Streamland - Prof. Dr. Marcus S. Kleiner - E-Book

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Prof. Dr. Marcus S. Kleiner

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Beschreibung

Was der Streaming-Boom für unsere Demokratie bedeutet und warum er das Zeug dazu hat, sie in ihren Grundfesten zu erschüttern "Marcus S. Kleiner ist Experte für populäre Medienkulturen.", FAZ - Streaming-Dienste dominieren die Medienlandschaft - Niemand hat dem so bestechend auf unsere Bedürfnisse abgestimmten Angebot etwas entgegenzusetzen - Aber Netflix, Amazon Prime & Co. verfolgen handfeste kommerzielle Interessen - Während die Anbieter ihre Profite steigern, versinken wir in unseren engen Filterblasen Willkommen in der On-Demand-Gesellschaft Willkommen im Konsumpopulismus Willkommen in STREAMLAND Noch vor wenigen Jahren waren Streaming-Dienste ein Nischenmarkt, heute dominieren sie die Medienlandschaft. Die Öffentlich-Rechtlichen sind angezählt, die Privaten kränkeln. Denn niemand hat dem so bestechend auf unsere Bedürfnisse abgestimmten Angebot von Netflix, Amazon Prime und Co. noch etwas entgegenzusetzen. So nimmt der Siegeszug der Streaming-Dienste kein Ende - Netflix und Co. werden zu neuen Leitmedien. Dabei tauschen wir Zuschauer abwechslungsreiche Inhalte gegen Angebote ein, die von Algorithmen gesteuert werden und uns nur noch das vorschlagen, was Klicks verspricht. Prompt sehen wir nur noch, was wir sehen sollen. Und während die Anbieter so ihre Profite steigern, versinken wir in unserer Filterblase. Welche Wirkung aber haben die Algorithmen der Streaming-Dienste? Kann unsere Gesellschaft das aushalten, wenn wir nur noch einen Ausschnitt der Wirklichkeit wahrnehmen? Wenn sich die Medienlandschaft unumkehrbar verändert, weil wir zu passiven Konsumenten werden? Der führende Medienwissenschaftler Prof. Marcus S. Kleiner zeigt, warum der Streaming-Boom das Zeug dazu hat, unsere Demokratie zu erschüttern – und wie wir eine aufgeklärte Konsumentenhaltung entwickeln. Damit Netflix, Amazon Prime & Co. den Zusammenhalt unserer Gesellschaft nicht gefährden. Marcus S. Kleiner ist als Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der SRH Berlin University of Applied Sciences ein aufmerksamer Beobachter der Veränderungen unserer Medienlandschaft. Er ist auch freiberuflich als Medienberater, Projekt- und Eventmanager, Veranstalter, Moderator, Texter, Hörspiel-Autor und Medien-Experte präsent. Seit September 2015 ist Marcus S. Kleiner auch als Radio-Moderator für den SWR tätig. Auf dem von Universal betriebenen YouTube-Channel STOKED tritt er regelmäßig als Experte für DeutschRap auf. In seinem Buch hält Professor Marcus S. Kleiner uns einen Spiegel vor: Denn die Streaming-Dienste bestimmen längst, was wir sehen - Wann bestimmen sie auch, was wir wissen? Eine erschütternde Gegenwartsdiagnose über den Zustand unserer Medienwelt und ein Appell zu bewussterem Streaming.

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Seitenzahl: 385

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Marcus S. Kleiner

STREAMLAND

Wie Netflix, Amazon Prime & Co. unsere Demokratie bedrohen

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Streaming-Dienste dominieren die Medienlandschaft. Die Öffentlich-Rechtlichen sind angezählt, die Privaten kränkeln. Denn niemand hat dem so bestechend auf unsere Bedürfnisse abgestimmten Angebot von Netflix, Amazon Prime, Disney+ und Co. etwas entgegenzusetzen.

Dabei gehen wir zunehmend auf Angebote ein, die von Algorithmen gesteuert werden und uns nur noch das vorschlagen, was Klicks verspricht. Und während die Anbieter so ihre Profite steigern, versinken wir in unserer Filterblase.

Der führende Medienwissenschaftler Prof. Marcus S. Kleiner zeigt, warum der Streaming-Boom das Zeug dazu hat, unsere Demokratie zu erschüttern.

 

Professor Marcus S. Kleiner ist »der Experte für populäre Medienkulturen«. FAZ

Inhaltsübersicht

Einleitung

»Hurra, die Welt geht unter«: Aber Hauptsache, in HD!

Bildung

»Es waren einmal die Medien, sie waren böse«: Auf der Suche nach den Schuldigen

Generation Judith: Bildung als Geschmacksbildung

»Like mich am Arsch«: Die Deichkind-Lektion

»Mach Dich wahr«: Zonen der Selbstoptimierung

»Ende Neu«: Gestern und Heute

Fernsehen

Bildungspopulismus: Wie Moderator*innen uns die Welt vermittelten und das Fernsehen dadurch zum Erlebnis wurde

Unterhaltungspopulismus: Wie das Privatfernsehen das Fernsehen in Deutschland neu erfindet

Geschmackspopulismus: Das Persönliche wird zum Programm und das Privatfernsehen zu meinem Freund

Auf dem Weg zur Selbstbestimmung und Programmfreiheit: Die Videothek – zwischen Fernsehen und Streaming

Streaming

Netflix: Die neue digitale Volkskultur

Amazon Prime: Video-Streaming als Teilservice

& Co. Alle gegen Netflix: Die neuen Konkurrenten Apple TV+ und Disney+

Streaming für die Nische: Alternativen zu Netflix, Amazon Prime & Co.

Kritik

Kultur: Der Weg in die eigene Unfreiheit

Bildung: Der narzisstische Weg zur reduzierten Persönlichkeit

Konsum: Der smarte Weg zur Überwachung

Freiheit: Der selbstbestimmte Weg in die Entmündigung

Demokratie: Der Weg in die Enttäuschung

Dystopie

Dank

Literatur

Einleitung

»Hurra, die Welt geht unter«1: Aber Hauptsache, in HD!

Die Corona-Pandemie ist die bestimmende globale Krise im Jahr 2020. Dahinter treten alle anderen Krisen – Klima, Politik, Geflüchtete, Wirtschaft oder Rechtsextremismus – in den Hintergrund.2 Diese Krisen werden mit Blick auf die Auswirkungen der Pandemie neu bewertet. Sie verlieren nicht etwa an Bedeutung, sondern erscheinen uns als noch dramatischer, weil während der Corona-Bewältigung anderes unbewältigt bleibt. Krisen, so weit das Auge reicht. Und dabei sind persönliche Krisen noch nicht einmal berücksichtigt.

Ist diese Situation wirklich neu? Haben Sie nicht auch das Gefühl, dass Sie sowieso alltäglich mit Krisen konfrontiert werden und diese zwangsläufig immer wieder von Neuem managen müssen? Versetzt Sie das nicht in eine konstante und diffuse Unruhe? Als lauerten die anderen Krisen wie der Corona-Virus immer und überall unsichtbar auf Sie?

Krisen sind also, so paradox das klingt, immer und kein Ausnahmezustand mehr.3 Das widerspricht zwar der Definition des Begriffs, aber nicht der Logik der Medien. Von den meisten Krisen erfahren wir ja überhaupt erst aus den Medien – ebenso wie unser gesamtes Selbst- und Weltwissen medial vermittelt ist, ich komme darauf noch zurück. Krisen gehören daher zum festen Programm der Medien und zur »Mediennahrung unseres Alltagslebens«4.

Es sind drei Strategien, mit denen uns die Medien solche Krisen erfolgreich präsentieren: erstens durch Sensationalisierung und zweitens durch eine Skandalisierung der Wirklichkeit, die drittens zumeist mit einer drastischen Angst-Rhetorik einhergeht. Ein Beispiel dazu kommt gleich. Es sind unsere Medien, die bestimmte Ängste schüren und versuchen, Kollektiv-Ängste zu erwecken und miteinander in Verbindung zu bringen. Die große Kulturleistung der Medien besteht darin, diese Angstbereitschaft einzuüben, dazu das Wissen von der Anfälligkeit der Gesellschaft und die Erkenntnis der Zufallsabhängigkeit allen individuellen Lebens.

