut, die Jungen Menschen verließen Kamond, um Arbeitsplätze in den Städten oder im Ausland zu suchen und der Schulbetrieb wurde eingestellt, weil nicht genug Kinder geboren wurden.

Im Dorf blieben etwa 400 Menschen, viele davon Rentner. Verlassene Häuser lagen überall. Wer sich nicht an das neue System angepasst hat, war verloren.

Seit einigen Jahren ist man der EU beigetreten. Großartig, es gab Geld.

Zwei unternehmungslustige Bauern spürten den Augenblick, kauften die von anderen Bauern ungenutzten Landflächen und Dank der EU Zuschüsse begann eine intensive Landwirtschaft und Viehzucht. Diese sind nun die neuen Wohlhabenden.

In diesem Dorf von ehemaligen Leibeigener gibt es heute fließendes Wasser, Telefon, es wird Internet praktiziert, geheizt wird nicht nur mit Holz, sondern auch mit Gas und Solaranlagen, der Müll wird wöchentlich abgetragen, Briefe werden von dem Postauto, täglich, vor die Tür gebracht und abgeholt, es gibt zwei Lebensmittelgeschäfte für den täglichen Bedarf und die Verbindung mit dem Rest der Welt macht ein Bus zweimal täglich, kostenlos für Rentner.

Schicksal, in diesem Dorf kaufte ich mir ein Haus mit Garten. Viele hatten gefragt, warum gerade in Kamond? Ich glaube nicht, dass ich eine befriedigende Antwort auf diese Frage geben könnte, die Wahrheit ist ich weiß es nicht. Ich war in einer schwierigen Lage meines Lebens und ich wollte mich in einem ruhigen Ort niederlassen. Und es gab Kamond.

Einige strukturelle Verbesserungen im Haus waren notwendig, Garten gehörte gepflegt, Holzschuppen wurde in Hobbyraum und Heuschuppen in eine Garage umgebaut.

In diesem großen Haus mit dem riesigen Garten, in diesem Land mit für mich fremden Menschen, freundlich nur weil ich sie bezahle, bin ich oft alleine, begleitet von meinen Gedanken und Fantasien und ich schreibe.

Kehren wir zurück zu unserer Erzählung.

Die große Hitze im gesagten Jahr erreichte auch Kamond, doch im großen Haus oder auf der Terrasse war es recht angenehm.

Die Sommerabende auf der Terrasse hatten einen besonderen Reiz, in der Luft schwebte ein Duft von Rosen und Lavendel und es herrschte eine großartige Stille.

Nur ab und zu konnte man das Bellen einiger Hunde hören.

Meine Freundinnen Lilianne, AnnMay, Gerda, Frencinne und Ary hatten sich von der Einladung, begeistert gezeigt. Doch am Telefon wurde mir folgende völlig berechtigte Frage gestellt:

»Nun gut, wir werden in einem schönen großen Haus wohnen und werden die gute Luft im Garten genießen, aber wie werden wir den ganzen Tag verbringen?«

»Darüber hatte ich nachgedacht. Neben einem Kartenspiel, einem Rommé Spiel, einem besser oder schlechteren TV – Programm, einem Besuch in einem der nahe gelegenen Thermalbäder, jede von uns soll eine interessante erlebte oder gehörte Geschichte erzählen«, schlug ich vor.

»Aha, meine Gedanken landen gleich bei Boccacios Il Decamerone, wunderbar, toll, dass wir vor der Hitze und nicht von der Pest weglaufen«, erwiderte Frencinne.

»Ja, wir könnten sogar einen Wettbewerb veranstalten und die interessanteste Erzählung preisen. Die Weinbegleitung zu allen Erzählungen werde ich organisieren. «

Ich sollte noch dazu sagen, dass meine Freundinnen nicht mehr in ihrer ersten Jugend waren, auch nicht in der zweiten, eigentlich etwa Ende der dritten. Gerda, Frencinne und Ary waren verwitwet, Lilianne und AnnMay seit mehreren Jahren geschieden. Lilianne und AnnMay, waren zur Jugendzeit Schulkolleginnen.

Die Ankunft meiner Freundinnen verlief normal und nach nur einen Tag, saßen wir alle sechs auf der Terrasse um den Tisch, mit einem Glas Rotwein in der Hand und voller Spannung auf das was man hören werde.

