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DAS ULTIMATIVE VL-FAN-E-BOOK! Originalbeiträge von Serienstars wie Wolfram Grandezka, Miriam Lahnstein, Martina Servatius, Gabriele Metzger oder Claus Thull-Emden, einem exklusiven Brief von Elke Heidenreich, unzähligen Fantexten. 20 Jahre ARD-Vorabendserie „Verbotene Liebe”: von Julia bis Jessica, von Clarissa bis Charlie. „Die ultimative Liebeserklärung an zwei Jahrzehnte großes TV-Drama. … Verboten gut!” (TV Movie) „Ich habe jetzt bis Seite 722 gelesen und muss einfach nochmal mein Lob für dieses tolle Buch abgeben. Es ist einfach ein Muss für jeden VL-Fan.” (Leon Hirte, einer der Betreiber der Fan-Community VL retten) „Trost für die Fans.” (Wunschliste) „Monumentales E-Book für Verbotene-Liebe-Fans.” (Deutschlandradio Kultur) Die Vorabendserie „Verbotene Liebe„ startete 1995 im ersten deutschen Fernsehen (ARD) als eine der ersten deutschsprachigen Soaps. Für sehr viele Menschen wurde das Adelsmilieu rund um die Familien von Anstetten und von Lahnstein Teil ihres Alltags, die Figuren der Seifenoper wurden Vertraute, Freunde, Vorbilder. Am 26. Juni 2015 lief die letzte Folge. Viele Fantexte, eine 20-Jahre-VL-Chronik, exklusive Interviews mit den Serienstars etwa Wolfram Grandezka, Miriam Lahnstein, Gabriele Metzger, Martina Servatius, Broder B. Hendrix, Solveig Duda, Meike Gottschalk, Tatjana Kästel, Rosemarie Klein aka Frau Linse, Konrad Krauss, Henrike Fehrs, Bernd Reheuser, aber auch mit Dennis Grabosch aus "Alles was zählt", mit einem verehrenden Brief an den Butler Justus von Elke Heidenreich, einem tiefen Einblick in VL-Dramaturgie und Soap-Planung mit dem Drehbuch-Autor Tom Chroust, Listen mit Adelsnamen, Getränken, Gastrollen und einem Fragebogen für Fans, ideal zum Selbstbeantworten! ACHTUNG: Es ist nur eine einzige Audiodatei enthalten, Fotos schon, aber keine Videos - auch ältere E-Reader/Geräte sollten keine Probleme haben! Mesch, Stefan, geboren 1983 in Sinsheim (Baden), studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim, veröffentlicht Erzählungen und Prosa in Literaturzeitschriften und Buch-, Film- und Comic-Kritiken bei ZEIT Online, der Freitag und im Berliner Tagesspiegel. Er lebt in Heidelberg und Berlin, übersetzt aus dem Englischen, schreibt an seinem ersten Roman „Zimmer voller Freunde“. stefanmesch.wordpress.com Richter, Nikola, hat lange Zeit nur den engsten Freunden verraten, dass sie „Verbotene-Liebe“-Fan ist. Nun ist es raus. Sie leitet den Digitalverlag mikrotext und lebt in Berlin.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 939
Veröffentlichungsjahr: 2015
STEFAN MESCH, NIKOLA RICHTER (HG.)STRAIGHT TO YOUR HEART
Verbotene Liebe 1995–2015
ein mikrotext shot
E-Book-Erstellung/Cover: Andrea Nienhaus
Covertypo: PTL Attention, Viktor Nübel
www.mikrotext.de – [email protected]
ISBN 978-3-944543-24-6
Alle Rechte vorbehalten.
© mikrotext 2015, Berlin
Stefan Mesch, Nikola Richter (Hg.)
Straight to your heartVerbotene Liebe 1995–2015
Es muss im Sommer 2014 gewesen sein: Die Gerüchte um die Absetzung von „Verbotene Liebe“ wurden immer lauter, bis sie sich schließlich in ernstzunehmenden Nachrichten verfestigten. Am 22. Juli schrieb ich als Verlegerin des Digitalverlags mikrotext und seit Beginn der Serie als Zuschauerin „dabei“, seit 2010 mit Lesezeichen „VL“ in der Menüleiste meines Computers, der direkt in die Mediathek führte, eine Facebook-Nachricht an den ARD-Intendanten Volker Herres. Ich war traurig, entsetzt, enttäuscht, dass eines meiner Rituale so sang- und klanglos verschwinden sollte. Also bat ich ihn, sein Wort vom April zu halten, dass es mit VL weiterginge. Ich schlug ihm vor, das Publikum stärker zu beteiligen, die Serie als Online-Format anzubieten, da sie in der Mediathek hohe Abrufzahlen hatte. Ich bekam leider keine Antwort. Allerdings meldete sich Stefan Mesch, Literaturkritiker, Blogger, Autor, der sich auch als „VL-Gucker“ herausstellte. Jubel! Wir waren schon zwei.
Im April 2015, nachdem „Verbotene Liebe“ von einer Daily Soap zur wöchentlichen Serie umgestellt wurde, schlug Stefan vor, ein Erinnerungs-E-Book zu „Verbotene Liebe“ herauszugeben. Stefan ist sehr belesen, unglaublich genau und unheimlich begeisterungsfähig. Was er in zwei Monaten geschafft hat (Schauspieler anfragen, das Umfeld von VL recherchieren, Seriendetails dokumentieren ... ), ist nur mit einem Wort zu benennen: Wahnsinn! Dazu gleich mehr.
Im April 2015 lief gerade die Umstellung von der Daily auf die Weekly. Verlustgefühle, nicht nur bei uns. Und wir begannen zu planen, Nachrichten, Tweets, Mails zu verschicken, um Fans einzuladen, ihre Gedanken und Meinungen zur Serie aufzuschreiben. Das taten sie. Über 20 Texte trafen ein. Einige schauen auf einzelne Figuren, etwa auf Julia von Anstetten oder Andi Fritzsche, andere beschreiben ihre liebgewonnenen Fernsehrituale, komische Erinnerungen oder die Reaktionen von Nicht-Fans. Damit erzählen diese Texte ein Stück deutscher Fernseh- und Zuschauergeschichte. Wir bedanken uns aus vollstem Herzen für diese ehrlichen, privaten und oft auch herrlichen Texte, die im ersten Teil dieses E-Books zu finden sind.
Sehr aufschlussreich sind auch die Interviews, die Stefan mit vier Experten führte: Stefan Hättich (Fanpagebetreiber,) Anthony D. Langford (US-amerikanischer Soap-Kritiker) sowie Tom Chroust und Holger Badura (Drehbuchautoren). Sie geben Einblicke in drei wichtige Themen: in zwei Dekaden Fankultur, in die internationale Wahrnehmung von „Verbotene Liebe“ besonders durch die schwule Liebe zwischen Christian und Olli, und zu Drehbuchdramaturgie, Figurenentwicklung, Produktion. Die Interviews befinden sich im Mittelteil des E-Books. Dort können sich die Leser in einem vierten Interview sogar selbst befragen, mit Hilfe von 50 Fragen – die allerdings auch wieder einige Fans vorab beantwortet haben.
Was wäre eine solche Serie aber ohne ihre Stars? Mit ihnen wollten wir auch sprechen und wir waren überrascht und hocherfreut, dass so viele von ihnen auf unsere Anfragen zuvorkommend, schnell und umfassend geantwortet haben. An dieser Stelle sei ihnen sehr, sehr herzlich gedankt – denn eine solche zeitintensive Mitmachbereitschaft ist in der heutigen, sich schnell drehenden Medienwelt gar nicht so leicht. (Natürlich wollten auch einige gar nichts mehr mit VL zu tun haben. Auch sie waren enttäuscht worden. Das verstehen wir.)
So sind nun viele O-Töne von Darstellerinnen und Darstellern in diesem E-Book zu lesen, die erstmalig hier erscheinen und extra für dieses E-Book produziert wurden: mit Wolfram Grandezka (Ansgar von Lahnstein), Dr. Gabriele Metzger (Charlie Schneider) Martina Servatius (Elisabeth von Lahnstein), Arno Brandner (Konrad Krauss), Miriam Lahnstein (Tanja von Lahnstein), Tatjana Kästel (Rebecca von Lahnstein), Broder B. Hendrix (Gero von Sterneck), Solveig Duda (Marie von Beyenbach), Sarah Besgen (Evelyn Thoma), Henrike Fehrs (Alexa Berg), Bernd Reheuser (Vincent Berg), Claus Thull-Emden (Butler Justus) und Rosemarie Klein (Frau Linse). Diese Texte haben wir in einem dritten Teil zusammengefasst.
Ganz besonders freuen wir uns, dass Elke Heidenreich uns einen Original-Beitrag geschrieben hat: einen Brief an den Butler Justus. Wir verbeugen uns vor ihr, einem großen Fan.
Und wir können auch Service: Stefan filterte in tagelanger Lese- und Copy&Paste- und Redigierarbeit aus den 4664 Episodenbeschreibungen etwa 700 heraus – sie sind auch in diesem E-Book veröffentlicht. So hoffen wir, dass jede Leserin und jeder Leser wieder in eine ganz persönliche VL-Welt einsteigen kann. Stefans eigene originelle Recherche und Beobachtungen von Merkwürdigkeiten, Lustigem, Schrägem sind hinten im E-Book zu finden.
Was noch? Listen! Von Adelsnamen, Getränken, Gastdarstellern.
Und jetzt sage ich nur noch Danke. Danke, ARD, für 20 Jahre „Verbotene Liebe“, danke, liebe Produzenten, Regisseure, Autoren, Darsteller, Komparsen, danke Köln und Düsseldorf, danke Mediathek, danke Zuschauer, danke Fans, danke Leser, danke Stefan Mesch!
Auf dass es mit VL doch weitergeht! (Zumindest in diesem E-Book.)
PS: Lesetipp: Mit der Suchfunktion des Lesegeräts nach Figuren, Orten oder Themen suchen und so ein individiduelles E-Book zu VL zusammenstellen. Denn es sind mehr als 1 Million Zeichen geworden, hätte ich auch nicht gedacht, aber zum Glück haben wir im E-Book keine Platzbegrenzung. Es ist ja nur eine Datei.