Das ist der eigentliche Bildungsbeitrag der modernen Medien, wenn es um Krisen geht. Sie versorgen uns nicht nur mit Informationen, die irritieren, erregen und ängstigen, sondern auch mit speziellen Ordnungs-, Sicherheits- und Moralschemata, die stabilisieren, orientieren und beruhigen sollen.

So erschien kurz vor dem eigentlichen Bewusstwerden der globalen Ausbreitung der Corona-Pandemie im Januar 2020 eine Netflix-Dokumentarserie ausgerechnet mit dem Thema Virenbekämpfung: »Pandemie. Wie man den Ausbruch verhindert«5. Bei Netflix wird die Serie anschließend monatelang in der Rubrik »Derzeit beliebt« präsentiert. Schon der Begriff »beliebt« deutet hier an, dass das Thema Pandemie bei Netflix nicht nur Angst und Panik erzeugen soll, sondern auch als Unterhaltungsangebot lustvoll konsumierbar ist. In der Serie geht es vor allem um verschiedene Grippe-Viren und Ebola; Corona spielt noch keine Rolle. Aus der allgegenwärtigen und diffusen Angst vor der Ansteckung mit Viren im Alltag wird beim Anschauen der Serie ein spannungsvolles Abtauchen in die durchaus als faszinierend dargestellte Welt der Viren. Diese Strategie, Angstlust zu erzeugen, verspricht immer wieder verlässlich mehr Zuschauer*innen. Netflix ist Profitsteigerung wichtiger als Bildung, Unterhaltung steht im Zentrum. Genauso wie bei allen anderen Streaming-Diensten, die ich Ihnen vorstellen werde.

Aber nicht nur das. Die Serie vollführt einen Balanceakt zwischen Panikmache und Aufklärung. Sie versorgt uns mit Bildern von globalen Krankheitsausbrüchen und gleichzeitig von Menschen, die das verhindern wollen und an vorderster Front gegen Viren oder Seuchen kämpfen. Und genau das ist von zentraler Bedeutung: Auch Krisen brauchen Protagonist*innen, damit diese emotional zugänglich werden. Die Zuschauer*innen können sich somit leichter, wie bei Filmen, mit bestimmten handelnden Personen identifizieren und sich gegen andere positionieren.6

Viren wissenschaftlich und ausschließlich sachlich zu betrachten, um die Zuschauer*innen mit allen wichtigen bisher bekannten Fakten zu versorgen und ihnen ein gewisses Handlungswissen für den Alltag zu vermitteln, taugt allein nicht zur Unterhaltung. Und passt nicht zum Programmauftrag des Streaming-Giganten Netflix. Wichtiger als die Information ist die Identifikation. Diese folgt auf die Sensation, den Skandal und die Angst. Die Zuschauer*innen der Dokumentarserie »Pandemie« fiebern mit den gezeigten Menschen mit – den Ärzt*innen, Pflegekräften, Kranken, Forscher*innen. Deren individuelle Schicksale berühren unmittelbar und fordern Empathie. Das engagierte und selbstlose Handeln der Menschen, die gegen Viren und Seuchen kämpfen, soll dabei Hoffnung geben, dass jede Krise zu bewältigen ist – und sei sie noch so schlimm –, weil wir Menschen gerade wegen unserer Solidarität stärker sind. Es geht hier grundsätzlich um die ganz großen Gefühle. Der Glaube soll die berühmten Berge versetzen. Die konkrete Vermittlung von Wissen, durch das die Zuschauer*innen unterstützt würden, sich eine eigene Meinung zu bilden, steht hingegen nicht im Vordergrund.7 In der fünften Folge dieser Serie mit dem Titel »Gebete können helfen« liest man entsprechend im Beschreibungstext:

»Dank der Gemeinschaft, ihrer Familien und ihres Glaubens geben Ärzte und Aktivisten trotz langer Arbeitszeiten und resistenter Viren die Hoffnung nicht auf.«

Dennoch lebt jede Serie von der Fortsetzung. Der Spannungsbogen darf nicht abreißen. Im Fall von »Pandemie« ist es das Bedrohungsszenario durch Viren. Im Beschreibungstext der vorerst sechsten und letzten Folge mit dem sprechenden Titel »Jetzt bloß nicht aufhören« wird angekündigt:

»Erfolge und Rückschläge halten sich die Waage. Ausbrüche viraler Infektionen fordern weltweit weiterhin zahlreiche Leben. Es droht eine globale Pandemie.«8

Und dass die Produzent*innen der Serie damit recht behalten, wissen wir heute. Also: Bleiben Sie gespannt und angespannt. Hoffen Sie, dass es bald die zweite Staffel gibt und dort im großen Umfang auch über die Corona-Pandemie gesprochen und unser aller eigentlich individuelle Angst vor einer Pandemie als globale Angst inszeniert wird. Ein weltgesellschaftliches Wir der Angst. Spannungsvoll verpackt in mehrere Folgen. Denn bei Serien ist die Fortsetzung immer wichtiger als der konkrete Serieninhalt. Und die Gefühle sind wichtiger als der Verstand, auch wenn gerade Dokumentarserien wie »Pandemie« einen anderen Anschein erwecken wollen.

Diese Netflix-Strategie w}erde ich im 4. Kapitel eingehend analysieren – mit Blick auf die international erfolgreiche und preisgekrönte deutsche Mystery-Serie »Dark«. Die Dokumentarserie »Pandemie« veranschaulicht bereits mustergültig, was zum Erfolg für Netflix beiträgt. So wechseln zum Beispiel Orte, Personen, Geschichten, Viren oder Unterthemen beständig. Den Zuschauer*innen wird eine Vielzahl an Themen präsentiert, allerdings ohne einen erkennbaren roten Faden. Nichts wird vertieft. Nichts wird wirklich sinnvoll miteinander in Beziehung gesetzt. Das erzeugt große Hektik, Anstrengung und Unruhe beim Zuschauen. Man kann sich auf kein Thema und kein Schicksal einlassen, sondern wird von der einen spektakulären und angsteinflößenden Sensation zur nächsten emotionalen Situation gejagt. Am Ende bleibt höchstens eine Form von Halbbildung, also das Gefühl, bei den gezeigten Themen irgendwie mitreden zu können, wenn auch zunächst gebunden an die sensationellen, skandalösen und angsteinflößenden Vorfälle. Einen Beitrag zu einer faktenbasierten Meinungsbildung leistet diese Netflix-Dokumentarserie jedenfalls nicht. Genauso wenig wie sie eine möglichst objektive Hilfestellung bei der persönlichen Entscheidungsfindung im Umgang mit dem Thema Pandemie anbietet, die alltagstauglich wäre. Und so dominiert der schaurig-schöne Schein. In HD9 kann also auch die Krise sexy sein.10

In Zeiten der Corona-Pandemie produziert aber nicht nur Netflix für die Krise. Zahlreiche Internetseiten empfehlen ihre Top 5 oder Top 10 der besten Filme über Pandemien – und verweisen dabei häufig auf Netflix, wie etwa das New Yorker Nachrichtenunternehmen Business Insider, das im März 2020 diese Top 5 kürte – mit dem aussagekräftigen Hinweis:

»Die besten Filme über Pandemien, die ihr laut Kritikern auf Netflix sehen solltet.«11