Es hat sich eine extrem angenehme Atmosphäre von Warten, Neugier und Interesse entwickelt.

Ich dachte, ich als Gastgeberin, sollte mit der ersten Geschichte anfangen.

Ich werde mir erlauben, als Logo unseres Treffens, die berühmte Miniatur aus Christine de Pizans „Buch von der Stadt der Frauen“ zu benutzen.

Le Livre de la Cité des Dames, Christine de Pizan, Werk des Meisters der Cité des Dames, 1405

Der junge Mann im Zug

Eigentlich hatte ich einen erfolgreichen Tag. Meine Vorlesung war gut angekommen, die Studenten applaudierten und ich hatte reichlich das Gefühl von erfüllter Aufgabe. Darüber hinaus erreichte mich die erfreuliche Nachricht, dass eine Hochschule in Deutschland mein Vorlesungsvorschlag für die Sommerakademie genehmigte. Alles also im grünen Bereich.

Es war ein enormes Gefühl der Vollendung und ich war in so einer Stimmung, dass ich alle Leute umarmen und meine Freude teilen musste.

Eigentlich komisch, wenn ich genauer darüber nachdenke. Ich war begeistert, dass ich mehr und besser arbeiten konnte, während andere glücklich waren, in den Urlaub fahren zu können. Aber die Menschen sind sowieso nicht gleich.

Ich raffte mein Gepäck auf die Schnelle zusammen und sah mich um, um sicherzugehen, dass ich nichts vergessen hatte. Ich schloss die Tür des kleinen Büros und ging eilig Richtung Bushaltestelle. Meine Hoffnung war, den vorletzten Zug nach Wien zu erreichen.

Der Bus kam pünktlich an, sodass ich den Bahnhof etwa zehn Minuten vor Ankunft des Zuges erreichte. Auf dem Bahnsteig haben nicht zu viele Passagiere gewartet. Außerdem verkehrten zwischen Wien und Salzburg, stündlich, zwei bis drei Züge.

Schließlich rollte der Zug auf dem mir so bekannten Gleis acht ein, ich stieg in einen Wagen der zweiten Klasse ein und fand zum Glück ein komplett leeres Zugabteil. Das Glück war auf meiner Seite. Ich entschied mich für einen Platz, wie immer, am Gang, hängte meinen Mantel an den Kleiderhaken, legte meine Aktentasche neben mir ab, zog meine Schuhe aus und legte meine Füße auf die Bank gegenüber.

In den nächsten Minuten umfasste mich ein Gefühl von Freude, Glück und Erleichterung und ich suchte gleich in meiner Tasche irgendein Sudoku, um mir die Zeit bis nach Wien zu vertreiben.

Es war fantastisch, ich war alleine im Abteil, saß bequem und war nicht gezwungen, Zeugin irgendwelcher langweiligen Diskussionen zu sein oder seltsame Gerüche einzuatmen.

Leider dauerte dieses Gefühl von Glück, das wir selten in diesem Ausmaß erleben können, nicht lange. Im Bahnhof Attnang - Puchheim stieg ein junger Mann in den Zug, schaute durch alle Zugabteile, drehte sich um und öffnete die Tür zu meinem Abteil.

Ich wunderte mich, dass er gerade dieses Abteil auswählte, weil ich wusste, dass in dem ganzen Waggon ziemlich wenige Passagiere waren und einige Zugabteile sogar leer waren. Aber bitte sehr, wenn das seine Wahl war, dann alles bestens.

Der junge Mann sah schrecklich aus. Der Anzug war schäbig, aber scheinbar sauber. Er trug einen grünen Mantel, unter einer zerlumpten Jacke mit verschiedenen Flecken lange Hosen mit Taschen an den Außenseiten und hochgerollt bis zu den Knien; er war barfuß in viel genutzten Stiefeln und hatte unfrisiertes Haar. In einer Hand trug er eine Reisetasche und in der anderen eine Tüte mit Lebensmitteln und eine Flasche Coca-Cola.

Zu meiner Überraschung zog der junge Mann die Tür auf und extrem höflich fragte, ob es einen freien Platz gebe. Mit einer Stimme vibrierend vor Unsicherheit und Angst antwortete:

»Ja, natürlich, alles ist frei. «

Der junge Mann wählte einen Fensterplatz vis-à-vis von mir aus, legte seine Reisetasche unter seinen Platz, zog seinen Mantel aus, hängte ihn auf den über seinem Platz angebrachten Haken, zog auch seine Jacke aus und legte sie neben sich auf den Sitz, zog den ausziehbaren Tisch aus und legte das Säckel mit Lebensmitteln darauf.