Im Juni 2015
Ein Schloss, in Luftaufnahme. Ein älterer Mann mit grauer Weste auf einem Pferd – im Ritt. Der Kölner Dom, in Luftaufnahme. Ein Motorrad. Jugendliche, die Basketball spielen. Ein Mann mit Bauplänen, Karohemd und gelbem Sicherheitshelm vor einem mehrstöckigen Rohbau. Eine Frau im Blazer im Büro am Schreibtisch, angewidert. Ein Graf mit Schiebermütze. Ein Graf am Schreibtisch. Die Blazer-Frau mit rotem Lippenstift und schwerem Lidstrich, die Champagner trinkt – und in die Kamera starrt. Ein schwarzes Kleid aus Seide, das zu Boden fällt. Eine Männerhand, die einen Brief zerknüllt. Eine Kneipe. Junge Adlige unter einem blauen Regenschirm, die lachend durch den Innenhof des Schlosses rennen, im Regen. Ein lachendes junges Mädchen am Pferd. Ein lachendes junges Mädchen im Abendkleid, das einen Ohrring anlegt und eine prachtvolle Treppe hinabsteigt. Ein lachendes junges Paar auf einer Wiese voll gelber Blumen – die Frau wirft Blüten in die Luft. Geschwister schlendern lachend, Arm in Arm durch den Hausflur Richtung Sofa. Das Blumenwiesen-Paar liegt in der Hängematte – der Mann stößt lachend gegen die Nase der Frau. Eine junge Frau im schwarzen Blazer sitzt im Schlosspark vor einer Vase Tulpen und hält eine Tasse Kaffee. Ein Mädchen im Sommerkleid fährt Rad, mit offenem Haar. Mehr Basketball, mit anderen Jugendlichen. Ein Mädchen mit Pferdeschwanz und Latzhose telefoniert an einem schnurlosen Telefon. Vor dem Kölner Dom fallen zwei lachende Jungs in bunter Übergangskleidung ihrem Vater in die Arme. Ein Mädchen lehnt mit einem Notizbuch am Baum und lächelt. Ein Mädchen führt ein Pferd vor ein weißes Rosenspalier. Eine Galeristin hält eine Leinwand. Ein Mann mit kantigem Kinn hält eine Lederjacke. Die Gräfin in einem gelben Blazer, vor dem Schloss. Ein Mädchen mit Pferdeschwanz, auf Rollerskates. Ein älteres Paar umarmt sich vor dem Fenster ihrer Wohnküche. Ein langhaariger Junge rückt die Krawatte eines kurzhaarigen Jungen zurecht. Der Mann mit kantigem Kinn trainiert im Fitnessstudio. Zwei Schwestern nehmen vor dem Kölner Dom den langhaarigen Jungen in ihre Mitte. Die Gräfin vor dem Schloss, mit schwarzem Blazer. Der junge Graf legt seiner Freundin ein Collier um. Dieselbe Freundin bekommt eine andere Halskette umgelegt. Schüler fahren lachend auf City-Tretrollern. Die Galeristin senkt ein Champagnerglas, der Krawatten-Junge hebt eine Cappuccino-Tasse. Ein Mechaniker wischt sich die Hände am Öltuch ab. Der alte Mann in der Wohnküche küsst seine mittlerweile dritte Frau – auch sie trägt Blazer. Ein Mädchen wirft einem Jungen einen Rettungsring um den Hals. Lächelnde Mittzwanziger brunchen. Der junge Graf und eine weitere lächelnde Mittzwanzigerin beugen sich über ein Mischpult. Eine Frau steigt barfuß und mit nackten Beinen eine prunkvolle, mit rotem Läufer belegte Treppe hoch und lässt dabei ein cremeweißes Seidenkleid fallen. Ein reiches blondes Mädchen fährt im Cabrio zum Schloss. Eine Frau pustet Kerzen auf einer Torte aus, ein weiterer Mann mit kantigem Kinn rubbelt sich die Haare an einem Handtuch trocken. Drei Pferde traben vor dem Schloss. Die Freundin des jungen Grafen trägt eine dritte teure Halskette. Der junge Graf steigt aus dem Hubschrauber, einen Aktenkoffer in der Hand. Pferde galoppieren über ein Feld. Ein roter Oldtimer fährt an einer Freitreppe vor. Mutter und Tochter steigen in Abendkleidern eine prunkvolle Treppe hinab. Die ältere Blazer-Gräfin trinkt Sekt in ihrem Penthouse. Ein Zug fährt ein. Der blonde Bruder des blonden Mechanikers reicht ihm einen Schraubenschlüssel: Beide tragen ölverschmierte, enge Feinripp-Shirts. Ein einmotoriges Flugzeug hebt ab. Eine Hand streift einen Ehering über eine andere. Zwei Freundinnen trinken bunte Cocktails. Ein Roulette-Rad rotiert. Drei Pferde, ein Oldtimer und der junge Graf stehen auf dem Rasen eines rosa Herrenhauses. Das Tor einer Einfahrt öffnet sich und eine Frau in Bomberjacke macht sich auf den Weg. Ein junger Freiherr schwenkt die Kamera, seine beiden WG-Mitbewohnerinnen stecken die Köpfe zusammen und rollen die Augen. Ein anderer Mann hält eine andere Kamera. Eine blonde Frau lässt sich filmen, wie sie auf einer Wiese von einem Doppeldecker-Flugzeug mit ausgestreckten Armen immer näher kommt. Eine Hand zieht eine Perlenkette über roten Samt. Eine brünette Frau sitzt auf einem Pferd, im lila Blazer. Ein Mann im blauen Hemd reitet über eine verspielte Steinbrücke im Park. Zwei Mädchen hüpfen in einem Hangar auf und ab, während ein kleiner gelber Oldtimer auf sie zurollt. Ein junger Bauarbeiter (offenes Karohemd, weißes Feinrippshirt) hält seinen gelben Sicherheitshelm unter dem Arm. Ein Motorrad kurvt eine Straße am Ufer eines Sees entlang. Der Schattenriss eines Paars, das sich unter einem Torbogen umarmt. Eine junge Tänzerin hebt die Arme. Die Freifrau hält eine Schachfigur. Der schwarze König fällt. Eine Kutsche, gezogen von weißen Pferden; zugleich drückt eine Hand ein Siegel in heißes rotes Wachs. Ein Mädchen fährt Rollschuh im Salon eines Schlosses. In einem Raum, gefüllt mit weißen Luftballons, springen zwei Teenager auf ein Bett, auf dem ein Herz aus roten Luftballons gelegt wurde. Der junge Bauarbeiter wirft seine Übergangsjacke über die Schulter. Die Kerzen einer weiteren Geburtstagstorte werden ausgeblasen. Eine junge Frau mit lila Tank-Top und gelbem Stirnband steht mit zwei Jungs in einer Retro-Bar. Jemand verbrennt einen Brief. Ein Mädchen mit hochgestecktem, blondem Haar spielt mit einer roten Rose – während sie in einer freistehenden Badewanne liegt, in einem Salon mit bodenlangen goldenen Vorhängen. Ein weiteres Collier wird über roten Samt gezogen. Eine Hand im schwarzen Handschuh macht sich an einem Tresor zu schaffen. Ein Paar verlädt – leise und nachts – riesige Mengen Gold. In einem Gewölbekeller prügelt ein weiterer junger Graf auf einen Sandsack. Zwei Dutzend schwarze Pferde galoppieren über eine Wiese. Der neue Graf und seine junge Frau fahren in einem roten Oldtimer-Cabrio vom Schloss. Frauenhände scratchen über Plattenteller. Ein weiterer Hubschrauber hebt ab, davor ein Paar: Mittzwanziger. Die Galeristin steht im engen weißen Kleid in ihrem Nobelbistro. Eine Frau im rückenfreien, bodenlangen, grün changierenden Kleid lässt sich von der jungen, blonden Gräfin porträtieren. Die junge DJane steht weiter zwischen zwei Jungs im Retro-Club – doch jetzt umarmt sie einen Hund. Die Sonne geht auf (oder unter?), am Düsseldorfer Hafen. Ein weiterer Sandsack wird geschlagen, dieses Mal in einem helleren Raum mit großen Fenstern. Die DJane mit Hund steht weiterhin im Retro-Club, doch plötzlich ohne die beiden Jungs; beim Paar, das vor dem Hubschrauber posierte, fehlt jetzt die Frau. Dann wird plötzlich, sobald ein Mensch erscheint, auch sein Rollen-Name eingeblendet. Ein Topf dampft in der Schlossküche. Der Bauunternehmer steht immer noch vor Rohbauten, die Galeristin steht immer noch in ihrem Edelbistro, die Kette wird immer noch über roten Samt gezogen, noch immer öffnen sich die Tore eines Hangars, noch immer werden Goldbarren verladen. Die Namen der Figuren verschwinden wieder. Als sich das schwule Paar näher kommt, rollt eine junge Frau mit Pony die Augen. Im Foyer des Schlosses stehen zwei ältere Frauen, eine schwarz gekleidet, eine grau … und eine Ritterrüstung. Die Schwulen kommen sich noch näher, die Galeristin strahlt und spielt mit einer schwarzen Stola. Ein junges Paar in Abendgarderobe starrt sich gierig an, als wolle es auf dem gedeckten Tisch im Schloss-Salon Sex haben. Die Kamera fliegt übers Wasser und eine dicht befahrene Uferpromenade Richtung Kirche – auf Mallorca. Die ältere Blazer-Gräfin ist zurück: Jetzt trägt sie Leinen, Strohhut, Sonnenbrille und raucht Zigarillos. Ein blaues Windrad dreht im Wind. Ein Mann in Jeansjacke, Fedora und rosa Schal trägt einen Fußball, eine Reisetasche und ein Surfbrett gleichzeitig. Ein junger Priester (derselbe Mann?) legt den Kopf schief. Die Kamera fliegt über eine Finca – Richtung Pool. Am Rhein in