Wer diese Kritiker sind und nach welchen Maßstäben ausgesucht wurde, erfährt man nicht. Hauptsache, die Unterhaltung stimmt. Sie sind jetzt aber bestimmt erst mal neugierig geworden und möchten endlich wissen, welche Filme es in diese Top 5 geschafft haben, oder? Auf dem ersten Platz landete »12 Monkeys«12. Eine Pandemie hat mehr als fünf Milliarden Menschen ausgelöscht. Die letzten Überlebenden verschanzen sich unter der Erde. Der Film dreht sich dann hauptsächlich um eine Zeitreise in die Vergangenheit, auf die die Figur James Cole, gespielt von Bruce Willis, geschickt wird, um den Urheber des Virus ausfindig zu machen. Den zweiten Platz belegte der Seuchen- und Zombiefilm »28 Tage später«13. Hier wird die Menschheit von dem Virus »Wut« ausgelöscht. Dieses Virus verwandelt alle Menschen, die davon infiziert werden, in Zombies, die wiederum alle Nichtinfizierten sofort angreifen und zerfleischen. Die Filmhandlung dreht sich hauptsächlich um die hoffnungslose Reise des Hauptdarstellers Jim (Cillian Murphy) durch ein verwüstetes England der Gegenwart. Er ist nach 28 Tagen aus dem Koma aufgewacht, findet sich allein im Krankenhaus wieder und muss sich beim Verlassen des Krankenhauses die neue Situation selbst erschließen. Ein Virus, das aus einem Heilmittel gegen Krebs mutiert ist und dessen Symptome mit der Tollwut vergleichbar sind, hat in »I Am Legend«14, dem drittplatzierten Film, einen Großteil der Menschheit ausgelöscht. Und wieder ist es, wie bei den beiden anderen Filmen auch, ein Einzelner, hier der Virologe Lt. Colonel Dr. Robert Neville, gespielt von Will Smith, der den Kampf gegen das Virus und die Suche nach einem Hoffnung verheißenden Heilmittel nicht aufgibt. Am Ende opfert er sich, nachdem er anscheinend ein wirkungsvolles Gegenmittel entdeckt hat, welches die Figuren Anna (Alice Braga) und ihr Sohn Ethan (Charlie Tahan), die er bei sich aufgenommen hat, zu einem sicheren Lager mit Überlebenden bringen soll. In »Resident Evil«15, der es auf Platz 4 schaffte, ist es abermals ein außer Kontrolle geratenes Virus, das sogenannte T-Virus, durch das die Auslöschung der Menschheit bevorsteht. Das Virus wurde von dem Großkonzern »Umbrella Cooperation« entwickelt. Nur das entschiedene und selbstlose Handeln der Protagonistin Alice, gespielt von Milla Jovovich, kann die Ausbreitung möglicherweise noch verhindern. Der fünftplatzierte Film ist »Cargo«16. Wir befinden uns in Australien. Eine verheerende Pandemie breitet sich sehr schnell in der australischen Wildnis aus. Der Familienvater Andy, gespielt von Martin Freeman, versucht ihr zusammen mit seiner Frau und Tochter zu entfliehen. Die daraus resultierenden lebensbedrohlichen Herausforderungen enden für die beiden Eltern tödlich.

Was alle fünf Filme miteinander verbindet, ist, dass ein Virus die Welt, wie wir sie kennen, fast vollständig auslöscht und die Menschen zumeist in Zombies verwandelt hat. Als Ausweg bleibt entweder die Suche nach einem Gegenmittel oder die Flucht von einem kurzzeitig sicheren Ort zu einem anderen kurzzeitig sicheren Ort, ohne dabei jemals zur Ruhe zu kommen und die Situation wieder umkehren zu können.

Warum ist es mir wichtig, die Top 5 an dieser Stelle zu erwähnen – gerade auch im direkten Anschluss an meine Kritik der Netflix-Serie »Pandemie«? Es wird an den Beispielfilmen deutlich, dass sich die Darstellung von Fakten in dieser Dokumentarserie auf bekannte erzählerische Merkmale und Figurenkonstellationen aus fiktionalen Filmen zu vergleichbaren Themen bezieht. An den fünf genannten Filmen kann man das nachvollziehen. Das gewährleistet, dass sich auch möglichst viele Zuschauer*innen der emotional erschütternden und bedrohlichen Angstunterhaltung, um die es in »Pandemie« geht, zuwenden. Wie bei den Spielfilmen vergrößert sich durch die Serie nicht das eigene Wissen über Pandemie oder Viren. Was bleibt, ist ein diffuses Gefühl, keine rationale Haltung. Die Zuschauer*innen müssen sich auch nicht entscheiden, welchen Faktenpräsentationen sie vertrauen. Vielmehr reicht es aus, sich in den Stoff einzufühlen und mit den Protagonist*innen emotional mitzugehen. Wissenszuwachs oder eine Entscheidungshilfe für eigenes Handeln in gefährdeten Situationen sind nicht beabsichtigt. Wer aber die Fähigkeit verliert, selbst zu entscheiden, ist nur noch eingeschränkt ein mündiger Bürger. Meine These, die ich hier im Buch noch ausführlich belegen werde: Mit ihrem Programm sind Netflix, Amazon Prime & Co. potenziell demokratiegefährdend, weil sie unsere Selbstentmündigung und Selbstausbeutung fördern.

Filme über Pandemien gibt es schon lange, wie die fünf Beispiele aus den letzten 25 Jahren zeigen. Doch durch die momentan reale Bedrohung, die von der weltweiten Ausbreitung des Corona-Virus ausgeht, erleben sie ein neues Hoch und werden millionenfach auf Plattformen wie Netflix angesehen. Denn das Thema, so angstauslösend es auch ist, übt zugleich eine große Faszination aus. Unterhaltung, Faszination, nicht aber Wissen oder Bildung – und keinesfalls Entscheidungshilfen für uns Zuschauer*innen – liefern uns die Streaming-Dienste wie Netflix, Amazon Prime & Co. Dies verdeutlich die Gegenüberstellung der Dokumentarserie »Pandemie« und der Top 5 der »Pandemie-Filme«: Streaming-Dienste sind die neuen Leitmedien, sie dominieren die Medienlandschaft. Netflix, Amazon Prime & Co. lösen dabei die öffentlich-rechtlichen und die privaten Fernsehsender ab. Doch dort findet nur Krisenunterhaltung statt.

Das aber macht die Gefahr für die Demokratie, die ich sehe, aus: Denn genau dadurch entsteht ein demokratiegefährdender Kreislauf, den die deutschen Soziologen und Philosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno mit Blick auf die Entwicklung der US-amerikanischen Unterhaltungsindustrie in den 1930er- und 1940er-Jahren so beschrieben haben: Die »Massenkultur unterm Monopol«, das wäre in meinem Beispiel Netflix, erzeugt den »Zirkel von Manipulation und rückwirkendem Bedürfnis«.17

Wir haben uns, um diesen Gedanken von Horkheimer und Adorno gleich aufzugreifen, an die spezifische Form der Wirklichkeitsunterhaltung von Netflix mittlerweile gewöhnt, die uns in Serien, Filmen und Dokumentationen präsentiert wird. Wir sind also von Netflix – und andere Streaming-Dienste machen es genauso – manipuliert worden, die Welt anders, das heißt mit den Augen von Netflix, Amazon Prime & Co. wahrzunehmen. Je tiefer wir dabei in diese alternative Streaming-Welt abtauchen, desto mehr beeinflusst uns das, was wir dort sehen, beim Beurteilen der realen Welt um uns herum. Wir reagieren daher positiv auf die Manipulation von Netflix. Damit geht einher, dass wir verlernen zu entscheiden. Wir lassen für uns entscheiden, sind selbstentmündigt. Das mag hier hastig erscheinen. Zombie-Filme, was soll da schon Positives entstehen, werden Sie einwenden, aber das ist doch keine reale Gefahr. Ich halte dem entgegen: Unser Zugang zur Gesellschaft verengt sich, und mit der Selbstwahrnehmung verändert sich unsere Wahrnehmung der Welt. Ich werde im 4. Kapitel auf Horkheimer und Adorno zurückkommen und durch die zeitgemäße Weiterentwicklung ihrer Kritik an der Unterhaltungsindustrie meine Kritik am demokratiegefährdenden Potenzial von Streaming-Diensten eingehender begründen. Und Sie werden sehen, nicht nur Zombies gefährden die Zukunft.18

Eine andere wichtige Begründung, warum uns in Zeiten der Krise die Krisenunterhaltung so wichtig ist, bietet der französische Philosoph Jacques Derrida an.19 Er hat bereits Mitte der 1980er-Jahre vor dem Hintergrund der Bedrohung durch eine mögliche atomare Apokalypse20 betont, dass wir uns gerade nicht in einem apokalyptischen Zeitalter befinden, sondern in einem postapokalyptischen. Die Apokalypse, also der Weltuntergang, hat in ihrer sinnlich-anschaulichen Präsenz in Texten, Bildern und Filmen schon stattgefunden, aber gerade nicht in der Wirklichkeit. Der Tag nach der Katastrophe und dem Weltuntergang wird immer wiederholbar für uns, die Postapokalypse wird uns vor Augen geführt, der Tag danach wird medienalltäglich. An die Stelle der konkreten Erfahrung treten die Sensation und der Skandal, das Besondere verliert sich im Allgemeinen. Und wir erwarten gar nichts anderes mehr – geschweige denn eine Zukunft, auf die wir selbst mit unseren Entscheidungen Einfluss nehmen könnten.