Im Abteil war es sehr warm, er blieb nur im Hemd und krempelte seine Ärmel bis zum Ellenbogen auf. Seine dünnen Arme waren voll roter Punkte und voller Schwellungen und ich erkannte, dass mir gegenüber ein Opfer des Feindes unserer Zivilisation, der Droge, saß.

Er blickte mich wieder an und fragte mit dem gleichen höflichen Ton, ob ich etwas dagegen hätte, wenn er essen würde. Er fügte noch hinzu, dass seit heute Früh in den Bergen zu Fuß unterwegs gewesen sei und den ganzen Tag nichts gegessen habe.

»Selbstverständlich habe ich nichts dagegen, Sie können ruhig ihre Mahlzeit genießen, mich stört es überhaupt nicht«, antwortete ich.

Um aber ehrlich zu sein, während ich diese Worte aussprach und die Lebensmitteltüte genauer anschaute, spürte so etwas wie einen Knoten im Hals.

Seit dem Eintritt des jungen Mannes in mein Abteil roch ich Armut und Schweiß, der sich bei jeder Bewegung intensivierte. Die Mischung des persönlichen Geruchs mit dem Geruch entstanden aus Bratwurst, Leberkäse, Zwiebeln und Knoblauch erzeugte so einen Gestank, dass ich die Schiebetür öffnen musste, um frische Luft zu bekommen.

Einmal fragte er mich, ob ich Lust auf Wurst oder Leberkäse hätte, ich verneinte, war aber höflich. Er bot mir einen Kuchen zum Nachtisch an. Ich verweigerte mich auch diesmal, mit der Entschuldigung, dass ich Süßigkeiten mied wegen zu vieler Kalorien.

Als er den Grund hörte, lächelte und antwortete auf Englisch: »All women are on diet! «

Diese schnelle und irgendwie kokette Antwort kontrastierte mit ihm so sehr, dass es mir wirklich sehr schwer war, ihn in eine passende soziale Schicht einzureihen.

Ich begann meinen Reisekompagnon, ab und zu, zu beobachten. Er sah nicht wie ein schlechter Mensch aus und ich glaube, er war auch nicht schlecht. Nichts deutete darauf hin, dass er schlecht sein könnte. Er wirkte einfach sehr arm. Seine Augen waren traurig und verwirrt, beim Kauen seines Essens starrte er in die Leere und es schien, als wäre er nicht von dieser Welt.

Nachdem er mit dem Essen fertig gewesen war, zog er aus der Reisetasche ein Buch aus, dann ein Taschentuch und einen Schal. Das Buch legte auf den Sitz neben sich und den Schal band er ganz modisch um den Hals.

Als der Schaffner erschien, zog er die Fahrkarte aus einer alten schäbigen Brieftasche aus Leder. Die Brieftasche sah ziemlich dünn aus, ich glaube, sehr viele Geldscheine waren nicht drin.

Ich bemerkte, wie aufmerksam der Schaffner die Gültigkeit des Zugtickets studierte. Im Vergleich dazu warf er nur einen flüchtigen Blick auf meine im Internet gekaufte Fahrkarte. Es folgten die sehr höflichen Worte:

»Wünsche Ihnen eine angenehme Reise, Frau Doktor. «

Obwohl mir die Anwesenheit des jungen Mannes, so langsam, nicht mehr unangenehm war und ich mich an die Seltsamkeit seiner Person zu gewöhnen begann, dachte, dass ich in ein anderes Abteil umziehen muss.

Wusste aber nicht, wie es weitergehen sollte.

Endlich bot sich die lang ersehnte Gelegenheit, das heißt, der junge Mann ging auf die Toilette.

Perfekt! Mit größter Eile riss ich meinen Mantel fast vom Haken, nahm meinen Aktenkoffer und ging schnellstmöglich aus dem Abteil.

So wie ich bereits vermutet hatte, eine Reihe von Abteilen stand leer. Ich betrat eines, schloss die Tür hinter mir, hängte den Mantel auf den Haken, setzte mich wie gewöhnlich auf einen Platz am Gang, legte den Aktenkoffer ab, zog die Schuhe aus, legte meine Beine auf die Bank vis-à-vis und sagte mir, dass von jetzt an nichts Unangenehmes mehr passieren könnte.