Düsseldorf wird es Nacht. Eine blonde Assistentin zückt ein Klemmbrett. Ein Förster spricht mit seiner traurigen Frau, im Wald. Eine unglückliche junge Frau stößt mit Cognac, Sherry oder Weinbrand an. Das schwule Paar trägt Anzug und Krawatte, die Sonne geht auf, alles leuchtet lila-blau. Die böse blonde Gräfin schaut dem Anwalt tief in die Augen. Der böse Graf gibt Anweisungen an seinen Chauffeur. Das ältere gräfliche Paar wirft sich schale, müde Blicke zu – auf einer Hochzeit oder einer Beerdigung. Eine reiche, traurige Frau umarmt ein Kissen. Der Bauarbeiter steht im herbstlichen Wald und verbindet seiner Freundin die Augen. Eine Pferdepflegerin führt ein Pferd durch einen Torbogen. Die traurige junge Frau starrt auf einen teuren Ring. Im Schlosspark, auf der Brücke über den Schlossgraben, steht die Pferdepflegerin nervös zwischen einem Liebespaar. Der böse Graf nickt in den Wald hinein. Die alte böse Blazer-Gräfin nimmt auf Mallorca die Sonnenbrille ab. Eine Frau umarmt einen gut gebauten Mann am Pool – er trägt ein blaues Polohemd und ein Stethoskop. Eine junge Empfangsdame steht vor einer dunklen Glasfront mit den Leuchtbuchstaben LAHNSTEIN. Die alte, böse Gräfin steht in einem Mode-Atelier und gibt einer jungen, schwarzen Kreativen Befehle. Der Bauarbeiter besteigt ein Motorrad … und hängt gleichzeitig im Split-Screen unzufrieden mit einem Espresso über dem Kneipentresen. Ein junges Paar will sich in einer Galerie küssen, doch irgendetwas schreckt sie auf. Die gute alte Gräfin trägt jetzt einen Pelzmantel. Der neueste Graf legt ihr ein teures Collier um. Ihr stockt der Atem. Ein nachdenklicher junger Mann trinkt Espresso – eine selbstbewusste, lachende junge Frau trinkt Sekt. Ein Motorrad fährt durch den Herbstwald. Vor lodernden Kerzen streichelt ein Junge mit freiem Oberkörper über die Arme eines Mädchens im BH. Die gesamte gräfliche Familie posiert auf der Schlosstreppe im Foyer. Der Anwalt hält ein Baby und ein Schuljunge im Polohemd tollt durch die Küche, die böse junge Gräfin trägt einen cremefarbenen Blazer und lächelt. Ein lesbisches Paar küsst sich in mintfarbener Seidenbettwäsche und posiert, Split-Screen, Arm in Arm für Fotografen. Die Assistentin und der Schwule führen als Models Bademode vor. Die böse alte Gräfin lacht zum ersten Mal. Eine gelangweilte Großfamilie trifft sich zu einem langweiligen Frühstück in einer Wohnküche. Die Pferdepflegerin gibt einem jungen Pferd die Flasche. Nicht-mehr-sehr-junge WG-Bewohner umarmen sich auf dem WG-Sofa. Der Bauarbeiter schwenkt eine Faust und johlt aus dem Beifahrerfenster eines roten Oldtimers. Der Schwule begrüßt seinen Partner (mit Trekking-Rucksack, in der Haustür) und küsst ihn auf den Mund. Ein junges blondes Mädchen spielt sehr konzentriert Gitarre, ein junger Mann kocht in der Schlossküche. Der gut gebaute Arzt nickt ernst – und die blonde Assistentin schlägt die Augen nieder, traurig. Der böse Graf nickt weiterhin allein im Wald. Eine Frau (aber wer?) stößt einen müden Familienvater aufs Bett. Derselbe (?) Mann hievt dann die böse blonde Gräfin auf den Schreibtisch der adligen Bibliothek – sie spreizt die Beine. Die langweilige Familie isst jetzt Salat statt Frühstück und sieht fröhlicher aus. Dann tanzen Mama und Papa durch die Wohnküche. Ein Mädchen ohrfeigt ihren Freund. Die Lesben proben einen Text oder rezitieren Gedichte, begeistert, am Esstisch der Schlossküche. Die Assistentin modelt immer noch, im selben Badeanzug. Scheinwerfer projizieren die Buchstaben „LCL“ auf den Fußboden eines Foyers, an dessen Wand groß „LCL“ steht. Ein punkiges, sehr dünnes blondes Model wirft eine schwarze Kutte ab, während grelle Pyrotechnik verpufft; die lesbische Gräfin lächelt höflich. Eine junge Frau mit Pudelmütze trägt eine Kleiderpuppe durch die Stadt. Eine unzufriedene Näherin näht im Atelier. Eine Frau in Unterwäsche kauert unglücklich auf einer Treppe mit LCL-Schriftzug, aber ein Macker mit schwarzer Lederjacke macht ihr neuen Mut. Die Galeristin will einer jungen Frau (der unzufriedenen Näherin?) Mut machen und fasst ihr ins Gesicht. Der Bauarbeiter und ein junger Graf prügeln sich in einer Bar. Die gute alte Gräfin kommt (vom Einkaufen?), der Butler hastet ihr lächelnd entgegen. Die böse junge Gräfin sitzt mit ihrem Säugling im Bett – doch ihr Mann steht wütend auf. Der böse Graf raucht Zigarre. Plötzlich erscheinen alle Szenen und Bilder als Ausschnitte einer großen Artikel- und Presse-Collage: Der böse Graf und die böse junge Gräfin wollen ein Cabrio besteigen, doch der Anwalts-Ehemann der bösen Gräfin springt überraschend auf den Rücksitz. Sportfechter fechten im Schlosspark. Champagner wird in mehrere hohe Flöten ausgeschenkt. Die Fechter nehmen die Masken ab: Es sind die lesbische Gräfin und ihr Bruder. Ein Biker fährt in eine Ladezone voller „LCL“-Vans, wirft einer grauen Maus seinen Motorradhelm zu und zwinkert. Die graue Maus lächelt tapfer – und schaut ihm hinterher. Der Schwule und die Assistentin modeln jetzt Pelze – dann steht die Assistentin vor einer Wiege in einem pinken Mädchenzimmer, an dessen Wand in großen Metallbuchstaben „DREAM“ steht und lächelt über dem Baby-Mobile der Pferdepflegerin zu … bis der gut gebaute Stethoskopträger erscheint – verwirrt, mit einem Strauß Rosen. Der Bauarbeiter rangelt mit Freunden im Flur einer WG. Die graue Maus küsst den frechen Biker. Mehrere Limousinen fahren am „LCL“-Gebäude vor, die böse junge Gräfin steht mit rotem Lippenstift im roten Kleid auf dem roten Teppich. Die graue Maus stöbert im Lager des Ateliers, wirft sich versehentlich eine Bahn Gaze oder Tüll über den Kopf und steht plötzlich als überraschte „Braut“ vor dem frechen Biker: Der Biker nimmt ihr den „Schleier“ ab. Das rote Haar eines Models weht in der Windmaschine. Der junge Koch steigt aus einem Imbisswagen. Die langweilige Familie wird immer kleiner – aber immer fröhlicher; darunter steht die Zeitungs-Headline „Familie im Glück“, alle reichen sich den Brotkorb und lächeln manisch. Dann sagt eine Zeitungs-Headline: „Zusammenhalt“. Der Schwule küsst, nach Jahren, einen anderen Mann. Die lesbische Gräfin zeigt ihren BH vor einem tätowierten Macker in Muskelshirt. Die alte gute Gräfin tanzt mit einem jüngeren Mann. Die Kamera kreist wild und aus großer Höhe um das Schloss und die Außenanlagen. Der böse Graf torkelt betrunken und lässt sich von einer jungen, aufgebrachten Frau stützen. Zum ersten Mal erscheinen die Namen der Schauspieler. Die böse blonde Gräfin heiratet im cremefarbenen Kleid. Der Anwalt zückt eine Waffe. Die Freundin des Kochs schreit, runzelt die Stirn und (Bildmontage:) zeigt ihren BH. Eine Autokolonne verlässt das Schloss. Mehrere modernistische Villen zeigen ihre verglasten Fassaden. Eine Malerin im weißen Jumpsuit wischt rote Farbe auf eine Leinwand, vor riesigen Fenstern. Magnolien blühen im Park vor der Fassade des Schlosses – und die Kamera rollt diskret zurück.
1 Alle 38 verschiedenen Intro-Versionen zu „Verbotene Liebe“, in einer Youtube-Playlist.
Es wird entsetzlich. Das unsägliche Quizduell mit dem netten Herrn Pilawa sowieso, das wollen wir nur hui, schnell mal zwischendurch auf unseren Handys spielen und sonst nirgends und schon gar nicht moderiert. Nein, es wird entsetzlich am Abend ohne die „Verbotene Liebe“, eine der langlebigsten und gewiss originellsten aller Serien.
Was ist los mit dem Programmdirektor der ARD, der findet, alles Verbotene und Glamouröse sei nun mal fertig erzählt? Hat er mehr als, na, sagen wir, höchstens zehn dieser über 4500 Folgen gesehen? Was weiß er vom Westforst, durch den bald ein Autobahnzubringer gebaut wird, obwohl dort die seltene Sumpfrohreule wohnt, was vom Schimmel im Ostflügel von Schloss Königsbrunn? War er je im sozialen Zentrum für alles, dem „No Limits“ oder in der gehobenen Kategorie, dem „Schneiders“? Weiß er nicht, wie sich LCL um die jeweils neueste Modekollektion bemüht? Nein, nichts von all dem weiß er, er guckt auf die unfassbar dämliche Einrichtung der QUOTE, was immer das sein soll.