So viele Krisen und wirklich kein Ende? Leider nicht, liebe Leser*innen. Denn auch mein Buch ist eine Krisenerzählung. Die Protagonisten hierbei sind die großen Streaming-Dienste wie Netflix, Amazon Prime, Disney+, Apple TV+ & Co. Sie bestimmen heute, was und vor allem wie man sehen muss. Die Nutzerdaten sprechen eine klare Sprache: Der Streaming-Boom ist da. Das Nutzungsverhältnis verschiebt sich vom analogen Fernsehen und Kino hin zu den Streaming-Diensten. Der Einfluss von Netflix, Amazon Prime & Co. auf die Selbstwahrnehmung wird größer. Der mündige Bürger wird hierbei Kund*in und König*in zugleich, die Erwartungshaltung ändert sich nicht nur gegenüber der Unterhaltung im Allgemeinen, sondern gegenüber Information schlechthin: »Ich will nur noch das sehen, was mich unterhält.« Streaming-Dienste stellen zunehmend eine nicht zu unterschätzende Macht dar, was deutlich wird, wenn wir aufzeigen, wie sie uns die Welt zeigen, in der wir leben. Sie werden zu unseren Wirklichkeitsbrillen, die die Welt für uns filtern und neu aufbereiten. Wir vertrauen blind den Streaming-Algorithmen und verlieren die Fähigkeit, uns auf Inhalte einzulassen, die nicht speziell auf uns zugeschnitten sind. Wir sind in der On-Demand-Gesellschaft angekommen.

Warum diese Entwicklung zu einer Bedrohung für uns als mündige Bürger*innen und überhaupt für unsere Demokratie führt, wird Thema in den kommenden Kapiteln sein. Denn über die Streaming-Dienste sprechen wir in der Regel nicht, wir abonnieren und nützen sie. Wir diskutieren über die Inhalte, die uns präsentiert werden. Also über die Serien und Filme. Und über Zahlen: Wie viele Abonnent*innen haben die unterschiedlichen Streaming-Anbieter? Welche Unternehmen verdienen am meisten? Wer sind die Macher* innen? Tiefer geht es kaum. Dabei gerät die Bedeutung von Netflix, Amazon Prime & Co. als digitale Unterhaltungsindustrie und damit als Förderer des Überwachungskapitalismus aus dem Blick. Aus dieser Perspektive betrachtet, sind die Streaming-Dienste demokratiegefährdend. Aber nicht nur aus dieser Perspektive. Und genau das ist Thema meines Buches, auch wenn ich zur Veranschaulichung meiner Argumentation hin und wieder über konkrete Serien und Filme spreche. Das ist die Perspektive, die bisher in der Auseinandersetzung mit den On-Demand-Video-Streaming-Diensten gefehlt hat.

Ich muss hierbei aber auch viel über Sie, liebe Leser*innen, sprechen und respektvoll Kritik an Ihnen üben. Das wird nicht immer angenehm zu lesen sein. Denn Sie tragen als Abonnent*innen der Streaming-Dienste nicht nur zu deren Macht und Einfluss bei. Vielmehr fördern sie gerade mit Ihrer Nutzung die Bedrohung unserer Demokratie, die von den Streaming-Unternehmen ausgeht. Nicht nur von diesen, versteht sich, sondern von der gesamten Digitalwirtschaft, in der aber die Streaming-Anbieter eine immer wichtigere Rolle spielen. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Im Gegenteil, die gesellschaftliche und politische Bedeutung der Streaming-Dienste wird sich weiter steigern, und dadurch wird auch die Bedrohung für unsere Demokratie wachsen. Mein Buch stellt daher eine alternative und kritische Perspektive auf etwas für Sie sehr Vertrautes dar: Netflix, Amazon Prime & Co.

Bildung

»Es waren einmal die Medien, sie waren böse«:21 Auf der Suche nach den Schuldigen

Ich beginne nicht sofort mit meiner Kritik an den Streaming-Diensten, also mit meinem eigentlichen Thema. Das wird Sie vielleicht verwundern. Mein Ausgangspunkt ist in diesem ersten Kapitel der historische Zusammenhang von Medien und Bildung. Hierbei steht, in aller Kürze und Verkürzung, die Frage im Mittelpunkt, wie die Medien immer schon unser Selbst- und Weltbild beeinflussen. Ich möchte damit, liebe Leser*innen, nicht Ihre knappe Zeit verschwenden. Sie möchten etwas über On-Demand-Video-Streaming erfahren. Ich möchte Sie aber noch um ein wenig Geduld bitten. Ich brauche jetzt zuerst Ihre Aufmerksamkeit, mich auf meinem kurzen Weg von der Antike in die Gegenwart zu begleiten. Ich möchte, dass Sie dadurch besser nachvollziehen können, warum die Themen Bildung, Mündigkeit und Selbstbestimmung so wichtig für meine anschließende Kritik an den Streaming-Diensten sind. Dieser Weg trägt bei zur digitalen Medienbildung durch die Auseinandersetzung mit den Streaming-Diensten. Denn, so viel möchte ich jetzt schon verraten: Die Streaming-Dienste verhindern gerade, dass wir zu mündigen Bürger*innen werden oder mündig bleiben. Aus der unternehmerischen Perspektive der Streaming-Anbieter müssen wir zu reinen Konsum-Subjekten werden, die ihre Unterhaltungsbedürfnisse über alles stellen und sich zu deren permanenten Befriedigung vertrauensvoll, das heißt für mich naiv und blind, von den Streaming-Diensten führen, entmündigen und bevormunden lassen. Darin besteht unter anderem das demokratiegefährdende Potenzial der Streaming-Dienste. Anteasern ist schließlich in Ordnung, Spoilern dagegen nicht, das wissen wir Serien-Fans doch.

Ich möchte, weil mir der Zusammenhang von Medien und Bildung persönlich so wichtig ist, von den Medien immer faktenbasiert und umfassend informiert werden. Mit Esprit und Engagement, kenntnisreich und kommunikationsstark. Ich möchte zum Beispiel wissen, welche politischen Entscheidungen national oder international getroffen werden und wie sich diese Entscheidungen auf mein Leben auswirken. Das soll mir eine Grundlage liefern, vor deren Hintergrund ich mich selbstbestimmt entscheiden kann.

Als Mediennutzer wünsche ich mir, dass die Medien, die ich als Informationsquelle auswähle, meine Meinungsbildungsprozesse produktiv und vorurteilsfrei unterstützen. Medien sollen mich dadurch befähigen, die Welt aufgeklärt(er) zu betrachten. So weit meine Idealvorstellung – als Bürger, Bildungsarbeiter und eben auch als Medienproduzent.

Das ist natürlich nicht nur meine persönliche Idealvorstellung. Das nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Deutschland neu entstandene öffentlich-rechtliche Rundfunksystem, auf das ich im 2. Kapitel ausführlich zu sprechen komme, hat sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, die Bürger*innen objektiv und vielfältig mit allen gesellschaftlich relevanten Informationen zu versorgen und gleichzeitig eine permanente Kontrollinstanz für die staatliche Machtausübung darzustellen. Die Bürger*innen sollten durch die Medien aufgeklärt und gebildet werden. Der Staat sollte die Medien nie wieder zu Propagandazwecken missbrauchen, wie es im Dritten Reich der Fall war. Das Vorbild für die Einführung und Entwicklung dieses demokratischen Mediensystems in Deutschland war die öffentlich-rechtliche britische Medienanstalt BBC (British Broadcasting Corporation).