Leider dauerte das so entstandene Nirwana, in das ich gesunken war, nicht lange.

Nach weniger als zehn Minuten beobachtete ich, dass sich der junge Mann, Mantel und Sakko über einem Arm tragend und die Tragetasche über dem anderen, auf dem Korridor entlang bewegte und jedes Abteil erforschte.

Er verpasste mein Abteil, bewegte sich aber gleich zurück und sagte mit einem siegreichen Lächeln und einer müden Stimme:

»Bitte um Entschuldigung, ich kann mir nicht erklären, wie es geschah, dass mein Mantel und meine Tasche in einem anderen Abteil landeten, während mein Platz hier war, in Ihrer Nähe.«

In diesem Augenblick erkannte ich, dass er sein Abteil nicht an seinem Mantel und seiner Tasche erkannt hatte, sondern an mir.

Und mehr als das. Er konnte sich kaum vorstellen, dass ich vor ihm weggelaufen war, dass jemand vor ihm weglaufen könnte.

Vertrauter und irgendwie akzeptabler für ihn wurde die absurde Idee, Mantel und Tasche landeten in einem anderen Abteil.

Er setzte sich danach an seinen Platz am Fenster, nahm das ungeöffnete Buch in die Hand, hielt es fest und rutschte in eine Art Traum, eine Art von Trance, ohne sich dafür zu interessieren, was um ihn herum passierte.

Es war klar, dass ihm da sogar meine Anwesenheit im Abteil fremd geworden war.

≈≈≈

»Sehr interessantes Ereignis. Genau so ist es gewesen? «

»Ja, die Geschichte ist real. Ich weiß nicht wie und warum, aber diese Begebenheit hat mich für eine Weile verfolgt. «

»Wer erzählt weiter? Wollt Ihr eine Pause machen? « fragte ich.

Es folgte nur eine kurze Pause, dann Lilianne begann zu erzählen.

Gemischte Gefühle

Ich erhielt einen kurzen viermonatigen Aufenthalt an der UCLA - University of California in Los Angeles- und mietete in Westwood bei Los Angeles eine Wohnung, im Anklang mit meinem Studenten-Budget. Hier wohnte ich eigentlich zusammen mit einer Kollegin, AnnMay, was auch vorteilhaft war, weil beide keine Bekannten in dieser Stadt hatten.

Kurz vor Weihnachten, AnnMay entschied sich den Winter Urlaub in New York zu verbringen und ließ mich alleine im Haus. Für mich war es kein Problem allein in Los Angeles zu bleiben, ich hatte genug Arbeit und ich beabsichtigte sowieso mein Praktikum in Los Angeles zu optimieren im Sinn reduzieren. Anderseits, wenn man keine Freunde oder engere Bekannte hat um Festtage gemeinsam zu feiern, dann tröstet man sich mit TV Programme oder mit einem guten Buch.

Bei mir ist es diesmal anders gewesen.

An der Uni gab es damals bestimmte soziale Kreise, die bemüht waren, für den Visitors ein Integrationsprogramm in die amerikanische Gesellschaft zu gestalten. Es wurden Vorkehrungen getroffen, um für Weekends oder Feiertagen von amerikanischen Familien eingeladen zu sein.

So geschah es eines Abends, dass mich ein gewisser Herr Rike anrief. Er sagte, dass er von meiner Ankunft erfuhr und es interessiert ihn, ob ich irgendein Programm für das New Year’s Eve im Aufsicht habe. Wenn nicht, er möchte wissen, ob ich akzeptieren würde von einer amerikanischen Familie eingeladen zu sein. In diesem Sinn er hatte Familie Warren bereits kontaktiert. Die Warrens wohnten in Pasadena, möchten mich gerne einladen und würden für mich auch die Teilnahme an der berühmten Rose Parade organisieren.

Da ich noch nichts geplant hatte, nahm ich sofort mit großer Begeisterung die bevorstehende Einladung an und bedankte mich höflich.

New Year‘s Eve in Pasadena

Am nächsten Tag, Familie Warren rief mich an und es wurde mir angekündigt, dass ich am vor Silvester Tag abgeholt werde, um nach Pasadena zu fahren. Es wurde mir nicht gesagt, wer kommt, sie wussten es wahrscheinlich auch noch nicht.