Das ist so ein Messkasten in geschätzten 2000 Haushalten, und wenn die ein- oder eben nicht einschalten, das ist dann die QUOTE. Daran glauben die beim Fernsehen tatsächlich seit Jahrzehnten. Kann aber auch sein, dass das sowas rundum Manipuliertes ist wie die Lügen-Rangliste Männer/Frauen neulich beim ZDF, die stecken doch alle unter einer Gebührendecke. Etwa 1,22 Millionen Zuschauer hat nach dieser QUOTE die „Verbotene Liebe“ angeblich allabendlich nur noch. Na und? Der Programmdirektor weiß nichts von den sieben bis acht Millionen, die die Serie im Netz anklicken, hat er schon mal von der ARD-Mediathek gehört? Sollte er, in seinem Beruf. Denn wir lassen uns schon lange nicht mehr vorschreiben, dass wir am hellen Abend möglichst bei 36 Grad auf dem Sofa sitzen und Fernsehen gucken. Manchmal tun wir das, ein fester Termin kann was Gutes sein, aber oft eben machen wir uns um 23 Uhr ein schönes Fläschchen auf und dann heißt es mit iPad auf dem Schoß weinen mit Elisabeth, intrigieren mit Tanja und Ansgar, gutmenscheln mit Sebastian, schwärmen für Emilio, zicken mit Kim, lieben mit Charlie, leiden mit Olli, rechtschaffen sein mit Caro, verlogen mit Giselle, grundgut mit Biggi, deftig mit Thomas und so weiter – was weiß denn ein Programmdirektor von diesen Leuten.
Ein Programmdirektor macht Programm, er ruiniert zum Beispiel Harald Schmidt mit Oliver Pocher, er hievt Gottschalk live dahin, wo sowas keiner sehen will, er mutet uns eine Schminkshow mit Bruce „Drama“ Darnell zu oder eben, wie gesagt, diesen netten Herrn Pilawa mit den grottendämlichen Rätselfragen. Kochen und Raten – fällt euch vielleicht mal irgendwas anderes ein? Müssen wir unentwegt um irgendwas wetten, unwichtiges Wissen beweisen, um Millionär zu werden, endlich kochen lernen und uns nun auch noch im Besserwisser-Quiz duellieren? Können wir nicht einfach mal zugucken, wie Leute auf dem Schloss ihren hundert Jahre alten Whisky trinken und Millionen verschieben und wie es in der Modebranche hinter den Kulissen aussieht und was eine WG heute noch so treibt?
Für den feinen Witz, die Ironie, das Abgehobene einer so herrlichen Seifenoper hat so ein Programmdirektor keinen Sinn. Weiß er, dass der bis in Grab treue Butler Haikus dichtet und neuerdings gern in Versen spricht und wir täglich vor Lachen darüber zusammenbrechen? Weiß er, wie wenig wir sonst im Fernsehen zu lachen kriegen? Nirgends gibt es Vergleichbares: hier die durch und durch intriganten Lahnsteins, Adelsbastarde auf Schloss Königsbrunn mit hässlichem Kaffeegeschirr und heimlicher Tapetentür, dort die Wohngemeinschaft mit Schwulen, Ganzkörpertätowierten, Kloputzplan und unehelichem Kind, und dann noch der Modekonzern mit bildschöner, energischer Designerin, verzickten Models und der hinreißenden Assistentin Jessica, Prototyp der dämlichen Blondine in Pink und Leoprint. Kein Klischee wird ausgelassen, und das seit nunmehr fast 20 Jahren, und noch immer ist es witzig und schlagfertig und unüberbietbar unterhaltend. Tolstoi, Flaubert, Balzac, Dickens, sie haben einige ihrer Romane als Fortsetzungsgeschichten für Zeitungen geschrieben – nichts anderes passiert hier: der große Fortsetzungsroman in täglichen Häppchen.
Und sage keiner, es ginge nur um Schmonzetten aus adeligen Betten. Es geht um Themen wie Ausländer, Balkankrieg, Schwulenehe, Goldschmuggel, Fahrerflucht, Inzest – da sind sie, die großen Themen der Weltliteratur, der Opern, der Menschen schlechthin. Betrug, Ehebruch, Demenz, Versöhnung, Steuerflucht, Bruderzwist, alles da. Und alles steht, wie im echten Leben, am nächsten Tag mit Photo und Lügen in der „Glanz und Gloria“ oder wie die bunten Blätter eben so heißen: Sohn liebt Frau des Vaters, Schwester liebt Bruder, Vater hasst südamerikanischen Schwiegersohn, gestandene Frau scheitert an schwachen Männern, ach, Charlie, nach 20 Jahren soll ich dein Leben nicht weiter verfolgen dürfen, sondern soll bei Pilawa raten: Welches Metall wird für die Schrauben verwendet, wenn man einen neuen Zahn eingesetzt bekommt? Richtig! Titan. Lieber wären wir Fans von VL ja wohl tot, als uns zu so etwas herabzulassen.
Die Schauspieler der „Verbotenen Liebe“ sind durchweg gut und machen ihre Sache mit Lust und Leidenschaft ganz fabelhaft. Die Autoren sind es auch, immer wieder freue ich mich an Dialogen wie „Kann ich etwas für dich tun, Ansgar?“ „Wenn du so fragst, Tanja, dann fall tot um.“
Wenn Blondine Jessica erzählt, man habe ihr Ähnlichkeit mit Angelina Jolie testiert, fragt Bauarbeiter Andi: „Wer, der Düsseldorfer Blindenverein?“ Nach Monaten im Koma wacht Tanja wieder auf (die Schauspielerin hatte ihrer Kinder wegen pausiert) und zack, geht es mit den Bosheiten einfach weiter. Endlich mal wird nicht alles plausibel erklärt und begründet (schwere Kindheit, böse Mutter, Vater früh weg). Es ist, wie es ist. Chefarzt Ricardo schient gebrochene Beine, holt Kinder auf die Welt, operiert Gehirntumore und heilt Querschnittslähmungen – endlich mal ein Arzt, der alles kann! Wie viel augenzwinkernden Charme hat diese Serie – Currywurst und Champagner, das ist die „Verbotene Liebe“, ganz unten und ganz oben, ganz gut und ganz schlecht sind die Menschen, die Köchin heißt Frau Linse und der Butler Justus, der Gerechte. Geht es schöner, geht es ironischer? Aber, findet der Programmdirektor, jetzt ist es genug, es ist ja alles erzählt. Ach, doch noch längst nicht. Was wird denn aus Thore und Caro? Der wird doch wohl nicht mit Giselle glücklich? Kriegen sich Olli und Sascha nicht vielleicht doch noch? Kriegt Bella vom doofen Andi ein Kind? Kehrt Dana tatsächlich zu Hagen zurück, obwohl der neuerdings hässliche Strickjacken trägt? Was plant eigentlich Marlene? Hält die Ehe von Charlie und Helmke? Ist Ansgar wirklich tot? Taucht der Vater von Alexa Berg (Bösewicht!) nicht doch noch mal auf? Und könnte er nicht dann doch Elisabeth heiraten? In dieser Serie ist man gefälligst nicht tot. Man wird erschossen oder stürzt mit dem Flugzeug ab oder ertrinkt im Sturm in der Karibik, und dann taucht man nach zwanzig, dreißig, hundert, ach was, nach tausend Folgen eben wieder auf. So soll es sein! Das hat uns damals schon „Dallas“ prima vorgemacht. Man könnte getrost immer weitererzählen, aber stattdessen raten wir jetzt Metall für Zahnschrauben.
Ratet nicht mit, ihr traurigen Fans. Schaltet aus. Drückt die unselige QUOTE, an die die da oben immer noch glauben, unters Erdniveau.
Ach, wir Zuschauer werden ja eh nie gefragt. Die mögen uns einfach nicht, die Fernsehdirektoren. Wir kriegen serviert, was ein paar wichtige Herren und einige Damen sich so fürs Volk ausdenken. Und das Volk weint. Hört ihr, lest ihr das? EUER VOLK WEINT!
Das Vorabendprogramm soll leicht und schön auf den Abend einstimmen. Die „Verbotene Liebe“ tut das seit Anbeginn, und sie leidet darunter, mal 20, mal 45 Minuten lang sein zu müssen, mal vor, mal nach, mal genau um 18 Uhr anzufangen und mit Werbung zugeknallt zu werden. Aber all diese Misshandlungen hat die Serie mit den Millionen treuer Fans überstanden. Den Geschmack eines Programmdirektors jetzt übersteht sie nicht. Dabei hat der Mann im Jahrbuch der ARD 2009 sogar einen Aufsatz geschrieben zum Thema „Qualität trotz Quote“. Die geliebte „Verbotene Liebe“ hat Qualität – trotz QUOTE. So rum gilt das nämlich auch.
Kann man Fernsehdirektoren abwählen? Gibt es einen Quotenknopf dafür? Dann drück ich den jetzt mal eben.
Zuerst erschienen in der Süddeutschen Zeitung – Mittwoch, 23. Juli 2014.
Manche TV-Formate scheinen ihren eigenen Tod überlebt zu haben und wandeln als Zombies über meinen Bildschirm. „Verbotene Liebe“ scheint mir so ein Zombie zu sein.
Die Soap läuft seit 1995. Damals war ich 14 Jahre alt. Mitte der 1990er waren die 1980er noch zu spüren. Steffi Graf spielte noch Tennis und Franziska von Almsick schwamm als Goldfisch durch die Sportlandschaft. Claudia Schiffers Ära. Aufgedonnert. Top, Top, Top.
Und im Ersten lief „Verbotene Liebe“. Eine Adelsgeschichte. Intrigen, Reichtum, Liebe. Irgendwo im Netz findet sich die erste Folge. Ich bin neugierig.
Holzfällerhemd und Goldcreolen lächeln mich an. Worte wie „spitzenmäßig“ und „Hey Alter“ fallen, ich bin tatsächlich in den 1990ern. Innerhalb der Folge erscheint Clarissa von Anstetten als Fernseh-Prominenz im Fernsehen und spricht über ihre Modemarke „Ligne Clarisse“. „Das kannst du dir doch eh nicht leisten“, sagt Mutter Iris zur am Bildschirm klebenden Tochter. Ok, alles klar. Hier sind wir, die Normalsterblichen, und unser Dasein wird durchwoben von den Schönen und Reichen auf den Bildschirmen. Charlie raucht auf einer Party und macht anzügliche Bemerkungen. Bam, 1990er.
Das ist also die erste Folge von „Verbotene Liebe“. Damals war ich noch lange nicht dabei. Eine Zeitreise zu Fönfrisur und Schulterpolstern. Trotzdem kenne ich die Geschichte von Jan und Julia, dem Zwillingspärchen, das getrennt aufwächst und sich dann ineinander verliebt. Julia wuchs in der reichen, modebewussten von-Anstetten-Dynastie auf – Jan nicht. Ihre Geschichte passte zum Namen der Serie – Verbotene Liebe eben.