Medien stehen allerdings schon immer in dem Verdacht, die Wirklichkeit nur aus bestimmten Perspektiven und daher tendenziös darzustellen. Neutralität, Objektivität und Wahrheit sind häufig nicht die Maßstäbe, mit denen man Medien sofort in Verbindung bringt. Genau das ist aber problematisch, weil unser Wissen über die Welt zum größten Teil medienvermittelt und damit unabhängig ist von unseren persönlichen Alltagserfahrungen. Die mediale Darstellung der Wirklichkeit hat somit einen erheblichen Einfluss auf unsere Wirklichkeitswahrnehmung. Daraus entsteht eine paradoxe Situation: Wir misstrauen den Medien, obwohl wir ihnen eigentlich vertrauen wollen. Und wir ziehen daraus nicht die nötigen Konsequenzen.22

Dieses grundlegende Misstrauen den Medien gegenüber reicht von der Schriftkritik im antiken Griechenland, auf die ich gleich noch zurückkomme, bis zur aktuellen Kritik an den sogenannten Fake News. Darunter versteht man Falschnachrichten, die manipulativ eingesetzt werden und starke Gefühlsreaktionen auslösen sollen. Fake News werden überwiegend im Internet und in sozialen Netzwerken wie zum Beispiel Facebook verbreitet.

Mit den gefühlten Wahrheiten, die der Konsument durch die Auseinandersetzung mit diesen Fake News für sich übernehmen soll, ist unter anderem eine Emotionalisierung der Welt beabsichtigt, also das Gegenteil der öffentlich-rechtlich angestrebten rationalen Argumentation. Wer Fake News verbreitet, dem geht es nur um das Erzeugen von persönlichen Stimmungen, Befindlichkeiten, Gefühlen und Geschmacksvorlieben. Als müssten sich Informationen nur gut und richtig anfühlen, damit wir sie glauben. Sie müssen zu mir und meiner Weltsicht passen, diese Meinung üben wir ein. Die Frage, ob News auch faktenbasiert und damit möglichst objektiv sind, gerät dabei schnell aus dem Blick. Wenn sich eine Nachricht gut anfühlt, dann wird sie schon stimmen, denken wohl die meisten Menschen. Diskussion überflüssig. Gefühle erzeugen einen Wirklichkeitsglauben, der das eigene Denken und Handeln anleitet.

Die Netflix-Serie »Pandemie«, die ich in der Einleitung kritisiert habe, ist ein gutes Beispiel für meine These. Erlauben Sie mir, dass ich darauf noch näher eingehe, denn auch wenn wir meist über die Streaming-Dienste keine Nachrichten empfangen, so wird an diesem Beispiel deutlich, wie wir allmählich einüben, uns gut zu fühlen, wenn wir etwas auswählen, etwas nach unserem Geschmack für uns abrufen. Und vielleicht kann ich Ihnen so auch zeigen, wie sehr wir uns damit selbst beschränken auf »unsere« Wirklichkeit. Das geht vielleicht am besten am Beispiel eines Mannes, der schon in einer eigenen Wirklichkeit angekommen ist.

Der amerikanische Präsident Donald Trump benutzt jedenfalls den Begriff Fake News bereits wie eine Allzweckwaffe gegen kritische Journalist*innen und politische Gegner*innen. Seine Politik der Empörung und Erregung, der Beleidigung und Beschimpfung, der Gesten und Gefühle möchte vor allem eins bewirken: Durch immer neue Tabubrüche soll eine weltweite, ununterbrochene Unterhaltung über seine Person und Politik sichergestellt werden. Dieses globale Gespräch soll zudem immer auch sehr unterhaltsam sein. Ein Beispiel hierfür sind die zahllosen Trump-Karikaturen, bei denen die Frisur von Trump genauso lächerlich gemacht wird wie seine Politik. Die kritisierte Einseitigkeit seiner Politik verbindet sich erstaunlich häufig mit der Einseitigkeit der Kritik an Trump sowie der Berichterstattung über Trump in den Medien. Auch die Medien begehen – und sei es als Reaktion darauf – regelmäßig die gleichen Fehler, die sie Trump vorwerfen. Fakten und Unterhaltung, Gefühle und Haltungen, alles gehört anscheinend untrennbar zusammen. Das Persönliche ist wichtiger als die Politik, und Trump ist prominenter als seine politischen Positionen.

Spricht Trump von Fake News, begründet er niemals, warum die Kritik an ihm oder seiner Politik tatsächlich falsch ist. Es geht ihm allein um die Emotionalisierung von politischen Debatten und um eine Image-Politik, nicht aber um den rationalen Austausch von Argumenten, der auf einer für alle nachvollziehbaren und überprüfbaren Faktenbasis beruht. Die Gegner von Trump müssen unmittelbar und selbstverständlich die Gegner*innen seiner Anhänger*innen sein. Darüber muss nicht diskutiert werden. Hauptsache, die Reaktionen sind sehr emotional.

Wer wie Trump immer recht hat, der muss nicht argumentieren. Die Welt von Trump ist ganz klar in Schwarz und Weiß eingeteilt: Entweder man teilt seine Perspektiven und ist Trump-Anhänger*in – oder man kritisiert diese und ist Trump-Gegner*in. Zwischenräume und Mehrdeutigkeiten gibt es nicht. Genau das ist also eine mögliche Strategie von Trump. Er vereinfacht politische Sachverhalte so, dass wir sie emotional akzeptieren oder ablehnen. Dabei ist Politik eigentlich ausgesprochen komplex. Die persönlichen Sichtweisen ganz verschiedener Menschen müssen bei politischen Entscheidungen berücksichtigt werden. Und vor allem: Es gibt keine einfachen Antworten auf schwierige Fragen. Für Trump ist das genau umgekehrt, und diesen Eindruck vermittelt er dauernd öffentlich, sodass jede/r seine Positionen unmittelbar nachvollziehen kann, ohne darüber nachdenken zu müssen. Wir sollen entscheiden, ohne darüber nachdenken zu müssen.

Der Fall Trump ist aktuell ein sehr hervorstechendes Beispiel. Seit Medien über zeitliche und räumliche Grenzen hinweg uns Menschen die Welt vermitteln, wird diese Vermittlungsfunktion mit Skepsis betrachtet. Besonders stark ist die Medienkritik stets bei der Einführung historisch neuer Medien gewesen, die eine Bedrohung der alten und bereits etablierten darstellten.

Der antike griechische Philosoph Platon hat als einer der Ersten seine medienkritische Haltung mit der vorhin erwähnten antiken Schriftkritik formuliert.23 Gegen den Gebrauch der Schrift als einem damals neuen Medium brachte Platon vor, dass sie das Gedächtnis schwäche. Ihm zufolge führe sie aber auch zu Vermittlungsproblemen, weil der in der Thematik Unkundige zwar einen Text lesen, jedoch aufgrund mangelnder Sachkenntnis oder wegen unterschiedlicher Lebenserfahrungen dessen Sinn und das vom Autor Gemeinte kaum erfassen könne. Zu Platons Zeiten forderte das neue Medium Schrift das Mündliche beziehungsweise die für authentisch gehaltene dialogische Rede als altes Leitmedium heraus. Lehrer und Schüler hatten sich zu unterhalten – der eine sprach, der andere hörte zu und versuchte, seine Erkenntnisse zu formulieren. Dieser Mündlichkeit wurde im Unterschied zur Schriftlichkeit eine Unmittelbarkeit und damit große Wahrhaftigkeit zugetraut. Im Gegensatz dazu wurden der Schrift und dem Text nicht nur überfordernde, sondern vor allem auch manipulative Tendenzen unterstellt.24 Erkennen Sie moderne Medienkritik in diesen Worten?

Die Schriftkritik von Platon ist bis heute präsent. Das Internet und die sozialen Medien rufen dieselbe Angst vor der Beeinträchtigung des Gedächtnisses und der authentischen dialogischen Rede zwischen Anwesenden hervor. Wir verlassen uns heute in allen relevanten Fragen unseres Lebens auf die Suchmaschine Google. Das erleichtert mir wie Ihnen das Leben. Aber: Wenn ich weiß, dass Google alles weiß, warum soll ich mir irgendetwas merken – außer der Google-Seite, die aber sowieso zumeist als Startseite unserer Webbrowser installiert ist? Neben Google helfen uns unzählige Apps, die uns zum Beispiel mit Tipps zum Ausgehen versorgen, beim Shoppen helfen, durch die Welt navigieren oder Dates vermitteln. Nicht zu vergessen, um einen treffenden Begriff des Musikwissenschaftlers Holger Schulze zu verwenden, das »Maschinengeflüster«25 der immer hilfsbereiten digitalen Sprachassistentinnen Alexa, Siri & Co., durch die sogar die manuelle Eingabe, also das Schreiben, überflüssig wird – genauso wie durch die Voicemail-Funktion bei Instant-Messaging-Diensten wie WhatsApp.