Am besagten Tag, so um 10 a. m., es klopfte an der Tür meiner Wohnung, ich öffnete und vor mir stand ein sehr gut aussehender Mann, in subtile Eleganz gekleidet, mit großen dunklen Augen und weißem ziemlich blassem Gesicht. Er schaute mich mit scharfem Blick an, fragte, ob ich die Jenige bin, die ich sein sollte, stellte sich vor, nahm meine Hand und küsste sie.

Der Besucher war Bill Warren, für mich eine ungewöhnliche Erscheinung weil, erstens, er war sehr elegant gekleidet und zweitens, ein Handkuss bei dem Amerikaner war keine übliche Sache.

Offensichtlich so schnell genommen, war ich überrascht.

Sowohl er als auch ich, haben erwartet eine andere Person zu treffen.

»Sind Sie bereit für die Reise nach Pasadena? Dann sollen wir schon wegfahren, bis dorthin ist ein langer Weg«, sagte Bill und schaute instinktiv oder absichtlich, auf seine Armbanduhr.

Selbstverständlich war ich fertig, mein kleines Gepäck wartete ruhig im Vorzimmer.

Ich zog meine Lederjacke an, Bill nahm mein Gepäck an sich, schloss die Tür der Wohnung und wir eilten zum Auto. Es war ein schwarzer Cadillac, relativ neu und geräumig, passend für eine große Familie.

Auf dem Weg nach Pasadena, Bill war nicht sehr gesprächig, sogar zurückhaltend, beobachtete eher den relativ intensiven Autoverkehr auf der Autobahn.

Er erwähnte, dass seine Frau Perry, zusammen mit seiner Tochter Sally auf uns zu Hause warten. Die Söhne Tom und Jason, sind mit einer Gruppe von Kollegen nach Hawaii geflogen. Es wäre möglich, dass Jason nach Pasadena kommt, um uns kennen zu lernen. Ich habe nicht verstanden warum, aber bitte sehr, es ist immer besser, wenn man nicht zu viele Fragen stellt.

Irgendwann später, fragte er mich, ob ich hungrig bin, es war schon Mahlzeit. Nein, ich war es nicht, meine Aufregung war groß.

Bill gab mir zum Verstehen, dass für das New Year’s Eve zu einer Party von Freunden eingeladen sind, dort wird viel gegessen und getrunken, sodass wir unseren Appetit für den Abend reservieren sollten.

Ich fragte noch, ob für diese Party ein spezielles Outfit notwendig wäre, die Antwort war nein.

Schließlich erreichten wir das Haus in Pasadena. Nichts Ungewöhnliches, ein großes Haus eklektisch möbliert mit alten und neuen Möbeln. Zu bemerken war ein schöner Flügel, von dem gesagt wurde, dass er einmal Bill gehörte, jetzt aber Sally.

Perry empfing mich freundlich, zeigte mein Zimmer und fragte, ob ich einen Drink haben möchte. Ja, Wasser war alles, was ich mir wünschte.

Nachher saßen wir alle im Wohnzimmer. Sie wollten mehr über mich wissen, über meine Familie, meine Beschäftigung, mein Anliegen.

Muss zugeben ihre Neugier nur teilweise erfüllt zu haben, ich sagte nur das notwendigste. Die Wahrheit ist, dass ich es in der Regel nicht mag, zu viel über mich zu reden. Als Bill mehr Interesse an meiner beruflichen Tätigkeit zeigte, gab Perry Zeichen der Langeweile.

Ich begriff ziemlich schnell, dass Perry aus einer wohlhabenden Familie stammt, dass sie diejenige war, die das Geld in die Ehe brachte. Es war auch klar, dass, das Unternehmen geführt von Bill, die ehemalige Firma des Schwiegervaters ist.

Perry und Bill studierten beide in Berkeley, wurden Kollegen, dann ein Paar, Perry wurde schwanger, Bill musste sie heiraten und bekam einen saftigen Posten in der Firma des Schwiegervaters. So war es, Klassisch.

Vor kurzem beide Schwiegereltern verunglückten bei einem Autounfall, Perry erbte alles, Firma inklusive und zurzeit sah es so aus, dass Bill der Angestellte seiner Frau ist. Unstimmigkeiten vorprogrammiert?