Der Liebe sind sie treu geblieben.
Ich war in den letzten 15 Jahren immer mal wieder punktuell mit von der Partie. In meiner Studentenzeit irgendwann zwischen 2001 und 2005 lungerten wir vor dem Bildschirm herum, und manchmal begann der Tag auch erst richtig um diese Zeit. Saßen wir echt und tatsächlich im Schlafanzug vor „Verbotene Liebe“? Ich denke schon. Wobei wir nicht „Schlafanzug“ sagten und ich wohl eher Jogginghose, Kaffee, Zigaretten und Metal-Fan-Shirt als damaligen „Schlafanzug“ meine. Der Bildschirm hatte auch nichts mit den heutigen Flachbildschirmen zu tun, sondern war ein kleiner Kastenfernseher, den man problemlos ins Regal stellen konnte und der die Wahnsinns-Funktion hatte, dass man einen Timer stellen konnte und Aufnahmen mit einer Videokassette machen. Das hätte bestimmt geklappt, wenn wir gewusst hätten, wie man die richtige Uhrzeit einstellt. Aber so war das damals: Alles noch analog, im digitalem Low-Bereich.
Obwohl alles in „Verbotene Liebe“ eher schick war, wurde die Serie für uns nie zum Modemagazin. Ich kann mich nicht mal wirklich ans Gucken erinnern. „Verbotene Liebe“ war wie ein Strandspaziergang im flachen Wasser. Du konntest es immer nebenbei angucken. Bei einer Schüssel Cornflakes. Es hat dich nicht überfordert. Und am Ende kamen die Liebenden zusammen.
Ich kann mich an einen Brief einer Schulfreundin erinnern, die mir erzählte, dass sie in ihrer internatsähnlichen Ausbildung immer um 18 Uhr mit dem Lernen aufhörte und mit „Verbotene Liebe“ den Abend einleitete. Sie schrieb mir das, um eine Gemeinsamkeit von „früher“ mit mir zu teilen. Unsere Freundschaft ging unschön aus. Mit verschiedenen Lebenskonzepten trennen sich die Wege, aber der Brief sollte ein Bezugspunkt sein, ein neues Anknüpfen. Briefe haben wir uns in der Schulzeit ständig geschrieben. Es gab ganze Briefhefte, die reich verziert von Mädchen zu Mädchen weitergereicht wurden. Immer top secret. Immer mit langweiligem Kram gefüllt, ein paar Geheimnisse dazwischen. Der Brief rettete unsere Freundschaft nicht. Aber dass er „Verbotene Liebe“ und ein paar Songtexte von The Cure enthielt – da muss ich heute lächeln. Mittlerweile bin ich mit ihr auf Facebook befreundet und wir liken ab und zu gegenseitig unsere Fotos ….
Als das Studium fordernd wurde, bin ich wieder ausgestiegen. Die Zeit des Rumgammelns endete und damit auch mein „Verbotene Liebe“-Programm. Man wächst ja doch aus ein paar Formaten heraus.
Nach meinem Studium habe ich noch mal eine Ausbildung gemacht. (Nein, ich habe fertig studiert und ja, sehr gut abgeschlossen und nicht alles vergammelt …) In meiner Berufsschulklasse war ich mit fast 30 wieder mit Teenagern zusammen. Auch hier wurde „Verbotene Liebe“ geguckt. Damals waren vor allem die Romanzen zwischen den Youngstern ein Thema und ich bemerkte mein Alter. Ich kann mich erinnern, dass es den Mädels überhaupt nicht peinlich war.
In meiner Generation wurde „Verbotene Liebe“ irgendwann nämlich sehr wohl zu einem Guilty Pleasure. Auf einer Party stand man nicht in der Küche und erzählte davon, dass man um 18 Uhr die ARD-Titelmusik mitträllern konnte. Aber Claudia Schiffer fand zu der Zeit auch keiner mehr schön – die war auch plötzlich allen zu perfekt und zu nett. Obwohl meinen Berufsschulmädels Claudia Schiffer kein deutlicher Begriff mehr war: „Verbotene Liebe“ war es. Das alles war irgendwann vor 2010.
Ich hatte inzwischen meine Probleme mit der Serie. Aus rein persönlichen Gründen. Es spielte nämlich jemand mit, den ich persönlich kannte. Ein junges Mädchen. Eigentlich war sie die kleine Schwester von jemandem aus meiner Schulzeit. Mein Schul-Boyfried war mit ihm sehr gut befreundet und hat sich immer für diese Künstlerfamilie interessiert. Er fand auch damals die Schauspielambitionen der kleinen Schwester toll. In meiner jugendlichen Naivität habe ich bei einem Treffen auch bemerken wollen, dass diese kleine Schwester meinen Freund ganz toll fand. Und ich war eifersüchtig. Wie alt war sie damals? 14? Wir waren 18 oder 19 Jahre alt, standen kurz vor dem Abitur und ich war mir nicht sicher, ob sie noch ein Kind war oder nicht. Mein Freund hat mich damals wegen meiner Eifersucht ausgelacht und nahm mich zu irgendeiner Laientheatervorstellung von ihr mit. Ein großartiger Abend. Ich war so gelangweilt, wie man nur mit 19 gelangweilt sein kann. Und die kleine talentierte Schwester blinzelte mich immer wieder an. Ich war mir todsicher: Sie stand auf meinen Freund.
Zwei Jahre später waren wir nicht mehr zusammen. Die Schulromanze endete. Eine große Tragödie, wie immer. Mit Anfang 20 und Studium ist man sich nicht so sicher mit den ganzen Trennungen und Liebesschwüren, und als ich eines Abends bei ihm anrief, ging sie ans Telefon. Nicht mehr die kleine Schwester, sondern ein ausgewachsener Teenager mit Schlafzimmerstimme. Ne, ne, sie wäre nicht mit ihm zusammen, sie wohnen nur in einer WG jetzt. Ich legte wieder auf und kochte innerlich. Völlig zu Unrecht, wenn man bedenkt, wie ich mich in dieser Beziehung aufgeführt habe – aber dieser Weitblick fehlte mir damals.
Ein kleines Eifersuchtsintermezzo im „Verbotene Liebe“-Stil.
Ich bin aus allen Latschen gekippt, als ich sie Jahre später in „Verbotene Liebe“ wiedersah. Ich mochte sie immer noch nicht und schaltete den Fernseher wieder aus – ein bisschen wollte ich auch nicht, dass sie mit der Schauspielerinnen-Nummer erfolgreich ist. Mit meinen Berufsschulmädels konnte ich also nicht mehr einsteigen in das Serien-Glück.
Damit hätte „Verbotene Liebe“ endgültig beendet sein können für mich – aber die Serie lief nicht aus. Sie spielten immer weiter. Ich vergaß meinen ersten Freund. Ich vergaß die kleine Schwester. Irgendwann blieb ich wieder hängen. Irgendwann ist jeder mal wieder um 18 Uhr zu Hause und hat nichts Besseres zu tun.
Während meiner Schwangerschaft 2012 hatte ich ein Revival mit dem Format: Ich konnte mich eh nicht mehr bewegen und lag wie ein Walfisch vor dem Fernseher. Vor mir kamen Tanja von Lahnstein und Sebastian wieder zusammen, trennten sich wieder, kamen wieder zusammen. Manchmal war ich richtig drin in der Geschichte. Ein Ausstieg war irgendwie immer möglich, ein Einstieg auch. Es gab stets ein Paar, das sich verliebte und die Hindernisse bis zum Zusammenkommen überwand. Danach war ein anderes Paar dran. Manchmal mochte ich die Paare, manchmal nicht. Am Ende hatte jeder mal was mit jedem. Schauspieler stiegen aus und andere kamen dazu und es ging von vorne los.
„Verbotene Liebe“ trennte wieder den Tag vom Abend. Eine Funktion, die ich der Serie wohl von Anfang an zugeschrieben habe: In Fernseh-Deutschland gibt es nun mal Uhrzeiten für Formate. Mittags der Klatsch, dann beginnt mit den Kochsendungen der Nachmittag. Früher gab es Talkshows. Ist aber auch schon ewig her. „Verbotene Liebe“ – da ist es dann Abend, und bald kommen die 20-Uhr-Nachrichten. Ein bisschen Orientierung braucht der Mensch.
Anfang 2015 wurde die Sendung als Daily Soap abgesetzt. Sang- und Klanglos. Inzwischen gibt es „Verbotene Liebe“ nur noch am Freitag. Heute hat es mich zufällig gestreift, und es war eine Zombiebegegnung.
Die Kameraeinstellungen spektakulärer und ein wenig wie „Tatort“, manchmal. Die Locations neu und feiner. Die meisten Charaktere erkenne ich wieder, andere nicht. Die Geschichte wirkt wie aus einer anderen Zeit. Eine Frau kommt aufs Schloss und in Rückblenden wird erzählt, dass ihr die drei Brüder Sebastian, Ansgar und Tristan in ihrer Jugend wohl übel mitgespielt haben. Nur eine kurze Sequenz deutet an, in wen sie sich wohl verlieben wird, aber die Geschichte ist nun die Geschichte um ihre Rache. Rache ist ein altes Motiv bei „Verbotene Liebe“, aber die Rückblenden sind neu. Vielleicht kam das aber alles schon mal vor – und ich weiß es nur nicht.
Schon mein Revival 2012, zur Schwangerschaft, war bitter: Der Flüchtling Emilio Sanchez verliebt sich in die schöne und reiche Lahnstein-Tochter Kim. Kim aber ist eigentlich ein Hybrid aus Mittelschicht und Adelstochter. Die Trennlinie zwischen Reich und Normal wirkt fließend und kommt nur noch zum Zug, sobald es der Geschichte passt. Kim und Emilio überwinden alle Hindernisse. Seltsam aufgesetzt wirkt seine Geschichte um Flucht und Elendsquartiere, denn er spricht ein besseres Deutsch als meine Oma. Trotzdem bin ich ein Fan von ihm.