Diese Möglichkeiten, mit digitalen Sprachassistenzsystemen in einen Dialog zu treten, vermitteln uns darüber hinaus ein Gefühl von persönlicher, fast menschlicher Intimität zwischen uns selbst und der Technik, die wir zum Kommunizieren verwenden. Die Technik rückt näher an uns heran und ist nicht nur unsere ständig anwesende Umgebung. Zumeist verbringen wir tatsächlich mehr Zeit am Tag damit, per WhatsApp, SMS, E-Mail oder mit unterschiedlichen Chatprogrammen zu kommunizieren, als wir die Menschen, mit denen wir uns austauschen, persönlich treffen beziehungsweise überhaupt treffen können. An diesen Geräten üben wir uns darin, wichtige Entscheidungen der Technik zu überlassen. Unsere Welt wird jedoch nur vorgeblich einfacher und komfortabler, weil uns immer mehr alltägliche Entscheidungen technisch und medial abgenommen sowie für uns vorgedacht werden. Und dieses Verhalten machen sich dann die Streaming-Dienste zunutze, wie ich noch zeigen werde.

Von Platon bis in unsere Tage gibt es dieses Misstrauen gegenüber den Medien. Heute aber kommt ein weiterer Faktor hinzu, den es zu berücksichtigen gilt: das Unterhaltungsangebot der Medien. Der konservative amerikanische Medienkritiker Neil Postman26 hat dafür schon 1985 eine bis heute viel zitierte Formulierung gefunden: »Wir amüsieren uns zu Tode.« Seine Kritik richtete sich vor allem gegen das Fernsehen. Postman forderte ganz traditionell Medienbildung durch Bücher, den Dialog und die Diskussion. Unsere Welt hatte sich 1985 – jedenfalls laut Postman – von einer Schrift- hin zu einer Bildschirmkultur entwickelt. Damals ließen wir das »Zeitalter der Erörterung« hinter uns, das ein Produkt der Buchkultur war. Und wir begaben uns in ein »Zeitalter des Showbusiness«27, das er als Produkt der Bildschirmmedien verstand, damals vor allem des Fernsehens und des Videos. Was genau den Unterschied ausmacht zum Streaming, darauf komme ich noch ausführlich zurück. Für Postman war eine selbstbestimmte und aufgeklärte Urteilsbildung durch Fernsehen nicht möglich. Die Denk- und Kommunikationsfähigkeiten des Menschen überhaupt werden, wie Postman behauptet, durch die Fernsehnutzung und Fernsehunterhaltung massiv eingeschränkt. Wenn Sie jetzt einwenden, dass meine Kritik am Streaming dann ja nicht neu ist, verkennen Sie das wahre Gefahrenpotenzial der modernen Streaming-Dienste.

Zunächst einmal sollten wir festhalten, dass Fernsehen laut Postman unabhängige Meinungsbildungsprozesse unmöglich macht. Der Grund dafür: Das Fernsehen ist kein Bildungsmedium, weil im Fernsehen jedes Thema und jedes Format als Unterhaltung präsentiert wird. Unterhaltung geht über alles – auch bei der Information.

Ich komme gerne noch einmal auf unser Weltbild zurück, das sich verändert hat. Wenn auch Information eine Form von Unterhaltung ist, die unsere Emotionen ansprechen soll – und zwar in positiver Weise: Wie können wir als Konsumenten im Zeitalter des Fernsehens kritikfähig bleiben? Für Deutschland hatten wir da stets einen Trumpf in der Hand: Das öffentlich-rechtliche Fernsehen ließ uns durch seinen Bildungsauftrag immer als wohlinformiert dastehen. Selbst bei verstärktem Fernsehkonsum konnten wir uns selbst als gut gebildete und informierte Bürger begreifen.

Postman bezog seine Überlegungen schließlich auf die Entwicklung des Fernsehens in Amerika in den 1970er- und frühen 1980er-Jahren. In dieser Zeit war das Fernsehen dort das zentrale Medium für die gesellschaftliche und kulturelle Selbstverständigung. Es diente als Meinungs- und Weltbildner – wie heute das Internet, die sozialen Medien und Streaming-Dienste. Postman ging in seiner Argumentation sogar so weit zu behaupten, dass die Unterhaltungsorientierung des Fernsehens auch die Wirklichkeitswahrnehmung bestimme: Alles, was nicht unterhaltsam ist, langweilt uns schnell und trägt zum Entzug unserer Aufmerksamkeit bei. Unsere Geduld für die Auseinandersetzung mit komplexen Zusammenhängen geht dabei ebenso verloren wie unsere Bereitschaft, uns auf Themen einzulassen, die uns nicht unmittelbar interessieren. Er hinterfragt unsere Mündigkeit dort, wo wir anfangen, vor komplexen Zusammenhängen zurückzuscheuen. Trump könnte bei ihm gelernt haben.

Die damalige Fernsehwelt beschreibt Postman entsprechend mit einer Anhäufung von negativen Bewertungen. Das Fernsehen ist immer unvollständig in dem, was es darstellt und wie es informiert; es kommt ohne einen übergeordneten Bezugsrahmen aus, durch den die einzelnen Themen in einen größeren Zusammenhang gebracht werden; es geht vor allem um Sensationen und Skandale, also um alles Negative in der Welt, aber auch um das Wachrufen von negativen Gefühlen beziehungsweise Ängsten bei den Zuschauer*innen; verbindliche moralische Wertmaßstäbe oder ein glaubhaftes Verantwortungsgefühl sucht man so vergebens; alles ist oberflächlich, widersprüchlich, unlogisch, unvernünftig und desinformierend.

Das einzige ordnende Element aller Fernsehprogramme war damals laut Postman die Unterhaltungsorientierung. Begriffe wie Wahrheit und Information waren selbst mit Nachrichtensendungen nicht zu erfüllen. Postman kam daher zu dem Schluss, dass die Amerikaner wahrscheinlich die am besten unterhaltenen und die zugleich am schlechtesten informierten Menschen der westlichen Welt wären. Als Fazit seiner Überlegungen formulierte Postman daher diesen berühmten Schlusssatz:

»Die Menschen […] leiden nicht daran, dass sie lachen, statt nachzudenken, sondern daran, dass sie nicht wissen, worüber sie lachen und warum sie aufgehört haben, nachzudenken.«28

Heutige Fernsehkonsumenten und wir, die wir digitale Medien nutzen, sehen das anders. Wir wissen, dass in den populären Medien durchaus eine ganze eigene, neue Bildungskultur entstehen kann. Denken Sie etwa an Bild(schirm)medien wie YouTube, an Lehrfilme, abrufbar über das Internet, an die zahlreichen wertvollen Dokumentationen. Für Postman stellen Medien im Vergleich zu Schulen oder Universitäten keine alternativen Lehr- und Lernszenarien dar.29 Ich sehe das differenzierter als er. Für mich ist populäre Medienbildung heute ein wertvolles Element jeder Bildungspolitik, nicht zuletzt, weil sie viel näher an den Mediennutzungsgewohnheiten der jungen Generationen ist als die traditionellen Bildungskulturen, auf die sich Postman bezieht. Postman konnte nicht ahnen, dass Fernsehen heute kaum noch eine Rolle für die jüngere Generation spielt. Wie die neue Medienwahrnehmung aussieht, dazu jetzt mehr.30

Generation Judith: Bildung als Geschmacksbildung

Kann unser Medienverhalten den Zugang zur Wirklichkeit tatsächlich verändern? Ich bin Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaft und unterrichte seit 1999 an verschiedenen Hochschulen. Mit einem Beispiel aus meinem Arbeitsalltag möchte ich daher diese Frage beantworten. Stellen Sie sich bitte folgende Diskussion vor, die in einem Seminar von mir zum Thema »Digitale Kommunikation und Gesellschaft« in Berlin stattfand. Natürlich habe ich die Namen der Teilnehmer*innen verfremdet, meine Dialogpartnerin bei der Diskussion, um die es geht, soll hier Judith heißen. Ein Raum mit vielleicht zwanzig Anwesenden, wie immer herrscht eine gewisse Unruhe.