2015, in der neuen, wöchentlichen Version von „Verbotene Liebe“, kommt eine der Hauptfiguren gerade aus Nepal zurück. Mit ihrer Freundin spricht sie immer wieder verträumt vor dem Fenster des Schlosses über ihre Zeit in Kathmandu. Die Risse in „Verbotene Liebe“ platzen spröde auf. Etwas, das mir mit dem ersten Kaffee in der Hand als Twentysomething überhaupt nicht aufgefallen wäre, reizt jetzt mein Auge.
Mir wird klar, dass diese Weekly-Episoden versuchen, die Szenerie neu zu erfinden – aber dabei übersehen, dass die tragenden Elemente einfach veraltet sind. Das, was die Macher des neuen „Karate Kid“ mit Jaden Smith erkannt haben: In der Version von 1984 ging es um Reichtum und Standesdünkel. All diese Elemente wurden im Remake, der Version von 2010, entfernt. Dadurch wirkt die Geschichte moderner und ist angekommen.
Klunker, Goldkettchen, fette Autos, ein Schloss, ein Butler – das sind Elemente aus 1995. Die Sendung ist nicht wegen ihrer flachen schauspielerischen Leistung oder des Inhalts der Geschichte zum Scheitern verurteilt, sondern wegen des grundsätzlichen Settings. Eine Geschichte um Männer, die sich mit ihrem Reichtum aus allem rauskaufen können und im Standesdünkel auf einem Schloss untergehen – das ist nicht mehr Top, Top, Top.
Ich bin nicht mit „Verbotene Liebe“ aufgewachsen wie andere mit dem Sandmännchen. Aber ich bin mit „Verbotene Liebe“ erwachsen geworden. Von den Ausläufern der Schulzeit über die Studienzeit weiter bis zur späten Berufsschule und dann noch mal als schwangerer Wal. Jetzt ist „Verbotene Liebe“ wie ein Kleidungsstück, das ich im Schrank vergessen habe und bei dem ich mir denke: Himmel, sind wir echt so auf die Straße gegangen?
Ein Zombie ist per Definition eine Leiche, die nicht richtig getötet wurde. Ein gut platzierter Kopfschuss, ein Küchenmesser in die Schläfe – und der Untote steht nie wieder auf. Wenn ich im matten Licht Ansgar in sein Telefon sprechen sehe und zuhöre, wie er von irgendeiner Jugendbegegnung erzählt, die natürlich noch nie zuvor erwähnt wurde oder vorgekommen ist, lasse ich meinen eigenen Kopf nach hinten fallen und schreie: Ahhhhhhrg.
Ich kann es nicht noch einmal tun. Ich habe alle Varianten bereits durchlebt. Ich kenne die Prinzessin und das Mauerblümchen. Ich habe euch noch nie geglaubt – aber das hier, diese neueste Version, glaube ich noch weniger.
„Verbotene Liebe“ könnte jetzt das Wochenende einleiten, wie früher den Abend. Ich überlege kurz, ob das eine Möglichkeit für mich ist: Zombie-Love. Ich wurde in den Jahren immer wieder in „Verbotene Liebe“ hineingespült und dann wieder durch andere Lebensumstände hinaus. Mein Spaziergang in seichtem Wasser. Ich habe mein Leben nie wirklich angepasst oder passend gemacht dafür – sondern es war immer halt zufällig da. Jetzt ist es zufällig nicht mehr da.
Serien sehen, zur festen Uhrzeit, jeden Tag – auch das ist etwas, das es nur im digitalem Low-Bereich gab. Meinen Kindern wird es wohl unverständlich sein, wie man eine Serie verpassen kann, nur wenn man nicht mehr zur Ausstrahlung zu Hause ist. Heutzutage programmiere ich meinen inzwischen perfekt funktionierenden Endlos-Timer an meinem Flachbildschirm, der echt in kein Regal mehr passt und kaufe mir zusätzlich noch Serien in Originalversion kurz nach der Erstausstrahlung in den Staaten dazu. Ich werde nirgends mehr hingespült.
Jetzt habe ich doch noch einen „Tatort“-Haken an „Verbotene Liebe“: „Tatort“ nehme ich auch nie auf. Ich schaue es mir sehr gerne an – sonntags um 20.15 Uhr. Aber wenn ich es verpasse, dann verpasse ich es. So geht es mir mit „Verbotene Liebe“ auch. Ich nehme die Folgen nicht auf und schaue sie mir an, wenn es in mein Leben passt. Ein letztes Tribut an den digitalen Low-Bereich, aus dem ich komme. Und nein, ich bin noch keine 35 Jahre alt. Und trotzdem.
Ich wünschte mir, sie hätten das Format beendet. Mit einem Kopfschuss. Einem großen Finale. Ich hoffe nicht, dass es jetzt ausdümpelt. Der Serientod mit Alzheimer war schon nahe an meiner Kopfschuss-Vision. Doch sie können nicht aufhören – und werden jetzt verbannt auf einen einzigen Tag, Freitag, 18.50 Uhr. Keine Chance mehr, dass „Verbotene Liebe“ für irgendwen jeden Wochentag zwischen Nachmittag und Abend trennt.
Ich wünschte, sie hätten es in ihrer Zeit verabschiedet und etwas Neues gemacht. Irgendetwas ohne Goldkettchen und Galerien. Die Geschichte einer deutschen Bestattungsfamilie à la „Six Feet Under“ oder auch ein bisschen DDR-Geschichte. Eine Daily-Soap über ein Dorf an der Ostsee würde ich mir wohl lieber ansehen als die Liebeslügen der Oberen Zehntausend. Dallas ist nur eine Stadt in Texas. Auch für euch.
Eine erste, kurze Version dieses Textes erschien am 24. April 2015 auf Fadenvogel.de http://www.fadenvogel.de/verbotene-liebe-hat-ihren-eigenen-tod-ueberlebt/
Die Anfänge der „Verbotenen Liebe“ waren voller grundlegender Fragen und zogen uns mit wenigen, dramaturgisch geschickt gesetzten Szenenabläufen unmittelbar hinein in die Handlung:
Ich werde nie vergessen, wie Julia eines späten Nachmittags eine Straße entlang ging, an einer hohen grünen Hecke vorbei. Ihr Kleid schwang in perfekten Wellen, ihr Haar lockte, jeder konnte sehen: Diese junge Frau hat ein Ziel, und das ist die Liebe!
Doch ihre Schritte wurden schwer, ihre Sinne voller Zweifel. Meter für Meter wechselten ihre Gefühle zwischen unbändiger Vorfreude und entsetzlicher Vorahnung.
Und wir alle wussten: Dieser jungen Frau steht keine leichte Zukunft bevor. Ihre große Liebe steht unter einem ganz schlechten Stern, denn ihr Liebster, der Mann ihrer Träume, der Einzige – ist gleichzeitig ihr Bruder.
Der besondere Reiz dabei: Julia und ihr Bruder Jan waren schon als Babys getrennt worden und wussten nichts voneinander. Erst nach und nach offenbarte sich ihnen und uns das ganze Dilemma.
Ihr zufälliges Aufeinandertreffen war voller Unschuld, ihre Zuneigung und wachsende Liebe funkelte unbeschwert und ohne jeden Arg.
Was für ein Plot!
Könnte nicht genau das auch uns passieren? Wie würden wir reagieren? Wo ist hier ein „Richtig“, wo ein „Falsch“?
Doch war ihr Treffen wirklich Zufall? Gab es dunkle Mächte, die ihre Fäden zogen? Wenn ja: Was hatten sie davon, zwei jungen Menschen das ganze Lebensglück zu nehmen? Wo ist die Moral? Was wiegt schwerer?
Was für ein Plot!
Niemand hatte solche existentiellen, philosophischen Themen in einer Vorabendserie erwartet.
Jede Folge war voller Grundsatzfragen über sexuelle Selbstbestimmung, über die persönliche Freiheit, über tatsächliche Gleichberechtigung und den allgemeinen Sinn der Regeln unserer Gesellschaft.
Ob meine geschilderte Szene tatsächlich so gesendet wurde, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, es ist auch gar nicht wichtig. In meiner Erinnerung lief Julia mit offenen Augen und unberührt von jeder Schuld in ihre Zukunft, vieles ahnend, aber nichts wissend.
Selten wurde in den wenigen Sendeminuten einer Vorabendserie der Übergang vom Kind zur sexuell aktiven jungen Frau einfacher und treffender dargestellt.
Selten auch, dass der Fokus hier ganz auf Seiten der Frau und nicht, wie sonst üblich, der Wille und das Wollen des jungen Mannes im Mittelpunkt des Geschehens lag.
Lasst uns eine „Lange Nacht der Verbotene(n) Liebe“ ins Leben rufen, vielleicht in einer heißen Augustnacht, Open Air am See, oder im kalten Januar in einem gemütlichen Kino.
Vor etwas mehr als vier Jahren bekam ich von einem Schauspieler als verspätetes Premierengeschenk eine Autogrammkarte von Miriam Lahnstein, signiert und sogar gerahmt. Er hatte mich, zusammen mit meinem Dramaturgen (sic!), dazu gebracht, „Verbotene Liebe“ wieder regelmäßig zu schauen. Und so bestand das Vor-dem-Proben-Kaffeetrinken auch immer aus einem belustigten Kopfschütteln über die großartig absurden Geschichten vom Vorabend.
Das war in der Zeit, als Maria di Balbi Königsbrunn in Brand steckte, als Lydia nicht wusste, von wem sie schwanger war, als der totgeschwiegene Hagen zurückkehrte, um Ludwig sein Knochenmark zu spenden, als Philipp, Nicos heiratsschwindelnder Prinz, ins Gefängnis musste, weil Antonia Weber ihm ihren Selbstmord anhängte, als Dana sich in den Mann ihrer Schwester verliebte, als die herrlich schlauchbootlippige Sonja von Steigenberg (Anouschka Renzi, frisch zugebotoxt und aufgespritzt) irgendein hässliches Artefakt von Nico verlangte und als das Gerücht aufkam, Jan, Julia und Clarissa kämen zurück. Tanja war zum Glück auch da in dieser Zeit – wenngleich nur versuchend, Sebastian Lydia aus dem Kopf zu schlagen und deren ungeborenes Kind loszuwerden.
Aber ohne Tanja hätte ich nicht wieder angefangen, abends vor dem Fernseher zu sitzen oder nachts die Mediathek zu bemühen.
Egal, wie hanebüchen die Storys auch waren, die erzählt wurden.
Eigentlich gerade deshalb.
Seit diesen Episoden also steht Tanja nun gerahmt im Regal meines Arbeitszimmers zwischen anderen Premierengeschenken und sieht zauberhaft aus mit ihren blauen Augen, den blassrosa geschminkten, leicht schmollenden Lippen, den seitengescheitelten blonden Haaren mit noch blonderen Highlights.
Und oft, wenn ich an dem Regal vorbeigehe, schießen mir die Zeilen einer Popballade in den Kopf, die die Schlagersängerin Michelle einmal über sich selbst gesungen hat:
„Hallo Tanja! Hey, wie geht’s Dir?
Hast ne harte Zeit gehabt.
Du haste ne Menge überstanden,
mancher Traum liegt schon im Grab.“
Die Geschichte dieses Songs wäre zwar schräg genug für eine mehrwöchige Seifenopern-Nebenhandlung, da sich die restlichen Zeilen aber nicht auf die mehrfach geschiedene und wiederverheiratete Gräfin von Lahnstein, verwitwete Rai, verwitwete Gräfin von Anstetten, geborene Wittkamp, übertragen lassen, schießen mir die auch nicht durch den Kopf. Aber ne harte Zeit, ne Menge überstanden und begrabene Träume – davon könnte Tanja sicher auch ein Lied singen – und sofort muss ich an die Karaoke-Szene aus Folge 3826 denken.
Für mich gehört Tanja mehr zu „Verbotene Liebe“ als Jan und Julia, als Clarissa, als Ansgar oder Elisabeth, sogar mehr als Charlie Schneider. Für mich war Tanja irgendwie immer da, obwohl das gar nicht stimmt.
Meine erste haftengebliebene Erinnerung an die Serie ist Tanjas Wiederkehr als frischgebackene Gräfin von Anstetten. Das war (ich hab gerade noch einmal nachgeschaut) in der finalen Szene von Episode 318, da lief „Verbotene Liebe“ schon länger als ein Jahr.
Die gesamte Folge wurde die Ankunft von Bens neuer Frau auf Schloss Friedenau mit mächtig Tamtam thematisiert, das ganze Ensemble wurde im Foyer versammelt, um sie zu erwarten, sie verspätete sich natürlich, und dann war sie plötzlich da: Gracekellylike mit riesiger Sonnenbrille und einem Tuch mondän um den Kopf geschlungen. Einen ähnlichen Auftritt – nur ohne Tuch – hatte sie auch bei ihrem dritten Wiederauftauchen, diesmal totgeglaubt, als sie Jahre nach dem Flugzeugabsturz bei Ansgar im Büro auftauchte.
Es ist erstaunlich, wie viel mir von Tanjas Geschichte im Gedächtnis ist. Dabei weiß ich nicht genau, ob es echte Erinnerungen sind oder angelesene oder irgendwann über Youtube nachgeholte … Die beiden oben genannten waren echte, nur gerade eben noch einmal aufgefrischte.
Ich glaube jedoch nicht, dass ich Tanjas letzte Szene mit Clarissa bei der Erstausstrahlung gesehen habe, damals 2001, als das Flugzeug vom Radar verschwand, nachdem Tanja erst Marie, dann Lukas (keine Ahnung, wer das eigentlich war), dann Beatrice (oder umgekehrt) mit einer entwendeten Polizeiwaffe bedroht hatte.
Ich erinnere mich an Tanja mit rotbrauner Kurzhaarperücke, ohne sicher zu wissen, ob das vor ihrem vierten Verschwinden oder bei ihrer fünften Wiederkehr war (mittlerweile weiß ich es).
Tanjas Entführung durch Tim, der seine tote Freundin Cleo rächen wollte: Die Szene in der Stretch-Limo schien mir beim Nachgucken dann wieder irgendwie vertraut.
Sicherlich erinnert man sich an Abschiede und Wiederauferstehungen immer besonders deutlich, auch wenn man eine Serie – wie ich „Verbotene Liebe“ – gar nicht regelmäßig gesehen hat.
Ich glaube, in der Zeit, als Heino Toppe mit seinem Sportflugzeug abstürzte, bin ich zu Hause ausgezogen, und ich hatte keinen Fernseher in meinen WGs. Als ich anfing, am Theater zu arbeiten, hatte ich zwar wieder einen Fernseher, aber um 18 Uhr wurde meistens geprobt.
Die Beyenbachs, die mit ihrer Yacht explodierten, Henning, der vom Turm fiel, Mark Roloff, der vom selben Turm fiel, Hanna, die von der Treppe fiel, Olivia, die in eine Baugrube fiel, Cécile de Maron, die vor einen LKW lief (so dass auch ihre Multiple Sklerose aus der Serie verschwand), Adrian Degenhardt, Sylvia Jones, Carla, Johannes, Jana ... all das hab ich nur am Rande mitbekommen.
Irgendwann war ich dann auch eher in Berlin verliebt als in Verbotenes, so dass der Videorekorder (ein ganz unironischer Videorekorder – so lang ist das her!) auf Lisa Plenske und David Seidel programmiert wurde. Dieses Telenovela-Konzept, sich nur ein Jahr an eine Serie binden zu müssen, kam mir damals mehr entgegen als eine Endlos-Serie, obwohl damals ja auch bei „Verbotene Liebe“ zaghaft begonnen wurde, jährlich neue Hauptliebespaare zu etablieren, die mein Gefallen jedoch nie recht erwecken konnten.
Gregor fand ich irgendwie toller, als er noch Callboy und nicht auf dem Weg zum Ritter war, mit Sarah und Leonard konnte ich nicht wirklich etwas anfangen, und ich war froh, dass die irgendwann verschwanden. Wie so viele andere auch.
Nur Tanja, die war – so fühlt es sich für mich zumindest an – irgendwie immer da.
Auch, als sie drei Jahre in Portugal in einem Verlies hockte, in das Tim sie gesperrt hatte, ebenso nach dem Flugzeugabsturz 2001, oder als sie ihren Tod vortäuschte, um mit Hannes nach Südamerika zu verschwinden oder als sie das eine oder andere Mal für Wochen oder Monate im Koma lag.
Als ich 2011 anfing, „Verbotene Liebe“ wieder regelmäßiger zu sehen, war Tanja schon oder schon wieder mit Sebastian zusammen, das Paar, das ich von allen Seifenopern- und Telenovelapaaren am allerallertollsten und, ich glaube, auch am attraktivsten, finde. Nicht Luke und Laura („General Hospital“), nicht Cruz und Eden („California-Clan“), nicht David und Lisa („Verliebt in Berlin“), nicht Chrolli oder Marbecca, nicht Jan und Julia. Auch nicht Ansgar und Lydia oder Sebastian und Lydia, nicht mal Ansgar und Tanja, obwohl die beiden schon auch ein tolles Gespann waren. Nein, für mich sind es Sebastian und Tanja. Weil sie einander irgendwie schön machen. Weil sie zusammen Hot Dog essen. Er, der an ihr gereift ist und Profil, Charisma und Charakter bekommen hat, sie, deren mörderisches Potenzial seitdem verschwunden ist, die ihre Verbissenheit aber zum Glück nicht verloren hat.
Es ist schade, dass Tanja schon lange keine wirklich große, wirklich gute Geschichte mehr bekommen hat. Der erhoffte Krieg der einst totgeglaubten Diven blieb nach der Rückkehr von Clarissa aus, die plötzlich eher Matrone als Matriarchin war, ein grandioser Showdown fehlte ebenso.
Was mir von den letzten vier Jahren – seit Tanja in meinem Arbeitszimmer residiert – am meisten in Erinnerung bleibt, sind nicht die großen Geschichten, die tragischen oder effektvollen, sondern Tanjas Schlagabtausche mit Elisabeth, die unterhaltsamen Gespräche am Königsbrunner Frühstückstisch, Tanjas Liebe zu Sebastian, die gegen alle Widerstände – auch Tanjas eigene – nicht totzukriegen ist.
20 Jahre „Verbotene Liebe“, das sind also vor allem 20 Jahre Tanja für mich. Auch, wenn es vielleicht nur 14 oder 15 sind, in denen sie wirklich dabei war.
Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, dass es Tanja demnächst vielleicht nicht mehr geben wird, dass es Tanja und Sebastian nicht mehr geben wird. Auch wenn ich „Verbotene Liebe“ gar nicht regelmäßig gesehen habe, so hat die Serie, hat Tanja mich – wenn auch nur peripher – immerhin mein halbes Leben lang begleitet. Ich bin mit ihr erwachsen geworden – der Figur und der Schauspielerin, die gerade mal vier Jahre älter ist als ich – ich hab sie reifen sehen, immer besser und immer schöner werden sehen, und ich wollte eigentlich mit ihr alt werden.
Ich mag mir einfach nicht vorstellen, irgendwann nicht mehr vor meinem Premierengeschenkeregal zu stehen und „Hallo Tanja! Hey, wie geht’s Dir?“ zu summen.
Vermutlich summe ich demnächst, wenn es vielleicht zu spät ist, die letzten beiden Zeilen dieses Liedes, Zeilen, die ich jetzt nicht zitieren werde. Weil es schon ziemlich kitschig ist. Und ein bisschen absurd.
Ich glaube, ich brauche jetzt einen Hot Dog.
„Wow, Tanja, 100 Dezibel hier rauszuschlagen mit einem … Lattenrost. Das haben wir in unserer Ehe nie geschafft.“ (Ansgar)
Ich bin Studentin, 21 Jahre alt und ein langer, treuer Fan der Serie „Verbotene Liebe“ (gewesen). Ich bin quasi mit der Serie aufgewachsen. Ich erinnere mich an die Zeiten abends mit meiner Mutter auf dem Sofa, sie mit Haarwicklern auf dem Kopf, ich mit einer großen Schüssel Cornflakes auf dem Schoß. „Jetzt kommt wieder die schöne Musik!“, freute ich mich, wenn das Intro der „Forbidden Love“ begann.