Gleich nach meiner Begrüßung und Einleitung zum Seminar schaute mich eine junge Studentin wütend an. Judith sagte:

»Ich verstehe nicht, warum wir immer Aufsätze und Bücher lesen müssen. Jede Woche. Ich schaue lieber Serien, Filme und Dokumentationen oder lese Blogs zu Themen, die mich interessieren. Manchmal auch Ratgeberliteratur. Wenn ich Bücher lese, dann Romane. Hörbücher sind mir eigentlich lieber. Mit Theorie-Schinken kann ich gar nichts anfangen. Serien, Filme und Dokumentationen sind mir am liebsten. Das hat viel mehr mit mir und meinem Alltag zu tun. Damit, wie ich die Wirklichkeit jeden Tag erfahre. Mein Zugang zur Wirklichkeit ist erlebnisorientiert und pragmatisch. Und ich glaube nicht, dass ich dabei dumm werde oder weniger über die Themen erfahre, die mich betreffen und bewegen. Ganz im Gegenteil. Alle in meinem Umfeld machen das so. Wir, also meine Generation, machen das so. Warum sollen wir also dauernd etwas machen, was nicht zu uns passt und nichts mit uns zu tun hat?«

Nach dieser Rede an ihre Generation blickte Judith in die Runde und forderte eine unmittelbare Bestätigung von ihren Generationsgenoss*innen. Sie appellierte schließlich an einen Generationszusammenhang und entfesselte zugleich als Stellvertreterin ihrer Generation einen Generationskonflikt. Im Raum waren schließlich alle außer mir zwischen Anfang und Ende zwanzig. Judith ging davon aus, dass sie alle durch ihre Generationszugehörigkeit die gleichen Wertvorstellungen teilten und sich ähnlich verhielten.

Ich mag das, wenn eine Diskussion lebhaft wird. Und Judith wirkte ungeduldig und kämpferisch zugleich. Ihre Feindbilder waren eindeutig: einerseits die klassische literaturvermittelte Bildung. Dieser Bildung stellte sie »ihre« Bildung gegenüber, die durch populäre, vor allem audiovisuelle Medien vermittelt wurde. Zum Glück neige ich nicht dazu, mich als alten weißen Mann zu betrachten, und ich teile auch nicht viele der Ansichten, die man damit landläufig verbindet. Eigentlich hätte sie ahnen können, dass es mir nicht darum ging, mein Fach nur durch Fachliteratur zu vermitteln. Allerdings bedeutet für mich Bildungsvermittlung auch nicht, immer nur die Leitmedien der Zeit dafür einzusetzen und die Bildungsarbeit ausschließlich am Geschmack der Studierenden zu orientieren. Die Form sollte nicht den Inhalt schlagen.

Für mich ist der Zeitgeist nun wahrlich nicht der Feind der Bildung, aber auch nicht seine einzige Richtschnur. Ich halte es für falsch, sich ausschließlich am Zeitgeist zu orientieren, schließlich will ich nicht Student*innen als Konsument*innen vor mir sitzen haben, die sich nur an den eigenen Bedürfnissen orientieren. Universitäre Bildung hat immer noch etwas mit – ja, genau – mit Bildung zu tun, damit, dass man sich fremden Gedanken aussetzt, diese reflektiert. Im 3. und 4. Kapitel werde ich zeigen, warum aus Konsum keine Bildung resultiert. Aber ich wusste auch, dass Judith sich durchaus richtig als repräsentativ für ihre Generation einschätzte. Soweit ich sie bis dahin kennengelernt hatte, gestaltete sie ihr Leben pragmatisch. Und sie ließ ihren Alltag stark von Medien (mit)bestimmen. Das Smartphone, das vor ihr auf dem Tisch lag wie bei so vielen Studenten, zeigte das – und ich hatte noch einige Bemerkungen von ihr im Ohr, mit denen sie deutlich gemacht hatte, dass sie sehr viel Wert auf Selbstverwirklichung sowie Lebensgenuss lege. Ihr Ausbruch gerade aber zeigte mir eins: Sie wollte stärker gefragt und einbezogen werden, um eigenverantwortlicher und unabhängiger zu handeln.31

Das klang doch nach einer souveränen und selbstbestimmten Vertreterin ihrer Generation, oder nicht? Eigentlich war das, was Judith gesagt hatte, also gar nicht weit weg von meinem eigenen Generationsgefühl in den 1990ern, als ich so alt war wie Judith. Doch eines war grundlegend anders, und das hatte ich selbst nun schon unzählige Male in Seminaren erlebt. Trotz des Verlangens nach Souveränität fällt es Judiths Generation bei allen Forderungen nach Selbstbestimmung gleichzeitig unwahrscheinlich schwer, souveräne und selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen. Diese Erfahrung hatte ich schon oft gemacht. Sobald es etwa um schriftliche oder praktische Arbeiten für die Hochschule ging, war für die Studierenden klar, dass wir Dozent*innen die Arbeitsthemen zumeist vorgeben und alles servicegerecht aufbereiten mussten.

Bildung muss, so habe ich gelernt, für diese Generation zum Tagesrhythmus passen und ein To-go-Erlebnis sein. Der Service ist mittlerweile bedeutsamer als das Wissen. Bildung ist schön, aber nicht das Wichtigste. Die Studierenden haben hohe Erwartungen an die Hochschulen, denn sie sehen in ihnen Bildungsdienstleistungsagenturen, die nur Inhalte vermitteln sollen, die für die Berufspraxis relevant sind. Wie hatte sie es gerade gesagt:

»Warum sollen wir also dauernd etwas machen, was nicht zu uns passt und das nichts mit uns zu tun hat?«

Die Hochschule soll somit von einer Bildungsinstitution zu einer Lifestyle-Agentur werden, auf die man permanent Lust hat und die man sich so gestaltet, wie es einem gefällt. Ja, das ist mein Eindruck von der Generation Judith. Für sie wird das Studium zu einem Shopping-Erlebnis. Alles, was im Unterricht nicht diesen Erwartungen entspricht, löst unmittelbar Unmut aus und wird als quälende Zeitverschwendung empfunden. Hinzu kommt eine, überspitzt formuliert, Komplexitätsallergie. Alles muss immer leicht verständlich sein und darf nicht zu viel Zeit in Anspruch nehmen, weil die Aufmerksamkeitsspanne nur sehr gering ist.

Ich empfinde mich aber nicht als Dienstleister, der bei der Bildungsvermittlung vor allem an Unterhaltungsbedürfnisse und den Geschmack der Studierenden denkt, um ihnen zielgenau die Kompetenzen zu vermitteln, die sie sich wünschen. Erstens bleiben diese Wünsche doch recht diffus. Und mir widerstrebt es, den Student*innen nach dem Mund zu reden, um wiederum von diesen gut bewertet zu werden bei der nächsten Evaluation des Lehrpersonals an unserer Hochschule. Diese studentischen Bewertungen, die sie einmal pro Semester abgeben können, sind wie die Einschaltquoten im Fernsehen oder die Klickzahlen beziehungsweise die Verweildauer im Streaming der Gradmesser für den Erfolg der Hochschullehre und für den der Hochschullehrer*innen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich stemme mich nicht gegen den Zeitgeist, aber ich richte meine Lehrinhalte auch nicht auf die Zuhörer aus. Die Vermittlung variiere ich gerne, die verwendeten Medien, das auch mal auf Wunsch. Aber am Ende bleibt der Erkenntnisgewinn als Ziel meiner Lehre. Egal, wie die Bewertung dann schlussendlich aussieht.32

Selbst diese Gelegenheit, mit der eigenen Stimme Einfluss auf die Hochschulwirklichkeit und ihre eigene Bildungssituation zu nehmen, ergreift in der Regel nur weniger als die Hälfte der Studierenden. Studentische Unmutsbekundungen oder Kritik sind hingegen fast immer präsent in Seminaren. Sie resultieren zumeist aus forsch formulierter Befindlichkeit, einem Überlastungsempfinden, subjektiven Ungerechtigkeitswahrnehmungen oder aus der Haltung heraus, der Unterricht sei nicht zeitgemäß. Und hier verweile ich gerne noch einen Moment mit Ihnen, bei dem Wort zeitgemäß.

Welche Bildungsformate sind zeitgemäß? Welche Medien? Darüber lässt sich diskutieren. Aber wollen wir auch über zeitgemäße Inhalte diskutieren? Da wird es schon schwieriger. Und erst recht, wenn wir auf der Basis von Emotionen entscheiden sollen. Auf der Basis von Befindlichkeiten.

Doch es ist für mich eine Tatsache: Ursprünglich waren die Evaluationsbögen genau wie jede kritische oder faktenbasierte Diskussion im Seminar doch eine Möglichkeit, auf die Bildungsinhalte Einfluss zu nehmen, die eigene, differenzierte Kritikkultur zu üben, die Professoren zu bewerten je nach Talent zur Lehre. Was für mich bleibt: Daraus ist nur mehr eine Befindlichkeitskultur geworden. Was das mit den Streaming-Diensten zu tun hat? Und warum fördern gerade Streaming-Dienste diese Befindlichkeitskultur? Nun, darauf gehe ich im 3. Kapitel noch ausführlich ein.

Lassen Sie mich aber festhalten, dass es nach Judiths Generationenrede fast zwei Minuten lang ganz still im Raum war. Ihre Worte mussten wirken, und wir atmeten durch. Draußen war es ungemütlich. Typisch Januar. Der Winter in Berlin erzeugt bei mir immer eine Endzeitstimmung. Peter-Fox-Feeling:

»Guten Morgen Berlin / Du kannst so hässlich sein / So dreckig und grau«.33

Über der Stadt liegt ein permanenter Grauschleier. Richtig hell wird es nur selten. Es ist bitterkalt und nass. Die Betonkulissen sind erdrückend.

Drinnen im Seminarraum lasteten die Heizungsluft und das gedämpfte Neonlicht zusätzlich auf den Gemütern. Das Semester war bald zu Ende. Konzentration wie Motivation waren kaum noch vorhanden. Das Semester war anstrengend, die Prüfungen standen kurz bevor, und nun kroch die Endzeitstimmung von draußen herein. Jeder im Raum war genervt und fühlte sich unwohl. Aber Judiths Ausbruch war mehr als der geballte Witterungsumschwung. Er zeigte auch einen Umschwung in unserem Zeitgeist an, der sich seit Jahren immer wieder manifestiert.

Ich unterrichte seit 1999 und kenne diese Situationen. Sie wiederholen sich regelmäßig. Jeder studentische Jahrgang hat andere Sensibilitäten, Bedürfnisse und Interessen. Doch eines bleibt gleich: Der Widerstand gegen die Theorie und die auf diese Theorien gestützte Kritik der Gegenwart ist mir in meinen Seminaren immer wieder begegnet. In Projekt- und Praxiskursen werden das Bücherwissen und die Theoriearbeit hingegen entspannter und wohlwollender in Kauf genommen, wenn auch mit dem Ziel, im besten Fall ein solides Konzept für die Praxisarbeit daraus zu entwickeln. Jedes Interesse an theoretischem Wissen aber reduziert sich bei einem Großteil der Studierenden auf die Vermittlung von Fakten in Form von Zahlen, also auf das empirische, nachweisbare Wissen. Alles, was durch Zahlen belegt werden kann, ist gut. Die Welt des Digitalen produziert durch ihren Einsatz von Algorithmen letztlich eine durchgezählte und von daher vertrauenswürdige Welt. Damit erliegen sie ihrem Zeitgeist, doch die Autorität von Zahlen, die zur »Quantifizierung des Sozialen«34 führt, bestimmt bei den Studierenden, wie sie ihre Wirklichkeit gestalten. Sie haben das algorithmische Denken, auf dem nicht zuletzt auch die Auswahl der angebotenen Streaming-Dienste basiert, so verinnerlicht, dass sie es gar nicht mehr bemerken. Zahlen helfen ihnen bei der Gestaltung von Wirklichkeit.

Die Orientierung an Zahlen entlastet, davon bin ich überzeugt, vom Selberdenken. Denn was sind Theorien anderes als Möglichkeiten, die das eigene Denken herausfordern? Kann es sein, dass unsere Wirklichkeit so von Zahlen und Fakten dominiert wird, dass wir Theoriegebäude gleich zum Einsturz bringen, nur weil wir die dazugehörigen Fakten noch nicht kennen können?

Unsere digitale Medienwelt zieht eine zahlenbasierte Erkenntnis jederzeit einem Nachdenken über mögliche Wahrheiten vor. Wir handeln doch zu emotional, werden Sie mir jetzt vorwerfen. Das hatte ich gerade oben ausgeführt, und das könnten Sie mir jetzt vorwerfen: dass Trump und die anderen Weltvereinfacher uns bei unseren Emotionen packen. Und jetzt sollen wir auf einmal zahlenhörig sein? Denkfaul und an Fakten orientiert? Wie passt das zusammen?

Dem gehe ich gerne im Folgenden noch ein wenig genauer auf den Grund. Nur eines vorab: Ja, das passt hervorragend zusammen, denn Sie kennen doch den Spruch: »Ich glaube keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe.« Was also halten Sie von einer Welt, in der die Menschen den Algorithmen fraglos folgen?

Theorie, die die Grundlagen des eigenen Denkens herausfordert oder verschiedene alternative Perspektiven zu einem Thema miteinander in den Austausch bringt, ohne unmittelbare Lösungen anzubieten, wird von den Studierenden als nicht zeitgemäß und zielführend bewertet. Ganz im Gegenteil zu meiner Studienzeit, in der alles, was scheinbar schnell beantwortet werden konnte, als nicht richtig durchdacht unter Generalverdacht gestellt wurde.

Der durch Stefan Raab populär gewordene Medienslogan »Wir haben doch keine Zeit!« ist heute zur Grundlage der Bildungsarbeit geworden. Alle Themen, die viel Zeit in Anspruch nehmen und keine Sofortlösungen anbieten, sind unerwünscht. Studierende interessieren sich fast ausschließlich für die Praxis. Sie erwarten die Vermittlung von Praxis-Leitfäden, Berufskompetenzen und biografischen Orientierungshilfen. Die jungen Menschen fordern – mit Blick auf die eigene Unsicherheit und Orientierungslosigkeit –, dass wir Lehrenden ihnen vor allem Entscheidungen abnehmen. Das ist, so meine ich, bezeichnend für eine Generation, die wesentlich im Digitalen groß geworden ist. Ihnen nehmen Suchmaschinen die Entscheidung ab über das, was in ihrem Leben wichtig ist. Von da aus ist es nur ein kleiner Schritt zu dem Gedanken, dass Suchmaschinen uns auch gleich die Entscheidung abnehmen über das, was richtig ist.

Darf ich Sie bitten, sich noch eine Situation vorzustellen? Nehmen wir ruhig Judith und unterstellen wir ihr einmal, dass sie gerne streamt. Wird sie bei den von den Anbietern getroffenen Vorschlägen schnell zustimmen? Ist sie der Typ Mensch, der erst einmal gründlich alle Möglichkeiten durchsucht? Oder ist sie froh, auch dort eine Entscheidung von Algorithmen abgenommen zu bekommen?

Diese Fragen stellen sich mir recht oft. Zumal wenn ich bedenke, dass viele junge Menschen sich an dem orientieren, was andere machen und gut finden. Die Zahlen sind für sie ausschlaggebend: Alles, was viel Zustimmung durch Nutzungszahlen oder ein Bestätigungssymbol (Likes) erhält, ist wohl grundsätzlich vertrauenswürdig oder erstrebenswert. Die Angehörigen dieser Generation nenne ich daher für mich: die Generation Judith.

Zwei Grundsätze scheinen für sie bestimmend: Keine Bildung ohne Edutainment. Und: Kein Bildungserfolg ohne Mitbestimmung. Verstehen Sie mich nicht falsch: Es ist nichts gegen unterhaltsamen Unterricht zu sagen, aber wenn der Unterricht grundsätzlich zur Unterhaltungsshow und befindlichkeitsorientierten Komfortzone werden muss, erreichen Hochschulen ihre Grenzen. Entweder überdenken sie ihren Bildungsauftrag und verändern diesen auf Wunsch und zeitgemäß – oder sie werden zu unzeitgemäßen Bildungsinstitutionen beziehungsweise Bildungsmuseen. Für mich jedenfalls haben Hochschulen der Gefühle und Befindlichkeiten keine Zukunft. Wie aber sieht es mit einer Medienlandschaft aus, in der Gefühle und Befindlichkeiten alles dominieren?

»Like mich am Arsch«35