Die Serie begleitete mich durch mein bisheriges Leben. Ich sah zu, wie die Charaktere älter wurden, sich veränderten, durch verschiedene Lebensphasen kämpften, und ich setzte mich dadurch auch mit mir selbst auseinander. Wie würde ich reagieren? Konnte man gewisse Verhaltensweisen überhaupt rechtfertigen? Die abendliche Seifenoper trug zu meiner Selbstreflexion bei. Mit Familienmitgliedern diskutierte ich, ich rätselte, fieberte, weinte und – ich lachte.
In unserer Abiturzeitung steht unter meinem Bild „Geht nicht ans Telefon, wenn ‚Verbotene Liebe‘ läuft“ und es stimmte. Ich bin kein typischer Soap-Seher, ich verfolge keine Serie wirklich lange oder eben nur dann, wenn es gerade zeitlich passt, aber VL war meine Ausnahme.
Ich erinnere mich an vieles.
Damals, also Nico ihre Findungsphase hatte und dann mit Andi zusammen kam.
An Henning.
Als Elisabeth noch mit Arno zusammen war.
Die Zeit von Leonard und der Französin.
Als Johannes noch Schlossherr war.
An Clarissa und Tanja.
Und so vieles mehr.
Clarissa, Mallorca
„Egal, wie geläutert ich sein mag, mein Hass auf dich wird niemals enden.“ (Clarissa)
Als ich hörte, dass Clarissa zurückkommen würde, loderte mein Herz. Ich fieberte ihrem ersten neuem Auftritt entgegen. Sie war die Meisterin der Intrigen gewesen – und der Kampf mit Tanja sollte erneut eröffnet werden. Die Folgen dann auf Mallorca brachten ein ganz neues „Flair“ in die Serie. Und dann waren auch Jan und Julia zurück, denen die Soap ihren Namen zu verdanken hat.
Nun hatte jede Folge nicht nur ihren eigenen Titel, sondern auch ein eigenes Schlusswort, gesprochen von einem Charakter.
Lydia und Ansgar
Das ist meine persönliche Lieblings-Liebesgeschichte. Lydia, die immer auf Moral und Bodenständigkeit setzte, verliebt sich ausgerechnet in Ansgar, das schwarze Schaf der Lahnstein-Familie. Aus der heimlichen Affäre wird eine echte Beziehung, Lydia entscheidet sich für ein Leben mit Ansgar und gegen all die Ratschläge von Verwandten und Freunden. Ansgar verändert sich, er bemüht sich für Lydia, ein besserer Mensch zu werden. Doch er schafft es nicht, sich komplett zu ändern und Lydia verlässt Königsbrunn doch am Ende. Schwanger.
Das ist mein persönliches Highlight einer unglücklichen Liebe, denn es ist ein Happy End, wenn auch schwer zu sehen. Es zeigt, dass Liebe es wert ist, ein Risiko einzugehen und an den anderen zu glauben. Es zeigt aber auch, dass extreme Gegensätze immer wieder ein Problem und eine Gefahr für die Beziehung sein können. Und dass man sich manchmal entscheiden muss, egal, wie schwer es ist.
„Wir harren oft lange mit Entscheidungen und quälen uns mit der Frage, was richtig oder falsch ist. Aber irgendwann gibt es den Punkt, an dem man weiß, was man tun muss. Und auch wenn diese Entscheidungen unausweichlich sind, sie sind trotzdem schmerzhaft. […]
Wir sehen alles klar und deutlich vor uns und die Entscheidung fällt uns leicht. Auch ist die Angst verschwunden, einen Fehler zu machen und plötzlich fühlt man sich stark.
Es ist nicht Ansgars Schuld – ich habe ihn geliebt. Aber ich gehe, um das zu retten, was ich dadurch beinahe verloren hätte: meine Freiheit.“ (Lydia)
Tanja
Tanja ist mein absoluter Favorit unter den Charakteren. Sie war immer das kalte Biest, sah sich selbst an erster Stelle, doch durch die Liebe zu und von Sebastian machte sie eine recht große Entwicklung. Sie gibt Gefühle zu – gerade Sehnsucht und Angst waren für Tanja jahrelang ein Tabu-Thema. Für mich ist sie der Innbegriff von „Harte Schale, weicher Kern“.
Tanja hat mir für das Leben beigebracht, auch mal hinter die Fassade zu sehen. Sie ist Beispiel dafür, dass es manchmal oder sehr oft einen Grund gibt, warum ein Mensch so kühl und verschlossen ist. Sie zeigt, dass es ein Mensch wert sein kann, dass man an ihn glaubt und ihn trotz seiner Fehler liebt. Und dass auch der stärkste und gefühlskälteste Mensch seine ganz bitteren Momente haben kann, in denen er Liebe braucht, um nicht zu Grunde zu gehen.
„Verbotene Liebe“ hat mir in all den Jahren viel gegeben und viel beigebracht und dafür danke ich der Soap und den ganzen Darstellern.
Ich saß abends ungeschminkt und verheult vor dem Fernseher und „sang“ das Intro mit in der Zeit meines ersten Liebeskummers.
Ich saß fröhlich und gelassen vor dem Fernseher und schloss nach einem anstrengenden Tag bei den gewohnten Stimmen kurz die Augen.
Ich bewunderte Entwicklungen von verschiedenen Charakteren und entwickelte mich selbst.
Die Weekly-Folgen sah ich nicht mehr. Für mich ist das nicht mehr meine „Verbotene Liebe“, die ich so lieber in schöner Erinnerung behalte und mitnehme.
Im Herbst 2005 bekam ich eine Nichte namens Klara, die von meinem Vater beharrlich Karla genannt wurde, was ich sofort übernahm. Warum ich das tat, wusste ich. Ich kannte keine Klara, aber eine Carla sah ich mehrmals die Woche im Fernsehen. Warum mein Vater ebenfalls dieses Problem hatte? Ich fragte nach: Nach meinem Auszug im Sommer 1995 hat er die Serie ohne mich weitergesehen. Heimlich, wenn meine Mutter nicht zu Hause war.
Im Frühjahr 2015 bin ich wieder baff. Ich erkenne die Namen und Fotos der früheren Darsteller, die Stefan Mesch auf Facebook postet, kaum wieder, bekomme Handlung und Verhältnisse nicht mehr zusammen.
„Schwarzwaldklinik“, „Lindenstraße“, „Diese Drombuschs“, „Ich heirate eine Familie“, „Wie gut, daß es Maria gibt“, „Das Erbe der Guldenburgs“, „Rivalen der Rennbahn“, „Die Wicherts von nebenan“, „Freunde fürs Leben“, „Die glückliche Familie“, „Zwei Münchner in Hamburg“: Das sind nur wenige der deutschen Serien, die ich regelmäßig gesehen habe. Dazu kommen noch Zeichentrickserien und all die ausländischen Produktionen. Wir hatten bis Ende der 1980er nur drei Programme. Danach waren es fünf. Ich durfte nicht viel fernsehen, und mir ist nicht klar, wie ich so viele Serien gesehen haben kann, aber es war so und beinhaltete später auch die deutschen Soaps „Marienhof“, „Unter Uns“, „Verbotene Liebe“, „GZSZ“ und „Sturm der Liebe“. Erst 2007 wurde mein Serienkonsum weniger, hörte ganz auf, wurde vom Internetkonsum abgelöst.
Als „Verbotene Liebe“ startete, sah ich sie aus Neugier, danach wurde sie zum Pausenfüller zwischen der Lieblingsserie der besten Freundin („Unter Uns“) und meiner („Marienhof“).
Begeistert war ich nie. Schlösser, Reichtum, Adel, Unternehmer, Intrigen interessieren mich wenig. Lieber Töppers als Tanja. Lieber Brandner-Haus als Königsbrunn. Ich mochte Milli, Jana, Carla, Cécile, Jackie, die zickige Kati, Nico. Ramon. Es sind vor allem Frauennamen, die mir einfallen. Charlie. Das Beste an der Serie. Die Zeit, in der sie sich ändert, sich von Clarissa löst. Ihre konstante Anwesenheit. Wie Mutter Beimer, nur in gut.
1996/1997 war einer meiner Freunde großer Fan. Nach besonders spannenden Folgen rief er an, aufgeregt, schimpfend, rätselnd, fragend. Einmal auch, weil er unerwartet eine Freundin als Komparsin in der Kneipe entdeckt hatte. Für mich waren die überraschendsten Gesichter diejenigen, die ich von Theaterbühnen kannte: Ralph Knura (Kommissar Gunnar Hintz), Christa Strobel (Mimi Baxter).
Traurig war ich, als Hanna starb. Auch sehr bei Cécile. Am 13. September 2012 sah ich zufällig Arnos Beerdigung und wusste nicht, was passiert war, weil ich das Geschehen lange nicht verfolgt hatte. Ich wollte Arnos Tod nicht und schaltete ihn weg. Als ich am 7. Oktober 2014 zusah, tauchten die Brüder Jo und Tim Helmke auf. Sie gefielen mir. In der nächsten Folge, die ich guckte, hatte Jo gerade einen One-Night-Stand mit der mir unbekannten Bella hinter sich. Zugleich war da etwas mit Oliver gelaufen, den ich noch kannte. Eigentlich interessant genug, um auch die nächsten Folgen anzusehen.
Aber da sind so viele Figuren, die ich nicht mehr kenne. Da ist keine Lust, das zu ändern, ihre Rollen und Verbindungen wieder zu verstehen. Da sind immer noch Elisabeth, Ansgar und Tanja, die ich zeitweilig spannend fand, mich heute aber nur noch nerven. Zu oft gesehen. Es reicht mir, und ich möchte nur noch eine Folge sehen: Die allerletzte mit Charlie. Und die neue Episode mit Elke Heidenreich. Wie geht es eigentlich Andi?
„Das wahre Leben in seiner ganzen Perfidie: Intrigen, Betrug, Gier nach Liebe, Macht und Geld“: So beschrieb Elke Heidenreich einst sehr treffend das Erfolgsrezept einer Serie, die auch uns seit vielen Jahren in ihren Bann bezogen hat. Und in der Tat, die „Verbotene Liebe“ war eine ganz besondere Daily-Soap.
